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Full text of "Deutsche Vierteljahrsschrift Für Zahnheilkunde 20.1880"

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|Deutsche 


Vierteljahrs schrift 

für 


Zahnheilkunde. 


Organ des Central*Yereins Deutscher Zahnärzte. 


Redigirt von 

Dr. Robert Baume, 

Zahnarzt in Berlin. 


Zwanzigster Jahrgang. 


Leipzig. 

Verlag von Arthur Felix. 
1880. 


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Inhalt 


Seite 


Historische Betrachtungen über Pulpenüberkappungen. Von M. 

Schlenker. 1 

Pulpitis in einem nicht cariösen Zahne. Von J. Parreidt . . 25 

Periostitis alveolo-dentalis idiopathica. Von J. Parreidt . . . 28 

Kleine Mittheilungen aus der zahnärztlichen Technik. Von Fr. 

Kleinmann.30 

Aus der Klinik des Herrn Prof. Dr. L. Hollaender in Halle a/S. 35 

Patentliches. Von Dr. F. F. Schröder.40 

Replik. Von Fr. Kleinmann. 47 

Sauer’s Petition.115 

Methode zur Herstellung eines einfachen und sicheren Articulators 

Von Dr. Clemens Claus.119 

Acidum pyrogallicum. Von Dr. ClemensClaus.125 

Kleiue Mittheilungen aus der zahnärztlichen Technik. Von Fr. 

Kleinmann .126 

Saugeband - Gebisse. Von M. Hagelberg.129 


Eine weitere Richtigstellung meiner Ansicht über Catgut zu den 

Auffassungen des Collegen Witzei. Von C. Sauer . . . 137 

Holz als Füllungsmaterial der Wurzelkanäle. Von F. Wellauer 140 
Ueber die Natur der Rigg’sehen Krankheit. Deutsch von J. 


Parreidt .141 

Ueber die Gefahr künstliche Zähne zu verschlucken. Von J. Parreidt 216 
Ist es gerechtfertigt, Frauen im schwangeren Zustande mit Stick¬ 
stoffoxydul zu narkotisiren Von Dr. V. Blumm.248 

Amalgame und das Füllen mit denselben. Nach einer Vorlesung 
des Prof. Dr. L. Hollaender. Von A. Henrich, Stud. der 

Zahnheilkunde ..262 

Das Füllen der Wurzelkanäle mit Portland-Cement nach Dr. Witte. 

Von M. Schlenker.277 

Aus der Praxis. Von J. Dunzelt.283 

Die praktische Ausbildung der Studenten der Zahnheilkunde. Von 

C. Sauer .327 


101 0 .* 


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IV 


Inhalt. 


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Seite 

Die Anwendung des Arsens in der zahnärztlichen Praxis. Von 

Fr. Schneider.333 

Ueber Pulpen-Amputationen nach Witzei. Von M. Schlenker 345 
Ueber Stickstoffoxydul. Von Dr. Robert Telschow .... 362 
Vereinsberichte: 

Vorläufiges Programm über die am 2., 3. und 4. August in Berlin 
stattfindende 19. Jahresversammlung des Central-Vereins deut¬ 
scher Zahnärzte . 113 

Das definitive Programm.213 

Das betreffende Localprogramm .215 

Bericht über die Verhandlungen.374 

Bericht des Vereins schleswig-holsteinischer Zahnärzte 65 

Bericht des zahnärztlichen Vereins zu Frankfurt a. M.164 

Programm über die am 15. und 16. August d. J. in Altona statt¬ 
findende 6. Jahresversammlung des Vereins schleswig-holstei¬ 
nischer Zahnärzte.324 

Bericht des Vereins österreichischer Zahnärzte.170 

Bericht über englische und amerikanische zahnärztliche Gesell¬ 
schaften . 185, 307 

Besprechungen.61, 149, 313 

Journalschau. 53, 153, 285 

Verschiedenes. 100, 200, 314 

Correspondenzen. 322, 432 

Berichtigung.105 

Eingesandt.440 

Mitglieder-Verzeichniss des Central-Vereins deutscher Zahnärzte 

pro 1880 107 

Nekrologe. 319, 320, 438 

Notizen. 111, 209, 325, 442 


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XX. Jahrgang. I. Heft. 


Januar 1880 . 


Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

Zahnheilkunde. 


Historische Betrachtungen über Pulpen- 
überkappungen von Christi Geburt bis zur 
gegenwärtigen Zeit. 

Von 

M. Schlenker. 


Wenn wir Revue halten in der Literatnr unserer Vorfahren, 
so sieht es in dem Capitel über exponirte Pulpen überhaupt und 
deren Behandlung kahl und öde aus. Ja manche Autoren be¬ 
schreiben sogar das Capitel „Füllen der Zähne“ auf ein bis 
zwei Seiten; wieder andere erwähnen gar nichts davon. 

In den ersten Jahren nach Christi Geburt bohrten die 
Aerzte Zähne an, um ihre Leidenden vom Zahnschmerz zu be¬ 
freien, wussten aber nicht, dass sie die mitten im Zahne sitzende 
Pulpa von ihrer entzündlichen Hyperämie befreiten. Archigenes 1 ), 
ein römischer Arzt, soll einen kleinen Trepan erfanden haben, 
um jene Zähne anzubohren, deren Schmerzen durch keine Arzneien 
zu beseitigen waren, die aber übrigens ein so gesundes Aussehen 
hatten, dass er sich zu ihrer Herausnahme nicht entschlossen 
konnte. Bei Anlegung des Trepans richtete er die. Spitze des¬ 
selben gerade an jene Stelle des schmerzenden Zahnes, die ihm 


*) J. R. Duval, Recherches historiques sur Part du Dentiste chez 
anciens. Paris 1808. 8. S. 19. 

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2 Schlenker: Historische Betrachtungen Uber Pulpen- 

am missfärbigsten schien, und bohrte ungefähr bis in die Mitte 
des Zahnes, also bis auf den Nerven. 

Die Erfahrung, dass die Zähne auch Gefühlssinn haben, machte 
Galen (geb. 131) an sich selbst. Er sagt: „In einem schmer¬ 
zenden £ahne fühlte ich deutlich das Pulsiren, so wie es bei Ent¬ 
zündungen weicher Theile der Fall ist. Ich wunderte mich, dass 
auch ein Zahn sich entzünden könne. Als ich aber wieder ein¬ 
mal an Zahnschmerzen litt, da fühlte ich deutlich, dass nicht der 
Zahn selbst, sondern das entzündete Zahnfleisch daran schuld sei. 
Durch beide Arten des Schmerzes weiss ich gewiss, dass der eine 
seinen Sitz im Zahnfleische, der andere aber im Zahne hatte.“ Er 
belehrt uns zuerst, dass die Zähne weiche Nerven haben, und 
zwar darum, weil sie nackte Knochen seien und im Vereine mit 
der Zunge und den übrigen Weichtheilen in der Mundhöhle zum 
Geschmackssinne beitragen. 

Hali Ab bas (+ 994) brennt die Höhlung eines cariösen, 
sehr schmerzenden Backenzahnes durch metallene Röhrchen, in 
welche er rothglühende Nadeln bis zum Erkalten wiederholt ein¬ 
schiebt; was auch Ebn Sina (Avicenna, 978 —1036) und 
Abulcasis (Khalaf Abul Kasern, f 1122) thun; Letzterer 
zugleich auch um die Würmer zu tödten. 

Wenn es auch Thatsache ist, dass das Füllen der Zähne eine 
Erfindung der Alten ist, so finden wir doch erst von Joh. Ar- 
culanus (f 1484) dieser Operation in seiner Anatomie und Phy¬ 
siologie Erwähnung gethan. Er füllt die Höhlung des Zahnes mit 
Goldblättchen aus. 

Fabricius ab Aquapendente (1619) brachte in die 
cariösen Zähne zuerst durch ein silbernes Röhrchen (infundibulum, 
Trichterchen) einige Tropfen Vitriolöl, und dann erst brannte er 
sie mit dem Glüheisen, worauf die Höhlung mit Gold ausgefüllt 
wurde. So finden wir in der ersten Periode, d. h. von der Ent¬ 
stehung der Zahnheilkunde zur Zeit des göttlich geachteten Aes- 
culap, welcher 456 Jahre vor Christi Zeitrechnung geboren 
wurde, und seines Nachfolgers Hippokrates bis über die Zeit 
des Mittelalters unserer Wissenschaft hinaus, d. h. bis zur Zeit 
Peter Fauchard’s (1728), auch nicht die leiseste Spur von der 
Erhaltung und Conservirung der Zahnnerven. Das einzige he¬ 
roische Verfahren war die Cauterisation durch das Glüheisen. 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit 3 

Aber auch bei Fauchard, dem ausgezeichneten Zahnarzte 
zu Paris, dem ersten wissenschaftlichen Begründer der Zahnheil¬ 
kunde sowohl, als auch hei den späteren Schriftstellern, welch’ 
Letztere das Meiste von Fauchard entlehnten, sucht man ver¬ 
gebens nach einem Verfahren, die Pulpa zu erhalten. Auch hier 
trifft man nur das cauterium actuale, das die Nerven und die 
Würmer in den Zähnen, welche nicht durch Flöhkraut, Decocte 
vom Sadebaum, mit Wein gekocht, erzeugt werden konnten, zer¬ 
stört; ebenso Einträufelung von ätherischen Oelen, Vitriol, heisser 
Butter und nachheriges Füllen des Zahnes mit Gold, Zinn oder 
Bleiblättchen. Einige bedienen sich der Gur, Magneticae und 
Transplantatoriae. Paracelsus heisst das Flöhkraut, Persicarium, 
in Wasser weichen und alsdann auf den Backen der bösen Zähne 
legen, bis es wohl erhitzt, und alsdann in Mist zu vergraben, dass 
es zeitig faule; dann höre der Schmerz auf. 

Helmontius befiehlt das Beinchen der rechten Züffer 
einer Kröte, von allem Fleisch entblösset, zu nehmen und den 
schmerzhaften Zahn damit zu stochern; auch das Beinchen des 
rechten Vorderfusses thut es. 

Die Transplantation geschieht in eine Haselstaude, Hollunder 
oder Weide. Der Baum muss noch jung, armsdick sein. Man 
schneidet aus demselben ein Spänchen, stochert die Pulpa bis sie 
blutet und legt es alsobald, weil das Blut noch frisch daran 
klebet, wieder in den Baum, drücket die Rinde wieder darauf, 
verbindet es mit einem rothen Garnfaden, etliche Male zusammen¬ 
gedreht, unten und oben ganz fest, bis es wieder verwachsen. Dann 
hört der Schmerz auf und thut deren Menschen hinfort dieser 
Zahn nicht wieder wehe. Die Seite des Baumes, wo der Ein¬ 
schnitt geschieht, muss gegen Abend stehen, und der Operateur 
kehrt sein Gesicht gegen Sonnenaufgang. 

Einige schneiden die Nägel an Händen und Füssen, säubern 
die Zähne und wickeln sie insgesammt in ein rein subtiles Tüch- 
lein und verbohren es an einem Freitag vor Aufgang der Sonnen, 
in eine Hollunderstaude; sobald das Loch verwächst, höret der 
Schmerz auch auf. Soweit Kräutermann. 1 ) Wie'die Zähne 
gefüllt werden, davon Nichts. 


l ) Kräutermann, Der sichere Augen- und Zahnarzt. 1732. 

1 * 


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4 Schlenker: Historisehe Betrachtungen über Pulpen- 

Die erste Notiz über Pulpenüberkappung bringt uns Philipp 
Pf aff 1 ) in seiner Abhandlang von den Zähnen, wo er S. 123 
wörtlich sagt: „Wenn non der Zahn schmerzet und der Nerv 
anch bloss ist und den Druck nicht leiden will, der Zahn aber 
dennoch mit Blei oder Gold ausgefüllt wenden soll, so muss man 
das Ausfällen nach folgender Methode anstellen. Nehmet z. B. 
ein Stückchen Gold, welches etwas dick ist,, schneidet es rund und 
nach Proportion der Oeffnung im Zahne, stecket es in die Höhle, 
und versuchet es, ob es die Figur habe, dass es den Grund der 
Höhle auch berühren könne. Nehmet es darauf wieder heraus, 
und gebet ihm die Figur einer halben Hülse von einer Erbse, 
deren unterster Theil eine Yertietfung haben muss. Dieses Stück 
Gold könnet ihr nun in die Oeffnung bringen, es wird fest sitzen, 
und, weil es eine Höhle hat, doch dem Nerven nicht beschwerlich 
werden. Oben drauf kann man hernach die ganze Oeffnung mit 
Gold voll füllen, und zwar nach der Methode, welche bereits ist 
beschrieben worden.“ Es ist also die Methode „Ueberkappung 
der Pulpa“ nicht erst vor 20 Jahren, wie Witzei in seinem 
Werke bemerkt, von einzelnen tüchtigen Collegen empfohlen und 
praktisch ausgeführt worden, sondern vor 123 Jahren schon. 

Serre 2 ) glüht alle Cavitäten vor dem Füllen aus, nachdem 
er zuvor die Brandtheile mit dem Schabeisen gehörig weggeschafft. 
Bei entblössten Nerven könne wohl der Zahn ausgebrannt und 
gefüllt werden, aber er steht nicht dafür, sechs Personen von 
hundert vollkommen damit zu helfen, wenngleich nach dem Aus¬ 
brennen der Zahn ausgefüllt wird. 

Koecker 3 ), ein englischer Zahnarzt, welcher seine Praxis 
theils in England, theils in Amerika, namentlich in Philadelphia 
ausübte, macht Fox schwere Vorwürfe, dass derselbe eine so un¬ 
vernünftige Methode des Füllens empfehlen kann, indem durch 
dieselbe die Vitalität der lebendigen Fasern, sogar der ganze Zahn 
und die Oberfläche des Knochens zerstört werde; das Metall 

l ) Philipp Pfaff, Abhandlung von den Zähnen. Berlin 1766. 

a ) Serre, Praktische Darstellung aller Operationen der Zahnheil¬ 
kunst. Berlin 1804. 

*) Koecker, Grundsätze der Zahnchirurgie. Aus dem Englischen 
übersetzt. 1828. 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit. 5 


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(8 Theile Wismuth, 5 Theile Blei und 3 Theile Zinn), welches bei 
100° C. schmilzt, in diesem Zustande in die Cavität gebracht, 
sich durch Abkühlung contrahirt. Nach Koecker ist das Füllen 
nur dann ein sicher wirkendes Heilmittel, wenn die Caries noch 
nicht durch das ganze Knochengebäude des Zahnes durchgedrungen 
und folglich noch ein hinlänglicher Theil dee Knochens zum Schutze 
des Nerven in gesundem Zustande vorhanden ist Man dürfe aber 
nicht glauben, die Erhaltung aller Zähne sei unmöglich, deren 
Nerv angegriffen ist. Hierfür giebt er eine eigene Methode 
an: Das Erste besteht in der vollkommenen und umsichtigen Ex¬ 
stirpation des KnochenabsceBses der Caries, es müssen alle an¬ 
gegriffenen Stellen des Knochengebäudes, Alles, was nicht weiss 
ist, mit der grössten Sorgfalt ausgeschnitten werden. Ein Theil- 
chen von der Grösse auch nur eines Sandkornes, das in der 
Höhle zurückgelassen wird, vereitelt eine dauerhafte Heilung, weil 
die Krankheit noch vorhanden ist und endlich das Leben des 
Nerven zerstört. 

Wird die auskleidende Membran in Folge ungeschickter Ex¬ 
stirpation blossgelegt, so ist die Lage des Patienten eine sehr be¬ 
klagenswerte , weil ein Zahn unter diesen Umständen nur durch 
eine Behandlung erhalten werden kann, die ganz besondere Ein¬ 
sicht und Geschicklichkeit erfordert. 

Früher heilte er die Wunde mit Säuren und zusammen¬ 
ziehenden Mitteln. Da der Erfolg aber selten ein sicherer war, 
so ging er davon ab und ging zum Gltfheisen über, durch wel¬ 
ches eine künstliche Zusammenziehung der Wunde und folglich 
die Hemmung der Blutung bewerkstelligt wurde. Koecker be¬ 
darf hierzu folgenden Apparates: „Erstens eines dünnen, an einem 
elfenbeinenen Griffe befestigten Eisendrahtes. Der Spitze dieses 
Drahtes gebe ich durch Feilen die Form und Grösse der bloss¬ 
gelegten Fläche des Nerven und bringe den Draht in einer solchen 
Richtung, dass ich im Stande bin, den blossgelegten Theil der 
Membran zu berühren, ohne dabei irgend einen anderen Theil des 
Zahnes oder des Mundes zu verletzten. Zweitens, eines dicken 
Talglichtes mit einem starken Drahte (sollte wahrscheinlich heissen 
Docht). 

Der Patient muss den Speichel, den er im Munde hat, aus¬ 
spucken und seinen Kopf nach der Kopfstütze meines Operations- 


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6 Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen¬ 

stuhles zurückbeugen. Ich gebe ihm das Licht in seine linke 
Hand und lasse es ihn in einer solchen Richtung halten, dass die 
Flamme in einer Fläche mit dem Munde, etwa 8 Zoll davon ent¬ 
fernt sich befindet; dann stelle ich mich an die rechte Seite des 
Patienten, halte mit der linken Hand seinen Mund so weit ge¬ 
öffnet, dass ich beim Einführen des Instrumentes nicht daran 
stosse, und trockne die Höhlung mit ein Wenig an der Spitze des 
Drahtes befestigter Baumwolle so vollkommen wie möglich aus. 
Wenn dies geschehen ist, so nehme ich die Baumwolle vom Drahte 
herab und mache die Spitze desselben in der Flamme des Lichtes 
rothglühend. Mit dem glühenden Drahte berühre ich den bloss¬ 
gelegten Theil sehr rasch, so dass sich dessen Oberfläche zu¬ 
sammenzieht. Doch lasse ich den Draht nicht tief in den Nerv 
eindringen und vermeide jede Berührung des Knochengebäudes, 
weil hierdurch allemal Eiterung und Zerstörung der ganzen aus¬ 
kleidenden Membran erfolgen würde. Die blutende Stelle muss 
, sehr rasch mit dem glühenden Drahte berührt werden, und zu¬ 
weilen muss man es zwei- bis dreimal wiederholen, ehe die Theile 
sich hinlänglich zusammenziehen. Der Draht muss vollkommen 
rothglühend sein, denn in diesem Zustande wirkt er am schnellsten 
und fast ganz ohne Schmerz.“ 

Wenn die Blutung auf diese Art gestillt und eine künstliche 
Narbe gebildet worden ist, so wird die Höhle wie vor der Cau- 
terisation mit warmem Wasser ausgewaschen, sorgfältig alle Asche 
und was während der Operation zurückgeblieben ist, entfernt, ge¬ 
trocknet und der Nerv sammt der ihn unmittelbar umgebenden 
Knochentheile mit einem sehr dünnen Bleiplättchen überdeckt und 
dann die ganze Cavität sorgfältig mit Gold gefüllt. Die ganze 
Operation muss vollkommen trocken ausgeführt werden, weil die 
beiden einander berührenden Metalle, wenn eine Flüssigkeit hinzu¬ 
trete, galvanisch wirken und so eine neue Quelle der Irritation 
und Entzündung für den Nerven abgeben würden. Das Blei¬ 
plättchen wird deshalb aufgelegt, weil es eine kühlende und anti- 
flammatorische Wirkung auf den gereizten Nerven hat. 

Um den Nerven vor Druck zu schützen, hat Linderer 1 ) 
zuweilen ein concaves Goldplättchen über die schmerzende Stelle 


*) Linderer, Handbuch der Zahnheilkunde 1848, S. 149. 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit. 7 


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gethan und dann den Zahn gefüllt. Es ist dieses Verfahren be¬ 
sonders bei den Mahlzähnen anzuwenden, weil es zuweilen der 
Fall ist, dass der Schmerz weder durch Brennen noch durch 
pharmaceutische Mittel gehoben werden kann. Man dürfe oft 
nicht einmal alle cariöse Masse über dem Zahnkanale weg 
graviren. 

Eine ausgezeichnete Arbeit hat uns Prof. Al brecht 1 ) über¬ 
liefert, welche von allen Collegen mit Freuden begrüsst wurde. 
Alhrecht behandelt cauterisirte Pulpen täglich mit schwach rei¬ 
zenden Tincturen, wodurch der Aetzschorf abgestossen wird und 
der Pulparest die Ueberkappung selbst, durch Bildung von Ersatz¬ 
dentin, übernimmt. 

Taft 2 ) widmet den blossliegenden Pulpen ein eigenes Capitel. 
Während viele der Ansicht sind, dass die Pulpa nach der Ent¬ 
wickelung und Bildung des Zahnes keinen weiteren Nutzen mehr 
hat, und dass sie ohne Schaden ausgerottet werden kann, sagt 
Taft: „Die Zahnpulpa hat ihren grossen Werth in der 
Oekonomie, sonst würde die Natur sich ihrer ent¬ 
ledigen.“ Sind die Bedingungen günstig — die Constitution 
gut, die Pulpa frisch und an einer kleinen Stelle freigelegt — so 
kann die Behandlung mit ziemlicher Sicherheit des Erfolges ein¬ 
geleitet werden. Die verdorbenen Massen müssen aber entfernt 
und die Höhle geformt werden, ohne die Pulpa zu verwunden, 
wenn auch eine kleine Wunde keine ängstlichen Folgen nach 
sich zieht, denn die Operation könne unmittelbar nach dem Auf¬ 
hören der Blutung ebenso gut ausgeführt werden, als wenn der 
Pulpa Nichts geschehen wäre! 

Der Uebersetzer Ad. zur Nedden ist mit dieser Meinung 
nicht einverstanden, denn bei jeder Verwundung findet ein Blut¬ 
erguss in das Gewebe der Pulpa selbst, oder an die Peripherie 
derselben, oder an beide Qrte statt. Wird dieses Extravasat, das 
zuweilen in jaucheähnliche Flüssigkeit übergeführt werden kann, 
nicht resorbirt, so wirkt dasselbe auf das nervöse Zahnorgan und 


*) Albrecht, Ueber die Krankheiten der Zabnpnlpa. Berlin 1858. 
a ) Taft, Praktische Darstellung der operativen Zahnheilkunde. 
Leipzig 1860. Aus dem Englischen übertragen von Ad. zur Nedden. 


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Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 


auch auf das Zahngewebe namentlich dann nachtheilig, wenn 
durch Verstopfung der Höhle der Abfluss unmöglich gemacht wird. 
Es ist daher immer besser und rationeller, vor dem Einbringen 
einer dauernden Füllung den Ausgang der Verwundung unter einer 
temporären Füllung von Hill’s Stopping abzuwarten. 

Taft erwähnt das früher übliche Ueberkappen mit Gold* und 
Bleiplättchen, sowie einer Methode, welche darin besteht, dass 
man die Füllung selbst über die Pulpa hinwegwölbt, welch’ letz¬ 
tere aber keinen Vorzug vor der gewöhnlichen Kappe hat. In 
günstigen Fällen scheidet die Pulpa Ersatzdentin ab, das die 
Oeffnung der Pulpenhöhle schliesst. In den letzten Jahren aber 
gab man diese Methode wieder auf, weil die Pulpa bald nachher, 
oft nach zwei und mehr Jahren abgestorben war; selbst dann, wenn 
man unter der Kappe die Pulpa mit in Chloroform gelöster Gutta¬ 
percha oder mit einem kleinen Baumwollenbäuschchen, das mit 
Collodium getränkt wurde, bedeckte. 

Ein leerer Kaum über der Pulpa ist verwerflich (warum?), 
deshalb bedeckte man die Pulpa mit Asbest, in Oel getränkter 
Seide, Collodium, Guttapercha und Horn. 

Eine kranke Pulpa könne ebenso leicht wie andere Theile 
vom kranken in den gesunden Zustand übergeführt werden, da 
sie ja den Kreislauf besitzt, ernährt wird, absorbirt und Nerven 
enthält. 

Die Restauration der Pulpa kann durch Entfernung der die 
Entzündung veranlassenden reizenden Ursachen bewirkt werden. 
Bei einer geschwächten Constitution erfordert jede geringe Af- 
fection der Pulpa eine örtlich-therapeutische Behandlung; ausser¬ 
dem kann man auch noch eine allgemeine Behandlung anwenden, 
um den Tonus des Systems zu heben. 

Ist dagegen die Pulpa in einem krankhaften Zustande mit 
schwacher Circulation und einiger Neigung zur Anschwellung, so 
sind sehr stark reizende Mittel indicirt, in einigen Fällen so¬ 
gar Aetzmittel, z. B. Silbernitrat, Chlorzink. Es kommen vier 
Hauptklassen von Arzneimitteln: die Adstringentia, Tonica, Stim- 
mulantia, Escharotica in Betracht. Selbst Blutentziehungen aus 
der Pulpa selbst, durch Anstechen mit einem feinspitzigen In¬ 
strumente oder Ausschneiden eines Stückchens mit einem scharfen 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit 9 


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Messerchen, können oft mit entschiedenem Erfolge angewendet 
werden. 

Tomes *) hält das Blosslegen der Pulpa für ein unglückliches 
Ereigniss — unglücklich, weil es besser gewesen wäre, wenn das 
erweichte Gewebe, durch dessen Wegnahme die Blosslegung der 
Pulpa geschehen war, geblieben und weiterer Zersetznng durch 
das Füllen der Höhle beschützt wäre. Nach Verlauf von wenigen 
Monaten hätte man dann finden können, dass die Pulpa an der 
Stelle, welche dem desorganisirten Gewebe entspricht, calcificirt 
ist. Tomes empfiehlt, eine exponirte Pulpa nach Stillung der 
Blutung durch Ausspritzen mit warmem Wasser sofort durch ein 
kleines, sechs- bis achtmal zusammengefaltetes Stückchen Folie zu 
überdecken und zu füllen. Ist aber die exponirte Stelle gross 
oder mit weicher Dentine umgeben, so soll sie übörkappt werden. 
Damit die Pulpa, wenn sie aus irgend welcher Ursache durch die 
Oeffnung aus ihrer eigenen Behausung hervorgetrieben, nicht in 
die Concavität der Kappe gelangen könnte, wäre es gut, wenn 
diese Concavität durch irgend ein, die plötzlichen Temperatur¬ 
veränderungen abhaltendes Medium ausgefüllt, und das die Pulpa, 
ohne sie zu drücken, in ihren natürlichen Grenzen zurückhalten 
würde. Tomes hält es für klug, wie Thomas Rogers 2 ) vor¬ 
schlägt, wenn man über einer Kappe eine temporäre Füllung an¬ 
bringt ; er füllt deshalb mit Amalgam, und wenn er sicher ist, dass 
der Zahn die permanente Operation ertragen kann, so nimmt er 
dieselbe heraus und füllt mit Gold. 

Auf der Versammlung des Centralvereins deutscher Zahnärzte 
zu Frankfurt a. M. 1863 hat uns College Fr icke (Lüneburg) 
ein anderes Verfahren, die Pulpa zu Uberkappen, angegeben. Er 
überdeckte dieselben, nachdem er sie zuvor mit Creosot behandelt, 
mit Chlorzinkcement. Dieselbe Methode hat Atkinson bald 
hernach in einer in New-York abgehaltenen Versammlung der 
„American Dental Association“. Er ist seiner Sache so ge¬ 
wiss 3 ), dass er behauptete, nie, selbst einen noch so kranken 

1 ) Tomes, Ein System der Zahnheilkunde. Leipzig 1861. Aus dem 
Englischen von Ad. zur Nedden. 

*) Th. Rogers, Transactions of the Odontological Society, vol. I. 

*) Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1872, S. 206. Die 
Behandlung zu Tage liegender Pulpen von Dr. G. v. Langsdorff. 


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Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 


Zahnnerv mehr zu zerstören, und er geht im Eifer des Gespräches 
so weit, dass er jeden Zahnarzt, der fernerhin noch eine Pulpa 
exstirpirt, gottlos nennt. Dieses Verfahren, sagt Witzei, das 
ja auf dem einzig richtigen Principe beruht, der exponirten Pulpa 
eine genau aufschliessende Schutzdecke zu bringen, wurde, wie so 
vieles Andere, von den deutschen Collegen erst dann beachtet, 
als dasselbe als grosse amerikanische Erfindung, als sogenannte 
„ Atkinson’sehe Methode“, nach Deutschland importirt wurde. 

College Dr. G. v. Langsdorff hat aus Pietät für seinen 
Freund und ehemaligen Lehrer seine physiologischen Erklärungen 
respectirt, und da er für die Zukunft nicht „gottlos“ sein wollte, 
sein Verfahren nachgeahmt und seine Erfahrungen im „Zahn¬ 
arzt“ September 1871 unter dem Titel „Behandlung exponirter 
Pulpen“ zur Kenntniss gebracht. Es ist ihm nicht gelungen, 
nach der „Atkinson’sehen Methode“ erkrankte Pulpen auf 
die Dauer zu erhalten; dagegen rühmt er sie bei Pulpenüber- 
kappungen, welche noch von einer kleinen Schicht Dentin be¬ 
deckt waren. G. v. Langsdorff hat über diesen Gegenstand 
im „Zahnarzt“ und in der „Deutschen Vierteljahrsschrift für Zahn¬ 
heilkunde“ eine Reihe von Originalartikeln geschrieben. Er macht 
auf den nachtheiligen Einfluss der Chlorzinkkappe aufmerksam, 
benutzt zum Ueberkappen gesunder Pulpen etwas Asbest oder 
Guttapercha, zuweilen auch trockenes Zinkoxyd und Creosot. 
Das Zinkcement bringt er im Moment des Erhärtens in die Cavität 
und findet, wie Atkinson, das Bedecken der Pulpa mit in 
Creosot getauchter Baumwolle vorteilhaft. 

Dr. A. Zsigmondy 1 ) warnt vor dem von vielen Zahnärzten 
(Exempla sunt odiosa) üblichen Nervabtödten, indem fast in allen 
Fällen die Vitalität des Zahnes durch die Atkinson’sehe Me¬ 
thode erhalten werden kann. Dieselbe Methode empfiehlt auch 
Alexovits. 

E. Mühlreiter 2 ) wäscht die Cavität mit lauwarmem Wasser, 
applicirt verdünnte Carbolsäure, überdeckt die Pulpa mit einem 
Stückchen Kartenpapier, das er zuvor in verdünnte Carholsäure 

*) Zsigmondy, Deutsche Vierteljahrsschr. f. Zahnheilk. 1872, S. 98. 

2 ) E. Mühlreiter, Kritische Bemerkungen über die Behandlung 
der blossliegenden Pulpa. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheil¬ 
kunde 1872, S. 102 . 


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Ueberkappnngen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit, li 


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getaucht, und applicirt eine gut schliessende provisorische Fällung 
von Cement. 

J. Lack 1 ) behandelt die Pulpa mit verdünnter Carbolsäure 
(10—15 %), nachdem damit die halbgelatinöse cariöse Partie in 
der Höhle befeuchtet worden. Ein Stückchen Zinn oder Blei, 
dessen Grösse mit der Cavität übereinstimmen muss, wird in einen 
Firniss, welcher aus in Chloroform aufgelöster weisser Guttapercha 
besteht, getaucht, auf die Pulpa aufgelegt und mit Hill’s Stopping 
gefüllt. Die Ueherkappung verwirft er, weil die exponirte Pulpa 
keinen Baum zwischen sich und der Ueherkappung haben kann, 
weil sonst ein Baum für Ansammlung von Gas oder Flüssigkeit 
geboten wird. Nach Jahren hat er die Pulpa gesund gefunden, 
d. h. die Pulpa hatte sich in einigen Fällen mit einer derben 
Decke geschützt; bei anderen wurde eine Schutzdecke von neuem 
Dentin gefunden. Zinkoxychlorid hat sich nicht bewährt. Tem¬ 
poräre Füllungen soll man nie (?) vor drei Jahren mit einer 
permanenten vertauschen, und wo dies wegen Abreise des Patienten 
nöthig ist, giebt er der Zinnfolie den Vorzug. 

J. Charters White 2 ) überkappt eine dünne Decke von 
Zahnbein über der Pulpa, um sie heim Füllen nicht zu verletzen, 
mit einer dünnen Platte aus Kautschuk. Wenn dieses nicht durch¬ 
führbar ist, so applicirt er 14 Tage lang jeden dritten Tag Carbol¬ 
säure, wodurch die Pulpaoberfläche unempfindlich wird, und füllt 
mit Cement. 

W. H. White 3 ) lässt erweichtes Dentin über der Pulpa 
liegen, behandelt die Pulpa wochenlang mit Creosot, dann tiber¬ 
kappt er die Pulpa mit Hill’s Stopping und füllt permanent. 

A. J. Woodhouse 4 ) verwirft die Guttaperchapräparate als 
temporäre Füllungen bei exponirten Pulpen, weil sie die Cavität 


*) J. Lack, Vortrag, gehalten am 6. November 1872 in der Odonto- 
logischen Gesellschaft in Pennsylvania (Deutsche Vierteljahrsschrift für 
Zahnheilkunde 1874, S. 51). 

*) J. Charters White, Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahn¬ 
heilkunde 1874, S. 195. 

3 ) W. H. White, Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 
1874, S. 196. 

4 ) A. J. Woodhouse, Die Behandlung exponirter Pulpen. Deutsche 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1874, S. 317. 


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Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 


nicht wasserdicht yerschliessen, weshalb Feuchtigkeit zur Pulpa 
gelangt und irritirt; er gibt überdies dem Chlorzink den Vorzug. 

Ueber den auf der Casseler Versammlung des Centralvereins 
deutscher Zahnärzte gehaltenen Vortrag über „die praktische Be¬ 
handlung exponirter und cauterisirter Pulpen“ von Ad. Witzei 
weiter unten. 

J. E. Gravens 1 ) hat für die Ueberkappung das richtige 
Mittel — den Syrupus calcis lacto - phosphatus — in Anwendung 
gebracht, nachdem ihn Carbolsäure, Laudanum, Morphium, Chlo¬ 
roform, Zinkchlorid u. s. w. im Stiche gelassen. Bei einer sehr 
peniblen Dame hat sich nach neun Tagen (Diese Thatsache (?) — 
möchte ich auch einmal sehen. Sch.) eine solche Schicht von 
neuer Knochen-(Dentin-)Masse abgelagert, dass nach dieser kurzen 
Zeit eine Goldfüllung (Nr. 30 William’s gerolltes Gold) mit einem 
23 Unzen (!) wiegenden Hammer eingehämmert werden konnte. 

W. J. Barkas 2 ) stillt eine, durch zufällige Pulpaverletzung 
beim Excaviren entstandene Blutung rasch, legt dann ein Stück¬ 
chen in Carbolsäure getauchtes Fliesspapier auf die Pulpa und 
füllt mit „Fletcher’s Zinkchlorid - Pasta“ oder mit einer an¬ 
deren temporären Füllung. Ebenso behandelt er bereits in Sup- 
puration befindliche Pulpen. 

Thomas Fletcher 8 ) verwendet zu Pulpenüberkappungen 
ein basisches Zinksulfat. Dieses erhärtet beim Anrühren mit 
Wasser gewöhnlich in derselben Weise wie Gyps und kann in 
allen Fällen schmerzlos in den Zahn gebracht werden. Dieses 
Material wird aber nicht ganz hart Es ist aber wegen seiner 
schmerzstillenden Wirkung zu Unterlagen für Gold, Amalgam ganz 
brauchbar. 


*) J. E. Gravens, Ebne neue Behandlung für exponirte Pulpen, 
D. D. S. Kansas City (Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 
1876, S. 78). 

*) W. J. Barkas, Ueber Behandlung exponirter Pulpen. M. B. C. 
S. E. L. B. C. P. in London (Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheil¬ 
kunde 1875, S. 86). 

®) Th. Fletcher, Ueberkappung exponirter Pulpen. Monthly 
Eeview of Dental Surgery 1874, Februar (Deutsche Vierteljahrsschrift 
für Zahnheilknnde 1876, S. 219). 


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Ueberkappongen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit. 13 

Ein Prakticns 1 ) empfiehlt den Collegen mit grösster Zu¬ 
versicht ganz kleine, mit Creosot oder Carbolsänre benetzte Kork¬ 
stückchen, die er von einem Korkschneider schneiden lässt and 
„adhäsiver, carbolisirter Kork“ benannt hat. Die eine Seite macht 
er adhäsiv (womit?), so dass das Korkstückchen in der Zahnhöhle 
an Ort and Stelle festklebt. 

In einer Versammlung der „Mississippi Valley“ find „Missouri 
State Dental Societies*) wurde die Frage behandelt: „Ist der 
Gebrauch des Arseniks zum Zwecke der Devitalisirung der Zahn¬ 
pulpa in der Praxis gerechtfertigt und allgemein anerkannt, dass 
erkrankte Pulpen geheilt werden können und müssen?“ 

Taft wendet zuerst Pepsin an, um die abgestorbenen Theile 
zu zerstören, dann legt er eine Zinkoxydpaste, mit Carbolsänre an¬ 
gemacht, auf die Pulpa und füllt die übrige Höhle mit Zinkchlorid. 
Nach einigen Tagen, wenn kein Schmerz entstanden, füllt er die 
Höhle mit Gold aus. Seit zwei Jahren wendet er diese Methode 
selbst bei schmerzender Pulpa mit gutem Erfolge an. 

Dr. Crouse hat seit fünf Jahren keine Pulpa mehr de- 
vitalisirt. * Er bedeckt die Pulpa mit Zinkoxychlorid. 

Dr. Morgan üherkappt bei gesunden Individuen seihst 
schorfige Pulpen. Er überkappt nach Ausbadung der Höhle mit 
Creosot und Zinkchlorid. 

Dr. Goodrich hat selten Misserfolge mit Zinkchlorid. 

Dagegen hat Hunter mit demselben schlechte Erfolge ge¬ 
habt. Seiner Erfahrung nach richtet das Zinkchlorid in zehn 
Fällen die Pulpa neun Mal zu Grande, wenn jenes unmittelbar 
mit dieser in Berührung kommt. Als Schutzdecke für die Pulpa 
schlägt er „englisches Pflaster“ vor. 

R. Günther, k. k. Hofzahnarzt in Wien 3 ), stellt die ein¬ 
zelnen Fälle der Pulpairritationen in vier Gruppen, deren Be¬ 
handlung, obwohl ähnlich, doch immerhin getrennt ist, und zwar 

*) Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1876, S. 601. 

®) Ibid. 1876, S. 86. 

*) R. Günther, Vortrag, gehalten im Vereine österreichischer 
Zahnärzte, 13. November 1876. Ueber Tannin-Creosot, Tannin-Glycerin- 
Creosot, deren Darstellung und Anwendung bei den verschiedenen Ent¬ 
zündungsstadien der Pulpa. 


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14 Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 

1) Wenn beim Excaviren der Nerv sich in bedrohlicher Lage 
befindet, so lässt er unbesorgt eine Partie erkrankten Zahnbeines, 
der Lage der Pulpa entsprechend, stehen. Einige Minuten legt 
Günther etwas von der Creosot-Tannin-Lösung ein, trocknet und 
adaptirt eine Scheibe mit in concentrirter Creosot-Tannin-Lösung 
getränkten Kartenpapiers, unterstützt diesen schlechten Wärme¬ 
leiter noch durch eine Lage Asbest, presst auf dieses bei folgen¬ 
der Amalgamplombe eine Schicht oft gefaltetes Zinn, bei Gold¬ 
plomben Gold, und füllt den Rest mit Gold, bei welch’ ersterem 
der Zahn früher durch eine acht- bis zwölffache Lage von Gold 
Nr. 6 ausgekleidet wird, doch niemals mit Cement. Bei Cavitäten 
an Approximalflächen applicirt Günther nach Einlage von Creo- 
sot-Tannin-Papier eine Hills’stopping-Plombe und füllt die Cavität 
nach drei bis sechs Monaten mit Gold. Die zurückgelassene er¬ 
weichte Dentinmasse zeigte sich gewöhnlich lederartig. 

2) Bei blossgelegter Pulpa wendet Günther als vollkommen 
ausreichend die Atkinson’sche Methode an, füllt aber erst nach 
24 Stunden, nach Umständen auch erst in Wochen oder Monaten. 

3) Bei chronischer Entzündung legt Günther unter wieder¬ 
holtem Einlegen von Creosot-Tannin-Glycerin die Pulpa möglichst 
frei, und wenn der blosszulegende Theil klein ist, so schneidet 
Günther ein kleines Stückchen aus der erkrankten Pulpa; bei 
hochgradiger Entzündung und scheinbar hervorgetriebener Pulpa 
trennt er die ganze hervorgetriebene Partie mit einem raschen 
Schnitte ab und wendet die Atkinson’sche Methode an. 

4) In hochgradiger Entzündung und Zerfall befindliche Pulpen 
zerstört Günther durch die Arsenparta. 

Parreidt 1 ) überkappt mit in Carbolsäure getauchtem Feuer¬ 
schwamm , welcher vorher ausgepresst und durch Guttapercha 
oder Cement festgehalten wird, und füllt nach drei bis sechs 
Monaten permanent. Heute benutzt er verdünnte Carbolsäure. 
(Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1879. S. 115.) 

G. Henry 2 ) bringt bei einer zufällig exponirten Pulpa, in 


1 ) Parreidt, Antiseptica und Caustica. ihre Anwendung zur Be¬ 
handlung cariöser Zähne. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheil¬ 
kunde 1877, S. 127. 

2 ) G. Henry, Transactions of the Odontological Society of Great 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit 15 

Carboisäure getränkte Baumwolle mit derselben fünf bis zehn 
Minuten in Contact, legt ein in Carbolsäure getränktes Polster 
von rothem Löschpapier auf und befestigt dasselbe mit Cement. 

C. Sauer 1 ) überkappt selbst angeschnittene Pulpen nach 
Entfernung etwaiger Fremdkörper durch Ausspritzen der Cavität 
mit lauem Wasser und Auswaschen derselben mit Carbollösung, 
mit Catgut (besonders präparirte Darmsaiten) und füllt interimi¬ 
stisch mit Cement. Sauer legt ein passendes, vorher flach ge¬ 
drücktes, in Carbol getauchtes Stück auf die selbstentzündete 
Pulpa und hat günstige Resultate erzielt, indem die Pulpa durch 
Absetzen von Ersatzdentin sich Schutz vor äusseren Einflüssen 
verschaffte. 

. Baume 2 ) behandelt exponirte Pulpen einfach. Er stillt 
die Blutung durch Auswaschen und reinigt die Höhle. Dann wird 
ein ganz kleines Stückchen creosotirter Baumwolle auf die hervor¬ 
quellende Pulpa gelegt, darüber mit nicht zu dünn angerührtem 
Chlorzinkcement gefüllt. Ist dieser hart, so wird die permanente 
Füllung eingebracht. 

M. C. Sim 3 ) wandte die vor 20 Jahren von Dr. Watt 
empfohlene Methode, die Pulpa mit Guttapercha zu überkappen, 
an, hat aber bessere Resultate mit „Fletcher’s Artifical Den- 
tine“ gemacht. Es besteht aus einem basischen Zinksulphat, das 
sich sofort in Wasser erhärtet. 

Montigel 4 ) cauterisirt exponirte Pulpen, zu welchem Zwecke 
er einen besonderen galvanocaustischen Apparat hat, und füllt die 
betreffenden Zähne sofort, ohne Unannehmlichkeiten nach dem 
Füllen beobachtet zu haben. 


Britain, Februar 1876 (Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 
1877, S. 321). 

*) C. Sauer, Erhaltung der Zähne mittelst Catgut nach Beseitigung 
einer erkrankten Pulpa. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 
1877, S. 371. 

*) Dr. Robert Baume, Lehrbuch der Zahnheilkunde. Leipzig 
1877, S. 241. 

•) M. C. Sim, Exponirte Pulpen und wie diese durch die Natur 
geheilt werden. Dental-Register, Februar 1877 (Deutsche Vierteljahrs¬ 
schrift für Zahnheilkunde 1878, S. 330). 

4 ) Montigel, Automagnetismus etc. Zahnärztl. Bote, Nr. 9 u. s. w. 


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16 Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 

Auf der Casseler Versammlung des Centralyereins deutscher 
Zahnärzte machte uns College Ad. Witzei 1 ) aus Essen a. d. 
Ruhr mit seiner eigenen neuen Methode bekannt. Witzei' 
schneidet das erweichte Dentin unter öfterem Appliciren von 
Creosot-Tannin-Lösung aus, die Cayität wird noch, ehe sie vom 
Mundspeichel überschwemmt wird, mit einem Creosotwattebäusch- 
chen ausgestopft, welches so lange liegen bleibt, bis der Patient 
keine Schmerzen mehr spürt. Nach Verlauf von 15—30 Minuten 
wird der Zahn trocken gelegt und der Boden mit einem dicken 
Brei carbolsauren Cements bedeckt Ueber' dies kommt eine 
dünne Lage schnell erhärtender Cementbrei und zuletzt die per¬ 
manente Amalgamfüllung. Die leichten, zuweilen nach der Fül¬ 
lung auftretenden Schmerzen bekämpft Witzei mit Jodeinpinselung 
an der äusseren Seite des Zahnfleisches. Witzei behauptet, dass 
durch die so lange von den Collegen geübte sogenannte „Atkinson’- 
sche w oder richtiger „Fricke’sche“ Methode, also Pulpen mit 
Cement zu überkappen, kaum 40 Procent günstig verlaufen. An 
diesem ungünstigen Verhältnisse trägt die hygroskopische Beschaffen¬ 
heit des Zinkcementes die Schuld. 

Wie uns Tom es 2 ) beweist, wird Cement deshalb hart und 
trocken, weil das Zinkoxyd alles Wasser, welches ihm mit dem 
Chlorzink zugeführt wurde, in sich aufnimmt; ja das Zinkoxyd 
nimmt noch mehr Wasser auf, als ihm durch die Chlorzinklösung 
zugeführt wird, und deshalb ist die Annahme Witzel’s, das 
Cement entziehe der Pulpa, mit welcher es ja in directe Be¬ 
rührung kommt, Wasser, was die Einschrumpfung derselben zur 
Folge hat, gerechtfertigt. Weiter ist Chlorzink ein tief eingreifen¬ 
des Aetzmittel, das selbst durch eine dünne Dentinschicht die Ein¬ 
schrumpfung der Pulpa zur Folge haben soll. 

Witzei hat seither seine Methode geübt, vervollständigt und 
in seinem oben citirten Werke gründlich behandelt, bei welchem 
wir, da manche Collegen noch nicht im Besitze desselben sein 
dürften, uns ein Wenig verweilen wollen. 

*) Ad. Witzei, Vortrag, die praktische Behandlung exponirter 
und cauterisirter Pulpen. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheil¬ 
kunde 1874, S. 434. 

a ) Tomes, British Journal of Dental Science. December 1870 
(Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1873, S. 330). 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit. 17 


Vor allen Dingen ist bei der Ueberkappung blossgelegter 
Pulpen dafür zu sorgen, dass: 

1) die freigelegte Stelle nicht mit Zersetzongsprodncten in 
Berührung kommt. Das um die »Zahnfleischränder befindliche 
schleimige Secret wird vor der Behandlung mit einer weichen 
Bürste entfernt, und das Zahnfleisch selbst muss mit etwas Phenol¬ 
lösung bestrichen werden. Während des Excavirens der erweichten 
Dentine mit sauberen Instrumenten wird die Cavität ab und zu 
mit Phenoltannin benetzt; 

2) darf die freigelegte Stelle durch die Kappe weder geätzt 
noch nachträglich stark gereizt werden; und 

3) muss die Decke mit dem freiliegenden Theile der Pulpa 
in innigste Berührung gebracht werden und so dick sein, dass 
sie beim Stopfen einer Amalgamfüllung nicht durchbrochen werden 
kann. 

Bezüglich der Indication und Technik der Pulpenüberkappung 
kann mah annehmen, dass, wenn der Patient über ein vorüber¬ 
gehendes Ziehen im kranken Zahne beim Genüsse heisser 
oder kalter Getränke klagt, wir bei der Entfernung der erweichten 
Dentine die Pulpa nahezu oder ganz an einer kleinen Stelle 
freilegen werden. 

Kann der Patient das Ausschälen, welches nur mit breiten, 
löffelförmigen Excavatoren geschieht, nicht unter wiederholten Phenol- 
tannin-Applicationen ertragen, so legt Witzel ein in Phenoltannin 
getauchtes Stückchen Schwamm auf und verschliesst die Cavität auf 
ein bis zwei Tage mit seinem Phenolmastix. Liegt <Ji e Pulpa 
nach dem Excaviren nicht frei, verursacht ein mit der Spritze in 
die Höhle gebrachter Tropfen kalten Wassers einen sofort wieder 
nachlassenden gelinden Schmerz, so lässt Witzei das Phenol 
kaum einige Minuten einwirken und legt auf die Dentindecke ein 
dünnes Scheibchen weiche Guttapercha, welches mit Phenolmastix 
oder Pulpenlack in die Höhle festgeklebt und angedrückt wird. 
Auf diese kommt dann etwas Hill’s Stopping oder eine dünne 
Schicht Chlorzinkcement, wenn es der Baum gestattet, und dann 
Amalgam. Ist die naheliegende Pulpa unter der nicht cariösen 
dünnen Zahnbeinschicht auf Einspritzen eines Tropfen kalten Wassers 
einige Minuten schmerzhaft, so liegt eine Irritation der Pulpa und 
eine Hyperämie des der cariösen Höhle entsprechenden Pulpa- 
xx. 2 


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Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 


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theiles vor, welche durch eine Vorbehandlung der Höhle mit 
Phenoltannin (10—20 Minuten genügen) und durch das nach¬ 
stehende Verfahren heim Ausfüllen beseitigt wird. Die desinficirte 
getrocknete Höhle wird mit eihem in Pulpalack getauchten Schwamm 
ausgewaschen, der Lack, der aus einer Lösung von Schiessbaum¬ 
wolle, Guttapercha und Colophonium mit etwas Phenol besteht, 
durch den Luftbläser getrocknet und etwas dick angerührten 
Phenolcement mit Schwamm aufgedrückt, hierauf Chlorzinkcement, 
wenn möglich Guttapercha und Amalgam. Ist die gereizte Pulpa 
beim Ausschneiden des erweichten Dentins an einer kleinen Stelle 
freigelegt, so belegt sie Witze 1 sofort mit Phenolschwamm einige 
Minuten und schützt die Cavität vor Speichel durch Vollstopfen 
mit Schwammstückchen oder Phenolwatte. Seine zehnprocentige 
Phenoltanninlösung ist aber hier zu stark, die exponirte Pulpa zu 
bedecken, weshalb das Schwämmchen zuerst in diese und dann 
noch in Wasser getaucht wird. 

Bei der nothwendigen Trockenhaltung der Cavität wird auch 
hier, wenn die Pulpa nicht mehr blutet, mit Pulpalack überdeckt, 
mit Phenolcement und Chlorzinkcement überkappt, welche Ueber- 
kappung nicht dicker sein darf, als ein Kartenblatt, darauf, wenn 
Raum ist, Guttapercha und schliesslich Amalgam. Zur Einführung des 
Cementes hat Witzei für die verschiedenen Cavitäten auch ver¬ 
schiedene Pincetten anfertigen lassen. (Taf. VH, siehe auch 
Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1874, S. 440.) 

Pulpen, welche sehr stark bluten oder eiterige Pulpen u. s. w. 
überkappt Witzei lieber gar nicht, weil solche auf keine gün¬ 
stigen Ausgänge zählen lassen dürfen. 

Als Regel gilt, je schneller eine exponirte Pulpa überkappt 
werden kann, um so sicherer ist der Erfolg; bei der letzteren 
Categorie aber dürfe man nicht mit Sicherheit, und bei allen 
Patienten auf einen sicheren Ausgang hoffen. Schmerzt eine 
solche Pulpa noch nach einigen Monaten, so hilft in der Regel 
das Einpinseln von Jod-Aconittinctur. 


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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit. 19 


Kritische Bemerkungen über die Pulpen- 
überkappungen. 

Manche Autoren, so namentlich unsere bedeutenden Forscher 
Albrecht, Taft, Tomes, Zsigmondy und Andere, denen sich 
auch Witzei anschliesst, sprechen so sicher von Ersatzdentin- 
Neubildung der exponirten, respective tiberkappten Pulpen, als 
wäre das etwas ganz Gewöhnliches. Die Witzei ’sche Kappe 
bildet schon an und ftir sich ein künstliches Ersatzdentin. 
Dagegen hat Witzei den Vernarbungsprocess an exponirten und 
verletzten Pulpen bis jetzt noch nicht mikroskopisch verfolgen 
können. Weshalb er auch nur, gestützt auf seine praktischen Be¬ 
obachtungen, gewisse Schlussfolgerungen zieht, nämlich, dass es, 
wenigstens bei nicht verletzten Pulpen, zur Bildung von Ersatz¬ 
dentin unter der antiseptischen Kappe in den meisten Fällen 
kommen werde. 

Das ist ein Punkt, welchen ich gewiss und sicher wissen 
möchte. 

Und wenn Witzei von seinen vielen Ueberkappungen nur 
circa ein halbes Dutzend Fälle einer genauen Prüfung unterzogen 
hätte, d. h. bei der permanenten Füllung ein halbes Jahr von 
Application der Interimsfüllung die Kappe entfernt und sich nach 
dem Befinden der Pulpa überzeugt hätte, so könnte er uns heute 
genau sagen, ob die Pulpa Ersatzdentin abgesetzt, ob sie sich 
zurückgezogen, oder ob sie mumificirt wäre. Ich hoffe, College 
Witzei nimmt mir diesen Vorwurf nicht übel, insofern ich seine 
Arbeit zu schätzen und zu achten weiss, und ihm das Zeugniss 
ausstellen kann, dass ich von den vielen Methoden, welche ich 
schon gepflegt, keine kenne, welche mir so befriedigende Resultate 
ergeben, wie die seinige. 

Soweit meine Erfahrungen jetzt reichen, so kann ich sagen, 
dass ich bei einer verwundeten Pulpa kein Ersatzdentin sah. 
Bei einem Falle musste die provisorische Füllung der heftigen 
Periostitis wegen am fünften Tage entfernt werden. Die Pulpa 
war zum Drittel schon nekrotisch und hatte Dentinknötchen. 

Ein Tag nach der Extraction der Pulpa waren alle Schmerzen 
fort, und der Nervcanal sowohl, als die Cavität, wurden sofort 
gefüllt, und ist bis heute (drei Monate) Alles in bester Ordnung. 

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Schlenker: Historische Betrachtungen Uber Pulpen- 


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Hätte ich diesen Zahn am Zahnhalse angebohrt, so weiss ich ge¬ 
wiss, dass die Zahnschmerzen sofort nachgelassen, der Zahn selbst 
aber hätte sich entfärbt, und wer. weiss, wie bald sich die Perio¬ 
stitis wiederholt hätte. Aber abgesehen davon, so hat mich das 
wissenschaftliche Interesse zur Untersuchung der Pulpa geführt. 

Bei zwei anderen Fällen, welche ich nach einem halben Jahre 
untersuchte, hatte sich die Pulpa bedeutend zurückgezogen, war aber 
im Uebrigen lebensfähig, auf kaltes Wasser sehr stark reagirend. 
Beide Zähne, der eine einer jungen Frau (linker Cuspis), der an¬ 
dere von einem Dienstmädchen (oberer linker Centralschneidezahn), 
wurden sofort wieder nach der Witzel*sehen Methode überkappt 
und mitPoulson’s neuer Mineralplombe gefüllt und blieben gut 

Bei einem Stubenmädchen wurde die Pulpa des rechten oberen 
Seitenschneidezahnes ebenfalls exponirt, so dass sie stark blutete. 
Nach Stillung der Blutung Application der Kappe und mit Poul- 
son’s Chlorzink-Cement bedeckt und auch mit demselben die 
Cavität gefüllt. Nach acht Tagen sollte Patientin wieder kommen, 
kam aber erst nach zwölf Tagen. Nach sorgfältiger Entfernung 
der Füllung, welche mit der Kappe eine Füllung bildete, zeigte 
sich die Pulpa weder zurückgezogen noch entzündet, aber auch 
nicht von neuem Dentin überkappt. Bei der leisesten Berührung 
blutete sie wieder, aber äusserst schwach. In derselben Viertel¬ 
stunde: Application der Kappe und permanente Füllung mit 
Poulson’s neuer Mineralplombe. 

Diese Pulpa ist an der äussersten Spitze (die Cavität 
war eine flache, also nicht rund, fast über die ganze Lingualfläche 
ausgehreitet), so wenig exponirt, wie man sie nicht kleiner exponiren 
kann, und ich bin überzeugt, dass dieselbe unter der Witzel’- 
schen Kappe vollständig gesunden und zuletzt noch Ersatzdentin 
absetzen kann und wird, was ich bei den vorhergehenden zwei 
Fällen nie erwarte. 

Noch verschiedene Patienten citirte ich, allein theils kamen 
sie nicht wieder, während die anderen die gut sitzenden Cement- 
füllungen nicht gern entfernen lassen wollten, was auch bei den 
nicht erschienenen der Fall sein mag. 

Bei nicht ganz entblössten Pulpen darf man auf einen gün¬ 
stigen Erfolg sicher rechnen, wenn die Pulpa nicht entzündet ist; 


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Ueberkappungen von Christi Gebart bis zur gegenwärtigen Zeit. 21 

auch dann, wenn wir über derselben etwas erweicht^ Dentine sitzen 
lassen. Sobald ich vermuthe, mit der Pulpa in Conflict geratben zu 
können, thue ich das, und zwar nicht nur mit der Witzel’schen 
Methode (die Phenol-Tannin-Tinctur dringt durch das Dentin hin¬ 
durch und tödtet die Parasiten gänzlich. Wozu soll dasselbe denn 
der aufliegenden Pulpa noch gefährlich sein, wenn die, die Pul¬ 
pitis verursachenden Fäulnisserreger unschädlich gemacht sind? 
Diese Meinung macht sich zur augenscheinlichen Thatsache, wenn 
man ein grösseres Stück erweichte Dentine in das Phenoltannin 
legt und per Mikroskop sich vergewissert. Die günstige Wirkung, 
mit dem Glüheisen die auf der Pulpa verbliebene erweichte 
Dentine zu brennen, wie es Ser re empfiehlt, hat lediglich seinen 
Grund in dem Absterben aller Parasiten in der Cavität). Ich 
machte das von jeher mit Chlorzinkcement nach vorhergehen¬ 
der Desinfection und Ueberdecken mit Papier, welches in Carbol- 
säure getränkt war. Ob bei der letzten Methode nicht manche 
Pulpen mumificirten, will ich nicht bestreiten, beobachtet habe ich 
es; lieber aber das, als stark exponiren, wovon man in den meisten 
Fällen ja nichts anderes zu erwarten hat Dass aber alle, mit nur 
geringer Dentindecke geschützten Pulpen in Folge der Application 
von nicht verdünntem Creosot oder Carbolsäure (Creosot ist nichts 
anderes als schlechte Carbolsäure) zu Grunde gehen müssen, dem 
kann ich aus Erfahrung, und wohl auch alle Collegen, welche sich 
dieses Verfahren bei allen Füllungen zur Grundregel machten, 
nicht beistimmen. 

Ich selbst trage einen vor mehreren Jahren nach der Excavation 
mit concentrirter Carbolsäure ausgewaschenen und sofort mit Gold 
gefüllten oberen rechten Eckzahn, welcher noch total gesund 
sich erhalten hat. Ebenso verhält es sich mit dem Chlorzink¬ 
cement, mit welchem heute noch viele Collegen überkappen, 
respective Zähne provisorisch füllen, welche die nöthige Excavation 
zur Aufnahme einer Goldfüllung nicht gestatten oder des sensiblen 
Dentins wegen dieselbe nicht ertragen können. 

Dagegen muss ich bestätigen, dass bei ganz nahe liegender 
oder gar exponirter Pulpa dieselbe, und zwar meist nach voran¬ 
gegangenen heftigen Schmerzen, zu Grunde geht Ich habe dieser 
„Atkinson’sehen Methode“, d. h. Chlorzinkcement direct auf 
die Pulpa zu appliciren, schon vor Jahren den Abschied gegeben, 


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22 


Schlenker: Historische Betrachtungen über Pulpen- 


nachdem ich einige so tractirte Patienten so erzürnte, dass sie 
gar nicht wieder kamen. 

Um noch einmal zurückzukommen auf das „Ersatzdentin“, so 
wurden bei meinem ersten erwähnten Misserfolge in der Pulpa 
Dentinknötchen constatirt. Setzen wir den Fall, diese Pulpa hätte 
erst nach einigen Wochen, Monaten geschmerzt, was doch zur 
Möglichkeit gehört, so hätte man auch sicher annehmen müssen, 
dass die Dentinoide in Folge der Ueberkappung sich gebildet 
hätten, während sie in Wahrheit in Folge der Caries entstanden 
und also vor der Ueberkappung sich gebildet hatten. 

Daher kommt auch die irrige Annahme der Ersatzdentiu- 
Neubildung bei nicht ganz exponirten Pulpen. Wer will mir be¬ 
weisen, dass dieses Ersatzdentin nicht schon, wenigstens theilweise, 
ja grösstentheils oder ganz, vor dem Ueberkappen da war? Ge¬ 
wiss Niemand. Ich behaupte und kann solches beweisen, dass 
die Pulpa nur in gesundem Zustande Ersatzdentin abliefert. 
Das nachstehende Bild, welches die Copie einer von mir mit 

N a r h e t ’ s kleinstem 
Objectiv und schwach 
ausgezogener Camera 
obscura aufgenommenen 
Mikrophotographie ist, 
zeigt solches. Man sieht 
die Caries noch nicht 
über ihr erstes Stadium 
ausgedehnt, und doch 
hat sich mitten in der 
Pulpa, an der ent¬ 
sprechenden Stelle, wo 
wir auch das Ersatz¬ 
dentin stets antreffen, 
ein so grosses Dentinoid 
gebildet, dass es den 
Raum des Canalis den- 
talis beinahe ganz aus¬ 
füllt. Wäre dieser Zahn 
seiner Zeit an der cariösen Stelle angebohrt, respective gefüllt 
worden, und die Extraction hätte über kurz oder lang ausgeführt 



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Ueberkappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen Zeit 23 

werden müssen, so hätte an der Bohrstelle die Füllung die Neu¬ 
bildung hervorrufen müssen. 

Präparate, wo in Folge mit unbewaffnetem Auge kaum sicht¬ 
barer Caries ganz colossale adhärente, freie und interstitielle 
Neubildungen producirt wurden, besitze ich viele. Ich bin im 
Gegentheile der Ansicht, dass man durch die Ueberkappungen bei 
nicht ganz exponirten Pulpen geradezu die Neubildungen ver¬ 
hindern kann und wird. Durch die Witzei’sehe Methode, 
welche so wohlthätig, so fast reizlos auf die Pulpa einwirkt, ist 
dies gewiss der Fall; denn ich wiederhole es, sobald die 
Pulpa nicht mehr gereizt wird oder erkrankt, hOrt 
alle und jede Dentin-Neubildung auf. Es ist das auch 
das rationell richtige: wir haben die Pulpa überkappt, 
um sie vor äusseren Einflüssen zu schützen, sie am 
Leben zu erhalten, aber nicht ihr die Bedingungen 
gesetzt, nach welchen sie zu einem pathologischen Pro - 
cesse angespornt wird; dass hiesse ja heilen und 
krank machen. Anders freilich verhält es sich mit exponirten 
v Pulpen, auf deren exponirte Stelle die Kappe direct zu liegen 
kommen muss. Hier wird die Pulpa durch den schwachen Heiz 
in vielen Fällen (es sind überhaupt nicht alle Pulpen disponirt, 
Ersatzdentin zu liefern) sich eine natürliche, pathologische 
Kappe bilden, und ist dies nur in unserem Wunsche. Ist aber 
diese Kappe gebildet, so liegt es ebenso in unserem Wunsche, 
dass dieselbe ihr Handwerk nicht forttreibe, sondern sich in den 
Ruhezustand versetze; denn wenn sie fortfahren würde, Dentin 
zu produciren, so wird der Canalis dentalitf, wie wir dies genug 
sehen, zuletzt mehr weniger verschlossen werden, die nöthige Cir- 
culation im Zahne kann nicht mehr statthaben, und der Zahn 
selbst wird über kurz oder Jang als sogenannter fremder Körper 
seine Lebensfrist abschliessen müssen, d. h. er fängt an zu 
schmerzen, oder er wird locker, und das Resultat ist die Extraction. 

Ueber diesen Punkt wird bei den Pulpenamputationen noch 
näher gesprochen, und sind Illustrationen beigefügt. Pulpen, in 
denen ich Dentinoide entdecke, selbst dann, wenn sie gar nicht 
verletzt werden, sowie sehr stark entzündete, zerstöre ich gewöhn¬ 
lich, was übrigens auch Witzei anrathet. Dagegen lassen sich 
durch die passende Vorbehandlung mit Phenoltannin schwach und 


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24 Schlenker: Histor. Betracht, über Pulpenüberkappungen u. s. w. 


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frisch entzündete Palpen meist heilen und mit Erfolg überkappen. 
Bei solchen entzündeten Pulpen schneide ich die Dentine erst 
aus, wenn die Entzündung gehoben ist. Dadurch, dass die Pulpa 
entzündet, also hyperämirt ist, wird sie leichter verletzt; dann 
aber lasse ich, wie schon bemerkt, lieber etwas erweichte Dentine 
auf derselben sitzen, als dass ich riskire, sie zu verletzen, eine 
Methode, welche auch Linderer, Tomes, White und Günther 
üben und empfehlen. Stets fülle ich interimistisch bei solchen 
Fällen, und zwar lasse ich die Chlorzinkplombe so lange sitzen, 
als sie eben gut bleibt. Mit der Zeit kommen mir gewiss solche 
behandelte Pulpen zu Gesicht, die ich genau untersuchen und 
beschreiben werde. *) 

Bemerken will ich noch, dass es mir bei den Frontzähnen 
bis jetzt nicht gelungen ist, die vom Collegen Witzei empfohlene 
Guttaperchalage auf die Chlorzinklage zu appliciren, d. h. es wäre 
mir für die eigentliche Füllung nicht genügend Raum mehr ge¬ 
blieben. Bei Mahlzähnen geht das oft sehr gut. Im Uebrigen 
kann ich mir kaum denken, dass solche einen besonderen Nutzen 
hat, wenn sie auch nicht schadet. Ebenso bin ich nicht recht 
klar, warum Witzei die Poulson’sche Neu-Mineralplombe ent¬ 
schieden verwirft, während sie doch gerade die Nachtheile der 
Chlorzinkplombe nicht hat und es erwiesen ist, dass sie durchaus 
den Reiz wie die Chlorzinkplombe auf Dentin und Zahnbein nie 
ausübt. 

Vielleicht giebt uns Witzei über diese Punkte gelegentlich 
nähere Auskunft. 


l ) Sollten die geehrten Collegen je in den Fall kommen, Zähne mit 
überkappten Nerven extrahiren zu müssen, so wäre ich für die Zu¬ 
sendung „unter Muster ohne Werth“ sehr dankbar. Dieselben 
müssten sofort nach der Extraction in Glycerin gebracht werden. Mit 
wenigen Pfennigen wäre dies geschehen, weshalb ich im Interesse der 
Sache nochmals darum bitte. 


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J. Parreidt: Pulpitis in einem nicht cariösen Zahne. 


25 


Pulpitis in einem nicht cariösen Zahne. 

Von . 

Jul. Parreidt, Zahnarzt in Leipzig. 


Der 29 Jahre alte Arthur Nebel, Buchbinder, suchte am 
9. Juni in der chirurgischen Poliklinik bei mir Hilfe wegen 
Zahnschmerz im ersten Mahlzahne des rechten Oberkiefers. Die 
Schmerzen sollen besonders des Abends heftig sein, oft aber auch 
bald nach dem Essen kommen. Zwischen den Anfällen sind ganz 
schmerzfreie Pausen. Manchmal will Patient auch das Gefühl 
haben, als ob der Zahn herausgetreten wäre. Bei der Inspection 
findet man den genannten Zahn äusserlich - vollkommen gesund 
und von normaler Farbe. Nur wenig gelber Zahnstein befindet 
sich auf der buccalen Fläche des Zahnes, dunkler Zahnstein an 
der palatinalen Fläche unmittelbar am Zahnfleischrande. Nach¬ 
dem der Zahnstein entfernt war, konnte man an keiner Stelle des 
Zahnes auf keine Weise einen Defect nach weisen. Auch die 
übrigen Zähne des Patienten waren vollständig gesund, nur der 
rechte erste Mahlzahn des Unterkiefers hatte eine kleine cariöse 
Höhle in der Kaufläche. Da der Schmerz sehr oft in einem 
Zahne derselben Seite, aber im anderen Kiefer, als wo der affi- 
cirte Zahn sich befindet, gefühlt wird, so glaubte ich, dass die 
Schmerzen auch in diesem Falle ihre Ursache in dem unteren 
Mahlzahne hätten, und dass sie nur in dem gegenüberstehenden 
oberen Mahlzahne ausstrahlten. Zwar konnte ich durch Excava- 
tion des grössten Theiles der cariösen Massen aus dem unteren 
Zahne und durch Anspritzen desselben mit kaltem Wasser keinen 
Schmerz hervorrufen; indess hat man ja bisweilen Gelegenheit, 
diese Zeichen der Pulpitis fehlen zu sehen. Demgemäss legte ich 
in die cariöse Höhle Arsenik und hoffte so, durch Cauterisation 
der Pulpa des unteren Zahnes auch die Schmerzen im oberen 
zu beseitigen. 

Am folgenden Tage erscheint Patient wieder und giebt an, 
dass er seit gestern noch weit heftigere Schmerzen als vorher 
gehabt habe, und zwar ganz deutlich nur im oberen Zahne. Der 


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J. Parreidt: Pulpitis in einem nicht cariösen Zahne. 


untere Zahn ist ganz empfindungslos. Das Cauterium wurde aus 
demselben entfernt und kaltes Wasser eingespritzt: kein Schmerz. 
Dagegen hatte Patient heftigen Schmerz im oberen ersten Mahl¬ 
zahne, als ich diesen anspritzte. Desgleichen schmerzte der obere 
Zahn, wenn ich den Patienten damit auf den Handgriff eines Ex- 
cavators heissen liess, während der untere Zahn dabei schmerzlos 
blieb. 

Diese Zeichen liessen keinen Zweifel mehr ührig, dass nur 
der obere Zahn afficirt war, und zwar deutete die Reaction auf 
kaltes Wasser auf eine Affection der Pulpa, während der Schmerz 
beim Aufbeissen auf einen harten Gegenstand und das subjective 
Gefühl des Längerseins, welches Patient zu haben behauptete, auf 
eine Affection der Wurzeln schliessen liess. Ich diagnosticirte bei 
dieser Sachlage „Intrapulpäre Dentikel und Exostose an einer, 
zwei oder allen drei Wurzeln“. 

Da Patient selbst die Extraction dringend wünschte, so wurde 
dieselbe ausgeführt. Der Befund an dem extrahirten Zahne war 
folgender. Die palatinale .Wurzel war total von amorphen grauen 
Zahnsteinkörnern überzogen. Nach Abkratzung derselben zeigte 
die Wurzel, wenn sie gegen das Licht gehalten wurde, ein miss¬ 
farbiges, trübes Aussehen, gerade als ob die Pulpa in derselben 
verjaucht wäre. Die anderen beiden Wurzeln waren vollkommen 
normal beschaffen. An der Stelle, wo die drei Wurzeln sich von 
der Krone abzweigen, lag zwischen ihnen ein Klumpen Granu¬ 
lationsgewebe. Die Krone des Zahnes war nicht im mindesten 
defect oder entfärbt. 

Nach Sprengung der palatinalen Wurzel entsprach der Be¬ 
fund an der Pulpa ganz dem äusseren Aussehen jener. Der 
Wurzeltheil der Pulpa hatte ein graugrünes Aussehen und war 
übelriechend. Am Kronentheile waren schon makroskopisch in 
der Nähe der Stelle, wo die palatinale Wurzel sich abzweigt, kleine 
punktförmige und streifige Hämorrhagien zu erkennen. Nach der 
Kaufläche hin war die Pulpa ganz normal beschaffen. Dentikel 
waren darin nicht zu finden. 

Dieser Fall nimmt besonderes Interesse in Anspruch wegen 
seiner Seltenheit und der Aetiologie. Während in der Regel die 
Pulpitis als Folge von Caries an einer Stelle der Oberfläche des 
Kronentheiles der Pulpa ihren Anfang nimmt, hatte hier die 


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J. Parreidt: Pulpitis in einem nicht cariösen Zahne. 


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Krankheit im Wurzeltheile begonnen. Bei Pulpitis in cariösen 
Zähnen ist die Aetiologie klar, denn da giebt es mechanische, 
chemische, thermische und septische Reize genug, die eine Ent¬ 
zündung hervorrufen können. Im vorliegenden Falle hingegen 
sind wir in Verlegenheit, uns die Entstehung der Entzündung in 
der Pulpawurzel zu erklären. Folgende Annahme scheint mir 
sehr plausibel. 

Durch das Eindringen des Zahnsteines in die Alveole, und 
dadurch, dass derselbe sich zwischen Zahnwurzel und Periost fest¬ 
gesetzt hat, wurde die Ernährung des Cementes unterbrochen. 
Der weichfeste und flüssige Inhalt der Knochenkörperchen und 
der von diesen ausstrahlenden Lacunen verjauchte. Mit dem 
Zahnsteine sind jedenfalls auch grosse Mengen von Mikrococcen 
und Bacterien in die Alveole gelangt, welche die Fäulniss der 
ausser Ernährung gesetzten Weichtheile der Wurzel einleiteten 
und förderten. Die Knochenkörperchen und ihre Fortsätze com- 
municirten mit den Dentinkanälchen. Der Inhalt dieser musste 
also durch den septischen Reiz, den jene diesem zuführten, zu 
Grunde gehen. Darauf wurden die Odontoblasten ergriffen, und 
schliesslich musste es zur Entzündung und Verjauchung der Pulpa¬ 
wurzel kommen. Da nun die Jauche keinen Abfluss hatte und 
corrosive Eigenschaften besitzt, so konnte sich das angrenzende 
Gewebe des Pulpakörpers nicht gegen dieselbe abkapseln. Die 
Entzündung griff auf den Pulpakörper über und verbreitete sich 
hier diffus. Erst als dieser Zustand eintrat, suchte der Patient 
Hilfe, während die vorausgegangene Entzündung der Pulpawurzel 
ihn dazu nicht genöthigt hat, also wahrscheinlich nicht von er¬ 
heblichen Schmerzen begleitet gewesen ist. Eigenthümlich ist in 
unserem Falle noch die körnige Beschaffenheit des Zahnsteines 
und der normale Zustand des Zahnfleisches. Auch die Ablagerung 
des Zahnsteines rings um die ganze Wurzel ist ganz unverständ¬ 
lich. Auf einfache mechanische Weise wusste ich mir den Pro- 
cess nicht zu erklären. Etwas ganz Anderes ist es, wenn das 
Zahnfleisch und die Alveolarlamelle unter dem Drucke des Zahn¬ 
steines sich entzündet und atrophirt, wie man es in der Regel 
beobachtet. Hier ist nichts Unverständliches. In dem vorliegen¬ 
den Falle hingegen sass das Zahnfleisch an dem Zahnhalse, nur 
etwa einen Millimeter vom Schmelzrande entfernt auf der grauen, 


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J. Parreidt: Pulpitis in einem nicht cariösen Zahne. 


körnigen Masse, mit welcher die Wurzel incrustirt war, gleich- 
mässig fest auf. Es ist mithin gar nicht einzusehen, wie der 
Zahnstein an die Wurzelspitze hinauf gelangen konnte. 

Angenommen, man diagnosticirt künftig einen solchen Fall 
richtig, so entsteht die praktische Frage, ob man das Leiden ohne 
Extraction des Zahnes beseitigen kann. Die Pulpa kann ja mit¬ 
tels Trepanation zugänglich gemacht und so gut als möglich nach 
der Cauterisation entfernt werden. Das Bohrloch und der Pulpa¬ 
raum wäre dann nur noch zu verstopfen, und dies macht nicht 
viel Schwierigkeit. Dann wäre die Pulpitis beseitigt, und es 
bliebe nur noch die leichte Periostitis übrig, welche bereits be¬ 
stand und mit der Zeit durch den Reiz des Zahnsteines wahr¬ 
scheinlich heftiger geworden wäre. Die Entfernung des Zahnsteines 
aber dürfte, so lange der Zahn in der Alveole, die auch die vom 
Zahnsteine überzogene Wurzel fest umschliesst, steckt, unter keinen 
Umständen gelingen. 

Das einzige Mittel, den Zahn möglicher Weise noch brauch¬ 
bar zu erhalten, ist, dass man ihn extrahirt und nach Entfernung 
des Zahnsteines und der Pulpa und nach Verschliessung der 
Wurzelkanäle wieder implantirt. Ich habe diese Operation auch 
in meinem Falle vorgeschlagen, ehe ich die Wurzel sprengte, allein 
der Patient war froh, den Zahn los zu sein, und wollte von einer 
Wiedereinpflanzung Nichts wissen. 


Periostitis alveolo-dentalis idiopathica. 

Von 

Jul. Parreidt, Zahnarzt in Leipzig. 


21. Februar 1877. Herr Bernhard Schmidt, Tischler, 
19 Jahre alt, giebt an, dass er seit einigen Tagen an Zahn¬ 
schmerzen in den vorderen Zähnen des rechten Oberkiefers leide. 
Der Patient bietet im Allgemeinen ein gesundes Aussehen dar. 
Die Oberlippe ist etwas ödematös geschwollen. Das Zahnfleisch 


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J. Parreidt: Periostitis alveolo-dentalis idiopathica. 29 

vor, hinter und zwischen den Schneidezähnen des rechten Ober¬ 
kiefers ist bedeutend geröthet und geschwollen. Die genannten 
beiden Zähne schmerzen bei der leisesten Berührung und sind 
ein Wenig verlängert. Cariös sind dieselben aber nicht, 
überhaupt ist das Gebiss des Patienten in gutem Zustande. Von 
der Einwirkung eines Trauma auf die Zähne weiss Patient Nichts, 
auch ist jede Intoxication öder Infection, welche etwa die be¬ 
stehende Affection verursacht haben könnte, auszuschliessen. 

Die Diagnose der Periostitis alveolo-dentalis unterlag keinem 
Zweifel. Verordnet wurden zunächst Ausspülungen mit Salbeithee. 

22. Februar. Das Oedem der Oberlippe ist vermehrt und 
setzt sich über die Nasolabialfalte hin fort bis zu dem unteren 
Augenlide. Die Zähne sind lockerer als gestern, und ist der 
Eckzahn, allerdings nur sehr wenig, mit afficirt. — Therapie: 
Blutentziehung durch ausgiebige Scarificationen des Zahnfleisches 
an der labialen Fläche des Alveolarfortsatzes. Warme Ausspülungen 
und feuchtwarme Umschläge. 

23. Februar. Zwischen den Zähnen und dem Zahnfleisch¬ 
rande quillt Eiter in reichlicher Menge hervor. Die Schneide¬ 
zähne sind um l 1 /* Millimeter aus ihrer Alveole herausgetreten. 
— Therapie: Die warmen Umschläge und Anspülungen sind fort¬ 
zusetzen. 

25. Februar. Der Eiterausfluss ist nicht mehr so reichlich, 
die Schmerzen haben etwas nachgelassen, der Caninus schmerzt 
gar nicht mehr, die Schneidezähne sind wieder etwas fester ge¬ 
worden und nur noch um einen Millimeter verlängert Unmittel¬ 
bar unter der Oberlippe hat sich an der vorderen Fläche des 
Alveolarfortsatzes ein Abscess gebildet. — Therapie: Der Abscess 
wird incidirt. Die Ausspülungen sollen fortgesetzt werden. 

Von jetzt ab war täglich Besserung zu bemerken. Das 
Oedem der Lippe, die Eiterentleerung, die Schmerzen wurden ge¬ 
ringer, die Zähne wurden wieder fester. Am zweiten März konnte 
Patient wieder auf die Zähne beissen, obgleich dieselben noch in 
geringem Grade verlängert waren. Am 8. März war Alles normal. 

Dieser Fall ist interessant wegen der Unmöglichkeit, die Ur¬ 
sache der Periostitis nachzuweisen. Die weitaus häufigste Ursache 
der Periostitis alveolo-dentalis, Verjauchung der Zahnpulpa in 
Folge von perforirender Caries des Zahnes, war, wie schon er- 


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30 Kleinmann: Kleine Mittheilungen aus der zahnärztl. Technik. 

wähnt, nicht vorhanden. Auch Trauma, Intoxication und Infec- 
tion (soweit es möglich ist, dies nachzuweisen) mussten aus¬ 
geschlossen werden. Endlich waren auch keine entfernteren Ur¬ 
sachen, wie etwa Magen-, Leber-, Unterleibsleiden oder Plethora 
vorhanden. Ich nenne deshalb die Periostitis vorläufig eine 
idiopathische. 


Kleine Mittheilungen aus der zahnärztlichen 

Technik. 

Von • 

Fr. Kleinmann in Flensburg. 


I. Die Davidson’sehe Parallelzwickzange. 

Motto: „Den grossen Nutzen dieser Zange wird der 
Praktiker erst voll einsehen, wenn er sie 
längere Zeit im Gebrauche gehabt hat.“ 

Diesen als „Motto“ gewählten Satz habe ich dem Schreiben 
des Erfinders entnommen, weil er eine grosse Wahrheit enthält. — 
Vergleicht man die äussere Form der Davidson’schen mit der 
der Blume’sehen 1 ) Zange, so schreckt man unwillkürlich vor der 
colossalen Stärke und Grösse der ersteren zurück und giebt bei 
oberflächlichem Vergleiche der letzteren den Vorzug. Auch ich 
war in Bremen ganz entzückt von der zierlich gebauten Evrard’- 
schen Zange, die vom Herrn Collegen Dr. Flörke gezeigt und 
sehr warm empfohlen wurde, so dass ich dem klobigen Dinge des 
Herrn Davidson keinen Beifall spenden konnte. — Ich bin 
aber seit der Bremer Versammlung im Besitze der letzteren und 


*) Nach Dr. Flörke-Bremen soll diese Zange schon vor 20 Jahren 
von Evrard in London verfertigt worden sein. Vide Deutsche Viertel¬ 
jahrsschrift für Zahnheilkunde 1879, S. 383. 


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Kleinmann: Kleine Mittheilungen aus der zahnärztl. Technik. 31 


gezwungen, da die Zange von Ash zerbrochen ist, sie täglich zu 
gebrauchen. Da habe ich nun die Wahrheit des obigen Motto’s 
erfahren, dass man den 


Nutzen dieser Zange erst 
voll einsehen wird, wenn 
man sie längere Zeit ge¬ 
braucht hat. Allerdings 
zeige ich sie dem Pa¬ 
tienten nie, weil jeder 
davor zurückschrecken 
würde, aber ich gehe 
jetzt mit einer viel grös¬ 
seren Sicherheit an die 
Arbeit, weil ich die Ge¬ 
wissheit habe, dass die 
Wirkung dieser Zange 
eine ganz vorzügliche 
ist. — Die bisher ge¬ 
brauchten Zwickzangen 
sind nach dem Principe 
des zweiarmigen Hebels 
gebaut, d. h. die Zangen- 
theile haben über dem 
Drehpunkte einen Arm 
und unter dem Dreh¬ 
punkte den zweiten Arm. 
Die oberen Arme stellen 
die schneidenden Bran¬ 
chen, die unteren die 
Schenkel der Zange dar. 
Die Länge der Branchen 
hebt aber auf einen 
ebenso langen Theil die 
Hebelkraft der Schenkel 



(vom Drehpunkte ah ge- Davidson’sehe Zwickzange, 
rechnet) auf, SO dass die als a/ g nattlrl. Grösse. 

Hebel wirkenden Schenkel 


hierdurch bedeutend gekürzt werden. Misst beispielsweise eine Zange 


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32 Kleinmann: Kleine Mittheilungen aus der zahnärztl. Technik. 


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vom Drehpunkte bis zur Schneide 1 Zoll, und sind die Schenkel vom 
Drehpunkte abgerechnet 6 Zoll lang, so dividiren die Branchen die 
Länge der Schenkel, die als Hebel wirken sollen, um 1 Zoll, so dass 
der Hebel dann nicht 6, sondern nur 5 Zoll lang ist. Erfinder der 
neuen Zange sah nun ein, dass eine Zwickzange nach dem System 
des zweiarmigen Hebels ftir das Abzwicken der Zähne nicht Kraft 
genug haben werde und construirte eine Parallelzange nach dem 
Principe des einarmigen Hebels, also eine solche, deren Theile 
vom Drehpunkte (a) ab, nur einen Arm (b) haben. Diese Zange 
schneidet nicht nur einen Zahn (er mag noch so stark sein) auf 
einen Druck sehr schnell ab, sondern auch so glatt, dass das 
Nachfeilen der Wurzel ganz entbehrlich wird, dabei ist ein Zer¬ 
splittern der Wurzel in ihrer Längsrichtung bis jetzt noch nicht 
bemerkt worden. 

Dadurch, dass diese Zange nach dem Principe des einarmigen 
Hebels construirt ist, sind folgende Vortheile erzielt: 

1 ) sind die Schenkel der Zange ( bc ) bedeutend länger, ohne 
dass die Zange in der That verlängert wäre, denn der 
Drehpunkt (< a ) liegt oberhalb der Schneide (d ); 

2) ist die gesammte Kraft des Handdruckes auf einen Punkt 
(<?) concentrirt, der sich direct hinter der Schneide (d) 
befindet. 

Diese Anordnung muss speciell hervorgehoben werden, weil 
sie hei keiner bisher bekannten Zahnzwickzange vorhanden war. 
Bei allen nach dem Principe des zweiarmigen Hebels construirten 
Zangen wird die Gewalt des Druckes mehr auf den Drehpunkt, als 
auf die Schneide ausgeübt. Bei dieser neuen Zange befindet sich 
von der Schneide bis zum Ende der Schenkel Nichts, was die 
Kraft des Handdruckes vermindern könnte. Dadurch, dass einer¬ 
seits die Schenkel dieser Zange länger sind, als die anderer 
Zangen, andererseits die hierdurch erzielte grosse Gewalt des • 
Handdruckes unvermindert auf die Schneide einwirkt, werden die 
oben angeführten ausserordentlichen Leistungen erklärlich. Wie 
bei jedem neuen Instrumente, so wird auch bei diesem die Hand¬ 
habung geübt werden müssen. Man kneife nie heftig die Zähne 
ab, sondern bringe die Zange achtsam an die richtige Stelle und 
drücke dann möglichst am Ende der Schenkel energisch und nach- 


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Kleinmann: Kleine Mittheilungen aus der zahnärztl. Technik. 33 

haltig (niemals plötzlich oder ruckweise) die Hand zu. Die Krone 
wird jedes Mal glatt abspringen. 

Ich kann also aus Erfahrung diese Zange allen Collegen 
empfehlen; sie ist patentirt und für 18 Mark bei den Herren 
Buss & Michel in Berlin zu haben. 


n. Das Wolrab’sche Zahngold. 

Auf der zahnärztlichen Versammlung zu Bremen sahen wir 
ein Blattgold zum Plombiren der Zähne, welches von den Bre¬ 
menser Collegen sehr empfohlen wurde. Herr Carl Wolrab, 
Feingoldschläger in Bremen, liefert sogenanntes chemisch-reines 
„Zahngold“ in Blattform glatt und schraffirt in drei verschiedenen 
Stärken. 

Von Nr. 1 wiegt jedes Blatt circa 1 Gramm, 

„ „ 2 wiegen 2 „ „1 „ 

M «3 „ 3 ,, ,, 1 „ 

Die Preise sind mit 4 Mark pro Gramm und 115 Mark pro 
Unze 1 ) (30 Gramm) notirt. 

Ich habe Gelegenheit gehabt, alle drei Sorten in der Praxis 
anzuwenden, bin damit sehr zufrieden und wünsche, dass dieses 
deutsche Fabrikat bei allen Zahnärzten eingeführt werden möge. — 
In der Voraussetzung, dass es von allgemeinem Interesse ist, bringe 
ich hier ein Verfahren von einem Bremer Collegen, der schon 
seit Jahren dieses Präparat verwendet und von der Haltbarkeit 
der Plomben überzeugt ist. Er sagt: „Ich nehme stets eine ganze 
Unze Gold, und zwar alle drei Sorten. Die „dickste“ gebrauche 
ich hauptsächlich zu Contourfüllungen, die „mittlere“ zu Central¬ 
füllungen und die „dünnste“ Sorte zu kleinen Cavitäten an den 
Schneidezähnen u. s. w. Nachstehende Fig. 1—5 zeigen meine 
einfachen Goldpräparate, die ich in sehr kurzer Zeit bereite. 

Ein ganzes Buch Gold zerschneide ich mit dem Papiere in 
16 Theile, wobei 1 j l6 so gross wird, wie Fig. 1. Dann lege ich 
dieses Goldblatt auf ein Stück Cofferdam und falte dasselbe mit 


') Die amerikanischen Goldfolien kosten nach dem zahnärztlichen 
Kataloge von Ash & Sons für "das Jahr 1879 (S. 7) 144 Mark die Unze, 
xx. 3 


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34 Kleinmann: Kleine Mittheilungen aus der zahnärztl. Technik. 

einem stumpfen Messer locker vier bis sechs Mal, wie Fig. 2, 4 
und 5 zeigen. Das runde Plättchen (Fig. 3) verwende ich nur bei 
sehr grossen Centralfüllungen. Die dickste Sorte Gold (Fig. 5) 
eignet sich ganz vorzüglich zu Contour- jedoch auch zu kleinen 
Centralfüllungen. Ich arbeite nur unter Cofferdam und fülle fast 
sämmtliche Cavitäten mit ungeglühtem Golde, also in dem Zu¬ 
stande, wie wir es kaufen, circa r / 8 voll. Ich bin der festen An¬ 
sicht, dass ungeglühtes Gold sich besser an die Wandungen der 
Cavitäten anlegt, wie geglühtes. Nachdem ich Alles mittelst Luft¬ 
hammer oder Handinstrument condensirt habe, fange ich an, stark 
auf Marienglas erhitztes Gold (nicht ganz geglüht) mit einem 
scharfen Instrumente aufzutragen, mache die Cavität übervoll und 
quetsche das Gold mit dem Polirstahle der Bohrmaschine so fest 



1. 2. 3. 4. 5. 


als möglich. Jetzt nehme ich den Cofferdam ab, polire noch 
einmal fest mit dem Polirstahle die Bänder und feile schliesslich 
die Fläche mit der Feile oder den Finirinstrumenten glatt. Zu 
Centralfüllungen nehme ich von Anfang an nur erhitztes (kein 
geglühtes) Gold. Die Goldpräparate bewahre ich in kleinen 
Flaschen auf.“ 

Wenn die Art und Weise dieser Arbeit auch im Allgemeinen 
mit der der meisten Zahnärzte übereinstimmt, so könnte sie doch 
Veranlassung zu einem Discours geben. Angenehm und gewiss 
nicht ohne Nutzen wäre es, wenn diejenigen Collegen, die „täglich 
mit Gold“ plombiren, in dieser Beziehung einmal etwas von sich 
hören Hessen. 


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Aus der Klinik des Herrn Prof. Hollaender in Halle a. S. «55 

Aus der Klinik des Herrn Prof. Hollaender 

in HaUe a. S. 

I. Acute Alveolar-Periostitis von einer Erkrankung 
des Weisheitszahnes. 

L. B., 28 Jahre alt, von untersetztem, kräftigem Körperbau, 
giebt an, den 7. Juli zum ersten Male Zahnschmerzen auf der 
rechten Seite empfunden zu haben, doch weiss Patient nicht mehr, 
ob im Ober- oder Unterkiefer. Den nächsten Tag wurden die 
Schmerzen so heftig, dass er nicht mehr zur Arbeit gehen kann. 
Die rechte Backe schwillt sehr bedeutend an, und sowohl das 
Kauen, wie auch besonders das Hinunterschlucken der Speisen 
wird ihm ausserordentlich schwer. Es werden ihm von einem 
Arzte Einreibungen mit Yeratrinsalbe und Umschläge mit warmen 
Kräuterkissen verordnet, aber seine Symptome werden so heftig, 
dass er endlich am 18. Juli in der zahnärztlichen Klinik Hilfe 
sucht. 

Status praesens: Die rechte Gesichtshälfte ist bedeutend ge¬ 
schwollen und namentlich nimmt die von der Mitte des Ohres bis 
unter den untern Band des Unterkiefers sich erstreckende Ge¬ 
schwulst nach unten derartig zu, dass die Contouren des Unter¬ 
kiefers nicht mehr zu erkennen sind. Die Geschwulst sieht glän¬ 
zend aus, fühlt sich sehr warm und straff an und ist bei leisester 
Berührung vom heftigsten Schmerze begleitet. In Folge der aus¬ 
gedehnten Infiltration ist fast vollständiger Kieferverschluss vor-' 
handen, so dass Patient die beiden Zahnreihen kaum einen Milli¬ 
meter weit aus einander bringen kann. Ein entsetzlicher Geruch 
entströmt dem Munde, aus welchem Tag und Nacht fortwährend 
Schleim, Speichel und Eiter herauslaufen. Seit Beginn der Krank¬ 
heit, also seit dem 7. Juli, hat Patient nichts Ordentliches ge¬ 
gessen, der Stuhlgang ist träge, angehalten, die Nächte schlaflos 
mit wirren Träumen und am Tage eingenommener Kopf und 
Schwindel. Der Kranke ist sehr reducirt, dabei starkes Fieber. 

3 * 


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3& Aus der Klinik des Herrn Prof. Hollaender in Halle a. S. 

Man kann mit dem kleinen Finger die innere Backe entlang 
bis zum Weisheitszahne des Unterkiefers gelangen und fühlt einen 
scharfen, hervorragenden Rand, der eine grosse Höhle umgrenzt, 
und dass das Zahnfleisch ringsherum bedeutend geschwollen ist. 
Da von diesem Zahne wahrscheinlicher Weise die Symptome aus¬ 
gingen, wurde er mit dem Hebel von Lecluse extrahirt, was 
sehr leicht von Statten ging. Mit dem Zahne kam gleichzeitig 
eine ungeheure Menge stinkenden Eiters heraus, und ausserdem 
konnte Patient jetzt den Mund etwa so weit Öffnen, dass man un¬ 
gefähr einen Federkiel zwischen die Zähne bringen konnte. Dem 
Patienten wurde warmer Kamillenthee zum Mundausspülen und 
innerlich ein Esslöffel Bittersalz verordnet. 

Den nächsten Tag fand der Patient sich sehr matt, seine 
Schmerzen haben bedeutend zugenommen und waren so anhaltend 
geblieben, dass er eine vollkommen schlaflose Nacht verbringt, 
dabei läuft fortwährend eine ungeheure Menge von Schleim und 
Eiter aus seinem Munde. Derselbe Zustand wiederholt sich am 
20. Juli. Patient giebt an, er hätte ein Gefühl, als ob ihm 
Etwas im Halse stecken geblieben sei, so dass er weder ordentlich 
schlucken noch Athem holen könne. Die Geschwulst ist etwas 
vermindert, aber Patient kann die Kiefer immer noch nicht aus¬ 
einander bringen, so dass man nicht die Verhältnisse des Rachens 
übersehen kann, dabei ist bedeutendes Fieber mit erhöhter Puls¬ 
frequenz vorhanden. Es wird angenommen, dass ausserdem noch 
eine bedeutende Anschwellung der Tonsillen und des weichen 
Gaumens (Angina dentaria) vorhanden sei und zu Folge dessen 
folgendes Recept verordnet: 

Rp. Tart. stibiat. 0,05, s. i. Aq. destill. 150,o. D. S. Stünd¬ 
lich 1 Esslöffel voll, bis Wirkung erfolgt. 

Schon nachdem Patient einige Löffel genommen, begann er 
zuerst heftig zu transpiriren und dann sich zu erbrechen, ausser¬ 
dem erfolgte copiöse Stuhlentleerung. Als sich Patient den nächsten 
Tag vorstellt, ist die Geschwulst bedeutend geschwunden, er kann 
den Mund besser öffnen, und obgleich das nun sichtbare Gaumen¬ 
segel, sowie der Rachen noch etwas geröthet und die Tonsillen 
noch mässig geschwollen sind, hat das Fieber vollständig nach¬ 
gelassen, und die Beschwerden haben sich derartig gemindert, dass 


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Aus der Klinik des Herrn Prof. Holl&ender in Halle a. S. 37 

ihm nur noch Mundausspülungen verordnet wurden. Tags darauf 
ist Patient soweit hergestellt, dass er wieder zur Arbeit gehen 
kann. 


II. Diffuse Alveolar-Periostitis. 

(Primäre infectiöse Knochenmark- und Knochenhautentzündung?) 

Patient, der Stellmacher H. R. aus Wettin, 24 Jahre alt, 
kräftiger Constitution mit ziemlich gutem, aber vernachlässigtem 
Gebisse, stellt sich am 21 . Mai zur Behandlung in der Zahn¬ 
klinik ein. 

Patient will Mitte März im untern linken Eckzahne Schmerzen 
empfunden haben, und kurze Zeit darauf trat eine Schwellung an 
derselben Seite am Unterkiefer ein. Zu Folge dessen kam er 
am 6 . April in die chirurgische Klinik zu Halle, wo ihm der 
betreffende Eckzahn extrahirt wurde und gleichzeitig wegen be¬ 
deutender Eiteransammlung im Unterkiefer eine Oeffnung gemacht 
und zur regelmässigen Entleerung des Eiters eine Drainageröhre 
eingelegt wurde. Im Journale der Klinik ist folgende Aufzeichnung: 

Periostitis des ganzen Unterkiefers; verschiedene Zähne 
wackelig; Extraction des linken Eckzahnes; Zahnfleisch überall 
abgehoben; Eiter hervorquellend; grausamer Fötor; Mundklemme; 
starke Schwellung und Infiltration. Therapie: Spülwasser, Drai¬ 
nageröhre. 

Da Patient sich nicht besserte, wurde er am 23. Mai der 
Zahnklinik überwiesen. Patient kann den Kiefer kaum öffnen. 
Im Unterkiefer besitzt er noch rechts die mittleren und seitlichen 
Schneidezähne, ersten und zweiten Bicuspis und den dritten Molaris. 
Sämmtliche Zähne, mit Ausnahme dieses letzteren, sind ganz lose. 
Auf der linken Seite stehen noch der mittlere und seitliche 
Schneidezahn, erster und zweiter Bicuspis, erster und zweiter 
Molaris. 

Bis zum ersten Molaris sind auch die Zähne dieser Seite 
sämmtlich lose und bei Berührung äusserst schmerzhaft. Vom 
zweiten Bicuspis rechts bis zum ersten Molaris links ist das livid aus¬ 
sehende und bedeutend geschwollene Zahnfleisch von einer Menge 
fistulöser Gänge durchsetzt, bei deren Sondirung man überall auf 


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38 Aus der Klinik des Herrn Prof. Hollaender in Halle a. S. 


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lose, nekrotische Knochenstücke stösst. Unterhalb des ersten Bi- 
cuspis hat sogar ein loses Knochenstück das Zahnfleisch durch¬ 
bohrt. In der Regio submentalis ist eine grosse Fistel, welche ein 
Drain offen hält, um den Eiter abzulassen, der sich hier, nach 
dem* Berichte der behandelnden Assistenzärzte, wie eine Apfelsine 
gross angesammelt hatten 

Bei der ungeheuren Ausbreitung, welche die Ostitis hier 
erreicht hatte, war ein energischer Eingriff sofort geboten. Es 
wurden sämmtliche 10 lose gewordenen Zähne, die übrigens nicht 
mehr mit dem Knochen, sondern nur noch lose mit Zahnfleisch 
zusammenhingen, extrahirt, und zwar die vier Schneidezähne, 
der rechte Eckzahn, die vier Bicuspis und der rechte erste Mo¬ 
laris, da unter diesen Umständen nicht die geringste Aussicht 
vorhanden war, diese Zähne zu erhalten. Nach der Extraction 
wurde am ganzen Processus alveolaris entlang, vom zweiten Bi¬ 
cuspis der einen bis zum zweiten Bicuspis der andern Seite eine 
tiefe Incision ins Zahnfleisch gemacht, um die einzelnen Sequester 
besser erreichen und entfernen zu können. Zu Folge dessen 
wurden mehrere kleinere und vier grössere nekrotische Stücke 
mit einer kleinen Kornzange herausgenommen. Das grösste der¬ 
selben war etwas über 4 Centimeter lang und 2,5 Centimeter breit, 
dasselbe schloss das Foramen mentale und einen Theil der vor- 
deren Wand des Canalis alveolaris inferior der linken Seite in 
sich ein. Die übrigen Knochenstücke waren aus der Gegend der 
Schneidezähne und des rechten Eckzahnes. Das Drainagerohr 
wurde als nunmehr überflüssig entfernt und dem Patienten fol¬ 
gendes desinficirende und adstringirende Mundwasser: 

Rp. Thymol 0,5; Spir. vini 30,0; Aq. destill. 170,0. M. f. M. 

Zweistündl. 1 Theelöffel in einem Glase Wasser zur 

Mundspülung 

und ein salinisches Abführmittel verordnet. 

Als sich Patient am 28. Mai wieder vorstellte, zeigte er fol¬ 
gendes Bild: Die fistulöse Oeffnung und die grosse Incision am Zahn¬ 
fleische war mit Ausnahme einer einzigen Stelle fast vollständig 
verheilt. In dieser Stelle war noch ein loser Sequester zu fühlen, 
der sofort entfernt wurde. Während Patient vorher keine Nacht 
schlafen konnte, ihm Essen und Trinken verleidet und er somit 


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Aus der Klinik des Herrn Prof. Hollaender in Halle a. S. 39 


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körperlich sehr heruntergekommen war, befand er sich nach seiner 
Aussage jetzt ganz vorzüglich. 

1. Juni. Es wird dem Patienten noch ein etwa 3 '/ 2 Centi- 
meter langer und 1 Centimeter breiter Sequester entfernt, welcher 
den Inframaxillar - Rand und die Protuberantia mentalis gebildet 
hatte. Das sonstige Befinden des Patienten ist sehr gut, ebenso 
die Vernarbung der Wunde am Zahnfleische und der Fistelöffnuug 
in der Begio submentalis. Die Spülungen mit dem Mundwasser 
werden fortgesetzt. 

4. Juni. Die Wunde ist in guter Vernarbung begriffen, aber 
am Unterkiefer links noch bedeutende Eiterung. Die Sonde fühlt 
ein loses Knochenstück, dasselbe lässt sich leicht herausnehmen, 
ist etwa 3'/* Centimeter lang und 1 Centimeter breit und gehört 
zum untersten Theile der labialen Partie des Unterkiefers, sich von 
der Symphysis distalwärts erstreckend. Die Wunde in der Gegend 
der Submentalis ist vollständig verheilt. 

Am 1 . September ist der Unterkiefer soweit consolidirt, dass 
Patient ein Zahnersatzstück tragen kann, und jetzt erst sieht man, 
wie der ganze Processus alveolaris vom zweitötf' Bicuspis links bis 
zum zweiten Bicuspis rechts vollständig verloren gegangen ist. 

Prof. Hollaender liess in einem daran geknüpften Vortrage 
die Frage offen, ob es sich hier nicht vielleicht um eine primäre 
infectiöse Knochenmark- und Knochenhautentzündung handelte. 
Leider fehlt jeder Bericht darüber, ob beim Beginne der Erkrankung 
heftiges Fieber mit Schüttelfrost vorhanden gewesen, und wie sich 
die Temperatur in den ersten Tagen verhalten hat Als Patient 
sich in der zahnärztlichen Klinik vorstellte, hatte man es bereits 
mit einem ziemlich abgelaufenen Processe zu thun. Jedenfalls ist 
das ausserordentlich schnelle Umsichgreifen der Knochenentzündung, 
die ganz colossale Zerstörung des ganzen Processus alveolaris in 
Folge einer einfachen Wurzelhautentzündung ausserordentlich ver¬ 
dächtig. In nächster Zeit werden wohl, da man nun auf die in¬ 
fectiöse Knochenmark- und Knochenhautentzündung aufmerksam 
geworden ist, mehrere ähnliche Fälle berichtet werden. 


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Schröder: Patentliches. 


Patentliches. 

Erwiderung auf den Kleinmann’schen Vortrag 
vom 6. August 1879. 

Von 

Dr. F. F. Schröder, Zahnarzt in Berlin. 


„Das Patent und die Zahnheilkunde“ betitelt sich ein auf der 
letzten Jahresversammlung des Centralvereins Deutscher Zahn¬ 
ärzte von Herrn Fr. Kleinmann gehaltener Vortrag. 

Die dem gesammten zahnärztlichen Stande durch den Inhalt 
dieses Vortrages drohende Gefahr lässt mich die mir geltende 
persönliche Invective ruhiger auffassen und die meiner Patentsache 
unterschobenen Anzweifelungen auf ihre Ursachen und Unrichtig¬ 
keiten erst in zweiter Linie zurückführen. 

Der Kleinmann’sche Vortrag bestätigt durchgehend die im 
Publikum verbreitete Ansicht, dass der Zahnarzt von der An¬ 
fertigung künstlichen Zahnersatzes gering denkt, sich mit dieser 
Anfertigung gar nicht oder höchstens als überflüssige Mittelsperson 
abgiebt und diesen Zweig der Zahnheilkunde den Zahntechnikern 
überlässt. 

Erst wenige Wochen ist . das Gift dieses Vortrages mit dem 
Octoberhefte der „Deutschen Vierteljahrsschrift“ in die Welt ge¬ 
drungen, und schon jetzt sieht man die Drachenzähne aufgehen. 

In der Geburtsanzeige einer Monatsschrift für Zahnpflege und 
Zahntechnik, die sich „Organ des Centralvereins zur Förderung 
der Zahnpflege in Berlin“ nennt und ausdrücklich zu Nutz und 
Frommen selbständiger Zahntechniker bestimmt ist, bezieht man 
sich bereits auf diesen Vortrag des Arztes und Zahnarztes Klein- 
mann und führt leicht cachirt aus, dass die Berufsthätigkeit eines 
Zahnarztes sich lediglich auf die Behandlung von Zahn- und Mund¬ 
krankheiten beschränkt und dem Zahntechniker die Anfertigung 
künstlicher Zähne, wie Ersatz ähnlicher Defecte zusteht. 

Aber, meine geehrten Herren Collegen, was folgt hieraus? 
Wo bleibt das so vielfach erörterte Interesse für die Hebung * 


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Schröder: PatentlicheB. 


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unserer Wissenschaft, die der Technik doch nimmermehr entrathen 
kann? Was soll aus diesem armen Stiefkinde unter solcher Pflege 
werden? # 

Und was wird aus uns, die wir durch die Gewerbeordnung 
von 1869 bereits so hart geschädigt sind; oder glaubt etwa einer 
der Herren Collegen ohne Ausübung der Technik prosperiren zu 
können? — Ich muss mich für diese grossartige Verziehtleistung 
bestens bedanken. Nur in einem gesunden Körper kann ein ge¬ 
sunder Geist wohnen und hinkränkeln müssten wir Alle, wenn 
wir uns in falschem Wahne eine Hauptarterie unterbinden Hessen. 

Nachdem dieser Vortrag einmal gehalten und benutzt worden 
ist, giebt es nur zwei Wege für den Einzelnen, falls fachwissen¬ 
schaftliche Vereine diesen hervorgerufenen und ausgenützten Irr¬ 
thum zu berichtigen nicht bestrebt sind; der eine heisst „Re¬ 
signation“, der andere „Insertion“ in möglichst anständiger Form. 

Herr Kleinmann schiebt dem Patentnehmen auf zahntech¬ 
nische Hilfsmittel, denn so soll es doch wohl heissen, da die Zahn¬ 
heilkunde mit einem Patente ja nichts zu thun hat, unlautere 
Motive unter und findet hierfür Unterstützung. Anerkennung und 
Ermunterung sollte denjenigen Herren Collegen werden, die Mühe 
und Kosten nicht scheuen, dem Publikum auf anständige Weise 
seinen Irrthum vor die Augen zu führen und den Beweis liefern, 
dass die Zahnärzte wohl Wülens und im Stande sind, die Zahn¬ 
technik zu beherrschen und auszuüben. Denn wer hierfür 
Neues und Patentfähiges zu schaffen im Stande ist, der muss sich 
doch in Wahrheit für die Vervollkommnung dieses Zweiges in- 
teressiren. Patentfähig ist aber nur eine Erfindung, welche ge¬ 
werbliche Verwerthung gestattet und objective Verwerthbarkeit für 
den Verkehr besitzt, also nicht unbrauchbar sein kann. — Die 
Patenterteilung hängt von vielfachen Prüfungen und Gutachten 
ab, und nicht vielen Patentanträgen wird verhältnissmässig Folge 
gegeben. Nur wir Zahnärzte allein sind schuld, dass das Pfuscher¬ 
thum so in Blüthe geraten konnte. Statt uns beleidigt zurück¬ 
zuziehen, mussten wir die öffentliche Meinung berichtigen, und 
selbst jetzt ist es hierzu noch nicht zu spät, wenn nur jeder der 
Herren Collegen in diesem Sinne seine Schuldigkeit thut. — Zeigen 
wir, dass uns keine Hilfsleistung zum Wohle des Patienten zu 
gering ist, und keinem Menschen wird es ferner einfallen, die 


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Schröder: Fatentliches. 


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Hilfe eines unzuverlässigen Laien der eines approbirten Arztes, 
resp. Zahnarztes vorzuziehen. Concurrenzneid unter einander ist 
lächerlich, da statistisch nachgewiesen, dass auf einen Zahnarzt 
mindestens zwei Techniker fallen, die ihre sogenannten Praxis¬ 
wohnungen oft eleganter belegen and eingerichtet haben, als wir. 

Herr Kleinmann spricht von einem Schatze, den ans die 
königlichen Staatsanwälte gegen das Pfuscherthnm angedeihen 
lassen und setzt mich hierdurch in grosses Erstaunen, da ich nach 
eingezogenen Erkundigungen nichts von einem solchen vernehmen 
konnte. Die Behörde ignorirt diesen Geschäftszweig vollständig 
und schreitet nur auf besondere und glaubwürdige Denunciation 
ein, und auch in diesem Falle bleibt der Angeklagte im Besitze 
seines angenommenen Titels, bis der Richter ganz nach seiner 
individuellen Anschauung diesbezüglich erkannt, eine unbedeutende 
Geldstrafe festgesetzt oder freigesprochen hat. 

Sind die Herren Collegen mit diesem Schutze zufrieden? Ich 
nicht. Die Auslassung des Herrn Kleinmann, dass die Würde 
des Arztes durch Ausübung und Vervollkommnung der Technik 
beeinträchtigt wird, ist mir mehr wie unklar und kann mich für 
den unzureichenden Schutz des Staates nicht entschädigen. Die 
Verwechselung der Zahntechnik mit der Zahnheilkunde durch 
Herrn Kleinmann ist entschuldbar, viel weniger dagegen die 
Behauptung, dass der Arzt nicht nach einem eigenen, besonderen 
Verfahren bei Behandlung bestimmter Krankheiten vorzugehen 
vermag, ohne sein Ansehen zu schädigen. 

Unsere Literatur erhält durch dieses Kleinmann’sche 
Dogma einen schweren Stoss. Ganz zu schweigen von den be¬ 
kannten Autoritäten unserer Specialwissenschaft, stehen Namen wie 
Martin, v. Gräfe, Dieffenbach und unzählige andere wohl 
über jeder Kritik. 

Mein hochverehrter Landsmann Johann Friedrich Dief¬ 
fenbach, der sich um die Ausbildung der Rhinoplastik, Ble- 
pharoplastik u. s. w. so unsterbliche Verdienste erworben hat, 
müsste Herrn Kleinmann mit seinen eigenartigen, nach ihm 
benannten Verfahren doch bekannt sein. Die Verdienste Dief- 
fenbach’s um die chirurgische Technik und Wiederherstellung 
zerstörter Theile des menschlichen Körpers haben sein Ansehen 
und das allgemeine Vertrauen zu demselben sicher nicht ge- 


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Schröder: Patentliches. 


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schmälert, und es giebt fast kein Gebiet der medicinischen Wissen¬ 
schaft, auf welchem nicht die hervorragendsten Aerzte eigenartige 
und nach ihnen benannte technische Vervollkommnungen erzielt 
haben. 

Bei der mir vorgeschriebenen Kürze erinrfere ich nur an das 
Mul der’sehe Verfahren der künstlichen Pupillenbildung, das 
Bau de ns’sehe für Operation der Zunge bei Durchschneidung 
des Musculus genioglossus und an das Speichelfistelverfahren 
von Morand. Dass für technische Apparate und Maschinen- 
Vervollkommnung zu arbeiten nicht entwürdigend ist, beweisen 
unter anderen Martin, du Bois-Reymond, Lewin und 
Waldenburg. 

Patente auf ihre technischen Vervollkommnungen zu nehmen,* 
hatten diese Herren allerdings nicht nöthig, denn Niemand muthete 
ihnen die Anfertigung der nach ihnen benannten Apparate, In¬ 
strumente u. s. w. zu. Diese Anfertigung und der für unbefugte 
Nachahmung einzuholende Schutz ist Sache der Instrumenten¬ 
macher und Bandagisten. Nicht so bei uns, die wir ausser Zahn¬ 
ärzten auch Zahntechniker sein müssen und wollen, und denen 
die Anfertigung der technischen Hilfsmittel, soweit dieselben sich 
um Nachbildung organischer Theile drehen, selbst obliegt. 

Wir werden also unser Ansehen in den Augen vernünftiger 
Menschen keineswegs schädigen, wenn wir Interesse und Liebe 
für die Ausübung unserer zahnärztlichen Technik zeigen. 

Das ärztliche Vertrauen verdienen wir allein durch den Be¬ 
weis, dass wir alle, auch die technischen Seiten unserer Wissen¬ 
schaft beherrschen. Vor Verdächtigungen anderer Art schützt uns 
unser Staatsexamen, gleichgiltig, ob dasselbe dereinst vor einer 
kleinen Commission in Ratzeburg oder jetzt in Berlin abgelegt ist. 

Wir jüngeren Zahnärzte haben die grösste Hochachtung vor 
den älteren Herren Collegen, müssen gleiches jedoch auch un¬ 
bedingt für uns beanspruchen. 


Hiernach zur Abweisung der mir persönlich geltenden Angriffe. 
Privilegirte Geheimnisskrämerei nennt Herr Kleinmann das 
Patentnehmen und zeigt damit, dass er auch nicht die geringste 
Ahnung von dem Geschäftsgänge des Patentamtes hat. Eine grös- 


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Schröder: Patentliches. 


sere Oeffentlichkeit als die, welche einer Patenterteilung vorher¬ 
geht, ist ja gar nicht möglich. 

Die Anmeldung eines begründet gefundenen Patentgesuches 
erfolgt öffentlich durch den Reichsanzeiger, und zwar mit Abdruck 
des Namens des Antragstellers und des wesentlichsten Inhaltes des 
in seiner Anmeldung enthaltenen Antrages. Hiernach liegt die 
Anmeldung mit sämmtlichen Beilagen, Probestücken und Zeich¬ 
nungen acht Wochen lang bei dem Patentamte zu Jedermanns 
Einsicht und etwaiger Einsprache gegen die Patentertheilung aus, 
und es erfolgt der Beschluss der Mitglieder des Patentamtes, zu 
welchen für die einzelnen technischen Zweige Techniker gehören, 
über die Ertheilung oder Verweigerung des Patentes. Schliesslich 
. werden die Beschreibungen und Zeichnungen aller patentirten Er¬ 
findungen nochmals in einem besonderen patentamtlichen Blatte 
veröffentlicht und einzelne Patentschriften angefertigt und verkauft. 

Private Mittheilungen pflegt man, um sich nicht unnütz Op¬ 
ponenten zu schaffen, vor Patentertheilung zu unterlassen, und 
doch machte ich die meisten auswärtigen Herren Collegen noch 
besonders auf mein diesbezügliches Vorhaben durch ihnen gesandte 
Avise aufmerksam. 

Weshalb hat sich denn damals zur geeigneten Zeit Niemand 
zur Einsprache gegen die Patentertheilung gemeldet? — Herr 
Kleinmann zog es vor, als „Anonymus“ gegen den in seinem 
Orte wohnenden Erwerber des Systems, Herrn Hofzahnarzt St., 
der die praktische Brauchbarkeit der Sache sofort rückhaltlos 
anerkannte, in den Flensburger Nachrichten unter dem Motto: 
„Prüfe Alles und behalte das Beste“, zu Felde zu ziehen und die 
Pereon dieses Herrn in so empörender uncollegialer Weise an¬ 
zugreifen, dass ich mich gemüssigt fühlte, dem Anonymus die 
Larve vom Gesicht zu nehmen und Herr College S t. ausser gleich- 
fallsiger öffentlicher Abfertigung die Injurienklage gegen Herrn 
Kleinmann einreichte. 

Und dieses Alles zu einer Zeit, in der sich Herr Kleinmann 
über die Brauchbarkeit oder Unbrauchbarkeit des Systemes noch 
gar kein Urtheil gebildet haben konnte, denn Herr College St. 
bestellte erst am 13. April 1878 das zur Anfertigung der Ge¬ 
bisse nothwendige Material, während die Angriffe des Herrn 
Kleinmann bereits am 26. und 28. März wie 7. April 1878 


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Schröder: Patentliches. 


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in den betreffenden Nummern der „Flensburger Nachrichten“ 
stattfanden. — Genaue Belege hierfür liegen zu Jedermanns Ein¬ 
sicht bereit. 

Herr Hofzahnarzt St. war der erste Erwerber, die Avise 
enthielten sich jeder Aufklärung über die Beschaffenheit des 
Systemes, und Patentanmeldung war noch nicht erfolgt. 

Wie soll man nun dieses Verfahren gegen einen in derselben 
Stadt prakticirenden hochgeachteten Collegen mit dem von Herrn 
Kleinmann selbstgewählten Motto: 

„Halte immer die Würde der Kunst aufrecht in Dir 
und bei Anderen und erniedrige sie nie zum 
Handwerk und zum Mittel niedriger Zwecke“ 
in Einklang bringen? 

War meine vorsichtige Zurückhaltung bis zur Patentanmeldung 
am Platze? 

Was soll man ferner dazu sagen, wenn dieser Herr Klein- 
mann seinen persönlichen Groll in einen, der geschätzten Ver¬ 
sammlung gehaltenen Vortrag hinüberspielt und sich zur ent¬ 
stellenden Demonstration des in Rede stehenden Patentgebisses 
und zur krankhaften Veränderung besser bekannter Thatsachen 
herbeilässt? — Denn dass die von Herrn Kleinmann angeführten 
und vorgezeigten Einzelheiten des Federsystemes mit den mir 
patentirten identisch sind, wird doch in Wirklichkeit keiner der 
Herren Collegen annehmen können; ebenso wenig, wie sich an die 
vorerzählte „Einladung“ zur Einsendung eines Geldbetrages u. s. w. 
glauben lässt. 

Die auswärtigen Herren Collegen haben die Unrichtigkeit 
dieser absichtlichen Entstellung ja grösstentheils schwarz auf weiss, 
auch Herr Kleinmann besitzt diesen richtigen Text. 

Herr Kleinmann weiss sogar noch viel mehr, er weiss auch 
durch mich selbst, dass ich fast sämmtlichen Herren Erwerbern 
vor Patentirung die sofortige Zurückzahlung des Betrages von 150 
Mark zugesichert hatte, falls das System nicht alle angegebenen 
Vorzüge besitzen und die sofortige Zurücksendung erfolgen würde; 
er weiss auch, dass keiner der Herren Erwerber von diesem An¬ 
erbieten Gebrauch gemacht hat, und doch spricht er von An¬ 
preisungen des Erfinders und vergisst die Anführung solcher 
Thatsachen. 


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Schröder: Patentliches. 


Nicht fünf oder sechs, sondern sechszehn Herren in den verschie¬ 
densten Städten besitzen bis jetzt das Nachbildnngsrecht dieser 
Patentsache, und nur zwei von all’ diesen Erwerbern haben, der 
eine nach sechs Monaten, der andere gleich, mir einige Ausstellungen 
zugehen lassen. Dieses Resultat im Vereine mit mehrfach erhal¬ 
tenen Zufriedenheitsberichten muss, auch von Patentirung ganz 
abgesehen, ein immerhin genügendes genannt werden und berechtigt 
Niemanden mit seiner persönlichen Meinung dominiren zu wollen. 
Die Verantwortung des Herrn Kleinmann mir gegenüber wird 
in einer gegen ihn angestrengten Verläuradungsklage zu erfolgen 
haben, deren Resultat ich den Herren Oollegen in diesem Organe 
mitzutheilen mir erlauben werde. Gerne möchte ich zu diesem 
Zwecke der von Herrn Kleinmann vorgelegten Platte habhaft 
werden, da dieselbe, laut Erklärung, vollständig falsch hergestellt 
sein muss und so einen Theil der Verläumdung involvirt, und 
würden mich diejenigen Herren Collegen sehr verbinden, die die 
Güte hätten, über den Verbleib dieses Unicums Auskunft zu geben. 
Federgebiss nenne ich die p. p. Construction, weil die in ver¬ 
schiedensten Formen herzustellenden, stahlharten Platinafedern leicht, 
und ohne die Glasur der eigenen Zähne abzuscheuern, über die¬ 
selben streifen und federnd, die eigene Spannkraft regulirend, 
enormen Halt schaffen. Lässt sich Platina nicht überall so hart 
beschaffen, so bietet 14- oder 18-kar. Rothgold ähnliches Material. — 
Dass hartes Platina in dieser und noch viel grösserer Dünnheit 
federt, wird jeder Zahnarzt, jeder Techniker wissen oder aus- 
probiren können; er braucht nur das Metall, ohne es zu glühen, 
von beträchtlicher Stärke bis zu der erforderlichen aaszuhämmern 
oder zu walzen. Die hieraus gefertigten Metallfedern müssen von 

V A® Q 

beiden Seiten freie Bewegung behalten und nach Erforderniss in 
Breite variiren. Die Brüchigkeit der Platte wird durch Gold¬ 
unterlager keineswegs vergrössert, da nicht Blattgold, wie Herr 
Kleinmann angiebt, sondern eine Goldplatte in 1 / 3 Stärke de 
gesammten Stückes zur Unterlage zu verwenden ist. Die Halt 
barkeit ist eine verstärkte, wenn auch nicht in dem Maasse, wie 


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Kleinmann: Replika. d. Erwiderungd. HerrnDr. F. F. Schröder. 47 

dieses bei der Erfindung des Herrn Gollegen Dr. Dun zeit der 
Fall ist. 

Das ganze Federsystem eignet sich vorzugsweise für empfind¬ 
liche Patienten, denen grosse Kautschukplatten und unzuverlässige 
Saugkraft derselben zuwider ist, und die dennoch Naturzähne zum 
Festklammem einer Goldgaze oder Anbringung feststehender 
Klammem nicht hergeben mögen. — Dass das Ideal eines künst¬ 
lichen Zahnersatzes hiermit noch lange nicht erreicht ist, weiss 
gewiss Niemand besser als ich selbst. Ich wünsche und hoffe, dass 
bald einer der geschätzten Herren Collegen weitere Verbesserungen 
auf diesem Gebiete geschaffen haben wird, und dass die zahnärztliche 
Collegialität alsdann bereits einen Standpunkt eingenommen hat, 
der Patentirung der Mühen unnöthig macht. 


Replik 

auf die Erwiderung „Patentliches“ des Herrn Dr. 
F. F. Schröder in Berlin, Friedrichstr. Nr. 160, II. 

Von 

Friedrich Kleinmann. 


Herr Schröder würde es sich viel bequemer gemacht haben, 
wenn er statt der umfangreichen, unverständlichen, theilweise er¬ 
regten Erwiderung ganz einfach erklärt hätte: „Alles was dieser 
Kleinmann in der Versammlung zu Bremen und Kiel seinen Col¬ 
legen erzählt und gezeigt hat, ist — falsch! und ich werde diesen 
Menschen wegen Verläumdung verklagen.“ — Das ist nämlich 
der unverfrorene Sinn der Schröder’schen Vertheidigungsschrift, 
die leider in einem wissenschaftlichen Fachblatte so 
grossen Raum beansprucht hat. Die lange, nichtssagende, viele 
Seiten umfassende Vorrede veranlasst mich eigentlich nicht, das 
Wort zu ergreifen, da die deutschen Collegen mich hinreichend 


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Kleinmann: Replik auf die Erwiderung „Patentliches“ 


kennen. Doch fühle ich mich dem Herrn Doctor Schröder 
gegenüber veranlasst, ein kleines Curriculum vitae zu bringen und 
Folgendes mitzutheilen. Nachdem ich mehrere Jahre lang das 
„Collegium Carolinum“ in Braunschweig besucht hatte, ging ich 
nach Göttingen, um Medicin, Chirurgie und Geburtshülfe zu studiren. 
Dabei hatte ich das Glück, kurz vor meinem Abgänge 3 / 4 Jahr 
lang Assistenzarzt am Ernst August - Hospitale daselbst zu sein-, 
auch bin ich Assistenzarzt in der Gersion’schen Augenklinik ge¬ 
wesen; die Zahntechnik erlernte ich beim Herrn Grützmacher in 
Hamburg, und schliesslich machte ich mein Staatsexamen als 
Arzt und Zahnarzt in meiner Heimath, Herzogthum Lauenburg 
und zwar in der Hauptstadt (Sitz der Regierung) Ratze bürg. 
Dass das Herzogthum Lauenburg damals eine „eigene“ Regierung 
hatte, die sogar ihr „eigenes“ Staatsexamen verlangte, scheint 
Herr Schröder nicht zu wissen. Ferner scheint er nicht zu 
wissen, dass das Examen vor einer fremden wissenschaftlichen 
Prüfungscommission viel schwerer ist, als vor den academischen 
Lehrern. Als Beweis führe ich an, dass zu meiner Studien¬ 
zeit Mediciner mit ihrem „Doctor“ in der Tasche von Göttingen 
nach Hannover gingen, wo sie, wenn sie im hannoverischen 
Lande prakticiren wollten, ihr „Staatsexamen“ vor einer 
Prüfungscommission machen mussten. Nicht alle waren so glück¬ 
lich, ihren Wunsch erfüllt zu sehen, und gingen deshalb als 
praktische Aerzte nach Amerika. 

Dass Herr Schröder noch Manches nicht weiss, ist zu ent¬ 
schuldigen, weshalb ich auch gern bereit bin, ihm Aufklärung zu 
geben. — Meine einfachen Worte: „Der Herr Justizminister hat 
vor einigen Jahren auf unsere Veranlassung die Königlichen Staats¬ 
anwälte beauftragt, uns in dieser Hinsicht zu schützen“, setzen 
den Herrn Schröder, wie er sagt, in grosses Erstaunen, 
da er nach eingezogenen Erkundigungen nichts davon 
vernehmen konnte. Da ich nun nie Etwas ohne Grund 
behaupte, so bitte ich gefälligst aufschlagen zu wollen: Deutsche 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1877, Seite 111, damit der in 
grosses Erstaunen gesetzte Herr Doctor die Antwort Sr. Exellenz des 
Justizminister Dr. Leonhardt vom 18. Dec. 1876 selbst lesen kann. 
— Dass Herr Schröder dem „Kleinmann’schen Dogma“ (mit den 
Patentgebissen keine Reclame zu machen!) die Verdienste seines 


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des Herrn Dr. F. F. Schröder. 


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hochverehrten Landsmannes „Dieffenbach“ entgegenstellt, ist mir 
zu komisch, um über solche Phrasen auch nur ein Wort zu ver¬ 
lieren. Ebenso unpassend ist die Erwähnung des Processes, den 
ich wegen seines „Geheimnisses“ mit dem hiesigen Hof¬ 
zahnarzte St. führen musste. Es ist aber unrichtig, wenn Herr 
Schröder behauptet: mir dabei die „Larve vom Gesichte“ ge¬ 
nommen zu haben. Ein Mann, der Jahre lang Präses des Vereins 
Schleswig-holsteinischer Zahnärzte, Vicepräses des Central Vereins 
deutscher Zahnärzte, Präses der Flensburger Turnerschaft und 
endlich Vicepräses des hiesigen Gesangvereins (von über 1000 
Mitgliedern) ist, ein Mann mit dem Grundsätze: „Thue Hecht 
und scheue Niemand!“ braucht keine Larve. — Durch diesen 
Process bin ich weder hei meinen Collegen noch bei meinen Mit¬ 
bürgern in Achtung gefallen, im Gegentheil „wer die Wahrheit sagt, 
braucht sich nicht zu fürchten“. — Da in wahren Thatsaehen wohl 
eine „Beleidigung“, aber nie eine „Verläumdung“ zu finden ist, so 
wäre ich vielleicht wegen Beleidigung in Geldstrafe genommen, wenn 
der Herr Hofzahnarzt St. mich nicht gleichzeitig öffentlich wieder 
beleidigt hätte. Das Gericht erachtete, dass hier eine Compen- 
sation am Platze wäre, denn k die Beleidigungen hoben sich gegen¬ 
seitig auf. Auch Herr Schröder drohte mir bereits mit zwei 
Klagen. Vor Monaten mit einer „Patentklage“ und jetzt mit einer 
„Verläumdungsklage“, wofür ihm jedoch jeder Anhalt fehlt. — 
Erst hatte ich Lust, Herrn Schröder zu verklagen, weil er von 
„Verläumdung', absichtliche Entstellungen“ u. s. w. spricht, aber 
wozu dem Manne noch Kosten machen, da ihm der „Patenthandel“ 
schon verdorben ist. — In der SchrödeFschen Verteidigungs¬ 
schrift finden sich zwei Behauptungen, die von besonderem In¬ 
teresse sind. Erstens sagt er, dass der Hofzahnarzt St (Er¬ 
werber des Systemes) „die praktische Brauchbarkeit der 
Sache sofort rückhaltlos anerkannte“. — Wenn diese 
„rückhaltlose Anerkennung“ eines Hofzahnarztes dem Herrn 
Schröder mehr gilt, als das Urtheil aller deutschen Collegen, 
dann überlasse ich die Schlussfolgerung dem erfinderischen 
Geiste meines Gegners. Zweitens sagt Schröder wörtlich: 
„Herr College St. bestellteerst am 13. April 1878 das 
zur Anfertigung der Gebisse nothwendige Material, 

während die Angriffe des Herrn Kleinmann bereits 
xx. 4 


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50 Kleinmann: Replik auf die Erwiderung „Patentliches“ 


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am 26. und 28. März und am 7. April 1878 in den betreffen¬ 
den Nrn. der „Flensburger Nachrichten “ stattfanden.“ 
Thatsache ist nun, dass der Hofzahnarzt St. hierselbst schon vor 
dem 26. März, diese „Wundergebisse“ öffentlich durch Extra¬ 
blätter und Placate empfahl. 1 ) — Wenn Herr Schröder von 
„persönlichem Groll“ spricht, so kann davon keine Rede 
sein. Ich kenne den Herrn nicht persönlich, auch ist mir die 
Person in wissenschaftlichen Dingen gleichgiltig, ich betrachte 
stets die Sache, wie sie ist. Bei diesen famosen „Patentfeder¬ 
gebissen“ gehörte wahrlich nicht viel dazu, um auf beiden zahn¬ 
ärztlichen Versammlungen die „einstimmige“ Verurtheilung zu 
erlangen. Daher wohl der — „SchrödePsche Groll!“ — Wenn 
sich aber Herr Schröder erlaubt zu sagen: „Dass die von 
Herrn Kleinmann angeführten und vorgezeigten Ein¬ 
zelheiten des Federsystems mit den mir patentirten 
identisch sind, wird doch in Wirklichkeit keiner der 
Herren Gollegen annehmen können,“ und mich dadurch 
als einen Mann darstellt, der seine Gollegen täuscht, so ist das 
einfach nicht wahr! Hat Herr Schröder denn vielleicht mehrere 
„Federsysteme“ patentiren lassen? Das vorgezeigte Material 
zur Anfertigung des Federsystems und die Platte selbst 
stammt von dem Herrn Dr. F. F. Schröder, Friedrichsstrasse Nr. 
150, 2. Etage, und ist „identisch“ mit den Abbildungen der 
Patentschrift, Das sog. Federgebiss ist also ein „Original“ 
und befindet sich in meinem Besitze. Der frühere Eigen- 
thümer wollte es nicht mehr im Hause haben und schenkte es 
mir zum — Andenken. — Herr Schröder behauptet ferner: 
das was ich „Blattgold“ nenne, sei eine Goldplatte; dann wundert 
mich, dass der Erfinder diese sog. Goldplatte nicht vorher 
stampft, damit sie doch wenigstens keine Falten bildet, denn das 
erlaubt die Schleimhaut des Mundes nicht. 

Mit der Zahl der glücklichen (?) Mitbenützer will es auch 


*) Am Freitag, den 22. März 1878 erschien nämlich in Nr. 69 
der Flensburger Nachrichten ein „Extrablatt“, worin „Künstliche 
Zähne neuester verbesserter Gonstruction, angefertigt vom Hofzahnarzt 
St. in Flensburg“ (in 3600 Exemplaren; 100 Exemplaren extra und 100 
Exemplaren in Folioformat), empfohlen wurden. 


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des Herrn Dr. F. F. Schröder. 


51 


nicht recht stimmen. Schröder giebt jetzt die Zahl auf „sechs¬ 
zehn“ an, womit ich vollkommen einverstanden bin. Auch gebe 
ich ihm Recht, wenn er sich darüber wundert, dass nur „zwei“ 
dieserHerren„ihm einige Ausstellungen zugehen Hessen“. 
— Das Wunder wird aber dadurch gelöst, dass die Herren, so 
viel ich sie kenne, gut situirt sind und denken: „lieber Schaden 
als Spott!“ Ja ich kenne sogar einen Collegen, der mir sagte: 
„dass er aus Furcht schweige!“ — Das ist allerdings zu be¬ 
wundern, aber doch nicht als eine „Zustimmungsadresse“ zu be¬ 
trachten. Wenn Herr Schröder, wie er sagt, wirklich „mehr¬ 
fache Zufriedenheitsberichte erhalten hat“, dann be¬ 
greife ich in der That nicht, weshalb er sie hier nicht veröffent¬ 
lichte. Vielleicht könnten sie diese „unglücklichen Patentgebisse“ 
wieder auf die Beine bringen (?). Ich bin allerdings in der Lage, 
„Unzufriedenheitsberichte“ zu besitzen, die sich aber 
wegen ihres privaten Charakters der Oeffentlichkeit entziehen, und 
bitte deshalb mit drei bereits öffentlichen Proben, die von ehren- 
werthen Collegen stammen, vorlieb zu nehmen. 

1 ) Herr Dr. Paul Faber aus Mannheim warnt in der 
am 12. April 1879 zu Frankfurt a. M. abgehaltenen zahnärzt¬ 
lichen Versammlung vor den Schröder’sehen Patentfedergebissen 
(siehe Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1879, S. 395). 
Daselbst heisst es wörtlich: „Herr Dr. Faber warnt vor den 
Schröder’schen Patentfedergebissen. Es sei genügend, wenn er 
sage, dass er sich für „hineingefallen“ (!) erachte.“ Kann 
man ein grösseres Misstrauensvotum für die Patentgebisse ver¬ 
langen?! — 

2) Herr Zahnarzt Seiffert in Potsdam schreibt in seinem 
„zahnärztlichen Boten“ 1879, S. 210 wörtlich wie folgt: 

„Ein Patentkrämer sucht das vom Dr. Schröder, 
Berlin, Friedrichsstrasse Nr. 150, erlangte Reichspatent auf Feder- 
Zahngebisse dadurch auszubeuten, dass er dasselbe wie saures 
Bier mittelst autographischen Circulars den Zahnärzten und Zahn¬ 
technikern (!) in den Provinzen anbietet, etc. etc.“ 

Der „zahnärztliche Bote“ scheint auch nicht für die Patent¬ 
gebisse zu schwärmen. 

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52 Kleinmann: Replik a. d. Erwiderung d. Herrn Dr. F. F. Schröder. 


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3) Herr Zahnarzt Padel in Hadersleben stellt mir folgende 
Correspondenz zur Verfügung: 

Copie A. Berlin, 17. Juni 1879. 

Werther Herr College! 

Soeben erfahre ich, dass die mit dem Vertriebe betraute 
Firma das übernommene Patent Nr. 4393 für das zweite Jahr 
nicht durch Zahlung der Patentgebühr aufrecht erhalten will 
und stelle deshalb den Herren Erwerbern unsere gemeinschaft¬ 
liche Aufrechthaltung des Patentes für das zweite Jahr anheim. 
Zur Benutzung der Patentsache sind ausser mir elf Herren 
berechtigt. Die Gebühr für das zweite Jahr beträgt 50 Mark, 
und es fällt deshalb auf den einzelnen die Kleinigkeit von 4 
Mark und 16 Pfennige. — Liegt also Ew. Wohlgeboren an 
der ferneren Aufrechterhaltung des Patentes, so sehe der Ein¬ 
sendung dieses Betrages bis zum 20. dieses Monats spätestens 
entgegen, und werde ich die Uebermittelung der gesammten 
Beiträge an das kaiserliche Patentamt gern besorgen. Auf 
diese Weise können wir Patent nach Belieben leicht aufrecht 
halten, was mir allein zu theuer ist. 

Hochachtungsvoll 

Dr. Schröder, 
Friedrichsstrasse 150, H. 

Der Schluss dieses Briefes ist zu bezeichnend, um nicht noch 
einmal wiederholt zu werden: „was mir allein zu theuer 
ist“. Also die grosse Errungenschaft (?) in der Zahntechnik ist 
dem Erfinder, trotz des empfangenen Geldes, keine 50 Mark 
werth, so dass er sich gezwungen sieht, bei jedem Benützer um 
„die Kleinigkeit von 4 Mark und 16 Pfennige zu bitten“. 

Arme Kunst, wo hist du gebliehen?! 

Antwort. 

Copie B. Hadersleben, 19. Juni 1879. 

In Erwiderung Ihrer Karte vom 17. dieses Monats theile 
Ihnen mit, dass ich mich auf fernere Zahlung durchaus nicht 
einlassen kann. Ich habe seiner Zeit das Recht der Anfer¬ 
tigung der Federgebisse von Ihnen erworben, ohne dass von 


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Journalschau. 


53 


späteren Kosten die Bede gewesen ist, und dass dieses Recht mir 
ungeschmälert bleibe, dazu werde ich mich an Sie halten. Ich 
habe für die gehabten Kosten nur den Vortheil, dass ich für 
meinen Wirkungskreis fremder Reklame mit der Er¬ 
findung entgegen treten kann. Eingebracht hat sie 
mir noch keinen Pfennig und wird es auch nicht thun, 
da nach meiner Ueberzeugung und als gewissen¬ 
hafter Mensch ich die Gebisse keinem Menschen em¬ 
pfehlen kann. Es ist Ihnen wohl nicht bekannt, dass die 
für Aufrechthaltung des Patentes jedes Jahr zu zahlende Summe 
mit jedem Jahre um 50 Mark steigt, so dass im zweiten 100 
Mark, im dritten 150 Mark u. s. w., im fünfzehnten, bis zu 
welchem das Patent läuft, 750 Mark zu zahlen wären. Durch 
den Abgang eines oder des andern der Theilnehmer würde 
ausserdem in dieser Zeit der Beitrag für den Einzelnen noch 
mehr anwachsen. * 

P a d e 1. 

Hiermit schliesse ich die Sache. Das thatsächliche Material, 
das ich meinen Collegen im Vorstehenden der Wahrheit gemäss 
geboten habe, wird jeden in Stand setzen, sich selbst ein Urtheil 
zu bilden. 


Journalschau. 


Allgemeine Wiener medioinische Zeitnng. 

No. 12. — 25. März 1879. 

Ein Speichelstein von ungewöhnlicher Grösse (Dr. A. 
Steiger im Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte vom 1. März 
1879) wurde aus dem Munde eines 30jäbrigen Dampfschiffsmatrosen 
nach Aufschlitzen des Wh*irton’sehen Ganges linkerseits entfernt. 
Derselbe hatte eine dreieckige Gestalt, wog 7*/ 2 g, zeigte eine ganz 
warzige Oberfläche und bestand fast nur aus Phosphat von Kalk 
und Magnesia nebst etwas Carbonat derselben Basen. Der grösste 
Umfang betrug 9,4 cm, der kleinere 5,8 cm, die Höhe 2,2 cm, 
die Länge 3,4 cm und die Dicke 1,4 cm. 


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Jouraalschau. 


Apotheker Zeitung 

No. 16. — 5. April 1879 

warnt vor einem in Belgien patentirten Zahnmittel (T. L. Smits 
in Brüssel), das aus parfümirtem Harne Cystinuriekranker bestehen 
soll. Unglaublich, aber anscheinend möglich bei der Gedanken¬ 
losigkeit, von der so oft bei Patenterteilungen Beweise Vor¬ 
kommen. 

No. 17. — 12. April 1879. 

Gegen Carbolintoxication in Folge wiederholter Verbände mit 
5 proc. Lösung soll Natr. sulf. ein vorzügliches Antidot bilden. 
Erwachsene 5—8:200, Kinder 2—5 : 200. 


Berliner klinische Wochenschrift 

14. April 1879 

enthält die Beschreibung eines Falles von acnter Carbolsänre- 
vergiftung durch Resorption von Dr. Prätorius in Katzen¬ 
elnbogen in Folge eines Clysma von ca. 1 / 6 Liter ‘/aProc. Carbol- 
lösung. Patientin, eine 45jährige, schwächliche Frau litt seit 
mehreren Tagen an Diarrhoe, die dem Gebrauche des Opium 
nicht gleich weichen wollte, vielmehr die Körperkräfte zu reduciren 
drohte. 

Die Kranke klagte nach Einbringung der Flüssigkeit in den 
Darm über Ohrensausen, Schwindel, Schwäche, wurde halb ohn¬ 
mächtig, welcher Zustand trotz aller Reizmittel, Auspressen des 
Darminhaltes und Ausspülen des Darmes mit warmem Wasser ca. 
zwei Stunden anhielt Ueble Nachwirkungen traten nicht ein. 


Dasselbe Blatt enthält eine interessante Mittheilung von Prof. 
Dr. Kussmaul in Strassburg i. E. über eine anfallsweise auf¬ 
tretende Speichelgesch willst in Folge von chronischer, eitrig¬ 
fibrinöser Entzündung des Stenson’schen Ganges. 

Die Kranke ist eine Dame von 32 Jahren, Mutter von vier 
Kindern, hat an keiner besonderen Erkrankung gelitten, zeigt 
auch keine Menstruationsunregelmässigkeiten. Vor zehn Jahren 


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% 


Journ&lschau. 55 

hatte sie sich an einen Zahnarzt gewendet, der bei seinem Han¬ 
tieren ihr stark anf die Wange drückte; seitdem will sie eine Em¬ 
pfindung in der Kiefergelenkgegend haben, „als wären ihr die 
Kiefer aasgerenkt worden“. Doch erst seit vier Jahren steigerte 
sich die lästige Empfindung an den Kiefergelenken zeitweise be¬ 
trächtlich. Der Hausarzt verstand sich, da er sonst Nichts fand, 
einmal dazu, Bewegungen, wie bei Einrichtung verrenkter Kiefer 
auszuführen, worauf das Gefühl 14 Tage lang wegblieb, bald aber 
wiederkehrte. Es kam sogar zu vorübergehenden leichten An¬ 
schwellungen der Wange in der Parotisgegend. Vom Sommer 
1875—77 stellten sich alle fünf bis sechs Monate stets während 
des Essens plötzliche Anschwellungen der Wange ein, die nur 
kurze Zeit dauerten, weder von Schmerz noch Hitzegefühl begleitet 
waren und nur durch ein unangenehmes Druckgefühl belästigten. 
Jedesmal ging ein salziger Geschmack im Munde einige Tage 
voraus und blieb, nachdem die Geschwulst geschwunden war, noch 
einige Tage zurück. Ein cariöser Weisheitszahn, auf den man 
das Leiden zurückführte, wurde erfolglos extrahirt. 

Im Sommer 1877 kam es zuerst zu einer mehrere Tage 
dauernden und besonders beim Essen schmerzhaften Anschwellung. 
Nach tropfenweiser Entleerung von dickem Eiter aus dem Stenson’- 
schen Gange schwand die Geschwulst. Seitdem traten öftere An¬ 
schwellungen auf 1 in Pausen von zwei bis drei Wochen oder länger. 
Der Verlauf war bald schneller, bald langsamer und bean¬ 
spruchte im März 1878 acht Tage. Bei diesem Anfalle soll die 
Geschwulst sich in wenigen Minuten gebildet haben und sehr 
schmerzhaft gewesen sein. Fieber kam nie zu Stande. Trockene 
Wärme wurde besser als kalte Umschläge vertragen. Beim Nach¬ 
lasse der Anschwellungen entleerte sich nicht nur Eiter, sondern 
auch feine faserige Cylinder, deren fibrinöse Natur mikroskopisch 
festgestellt wurde, aus dem Ductus. Mit einem feinen, in der 
Mitte zusammengebogenen Platindrahte konnte 4 cm tief in den¬ 
selben eingedrungen werden. Die Kranke lernte sich selbst son- 
diren und fand in den Anfällen von Speichelverhaltung dadurch 
Erleichterung, da beim Herausziehen die eiterig-fibrinösen Pro¬ 
ducts folgten, denen wiederum heller Speichel nachstürzte. 

Anfang November 1878 trat ein Anfall mit Anschwellung in der 
Gegend beider Parotiden auf, links weniger heftig. Am 27. November 


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Journalschau. 


sah Prof. E. zum ersten Male die Kranke, die vorher von Herrn 
Kreisarzt Dr. K. behandelt worden war. Die rechte Wange war 
im Umfange eines Reinetteapfels roth, heiss, derb anzufühlen, vom 
Ohr bis unter den Kieferwinkel stark geschwollen; nach dem Ange 
hin verlor die Anschwellung sich allmftlig; Druck verursachte 
Schmerz. Bei Kaubewegungen schwoll die Gegend sichtlich mehr 
an, die Geschwulst wurde noch derber. Die Sonde gelangte nur 
etliche Millimeter tief in den Gang; beim Herausziehen floss 
gelber, rahmiger Eiter und faseriges Gerinnsel nach, dann viel 
heller, durchsichtiger Speichel, worauf die Geschwulst sich minderte 
und die Sonde 4 cm tief in den Gang eindringen konnte, der 
innen eine Erweiterung bemerken liess. Fieber war nicht vor¬ 
handen. Bei der im Januar 1879 erfolgenden Speichelverhaltung 
wurde in der frisch entleerten Flüssigkeit ein gut 3 cm langer, 
faseriger Strang von der Dicke einer feinen Stricknadel gefunden. 
Die hei den beiden letzten Anfällen erhaltenen Absonderungs¬ 
flüssigkeiten nach dem Sondiren erhielt Herr Prof. v. Reckling¬ 
hausen zur Untersuchung, welche fibrinöse Gerinnsel und Wuche¬ 
rungen epithelialer Zellen ergab; bei der ersten Untersuchung 
wurde ein C har cot’scher Krystall gefunden. Seit einigen Mo¬ 
naten braucht Patientin Pastillen mit chlorsaurem Kali, die sie 
den Tag über im Munde zergehen lässt. 

Prof. K. bemerkt, in der Literatur einen* ähnlichen Fall 
nicht gefunden zu haben, glaubt aber nicht, dass er lange allein 
stehen werde, da die primäre, nicht infectiöse Sialodochitis, wie 
sie durch Quetschungen und andere traumatische Einwirkungen 
auf die Speichelwege, durch eingedrungene Fremdkörper vom 
Munde her (Speisetheilchen, Mundpilze u. s. w.) zu Stande kommen 
kann, gewiss nicht so selten ist, wie man aus der Schweigsamkeit 
der Lehrbücher schliessen müsste. Ueber die interessanten ätio¬ 
logischen Bemerkungen zu der Speichelgeschwulst (Tumor salivalis)- 
Anschwellung der Parotis durch Speichelverhaltung nach v. Bruns 
vergleiche man die Originalabhandlung. 

K. bezeichnet den Zustand als einen chronischen Croup des 
Stenson’schen Ganges, der sich ähnlich verhält, wie jene Form 
von chronisch-fibrinöser Bronchitis, die aus einer Reihe acuter 
und subacuter Anfälle mit längeren Intervallen sich zusammensetzt 
(Lebert, Klinik der Brustkrankheiten, Bd. I, S. 135). 


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Joumalschau. 


57 


Schmidt’s Jahrbücher der in- und ausländischen gesammten 
Medioin 1879. Bd. lgl, S. 182. 

Gestützt auf eine Reihe von Experimenten, empfiehlt Dr. 
Frank, Physikus in Braunschweig („Ueber die einfachste 
und sicherste Methode der Rettung in scheintodten 
Zuständen“. Braunschweig 1877; Druck von Meyer & Pappen¬ 
berg), als das einfachste und sicherste Rettungsverfahren in allen 
entwickelten Formen von Scheintod, die mechanische Erschütterung 
des Herzens und der Brustorgane überhaupt oder die pectorale 
Concussion. 

Dieses Verfahren wird in folgender Weise ausgeführt: Nach¬ 
dem die Leiche den Einflüssen, welche den abiotischen Zustand 
herbeiführten, rasch entzogen und an einem passenden, möglichst 
der frischen Luft zugänglichen Orte auf der Erde oder einem 
Tische in die horizontale Rückenlage gebracht ist, entfernt man 
zunächst alle Hindernisse einer freien Circulation und Respiration. 
Hierauf bringt man die gestreckten Hände in den Handgelenken 
so weit zurück, dass dieselben mit den Vorderarmen einen dem 
rechten sich nähernden stumpfen Winkel bilden, legt die Hände 
dicht nebeneinander fest auf den entblössten oder nur leicht be¬ 
deckten Unterleib (in der Ileocöcalgegend) und schiebt die Bauch¬ 
eingeweide mit den Handtellern stossweisse in der Richtung von 
unten und rechts nach links und oben gegen das Zwerchfell und 
das auf demselben ruhende Herz. Nachdem die Baucheingeweide 
in dieser Position durch den kräftig ausgeführten Druck der 
Hände einige Secunden lang erhalten sind, zieht man die Hände 
rasch von dem Körper ab und wiederholt die Manipulation ca. 
20 Mal hintereinander. Sodann lässt man eine Pause von einigen 
Minuten eintreten, in welcher der Brustkorb (insbesondere die 
Herzgegend) durch Klatschungen mit den flachen Händen möglichst 
stark erschüttert wird. Hierauf beginnt die beschriebene Procedur 
von Neuem. Erscheint hierbei die Ausführung erschwert, so ist 
dieses als ein sehr günstiges Zeichen anzusehen, indem dann die 
bisher erschlafften Bauchmuskeln nebst dem Zwerchfelle sich wieder 
zu contrahiren anfangen. Gleichzeitig bemerkt man in diesem 
Falle leichte Zuckungen an den Mundwinkeln und Augenlidern, 
bis plötzlich ein Rothwerden des bis dahin bleichen Gesichtes die 


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58 


Journalschau. 


wieder erwachende Thätigkeit des Herzens knndgiebt Fast un¬ 
mittelbar nach dieser Erscheinung stellt sich dann in der Regel 
spontan ein Athemzng ein« Hört man jedoch schon jetzt mit 
dem Rettungsverfahren anf, so schwinden auch die Zeichen des 
nen erwachenden Lebens wieder. Setzt man dagegen die be¬ 
schriebene Manipulation fort, so kann man gewöhnlich bald durch 
das auf die Brust gelegte Ohr einzelne schwache Herzschläge 
unterscheiden, zuweilen anch an der Art carotis oder radialis den 
Puls wahrnehmen. Ist dieses der Fall, bo reicht es aus, die Bauch¬ 
eingeweide nur mässig, jedoch in rhythmischer Weise zu com- 
primiren. Hierbei kehrt dann gewöhnlich die Athmung wieder, 
anfangs rasselnd und aussetzend, später tiefer und regelmässiger. 
Erst wenn das Athmen und der Blutkreislauf ohne Einwirkung 
im regelmässigen Gange bleiben, darf man mit der pectoralen 
Concussion aufhören und den immer noch sehr trägen Kreislauf 
durch passive Bewegung der Glieder (insbesondere durch sogenanntes 
Drnckstreichen in der Richtung von der Peripherie nach dem 
Herzen) und Reibungen der Haut unterstützen. Dabei werden 
die Erscheinungen des wiederkehrenden Lebens immer deutlicher 
bemerkbar. Der Puls ist kräftiger zu fühlen, die Kälte der Ex¬ 
tremitäten schwindet, die Augenlider werden geöffnet, und die 
Augen erhalten den Ausdruck des Lebens. Der gleichsam aus 
dem Todesschlafe Erwachte bewegt einzelne Glieder; Gehör, Ge¬ 
fühl und endlich das Bewusstsein kehren zurück. 

In der Mehrzahl der Fälle werden die Manipulationen in 
der angegebenen Weise ausführbar sein; bei sehr starken (ins¬ 
besondere fetten) Personen ist es jedoch erforderlich, sich zum 
Hinaufschieben der Baucheingeweide der zur Faust geballten 
Hände zu bedienen, während bei Kindern die quer über den 
Unterleib gelegte rechte Hand hierzu ausreicht. Wie lange Zeit 
bei nicht glücklichem Erfolge das Rettungsverfahren fortzusetzen 
ist, lässt sich im Allgemeinen nicht bestimmt angeben. Während 
Bouchot das nur einige Minuten lange Fehlen der Herzschläge 
als Zeichen des wirklichen Todes ansah, haben andere Aerzte 
Fälle von Scheintod mitgetheilt, in welchen 15 bis 30 Minuten 
jedes Zeichen der Herzthätigkeit fehlte. Neuere Versuche an 
Thieren mit Kalisalzen haben sogar bewiesen, dass selbst nach 
40 Minuten langer Dauer eines Zustandes, der sich in Nichts vom 


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Joumalschau. 


59 


Tode onterscheiden lässt, das Leben vollständig wiederkehren 
kann. (Böhm in Dorpat.) 

Das Herz wird bei der pectoralen Concossion mechanisch 
erschüttert und zu neuer Thätigkeit angefacht, die Stagnation des 
Blutes im Herzen, sowie in den Gefässen der Brust und Bauch¬ 
höhle wird beseitigt und die Circulation besonders im kleinen 
Kreisläufe direct unterstützt. Zu gleicher Zeit wird das Zwerch¬ 
fell zu Contractiouen angeregt, die in den Lungen stagnirende 
Luft ausgetrieben und das Eindringen einer reinen, sauerstoff¬ 
reicheren Luft in dieselben gefördert. Keine der bekannten 
Bettungsmethoden vermag daher die pectorale Concussion an Wirk¬ 
samkeit zu übertreffen. Wo dieselben (insbesondere die verschie¬ 
denen Arten der künstlichen Bespiration) bemerkenswerthe Erfolge 
hatten, war dies wahrscheinlich nur durch die unabsichtlich mit¬ 
bewirkte mechanische Einwirkung auf Herz und Kreislauf der 
Fall. Eine solche wird aber durch die pectorale Concussion weit 
vollkommener erzielt. Letztere hat ausserdem vor vielen anderen 
Bettungsmethoden den Vorzug, dass sie ohne Gehilfen und Ap¬ 
parate zu jeder Zeit und an jedem Orte ohne Säumen in An¬ 
wendung gebracht werden kann. 

1 ) Scheintod durch Chloroform nach Entfernqpg einer carcino- 
matösen Geschwulst vom Nasenrücken einer Frau. 

2 ) Asphyxie durch Croup, nach Ausführung der Tracheotomie 
andauernd. 

3) Asphyxie durch Bluterguss in die Luftröhre bei Aus¬ 
führung einer Tracheotomie. 

4) Asphyxie durch Eitererguss in die Luftröhre nach einer 
wegen Perichondritis laryngea unternommenen Tracheotomie 
während der versuchsweisen Entfernung der Canüle. 

5) Scheintod eines neugeborenen Kindes nach sehr schwie¬ 
riger Zangengeburt. 

6 ) Scheintod eines Neugeborenen nach schwerer Geburt in 
der Gesichtslage. 

7) 8) u. 9) Drei Fälle von Scheintod durch Athmen von 
Kohlenoxydgas. 

10 ) Scheintod durch Ertrinken. 

In einem Falle von hochgradigem Scheintod, welcher bei 
einer von Dr. Steinmeyer in Braunschweig wegen Diphtheritis 


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Joumalschau. 


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im Larynx bei einem Kinde yorgenommenen Tracheotomie in 
Folge der Chloroformirung eingetreten war, gelang es dem bei 
der Operation assistirenden Dr. Ferge, durch Anwendung der 
pectoralen Concnssion ebenfalls das Leben des Kindes zu retten. 


Pharmacentische Zeitschrift far Russland. 

Die unterscheidenden Merkmale der Carbolsäure und 
des Creosots von Allen. Verfasser macht auf einen Umstand 
aufmerksam, welchen man bisher nicht kannte, nämlich, dass die 
Carbolsäure durch einen Gehalt an Cresylsäure dem Creosot ähn¬ 
licher wird. Unter anderem bemerkt der Verfasser, dass Carbol¬ 
säure gegen 27 °/ 0 Wasser aufzunehmen vermag und damit eine 
Lösung giebt. Cresylsäure nimmt nur gegen 14 °/ 0 Wasser auf. 
Das Carboisäurehydrat, dessen Schmelzpunkt bei 17° liegf, ent¬ 
hält 16,07 °/ 0 Wasser (C 6 Hg 0 + H 2 0). Alle drei genannten 
Substanzen lösen sich in Benzol, Chloroform, Schwefelkohlenstoff 
und Aether in jedem Verhältnisse. 

Zur Lösung erfordern: 

1,8 c. c. Carboisäurehydrat 20 c. c. Wasser, 

1 Vol. „ 11,1 VoL „ 

1 Vol. Cresylsäurehydrat 29 Vol. „ 

1 8 n 31 g ,, 

Wasserfreie Carbolsänre ist in Glycerin von 1,258 specifischem 
Gewicht in jedem Verhältnisse löslich. Eine Mischung aus 
gleichen Volumen beider wird durch Zusatz von drei Volumen 
Wasser nicht verändert Enthält die Carbolsäure 25% Cresyl¬ 
säure, so erfolgt schon auf Zumischung von 2 Volumen Wasser 
eine Scheidung. 

Wasserfreie Carbolsäure ist ebenfalls in Glycerin in jedem 
Verhältnisse löslich, eine Lösung von gleichem Volumen wird aber 
durch ein Volumen Wasser wieder vollständig geschieden. 

Creosot ist in Glycerin unlöslich. 

Wasserfreie Carbolsäure oder Cresylsäure, mit ihrem halben 
Volumen Collodium gemischt, schlagen die Nitrocellulose als Gallerte 
nieder, Creosot mischt sich damit klar. Giebt man zn dem 


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Besprechungen. 


61 


ersteren Gemische in reichlicher Menge Creosot, so löst sich die 
abgeschiedene Cellnlose wieder auf. 

Hiernach wäre bei der Prüfung des Creosots die Nicht¬ 
löslichkeit in Glycerin ein entscheidender Umstand für seine 
Beinheit. 


Besprechungen. 

Witzei’ s Werk. 

In Bezug auf Witzel’s Werk sagte in der American 
Dental Association nach dem Dental Cosmos, November 
1879, S. 613, Herr Dr. Bödecker etwa Folgendes: Ich glaube, 
dass darin sehr viele Irrthümer vorhanden sind. Was die Be¬ 
merkungen über das Arsenik betrifft, so ist die Wirkung desselben 
keineswegs nur eine oberflächliche. Ich glaube kaum, dass Herr 
Witzei die Präparate so gesehen hat, wie er sie abgebildet, 
denn bei seiner Präparirmethode und bei seiner Art und Weise, * 
wie er die Präparate unter das Objectglas gebracht hat, kann er 
eben nur die Oberfläche der Pulpa beobachten, und seine Schlüsse 
sind mehr Hypothesen als wirklich constatirte That- 
sachen. Er sagt ferner, dass Pulpen durch Bedeckung mit Zink- 
cement niemals conservirt werden können. Das entspricht nicht 
den Thatsachen. Denn einem Verwandten bedeckte ich vor etwa 
sieben Jahren die Pulpa mit dieser Masse. Zwei Jahre später 
entfernte ich die Gementkappe, bedeckte die Pulpa wiederum mit 
Creosot und Zinkoxyd und füllte mit Zinkcement. Vor einem 
Jahre untersuchte ich von Neuem den Zahn; derselbe war voll¬ 
ständig gesund, aber ohne Ablagerung von Ersatzdentin. Witzei 
scheint zu glauben, dass wir in Amerika exponirte Pulpen nur 
mit Zinkcement bedecken. 

Die Bilder von Heitzmann sind sehr schön, aber zu sche¬ 
matisch. Bis jetzt war es mir noch nicht möglich, eine Arterie 
in der Pulpa zu entdecken, wie sie in den Bildern dargestellt ist, 
obgleich ich nicht behaupten will, dass keine darin wären. 


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62 


Besprechungen. 


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Atkinson sagte darauf: Wenn Sie die Histologie der Zähne 
genau studiren wollen, dann übersetzen Sie WitzePs Werk nicht. 
(Es war nämlich vorgeschlagen worden, WitzePs Werk zu über¬ 
setzen.) 

Wir selber haben bis jetzt uns noch kein Urtheil über 
WitzePs Werk erlaubt. Es ist uns ungeheuer schwer geworden, 
uns durch die ausserordentlich breite Darstellung durchzuarbeiten, 
und um so weniger, als wir auch nicht einen neuen Gedanken 
darin gefunden haben. Wer die amerikanischen Journale der 
letzten Jahre aufmerksam durchgelesen hat, wird wissen, dass 
Alles, was Herr Witzei in seinem dickleibigen Buche gesagt hat, 
längst, freilich viel kürzer, in den verschiedenen Verhandlungen 
über die Behandlungen der blossliegenden Pnlpa auseinandergesetzt 
ist. Ausserdem scheint es uns, dass Herr Witzei immer noch 
einige pathologisch-anatomische Studien machen könnte. Denn da 
von einer Verkreidung der Pulpa zu reden, wo, nach seinen 
Bildern zu urtheilen, deutliche partielle Vereiterung vorhanden ist, 
das scheint uns doch etwas zu stark. 

Ferner können wir gar nicht einsehen, wozu Witzei so 
viele Bilder von erkrankten Pulpen gegeben hat, die alle nur ein 
und dieselbe Veränderung zeigen. 

Was ausserdem WitzePs staunenerregende Behauptung be¬ 
trifft, dass er mit dem Excavator zuweilen kleine Odontome (oder, 
wie er sie nennt, „Dentikel“) gefühlt hat, so sind wir vielleicht zu 
ungeschickt, um das Kunststück ihm nachzumachen. 

Dass er das Wegschneiden der Pulpa „amputiren“ nennt und 
für die so geringfügige Operation ein grosses Wort wählt, liegt 
wohl nur daran, dass Herr Witz el überhaupt in grossartigen Bildern 
und Worten zu leben gewöhnt ist, da er von seiner Bedeutung 
mehr als jeder Andere vollständig durchdrungen ist. 

Dies nur eine kurze Notiz. 

Hoffentlich fehlt es uns nicht an Zeit, später näher auf das 
Witzel’sche Buch einzugehen. 

Ein Amateur-Referent. 


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Besprechungen. 63 

\ 

Die Mehlhardt’sclie Denkschrift. 

Von 

H. Hu mm. 

Auch ich war in Arkadien, d. h. auch .ich habe die Schrift 
erhalten und — leider gelesen! Als ich den vielversprechenden 
Titel las, regte in mir sich Zweifel, ob der Inhalt jenem ent¬ 
sprechen könne. Jedoch grosse Meisterschaft in Sprache und 
Wissen hätte ja vielleicht das Wagstück in so knappen Rahmen 
bringen können. Aber wie ward mir, als ich zu lesen begann! 
Sollte ich lachen, erstaunt oder entrüstet sein über solch Witsch¬ 
schiwatschschi, das sich sogar anmasst, Sr. Majestät dem deutschen 
Kaiser gewidmet zu sein. Yon ganzem Herzen wünsche ich, dass 
Se. Majestät diese „Denkschrift“ nicht zu Gesicht bekommt, 
denn wahrscheinlich würde die vielleicht nicht ungünstige Meinung 
von der Bildungsstufe deutscher Zahnärzte einen Stoss erleiden. 

Mau beachte in dieser sogenannten Denkschrift die Satz-Con- 
struction. Ellenlang mit zweifelhafter Interpunction zeigen sie 
grossentheils die Abwesenheit der Logik. Man untersuche das 
Kapitel: „Die Zähne der Menschen“, und man wird darin nichts 
finden von der „Bedeutung und den Krankheiten im Allgemeinen“, 
als was der simpelste Laie nicht weiss. Kommt man aber zu der 
„Behandlung der kranken Zähne“ und den „Mittheilungen aus der 
Praxis“, so glaubt man Jemand sprechen zu hören, der kaum drei, 
geschweige dreissig Jahre in praxi gelebt. Man erfährt zugleich, 
dass der Verfasser entrüstet ist über die Erfindung der Zangen 
zur Extraction der Zähne, welche Erfindung für gewöhnlich doch 
von jedem nur einigermassen normal denkenden Zahnarzte als 
eine segensreiche betrachtet werden muss. Desgleichen erfährt 
man, dass in oder um Halberstadt herum wahrscheinlich ein Zahn¬ 
arzt wohnt, welcher, in Amerika gebildet, auch den zahnlosen Mund 
mit künstlichen Piöcen versieht Herr Mehlhardt thut dies 
nicht, sondern lässt dergleichen Patienten vermuthlich zahnlos 
uniherlaufen; denn er kennt „die Folgen, welche sich nach wenigen 
Jahren herausstellen würden“ nach dem Einlegen solcher Piöcen. 
Wie verfährt Herr Mehl har dt aber, wenn statt des amerikanischen 


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64 Besprechungen. 

Zahnarztes die Natur einen Mund zahnlos macht? — Ja, Bauer, 
das ist ein Anderes! — So? ich dächte nicht! Niemals noch 
sind weniger brauchbare Fälle aus der Praxis herangezogen, als 
hier geschehen, insofern sie Aufklärung gehen und Missbräuche 
aufdecken und Abhülfe schaffen sollen! — 

Ist man endlich bei der „Schlussfolgerung“ der „Erfahrungen 
und Beobachtungen“ des Herrn Mehl har dt angekommen,, so glaubt 
man, nunmehr werde derselbe zum Mindesten doch mit aller Be¬ 
stimmtheit und Energie den Weg angeben und fordern, welcher 
allein nur wahrhafte Abhülfe aller Mängel geschehen lassen kann, 
nämlich: Herstellung eines Lehrstuhles für Zahnheilkunde mit allem 
Zubehör zur Technik an der Universität und Prima - Schul¬ 
bildung der Eleven. Fehlgeschossen! Nach ebenfalls sehr all¬ 
gemeinen Redensarten und der gewagten Behauptung: „die Wissen¬ 
schaft stehe heute auf dem Standpunkte, den Zahnschmerz ohne 
Extraction des Zahnes beseitigen zu können“ u. s. w. — hat Herr 
Mehlhardt Exostosen und Aehnliches kennen gelernt? — schliesst 
der gewiss in bester Absicht schreibende Mann, welchem es nur 
unklar geblieben, was eigentlich eine Denkschrift enthalten soll, 
und wie eine solche abgefasst sein muss, mit einem Appell an 
Se. Majestät, „ein Machtwort“ zu sprechen. 

Nichts Tolleres kann gedacht werden, als dieser Appell! Denn 
abgesehen von der ganzen Form bedeutet derselbe nichts mehr, 
noch weniger, als von einem constitutionellen Fürsten verlangen, 
ohne Weiteres ein Gesetz Umstürzen. Anderntheils aber jeder ge¬ 
sunden Vernunft ins Angesicht zu schlagen, diese Denkschrift als 
massgebend zu betrachten oder dieselbe gar dem Bildungsgrade 
der deutschen Zahnärzte als ebenbürtig hinzustellen. Letzteres ist 
gleichsam die nicht ausgesprochene Idee des Verfassers. Hiergegen 
legen wir Protest ein! Schriften von Baume, Hollaender, 
zur Nedden, Witzei u. A. sollen uns jederzeit lieb sein; sie 
lassen wir als Massstab gelten. Schriften, wie die vorliegende., 
verbitten wir uns als solchen. 

Der „Anhang“ — sogar noch ein Anhang! — enthält eben¬ 
falls Nichts. Wenn gesagt wird, „der Staat soll eine Schule er¬ 
richten, wo speciell Zahnärzte gebildet werden, die beim Publikum 
Vertrauen haben u. s. w.“, und „welche die Zahnpatienten mit 
Liebe und Humanität behandeln“, so sind das Forderungen, für 


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Vereine. 


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welche der Staat nicht aufzukommen hat. Dieser hat die Wege 
zu bieten, auf welchen der Zweck gründlich zu erreichen ist. 
Alles Spätere und Andere hat Jedermann mit sich selber ab¬ 
zumachen. Wer will mich hindern, wenn nicht ich selber, in der 
Privatpraxis ohne Liebe und Humanität meine Patienten zu be¬ 
handeln? Wer hat z. B. Herrn Mehlhardt gehindert, seine 
Denkschrift zu denken, zu schreiben? Dies ginge noch! Aber 
wer verhinderte ihn, dieselbe ungedruckt in der Schublade liegen 
zu lassen? Sie aber gar an Mitmenschen zu schicken zum Lesen, 
o, Herr Mehlhardt, das war sehr, sehr wenig human! 1 ) 


Vereine. 

Verhandlungen der V. Jahresversammlung des Ver¬ 
eines schleswig-holsteinischer Zahnärzte am 17., 18. 
und 19. August 1879 zu Kiel. 


Anwesend als Mitglieder die Herren: 

Baden-Altona, Ehlers-Itzehoe, Dr. Fricke-Kiel, Har- 
gens-Altona, Kleinmann-Flensburg, Schölermann-Heide, 
Wiermann-Kiel. 

Als Gäste die Herren Dr. Arend-Hamburg, Buschendorf- 
Hamburg, Dr. Degener-Frankfurt a. M., Schäfer-Kiel, 
Witzei-Essen, und die Studirenden der Zahnheilkunde Herr 
Bey, Dörffer und Hinrichsen. 

Der Vorsitzende des Vereins, Herr Kl ein mann, eröffnet die 
Versammlung mit folgenden Worten: 

Geehrte Herren Collegen! 

Zum fünften Male versammeln sich die Mitglieder unseres 
Vereines und ihre Freunde, um sich froh zu begrüssen und die 
in der Praxis gemachten Erfahrungen gegenseitig auszutauschen, 
und wenn wir in die kurze Vergangenheit unseres Vereinslebens 
zurückblicken, so freuen wir uns über den gesunden Sinn, der 

*) Wäre das Bundschreiben des Herrn Dr. Petermann mir eher 
zu Gesichte gelangt, so hätte obige Kritik unterbleiben können; jetzt 
mag es indess sein Bewenden dabei haben. Der Verfasser, 

xx. 5 


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Vereine. 


darin herrscht. Lassen Sie uns in der bisherigen Weise rührig 
fortfahren, unseren Stand in wissenschaftlicher Beziehung zu för¬ 
dern und gleichzeitig unter den hier in kleinem Kreise versam¬ 
melten Fachgenossen stets einen herzlichen collegialischen Verkehr 
pflegen. 

Indem ich Sie Alle im Namen des Vorstandes recht herzlich 
begrüsse, hoffe ich, dass auch die diesjährigen Verhandlungen 
manches Nützliche hervorbringen werden. 

Ich eröffne somit die fünfte Versammlung des Vereines schleswig¬ 
holsteinischer Zahnärzte und bitte zunächst den Collegen Witzei, 
den mir angemeldeten Vortrag über „Caries interna“ zu halten. 

1. Caries interna an Schneidezähnen als Folge entzünd¬ 
licher Gangrän der Pnlpa. 

Die Frage: „Giebt es eine centrale Zahncaries oder nicht?“ 
ist schon von verschiedenen Autoren ventilirt worden, ohne dass 
bis jetzt eine genügende Beantwortung derselben vorläge. Wenn 
es auch für die meisten Fälle, in denen ältere Autoren die so¬ 
genannte centrale Caries annahmen, festgestellt ist, dass diese An¬ 
nahme auf Beobachtungsfehlern beruhte und keine Caries centralis, 
sondern Caries externa das Zahnbein zerstört hatte, so sind doch 
wieder andererseits die exactesten Beobachtungen gemacht worden, 
welche den bestimmten Beweis liefern, dass eine Zerstörung des 
Zahnbeines bei intactem Schmelze von der Pulpahöhle aus er¬ 
folgen kann. So beschreiben Leber und Rottenstein 1 ) einen 
Fall, wo hei einer 21 Jahre alten Patientin in beiden mittleren 
oberen Schneidezähnen unter ganz intactem Schmelze erweichtes 
und pigmentirtes, cariöses Zahnbein gefunden wurde, welches selbst 
bis zur Wurzelspitze hinaufreichte. Die Patientin war in ihrer 
Kindheit auf die Zähne gefallen, worauf Anschwellung des Ge¬ 
sichtes und später Gangrän der Pulpa eintrat. 2 ) Die genannten 
Autoren betrachten diese Zerstörung als eine besondere Art von 
Caries und sprechen die Ansicht aus, dass dergleichen Fälle nur 
selten zur Beobachtung kämen. Die Richtigkeit dieser Behauptung 

*) Caries der Zähne. Berlin 1867. 

*) Ueber zwei ähnliche Fälle von Caries interna an mittleren 
Schneidezähnen berichtet A. Scheller in der Deutschen Vierteljahrs¬ 
schrift für Zahnheilkunde 1870. 


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Vereine. 


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scheint jedoch zweifelhaft, denn Erschütterungen und Verletzungen 
der mittleren Schneidezfthne durch Stoss oder Fall kommen sehr 
häufig vor, wenn auch nicht in jedem Falle Gangrän der Pulpa 
und in Folge dessen Caries der Pulpahöhlenwände entsteht. Ich 
selbst habe in den letzten zwei Jahren sechs Fälle von Caries 
interna an mittleren Schneidezähnen beobachtet, von denen ich 
zwei hier mittheilen will: 

I. Fall: Herr C. Meyer, Bankgehilfe in E., 24 Jahre alt, 
consultirte mich im April dieses Jahres wegen eines schmerzhaften 
oberen Mahlzahnes mit gangränöser Pulpa, die ich antiseptisch 
behandelte. Bei der gleichzeitig vorgenommenen Reinigung der 
Zahnreihe bemerkte ich, dass vom Schmelze des mittleren oberen 
Schneidezahnes eine kleine Ecke fehlte und der Zahn eine etwas 
graue, todte Farbe hatte, wie man sie immer bei solchen Zähnen 
findet, deren Pulpen abgestorben sind. Bei der Untersuchung des 
Zahnes fand ich, dass durch die Schmelzfractur das Zahnbein 
nicht freigelegt worden war, und dass sich auch sonst an keiner 
Stelle des Zahnes ein Schmelzdefect oder Spuren von Caries 
nachweisen Hessen; auch die übrigen kräftig entwickelten Schneide¬ 
zähne waren gesund. 

Auf Befragen erzählte mir der Patient, dass er vor 12 Jahren 
auf eine Steintreppe gefallen sei und dabei die kleine Ecke des 
Zahnes abgeschlagen habe. Einige Wochen nach der Verletzung 
des Zahnes sei eine Geschwulst über demselben eingetreten, eine 
Erscheinung, die sich im Laufe der nächsten zehn Jahre häufig 
wiederholt habe. 

Da ich aus diesem Berichte und aus der Veränderung des 
Zahnes auf Zerfall der Pulpa schliessen durfte, so schlug ich dem 
Patienten die Behandlung des Zahnes vor. 

Der Zahn wurde an der lingualen Seite, deren Schmelz — 
ich betone dies nochmals — ganz intact war, mit einem Meissei¬ 
bohrer bei a angebohrt. Zu meinem Erstaunen floss keine Jauche 
aus dem Kanäle, und auch von der,Pulpa waren nur in der äus- 
sersten Wurzelspitze eingetrocknete Reste zu finden. Bei der 
später vorgenommenen Erweiterung des Bohrloches fand ich, dass 
das Zahnbein nicht etwa durch eingedrungene Jauche,' sondern an 
den Pulpahöhlenwänden durch Caries ungefähr 1 mm tief erweicht 
und braun gefärbt war. 

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Vereine. 



Fig. 1. 

Fig. 1. Schematische Zeichnung dieses Zahnes und der Abscess- 
höhle in der Alveole, a Pulpahöhle, an welcher die cariöse Entfärbung 
und Erweichung des Zahnbeines b fächerförmig nach dem Schmelze 
resp. Cemente zu ausläuft; c Abscesshöhle (von schwammigen Binde- 
gewebsgranulationen und Eiter angefüllt) in der spongiösen Knochen¬ 
substanz d\ e Zahnfleisch. 






Vereine. 


69 


Nachdem ich diese Partie, die sich fächerförmig zur Pe¬ 
ripherie des Zahnes verbreitete, sorgfältig ausgebohrt und aus¬ 
geschnitten hatte, war die dunkle Farbe des Zahnes verschwunden. 
Das cariöse Zahnbein, das an der Pulpahöhlenwand weich wie 
Leder, nach dem Schmelze zu dagegen immer fester war, zeigte 
unter dem Mikroskope genau dieselben Structurveränderungen der 
Grundsubstanz und der sogenannten Zahnfaser (Living matter), 
wie man sie an solchen Präparaten findet, die externen cariösen 
Höhlen entnommen sind. 

Die von Klenke, J. Bruck und Anderen beobachtete und 
mit dem Namen Caries interna bezeichnete centrale Zerstörung 
des Zahnbeines an Zähnen mit intactem Schmelze, ebenso die von 
J. Tom es (A System of dental surgery) angenommenen vitalen 
Erscheinungen im Zahnbeine bei Caries wurden später von 
anderen Autoren wieder angezweifelt. Man neigte sich zu der 
Ansicht hin, dass eine cariöse Zerstörung des Zahnbeines von 
innen, d. h. von der Pulpahöhle aus, nicht möglich sei. Es 
musste immer, um eine solehe Zerstörung des Zahnbeines, wie in 
dem von mir beschriebenen Falle zu erklären, eine Communication 
des eingeschlossenen cariösen Herdes mit der Mundhöhle nach¬ 
gewiesen werden, deren Secrete und Pilze durch feine Schmelz- 
defecte zum Zahnbeine vorgedrungen waren, dasselbe unter der 
scheinbar gesunden Schmelzdecke decalcinirt und zersetzt und so 
die vermeintliche Caries interna herbeigeführt hatten. 

Wedl beschreibt in seiner Pathologie der Zähne einen 
Fall von bedeutender Erweichung des Zahnbeines an einem Zahne 
mit völlig unversehrter Krone und ist der Meinung, dass solche 
Fälle von Zerstörung des Zahnbeines zu den entzündlichen Pulpa¬ 
krankheiten zu zählen sind. Eine Caries des Zahnbeines, die 
durch Zerfall der Pulpa eingeleitet, an der Pulpahöhlenwand be¬ 
ginne und von da nach dem gesunden Schmelze fortschreite, ist 
auch neuerdings für unmöglich erklärt worden J ), und doch hin ich 


. ') Vergl. Baume, Lehrbuch der Zahnheilkunde, S. 174.*) 

*) Anm. d. Red. Man lese doch einmal aufmerksam, was ich S. 174 in meinem 
Lehrbuch Z. 16 — 25 schreibe, wo ich mich über die jetzt erst hier mitgetheilte 
neueste Entdeckung des Herrn Witzei so erschöpfend ausspreche. 


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Vereine. 


überzeugt, dass die von mir erwähnten Fälle, welche gar nicht 
so selten sind, unzweifelhaft als Caries interna aufgefasst werden 
müssen, denn diese Zerstörung des Zahnbeines unterscheidet sich 
in nichts von dem cariösen Zerfalle der Fulpahöhlenwand solcher 
Zähne, die hei übrigens unversehrter Pulpahöhle, nach dem Füllen 
der Krone aus therapeutischen Gründen am Zahnhalse angebohrt 
worden waren. Auch bei dieser unter dem Einflüsse der durch 
das Bohrloch in die Pulpahöhle eingedrungenen Mundsecrete ent¬ 
standenen, als Caries längst be- und anerkannten Veränderung des 
Zahnbeines beobachtet man genau dieselbe Structurveränderung und 
fächerförmige Ausbreitung der Caries an der Pulpahöhlenwand 
nach dem Schmelze zu, wie in den von mir erwähnten Fällen 
von Caries centralis, wo jede Communication der Pulpahöhle mit 
der Mundhöhle fehlte. 

Die Zerstörung der Zahnbeinsubstanzen in solchen Zähnen 
mit gesunden Kronen, in denen die Pulpa zu einem flüssigen k 
Fäulnissbrei zerfallen ist, erfolgt von innen heraus in ganz der¬ 
selben Weise, wie die cariöse Zerstörung von aussen. In dem 
von mir erwähnten Falle kam es durch die gewaltsame Erschüt¬ 
terung des Zahnes zur entzündlichen Gangrän der Pulpa 
und zu häufigen Alveolarabscessen. In Folge dessen musste sich 
in der Pulpahöhle ein fauliges Secret ansammeln, dessen Säure — 
Milchsäure,. oder nach Wedl Fettsäure bildet sich in solchen 
Fäulnissproducten stets — zwar langsam, aber im Laufe der 
Jahre sicher eine allmälige Entkalkung des Zahnbeines herbei¬ 
führen musste. Auch die Erweichung und Pigmentirung 
des decalcinirten Zahnbeines wird in Folge der Gegenwart des 
flüssigen, schwefelwasserstoffhaltigen Fäulnissschleimes, der jahre¬ 
lang der Pulpahöhle vom Alveolarabscesse zugeführt wurde, ganz 
wie bei Caries externa auch in der geschlossenen Zahnhöhle ein- 
treten. Sobald aber das Zahnbein genügend erweicht ist, werden 
endlich auch die in dem Fäulnisssecrete vorhandenen Mikrococcen 
in das Zahnbein einwandern, und damit beginnt das Charak¬ 
teristische der Caries im Dentin, die Fäulniss des Zahnbein¬ 
knorpels. 

Wir sehen also in einer solchen Pulpahöhle, 
deren Pulpa gangränös zerfallen ist, alle Be- 


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Vereine. 


71 


dingungen erfüllt, welche die cariöse Zer¬ 
störung des Zahnbeines voraussetzt. 

Wie weit diese Alteration und Zerstörung des Zahnbeines 
schon durch die Entzündung der Pulpa eingeleitet wird, darüber 
bedarf es noch weiterer Untersuchungen; für heute habe ich mich 
darauf beschränken wollen, bestimmt nachzuweisen, dass eine 
cariöse Zerstörung des Zahnbeines bei intactem Schmelze ganz 
unabhängig von der bisher allein als Ursache der Zahncaries an¬ 
genommenen chemischen Einwirkung der Mundflüssigkeiten mög¬ 
lich ist. 

Biese in dem letzten Decennium fast allgemein acceptirte 
Theorie, nach welcher die Caries des Zahnes, gleichviel ob die¬ 
selbe an lebenden oder todten, d. h. eingesetzten Menschenzähnen 
auftritt, eine rein chemische Zersetzung der Zahnsub¬ 
stanzen, begünstigt durch Bildungsfehler des Schmelzes und des 
Zahnbeines, sein soll, muss jetzt wohl überhaupt, nachdem uns 
durch die exacten Forschungen der New-Yorker Herren G. Bö- 
d eck er *) und F. Ab bot 2 ) die Zahnstructur an frisch extrahirten 
Zähnen erst richtig erschlossen und durch genaue mikroskopische 
Zeichnungen veranschaulicht worden ist, verlassen werden. Durch 
jene Untersuchungen wissen wir jetzt, dass die Zahn¬ 
substanzen nicht nur nach rein chemischen Gesetzen 
zerfallen, sondern, dass sowohl in der Dentinfaser, 
wie auch in dem von jenen Autoren in dem Kanal¬ 
netzwerke der Grundsubstanz nachgewiesenen Proto- 
plasmen eine „vitale Reaction“ durch Veränderung 
der lebenden Materie, welche (nach meiner Berech¬ 
nung) in diesem Kanalnetzwerke eingeschlossen, nahe¬ 
zu ein Fünftel des ganzen Zahnbeines ausmacht und 
deren directer Zusammenhang mit der Odontoplasten- 
schicht der Pulpa ausser Zweifel steht, constatirt 
worden ist. 

Die überstehende Fig. 2 ist der Abhandlung von Bödecker 
(l. c .) entnommen. An der Verbindungsstelle des Schmelzes JE mit 

*) Die Vertheilung der lebenden Materie im menschlichen Zahnbeine, 
Cement und Schmelze (Dental Cosmos 1879). 

*) Ueber die Caries der menschlichen Zähne (Dental Cosmos 1879). 
Uebersetzung im Correspondenzblatt für Zahnärzte 1879, Heft 2, 3 u. 4. 


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Vereine. 



e 


Fig. 2. Schnitt von normalem Zahngewebe, 1200 Mal vergrössert. 

dem Zahnbeine D liegen im Schmelze mehrere grosse, mit Proto¬ 
plasma angefüllte keulenförmige Höhlen (Protoplasmic bodies), in 
welche sowohl eine Anzahl Dentinröhrchen a a, wie auch Schmelz- 
fibrillen (Kanälchen) g einmünden. Die Mehrzahl der Zahnbein¬ 
röhrchen aber durchsetzt die Schmelzdentingrenze und tritt in 
dire cte Verbin düng mit den Kanälchen des Schmelzes. 
Die letzteren verlieren sich bei / in ein unregelmässiges Netzwerk, 
das auch die Grundsubstanz des Zahnbeines als feinmaschiges Ge¬ 
flecht durchzieht und so die Hauptkanälchen mit einander ver¬ 
bindet. Dieses Kanalsystem ist im lebenden Zahne von einem 
feinkörnigem Protoplasma angefüllt, welches von Bödecker als 
die „lebende Substanz“ der harten Zahngewebe genau be¬ 
schrieben und nachgewiesen worden ist. In trockenen Schliffen, 
welche bisher fast allgemein zur Untersuchung der Zahngewebe 
gebraucht worden sind, ist selbstverständlich auch das Protoplasma 
eingetrocknet; zur Demonstration desselben können nur frisch ex- 
trahirte Zähne mit gesunden Pulpen benutzt werden, die aus der 
Zange heraus sofort in verdünnte Säure gelegt und ganz allmälig 
entkalkt werden. 


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Vereine. 


73 


Diese mikroskopischen Untersuchungen sind anch für die 
Praxis nicht ohne Werth, da sie über manchen bisher dunkel 
gebliebenen Punkt, z. B. die Empfindlichkeit des gesunden, 
sowie die Schmerzhaftigkeit des durch Caries er¬ 
weichten Zahnbeines, ebenso auch über die in einzelnen 
Fällen fast zur Erweichung führende Entkalkung desselben wäh¬ 
rend der Schwangerschaft Licht bringen. Besonders beachtenswerth 
erscheint mir aber die Theilnahme der lebenden Materien bei der 
Verheilung von Zahnfracturen. Bei der Beurtheilung 
dieses pathologischen Vorganges hat man bisher nur eine Ver¬ 
kittung der Bruchenden durch die formative Thätigkeit der 
Wurzelhaut und der Zahnpulpa angenommen, und doch ist mir 
eine solche Vereinigung der Bruchenden, wie sie uns Wedl in 
seinem Atlas zur Pathologie der Zähne in den Figuren 74 und 75 
abgebildet und beschrieben hat, ohne Betheiligung des Protoplasmas 
in dem Dentin nicht denkbar, und ich bin überzeugt, dass bei 
der freilich nur selten möglichen Untersuchung fracturirter und 
geheilter Zähne (wenn dieselbe nach der Ab bot’sehen Methode — 
vgl. Correspondenzblatt für Zahnärzte 1879, S. 67 — vorgenommen 
wird) an der verheilten Bruchfläche die vitale Action des 
Protoplasmas nachgewiesen wird. Das vitale Princip steht im 
Zahnbeine keineswegs auf einer so untergeordneten Stufe, wie. man 
bisher wohl angenommen hat und die Schlussfolgerung, dass wegen 
der Abwesenheit von Gefässen und Nerven im Zahnbeine weder 
eine selbständige Empfindung, noch eine der Ostitis ähnliche Den- 
tinitis möglich sei, müssen wir bei unserer heutigen Kenntniss 
von der lebenden Materie im Zahnbeine als durchaus falsch hin¬ 
stellen, denn wie uns Abbot und Bödecker gelehrt haben, 
kommen im erweichten Dentin, dessen schmerzhafte Beaction 
wir Alle aus der Praxis sehr gut kennen, ganz ähnliche patho¬ 
logische Veränderungen vor, wie man sie im entzündlichen 
Knochengewebe findet. 

Von diesem Standpunkte aus werden wir aber jetzt auch die 
Zerstörung des Zahnbeines, wie wir sie von Wedl als Zahnbein- 
abscesse (Fig. 3)') beschrieben finden, unbedingt mit. dem Namen 


*) Fig. 3. Segment von dem Stosszahne eines Elephanten mit einer 
ausgedehnten Abscesshöhle, an einer Seite so weit gegen die Peripherie 


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Vereine. 


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Caries interna belegen müssen; es sind Einschmelzungen des Zahn¬ 
beines im Elephantenzahne, die jetzt mit der von uns oben be- 



Fig. 3. 


schriebenen Caries interna des menschlichen Zahnbeines mit Recht 
identificirt werden. l ) 


Die Behandlung solcher Zähne mit Caries interna und 
Alveolarabscessen ist, wie sich aus der Natur des Leidens von 
selbst ergiebt, eine antiseptische. In dem oben erwähnten 
Falle wurde der Zahnkanal zuerst mit dreiprocentigem Phenolwasser 
ausgespritzt, dann Coffer-dam angebunden und der Operationsstuhl 
mit dem Patienten soweit zurückgelegt, dass die zur Anwendung 
kommenden Mittel direct in den Zahnkanal einfliessen konnten; 
nachdem ich einige Tropfen Phenol-Chlorzinklösung 2 ) in die 


sich erstreckend, dass eine 6 Millimeter dicke Wand erübrigte. Die 
Höhle ist vielfach muldenförmig ausgebuchtet und mit anklebenden 
eingetrockneten, schmutzig gelbbräunlichen Massen belegt. Die Wand, 
welche die Abscesshöhle in dem unteren Abschnitte einschliesst, ist auf 
eine 5—10 mm sich erstreckende Tiefe mit scharfer Demarcation gegen 
das normale Zahnbein in eine ungleichförmige Substanfc (a Knochen¬ 
substanz) metamorphosirt, welche ein wellenförmiges, geflecktes, strei¬ 
figes Ansehen hat und eine mindere Consistenz, wie das normale Zahn¬ 
bein, besitzt. */» der natürl. Grösse. (Nach Wedl.) 

*) Anm. d. Red. Man vergl. auch hier mit dem, was ich auf S. 
142—150 und S. 288—293 so kurz und erschöpfend mittheile, obschon 
sich hierauf Herr Witzei nicht bezieht. 

2 ) Rp. Acid. phenolic. cryst.; Zinc. chlorat. aa 10,0; Tinctjodi; Tinct. 
aconiti aether. aa 25,0; Glycerin, pur 10,0; Kalijodati, Morphi. caet. aa2,5. 


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Vereine. 


75 


Alveole eingepumpt hatte, schnitt ich mir von List er’s Catgut¬ 
fäden Nr. 1 vier 1 cm lange Stücke, von denen ich drei voll¬ 
ständig durch den Kanal hindurch in die Alveole einschieben 



Fig. 4. 


Fig. 4. Schematische Darstellung dieser Operation: o Catgutfäden 
in der Abscesshöhle; b Phenolcement; c Chlorzinkcement; d weisse 
Guttapercha; e Amalgam. 


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Vereine. 


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konnte, mit dem vierten Stücke, das ebenfalls zum grössten Theile 
in die Alveole eingeführt worden war, verschloss ich, so gut es 
ging, das durch die Caries erweiterte Foramen des Wurzelkanales. 
Darauf wurde der Kanal mit Alkohol gehörig ausgewaschen, trocken 
geblasen und mit Phenolcementbrei ausgefüllt, der mit Schwamm¬ 
stückchen vorsichtig gedichtet wurde, um so einen absoluten Ver¬ 
schluss zwischen Alveole und dem Kanäle selbst herzustellen. Der 
Hals des Wurzelkanales wurde mit Chlorzinkcement gefüllt, wel¬ 
cher in der Höhe des Zahnfleisches abschloss. 

Ich erwähnte bereits oben, dass die Entfärbung des Zahnes 
nach Entfernung der cariösen Dentinschicht beseitigt war. Um 
die zurückgebliebene todte Farbe des Zahnes etwas zu heben, 
klebte ich auf die mit Mastix überzogene vordere Wand der 
Pulpahöhle ein erwärmtes Stückchen Guttapercha (Fig. 4 d), 
die weiss durchschimmerte und so die Farbe des Schmelzes be¬ 
lebte. Auf diese Guttaperchalage brachte ich etwas Chlorzink¬ 
cement, den Rest der Höhle schloss ich mit Krystallamalgam. 
Dieses Ausfüttern der Höhle mit Guttapercha ist sehr zweckmässig 
und dem Auskleiden der Höhle mit Cement entschieden vorzu¬ 
ziehen, denn die Erfahrung lehrt, dass mit Cement gefüllte Zähne 
nach Jahren oft ganz entfärbt sind, während eine ähnliche Ent¬ 
färbung »des Zahnbeines unter gut schliessenden Guttapercha¬ 
füllungen noch nicht beobachtet wurde. Der^behandelte Zahn war 
nur wenige Tage nach dem Ausfüllen etwas empfindlich und steht 
heute fest in der Alveole; auch seine Farbe ist so frisch, wie die 
seiner Nachbarn mit gesunden Pulpen. 

Einen zweiten Fall von beginnender Caries interna habe ich 
im Monate Juli a. c. behandelt. Herr Baumeister Regelm. aus 
Oberh. stellte sich mir Ende Mai dieses Jahres mit angeschwol¬ 
lener Oberlippe und einer schwachen, bereits eröffneten Auftreibung 
des harten Gaumens vor. Die Untersuchung des Mundes ergab, 
dass diese Geschwulst von der kranken Alveole des mittleren 
Schneidezahnes ausging, welcher einen bis zum Zahnbeine vor¬ 
dringenden Defect an der Schneide hatte (Fig. 5 a ), wie man ihn 
zuweilen bei Rauchern findet, die schwere Pfeifen tragen, in un¬ 
serem Falle aber eine Folge allmäliger Abnutzung des Zahnes 
durch seinen Antagonisten war. Im Uebrigen zeigte der Zahn, 
wie auch seine Nachbarn, keine Spur von Caries, und da sich der 


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Vereine. 


77 



Patient durchaus auch auf keine Erschütterung des Zahnes durch 
Stoss oder Fall erinnerte, mir vielmehr mittheilte, dass der Zahn 
bis vor wenigen Wochen absolut schmerzfrei gewesen, so konnte 
die Gangrän der Pulpa, denn eine solche wurde bei dem Aus¬ 
bohren der Höhle gefunden, nur auf eine Irritation und Infection 
derselben von dem entblössten Zahnbeine aus durch Einwanderung 
septischer Stoffe in die Kanälchen allmälig herbeigeführt worden sein. 


In der überstellenden Figur haben mir diese Verhältnisse, deren 
sichere Diagnose für den Praktiker wichtig ist, schematisch dargestellt. 
a Schmelzdefect der, wie schon erwähnt, durch den eigenthümlichen 
Gegenbiss entstanden ist. Hierdurch wurden die Dentinkanälchen bei 
b exponirt, und auf diesem Wege die Pulpa thermisch und septisch ge¬ 
reizt. Dabei war das entblösste Zahnbein von ganz normaler Härte und 
Farbe. Durch die Entzündung und Gangrän der Pulpa d wurde das 
Zahnbein bei c zuletzt erweicht und schwach pigmentirt: also cariös. 

Nach der Perforation der Pulpahöhle floss aus derselben und 
ebenfalls aus der kranken Alveole, die auch nach dem harten 


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Gaumen zu hervorgewölbt war, ungefähr ein Theelöffel voll blutigen 
Eiters. Die Schmerzen liessen nach dieser Operation sofort nach 
und mit Zustimmung des Patienten wurde die antiseptische Be¬ 
handlung der kranken Alveole behufs Erhaltung des Zahnes sofort 
eingeleitet. Zu diesem Zwecke wurde der Operationsstuhl und 
der Kopf des Patienten soweit zurückgelegt, dass das in die an¬ 
gebohrte Pulpahöhle eingetröpfelte Desinfectionsmittel (siehe oben) 
direct in die kranke Alveole einfliessen und durch einen mit 
Watte umwickelten Pulpaextractor noch hineingepumpt werden 
konnte. (Der Zahn wird bei dieser Manipulation gut mit Fliess¬ 
papier umgeben, von dem die eventuell abfliessende stark ätzende 
Tinctur aufgesogen wird.) 

Wird diese Desinfection gründlich durchgeführt, so empfindet 
der Patient sofort einen brennenden, aber gut zu ertragenden 
Schmerz in der Alveole, der, wenn er nicht bald nachlässt, am 
besten durch eine Morphium-Jodtinctur-Einpinselung, eventuell mit 
warmen Breiumschlägen behandelt wird. Um ein gutes Resultat 
zu erzielen, ist es jedoch nothwendig, dass das Antisepticum durch 
das eventuell zu erweiternde Wurzelforamen direct in die Alveole 
eingeführt wird, um so an der Grenze der von Fäulnissbacterien 
durchsetzten Partie der Substantia spongiosa eine reactive Ent¬ 
zündung und Abgrenzung des septischen Processes herbeizuführen, 
welche nach meinen Beobachtungen dann zur directen Verheilung 
des Entzündungsherdes im Kiefer führt. 

Diese hier beschriebene antiseptische Behandlung mit Phenol¬ 
chlorzink wurde in diesem Falle in neun bis zehn Tagen dreimal 
wiederholt und jedesmal ein langes Stückchen Catgutfaden durch 
den Kanal hindurch bis in die Alveole geschoben und das Bohr¬ 
loch mit Guttapercha geschlossen, um dadurch einerseits die von 
Eiter durchsetzte Kieferpartie zu desinficiren, andererseits die Ver¬ 
stopfung des Kanales durch Speisen- und Schleimreste zu verhüten. 
Unter dieser Behandlung befestigte sich der gelockerte Zahn bald 
wieder; nur einmal trat eine schmerzhafte Recidiventzündung mit An¬ 
schwellung der Alveole wieder ein, die höchst wahrscheinlich durch 
einen etwas zu lange im Zahnkanale liegen gebliebenen und be¬ 
reits etwas in Fäulniss übergegangenen Catgutfaden 


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veranlasst worden war, aber durch Desinfection der Alveole mit 
einer 10% Phenol-Taninlösung') bald beseitigt wurde. 

Die cariöse Zerstörung hatte in diesem Zahne noch nicht 
den Umfang erreicht, wie in dem vorerwähnten Falle, doch war 
auch hier die ganze Pulpahöhlenwand cariös erweicht; die aus¬ 
geschnittenen Massen ergaben mikroskopisch ungefähr dasselbe 
Bild, wie wir sie an Fragmenten von sogenannter weicher 
Caries finden. Da in diesem Falle keine cariöse Erweiterung der 
Wurzelspitze vorlag, so wurde die Füllung des Wurzelkanales nur 
mit Phenolcement gemacht, und obgleich dieselbe ausgeführt wurde, 
so lange die kranke Alveole noch nicht ganz vernarbt war, ist 
das Resultat der Behandlung doch ein ganz vorzügliches, woraus 
sich mit Evidenz ergiebt, dass Gaumenabscesse, wenn auch 
nur in vereinzelten Fällen, oLne Extraction mit Er¬ 
haltung des Zahnes geheilt werden können. Eine solche 
war hier um so wünschenswerther, weil der Wiederersatz des 
extrahirten Zahnes den Patienten zeitlebens zum Tragen einer 
grossen Adhäsionsplatte aus Kautschuk gezwungen hätte, und der¬ 
gleichen Zahnersatzstücke suche ich bei sonst noch ganz intacter 
Zahnreihe „in solchen Fällen“ im Interesse der anderen ge¬ 
sunden Zähne gern zu vermeiden, denn es ist ja leider eine 
nicht hinwegzuleugnende Thatsache, dass Kautschuk- 
gebisse, wenn sie nicht scrupulös rein gehalten und, 
wie es oft geschieht, auch des Nachts noch getragen 
werden, durch Aufnahme von Milchsäure nach und 
nach an den gesunden Zähnen diejenigen Theile des 
Zahnschmelzes, an welchen sie anliegen, entkalken. 


II. Discussion. 

Kleinmann: Nach dem soeben gehörten, in vieler Hinsicht 
höchst interessanten Vortrage glaube ich im Sinne der Anwesenden 
zu sprechen, wenn ich zunächst auf das praktische Gebiet zurück¬ 
greife und den Collegen Witzei bitte, uns über die von ihm 
früher angenommene Resorption des Catguts in den Wurzelkanälen 


*) Rp. Acid. tannis. 6,0; Acid. phenolic. 4,0; Tinct. aconiti aeth. Tinct. 
opii croc. aa 16,0; Glycerin, pur. 20; Kali jodati2,60; Morphii acetic. 4,0. 


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nähere Mittheilung zu machen. Dass Catgut, als organische Masse 
im Zahnkanale eingeschlossen, gewisse Veränderungen durchmachen 
muss, ist höchst wahrscheinlich, zumal wenn, wie in dem einen 
von Witzei erwähnten Falle noch Absonderungen in der Alveole 
und Ansamml ung derselben im Zahnkanale stattfinden. 

Witzei: Meine Herren! Die Frage des Herrn Vorsitzenden 
zwingt mich hier auf eine Controverse einzugehen, die Sie Alle 
aus der Vierteljahrsschrift (Jahrgang 1879, Heft II) kennen 
und deren Erledigung ich eigentlich bis zur Berliner Versammlung 
verschieben wollte. 

Lassen Sie mich zur sachlichen Beantwortung der an mich 
gerichteten Frage, wie jener gegen mich gerichteten Aeusserungen 
Ihnen noch folgenden Fall aus meiner Praxis mittheilen: 

Herr H., Forstm. aus- Werden a. d. Ruhr schlug sich am 
18. März 1848 durch einen Fall die beiden mittleren Schneide¬ 
zähne so lose, dass sie nach Aussage des betreffenden Herrn ganz 
wackelig im Munde hingen und 14 Tage lang zum Kauen nicht 
benutzt werden konnten. Allmälig befestigten sich die Zähne 
wieder, und Patient hatte den unglücklichen Fall fast vergessen, 
bis er vor Kurzem, also nach 30 Jahren, durch Schmerzen in dem 
linksseitigen mittleren Schneidezahne, die angeblich mit einer 
starken Erkältung zugleich auftraten, wieder an denselben erinnert 
wurde. Dieses schmerzhafte Gefühl recidirte während acht Wochen 
mehrere Male so, dass der Patient bei mir vorsprach und um 
Untersuchung des Zahnes bat. An beiden mittleren Schneidezähnen 
konnte keine Verletzung nachgewiesen werden, nur der Schmelz 
war an der Schneide etwas abgenutzt, so dass das Zahnbein an 
einigen Stellen als feiner, durch den Tabakrauch braun gefärbter 
Streifen sichtbar war. Der Zahn war gegen Fingerpercussion em¬ 
pfindlich und bei scharfer Beleuchtung mit dem Reflexspiegel liess 
sich eine durch den Schmelz durchschimmernde grüngelbe Ent¬ 
färbung des Zahnbeines constatiren, welche am Tuberculum des 
Zahnhalses am deutlichsten hervortrat. An dieser Stelle wurde 
der Zahn perforirt und es entleerte sich aus der Pulpahöhle und 
Alveole circa 2 Gramm eitrig-jauchige Flüssigkeit. Nachdem der 
Zahnkanal — welcher auch hier wie in dem vorer¬ 
wähnten Falle hauptsächlich im Kronentheile durch 
Caries interna braun pigmentirt und erweicht war, 


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— gut gereinigt und desinficirt war, wurde ein Catgutfaden bis 
zur Wurzelspitze in den Kanal eingeführt und das Bohrloch mit 
Guttapercha geschlossen. Nach vierzehn Tagen war der Kanal wieder 
voll dünn-flüssigen Eiters und der feste Catgutfaden im Kanäle 
durch den stinkenden Eiter ganz matschig erweicht. (Eine ähn¬ 
liche Beobachtung habe ich bei der Behandlung des auf Seite 201 
meines Werkes erwähnten Falles gemacht.) 

Während ich also durch die Beobachtung im vorangegebenen 
Falle (Baumeister Regelm.) den Beweis geliefert habe, dass Cat¬ 
gut in der Alveole resorbirt und, im Zahnkanale eingeschlossen, 
faulig erweicht, und in diesem Zustande wieder septische Perio¬ 
stitis veranlassen kann, sehen wir aus der zuletzt erwähnten 
Krankengeschichte, dass durch jauchiges, von der Alveole ge¬ 
liefertes und im Pulpakanale eingeschlossenes Secret Catgut fast 
bis zur Einschmelzung erweicht werden kann. 

Die mikroskopische Untersuchung solcher in Auflösung be¬ 
griffener Catgutfäden zeigt, dass diese Einschmelzung des Catguts 
ähnlich wie bei anderen im Körper eingeschlossenen und ab¬ 
gestorbenen organischen Theilen mit einer Verfettung beginnt. 
Einer weiteren Bestätigung, dass Catgut auch im Knochen resor¬ 
birt wird, bedarf es hier nicht, da ja diese Thatsache schon seit 
Jahren durch Erfahrung der Chirurgen hinlänglich bekannt ist, 
und es ist auch für den Zahnarzt — will er sich augenscheinlich 
davon überzeugen — nicht nöthig, dass er zu diesem Zwecke erst 
noch Versuche an Thieren macht; dazu bietet die zahnärztliche 
Praxis Gelegenheit genug, solche Studien au Patienten selbst zu 
machen. Jeder Fistelkranke kann dazu benutzt werden, die Re¬ 
sorption des Catguts in den Kiefernknochen zu studiren, und ich 
wiederhole hier auf Grund meiner Untersuchungen — nicht Ver¬ 
muthungen —, dass ein Faden Catgut in eine Backenlistel ein¬ 
gelegt, in sechs bis acht Tagen im Alveolarabscesse, also durch 
einen Zahnkanal in die Alveole eingeschoben, von den schwammigen 
Bindegewebsgranulationen in ungefähr zehn Tagen resorbirt wird. 
Wird Catgut in den Wurzelkanal eines noch nicht ausgebildeten 
Schneidezahnes, wo ja das Wurzelforamen noch weit und von der 
Matrix des Zahnes vielleicht theilweise noch bedeckt ist, eingelegt, 
so kann man sich durch leicht vorzunehmende Messungen des 
Fadens überzeugen, dass nicht nur der in der Alveole liegende 
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Theil allmälig resorbirt, sondern auch der in dem weiten Zahn- 
kanale durch die von der Alveole in die Pulpahöhle einfliessenden 
Secrete faulig erweicht und theilweise eingeschmolzen wird, und 
nur von diesen Fällen spreche ich in meinem Werke; 
von der mir unterschobenen Behauptung, „dass Catgut in ge¬ 
schlossenen ausgebildeten Wurzelkanftlen resorbirt wird“, steht in 
meinem Buche kein Wort. 1 ) 

Degener: Ich möchte mir die Frage erlauben, ob College 
Witzei in seiner Praxis Catgut zur definitiven Füllung der 
Wurzelkanäle häufig verwendet. Ich selbst habe Catgut nur ab 
und zu gebraucht, jedoch nicht allein, sondern in Verbindung mit 
Phenolcement, und zwar füllte ich zuerst die Kanäle mit Phenol- 
cement und schob dann zur Dichtung des Cementbreies noch ein 
Stückchen Catgut in den Kanal hinein, während ich die Pulpa¬ 
höhle wieder mit Cementbrei füllte. Nach meiner Ansicht ist es 
eben nicht möglich, mit einem steifen Catgutfaden einen conisch 
auslaufenden, oft noch platt gedrückten Wurzelkanal (vergl. 
Witzei, Pulp., Tafel XVIII, Fig. 1—17) vollständig zu füllen; 
dazu kommt noch, dass wir Catgut nur in weite, zugängliche Kanäle 
einführen können. 

Ich gebe also im Allgemeinen beim Ausfüllen der Wurzel¬ 
kanäle dem Phenolcemente den Vorzug, denn nach unseren heu¬ 
tigen Erfahrungen können wir wohl nur dann mit Sicherheit auf 
ein dauernd gutes Besultat bei unseren Wurzelfüllungen rechnen, 
wenn es uns gelingt, wenigstens die weiten Kanäle gut 
von fauligen Pulparesten zureinigen, und, indem wir 
dieselben mit einem antiseptischen Brei füllen, keine 
faulige Masse an das Periost durch die Wurzelspitze 
zu drängen. 

Witzei: Ich habe Catgut früher zum Füllen der Wurzel¬ 
kanäle nach den Angaben von Sauer in circa 20 Fällen und 
zwar an oberen Schneidezähnen und unteren Bicuspidaten des Ex¬ 
perimentes wegen gebraucht und (wie Schlenker*) ganz be¬ 
friedigende Besultate erzielt. 


*) Berichtigung: In Wi tzel ’ s Pulpakrankheiten lies Seite 189, Zeile 17 
von oben statt „nach Sauer“: nach meinen Beobachtungen. 

*) Vgl. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1879, Heft IV. 


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Seitdem ich jedoch die Beobachtung machte, dass Gatgut 
selbst in gut gereinigten Wurzelkanälen nach und nach erweicht, 
in solchen aber, wo noch Absonderungen in der kranken Al¬ 
veole stattfinden, sogar faulig inficirt wird, verwende ich die Cat¬ 
gutstückchen zu definitiven Füllungen der Wurzelkanäle nicht 
mehr. Dagegen gebrauche ich Catgut jetzt sehr viel zum pro¬ 
visorischen Verschlüsse solcher Wurzelkanäle, die ich 
nicht direct füllen kann oder will; hier leistet Catgut 
ganz entschieden vortreffliche Dienste, und ich kann seine An¬ 
wendung, wo eine provisorische Füllung des Wurzelkanales er¬ 
wünscht und in den Fällen, wo eine Desinfection der kranken 
Alveole durch einen in dieselbe eingeführten Catgutfaden möglich 
ist, sehr empfehlen. Ich halte es jedoch für zweckmässig, 
dass man die desinficirende Wirkung des Catguts dadurch unter¬ 
stützt, dass man den Kronentheil der Pulpahöhle entweder noch 
mit Watte, die mit concentrirter Phenol-Chlorzinklösung getränkt 
ist, oder mit Phenolcement ausstopft und die Höhle mit Mastix, 
Guttapercha oder Cement verschliesst, und, da wir niemals im 
Stande sind, mit einem Catgutfaden einen Wurzelkanal vollständig 
zu füllen, vielmehr stets ein verhältnissmässig grosser Theil des 
Kanals ungefüllt bleibt, so kann sich — finden noch Absonderungen 
in der Alveole statt — dieselbe zwischen Catgut und Pulpahöhlen¬ 
wand ansammeln. 

Nach drei bis sechs Tagen entferne ich den provisorischen 
Verschluss und extrahire den Catgutfaden mit dem Pulpaextractor 
ganz in der Weise, wie man einen Pulpastumpf entfernt. Ist der 
Faden geruchfrei, so fülle ich den Kanal mit Phenolcement und 
den Zahn sogleich definitiv mit Amalgam u. s. w. 

Arend: Ich habe nicht die Absicht, über das Wurzelfüllen 
im Allgemeinen zu sprechen, sondern nur über solche Fälle, wie 
sie uns hier vorgetragen worden sind, also Operationen an leicht 
zugänglichen Schneidezahnwurzeln. 

Früher, ehe ich das Witzel’sehe Verfahren, „Wurzelkanäle 
antiseptisch zu füllen“, kannte, behandelte ich dergleichen Zähne 
nach Extraction der Pulpa wochenlang mit Carbol und Jod, das 
ich zuweilen auch mit einer feinen Spritze in den Zahnkanal und 
in die Alveole injicirte. Wenn sich keine Absonderungen mehr 
nachweisen Hessen, verstopfte ich das erweiterte Foramen an der 

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Wurzelspitze mit Asbest in C&rbol getaucht und füllte den Kanal 
mit weicher Gold-Folie Nr. 4. Ich habe diese Methode jetzt 
aber ganz verlassen und fülle die Wurzelkanäle nach Extraction 
entzündeter Pulpawurzeln direct, nach Extraction gangränöser 
Pulpen gewöhnlich schon nach drei bis vier Tagen mit Phenol- 
cement und zwar ganz in der Weise, wie esWitzel vorschreibt. 
Ueber die Verwendung des Catguts will ich mir hier noch kein 
bestimmtes Urtheil erlauben, das scheint mir jedoch vor allen 
Dingen betont werden zu müssen, dass man Catgut, um, die Fäul- 
niss desselben zu verhüten, nur in gut gereinigte Kanäle ein¬ 
führen soll. 

Diese Reinigung lässt sich aber an Mahlzähnen durchaus nicht 
in allen Kanälen vollständig ausführen, dagegen erscheint mir der 
Vorschlag von Witzei, „Catgut als provisorischen Ver¬ 
schluss der Wurzelkanäle zu benutzen“, sehr beachtens- 
werth und entschieden zweckmässiger zu sein, als das bisher em¬ 
pfohlene provisorische Ausstopfen derselben mit Baum¬ 
wolle. 

Fr icke: Meine Herren! Diese Debatte hat mein lebhaftes 
Interesse erweckt, und ich bin überzeugt, dass dasselbe auch in 
weiteren Kreisen der Fall sein wird. Ueber den histologischen 
Theil des Witzel’sehen Vortrages haben wir nicht discutirt. 
Ich glaube jedoch, dass durch denselben unsere Kenntnisse über 
das Wesen der „Caries interna“ bedeutend erweitert worden sind 
und dass die Witzel’schen Forschungen, wie auch die von ihm 
erwähnten Untersuchungen von Bödecker und Abbot über 
Caries des menschlichen Zahnbeines uns veranlassen werden, diese 
Erkrankung des Zahnbeines im Wesentlichen mit als einen vitalen 
Vorgang aufzufassen, d. h. dass einmal gewisse pathologische Ver¬ 
änderungen in der Pulpa auch die Disposition des normalen 
Zahngewebes zur Erkrankung zu erhöhen vermögen — 
wir haben dafür einen schlagenden Beweis in dem oft ganz auf¬ 
fälligen schnellen Zerfalle der Zähne der Frauen während der 
Schwangerschaft —, andererseits aber auch, dass das vitale Princip, 
d. h. der Stoffwechsel im Zahnbeine und die dadurch mehr oder 
minder erhöhte oder geschwächte physiologische Thätigkeit des 
Protoplasmas einen ganz wesentlichen Einfluss auf den Verlauf 
der Caries ausüben muss. 


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Hoffen wir, dass die uns von Abbot und Bödecker ge¬ 
gebenen Untersuchungen des Zahnbeines von deutschen Autoren 
recht bald erweitert werden. 


III. Praktische Demonstrationen. 


Am Dienstag Vormittag wurden im Operationszimmer des 
Dr. Fricke von Degener und Witzei praktische Demonstra¬ 
tionen abgehalten. 

Witzei füllte zunächst dem Collegen Schäfer (Assistent 
bei Fricke) die beiden Wurzeln der schon vor Jahren entkronten 
und von einer Kautschukplatte bedeckten oberen, mittleren Schneide¬ 
zahnwurzeln genau nach der am Tage zuvor besprochenen Methode. 
In beiden Kanälen waren die Pulpawurzeln zerfallen und die 
Kanäle zum Theil mit fauligen Schleim- und Speiseresten an- 
gefüllt. Der Kanal der linksseitigen Wurzel war durch Caries 
bedeutend erweitert und die Sonde konnte durch das gleichfalls 
erweiterte Wurzelforamen hoch in die spongiöse Substanz des 
Kiefers eingeführt werden. Nachdem der Kanal gut ausgebohrt, 
ausgespritzt und mit Phenol-Chlorzink desinficirt war, wurde ein 
Stückchen Catgut in den Kanal eingeführt und mit einem ge¬ 
knöpften Stopfer in die Alveole hineingeschoben; mit einem zweiten 
ganz kurzen Stückchen Catgut wurde das Foramen, so gut es ging, 
verschlossen; nun wurde der Kanal wieder mit Alkohol aus¬ 
gewaschen und mit Phenolcement und Chlorzinkcement in der be¬ 
schriebenen Weise gefüllt und der Verschluss mit Platina-Krystall- 
amalgam gemacht (vergl Witzei, Pulpakrankheiten, Fig. 65). 

Die Wurzel des rechtsseitigen Schneidezahnes diente zur Zeit 
einem an der Platte befestigten Stifte zur Aufnahme; sie befand 
sich also, wie alle solche Wurzeln, in einem chronischen Reiz¬ 
zustande, der, wie Witzei erklärte, gewöhnlich auf sackförmige 
Verdickung der Wurzelhaut an der Wurzelspitze 
schliessen lässt Trotz dieser höchst ungünstigen Verhältnisse 
wurde auch dieser Kanal nach sorgfältiger Reinigung mit Phenol- 
chlorzink desinficirt und zwar so, dass durch weite Zurücklegung 
des Kopfes die Wurzel eine solche Lage bekam, dass dieses kräf¬ 
tige Antisepticum direct in die kranke Alveole hineinfliessen musste. 
Darauf wurde der Kanal direct mit Phenolcement gefüllt und zwar 


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ohne Catgat, das sich in diesem Falle nicht in nnd durch die 
Wurzelöffnung in die Alveole einschieben liess; der Verschluss 
wurde auch hier mit Amalgam gemacht. 

Der Erfolg dieser Operation war ein überraschend günstiger; 
Witzei selbst machte vor der Behandlung darauf aufmerksam, 
dass er unter anderen Verhältnissen die Kanäle erst provisorisch 
mit Catgut und nach circa zehn bis vierzehn Tagen, wenn sich 
die Einlage unter dem Guttapercha-Verschlusse geruchfrei gezeigt, 
erst mit Phenolcement gefüllt haben würde, und dass die hier zum 
Zwecke der Demonstration direct ohne jede Vorbehandlung aus¬ 
geführte Operation höchst wahrscheinlich zu einer entzündlichen 
Anschwellung und schwachen Eiterbildung in der Alveole führen 
würde. Trotzdem glaubte er die Erhaltung der Wurzeln sicher 
in Aussicht stellen zu dürfen. (Zur Freude des behandelten Col- 
legen beschränkten sich die gefürchteten Nachwehen auf eine 
leichte, wenig schmerzhafte Auftreibung der Alveole, die mit 
Morphium-Jodtinctur behandelt, nach einigen Tagen beseitigt war.) 

Degener füllte darauf dem Collegen Schäfer, dessen 
Mund ein ganz passendes Versuchsfeld abgab, einen oberen an 
seiner Mesialseite erkrankten Bicuspis mit Gold; er benutzte dazu 
adhäsive Goldstreifen (sogenannte ribbon), welche mit Handdruck 
gedichtet wurden. Interessant für die Umstehenden war die mit 
Geschick ausgeführte Bedeckung des Bodens der Höhle mit Zinn¬ 
folie und die Ueberbrückung dieser Unterlage mit Gold. Nach 
Degener’s Ansicht und Beobachtung wird durch dieses Verfahren 
das gute Leitungsvermögen des Goldes, das für eine naheliegende 
Pulpa recht störend werden kann, wesentlich unterbrochen. So 
behandelte Zähne, welche unter dem Golde in der Nähe der 
Pulpa eine schwache, acht bis zwölf Blatt starke Zinnfolie-Unter¬ 
lage erhalten, sollen nur selten später beim Genüsse von Heissem 
oder Kaltem Empfindlichkeit zeigen. Zur Finirung der Füllung 
wurden nur ganz leichte Hammerschläge und der Handpolirstahl 
verwendet und doch eine Füllung erzielt, welche als vollkommen 
solid anerkannt werden musste. Nach einer kurzen Erholungs¬ 
pause nahm nun der Berichterstatter (Dr. Fricke) selbst auf 
dem Operationsstuhle Platz, um sich vom Collegen Witzei einen 
schmerzhaften unteren Mahlzahn, der auf erweichtem, mit Phenol 
behandelten Zahnbeine seit einigen Wochen eine Guttaperchafüllung 


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trag, antiseptisch behandeln zn lassen. Nachdem die Bänder der 
Höhle präparirt, die Guttapercha entfernt und der Zahn mit Coffer- 
dam unterbunden war, wurde mit phenolisirtem Dentinlöffel der Best 
des erweichten Zahnbeines von der bereits wieder schmerzhaft 
gewordenen Pulpa vorsichtig, ohne Verletzung derselben abgehoben. 
Dadurch wurde ein Pulpahorn exponirt, das, wie sich bei genauer 
Beleuchtung der Höhle zeigte, bereits vom Schleim über¬ 
zogen und erst nach Abtupfung desselben als rother Punkt sicht¬ 
bar wurde. Da noch kein bedeutender Gewebszerfall constatirt 
werden konnte, schlug Witzei die Ueberkappung der Pulpa vor, 
welche dann genau in der von ihm angegebenen Weise mit 
Phenolcement ausgeführt wurde; Die Cavität selbst wurde vor¬ 
läufig nur mit Guttapercha geschlossen, weil hier eine Becidiv- 
Entzündung der Pulpa leicht eintreten konnte, bis heute jedoch 
nicht eingetreten ist. Der Anfangs gegen Kälte etwas empfindliche 
Zahn beruhigte sich bald und ist jetzt mit Amalgam definitiv gefüllt. 1 ) 


*) In ganz derselben Verfassung befand sich Anfang Februar einer 
meiner oberen Mahlzähne, die Pulpa desselben wurde von einem be¬ 
freundeten Collegen nach antiseptischer Vorbehandlung überkappt und 
die Cavität mit Zinkphosphat-Cement gefüllt. Bis Ende October blieb 
mein Zahn schmerzfrei, da aber bemerkte ich zuerst eine Empfindlich¬ 
keit gegen Wärme, die bald zu so starken Schmerzanfällen führte, daBs 
ich die Perforation der Pulpa vornehmen und die gangränöse Pulpa mit 
Carbol ätzen liess. 

Wenn ich auch annehmen darf, dass die Behandlung der Pulpa mit 
Phenolcement ein günstiges Resultat geliefert haben würde, so geht 
doch auch aus dieser Beobachtung wieder hervor, dass die Erhal¬ 
tung einer bereits mit fauligem Dentin längere Zeit in Be¬ 
rührung gewesenen Pulpa immer zweifelhaft ist und man in 
der Praxis stets besser thut, solche Pulpen nach dem Verschlage von 
Witzei direct mit Arsenik zu ätzen und den Pulpakörper dann zu am- 
putiren. Ich halte überhaupt die Pulpaüberkappung für eine der deli- 
catesten Operationen der Zahnheilkunde, deren Erfolg nicht allein von 
der Lage und Form des Pulpahöhlendefectes, dem Zustande der Pulpa 
selbst, sondern hauptsächlich von der Ausführung der Operation ab¬ 
hängig ist, und da Bcheint mir die von Witzei angegebene antiseptische 
Methode die rationellste zu sein. Um dieses Verfahren und dessen Er¬ 
folge (siehe oben die Behandlung des Collegen Schäfer) ganz zu ver¬ 
stehen, muss man es gesehen haben, mit welcher Sorgfalt 
Witzei seine antiseptischen Behandlungen ausführt. 

Dr. F r i c k e. 


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Am Schlüsse dieser Sitzung extrahirte Witzei noch einem 
anwesenden Studenten einen unteren Bicuspis, den derselbe anti¬ 
septisch gefüllt haben wollte, der nach WitzePs Ansicht jedoch 
eine schlechte Prognose bot. Der extrahirte Zahn wurde gesprengt, 
die Pulpa auf einem Objectglase in Glycerin gelegt, mit dem 
Deckgläschen breitgedrückt und mit einer Loupe der oberfläch¬ 
liche Gewebszerfall und die Ueherfüllung der schon mit un- 
bewaffnetem Auge sichtbaren Gefässe in der ent¬ 
zündeten Pulpawurzel nachgewiesen. 

Degen er nahm am Schlüsse dieser für die Anwesenden sehr 
interessanten Sitzung dem Collegen Schäfer noch einen Gyps- 
abdruck und demonstrirte die Anlegung und Unterbindung des 
Coffer-dam an Mahlzähnen in ganz geschlossener Zahnreihe. 

IV. Fragebeantwortung. 

Ist schon jetzt ein bestimmtes Urtheil über die Halt¬ 
barkeit der Pyrozinkphosphat-Plombe abzugeben? 

Witzei: Meine Herren! Es ist gewiss unser gemeinsamer 
Wunsch, eine plastische Füllung zu besitzen, welche 

Erstens der Zahnfarbe möglichst gleichkommt; 

Zweitens weder chemisch zerstörend auf die Zahngewebe, 
noch ätzend auf die naheliegende Pulpa wirkt, die 

Drittens unter allen Verhältnissen den Einwirkungen der 
Mundflüssigkeiten, mögen dieselben hervorragend sauer oder al¬ 
kalisch sein, dauernd widersteht; 

Viertens sich während des Erhärtens weder contrahirt 
noch expandirt, und endlich 

Fünftens so fest wird, dass sie durch das Eaugeschäft 
und durch den Gebrauch der Bürste nicht abgenutzt wird. 

Die Lösung dieses Problemes beschäftigt schon seit circa 
25 Jahren die zahnärztlichen Chemiker. Doch bis heute ist es 
keinem gelungen, eine uns vollständig befriedigende plastische 
Füllung herzustellen. Die Mängel der früher häufig gebrauchten 
Chlorzinkcemente: die leichte Löslichkeit derselben durch sauren 
Mundschleim, und die für die naheliegende Pulpa so nachtheilige 
ätzende Wirkung des Chlorzinks sind uns allen aus der Praxis be¬ 
kannt. Um so freudiger begrüssten wir die Einführung der Pyro- 


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zinkpho8phat-Cemente, die nach Angabe einiger Verfertiger der¬ 
selben alle die von nns ausgesprochenen Bedingungen erfüllen 
sollten. Wenn es auch nicht geleugnet werden kann, dass dieselben 
manche Vorzüge vor dem Chlorzink-Cemente haben, so hat mich 
wenigstens die Erfahrung gelehrt, dass die Pyrozinkphosphat- 
Cemente doch noch nicht das erfüllen, was wir jetzt mit Recht 
von einer guten Füllung verlangen. Lassen Sie uns jetzt, ver¬ 
ehrte Herren Collegen, auf unsere Erfahrung gestützt, gewissenhaft 
prüfen, inwieweit die bis jetzt für unsere Zwecke in den Handel 
gebrachten verschiedenen Pyrozinkphosphat-Cemente — die sich 
nur wenig von einander unter scheiden, und mit denen 
man, bei richtiger Behandlung des Materiales, ganz 
gleiche Resultate hat — unseren oben gegebenen An¬ 
sprüchen genügen. 

Klein mann: Ich bin ein Freund dieser plastischen Füllung. 
Sie hält sich entschieden im Munde besser und ist namentlich 
gegen die Säuren des Mundes widerstandsfähiger, als die Chlor- 
zinkcemente. Ich verwende sie hauptsächlich zu grossen Con- 
tourfüllungen an Schneidezähnen; doch betrachte ich es noch 
als einen grossen Uebelstand, dass die Pyrophosphat-Pasta meist 
crystallisirt ist. Die Masse lässt sich allerdings durch Er¬ 
wärmen wieder flüssig machen, allein es will mir scheinen, als ob 
die Pasta durch diese Manipulation entschieden schlechter würde. 

Buschendorf: Ich bin ganz der Ansicht, die der College 
Kleinmann soeben ausgesprochen hat, und gebe aus diesem 
Grunde der Rostaing’sehen Plombe den Vorzug, deren Pasta 
breiig bleibt. 

Arend: Meine Herren 1 Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit 
auf die von Fletcher eingeführte und in Deutschland sogar 
patenürte, sogenannte transparente Cementfüllung lenken. 

Ich habe damit leider auch Versuche gemacht und gefunden, 
dass dieselbe absolut unbrauchbar ist. Die Farbe dieses Cementes 
ist zwar ganz vorzüglich, allein seine Haltbarkeit ist sehr schlecht. 
Es ist gut, dass Fletcher selbst zu dieser Einsicht gekommen 
ist, und das unzweckmässige, wie es scheint von ihm in der 
Praxis wenig oder gar nicht erprobte Präparat aus dem Handel 
wieder zurückziebt. 


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Eleinmann: Ich glaube^ dass wir die Rostaing- and 
Fletcher’schen Cement-Präparate, die sich von den anderen 
nur durch hohe Preise anszeichnen, sehr gat entbehren können. 
Unsere deutschen Präparate: die vonWorff, Poulson, Lorenz 
und Friese sind alle ebenso gut, wie die ausländischen Fabrikate! 
Die von Lorenz und von Friese gelieferte Pasta bleibt, 
wie mir vom Collegen Witzei soeben mitgetheilt wird, stets so 
plastisch, dass eine Erwärmung derselben nicht nöthig wird. Ich 
betrachte diese Plasticität der Pasta als einen grossen Vorzug. 

Degen er: Der krystallinische Zustand der Pasta ist für 
den praktischen Gebrauch entschieden störend. Ich glaube jedoch, 
wenn die Erwärmung mit Vorsicht geschieht, und die wieder 
plastisch gemachte Pasta mit dem Pulver richtig durchknetet wird, 
werden auf alle Fälle auch gute Füllungen erzielt, vorausgesetzt, 
dass die Höhle sachgemäss präparirt und gegen Speichelfluss durch 
Cofferdam absolut geschützt wird. Die Haltbarkeit der Füllung 
ist aber trotzdem nicht ganz gleich; ich habe Poulson’sche 
Mineralplomben gefunden, welche bei einer sehr starken Friction 
der Kauflächen sich nach l 1 /* Jahren noch wunderschön gehalten 
hatten, und andere, die mit derselben Sorgfalt gemacht waren, 
hei denen sich schon nach fünf bis sechs Monaten eine starke 
Abnutzung bemerkbar machte. Hinzufügen will ich gleich hier 
noch, dass ich in meiner Praxis den Metallfüllungen in 
Zähnen mit gesunden Pulpen stets den Vorzug gebe. 
Selbst grosse Defecte an Schneidezähnen fülle ich, wo es geht, 
noch mit Gold, dessen Haltbarkeit besonders dann, wenn der De- 
fect an der Zungenfläche bis zur Schneide geht, von keinem an¬ 
deren Füllungsmateriale erreicht wird. In grösseren abgeschlos¬ 
senen Seitencavitäten und bei solchen grossen Contourfüllungen, 
die scharf am Nachbarzahne angelegt werden können, bewährt 
sich Poulson’s Zinkphosphat zuweilen recht gut 

Arend: Ueber die Verwendung der Gementfüllungen stimme 
ich mit dem Collegen De gen er ganz überein und gebrauche sie 
nur da, wo ich kein Gold oder Amalgam mehr einlegen kann, 
denn mit dem vorzüglichen Anschlüsse einer mit Sorgfalt ein¬ 
gelegten Goldfüllung an den Seitenflächen der Schneidezähne, und 
mit der Widerstandsfähigkeit der Platina-Amalgame auf Kauflächen, 
lassen sich die Resultate, die wir mit den vielgepriesenen Cement- 


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füllungen erreichen, niemals vergleichen; sie haben für mich 
nur den Werth provisorischer Füllungen. 

Fricke: Ich habe mit dem Zinkphosphatcemente bei vor- 
schriftsmässiger Behandlung des Materiales meistens gute Resultate 
gehabt, doch die von Ihnen beobachtete Abnutzung der Fül¬ 
lung in vielen Fällen ebenfalls bemerkt. 

Unser altes Chlorzinkcement ist nach meiner Ansicht gegen 
mechanische Einflüsse widerstandsfähiger als das 
neue Phosphatcement; letzterer dagegen wird von den Mund¬ 
flüssigkeiten nicht sogleich angegriffen, doch verhalten sich die 
Zinkphosphatcemente gegen chemische Einflüsse keineswegs so in¬ 
different, wie es die verschiedenen Gebrauchsanweisungen sagen. 

Zu Ihrer Discussion über den Aggregatzustand der Pasta will 
ich noch Folgendes bemerken: Dieselbe wird bekanntlich aus 
freier und glasiger Phosphorsäure zusammengesetzt. Ist 
ein bedeutender Ueberschuss von glasiger Phosphorsäure vorhanden, 
so krystallisirt die Pasta. Ist dagegen die freie Phosphorsäure 
mit der glasigen zu gleichen Theilen vermengt, so wird die Pasta 
gewöhnlich nicht krystallisiren. Es ist aber auch möglich, dass der 
von uns so sehr gewünschte breiflüssige Zustand durch „ge¬ 
störte Krystallisation“ während der Mischung derselben herbei¬ 
geführt wird. Wird die krystallisirte Pasta erhitzt, so muss zu¬ 
nächst das Krystallwasser verdampfen. Bleibt die Pasta nicht 
beständig gut verschlossen, so wird sie Wasser aus der Luft auf¬ 
saugen. Eine Zersetzung der Pasta durch das Licht scheint nicht 
möglich zu sein, doch dürfte es sich immerhin empfehlen, sie in 
gefärbten Gläsern mit gut eingeriebenen Glasstöpseln zu verwahren. 

Witzei: Aus Ihrer Besprechung geht hervor, dass Sie Alle 
ziemlich befriedigende Resultate mit der in Rede stehenden Cement- 
füllung erreichen. Die Farbe derselben befriedigt uns vollkommen, 
die Handhabung der Füllung ist hei einiger Uebung leicht aus¬ 
zuführen. Liegt die Pulpa in der Nähe, so wird sie durch dieses 
Cement nicht, wie durch den Chlorzink, leicht irritirt. Doch 
lege ich auch hier stets eine dünne Lage Phenolcement in die 
Nähe der Pulpa, ein Verfahren, das sich recht gut zu bewähren 
scheint. 1 ) Auch zur Pulpaüberkappung soll der Zinkphosphatcement 

') Vgl. Th am ha yn, Arzneimittellehre für Zahnärzte 1880, S. 105. 


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in einigen Fällen mit Erfolg gebraucht worden sein, doch habe 
ich über den letzten Punkt keine genügende Erfahrung gesammelt, 
da ich jede freigelegte Pulpa — scheint mir ihre Erhaltung 
möglich — antiseptisch mit Phenolcement behandle. 

Das sind die Vorzüge dieses Zinkphosphatcementes. Wir 
verlangen jedoch mehr von einer guten Füllung, wir wünschen 
vor Allem, dass die Cementfüllungen durch die Mundflüssigkeiten 
nicht zersetzt werden, und diese Zersetzung habe auch ich an 
Zinkphosphatfüllungen, trotzdem ich dieselben nur unter Cofferdam- 
schutz lege, oft schon nach fünf bis sechs Monaten beobachtet 
und zwar besonders an separirten Approximalhöhlen, die zum Theil 
noch unter das Zahnfleisch reichten. Ob bei der Präparation 
der Füllung ein grösserer oder geringerer Procentsatz Wasser 
in der Pasta einen wesentlichen Einfluss auf die Haltbarkeit 
der Füllung ausübt, will ich hier noch nicht entscheiden; kommt 
jedoch eine Füllung, noch ehe sie ganz erstarrt ist, mit dem 
Speichel in Berührung, oder ist die Höhle nicht ganz wasserfrei, 
so kann man sicher sein, dass die Ränder der Füllung schon 
nach zwei bis drei Wochen am Schmelzrande der Füllung ab¬ 
gebröckelt gefunden werden. Das Centrum selbst erscheint dabei 
zwar hart, da aber, wo sie schützen soll, am Schmelz und Zahn¬ 
fleischrande (ich spreche hier nur von Approximalfüllungen sepa- 
rirter Zähne), ist sie bröckelig und schliesst nicht mehr, und ich 
bin überzeugt, dass, wenn in einem solchen Falle die Reinigung 
des Mundes auch noch vernachlässigt wird, der weitere Zerfall 
der Füllung beschleunigt und sehr bald wieder Caries entstehen 
wird. 

Dass auch die Phosphatcemente unter gewissen Verhältnissen 
im Munde nach und nach gelöst werden, ist also Thatsache. Es 
ist demnach unsere Aufgabe, die Frage: welche Eigenschaften der 
Mundflüssigkeiten wirken zersetzend auf diese Cemente ein, durch 
Experimente zu prüfen. Unser Schweizer College Schlenker 1 ) hat 
sich auch in dieser Hinsicht verdient gemacht und durch eine 
Reihe mühevoller Versuche diese praktisch so wichtige Frage 
experimental beantwortet. Ich selbst habe, wenn auch nicht so 
umfassende, Untersuchungen angestellt und bin zu ganz ähnlichen 


*) Vgl. D. Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1879, Heft I. 


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Resultaten gelangt, wie solche Schlenker in seinen Tabellen 
anführt. 

Ans meinen Experimenten geht hervor, dass die Zinkphos¬ 
phatfüllungen durch 25°/ 0 Milchsäure und Essigsäure nicht an¬ 
gegriffen, dagegen von 25°/ 0 Schwefelsäure, ebenso von 25°/ 0 
Ammoniak- und Aetznatron-Lösungen schon nach zwölf Stunden 
vollständig aufgelöst werden. Auch eine 25% Kochsalzlösung er¬ 
weichte die Oberfläche des Gementes nach 24 Stunden schon so, 
dass auf der Cementkugel Nageleindrücke und Striche mit einer 
harten Zahnbürste ganz deutlich sichtbar waren. 

Hieraus kann man wohl nun mit Gewissheit schliessen, 
dass die Zinkphosphatcemente auch durch alkalisch reagirenden 
Speichel nach und nach angegriffen werden, dass sie sich aber 
gegen schwache Milch- und Essigsäure indifferent verhalten. Aehn- 
liche Versuche mit Chlorzinkcement zeigen, dass sich diese Masse 
gegen Alkalien etwas widerstandsfähiger zeigt, dagegen von Säuren 
leichter zersetzt wird. Beide Cemente werden von Schwefel¬ 
wasserstoffsäure (die im Munde durch Fäulniss organischer 
Stoffe zwischen den Zähnen sehr leicht sich bildet) stark angegriffen. 

Bemerkenswerth ist endlich noch die von Hollaender 1 ) ge¬ 
machte Mittheilung, dass Zinkphosphatcement von Spiritus leicht 
zersetzt werden soll, so dass der tägliche Gebrauch spiritushaltiger 
Zahntincturen demnach auch einen deletären Einfluss auf die 
Füllung ausüben muss. 

Am besten bewährt sich die Füllung in abge¬ 
schlossenen Seitencavitäten, die nicht unter das Zahn¬ 
fleisch greifen. Auf Kauflächen der Mahlzähne verwende ich 
sie nur selten. Hier gebe ich stets, handelt es sich um eine 
kleine Cavität, dem Golde, sind Zähne mit naheliegender Pulpa 
zu füllen, dem Platina-Crystallamalgam mit Guttapercha- 
Unterlage den Vorzug. 

Zur Technik des Füllens will ich hier noch kurz bemerken, 
dass die Pasta niemals zu plastisch angesetzt werden darf. Von 
der ungleichen quantitativen Vermengung der Pasta mit dem 
Pulver mögen zum Theil die verschiedenen Resultate herrühren. 
Ebenso nachtheilig für die Haltbarkeit der Füllung ist das Drücken 


*) Hollaender, Das Füllen der Zähne, Seite 17. 


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and Kneten derselben in der Höhle, sobald sie bereits za erstarren 
beginnt. Am Schlösse meiner Mittheilong erlaube ich mir noch, 
an Sie, verehrte Collegen, die Fragen zu richten: 

Erstens: Können nach Ihrer Ansicht, wenn sich in einem 
Monde eine grössere Anzahl von Zinkphosphatfallungen befinden, 
durch Auflösung und Zersetzung der Füllungen für den Patienten 
irgend welche nachtheilige Folgen entstehen? Man behauptete 
dieses bekanntlich früher von den Kupferamalgamen. 

Zweitens: Wird die Füllung, wenn sie mit einer dünnen 
Schmelzwand in Berührung kommt, dieselbe nicht chemisch zer¬ 
setzen müssen? 

In der Pasta befindet sich sehr viele freie Phosphorsäure, 
die so stark wirkt, dass selbst ein vernickeltes Instrument mit 
derselben in Berührung gebracht, leicht rostet. Legt man einen 
dünnen Zahnschliff in diese Pasta, so ist er schon in einigen 
Tagen zerstört, und selbst der gesunde eines kräftigen Zahnes 
zeigt bald ganz bedenkliche Einwirkungen der Säure. (Vgl. 
Schlenker’s Untersuchungen in D. Vierteljahrsschrift 1879, S. 8.) 

Arend: Ich habe bei einer Dame, der ich etwas stark aus¬ 
gehöhlte Schneidezähne mit dem Fletcher’schen Cement füllte, nach 
drei Wochen den dünnen Schmelz an einigen Stellen ganz kreidig 
gefunden. 

Buschendorf: Ich glaube, dass eine solche zerstörende 
Wirkung des Zinkphosphatcementes nur dann beobachtet werden 
kann, wenn derselbe zu weich in die Höhle eingeführt wird. In 
diesem Falle muss die noch nicht chemisch mit der Pulpa ver¬ 
bundene freie Phosphorsäure unbedingt auch auf die Schmelzwände 
einwirken. Diese oberflächliche chemische Zersetzung des Schmelzes 
ist jedoch für gewöhnlich wohl kaum in Betracht zu ziehen. 

K1 e i n m a n n: Ich habe noch keine nachtheiligen Einwirkungen 
auf den Organismus durch Cementfüllungen beobachtet. Nur eine 
Patientin, der ich einen Zahn mit Zinkphosphat gefüllt hatte, 
bemerkte, dass sie eine kurze Zeit lang einen sauren Geschmack 
im Munde verspürte. Der nachtheiligen Einwirkung auf die 
Schmelzränder kann man vielleicht dadurch begegnen, dass man 
die Höhle zuerst lackirt oder dünne Stellen durch Guttapercha 
schützt. 


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Witzei: Meine Herren! Ich habe während Ihrer Debatte 
ein erbsengrosses Stück von halb erstarrtem Phosphatcement ge¬ 
kaut und habe in Folge dessen noch jetzt einen recht wider¬ 
wärtigen phosphorsauren Geschmack und ein unbehagliches Gefühl 
im Magen. Das letztere schreibe ich hauptsächlich der Wirkung 
des Zinkoxydes zu; denn eine Zersetzung der Phosphorsäure im 
Magen in Phosphor ist nicht möglich. 

Wenn man aber bedenkt, wie leicht vom Patienten solche 
Stückchen Füllung während der Operation verschluckt werden 
können, und wie schnell in manchem Munde die Füllung zersetzt 
und gelöst wird, so glaube ich mit Hecht Ihre Aufmerksamkeit 
auch auf diesen Punkt lenken zu müssen, um so mehr, da diese 
Cementfüllung in der Kinderpraxis zum Füllen defecter Milchzähne 
viel gebraucht wird, und es ist unsere Pflicht, uns darüber Auf¬ 
klärung zu schaffen, dass nicht etwa durch den Gebrauch 
dieses Cementes — dessen Werth als „permanentes“ 
Füllungsmaterial noch sehr problematisch ist — auch 
nur die geringste Störung des Allgemeinbefindens herbeigeführt werde. 

Die nächste Frage unseres Programmes lautet: 

Hat das empfohlene Mr. Snape’s Calorific-fluid 
zur Beseitigung des Schmerzes bei Zahnex¬ 
tractionen Erfolge nachzuweisen und welche? 

Kleinmann: Meine Herren! Der Wunsch, ein Mittel zu 
besitzen, welches die Schmerzen bei den Zahnextractionen mildert 
oder ganz aufhebt, ist so berechtigt, dass es unsere Pflicht ist, 
ein jedes, welches zu diesem Zwecke empfohlen wird, zu prüfen. 
Zu den Mitteln, welche auf das Zahnfleisch applicirt, eine locale 
Anästhesie in der Umgegend des Zahnes hervorrufen sollen, gehört 
unter anderen auch das von Mr. Snape empfohlene Calorific- 
fluid. Ich selbst habe flas Mittel, sowie auch noch verschiedene 
andere, unten näher bezeichnete J ) in meiner Praxis gebraucht, 


*) 1) Von Dr. Jenks in Illinois: Rp. Chloroform, Tinct. opii, Tinct. 
opii aconit. aa 8,0. D. S. Local auf d. Zahnfleisch anzuwenden, bei Ex¬ 
traction der Zähne.— 2) Von Dr. v. Savignac: Rp. Chloroform, Tinct. 
opii crocat. aa 2,0. Spirit, menth. crisp. 40,0. D. S. Mit Watte auf 
das Zahnfleisch zu reiben. 3) Von Dr. Türck: Rp. Morph, acetic. 
0,16, Alcohol. absol. 4,0, Chloroform 16,0. D. S. Zum Bepinseln des 
Zahnfleisches. 


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theils mit, theils ohne Erfolg, und es wäre mir lieb, wenn 
die anwesenden Herren über die Besultate, welche sie mit diesen 
localwirkenden Mitteln erreicht haben, Bericht erstatten wollten. — 

Degener: Es kommen in der Praxis öfters Fälle vor, wo 
man bei ängstlichen Patienten zur Linderung des Schmerzes irgend 
ein Mittel anwenden muss; doch gilt für die meisten derselben 
das Wort: „Der Glaube macht selig!“ Ich habe bei einzelnen 
Patienten mit dem Calorific-fluid scheinbare Erfolge gehabt, 
während bei Anderen mich die Wirkung des Mittels vollständig 
im Stiche liess. Ganz ähnliche Besultate erreichte ich mit dem 
Bichardson’ sehen Aether - Zerstäuber. 

Witzei: Auch ich habe die Snape’sche Lösung in meiner 
Praxis verschiedene Male gebraucht; dieselbe soll nach der Analyse 
des Herrn Bohlen aus Chloroform, Melissenspiritus und etwas 
Nelkenöl bestehen. Die Hauptwirkung wird also das Chloroform 
ausüben, und wenn wir mit diesem Mittel (dem ich noch etwas 
Phenol und Morphium zugesetzt habe) in einigen Fällen schmerz¬ 
los operiren, so haben wir wohl einen grossen Theil dieser Wirkung 
auf die Einathmung des Chloroforms zu bringen. Die Anwendung 
dieses Mittels ist also nicht einmal ungefährlich! Es wird wohl 
überhaupt kaum ein locales Anaestheticum geben, welches uns er¬ 
möglicht, in allen Fällen ganz schmerzlos zu operiren; man er¬ 
reicht durch die Anwendung solcher Mittel gewöhnlich nur eine 
schwache locale Anästhesie des Zahnfleisches, so 
dass der Patient das Ansetzen der Zange nicht ganz genau 
empfindet, dagegen muss er aber vorher die Einwirkung des 
Mittels aushalten, die oft als recht empfindlich, ja als 
schmerzhaft beschrieben wird. 

Schäfer: Meine Herren! Wie sie soeben selbst gesehen 
haben, hat College Witzei das Mittel auf mein Zahnfleisch ein¬ 
wirken lassen und dasselbe kräftig scarificirt; wenn ich auch zu¬ 
geben muss, dass der Schnitt in dem nicht behandelten Zahnfleische 
stärker empfunden wurde, als in dem von der Tinctur getroffenen 
Theile, so muss ich doch gestehen, dass weder die Einwirkung 
des Mittels noch das Scarificiren sehr angenehm gewesen ist. 

Fr icke: Ich halte die Beruhigung des Patienten für eine 
Täuschung und führe sie auf dasselbe zurück, worauf die alte 
Erfahrung sich gründet, dass mancher Zahnschmerz im Vorzimmer 


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des Zahnarztes verschwindet. Das Ausziehen des Zahnes wird 
unter allen Umständen als Schmerz empfunden werden. Es ist 
bei Anwendung dieser Mittel nur zu hoffen, dass das Gefühl beim 
Ansetzen der Zange vermindert wird, eine weitere Wirkung wird 
wohl schwerlich erzielt werden können. 

Hierauf wurde die Frage: 

Wie steht es jetzt mit den Celluloidbasen 
für künstliche Gebisse? 
zur Discussion gebracht. 

Die Specialdehatte über die Anfertigung der Platten and über 
die dazu empfohlenen Apparate ergab im Allgemeinen dasselbe 
Resultat, welches über den gleichen Gegenstand der Bericht von 
der Bremer Versammlung gebracht hat. 

Die Ansichten sämmtlicher Redner gingen dahin, 
dass die Benutzung des Celluloids als Basen für künst¬ 
liche Gebisse zwar als ein Fortschritt der Technik 
anzuerkennen sei, dass jedoch dieses Material vor¬ 
läufig nicht im Stande sei, den Kautschuk zu ver¬ 
drängen. 

Celluloid wurde namentlich zur Herstellung ganzer Ersatz¬ 
stücke für „wurzelfreie Kiefer“ empfohlen, hingegen seine 
Verwendung für partielle Piecen, besonders dann, wenn noch 
Wurzeln stehen, für nicht ganz geeignet erklärt. 

Degen er erwähnt, dass eine für seinen Mund angefertigte 
partielle Celluloidplatte, die er des starken Kampfergeschmackes 
wegen nicht tragen konnte, sich nach einiger Zeit so stark ver¬ 
zogen hatte, dass er sie nicht mehr im Munde halten konnte. 

Dagegen bemerkt Arend, dass nach seinen Beobachtungen 
Celluloidplatten sich nur dann werfen, wenn sie nicht warm genug 
gepresst oder zu schnell aus der noch warmen Cüvette heraus¬ 
genommen werden; damit fällt aber die Zeitersparnis gegenüber 
der Kautschukarbeit fort. Mit Goldklammern resp. Goldeinlagen 
soll sich Celluloid gut verbinden (?), doch warnt er, den Apparat 
zu überhitzen, weil dann das Celluloid wie der Kautschuk porös 
werden kann. Bei der Einführung des Celluloids scheint ihm 
mehr die Sucht, etwas Neues zu bieten, als das wahre 
Bedürfnis, die Patienten mit besseren Zahnersatzstücken zu 
versehen, vorherrschend zu sein. 

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Hierzu bemerkt Witzei, dass eine strenge Ueberwachung 
der Apparate nöthig sei. In England ist in einer Celluloidfabrik 
durch eine Ueberhitzung des Cylinders eine Explosion des 
eingepressten Celluloids erfolgt, welche den eisernen 
Cylinder vollständig zertrümmert und den heraus¬ 
geworfenen Stempel tief in das Mauerwerk einge¬ 
trieben hatte. Glücklicherweise befand sich in dem Augen¬ 
blicke, als die Explosion des Celluloids im Apparate erfolgte, Nie¬ 
mand im Zimmer, so dass bei diesem Unglücksfalle kein Menschen¬ 
leben zu beklagen ist. 

Zuletzt erklärt sich noch Fricke bereit, zur Lösung der 
Frage: „wird das Celluloid, wenn es auf Wurzeln zu 
liegen kommt, mechanisch von diesen abgenutzt, oder 
durch die faulen Absonderungen des Canales nnd 
des die Wurzel stets umgebenden entzündeten Zahn¬ 
fleischrande zerstört“ die Einwirkung von Fäulnissse- 
creten auf das Celluloid in der Kieler chirurgischen Klinik experi¬ 
mental zu prüfen. 

An der Beantwortung der Frage: , 

Wie verhütet man am besten das Porös¬ 
werden des Kautschuks beim Vulkanisiren? 
betheiligten sich fast alle Anwesende. 

Aus der Zusammenstellung dieser Aeusserungen geht hervor, 
dass schwarzer Kautschuk am leichtesten, rosa oder weisser 
Kautschuk dagegen wenig oder gar nicht porös wird. Sind 
stärkere Stücke zu vulkanisiren, so empfiehlt es sich, die 
Temperatur des Apparates ganz allmälig zu steigern und 
bei niedriger Temperatur länger zu vulkanisiren 
(Degener, Fricke). 

Es kommt ferner darauf an, dass vor allen Dingen die 
Piece möglichst dünn modellirt, und dass die Cüvette vor dem 
Stopfen sorgfältig von allen. Wachstheilen befreit wird. Beim 
Einpacken des Kautschuks in die Cüvette muss man dafür sorgen, 
dass die einzelnen Stücke sorgfältig aufeinander gelegt und keine 
Luftblasen eingeschlossen werden. Sind stärkere Theile des Al¬ 
veolarrandes und des Kiefers durch Kautschuk zu ersetzen, so 
müssen dieselben möglichst aus rosa oder weissem Kautschuk ge¬ 
stopft und mit braunem oder rothem Kautschuk überdeckt werden. 


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Eine Ueberfüllung der Cüvette mit Kautschuk und 
eine Ueberhitzung derselben vor dem Pressen hat 
meist poröse Stücke im Gefolge, besonders wenn dann 
noch hohe Temperatur-Schwankungen während des 
Vulkanisirens Vorkommen, die Temperatur also beispiels¬ 
weise bei mangelhafter Beaufsichtigung des Apparates von 320 
auf 360 steigt und dann wieder bis zu 310 oder gar zu 300 
heruntergelassen wird (Kleinmann, Baden, Arend, Beobach¬ 
tungen die von Ehlers und Hargens bestätigt werden). Für das 
langsame Vulkanisiren bei niedriger Temperatur treten besonders 
noch die Herren Schölermann und Wiermann ein. 

Kleinmann und Fricke erwähnen hier noch den von 
Young in Stuttgart in den Handel gebrachten Kautschuk, von 
denen der mit C bezeichnete nach den bis dahin gemachten 
Versuchen als recht brauchbar empfohlen wurde. 

Bei der Besprechung der Frage: 

Welchen Werth haben die bis jetzt bekannt 
gewordenen deutschen Patentgebisse? 
macht der Vorsitzende (Kleinmann) auf seinen zu Bremen 
im Central verein Deutscher Zahnärzte gehaltenen längeren Vortrag 
aufmerksam und zeigt der Versammlung ein sog. Original- 
Patentfedergebiss, das von sämmtlichen Anwesenden für 
völlig werthlos erklärt wird. Der Vorsitzende geht dann 
auf den Inhalt seines bereits im Drucke erschienenen Vortrages ') 
näher ein und die anwesenden Vereinsmitglieder kommen der Auf¬ 
forderung gerne nach, den auf der Versammlung des Central¬ 
vereins Deutscher Zahnärzte gefassten Beschlüssen beizutreten. 

Hierauf schliesst der Vorsitzende die Versammlung: Geehrte 
Collegen, werthe Freunde! Wir sind am Schlüsse unserer Ver¬ 
handlung angelangt, und ich freue mich, dass durch dieselbe unsere 
Specialität, die Zahnheilkunde, sowohl in wissenschaftlicher, wie 
in technischer Hinsicht gefördert worden ist. Ich danke für die 
Ausdauer und das Interesse, welches Sie während der Verhand¬ 
lungen gezeigt haben und hoffe, dass uns der gleiche Zweck im 
nächsten Jahre in Altona wieder zusammenführen wird. 


l ) D. Vierteljahrsschrift 1879, Heft IV. 


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Verschiedenes. 


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Bericht 

über die Vereinsangelegenheiten d. J. 1878/79. 

Der Unterzeichnete legt zunächst die Einnahmen und Aus¬ 
gaben des Vereines im verflossenen Rechnungsjahre vor. Darnach 
beträgt das Vereinsvermögen nach Abzug der 45 Ji. 46 fy. be¬ 
tragenden Auslagen = 295 Jk 99 welche bei der Kieler 
Creditbank belegt sind. 

Sodann wurde zur Wahl des nächsten Versammlungsortes 
geschritten, und geht Altona daraus hervor. 

Bei der Neuwahl des Vorstandes werden Kleinmann und 
Fricke wieder gewählt und nehmen diese die Wahl an. 

Der Unterzeichnete Schriftführer theilt sodann noch mit, dass 
für den Verein von Dr. Blumm in Bamberg die Schriften: 
„Stickoxydul als Anaestheticum“ sowie „Pflege des Mundes und 
der Zähne“ eingegangen sind. 

Dr. Fricke. 


Verschiedenes. 

Ueber Eieferklemme. 

(Prof. Rieh et, L’Union 66.) 

Bei einem ziemlich kräftigen, 29jährigen Manne war in 
seinem neunten Jahre nach heftigen Zahnschmerzen unter dem 
rechten Unterkiefer ein Abscess entstanden, aus welchem sich 
nach spontanem Aufbrechen ein Knochenstückchen abstiess. Im 
September 1874 entstand nach einer Entzündung und Verlust 
mehrerer Zähne ein Abscess an der linken Wange, welcher am 
vorderen Rande des Masseter incidirt wurde. Auf Anrathen des 
Arztes sollte nun der letzte untere Backzahn als die wahrschein¬ 
liche Ursache aller Leiden entfernt werden. Mehrere Extractions- 
„ versuche schlugen fehl, es folgte erneute schmerzhafte Entzündung, 
und seit etwa 15 Monaten entwickelte sich die Schwierigkeit beim 
Oeffnen des Mundes, welche so hochgradig wurde, dass der Kranke 
nur noch flüssige Nahrung durch eine Zahnlücke auf der rechten 
Seite zu sich nehmen konnte. Bei der Aufnahme erschien das 


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Verschiedenes. 


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Gesicht asymmetrisch, da die rechte Massetergegend abgeflacht, 
die linke ziemlich angeschwollen war. Unter dem rechten Unter¬ 
kiefer fanden sich alte Narben. Die Anschwellung war links hart 
und resistent, der Unterkieferwinkel vergrössert, gewissermassen 
rundlich. Vom Munde aus war die Untersuchung schwierig. Die 
oberen Zähne kreuzten die unteren, und obgleich Patient oben 
ein künstliches Gebiss trug, konnte man nicht in die Mundhöhle 
eindringen. Der Kranke hatte seit 15 Monaten das Gebiss nicht 
herausnehmen können. Aufgefordert, den Mund zu öffnen, ver¬ 
mochte er nicht, die Zähne von einander zu entfernen; man be¬ 
merkte jedesmal nur eine kleine Bewegung in den Kiefergelenken, 
welche also nicht ankylosirt waren. 

Die Ursache der Unbeweglichkeit der Kiefer musste also in 
einer undehnbaren fibrösen Umwandlung des Masseter oder we¬ 
nigstens einer Contractur desselben gesucht werden, da andere Ur¬ 
sachen fehlten. Die gleiche Erkrankung des M. temporalis konnte 
man nachweisen, wenn man den Finger im Munde längs dem 
linken unteren Alveolarrande führte und den Kranken Versuche, 
den Mund zu öffnen, machen liess. Man fühlte dann die Sehne 
des Temporalis als einen resistenten Strang. Die Untersuchung 
des Pterygoideus war sehr schwierig, man konnte nur vermuthen, 
dass er gleichfalls contrahirt sei. Wie in allen solchen Fällen be¬ 
theiligten sich an der Contraction wahrscheinlich auch alle fibrösen 
Gewebe, welche das Gelenk umgeben. Die erste Ursache war die 
Zahnaffection. Nach den fruchtlosen Extractionsversuchen entstand 
eine Periostitis; die Entzündung setzte sich auf die Muskeln fort, 
was um so leichter geschehen kann, als Masseter und Pterygoideus 
sich direct an das Periost ansetzen. Ausserdem war zu vermuthen, 
dass im Kiefer noch ein Zahn oder die Wurzel eines solchen, als 
fremder Körper reizend, vorhanden war. 

Um zu versuchen, ob zur Hebung der Kieferklemme die Myotomie 
ausreichen würde, präparirte Eichet den Masseter vom Periost 
ab und legte zugleich den Knochen bis zum Proc. coronoid. bloss. 
Der Muskel erschien verdickt, von weisslicher Farbe, ganz ohne 
das gewöhnliche Ansehen eines Muskels; der Knochen war lebhaft 
injicirt, einfach hyperostotisch. Da ein Versuch, die Kiefer zu 
bewegen, ohne Erfolg blieb, die Durchschneidung aller fibrös ent¬ 
arteten Muskeln und Gewebe aber zu schwierig und gefährlich 


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Verschiedenes. 


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gewesen sein würde? so durchtrennte Rieh et sofort den Unter¬ 
kiefer zwischen letztem Backzahn und vorderem Rande des Mas¬ 
seter mittelst der Kettensäge. Der Knochen senkte sich sogleich 
bedeutend, und man fand in ihm eingeschlossen den Weisheitszahn, 
dessen Wurzeln gerade nach hinten gerichtet standen. Der Mas¬ 
seter wurde einfach wieder angelegt, um dem Eiter und Speichel 
leichteren, Abfluss zu gestatten, was noch dadurch unterstützt 
wurde, dass der Schnitt durch den Knochen weiter nach hinten 
angelegt war, als es bei den Verfahren von Esmarch und Riz- 
zoli zu geschehen pflegt. 

Die Heilung erfolgte sehr rasch. Das hintere Fragment des 
Knochens wurde vom Masseter und Pterygoideus nach oben und 
innen gezogen und bildete einen ziemlich beträchtlichen Vorsprung 
in die Mundhöhle; das vordere Fragment wurde nach unten ge¬ 
zogen und articulirte nur noch mit einem kleinen Theile des 
hinteren Fragmentes. Der Kranke konnte den Mund ziemlich 
weit öffnen und gut kauen. Nach zehn Monaten bestand die 
Pseudarthrose noch vollständig; eine kleine, ab und zu eiternde 
Fistel war noch zu bemerken. 

Rieh et unterscheidet zwei Formen von Kieferklemme: 1) 
solche, welche von Verletzungen des Kiefergelenkes herrühren 
oder auf Periostitis der Kieferknochen folgen; 2) solche, welche 
durch Narbencontraction in Folge von Weichtheilverletzungen der 
Wange entstehen. Fälle der ersten Kategorie verdanken ihre 
Entstehung oft dem gehemmten Durchbruche des Weisheitszahnes. 
Die Contractur ist oft vorübergehend und weicht einfachen Mitteln. 
Mitunter, wenn der Zahn im Knochen eingeschlossen ist, folgt 
heftige Entzündung, die sich auf die Muskeln weiter verbreitet. 

Bei einem jungen Mädchen, welches an Kieferklemme litt, 
diagnosticirte Rieh et eine Zahncyste, wahrscheinlich mit Ein¬ 
schliessung des Weisheitszahnes. Er schnitt auf den Knochen ein, 
trepanirte die vorhandene Knochencyste, aus welcher der Weis¬ 
heitszahn mit grosser Anstrengung extrahirt wurde. Derselbe war 
in einer fehlerhaften Stellung. Die Durchschneidung des Knochens 
hält Rieh et in diesem Falle nicht für nöthig, da das Leiden erst 
seit sechs Monaten bestand. Die Contractur verlor sich allmälig 
wieder von selbst. 


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Verschiedenes. 


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Knöcherne Ankylose ist, im Gegensätze zur fibrösen, sehr 
selten; ein Beispiel derselben findet sich im „Mus6e Dupuytren“. 

Fälle der zweiten Kategorie entstehen nach Ulcerationen oder 
brandiger Zerstörung der Wange. Der Mechanismus, durch welchen 
hierbei die Contractur entsteht, ist ein ganz anderer. 

Bei einem jungen Officiere, welcher den Mund nicht öffnen 
konnte, fand Rieh et die Schleimhaut der Wangen mit dicken 
indurirten, weissen Plaques bedeckt, welche wahrscheinlich von 
starkem Rauchen herrührten. In diesem Falle hatte sich eine 
Entzündung der Schleimhaut auf die Muskeln verbreitet. 

Besteht eine Contractur weniger als sechs Monate, so werden 
nach Rieh et s Ansicht Dilatation oder Myotomie für die Heilung 
ausreichend sein. Im Anfang räth er, erweichende, zertheilende 
oder ableitende Mittel anzuwenden. Führen diese nicht zum Ziele, 
so versuche man die allmälige oder rapide Dilatation; erstere 
zieht Rieh et vor. Die primäre Ursache, Zahn oder Sequester, 
ist natürlich zu entfernen. Die Myotomie hält Rieh et beinahe 
immer für unzureichend, sie ist schwierig und nicht ohne Gefahr. 
Der Pterygoideus internus ist wohl nie durchschnitten worden; 
einmal wurde der Processus coronoid. resecirt. In Fällen, in 
welchen die Myotomie Heilung herbeigeführt hat, wäre man viel¬ 
leicht mit einfacheren Mitteln auch zum Ziele gekommen. Sind 
nur narbige Stränge vor dem Masseter vorhanden, so kann man 
dieselben, wgnn sie nur die Schleimhaut betreffen, einfach vom 
Munde aus trennen. Gehen sie tiefer, so wird es trotz aus¬ 
giebigerem Schnitte schwierig, wenn nicht unmöglich sein, ein 
Recidiv zu verhüten. Rieh et ist geneigt, anzunehmen, dass alle 
Narbendurchschneidungen ohne plastische Operation erfolglos sind, 
an der Wange sind aber solche sehr schwierig und unsicher. 
Für derartige Fälle bleibt nur noch die Anlegung eines künstlichen 
Gelenkes vor den Narbensträngen mittelst Osteotomie übrig. Die 
Idee stammt von Rizzoli, bez. dessen Lehrer Baroni. Da 
nach der einfachen Osteotomie viele Wiederverwachsungen ein- 
treten, so machte Esmarch an Stelle derselben die Resection 
eines Knochenstückes. Nach einer von Duplay gegebenen Zu¬ 
sammenstellung von 13 Fällen, in denen nach Rizzoli, und von 
12 Fällen, in denen nach Esmarch operirt wurde, kamen nach 
Rizzoli’s Verfahren mehr Todesfälle, nach Esmarch’s mehr 


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Verschiedenes 


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Recidive vor. Rieh et fügt hinzu, dass Rizzoli’s Kranke wohl 
deswegen an Septicämie starben, weil der Eiter nicht nach aussen 
abfliessen konnte. N. 

Dem Wachsmodelle eine möglichst glatte Ober- 
' fläche zu geben. 

Nachdem das Modell aus dem Gröbsten heraus gearbeitet ist, 
nimmt man das Löthrohr und leitet eine kleine Flamme vorsichtig 
über die Oberfläche des Modelles (wobei dieses noch auf dem 
Gypsabgusse liegen bleibt). Dadurch werden die hervorragenden 
Theile geschmolzen, dieselben laufen auseinander und so erhält 
man eine spiegelglatte Oberfläche. Die Procedur erfordert nur 
wenig Uebung und nimmt sehr wenig Zeit in Anspruch. Man 
erspart dadurch aber Zeit sowohl am Modelliren der Wachsplatte, 
als auch am Finiren der Kautschukplatte. Auch macht eine schöne 
glatte Wachsplatte beim Anprobiren des Modelles einen viel bes¬ 
seren Eindruck auf den Patienten, als eine nur mit der Hand, 
wenn auch noch so sorgfältig geglättete. 

Leipzig, im Juli 1879. Jul. Parreidt. 


Charles S. Tomes, eine Zierde der englischen 

Zahnärzte. 

Dem talentvollen Sohne des verdienten John Tomes in 
London ist die höchste Ehre der wissenschaftlichen Welt in Eng¬ 
land zu Theil geworden, indem er im vorigen Jahre zum Mitglied 
der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften (Fellow of the 
Royal Society) ernannt worden ist. Das British Journal of Dental 
Science hebt hervor, dass diese Ehrenerweisung eine durch an¬ 
haltendes Studium und harte Arbeit wohlverdiente sei, wofür die 
folgende Liste wissenschaftlicher Arbeiten aus CharlesS. Tomes’ 
Feder ein sprechender Beweis ist. 

1) Ueber die Entwickelung der Zähne der Batrachier und 
Saurier (Philos. Transactions 1875). 

2) Ueber die Entwickelung und Structur der Zähne der 
Ophidien (Philos. Transactions 1875). 


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) 


3) Ueber die Entwickelung und Structur der Zähne der Se- 
lachier und Teleoster (Philos. Transactions 1876). 

4) Ueber die Entwickelung und Aufeinanderfolge der Gift- 
zähne (Pilos. Transactions 1877). 

5) Ueber die Entwickelung und Structur des vasculären Zahn¬ 
beines (Philos. Transactions 1878). 

6) Ueber Nasmyths Membran (Quart. Journ. Microsc. Science 
1872). 

7) Ueber die Zahnkeime eines Armadillo (Quart. Journ. Mi¬ 
crosc. Science 1874). 

8) Ueher die biegsamen Zähne des gewöhnlichen Hechtes 
(Quart. Journ. Microsc. Science 1878). 

Jul. Parreidt. 


Ein neues Cement zu prüfen. 

Man schleife mit einem dünnen Corundrade eine tiefe 
Furche in einen künstlichen Zahn, der im Munde getragen wird, 
und fülle dieselbe in Abschnitten mit den zu prüfenden verschie¬ 
denen Materialien. Die Linie zwischen den einzelnen Cementen 
sei deutlich begrenzt und die Oberfläche aller muss gleichmässig 
polirt werden, so dass alle Punkte derselben bei Betrachtung 
durch die Loupe mit einander in gleicher Ebene erscheinen. 
Wenn nun ein Unterschied in der Löslichkeit der Cemente be¬ 
steht, so wird derselbe, nachdem der Zahn einige Wochen im 
Munde getragen worden, mittels der Loupe an den Rändern 
leicht zu erkennen sein. 

(British Journal of Dental Science.) 


Berichtigung. 

• 

Der Herr College Niemeyer hat in seinem Aufsatze „Ueber 
die keilförmigen Defecte“ (Juli 1879) meiner erwähnt und 
mich zu den Anhängern der „Zahnbürstentheorie“ gezählt. Jeden¬ 
falls ist dies ein Irrthum seitens des Herrn Niemeyer, denn 
in meinem Aufsatze (Juliheft 1875) habe ich mich mit Entschie¬ 
denheit gegen diese Theorie ausgesprochen. 


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Berichtigung. 


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Meiner damals ausgesprochenen Ansicht nach, an die ich 
auch heute noch festhalte, werden diese Defecte nur durch che¬ 
mische Einflüsse hervorgebracht. Dass diese chemischen Ein¬ 
flüsse einen rein sauren Charakter im Gegensätze zu einem alka¬ 
lischen haben — wie Baume mir unterstellt (Deutsche Viertel- 
jahrsschr. f. Zahnheilk. 1876, S. 6), — habe ich nicht behauptet; 
sondern ich habe gesagt, „dass durch die Einwirkung eines sauren 
Secretes unter gleichzeitig alkalischem Einflüsse (der 
Mundflüssigkeit) dieses Leiden sich entwickele“. Dieses saure 
Secret halte ich für ein pathologisches Product der Schleimhaut; 
doch kann ich hierin irren, es kann ebensowohl ein Secret des 
Peridentium sein, das, anstatt innerhalb der Alveole zu abscediren, 
unmerklich abfliesst und die Zahnsubstanz angreift. 

Nach Baume’s Ansicht ist die alkalische Mundflüssigkeit 
die Ursache dieses Leidens. Wenn dies der Fall wäre, so müssten 
doch die Zähne, die den Ausführungsgängen der Speicheldrüsen 
am nächsten liegen, auch am meisten angegriffen sein; besonders 
müssten diese Defecte da Vorkommen, wo reichliche Weinstein¬ 
ablagerung stattfindet, denn in diesem Falle ist die Mundflüssig¬ 
keit reich an Alkalien. Ich weiss nicht, ob die Beobachtungen 
Anderer das Gegentheii beweisen; soweit jedoch meine Erfahrun¬ 
gen reichen, so habe ich in den Fällen, wo grosse Massen Wein¬ 
stein abgelagert waren, niemals diese Defecte im Munde gefunden; 
wo ich diese Erosion fand, da zeigte sich nur der harte, braune 
Zahnstein, und zwar in geringen Mengen. Die Gegenwart dieses 
Ansatzes ist an und für sich schon ein Beweis, dass in diesem 
Munde der Speichel keinen Ueberschuss an Alkalien hat; denn 
dut bei spärlicher Ablagerung der Kalksalze bildet sich der harte, 
dunkele Weinstein, bei reichlicher und schneller Ablagerung da¬ 
gegen der weiche, gelbe. 

Bisher ist dieses Leiden noch nicht zur Genüge erklärt, und 
nur fortgesetzte und vorurtheilsfreie Beobachtungen vermögen hier 
Klarheit zu schaffen. 

Die Behauptung, dass die Zahnbürste schuld sei, ist durch¬ 
aus nicht stichhaltig und ist am wenigsten geeignet, Licht in die 
Angelegenheit zu bringen. 

M. Hagelb erg. 


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Verzeichniss d. Mitglieder d. Central-Ver. deutsch. Zahnärzte. 107 


Verzeichniss 

der Mitglieder des Central-Vereins deutscher Zahnärzte. 


Herr 


Herr 

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A. Ehrenmitglieder. 

Prof. Dr. med. Ed. Albrecht in Berlin, August 1864. 
Prof. Dr. med. C. Wedl in Wien, August 1869. 

B. Correspondirende Mitglieder. 


55 

55 

*5 

55 


Dr. Cohen in Hannover, 

Dr. Evans in Paris, 

Dr. Klenke in Hannover, 

J. C. Weber in Nizza, 

Saunders in London, 

Dr. Strempel in Rostock, 

John Tomes in London, 

James Murphy in Petersburg, 

Gr. A. Ketson in London, 

Robert Hepburn in London, 

Thom Underwood in London,. 

Will. Minschull Bigg in London, 
James Salter in London, 

Thomas G. Harding in London, 

T. A. Rogers in London, 

Benj. W. Richardson in London, 
Robert 27. Hülme in London, 
Spencer Cobold in London, 

George White in London, 

Geo. Henry jun. in London, 

Spence Bäte in Plymouth, 

Emil Magitot in Paris, 

H. A. Forget in Paris, 

J. Taft in Cincinnati, 

John Richardson in Cincinnati, 
Thomas E. Bond in Baltimore, 
Snowden Pigget in Baltimore, 

P. L. Buckingham in Philadelphia, 
J. H. M. Quülen in Philadelphia, 
J. D. White in Philadelphia, 
Förster Flagg in Philadelphia, 

J S. Souesserott in Philadelphia, 
W. Ccdvert in Philadelphia, 

C. H. Pierce in Philadelphia, 

G. T. Ziegler in Philadelphia, 

John Allen in New-Yort, 


ernannt 1860 in Hamburg. 


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1861 

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Dresden. 


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Verzeichniss der Mitglieder des 


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Herr H. W. Dwinnelle in New-York, ernannt 1861 in Dresden. 
„ W. R. Roberts in New-York, 

,, Bcdlard in New-York, 

John S. Clarck in Charlestown, 

Friedrichs in Charlestown, 

FinJcbeiner in Reval, 

Dr. C. Gerke in Moskau, 

James Dulkeit in Riga, 

Dr. W. G. Dentz jun. in Amsterdam, 


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1865 

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Leipzig. 

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1871 

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Berlin. 


C. Ordentliche Mitglieder. 


1) Adelheim, Sigm., Dr., Zahnarzt, Trier, 

seit 1864. 

2) Baden, Ferd., Zahnarzt, Altona, 

55 

1860. 

3) Le Bailly, Gg. St., Zahnarzt. 

Frankfurt a/M., 

55 

1860. 

4) Bauer, Jac., „ 

Brünn, 

>5 

1864. 

5) Baume, Robert, Dr., „ 

Berlin, 

55 

1874. 

6) Bertling, Gg., „ 

Frankfurt a/M., 

55 

1863. 

7) v. Billeck, Dr., „ 

Freiburg i/B., 

55 

1875. 

8) Blumm, Dr., „ 

Bamberg, 

55 

1878. 

9) Bock, Georg, „ 

Nürnberg, 

55 

1875. 

10) Börngen, Rob., „ 

Altenburg, 

55 

1869. 

11) Bopp, J., Dr., „ 

Stuttgart, 

55 

1861. 

12) Breithaupt, G., Dr., Zahnarzt, Göttingen, 

seit 1861. 

13) Breithaupt, E., „ 

Goslar, 

55 

1877. 

14) Breithaupt, Ernst, „ 

Hildesheim, 

55 

1877. 

15) Brwnsmann, J. C., Hofzahnarzt, Oldenburg, 

55 

1861. 

16) Brumsmann jun.,Dr., Zahnarzt, Oldenburg, 

55 

1875. 

17) Bunnenberg, „ 

Hannover, 

55 

1879. 

18) Burdorf, J., „ 

Heide (Holstein), 

55 

1867. 

19) Christ, Jean, „ 

Cassel, 

55 

1871. 

20) Claus, C-, Dr., „ 

Dresden, 

55 

1861. 

21) Cohn, Dr. med. „ 

Budapest, 

55 

1877. 

22) Lappen, „ 

Crefeld, 

55 

1874. 

23) Degener, C. Chr. L., Dr., Zahnarzt, Frankfurt a/M., 

55 

1859. 

24) Deimling, Ernst, 

„ Carlsruhe, 

55 

1859. 

25) Detzner, 

„ Speyer, 

55 

1875. 

26) Döibbelin, C., sen., 

„ Königsberg, 

55 

1860. 

27) Döbbelin, Conr., jun., Dr., 

„ Breslau, 

55 

1867. 

28) Dollinger, Alex., Dr., 

„ Wien, 

55 

1860. 

29) Ebenhusen, Conrad, 

„ Lübeck, 

55 

1867. 

30) Elias, Meno, jun., 

„ Hamburg, 

55 

1867. 

31) Faber, Paul, Dr. med., 

,, Mannheim, 

55 

1869. 

32) Fenchel, S., 

„ Bremen 

55 

1879. 

33) Fleischer, Dr. med., 

„ Komotau, 

55 

1877. 

34) Flöhrke, E., Dr., 

„ Bremen, 

55 

1871. 


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UNIVERSITY OF CALIFORNIA 




Central-Vereins deutscher Zahnärzte. 


109 


36) Fricke, D., Vater, Zahnarzt, Lüneburg, 

36) Fricke, Sohn, „ Lüneburg, 

37) Fricke. Wilh., Dr. med., „ Kiel, 

38) Geissler, Fedor , „ Chenmitz, 

39) Geist, Zahnarzt, Ansbach, 

40) Geldern van, Zahnarzt, Amsterdam, 

41) Gerhardt, Ladung, Zahnarzt, Leipzig, 

42) Goltz, F. G., „ Leer, 

43) Grohnwald, C., Dr., „ Berlin, 

44) Grunert, 0., Dr., „ Berlin, 

46) Gundlach, „ Cassel, 

46) Günther, Malm., Hotzahnarzt, Wien, 

47) Hartung, Dr. med., Hofzahnarzt, Rudolstadt, 

48) Haun, Zahnarzt, Erfurt, 

49) Heükeroth, Zahnarzt, Cassel, 

50) Heine, „ Bonn, 

51) Heinrich, August, Zahnarzt, Carlsruhe, 

62) Hengstmann, W., „ Hamburg, 

63) Herbst, „ Bremen, 

64) Hering, Franz, Dr. med., Zahnarzt, Leipzig, 

66) Hermann, „ Halle a/S. 

56) v. Herzberg, Hofzahnarzt, Danzig,’ 

67) Heger, Zahnarzt, Basel, 

68) Hube, Zahnarzt, Leipzig, 

69) Jaegle, „ Pforzheim, 

60) Jarisch, Ph., Dr., Leibzahnarzt, Wien, 

61) Iszlai, Dr. med. und Zahnarzt, Budapest, 

62) Ittner, J., ,, Altenburg, 

63) Jung, C., „ Braunschweig, 

64) Kahnd, „ Glauchau, 

65) Keller, „ Bonn, 

66) Kellner, „ Cöln, 

67) Kempfe, Bob., „ Magdeburg, 

68) Kipp, Johann Frdr., Hofzahnarzt, Coburg, 

69) Kircher, „ Hildesheim, 

70) Klages, H, Zahnarzt, Bremen 

71) Klare, Dr. med., „ Leipzig, 

72) Klein, Dr. med., Zahnarzt, Stuttgart, 


73) Kleinmann, Arzt und 

74) Klenke, Bob., Dr., 

76) Kneisel, Leopold, 

76) Kneisel, 

77) Koch, C. W., 

78) Kühns, 

79) v. Langsdorff, G., Dr., 


Flensburg, 

Hannover, 

Halle a/S., 

Leipzig, 

Giessen, 

Hannover, 

Freiburg i/B., 


seit 1869. 

11 

1867. 

11 

1867. 

11 

1871. 

11 

1876. 

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1879. 

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1872. 

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1867. 

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1867. 

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1878. 

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1868. 

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1874. 

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1864. 

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1860. 

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1874. 

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1875. 

ii 

1860. 

ii 

1877. 

ii 

1861. 

ii 

1861. 

ii 

1874. 

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1865. 

ii 

1874. 

ii 

1869. 

ii 

1869. 

ii 

1868. 

ii 

1879. 

ii 

1863. 

ii 

1871. 

ii 

1867. 

ii 

1871. 

ii 

1860. 

ii 

1877. 

ii 

1864. 

ii 

1876. 

ii 

1871. 


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UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



110 


Verzeichntes der Mitglieder des 


80) Lippold, W., Hofzahnarzt, Güstrow, 

81) Mdllachow, Zahnarzt, Bromberg, 

82) Mattenclodt, C., „ Magdeburg, 

83) Matthes, „ Zwickau, 

84) Mayer, G., „ München, 

85) Mosebach, Zahnarzt, Bückeburg, 

86) Mühlreiter, Ed., „ Salzburg, 

87) Munsch, Dr., „ Bern, 

88) Niemeyer, Dr., „ Braunschweig, 

89) Odenthal, JET., „ Bremen 

90) Oehlecker, Franz, „ Hamburg, 

91) Ostermann, L., Dr., prakt. Zahnarzt, Braunschweig, 


92) Overmann, A., 

93) Vogel, C., Dr. med., 

94) Parreidt, Jul., 

96) Patloch, 

96) Petermann, A., Dr., 

97) Pflüger, Mor., Sohn, Dr., 

98) Sauer, Carl, Zal 

99) Sauerbier, Dr., 

100) Scheff, Mich., Dr., 

101) Schlenker, M., 


Cöln, 

Neu-Strelitz, 

Leipzig, 

Olmütz, 

Frankfurt a/M. 
Hamburg, 


Zahnarzt, Berlin, 

„ Stettin, 

„ Wien, 

„ . St. Gallen, 


102) Schmidt, Emil, Zahnarzt, Chemnitz, 

103) Schmidt, Hofzahnarzt, Hannover, 

104) Schmidt, Zahnarzt, Lübeck, 

105) Schneider, „ Sondershausen, 

106) Schnoor, C., Hofzahnarzt, Schwerin, 

107) Schreiter, B., Zahnarzt Chemnitz, 


108) Schrott, N. J., 

109) Schwarze, 

110) Schweimer, 

111) Seiffert, 

112) Skogsborg, Bud., 

113) Spanke, 

114) Spelling, J., 

115) Stahn, Dr., 

116) Staudacher, 

117) Steinmann, 

118) Sucksdorf, 


Mühlhausen, 

Leipzig, 

Detmold, 

Potsdam, 

Stockholm, 

Barmen, 

Lübeck, 

Braunschweig, 

Bielefeld, 

Braunschweig, 

Wismar, 


119) Süersen, W., Dr., Hofrath und Zahnarzt, Berlin, 

120) Tänzer, W. L., Dr., Docent und Zahnarzt, Graz, 

121) Telschow, B., Hofzahnarzt, Berlin 

122) Tofohr, Ernst, Dr. und Zahnarzt, Hamburg, 

123) Tyrol, Dr., Zahnarzt, Gleiwitz, 

124) Wahl, Frz., „ ' Mainz, 


1866. 

1861. 

1874. 
1860. 

1875. 
1866. 

1875. 
1869. 
1879. 
1861. 

1876. 
1879. 
1865. 
1876. 
1864. 
1869. 

1864. 
1872. 
1863. 
1863. 

1875. 

1865. 
1859. 
1878. 
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1863. 

1876. 
1876. 
1878. 


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Original fram 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Central-Vereins deutscher Zahnärzte. 


111 


125) Walther, v., Dr., Zahnarzt, Berlin, seit 1876. 

126) Werner, „ Heidelberg, „ 1877. 

127) Wiegels, „ Schwerin, „ 1879. 

128) Wiennecke, Dr., Hofzahnarzt, Dresden, „ 1860. 

129) Winther, Zahnarzt, Berlin, „ 1878. 

130) Witt, Beimar, „ Gotha, „ 1877. 

131) Witte, „ Hannover, „ 1876. 

132) Witzei, Dr., „ Essen, „ 1872. 

133) Zeitmann, B. G., Dr. med. u. Zahnarzt, Frankfurt a/M. „ 1860. 

134) Ziegel, Zahnarzt, Görlitz, „ 1868. 

135) Zimmer, Carl, Hofzahnarzt, Cassel, „ 1876. 

136) Zsigmondy, Dr., Primär u. Zahnarzt, Wien, „ 1868. 

Gleiwitz, den 1. Januar 1880. 

Dr. Tyrol, Cassirer. 


Notizen. 

Schriftliche Arbeiten, Aufsätze , Correspondenzen etc. für die 
„Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ wollen gefälligst 
unter der Adresse: Dr. Robert Baume, prakt. Zahnarzt in Berlin, 
Friedrichstrasse 111, I., franco eingesendet werden. 

Inserate sind direct an die Verlags-Buchhandlung von Arthur 
Felix, Leipzig, Königsstrasse 18 b, einzuschicken. 

Alle verehrlichen Redactionen und gelehrten Gesellschaften, 
welche ihre Journale oder Vereinsscbriften gegen die „Deutsche 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ tauschen, werden 
hierdurch ersucht, ihre Zusendungen von jetzt an nur noch zu 
richten an Arthur Felix, Verlags-Buchhandlung in Leipzig. 

Namentlich wird es erwünscht sein, alle amerikanischen 
und englischen Tausch-Exemplare von zahnärztlichen Zeit¬ 
schriften stets sofort pr. Post zu erhalten, wogegen man sich 
einer gleichen Zusendung gewärtigen wolle. 

Leipzig. Arthur Felix. 


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Leipzig. 

Druck von A. Th. Engelhardt. 


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XX. Jahrgang. II. Heft. 


April 1880. 


Deutsche Vierteljahrsschriffc 


für 

Zahnheilkunde. 


Vorläufiges Programm 

für die am 2., 3. und 4. August d. J. in Berlin statt¬ 
findende 19. Jahresversammlung des Central-Yereins 
deutscher Zahnärzte. 


Es sind bis jetzt folgende Themata in Aussicht genommen: 

I. Vorträge. 

Schneider — Plauen: Ueber die Anwendung des Arsen in 
der zahnärztlichen Praxis. 

Kahnd — Glauchau: Resorption der Alveolarwände im 
jugendlichen Alter nebst Therapie. 

Schlenker — St. Gallen: Ueber Pulpenamputation nach 
Witzel. 

Sauer —Berlin: Ueber die praktische Ausbildung. 

Witzel — Essen: Indicationen für den Gebrauch von 
Amalgamen. 

Derselbe: Praktische Demonstrationen bezüglich der 
antiseptischen Behandlung der Pulpakrank¬ 
heiten. 

II. Zur gemeinschaftlichen Besprechung. 

Erfahrungen und Untersuchungen über Zink¬ 
phosphatfüll ungen. 

Das Slayton’sche Amalgam, 
xx. 8 

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Original fro-m 

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114 Local-Progamm f. d. 19. Jahresversammlung d. Centralvereins. 

Ueber Herstellung von Contourfttllungen. 

Arthur’s permanente Trennung der Zähne als 
Prophylacticum gegen Caries der Seitenflächen. 

Dr. Jack’s Schrauben zum Reguliren schiefstehen¬ 
der Zähne. 

Behandlung der Alveolar-Pyorrhoe. 

Behandlung der Zahnfleischfisteln. 

Weitere Erfahrungen über die Verwendung des 
Celluloids. 

Die Herren Collegen werden hierdurch dringend gebeten, 
Themata, die ihnen der Besprechung im Verein werth erscheinen, 
oder über welche sie einen Vortrag zu halten, resp. ein Referat 
zu geben wünschen, baldigst dem Unterzeichneten mitzutheilen, 
damit vom Vorstande rechtzeitig zur Aufstellung des endgültigen 
/ Programms geschritten werden kann. Recht vielseitige Betheiligung 
ist stets erwünscht. 

Zur Aufnahme in den Verein haben sich bis jetzt gemeldet: 

1) Herr Alfred Overmann, Zahnarzt in Cöln. 

2) „ A. J. Schmidt, Zahnarzt in Strassburg (Eisass). 

3) „ F. Montigel, Zahnarzt in Chur (Schweiz). 

Leipzig, den 22. Februar 1880. 

Dr. Klare. 


Local-Programm 

für die am 2., 3. und 4. August 1880 in Berlin abzu¬ 
haltende 19. Jahresversammlung des Central-Vereins 
deutscher Zahnärzte. 


Sonntag den 1. August. 

Abends 8 Uhr: Zusammenkunft im Grand Hötel de Röme, 
Unter den Linden 39, zur Begrüssung und Bewillkommnung der 
Gäste. 


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Sauer’B Petition. 


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Montag den 2. August. 

Vormittags von 9 — 1 Uhr: Oeffentliche Sitzung im Fest¬ 
saale des Grand Hdtel de Röme, Unter den Linden 39, I. 

Nachmittags von 3 — 5 Uhr: Vereins-Sitzung nur für die 
Mitglieder des Central-Vereins deutscher Zahnärzte. 

Abends 7 Uhr: Besuch des zoologischen Gartens. 

Dienstag den 3. August. 

Vormittags von 9—1 Uhr: Oeffentliche Sitzung. 

Nachmittags von 3 — 5 Uhr: Vereins-Sitzung. 

Um 6 Uhr: Festessen im Grand Hötel de R6me. 

Mittwoch den 4. August. 

Vormittags von 9—1 Uhr: Oeffentliche Sitzung. 

Nachmittags 2 Uhr: Abfahrt vom Potsdamer Bahnhof 
nach Wannsee; daselbst von 2Va—4 Uhr Dejeuner dinatoire; 
Dampfschifffahrt über die Havel-Seen, Pfauen-lnsel nach Glienicke 
und Babelsberg (nach deren Besichtigung) bis zur langen Brücke 
in Potsdam. Wagenfahrt durch Sanssouci u. s. w., u. s. w. nach 
dem Bahnhof in Potsdam. Abendessen ä la carte in dem oberen 
Saale des Bahnhof-Restaurant. 

Rückfahrt nach Berlin mit beliebigen Eisenbahnzügen. 

Die Theilnahme der Damen an den gemeinschaftlichen Ver¬ 
gnügungen ist sehr erwünscht. 


Sauer’s Petition. 


Hochwohlgeborener Herr! 

Hochgebietender Herr Staatsminister! 

Im Aufträge des Central-Vereins deutscher Zahnärzte erlaubt 
sich der Unterzeichnete, Ew. Excellenz auf die durch beifolgende 
Belege begründeten Unzuträglichkeiten hinzuweisen, welche durch 
die Gewerbefreiheit für die Zahnheilkunde im Allgemeinen, wie 
auch speciell für den Stand der Zahnärzte im Laufe der Zeit 

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116 


Sauer’s Petition. 


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entstanden sind. Aehnliche schlimme Zustände werden auch in 
Kreisen der praktischen Aerzte als Folge der Gewerbefreiheit 
anerkannt, sogar derer, welche früher für diese Art Gewerbe¬ 
freiheit gestimmt haben. 

Der Unterzeichnete ist so frei, Ew. Excellenz das in dieser 
Angelegenheit gesammelte Material einzureichen, mit der Bitte, 
dasselbe zur Kenntniss eines Hohen Bundesrathes zu bringen, 
damit event. diesem Uebelstande auf gesetzlichem Wege ein Ende 
bereitet werde. 

Die als Belege hierzu beigefügten Anlagen betreffen: 

1) einen Separat-Abdruck aus dem Berichte über die 13. Jahres¬ 
versammlung (1879) des Central-Vereins deutscher Zahn¬ 
ärzte zu Bremen. Derselbe enthält eine ausführliche Be¬ 
sprechung der oben angedeuteten Mängel. 

2) Die von den Zahnärzten Deutschlands eingesendeten Frage¬ 
bogen, nach Staaten, für Preussen auch nach Provinzen 
geordnet, mit laufenden Nummern. Auf den ersten Seiten 
dieses Actenstückes befindet sich 

a) ein Verzeichniss, nach welchem man die einzelnen Frage¬ 
bogen auffindet, nach Staaten und Provinzen, und dann 

b) ein Verzeichniss der nach den Fragebogen sich ergebenden 
Zahntechniker und ein Nachweis über Ausbildung und 
Treiben derjenigen, welche sich durch ein besonderes 
Gebahren auszeichnen, sowie über verschieden gefällte 
richterliche Urtheile. 

3) Das erste Heft der Januar 1880 erschienenen „Zahntechnischen 
Reform“ mit hinzugefügten Randbemerkungen. 

Wie sich aus den Anlagen ergeben wird, ist für die Zahn¬ 
heilkunde durch die ganze Art der Handhabung der Gewerbe¬ 
freiheit ein wissenschaftlicher Rückgang zu fürchten. Durch das 
Dulden von Leuten, welche sich mit dem Anfertigen künstlicher 
Zähne und mit dem Behandeln von Zahnkrankheiten befassen, ist 
die Befürchtung nahe gerückt, dass ein Zustand entsteht, ähnlich 
dem, aus dem vor etwa einem Jahrhundert die Zahnheilkunde 
ihren Ursprung genommen hat. 

Solche Unzuträglichkeit lässt sich besonders deshalb annehmen, 
weil unter der Gewerbefreiheit die Anzahl der sogenannten Tech¬ 
niker eine enorm grosse geworden ist. Sie beträgt in Deutschland 


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Sauer’s Petition. 


117 


sicher das Doppelte der Anzahl der Zahnärzte, was annähernd 
aus den Beilagen zu ersehen ist. Nach beiliegender erster 
Nummer der von Seiten eines Zahntechnikers herausgegebenen 
„Zahntechnischen Reform“ giebt der Herausgeber ihre Zahl auf 
das Dreifache der Zahl der Zahnärzte an. Diese grosse Zahl 
ist aber erst mit der Gewerbefreiheit entstanden, weil jetzt Jeder, 
der in seinem Berufe nicht die gewünschte Existenz fand, auf 
diesem frei gewordenen Gebiete glaubte, sein Glück zu machen. 
Vor der Gewerbefreiheit erreichte die Zahl der wirklichen Zahn¬ 
techniker lange nicht die Hälfte der Zahl der Zahnärzte, weil 
nur in grösseren Städten etwa die Hälfte der Zahl der Zahnärzte 
Arbeiter für Herstellung künstlicher Zähne beschäftigte, während 
die übrigen Zahnärzte ihre Arbeiten allein herstellten, wie dies 
noch heute der Fall ist. 

In England bestand bis gegen die Zeit, in der in Deutschland 
die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, ein gesetzlich anerkannter 
ähnlicher Zustand, wie jetzt bei uns. Es gab dort medicinisch 
gebildete Zahnärzte und solche, welche nur eine rein praktische 
Ausbildung besassen. Letztere waren insofern von der Categorie 
der bei uns im Entstehen begriffenen Zahntechniker weit ver¬ 
schieden, als sie eine ordentliche Lehrzeit von drei bis 
vier Jahren und ausserdem eine mehrjährige Arbeits¬ 
zeit unter einem tüchtigen Collegen hinter sich hatten. 
Der Zahntechniker bei uns, wie er mit der Gewerbefreiheit ent¬ 
standen ist, begnügt sich mit einer Lehrzeit (in der Regel 
bei einem Berufsgenossen) von zwei Tagen bis zwei 
Wochen, bis höchstens sechs Wochen im Durchschnitte 
und arbeitet dann ganz selbständig, wie Jemand, der 
Zahnheilkunde studirt und als Assistent seine Kennt¬ 
nisse ausgebildet hat. Wirklich tüchtige Arbeiter, die eine 
gehörige Lehrzeit von mehreren Jahren hinter sich haben, sind 
bei diesen Leuten kaum anzutreffen. Diese sind in zahnärztlichen 
Ateliers beschäftigt. Die englischen Zahnärzte, welche sich früher 
in zwei Lagern als medicinisch gebildete und nur technisch ge¬ 
bildete Zahnärzte gegenüberstanden, sind jetzt aus freier Ent- 
schliessung übereingekommen, nur solche Collegen als berechtigte 
anzuerkennen, welche nach Erlangung schulwissenschaftlicher Vor¬ 
bildung ein medicinisches Studium und eine technische Ausbildung 


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Sauer’s Petition. 


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genossen haben. Diese Auffassung wurde in England etwa zu der 
Zeit allgemein giltig, als in Deutschland die Gewerbefreiheit auch 
in sanitätlicher Beziehung gesetzlich anerkannt wurde. Ein 
ähnlicher Zustand, wie in England nach der Periode der Zahn¬ 
ärzte verschiedener Ausbildung, müsste sich endlich auch bei uns 
herausbilden. In der oben citirten und beigelegten ersten Nummer 
der „Zahntechnischen Reform“ wird auf S. 8 schon jetzt die 
Anatomie als nützliche Kenntniss bezeichnet.. Wenn der Verfasser 
erst mehr von der Zahnheilknnde begriffen hätte, würde er 
später diese Nützlichkeit auch für die Gebiete anerkennen, welche 
ein Student der Zahnheilkunde augenblicklich hären muss, und 
würde dann auch begreifen lernen, dass Anatomie, ebenso wie die 
anderen Fächer, nicht schriftlich gelehrt werden kann. 

Die nord-amerikanische Union, welche ja alle möglichen 
Freiheiten gestattet, erlaubt in fast allen Staaten nur an staatlich 
anerkannten Dental-Colleges geprüfte Doctors of dental-surgery als 
berechtigt zur zahnärztlichen Praxis. Aehnliche Zustände bestehen 
in der übrigen civilisirten Welt, wie sogar die „Zahntechnische 
Reform“ S. 3 ausspricht. Wenn dem so ist, muss der bei uns 
entstandene Zustand von der Norm abweichen. 

Möge es Ew. Excellenz gelingen, durch die in den Anlagen 
ausgesprochenen und belegten Thatsachen die Ueberzeugung zu 
gewinnen, dass es nöthig ist, einem hohen Bundesrath Schritte 
zur möglichst baldigen gesetzlichen Beseitigung der Gewerbefreiheit 
zu empfehlen, soweit die Gesundheit der Bevölkerung durch die¬ 
selbe gefährdet ist. 

In der Hoffnung, über event. Schritte in dieser Beziehung 
einen Bescheid zu erhalten, bin ich 

Ew. Excellenz 

unterthänigster 

Berlin, d. 28. Febr. 1880. €. Sauer, Zahnarzt, 

N.W. Louisenstrasse Nr. 39. 

Im Aufträge des Central-Vereins 
An deutscher Zahnärzte. 

Seine Excellenz den Königl. Preuss. 

Herrn Staatsminister Hofmann. 

(W. Wilhelmstrasse 74, I.) 


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Claus: Meine Methode zur Herstellung eines Articulators. 119 


Meine Methode zur Herstellung eines ebenso 
einfachen als sicheren Articulators. 

Von 

Dr. med. Clemens Clans, Zahnarzt in Dresden. 


Gelegentlich einer Durchblätterung früherer Hefte der „Deut¬ 
schen Vierteljahrsschrift für Zahnheilknnde“ kam mir im October- 
heft 1878, S. 425, das Verfahren von Oehlecker-Hamburg in 
Erinnerung, wodurch er behufs Herstellung ganzer oder theil- 
weiser künstlicher Zahnersatzstücke die Articulation regulirt. Das 
Verfahren ist entschieden sehr sinnreich und zweckentsprechend, 
nur nimmt es für meinen Geschmack viel zu viel Zeit und Mühe 
in Anspruch. Mein Bestreben war von jeher, mit den möglichst 
einfachsten Mitteln immer möglichst Vollkommenes zu erzielen. 
Ich gestatte mir deshalb im Folgenden, mein Verfahren mitzutheilen, 
wie es sich mir nach und nach herangebildet hat, und wie ich es 
noch jetzt zur Erzielung des richtigen Zusammenbisses und Ver¬ 
meidung jeglichen Nachschleifens der künstlichen Zahnersatzstücke 
anwende. 

Ich denke noch mit Schaudern an das erste Jahr meiner 
Praxis, zu einer Zeit, da von Articulatoren noch keine Bede war, 
und da man ganze Ersatzstücke auf gut Glück arbeitete und dann 
nach dem Munde corrigirte und verschliff, was mir da ein solches 
Arbeiten von Ersatzstücken für Qualen bereitet hat. Ein solcher 
Zustand war unerträglich, und ihm musste auf jeden Fall ein 
Ende gemacht werden. Aber wie? Nun verfuhr ich synthetisch, 
indem ich mir sagte: Die Gebissbasis braucht nicht nothwendig 
eine fertige Vulcanit- oder Metallplatte zu sein, man kann ihr ein 
anderes widerstandsfähiges Material substituiren. Ebenso können 
die künstlichen Zähne ersetzt werden durch ein auf die Kiefer¬ 
platte aufgetragenes plastisches Material, das ich nach Belieben 
erweichen, ihm ab- und zufügen kann je nach Bedürfniss. Für 
ersteres wählte ich braune Guttapercha mit starken Drahteinlagen, 
für letzteres Medium Wachs. Nach vielen Versuchen und Zwischen¬ 
verbesserungen ersann ich mir im zweiten Jahre meiner Praxis 


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120 Claus: Meine Methode zur Herstellung eines 

folgendes Verfahren, das ich als durchaus zweckentsprechend noch 
heute habe: 

Das frisch gegossene Gypsmodell wird mit Seifenspiritus über¬ 
pinselt, nach dem Trockenen zum zweiten und nach abermaligem 
Trocknen zum dritten Male getränkt. Dann adaptire ich einen 
breitgeschlagenen starken Messing- oder Neusilberdraht genau an 
die Gaumenfläche des Oberkiefermodells, indem ich ihn vom letzten 
Bicuspis oder ersten Molaris der einen Seite quer hinüber, aber 
in möglichst genauer Berührung mit der Gnumenfläche, zu den 
entsprechenden Zähnen der anderen Seite lege (am Unterkiefer¬ 
modell lege ich den Draht nicht quer, sondern führe ihn an der 
Lingualfläche desselben, ungefähr in der Höhe des Museulatur- 
ansatzes, längs seiner Curvatur vom letzten Molaris unterhalb 
sämmtlicher Zähne hinweg bis zum letzten Molaris der anderen 
Seite). Hierauf erwärme ich in heissem Wasser eine gewöhnliche 
braune Guttaperchatafel, genau von der Stärke gewalzt wie der von 
mir später zu verwendende Rubber (weil ich beim Modelliren des 
Stückes die Gaumenplatte nicht von Wachs, sondern von Gutta¬ 
percha nehme und nach dem Herausnehmen aus der Cüvette durch 
Rubber ersetze), adaptire diese erwärmte Platte ganz genau dem 
inzwischen eingetrockneten geseiften Gypsmodell (für Unterkiefer 
nehme ich doppelte Guttaperchaschichten) und mache den Umfang 
der Platten etwas grösser, als später die definitive Platte werden 
soll, lasse auch selbst bei Wurzeln die Plattenbedeckung von der 
Lingual- nach der Labialseite des Kieferkammes übergreifen, ln 
diese noch weiche Guttapercha drücke ich die vorher adjustirten 
Drähte an den eben beschriebenen Stellen ein (bei unterbrochenen 
Gebissen, wo also nur einzelne Zähne zwischen noch stehenden 
zu ersetzen sind, führe ich noch extra kleine, aber starke, vorher 
adjustirte Drähte vom Gaumen hinauf über die Lücke bis an die 
Grenze des Labial-Alveolarkammes, so dass also der Draht 
ungefähr aussieht wie ein grosses Fragezeichen). Den Gaumen¬ 
draht am Oberkiefer überdecke ich mit einem Kloss gleichfalls 
erweichter Guttapercha von solcher Höhe und Breite, dass er 
überall beinahe die Lingualflächenhöhe der Alveolarkämme erreicht, 
so dass nur noch die Platte frei bleibt, auf welche die Zähne, 
resp. hier das Wachs zu stehen kommt. Alle übrigen Drähte 
überkappe ich mit ein Wenig Guttapercha. Auf diese Weise habe 


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ebenso einfachen als sicheren Articulators. 


121 


ich ein steifes, beim Zusammenbeissen sich nicht werfendes Platten¬ 
gerüst erhalten, auf das ich nun Wachs aufschmelze, bis eine 
Form von Wachs entsteht, wie die von Oehlecker aus Kupfer¬ 
amalgam gebildete und mit A bezeichnete. Ober- und Unterkiefer¬ 
modell tragen je eine solche Wacbsform, deren Höhe nach den 
Mahlzähnen hin immer mehr abnimmt, so dass die Tubera nur 
noch von Guttapercha, resp. später von Yulcanit wie von einem 
Schuh umfasst werden. Wenn diese Modelle halb erhärtet sind, 
nehme ich sie vorsichtig von den Gypsmodellen herunter, bestreiche 
das Guttaperchamodell auf der dem Gypsmodell aufliegenden 
Fläche und das Gypsmodell selbst nochmals gründlich mit Seifen- 
-spiritus, drücke beide fest aufeinander und lasse nun erhärten. 
Alles in Allem kann in 2 — 3 Stunden beendet sein, so dass ich 
sie nun, natürlich vorher von Seife durch Bürste und Wasser 
befreit, in den Mund bringen und durch genaues Aufsitzen die 
Richtigkeit des Abdruckes controliren kann. Hierauf erweiche 
ich über der Flamme das Wachs der Bissfläche, schneide weg 
oder lege auf, erwärme und lasse zusammenbeissen so lange, bis 
mir bei geschlossenem Munde Lippen- und Wangenformation 
normal erscheint, lasse auch stets ein Wenig mehr zusammen¬ 
beissen als nöthig ist, weil später der Biss in den künstlichen 
Zähnen stets etwas höher wird (wegen der Nachgiebigkeit des 
Zahnfleisches und Unnachgiebigkeit des Gypses). Habe ich endlich 
die gewünschte Articulation erreicht, so ziehe ich bei fest¬ 
geschlossenen Kiefern die Mundwinkel von dei\^ Modellen ab und 
schmelze im Munde mit dem heissen Stahl rechts und links die 
Wachsfläche zwischen Ober- und Unterkiefermodell zusammen, so 
dass ich beide Modelle beim Weitöffnen des Mundes geschlossen 
als ein Ganzes herausbekomme, das ich ausserhalb des Mundes 
noch nach allen Seiten aussen und innen au den Berührungs¬ 
flächen verschmelze, so dass also Ober- und Unterkiefermodell 
ein einziges compactes Ganze bleiben müssen, das ich zur Coutrole 
nochmals geschlossen in den Mund bringe. 

Nachdem dies Alles in Ordnung, bilde ich mir einen 
ganz ausserordentlich einfachen Articulator in folgender Weise: 
Jedes der beiden Gypsmodelle schabe ich auf seiner hinteren 
Breitfläche frei von Seife u. s. w. und schneide mit einem scharfen 
spitzen Gypsmesser tiefe, sich kreuzende Längsfurchen in schräger 


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122 


Claas: Meine Methode zur Herstellung eines 


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Bichtang hinein, so dass nun die Fläche aassieht wie ein Fleisch¬ 
klopfer in der Kttche. Sodann nehme ich ein gewöhnliches eisernes 
Bandcharnier, wie es kleinere Eisten oder Laden mit ihren Klapp¬ 
deckeln verbindet, jede Bandhälfte 3 Cm. hoch and 4 V« Cm. lang. 
Hanpterforderniss aber ist, dass die Charniere upd Charnierstifte 
möglichst cylindrisch rund sind, also sich leicht auf- and ab-, aber 
nicht seitlich bewegen lassen. Stift und Chamierbereich müssen 
gut geölt sein, die übrigen Flächen der beiden Bandhälften aber 
durchaas rein und sauber sein, sonst bindet sich der Gyps nicht 
mit ihnen. Das zusammengefügte Charnierband breite ich nun 
auseinander, so dass die beiden Hälften desselben eine einzige 
gerade Horizontale bilden. Nachdem ich die wie vorher be¬ 
schrieben zubereiteten Gypsmodelle auf die entsprechenden Flächen 
der vorher im Munde zusammengefügten Bissmodelle genau auf¬ 
gelegt, alle von den späteren Definitivgebissen zu bedeckenden 
Flächen mit Guttapercha oder Wachs geschützt habe und ungefähr 
so viel Gyps, wie man zum Giessen eines Gypsmodelles braucht, 
dünn angerührt habe, fasse ich das nun aus Gyps- und Biss¬ 
modellen bestehende Ganze in der Gegend des ersten Molaris fest 
zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, bringe auf 
jede der gerauhten Gypsmodellflächen eine zwei Finger hohe Gyps- 
schicht, die ich ungestraft in den Zwischenraum zwischen beiden 
Modellen fliessen lasse, bis sie eine fortlaufende Brücke von einem 
Modell zum anderen bildet, drücke auf den weichen Gyps das 
Charnierband fest auf, so dass das Charniergelenk in der Mitte 
zwischen beiden Modellen zu liegen kommt und der Gyps sich 
durch die Löcher wie Nägelköpfe durchpresst, dann lege ich auf 
die Aussenseite der Bänder, also auf die Gypsnägelköpfe, eine 
zwei bis drei Finger starke Gypsschicht auf, lasse aber dabei das 
Charniergelenk möglichst frei. Auf diese Weise bildet sich an 
jedem Gypsmodell an seiner hinteren Breitfläche ein massiver 
und dicker Appendix von Gyps, der zwischen sich die senkrecht 
stehende Hälfte des Charnierbandes festhält. Nachdem dieser 
frisch aufgelegte Gyps vollkommen hart und kalt ist, ziehe ich 
den Charnierstift heraus und klappe vorsichtig die beiden Gyps¬ 
modelle auseinander und gleichzeitig aus den Bissmodellen, was 
bei noch einzeln stehenden Zähnen manchmal seine Schwierigkeit 
hat. Nach Entfernung der Bissmodelle lasse ich von der zwischen 


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ebenso einfachen als sicheren Articnlators. 


123 


hineingelaufenen Gypsmasse ungefähr 4 Cm., vom Chamiergelenk 
ab gerechnet (nach der Längen-, nicht nach der Höhendimension), 
stehen als festen Stützpunkt für das Obermodell auf dem Unter¬ 
modell (dieser feste Stützpunkt aus zwischen gegossenem Gyps ist 
die conditio sine qua non zum Gelingen und Verwenden des 
Articnlators), allen übrigen zwischengelaufenen Gyps schneide ich 
als störend weg, schliesse die Modelle aufeinander, füge den Stift 
wieder in das Charnier, fasse jedes Modell fest in je eine Hand, 
und durch vorsichtiges allmäliges Auf- und Niederklappen (sonst 
springen die Chamierbänder aus dem Gyps heraus) vermindere 
ich allmälig die Gelenksteifigkeit, bis die Modelle endlich die 
möglichst weiten Entfernungen von einander erlangt haben, was 
ich noch durch Abschrägen der Gypsfläche vom Chamiergelenk 
ab erleichtere. So erhalte ich einen Articulator, der mir genau 
die Stellung und Höhe der künstlichen Zähne angiebt, mit welchen* 
ich die Spitzen und Bissflächen der Zähne genau ineinander 
greifen lassen kann; nehme ich den Stift heraus, so kann ich an 
jedem einzelnen Modelle arbeiten. Sind die in Wachs modellirten 
Zahnstücke zum Einsetzen in die Cüvette fertig, so trenne ich 
mit der Säge das einzusetzende modellirte Stück sammt seinem 
Gypsmodell von dem das Charnier enthaltenden Appendix, reinige 
das Chamierband und mache es zur nächstmaligen Verwendung 
bereit. 

Ist nur ein einzelnes Ersatzstück zu fertigen, so nehme ich 
den Abdruck nur von dem betreffenden Kiefer, den Abdruck 
des anderen Kiefers erspare ich mir dadurch, dass ich Guttapercha¬ 
basis mit Wachsauflage fertige, wie oben beschrieben. Dieses 
Bissmodell bringe ich in den Mund, lasse zusammenbeissen und 
die Zähne des betreffenden Gegenkiefers im erweichten Wachs 
sich tief einbetten; zum Ueberflusse drücke ich bei festgeschlossenen 
Kiefern das Wachs noch fest an die Aussenfläche der Gegenzähne 
an und erhalte auf diese Weise nicht blos Bissmodell, sondern auch 
einen Abdruck vom Gegenkiefer. Aus dem Munde herausgenommen, 
lasse ich es im kalten Wasser erhärten, seife die Gaumenfläche 
des Bissmodells und das ganze Gypsmodell mit Seifenspiritus 
wieder gründlich ein, füge beide normal ineinander und giesse 
das auf dem Gypsmodell liegenbleibende Bissmodell gerade so mit 
Gyps aus, wie einen gewöhnlichen Abdruck, wobei ich die erste 


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124 Claus: Meine Methode zur Herstellung u. s. w. 

Schicht Gyps durch längeres Klopfen zwinge, die Zahneindrücke 
im Wachs solid und ohne Blasen auszufüllen. Dann rauhe ich 
wieder die hinteren Breitflächen und füge das Charnierband an, 
ganz wie oben beschrieben. Will ich es dann auseinandernehmen, 
so ziehe ich erst den Charnierstift heraus, stelle dann das Ganze 
auf einen heissen Ofen mit dem Bissmodell nach unten, den Kiefer 
also, für den die definitive Platte gearbeitet werden soll, nach 
oben, bis das Wachs anfängt zu schmelzen und die Guttapercha 
sich erweicht. Dadurch zieht sich beides leichter von den frisch 
ausgegossenen Gypszähnen ab, resp. durchdringt sie mit Wachs 
und schützt sie dadurch vor leichterer Abnutzung der Kaufläche. 

Habe ich nur einzelne Zähne zu ersetzen, so stütze ich, wie 
oben gesagt, die Guttaperchaplatte der Lücken durch feste, der 
Kieferwölbung angebogene Drähte, damit die Basis sich beim 
Zusammenbeissen nicht wirft, lasse das aufgetragene Wachs ziemlich 
viel die Nachbarzähne überragen, damit die Gegenzähne recht tief 
im Wachs sich einbetten. Vor dem Ausgiessen mit Gyps über¬ 
kappe ich alle noch stehenden Zähne desselben Kiefers vollständig 
mit dünnen Wachsplättchen, giesse dann das Bissmodell wie vorher 
beschrieben, füge das Charnier an, erwärme auf dem Ofen und 
nehme auseinander. 

Wenn der Zusammenbiss im Munde richtig war, so habe ich 
an der Articulation der auf diese Weise gearbeiteten Ersatzstücke 
niemals das Mindeste zu ändern oder an den Zähnen zu ver- 
schleifen gehabt, das Stück war sofort gebrauchsfähig und die 
Zähne mit ihren unverschliffenen Kauflächen sahen vortrefflich aus. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Eine oder Andere der 
Herren Collegen sich seine eigene Articulation geschaffen so gut 
wie ich; mir erscheint die meinige zweckentsprechend, billig und 
schnell herzustellen, und deswegen wollte ich sie den Herren nicht 
vorenthalten. Hat Jemand ein ebenso sicheres oder noch ein¬ 
facheres und schnelleres Verfahren, so würde er mich und uns 
Alle durch dessen Veröffentlichung verbinden! 


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Claus: Acidum pyrogallicum. 


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Acidum pyrogallicum. 

Von 

Dr. med. Clemens Clans, Zahnarzt in Dresden. 


Bisher habe ich immer vergeblich nach einem Ersätze des 
Acid. arsenicos. alb. gesucht, dessen Verwendung ich namentlich 
bei Kindern auf das äusserste Minimum beschränke; nicht dass 
ich die Vergiftungserscheinungen fürchtete, wohl aber die ganz 
unberechenbare Dauer und Heftigkeit des seiner Application 
folgenden Schmerzes. Alle Surrogate haben sich bisher als nicht 
zweckdienlich erwiesen, und immer wieder ist man zum A'cid. 
arsenicos. alb. zurückgekehrt So ist es auch mir mit dem Acid. 
pyrogallic. ergangen, das mir durchaus nicht die gewünschte 
Wirkung ergab, und dem ich die sofortige Application von Acid. 
arsen. alb. nachfolgen lassen musste. — Ich habe aber eine 
andere günstige Wirkung des Mittels gesehen, und dies ist der 
Grund, warum ich das Resultat hiermit veröffentliche und die 
Herren Collegen ersuche, auch Ihrerseits Versuche damit zu machen. 
An den äusserst schmerzhaften entblössten Zahnhälsen des im 
Uehrigen gesunden rechten oberen * letzten Bicuspis und ersten 
Molaris einer Dame hatte ich schon wiederholt Zinc. muriat. und 
Arg. nitr., aber ohne nennenswerthen Erfolg applicirt. Da sowohl 
der Dame als auch mir die Geduld zu schwinden begann, so be¬ 
tupfte ich mit Acid. pyrogall. die schmerzhaften Stellen, und zwar 
mit so günstigem Erfolg, dass nach wenigen Stunden die bisher fast 
Tag und Nacht anhaltenden Schmerzen für immer verschwunden 
waren. Ob das Medicament Dentin und Cement des Zahnes ent¬ 
färbt, kann ich nicht sagen, weil ich schon vorher mehrfach Arg. 
nitr. angewandt hatte; in der Pulpahöhle der Zähne anderer 
Individuen hatte es allerdings einen braunschwarzen Niederschlag 
gegeben, der mir aber mehr durch Verbindung des Mittels mit 
dem Blute der Pulpa entstanden zu sein schien. Die Anwendung 
muss vorsichtig geschehen, da Acid. pyrogall. ein kräftiges Aetz- 
mittel für Weichtheile ist und zu Aetzungen von Krebsgeschwüren, 
Lupus u. s. w. verwendet wird. Ich lasse Acid. pyrogall. mit 


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126 Kleinm&nn: Kleine Mitteilungen a. d. zahn&rztl. Technik. 


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Glycerin zu einer Pasta verreiben, schütze die Weichtheile der 
Umgebung durch Watte oder Wundschwamm und bestreiche mit 
der Pasta die schmerzenden Flächen. 


Kleine Mitteilungen aus der zahnärztlichen 

Technik. 

Von 

Zahnarzt Kleinmann in Flensburg. 


III. Schlicht’s SchneU-Polirmittel für Kautschuk, 

Celluloid u. s. w. 

Eine schön polirte Kautschukplatte sieht nicht nur gut aus, 
sondern sie ist auch angenehmer im Munde zu haben; ja ich 
glaube sogar, dass sie dadurch an Haltbarkeit gewinnt. — Seit 
etwa einem Jahre benutze ich sowohl für Kautschuk als Celluloid 
obiges Polirmittel und bin damit sehr zufrieden. Der Gebrauchs¬ 
anweisung entnehmen wir Folgendes: „Nachdem die zu polirende 
Platte sauber geschliffen ist, nimmt man von der Paste ein Quantum 
von der Grösse einer halben Erbse und reibt dasselbe auf der zu 
polirenden Piöce so auseinander, dass letztere davon überzogen 
ist. Da die Paste gewissennassen schleifend wirken soll, so be¬ 
dient man sich am besten der Radbürsten, Filzräder und Kegel, 
lässt diese 1 — 2 Minuten kräftig über die zu polirende Fläche 
laufen, betupft dann letztere vermittelst eines weichen Leders oder- 
leinenen Lappens mit dem Pulver aus der anderen Büchse und 
reibt nun mit Finger oder Leder, bis sich der Glanz in ge¬ 
wünschter Tiefe zeigt.“ Dieses Polirmittel ist in zwei Büchsen 
(zu Paste und Pulver) für 5 Jk bei C. Ash & Sons zu haben. 


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Kleinmann: Kleine Mittheilungen a. d. zahn&rztl. Technik. 127 

TV. Das Wolrab’sche Zahngold. 

Wenn man eine Sache gewissenhaft beurtheilt and empfiehlt, 
so ist damit noch nicht gesagt, dass dieselbe auch anderen Leuten 
gefällt, mit denen man sonst auf einem gemeinschaftlichen wissen¬ 
schaftlichen Boden steht. 

Es freut mich daher sehr, dass das „Wolrab’sche Zahn¬ 
gold“, wie ich aus den zahlreichen Zuschriften ersehen habe, jetzt 
schon von vielen deutschen Collegen verarbeitet und gelobt wird. 
Wenn ich nicht irre, so war es Herr College Dr. Sachs-Breslau, 
der in seinem Briefe den Wunsch äusserte: „das Fabrikat möge 
in einer bequemeren Form erscheinen, dann würde es noch mehr 
gefallen.“ Herr Carl Wolrab ist diesem Wunsche, der noch 
von mehreren Sachkundigen für „praktisch“ erklärt wurde, auf 
das Bereitwilligste nachgekommen und liefert sein ausgezeichnetes 
Präparat jetzt in Streifen und „Pillenform“ Letztere in ver¬ 
schiedenen Grössen und drei Nummern. Diese Goldkügelchen 
befinden sich in zierlichen Glasfiäschchen, welche gut verschlossen 
sind. Als erster Referent des Wolrab’schen Goldes wollte ich 
nicht verfehlen, diese Verbesserung zur allgemeinen Kunde zu 
bringen, in der Hoffnung, dass sie mit Freuden aufgenommen 
werden wird. — 

Ferner theilt College Herb st-Bremen mir mit, dass er gleich 
nach der Bremer Versammlung ein Instrument construirt habe, 
welches er bei Goldplomben anwende. „Dieses Instrument“ — 
sagt Herbst — „ist von ausserordentlichem Nutzen und für Gold¬ 
plomben zwischen Vorderzähnen von wahrhaft fabelhafter Wirk¬ 
samkeit. Für den Patienten lange nicht so unangenehm, als der 
entsetzliche Hammer.“ — Herr College Herbst verspricht, es auf 
der Versammlung in Berlin zu zeigen. 

V. Reparaturen an Kautschukgebissen auf kaltem 
Wege herzustellen. % 

Schon vor acht Jahren erwähnte ich in einem Aufsatze: 
„Beitrag zur Reparatur der Kautschukpiöcen“ (siehe Zahnarzt 1872, 
S. 273), dass, so lange die Kautschukarbeit bestehe, es nie an 
Versuchen gefehlt habe, die Reparaturen auf „kaltem“ Wege her¬ 
zustellen, und besprach daselbst verschiedene Methoden, z. B. das 


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128 Kleinmann: Kleine Mittheilungen a. d. zahnärztl. Technik. 


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Festbinden mit Platindraht; die Metallnieten, das Befestigen der 
Zähne mit Wood’s Metall nnd Amalgamplomben, das Vulcanit- 
cement, das Aufsetzen der Mallash on’sehen Zähne mittelst 
Hickory-Holzstiftes and dergl. Seit der Zeit wurde empfohlen 
die Befestigung mit der Rostaing’schen Dentinagene and die 
Reparatur durch Celluloidmasse. Letzteres habe ich mehrmals 
versucht; es gewährt den Vortheil, dass die Reparatur in zwei 
Standen gemacht werden kann, and dass die Platte nicht so spröde 
und unansehnlich wird, wie beim wiederholten Vulkanisiren. 
Die Frage, ob diese Reparatur aber ebenso haltbar ist, als 
wenn sie mit Kautschuk ausgeführt worden wäre, erlaube ich mir 
jetzt noch nicht zu beantworten. — Unser fleissiger College Herbst 
in Bremen hat in dieser Beziehung eine neue Erfindung gemacht, 
die für den Ersatz abgebrochener Zähne bei alten Platten von 
besonders praktischem Werthe zu sein scheint. Er schreibt mir 
darüber Folgendes: „Seit circa vier Monaten reparire ich Gebisse 
(ob Kautschuk oder Celluloid ist gleich), von denen Zähne abge¬ 
brochen sind, in so viel Minuten, als Sie und alle Collegen 
Viertelstunden gebrauchen müssen, d. h. ohne Dampfkessel und 
sonstigen Kochapparat. Der Hauptvortheil meines Verfahrens 
ist der, dass in Zukunft, wenn ein oder mehrere Zähne (auch 
Klammern) von Kautschuk- oder Celluloidplatten abgebrochen sind, 
dieselben nicht in Kochapparate gebracht zu werden brauchen, 
wodurch sie ja bekanntlich ausserordentlich an Haltbarkeit und 
Aussehen verlieren.“ Herr College Herbst sandte gleichzeitig 
als Beweis drei alte Kautschukplatten, woran diese neue Methode 
mehrfach ausgeführt war. Wären die neu angesetzten Zähne 
nicht mit Tinte markirt gewesen, so hätten wir sie von den 
anderen nicht unterscheiden können. — Mein hiesiger College 
Cordt, der sehr gewissenhaft und solide arbeitet, fand die Er¬ 
findung auch ganz vortrefflich. Leider konnte ich ihm weiter keine 
Aufklärung darüber geben, da College Herbst mir schreibt, dass 
er sein Verfahren nicht schriftlich mittheilen könne und es deshalb 
auf der Berliner Versammlung im August dieses Jahres praktisch 
zeigen würde. — Vielleicht wird uns noch manches „Neue“ aus 
der zahnärztlichen Technik in der oben erwähnten Versammlung 
gezeigt. Deshalb auf nach Berlin! — 


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M. Hagelberg: S&ugeb&nd-Gebisse. 


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Saugeband-Gebisse. 

Von 

M. Hagelberg, prakt. Zahnarzt in Berlin. 


Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema übergehe, erlauben Sie 
mir wohl, einige Worte über die Patentfrage vorauszuschicken. 

Auf der letzten Jahresversammlung des Centralvereins deut¬ 
scher Zahnärzte wurde bekanntlich in Folge eines Vortrages des 
Herrn Kleinmann ein Antrag angenommen, der dahin zielt, den 
Zahnärzten das Patentnehmen zu verbieten. Dass eine solche 
sonderbare Ansicht zum öffentlichen Ausdruck gebracht werden 
kann, heute, nachdem vor mehreren Jahren bei Gelegenheit der 
Berathung des Patentgesetzes im Reichstage sich die Ansichten 
für und wider geklärt haben — das ist wirklich zu verwundern. 
Es sind so ziemlich dieselben Argumente $ die im Jahre 1877 in 
allen öffentlichen Versammlungen von den Gegnern des Patent¬ 
gesetzes gegen dasselbe erhoben wurden, und die nun von Herrn 
Kleinmann auf zahnärztliches Gebiet übertragen werden. Die 
tüchtigsten Techniker, die erfahrensten Ingenieure haben sich 
damals zu Gunsten des Patentgesetzes ausgesprochen, und zum 
Glück für die deutsche Industrie ist das Patentgesetz angenommen. 

Sie werden sagen: „Für die Industrie, ja; aber die zahn¬ 
ärztliche Praxis ist keine Industrie.“ Das weiss ich auch; aber 
zur Ausübung unserer Praxis brauchen wir die Industrie. Sehen 
Sie sich gefälligst in Ihrem Operationszimmer um, da begegnen 
Sie überall der Patentbezeichnung: Instrumente, Apparate, Plomben, 
Zähne, Kautschuk, Abdruckmasse u. s. w., Alles, was Sie zur 
Hand nehmen, ist entweder patentirt oder mit Schutzmarke be¬ 
zeichnet, was ja genau dasselbe ist. Und von diesen patentirten 
Gegenständen umgeben und theilweise von denselben abhängig, 
stellen und nehmen Sie einen Antrag an, der da lautet: „Das 
Patentnehmen auf zahnärztliche Hilfsmittel wird gemissbilligt!“ 
Es ist wirklich ganz erstaunlich, und es hält schwer, an den Ernst 
dieser Thatsache zu glauben. Als ob die auswärtigen Fabrikanten 
sich dadurch von dem Patentnehmen zurückhalten liessen! Ich 
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M. Hagelberg: Saugeband-Gebisse. 


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kann nicht umhin, etwas näher auf den Kleinmann’schen Vortrag, 
der ja die Veranlassung dieses Antrages war, einzugehen. 

Wenn Jemand mit Aufwand von Zeit, Mühe und Kosten nach 
seiner Idee eine neue Maschine construirt hat, so ist es doch 
nicht mehr wie recht und billig, dass er die Maschine und ebenso 
die Idee, die der Construction zu Grunde liegt, für sein Eigen¬ 
thum hält. Um nun dieses Eigenthum sich zu schützen, dazu ist 
der einzige Weg der, sich ein Patent darauf zu nehmen, damit 
nicht ein Anderer diese Maschine nachmachen und sich den Vor¬ 
theil der Erfindung aneignen kann, indem er das Fabrikat billiger 
verkauft, als der Erfinder selbst, der doch seine Mühe und Ver¬ 
suchskosten in Anrechnung bringen muss. Wenn nun dieser 
Erfinder zufällig ein Zahnarzt ist, so soll es sich also mit seiner 
Standesehre nicht vertragen, wenn er sich auf gesetzliche Weise 
sein Eigenthum zu schützen sucht. Ich muss gestehen, dass mir 
das unverständlich ist. Ich glaube aber annehmen zu können, 
dass sowohl in dem Vortrage des Herrn Collegen Kleinmann, 
als auch in dem angenommenen Anträge die Maschinen u. s. w. 
gar nicht gemeint sind. Die Spitze des Vortrages und Antrages 
richtet sich vielmehr gegen die patentirten Gebisse. 

Eine schlagende Antwort hierauf liegt meines Erachtens in 
dem dem Vortrage des Herrn Kleinmann sich anschliessenden 
Berichte des Herrn Collegen Sauer über die zahnärztlichen Cur- 
pfuscher. Herr Kleinmann fragt: „Welches ist die Haupt¬ 
triebfeder des Patentnehmens.?“ und antwortet 

darauf: „die Sucht, schnell reich zu werden.“ 

Allerdings verleitet die Leichtigkeit, mit der ein Patent mit¬ 
unter zu erlangen ist, den unreellen Menschen wohl, eine Sache, 
die nichts weiter für sich hat, als die Neuheit, durch das Patent 
leichter an den Mann zu bringen, um sich möglichst viele Vor¬ 
theile auf gesetzlichem Wege zu verschaffen, oder wenn Sie wollen, 
um möglichst schnell reich zu werden. Indessen ist das nicht der 
einzige Grund, weshalb ein Patent genommen wird. Man kann 
ein Patent nehmen, um sich seine Idee als sein Eigenthum zu 
erhalten, und um dieselbe vor dem Verpfuschen seitens Unberufener 
zu bewahren. 

Nach dem Berichte des Herrn Collegen Sauer giebt es hier 
in Berlin 106 selbständige Zahntechniker, d. h. doppelt so viel 


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M. Hagelberg: Saugeband-Gebisse. 


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als Zahnärzte. Ein ähnliches Verhältnis existtrt in ganz Deutsch¬ 
land. Wenn ein Zahnarzt nun z. B. eine neue Art Gebisse in 
einer unserer Fachzeitschriften bekannt macht, sö ist die nächste 
Folge die, dass die Zahntechniker, froh, etwas Neues zu haben, die 
Sache durch Eeclame aus beuten und gründlich zerarbeiten. 
Der Erfinder, dem es darum zu thun ist, Erfahrungen in der 
Praxis zu sammeln, macht die einzige Erfahrung: seine Idee, 
die bei richtiger Anwendung gut und praktisch ist, 
von unberufenen und unerfahrenen Händen verdorben 
und ganz und gar in Misscredit gebracht zu sehen. 
Vor diesem Schicksal bewahrt ihn das Patent. Er nimmt das 
Patent nicht aus unlautern Motiven, sondern aus Liebe zur Sache; 
er nimmt ein Patent, um eine Sache, die zwar fertig und brauch¬ 
bar, aber noch erfahrungsbedürftig ist, zu erhalten und weiter zu 
entwickeln, um Ungeschicklichkeit und Pfuscherei nicht zu unter¬ 
stützen. 

Wess Geistes Kinder diese Techniker mitunter sind, davon 
habe ich Beispiele. Ich hatte einst einen solchen, der so wenig 
Begriff von der Anfertigung eines Gebisses hatte, dass er bei einem 
zahnlosen Kiefer die Zähne, unbekümmert um die Kieferrippe, 
an den Band des Gypsmodells aufstellte, an einer Ecke anfangend, 
so dass der erste oder zweite Bicuspidatus ungefähr auf die Mitte 
zu stehen kam. Wie ich von ihm selbst erfuhr, hatte er zwei 
oder drei Monate gelernt, und zwar bei einem Meister, der 
wahrscheinlich denselben Studiengang genommen hat, wie er. 
Leute dieser Bildung findet man hier in Berlin häufig genug als 
selbständige Zahntechniker, und diesen, die vorzugsweise die 
Technik zum Felde ihrer Pfuscherei sich aussuchen, sollen wir 
unsere Ideen preisgeben?! Das heisst doch, die Pfuscherei unter¬ 
stützen. 

Ich kann Ihnen ein zweites Beispiel erzählen, was dem eben 
Erzählten würdig zur Seite steht. Es stellte sich bei mir ein 
junger Mann vor, der als Zahntechniker einige Stunden täglich 
bei mir arbeiten wolle, da er augenblicklich die zahnärztliche 
Klinik besuche. Ich fragte ihn, in welchem Semester er sei, und 
er antwortete mir sehr ruhig: im ersten. Ich glaubte, nicht 
richtig gehört zu haben und fragte: „im ersten Semester Klinik? 
Haben Sie denn schon Anatomie gehört“? „Nein“, meinte er, „das 

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M. Hagelberg: S&ugeband-Gebisse. 


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hat Zeit, das läuft nicht weg, die Hauptsache ist: Geld ver¬ 
dienen.“ Das ist die Sucht, schnell reich zu werden, 
und dazu bedarf es keines Patents. Man besucht die zahnärzt¬ 
liche Klinik, und ob man nun Anatomie, Physiologie und die 
anderen Allotria studirt oder nicht, das überlegt man ßich noch, 
„das läuft nicht weg“. Man kauft sich den Titel Dr., ist Zahn¬ 
arzt mit dem famosen Zusatz: „hier nicht approbirt“ und — hony 
soit qui mal y pense! 

Nicht das Patentgesetz erzeugt die Sucht, schnell reich zu 
werden. Nicht das Patentnehmen sollten Sie missbilligen, sondern 
das Scheinstudium, die akademische Heuchelei, die darin besteht, 
dass Leute, die nicht studirt haben, ja die gar nicht die Absicht 
zu studiren haben, sich zur Klinik drängen, um später mit Hilfe 
eines gekauften Titels in den Augen jies Publikums als studirte 
Leute, als wirkliche Zahnärzte gelten zu wollen. Vor dem dritten 
Semester dürfte Niemand zur Klinik zugelassen werden, schon im 
Interesse der Kranken. 

Die zweite Frage des Herrn Kleinmann lautet: „Ist das 
Patent eine Bürgschaft für die Brauchbarkeit des 
Gegenstandes?“ Im Allgemeinen wohl; im Sinne des Herrn 
Kleinmann vielleicht nicht. Das Verlangen einer Garantie von 
der Behörde für unbedingte Güte des Gegenstandes ist unbillig; 
denn die Garantie zu geben, ist unmöglich, es würde das zu end¬ 
losen Controversen führen und den Nutzen des Patentgesetzes 
illusorisch machen. 

Drittens behauptet Herr Kl ein mann: „Das Patent passt 
deshalb nicht für den Zahnarzt, weil er seine Patienten weder 
kaufmännisch noch handwerksmässig behandeln soll; weil er seine 
Kunst nicht nach einem System ausüben kann, und weil es seine 
ehrenvolle Aufgabe ist, seine Erfindung der ganzen leidenden 
Menschheit nutzbar zu machen. 

Ob Jemand seine Patienten kaufmännisch behandelt oder 
nicht, liegt nur in seiner Gewohnheit und hat mit einem etwaigen 
Patent gar nichts zu thun; denn ein Zahnarzt, der seine Kunst 
versteht, weiss, dass jeder Mund ein anderer ist, und es hängt 
weder von seinem Willen noch von dem des Patienten ab, nach 
welcher Methode das betreffende Gebiss angefertigt werden soll. 
Es ergiebt sich dies einfach aus den Verhältnissen des Mundes, 


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M. Hagelberg: Saugeband - Gebisse. 


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und ich für meine Person bin gewöhnt, auch bei Anfertigung künst¬ 
licher Zähne Indication und Contraindication in Betracht zu ziehen. 

Was nun das Verlangen anbetrifft, der ganzen leidenden 
Menschheit zu dienen, so weiss ich nicht, wie ein .Patent daran 
hindern soll. 

Schliesslich spreche ich meine Ansicht unumwunden dahin 
aus: Das Patentnehmen ist nicht zu missbilligen; es ist ein ge¬ 
setzliches Recht, das der Zahnarzt unbeschadet seiner Standesehre 
ebenso gut beanspruchen darf, wie jeder Andere. 

Das Patent ist eine gesetzmässige Waffe der Pfuscherei gegen¬ 
über, vielleicht die einzig wirksame, die wir nicht wegwerfen 
dürfen, so lange wir die Technik in unserer Praxis nicht ent¬ 
behren können. 

Saugeband - Gebisse. 

(Deutsches Reichspatent No. 7612.) 

Ein grosser Uebelstand bei Kautschuk-Gebissen ist die Gaumen¬ 
platte. Man mag über die Wärmeleitungstheorie denken, wie man 
will — die Reizungen der Schleimhaut durch dieselbe sind nicht 
in Abrede zu stellen. Sie werden vermehrt durch Unsauberkeit 
und durch Tragen des Gebisses während der Nacht, was stets zu 
untersagen ist. Wo aber der Tonus der Gewebe schlaff ist, da 
wird durch den Gebrauch des Gebisses während des Tages, durch 
Auflagerung des Schleimhautsecrets ein Reiz geschaffen, der hin¬ 
reichend ist, um Entzündung, Auflockerung und Empfindlichkeit 
der Schleimhaut herbeizuftthren. Ferner ist durch die allmälig 
fortschreitende Resorption der Alveole ein vermehrtes Schaukeln 
des Gebisses auf dem Gaumen resp. auf der Crista palat. unver¬ 
meidlich, wodurch diese Stelle der Schleimhaut erheblich gereizt 
wird. Dieser Reiz wird noch vermehrt, wenn eine Saugekammer 
(möglichst tief) angebracht ist. Ein fernerer Einwand gegen die 
Gaumenplatte ist die Unbequemlichkeit derselben und die Ver¬ 
deckung der Geschmacksempfindung. Es ist wahr, die meisten 
Patienten gewöhnen sich bald daran; aber es steht unzweifelhaft 
fest, dass einem Jeden ein Gebiss ohne die Gaumenplatte lieber 
ist, als ein solches mit derselben. Diese Erwägungen haben mich 
veranlasst, eine Methode ausfindig zu machen, nach der künstliche 
Zähne im Munde festsitzen ohne die Gaumenplatte, ohne Be- 


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M. Hagelberg: Saugeband-Gebisse. 


festigung an vorhandene Zähne oder an ein Untergebiss. Das 
Gebiss bedeckt den Alveolarrand und greift als schmaler Streifen 
nach innen über. Da das Gebiss möglichst wenig Baum im Munde 
einnehmen soll, so ist es natürlich, dass in jedem Falle die In- 
dicationen für ein Saugegebiss vorhanden sein müssen. Es muss 
also unbedingt eine feste Basis da sein, entweder gesunde Wurzeln 
oder eine derbe, gesunde Schleimhaut. Der Druck, der vom 
Unterkiefer das Obergebiss trifft, muss richtig vertbeilt werden, 
am stärksten auf die Bicuspidaten und die ersten Molaren, 
und zwar auf die ganze Kaufläche derselben (nach innen 
am meisten, schwach nach aussen verlaufend). Sind im Unter¬ 
kiefer die natürlichen Backzähne vorhanden, so richtet sich 
die Stellung der Backzähne des Oberkiefers darnach. Müssen 
aber im Unterkiefer die Backzähne ebenfalls künstlich ersetzt 
werden, so muss man diese so stellen, dass ihre Kauflächen eine 
geringe Neigung nach innen haben. Dadurch erhalten dann die 
correspondirenden oberen Zähne eine entsprechende Neigung nach 
aussen, und der Druck auf dieselben trifft dann stets innerhalb 
des Kieferrandes, wodurch das Gebiss am Festsitzen gewinnt In 
solchen Fällen, wo auch im Oberkiefer die natürlichen Backzähne 
stehen, wo also nur Yorderzähne künstlich ersetzt werden sollen, 
ist ein Saugegebiss überhaupt contraindicirt. 

Nachdem ich diese allgemeinen Bemerkungen vorausgeschickt 
habe, will ich zur Erörterung meiner Methode übergehen. Da 
ich den Baum nach dem Gaumen zu möglichst frei halten will, 
so ist es natürlich, dass ich den Alveolarrand, so weit er frei ist, 
ganz in Anspruch nehme, d. h. alle fehlenden Zähne müssen er¬ 
setzt werden. 

Bevor ich das Gebiss in Wachs modellire, bezeichne ich mir 
auf dem Gypsmodell die hestimmte Grösse des Gebisses, besonders 
nach dem Gaumen zu. Bei resorbirtem Kiefer beträgt die Breite, 
von der Kieferrippe nach innen gemessen, 9—12 Mm. Sind da¬ 
gegen noch Zähne oder festsitzende Wurzeln im Kiefer, so wird 
das Gebiss, von dem innern Wurzelrande nach innen zu gemessen, 
5—7 Mm. breit gearbeitet. 

Das Festsitzen dieses schmalen Gebisses erreiche ich einzig 
und. allein durch die von mir construirte Saugekammer, voraus¬ 
gesetzt, da&s die Stellung der Zähne richtig ist. Aus der Form 


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M. Hagelberg: Sauge band - Gebisse. 


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des Gebisses ergiebt sich, dass die Saugekammer sowohl in der 
Form, als auch in der Lage von der bisherigen verschieden sein 
muss, also nicht, wie bisher, rundlich sein kann, sondern sie stellt 
vielmehr ein Band dar von 3—4 Mm. Breite und 1—2 Mm. 
Tiefe; eine tiefere Saugekammer halte ich für überflüssig und für 
schädlich. In den Fällen, wo noch Wurzeln im Kiefer stehen, 
beginnt dieses Saugeband dicht hinter den Wurzeln; bei resor- 
birtem Kiefer dagegen 4—5 Mm. hinter der Kieferrippe. Die 
Längenausdehnung des Saugebandes richtet sich nach der des Ge¬ 
bisses und muss jederseits einen Centimeter vom Gebissende ab- 
schliessen. 

Durch diese Veränderung allein ist es möglich, die Gaumen¬ 
platte zu beseitigen. Es wird der ganzen Länge des Gebisses 
nach ein luftleerer Raum geschaffen, der dadurch, dass er bogen¬ 
förmig verläuft, eine grössere Wirkung ausübt, als auf der Mitte 
der Gaumenplatte. Eine andere Anordnung der Saugekammer, 
z. B. einzelne kleine runde oder viereckige Vertiefungen neben 
einander und dergleichen, führen nicht znm Ziele. Um das 
Festsaugen des Gebisses zu erleichtern, versehe ich die der 
Schleimhaut anliegende Oberfläche des Kautschuks mit einer seichten 
Rauhigkeit, die ich in folgender Weise herstelle. 

Nachdem das Gebiss in Wachs modellirt ist, wird es in die 
Gypscüvette gebracht, so dass beim Auseinandernehmen der letz¬ 
teren die Zähne in der einen und das Modell in der anderen 
Cüvettenhälfte sitzen bleibt. Man schmilzt nun das Wachs heraus 
und stopft den Kautschuk ein. Ist genug darin, so legt man 
einen passend geschnittenen Streifen starkfadigen Tüll, den man 
vorher durch Gypswasser gezogen (um das spätere Lösen vom 
Kautschuk zu erleichtern) darauf und schliesst die Cüvette. Der 
Tüll muss stets ein Millimeter breit vom Gebissrande entfernt sein, 
um den dichten Anschluss desselben nach aussen nicht zu unter¬ 
brechen. Nach dem Härten des Kautschuks lässt sich der Tüll 
sehr leicht entfernen und hinterlässt ein System seichter und ab¬ 
gerundeter Vertiefungen, die das Ansaugen des Gebisses wesentlich 
erleichtern, ohne besonderen Reiz auf die Schleimhaut auszuüben. 

Es ist jetzt so ziemlich ein Jahr her, dass ich das Probe¬ 
stück nach dieser Methode gemacht habe, das zur vollen Zu¬ 
friedenheit unverändert getragen wird. 


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M. Hagelberg: Saugeband-Gebisse. 


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Früher hatte ich ein anderes Verfahren, um die nachtheiligen 
Wirkungen des Kauschuks auf die Schleimhaut zu verhüten, das 
sich sehr gut bewährte, und das ich auch jetzt noch hin und 
wieder zur Anwendung bringe. Dieses Verfahren besteht in dem 
Ueberziehen des Kautschuks mit einer (nicht durchbrochenen) 
Goldplatte, und zwar in folgender Weise: 

Weiches Goldblech (7 Theile Feingold, 3 Theile Feinsilber) 
wird ausserordentlich dünn gewalzt (No. 1 des Blechmasses). 
Hiervon schneide ich ein Stückchen von der Grösse des Gebisses, 
jedoch so, dass der Kautschuk ringsherum einen Millimeter breit 
übersteht. Nachdem dies Stücken Gold ausgeglüht, legö ich es 
mit einem Stückchen Tüll bedeckt zwischen zwei Pappdeckeln auf 
den Ambos und gebe einen Schlag mit dem Hammer darauf, wo¬ 
durch sich das Tüllmuster auf dem Golde abdrückt. 

Nachdem nun das Gebiss fertig gestopft ist, wird die ganze 
Oberfläche des Kautschuks mit Lösung (Kautschuk in Chloroform) 
bestrichen, ebenso das vorher ausgeglühte Goldblech, und zwar die 
Seite, auf der die Tüllfäden erhaben erscheinen. Das Gold wird 
nun in richtiger Lage auf den Kautschuk gelegt und die Cüvette 
geschlossen. Sollte die Goldplatte zu nahe an den Rand des Ge¬ 
bisses reichen, so klebe man einen ganz dünnen Streifen Kautschuk 
über den Goldrand. Will man eine Saugekammer anbringen, so 
wird dieselbe durch ein Stückchen Pappe von der entsprechenden 
Form, das auf die Goldplatte gelegt wird, in Gold und Kautschuk 
eingeprägt. Nach dem Dampfen sitzt das Gold fest auf dem 
Kautschuk und wird tüchtig mit Sand abgebürstet, um rein und 
glänzend zu werden. 

Die Vortheile dieser Methode sind nicht unbedeutend; die 
Hitze und Trockenheit, die der Kautschuk erzeugt, schwinden 
vollständig, ebenso die Reizungen. Das Gold kann jahrelang ge¬ 
tragen und gebürstet werden, ohne abzublättern. 

In neuerer Zeit jedoch ziehe ich die Saugeband-Gebisse vor, 
ebenfalls mit Anwendung der Goldunterlage, da sie grössere Vor¬ 
theile bietet. Schliesslich bemerke ich noch, üm Irrthümer zu 
vermeiden, dass die eben beschriebene Methode der Goldunterlage, 
soweit sie bei Gaumenplatten Anwendung findet, von 
dem Patent nicht berührt wird. 


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Sauer: Weitere Richtigstellung meiner Ansicht über Catgut. 137 


Eine weitere Richtigstellung meiner Ansicht 
ttber Catgut zu den Auffassungen des Collegen 

Witzei. 

Von 

C. Sauer. 


Die Collegen, welche die Vierteljahrsschrift lesen, wollen ent¬ 
schuldigen, wenn sie hier wiederum eine Entgegnung über Catgut 
vorfinden. 

College Witzei spricht sich in der Vierteljahrsschrift von 
1880, Heft I, S. 80, nach dem Berichte des Vereines schleswig¬ 
holsteinischer Zahnärzte derart aus, dass er auf dieser Versamm¬ 
lung, nur durch eine Aeusserung des Herrn Vorsitzenden gezwungen, 
auf eine Controverse eingeht, welche die Herren alle aus der 
Vierteljahrsschrift (Jahrgang 1879, Heft H) kennen, und deren 
Erledigung er eigentlich bis zur Berliner Versammlung verschieben 
wollte. College Witzei hält diese Angelegenheit also für so 
wichtig, dass sie auf einer Versammlung besprochen werden muss. 
Ich glaube, die Sache lässt sich einfacher in der Vierteljahrs¬ 
schrift ahmachen. Sie scheint in der Hauptsache nur noch zwischen 
uns Beiden zu liegen. College Schlenker, welcher in dieser 
Angelegenheit nach eigenen Versuchen öffentlich mitgesprochen 
hat, hält Catgut zu definitiven Wurzelfüllungen für brauchbar. 

Was die von Herrn Collegen Witzei angeführten Fälle mit 
Catgut-Behandlung betrifft, so muss ich gestehen, ich hätte so 
wenig in dem Falle des Baumeister Regelm., als auch in dem Falle 
des Forstmann H. aus Werden a. d. Ruhr, noch sonst in Fällen, 
in denen es sich um eine Zersetzung des Catgut durch Eiter 
handelt, einen Beweis für die Zersetzung des Catgut in der 
Zahnwurzel gesehen. Ich hätte mich nie veranlasst gefunden, 
hiergegen etwas einzuwenden, weil ich das für selbstverständlich 
halte. Die Zersetzung geschah hier wohl nicht von Seiten der 
Wandungen des Wurzelkanales durch Resorption, die ja 
College W i t z e 1 auch für unmöglich hält, sondern durch den von 


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138 Sauer: Eine weitere Richtigstellung meiner Ansicht 

dem Alveolarabscess abgesonderten Eiter. Ich für meiue 
Person möchte diese zwei Thatsachen streng auseinander halten. 
Ich möchte Herrn Witzei sogar, wenn ihm einmal eine Eiterung 
oder nur ein entzündlicher Process an der Wurzel eines anti¬ 
septisch behandelten Zahnes auftritt, Glück wünschen, wenn die 
Wurzel mit Catgut gefüllt war, denn dann kann er die Füllung 
leicht entfernen. Er braucht nicht fürchten, beim Herausarbeiten 
der Wurzelfüllung septische Stoffe in die Tiefe der Wurzel zu 
treiben, wie dies bei der Füllung mit einem Cemente sonst ge¬ 
schehen muss, nach der jedenfalls die Extraction des betreffenden 
Zahnes erfolgt. 

Später sagt Herr College Witzei in demselben Hefte der 
Vierteljahrsschrift S. 83: „Seitdem ich jedoch die Beobachtung 
gemacht habe, dass Catgut selbst in gut gereinigten Wurzelkanälen 
nach und nach erweicht, in solchen aber, wo noch Absonde¬ 
rungen in der kranken Alveole stattfinden, sogar faulig inficirt 
wird, verwende ich die Catgutstückchen zu definitiven Füllungen 
der Wurzelkanäle nicht mehr. Dagegen gebrauche ich Catgut 
sehr viel zum provisorischen Verschlüsse solcher Wurzelkanäle, 
die ich nicht direct füllen kann oder will; hier leistet Catgut 
ganz entschieden vortreffliche Dienste u. s. w.“ 

In Fällen, in denen Herr College Witzei abwarten will, hält 
er Catgut für geeignet Warum führt er die Fälle, in denen 
noch Absonderungen stattfinden, als solche an, die gegen Catgut 
sprechen? Oder soll das „verwende ich die Catgutstückchen nicht 
mehr“ so viel heissen, als: in solchen Fällen fülle ich überhaupt 
nicht mehr definitiv, sondern immer die Wurzel vorerst mit Catgut 
und verschliesse interimistisch? Es würde sich einfacher anhören, 
und man wäre nicht veranlasst zu glauben, Herr College Witzei 
fülle bei Absonderungen mit seinem Cemente. Wenn Herr College 
Witzei weiter sagt: „wir sind niemals im Stande, einen Wurzel¬ 
kanal mit Catgut vollständig zu füllen“, so möchte ich ihm ent¬ 
gegenhalten, dass Catgut ein sehr weiches Material ist und sich 
Zähne jetzt schon weit über zwei Jahre damit wohl befinden. 
Ferner möchte ich ihm aber auch zu bedenken geben, dass wir 
nicht einmal im Stande sind, die Wurzelreste einer kranken Pulpa 
vollständig zu entfernen, und dass doch die Zähne gesunden. Das 
Einpumpen von Cement in den Wurzelkanal bietet auch keine 


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über Catgut zu den Auffassungen des Collegen Witzei. 139 

genügende Sicherheit für vollkommenes Ausfüllen, namentlich bei 
engen Kanälen, in die bisweilen kaum eine Nadel einzndringen 
vermag. Wenn endlich Catgut in den Fällen nicht resorbirt wird, 
in denen nach Witzei Phenolcement benutzt werden soll, so sehe 
ich nicht ein, warum es als definitiver Verschluss fortgelassen v 
werden soll. Ich habe es nach Jahren nicht anders gefunden als 
beim Hineintbon in den Wurzelkanal. Herr College Witzei spricht 
auch in solchem Falle nur von einer Erweichung, nicht von Zer¬ 
setzung. Da Catgut von Beginn seiner Verwendung an weich ist, 
so kann Herr College Witzei sich hier auch wohl zuungunsten 
des Materiales irren. Mir hat es sich in solchen Fällen sowohl, 
wie auch als Interimisticum bewährt, ausserdem lässt es sich, 
wenn es die Wurzelkanäle sonst gestatten, viel sicherer und be¬ 
quemer in dieselben einftthren, als Cement. Die Einführung 
des letzteren in ganz enge Kanäle ist häufig genug gleichfalls 
illusorisch, und dennoch bleiben die betreffenden Zähne merk¬ 
würdigerweise erhalten, während bisweilen beim gleichen Verfahren 
längere Zeit mit der peinlichsten Sorgfalt behandelte und erst 
interimistisch gefüllte Zähne längere Zeit nach der definitiven 
Füllung noch entzündliche Processe zeigen. Ein Beweis dafür, 
wie man häufig nicht wissen kann, ob der entzündliche Process 
vollständig abgelaufen ist, oder nicht. Ich habe in solchen Fällen 
immer gewünscht, ich hätte, mit Catgut gefüllt, wenn die Füllung 
der Wurzel aus Carbol- oder Thymol-Cement bestand, weil ich 
sicher den entstandenen Übeln Zufällen besser hätte entgegen¬ 
treten können. 

Möge den Collegen bei Behandlung erkrankter Wurzeln das 
Catgut nun in der einen oder, wie mir, in verschiedener Weise 
von Nutzen sein, jedenfalls freut es mich, auf dasselbe zuerst 
hingewiesen zu haben, und halte ich für meine Person zunächst 
eine weitere Besprechung des Für und Wider für überflüssig, da 
es jedenfalls darauf ankommt, längere Zeit Erfahrungen damit ge¬ 
sammelt zu haben. 


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140 Wellauer: Holz als Füllungsmaterial der Wurzelkanäle. 


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Holz als Füllungsmaterial der Wurzelkanäle. 

Von 

Zahnarzt F. Wellauer in Frauenfeld. 

Während sich die Herren Sauer und Witzei über ihre 
Methoden, Wurzelkanäle zu füllen, streiten, möchte ich den Herren 
Collegen ein ganz anderes Material zum Versuche empfehlen, das 
ich seit mehreren Jahren mit ganz günstigem Erfolge anwende, 
und dessen Verwendung ebenso als „antiseptische Behandlung“ 
betrachtet werden kann, wie die Ausfüllung mit Catgut oder 
Phenolcement u. s. w., und welches in meinen Augen den Vortheil 
der Vereinfachung, jedenfalls vor dem letzteren, hat. 

Wir Zahnärzte wissen schon lange, dass Hickory-Holz für 
Stiftzähne verwendet wird, und dass Hickory-Holz ebenso wenig 
als solches die Wurzelhaut reizt wie ein Gold- oder Platinstift. 
Obschon ich kein Freund der Holzstiftzähne bin, so habe ich doch 
die Ueberzeugung gewonnen, dass, wenn Hickory-Holz als Halter 
einer künstlichen Zahnkrone keine Periodontitis veranlasst und 
den Kanal durch das Aufquellen gut ausfüllt, es das Gleiche auch 
als Ausfüllungsmaterial thun muss. 

Zu diesem Zwecke schneide ich das Holz in ungefährer Form 
und Länge des Wurzelkanales, befeuchte es mit Carbolsäure und 
bringe es sofort nach der Extraction des Pulpafadens oder nach 
dem Reinigen und Austrocknen in den Wurzelkanal. Habe ich 
ein zu dünnes Stück gehabt, so dass das Holz den Kanal schlecht 
ausfüllt, so nehme ich ein dickeres Stück oder gehe mit einem 
Wurzelstopfer zwischen Holz und Kanalwand hinein und mache 
mir Platz für ein zweites Stück. Seit ein paar Jahren nehme ich 
statt des Hickory-Holzes sogenanntes Pfaffenkäppchenholz, das 
ich in runden Stängelclien von einem Uhrmacher bekomme; dabei 
habe ich den Vortheil, dass es billiger ist, und dass ich, der 
Länge des Stückes wegen, zugleich einen Griff zum Einschieben 
habe, so dass ein so zugeschnittenes Holz aussieht wie ein Wurzel¬ 
stopfer. 

Ebenso wenig, wie es anderen Collegen gelingen wird, jeden 
Pulparest aus den Kanälen zu bringen, gelingt das auch mir, und 
ich will mich nicht des Langen und Breiten darüber auslassen, 


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J. Parreidt: Ueber die Natur und Behandlung u. s. w. 141 

warum das oft eine Unmöglichkeit ist; ein Jeder, der Wurzel¬ 
kanäle füllt, weiss das schon. Wenn mir das auch nicht gelungen, so 
habe ich gute Resultate gehabt. Das Restchen der todten Pulpa 
wird von meinem carbolisirten Holze desinficirt, und mein Holz 
ist wahrscheinlich auch im Stande, feinste Theilchen desselben 
oder allfällige Flüssigkeiten, die sich noch im Kanäle befinden 
könnten, in seine Poren aufzunehmen und durch sein Aufquellen 
den Kanal vollkommen auszufüllen. 

Noch nie bin ich in den Fall gekommen, mich von letzterer 
Annahme überzeugen zu können, da ich von der grossen Anzahl 
auf diese Weise gefüllter Zähne noch keinen extrahiren musste 
(mit welcher Thatsache ich jedoch nicht sagen will, dass ich auch 
in Zukunft nicht in den Fall kommen könnte), weshalb ich auch 
das zeitraubende und anstrengende Füllen der Wurzelkanäle mit 
Gold, Zinn u. s. w. längst ganz aufgegeben habe und nicht Willens 
bin, wieder einzuführen. 

In Fällen, wo das Foramen am Wurzelende gross ist, habe 
ich Holz noch nie angewendet; da möchte Catgut besser sein, 
weil das durchgedrungene Stückchen resorbirt würde, wie Herr 
Sauer glaubt, Holz aber würde jedenfalls eine Entzündung und 
Eiterung verursachen und die Extraction nothwendig machen. 


Ueber die Natur und Behandlung der soge¬ 
nannten Rigg’sehen Krankheit. 

Aus einer in der odontologischen Gesellschaft Grossbritanniens 
stattgefundenen Discussion auszugsweise übersetzt. 

Von 

Jul. Parreidt, Zahnarzt in Leipzig. 

Vor der Eröffnung der Discussion verliest der Secretär ein 
Schreiben von Ch. Tomes, welcher die Discussion hatte einleiten 
sollen, aber zu erscheinen verhindert war. Tomes schlägt vor, 
dass die Mitglieder über folgende Punkte Erfahrungen sammeln 
sollten: 


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J. Parreidt: Ueber die Natur und Behandlung 


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1 ) Die Häufigkeit der Krankheit bei Personen im mittleren 
Lebensalter, welche keine anderen Zeichen seniler Degeneration 
darbieten; ihr gelegentlich plötzliches Auftreten; ihr bisweilen 
acuter und vergleichungsweise schmerzhafter Verlauf; die reich¬ 
liche Absonderung in acuten Fällen; ihre gelegentliche Heil¬ 
barkeit. 

2) Die ersten Zeichen der Störung und die Resultate der 
Behandlung möchten wohl auf den Rand der Alveolen (unzweifel¬ 
haft auf ihr Periost) als primären Sitz der Störung hinweisen 
und die krankhafte Thätigkeit sich nicht viel von Knochencaries 
unterscheiden; allein über diesen Gegenstand ist noch viel Beweis¬ 
material nöthig. 

3) Tarn es hat mit Sicherheit Fälle gesehen, in welchen er 
keinen Zahnstein entdecken konnte; dieselben befanden sich in 
einem frühen Stadium, aber die Krankheit war doch durchaus 
wohl markirt. Andererseits ist das Vorhandensein einer kleinen 
Quantität Zahnstein unter dem Zahnfleische ausserordentlich ge¬ 
wöhnlich, während die Krankheit verhältnissmässig selten ist. 
Wiederum ist der Zahnstein, wenn gegenwärtig, oft etwas über 
dem Orte der Destruction der Alveolen befindlich. Die Zerstörung 
geht also ausserhalb des Bereiches des Zahnsteines vor sich. 
Ausserdem wird Zahnstein reichlich gefunden an Wurzeln von 
Zähnen, welche langsam durch gewöhnliche senile Lockerung ent- 
blösst worden sind, und welche keine der charakteristischen 
Zeichen der Krankheit gezeigt haben. Demnach würden die Be¬ 
dingungen, unter welchen Zahnstein angetroffen worden und unter 
welchen nicht, soweit Tomes’ Beobachtungen reichen, die Idee 
ausschliessen, dass er etwas mehr als zufällige Verbindung mit der 
Krankheit habe. Indess über diesen Punkt ist die Erfahrung eines 
Einzelnen zu klein, um daraus einen sicheren Schluss ziehen zu 
können. 

Weiter verliest der Secretär einen Brief von Dr. Arkövy 
in Budapest. A. glaubt, dass die Rigg’sche Krankheit dasselbe 
sei, was wir bei J. Salt er unter dem Titel „Falscher Scorbut“ 
(Dent. Path. and Surg., p. 184) und bei John und Charles. 
Tomes (Lyst. of Dent. Surg., p. 511 — 514) als Absorption der 
Alveolen beschrieben finden. Als der beste Beweis des Mangels 
an klarer Einsicht und an wohlbasirtem Verständniss über den 


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der sogenannten Rigg'sehen Krankheit. 


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vorliegenden Gegenstand mag die mannigfache Nomenclatnr gelten, 
die man dafür gebraucht. So wendet man ausser den obengenannten 
Bezeichnungen noch „Pyorrhoea alveolaris“ an, welche nur ein 
Symptom ist, ferner „katarrhalische Entzündung des Zahnfleisches 
und der Wurzelhaut“ u. s. w. — Arkövy hat im letzten Jahre 
sorgfältig Daten bezüglich der Aetiologie und pathologischen 
Anatomie gesammelt, er beabsichtigt, dieselben zu vermehren und 
dann seine Beobachtungen der odontologischen Gesellschaft zur 
Discussion zu unterbreiten. 

Darauf eröffnet Mr. Oakley Coles die Discussion mit dem 
folgenden Vorträge. 

Heber die sogenannte Rigg’sehe Krankheit. 

Von Oakley Coles. 

M. H., die Benennung irgend einer Krankheit nach der ersten 
Person, welche sie beschrieben hat, ist im Allgemeinen eine Quelle 
von Unbequemlichkeit und Missverständniss. Wenn es sich um 
Fracturen gewisser Knochen in einer besonderen Weise handelt, 
mag es von nicht so grosser Bedeutung sein — wie z. B. in 
„Potts Fractur“ und „Colles Fractur“ —; aber wenn wir an Stelle 
einer bestimmten und- wohl markirten Knochenverletzung einen pa¬ 
thologischen Zustand haben, mit welchem wir nur unvollkommen 
bekannt sind, und welcher Veranlassung giebt zu gewissen localen 
Erscheinungen, von denen es nicht leicht zu sagen ist, ob sie 
Ursachen oder Wirkungen des krankhaften Zustandes sind, so 
wird der Nachtheil einer „persönlichen“ Nomenclatnr sofort deutlich. 
Die Namen sollten, wenn sie wirklich nützlich sein sollen, auf 
irgend einer leicht erkennbaren pathologischen Veränderung oder 
auf irgend einem gut ausgeprägten und mehr oder weniger per¬ 
sistenten Symptome der betreffenden Krankheit basirt sein, wie 
dies beispielsweise bei solchen Namen wie „Hypertrophie des 
Zahnfleisches“, „Wurzelodoutome“ u. a. der Fall ist. Ich mache 
diese Bemerkungen nicht mit der Absicht, die Ehre zu schmälern, 
welche Dr. Rigg aus den Vereinigten Staaten dafür gebührt, dass 
er zuerst voll eingetreten ist in die Beschreibung einer Läsion, 
auf die vorher blos vag und in unbestimmter Weise angespielt 
worden ist. 


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J. Parreidt: Ueber die Natur und Behandlung 


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Dass der Zustand, welcher als Bigg’sehe Krankheit bekannt 
ist, deutlich ausgeprägt ist und einen speciellen Namen ver¬ 
langt, darüber kann kein Zweifel sein. Welches aber der 
Name sein soll, mag, denke ich, vorsichtiger Weise unerörtert 
bleiben, bis wir mit den pathologischen Vorgängen besser bekannt 
sind. Unterdessen wird es vielleicht nützlich sein, unsere Er¬ 
fahrungen zusammen zu fassen mit der Aussicht, die Frage zu 
klären. 

Meine Aufmerksamkeit wurde zuerst vor ungefähr dreizehn 
Jahren auf den Gegenstand unserer Discussion gezogen, als ich 
den Zahnstein von den Zähnen eines wohlbekannten, sehr hart 
arbeitenden Patienten zu entfernen hatte. Die unteren Zähne 
waren alle vollkommen, nur die linguale Seite der unteren Inci- 
soren war mit einer geringen Menge Zahnstein belegt; die oberen 
Zähne indess waren von einer grösseren Menge Zahnstein bedeckt, 
besonders an der buccalen Fläche der Molaren. Eine geringe 
Menge Zahnstein befand sich an den Bicuspidaten und Incisoren, 
jedoch nur wenig mehr, als ich an den unteren Zähnen ge¬ 
funden hatte. Die Zahnfleischränder waren leicht verdickt und 
zerstört, aber der übrige Theil der Schleimhaut war gesund, die 
Papillen des Zahnfleisches nur wenig vergrössert. — Die Zähne 
waren von knochengelber Farbe, weich in ihrer Textur und halb¬ 
durchscheinend von Aussehen. Die palatinalen Wurzeln der 
oberen Molaren waren fast bis zur Spitze entblösst, und eine 
rauhe Oberfläche, zweifellos eine Folge von kleinen Zahnstein¬ 
körnchen, konnte auf den labialen Wurzeln gefühlt werden. Ueber 
dem linken oberen centralen und lateralen Schneidezahne hatte 
eine eigenthümliche Zurückweichung des Zahnfleisches Platz ge¬ 
griffen, wodurch die Hälse dieser Zähne theilweise entblösst 
wurden. Die Zurückweichung war genau umschrieben und auf 
die Gegend der eben genannten .Zähne beschränkt. 

Während der letzten zwölf Jahre habe ich natürlich viel 
mehr Fälle von ähnlichem Charakter gesehen, und soweit als meine 
Beobachtungen reichen, kommt die Krankheit am häufigsten bei 
Männern vor, welche grossen geistigen Anstrengungen unterworfen 
sind. Ich habe sie besonders überwiegend gefunden bei Civil- 
ingenieuren, Aerzten und Advocaten. Sie kommt auch bei Jenen 
vor, die erst kürzlich aus Indien zurückgekehrt sind. — Bei 


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der sogenannten Rigg’sehen Krankheit. 


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Frauen findet sich das Leiden besonders nach erschöpfenden 
Krankheiten, nach häufig überstandenen Schwangerschaften und 
auch in Begleitung übermässiger Menstruationsblutungen. 

Meine Beobachtungen haben mich nach alledem zu dem 
Schlüsse geleitet, dass der Zustand unter die Krankheiten des 
modernen Lebens zu rubriciren ist, d. h. dass er von verkehrter 
oder zu schlechter Ernährung abhängig und als locale Erscheinung 
eines Allgemeinleidens zu betrachten ist. Er mag in vieler Be¬ 
ziehung als localisirte vorzeitige Senilität bezeichnet werden. 
Diese Ansicht wird, denke ich, die Ursache einiger Symptome 
erklären. 

In der sogenannten „Rigg’schen Krankheit“ haben wir Ab¬ 
sorption des Zahnperiostes und Deposition von körnigen Zahnstein¬ 
partikeln an den entblössten Zahnwurzeln. Diese Symptome können 
von einer Zurückweichung des Zahnfleisches und des Alveolus be¬ 
gleitet sein oder auch nicht, während die Ausstossung des Zahnes 
aus seiner Knochenhöhle von seiner Stellung in Bezug auf die 
anderen Zähne abhängt. Die Incisoren werden im Allgemeinen 
heraustreten, während diejenigen Molaren und Bicuspidaten, die 
ihre Antagonisten nicht verloren haben, in der Regel in der nor¬ 
malen horizontalen Ebene verharren werden. 

Es ist zu bemerken, dass wir in den Fällen unserer Be¬ 
trachtung Symptome vor uns haben, die jenen sehr ähnlich sind, 
welche während der Schwangerschaft und während der Lactation 
auftreten, und welche, wie ich in einem Vorträge, den ich die 
Ehre hatte, vor der odontologischen Gesellschaft zu halten, näher 
ausgeführt habe, zweifellos Folgen von ungenügender localer Er¬ 
nährung sind. 

Der Punkt wird wahrscheinlich kaum bestritten werden, dass 
eine übermässige Anstrengung irgend eines Organs irgend eine 
locale Manifestation von ungenügender Ernährung mehr oder 
weniger entfernt von der abnorm ernährten Gegend hervorbringen 
kann. Dass die deutlichen Zeichen ungenügender Ernährung sich 
am besten in den Organen mit geringer vasculärer Ausstattung 
darstellen, kann a priori vernünftiger Weise erwartet werden und 
wird durch unsere Kenntniss von den Thatsachen vollständig be¬ 
stätigt. Wennn wir diese Ansicht annehmen, so werden wir be¬ 
treffs der Ursache der sogenannten „Rigg’schen Krankheit“ und 
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J. Parreidt: Ueber die Natur und Behandlung 


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der Beziehungen zwischen der Resorption des Zahnperiostes und 
der Ablagerung von Zahnstein an den Wurzeln weniger in Zweifel 
gelassen. 

Wenden wir uns nun den mehr localen Punkten von Interesse 
zu, so finden wir, dass der Zahnstein, anstatt in Schichten oder . 
glatten Massen abgelagert zu sein, dem Aussehen nach körnig 
und knotig ist und der „Maulbeerstein“-Varietät der Blasensteine 
ähnelt Ich bin geneigt, diesen Zustand des Zahnsteines nicht 
einer speciellen Form chemischer Präcipitation der Salze, sondern 
einfach dem „Zufall der Gelegenheit“ zuzuschreiben. 

Der Zahnstein wird an den Punkten des geringsten Wider¬ 
standes niedergeschlagen, das ist an dem Theile des Zahnes, wel¬ 
cher den Eindrücken auf der umschriebenen Oberfläche des er¬ 
weichten Alveolus entspricht; und auf Rechnung dieser intimen 
Beziehungen zwischen diesen beiden ist es zu setzen, dass es so 
wohlthätig gefunden worden ist (wie Dr. Field in seiner interes¬ 
santen Mittheilung über den Gegenstand hervorhob), ausser dem 
Zahnsteine von den Zahnwurzeln auch Theile des Alveolus auszu¬ 
kratzen und wegzuschneiden. 

Wahrscheinlich wird die Frage entstehen, warum diese Be¬ 
dingungen der Deposition von Zahnstein im mittleren Alter Vor¬ 
kommen und nicht im höheren Alter, wo doch der Process der 
senilen Atrophie vollständiger ist. Die Anführung der Thatsache 
enthält, glaube ich eine Erklärung in sich selbst. Eben weil die 
Bedingungen des senilen Verfalles bei alten Leuten, die noch einige 
Zähne behalten haben, vollständig sind, darum finden wir in der 
Regel keine Ablagerung von Zahnstein auf den Wurzeln. Im 
Alter gehen die Veränderungen in der Textur des Zahnes, die 
Atrophie des Wurzelperiosts und die Zurückweisung des Zahn¬ 
fleisches und des Alveolarrandes allmälig und gleichzeitig 
vor sich, und der Zahnfleischrand bleibt bis zuletzt in genauem 
Contact mit der Zahnwurzel. Dies ist so sehr der Fall, dass der 
Schmerz beim Extrahiren eines solchen losen Zahnes bei alten 
Patienten oft sehr gross ist. In den Fällen hingegen, über die 
wir jetzt sprechen, wird die Blutzufuhr mehr oder weniger plötz¬ 
lich abgeschnitten, das Periost atrophirt; so entsteht ein Reser¬ 
voir, in welchem der Zahnstein abgelagert wird. Besteht nun 
einmal freier Zugang zu der Alveolarhöhle, so ist es leicht zu 


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der sogenannten Rigg’sehen Krankheit. 


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verstehen, wie der Process der Lockerung beschleunigt wird durch 
die Reizung solcher Fremdkörper, wie kleine Körnchen von Zahn¬ 
stein, welche an den Zahnwurzeln niedergeschlagen sind. Der 
Alveolus und das Zahnfleisch sind sehr gefässreich und ziehen 
sich deshalb, sobald das Periost resorbirt wird, noch nicht zurück. 
Daher haben wir den Zahn umgeben von Knochen und Schleim¬ 
haut, aber lose in seiner Alveole. 

Ich habe mich so bemüht zu zeigen, dass der als „Rigg’sche 
Krankheit“ bekannte Zustand eine Folge von ungenügender Er¬ 
nährung und Atrophie des Zahnwurzelperiosts ist, während das 
Aussehen des auf den Wurzeln abgelagerten Zahnsteines der Be¬ 
schaffenheit der Oberflächen, welche die Grenzen des Reservoirs 
bilden, zuzuschreiben ist. Wenn die Ansicht über den Fall, den 
ich erwähnt habe, den Forderungen der Collegen entspricht, so 
werden wir wahrscheinlich einen Schritt vorwärts gekommen sein, 
einen Namen zu finden, mit welchem wir wissenschaftlich eine 
Krankheit bezeichnen können, auf welche die Aufmerksamkeit ge¬ 
lenkt zu haben wir Dr. Rigg zu Danke verpflichtet sind. 

Discussion. 

Der Präsident (Mr. Coleman) hält es für gut, bei der 
Sammlung von weiteren Erfahrungen die kurzen Angaben Tom es’ 
als Richtschnur zu benutzen. Er fordert Dr. Field, welcher kürz¬ 
lich der odontologischen Gesellschaft Rigg’s Instrumente demon- 
strirt hat, auf, seine Beobachtungen mitzutheilen. 

Dr. Field constatirt, dass Dr. Rigg nicht der Entdecker 
der in Rede stehenden Krankheit sei, sondern nur eine befriedi¬ 
gende Methode der Behandlung angegeben habe. Die Natur und 
der Ursprung der Krankheit ist nach Field’s^ Meinung ganz ver¬ 
schieden von seniler Degeneration. In vielen Fällen sei die Krank¬ 
heit nicht der Ausfluss eines Allgemeinleidens, obwohl sie durch 
constitutionelle Schwäche oder allgemeine schlechte Ernährung 
sehr verschlimmert werde. Er betrachtet sie als locale Krankheit, 
die in vielen Fällen durch Vernachlässigung und Unreinlichkeit 
entstehe. Dafür spreche auch der Erfolg von Dr. Rigg’s Be¬ 
handlungsweise. Er habe keinen Fall gesehen, in welchem der 
Zahnstein gefehlt habe. Wo dieser zu fehlen scheine, könne man 
ihn durch sorgfältige Untersuchung zwischen den Zähnen 

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J. Parreidt: Ueber die Natur und Behandlung u. s. w. 


entdecken. Field sieht in der That die Anhäufung von Zahn¬ 
stein als den Ausgangspunkt der Krankheit an: Die Ablagerung 
beengt das Zahnfleisch, welches sich zurückzieht; Reizung und 
Entzündung entsteht rings um den Rand des Alveolus, und dies 
führt endlich zur Nekrose. Bezüglich der Behandlung verlangt 
Field ausser der Remotion des Zahnsteines auch die Entfernung 
des nekrosirten Theiles des Alveolus. 

Dr. Co ff in behandelt die Krankheit als eine locale, aber 
ihr Verlauf wird seiner Meinung nach durch das Allgemeinbefinden 
des Patienten wesentlich beeinflusst Die primäre Ursache sei die 
Gegenwart von fremden Substanzen rings um die Zähne, obgleich in 
einigen Fällen die Anhäufung von Zahnstein gering sei. Das 
nächste constante Symptom sei die Absonderung saueren ekelhaften 
Schleimes vom Zahnfleische. Co ff in bringt vor der Entfernung 
des Zahnsteines Carbolsäure mittels eines Stückchen Holzes unter 
die Zahnfleischränder. Diese Application verursacht das erste 
Mal Schmerz und reichliche Absonderung von Blut und Eiter. 
Nach einer oder zwei Applicationen wird nur noch sehr wenig 
Schmerz gefühlt, und die Entleerung ist vermindert. Man soll in 
einer Woche eine bis zwei Applicationen machen, bis der Ausfluss 
aufhört. 

Mr. O’Meara theilt mit, dass in ganz Indien die Menschen 
ihre Zähne durch diese Krankheit verlieren. Eine Ursache dafür 
könne er nicht angeben. Die Menschen seien gesund, erträglich 
reinlich und ihre Nahrung genügend verschieden. In wenigen 
Fällen fehle der Zahnstein, und die Krankheit bestehe nur in 
Absorption der Alveole und Verlust der Zähne. Die Menschen 
beginnen in Indien mit 30 Jahren ihre Zähne zu verlieren, wobei 
die unteren Schneidezähne zuerst betroffen werden. Merkwürdig 
ist, dass dies nur in den Ebenen Indiens der Fall ist; im Hoch¬ 
lande sind die Eingeborenen robuster, aber sie sind der Zahn- 
caries unterworfen. 

Mr. Ranger sagte, seiner Erfahrung gemäss sei das erste 
Zeichen der Krankheit ein entzündeter Zustand des Zahnfleisches, 
dann würden die Wurzeln entblösst, und körniger Zahnstein schlage 
sich darauf nieder. Die Alveolarränder würden zuletzt ergriffen. 
Er hält Vernachlässigung für die erste Ursache der Krankheit. 
Bezüglich der Behandlung empfiehlt Ranger ausser der Remotion 


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Besprechung. 


149 


des Zahnsteines Application von Ta. Catechu und Sp. Camph. 
äusserlich und Kali chloricum innerlich. 

Der Präsident hat die Krankheit bei sehr reinlichen Leuten 
gesehen, er ist deshalb geneigt, sie für constitutionell zu halten. 
Ihr Ausgangspunkt scheine Hyperämie des Zahnfleisches zu sein, 
aber was diese erzeuge, könne er nicht sagen. Er habe auch die 
Behandlung nicht so einfach gefunden, wie man sie sich nach den 
Angaben Anderer vorstellen könne; in einigen Fällen habe er in 
der That alle denkbaren Mittel vergebens angewendet. Weitere 
Untersuchungen über die Ursachen der Krankheit seien nöthig. 
Wenn diese aufgeklärt seien, so würde die passende Behandlung 
von selbst folgen. 


Besprechung. 


Unsere deutsche zahnärztliche Fachliteratur ist durch ein 
neues Werk bereichert worden. Soeben ist erschienen und durch 
alle Buchhandlungen zu beziehen: 

Lehrbuch der Zahnheilkunde für praktische 
Aerzte und Studirende von Dr. med. et chir. 
Julius Scheff junior, Zahnarzt in Wien. Mit 
153 Holzschnitten. Verlag von Urban & Schwarzen¬ 
berg, Wien und Leipzig 1880. 

Das Werk ist, wie schon der Titel sagt, hauptsächlich für 
praktische Aerzte und Studirende bestimmt, wir glauben jedoch, 
dass es auch speciell für den Zahnarzt sehr schätzenswerthes 
Material enthält. Der Verfasser, der nicht allein ein gesuchter 
Praktiker ist, sondern sich auch bereits als Schriftsteller bekannt 
gemacht hat, stellte sich bei der Abfassung dieses Werkes die ge¬ 
wiss nicht leichte Aufgabe, die Studirenden, besonders aber die 
praktischen Aerzte, welche, auch wenn sie während ihrer 
Studienzeit wenig Gelegenheit hatten resp. suchten, Zahnheilkunde 
zu hören, sich doch später mit der Ausübung derselben befassen 
möchten, in kurz gehaltenen Kapiteln über das ganze, bereits 


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150 


Besprechung. 


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ziemlich umfangreich gewordene Gebiet der modernen Zahnheil¬ 
kunde zu orientiren. Bei dieser durchweg praktischen Tendenz 
des Buches mussten selbstverständlich manche dem Fachmann 
fernerliegende Kapitel eingehender als sonst, manche ihm wich¬ 
tiger erscheinende Abschnitte für den nur ärztlichen Leser kürzer 
behandelt werden, anscheinend ein Mangel des Werkes, den der 
Verfasser selbst gern anerkennt, der aber trotzdem das Buch 
seinem eigentlichen Zwecke: belehrend auf das grosse ärzt¬ 
liche Publikum zu wirken, entschieden näher bringt. Diesen 
Standpunkt muss demnach auch der Kritiker und Leser des Buches 
einnehmen, denn nur so kann er den Intentionen des Autors ge¬ 
recht werden. 

Das Buch zerfällt in einen allgemeinen Theil, in welchem 
eine kurze Abhandlung über Anatomie des Mundes, des Kiefers 
und der Zähne selbst die Einleitung bildet, ihr folgt ein schon 
weit ausführlicher gehaltenes Kapitel über Entstehung der Zähne 
und Kieferwachsthum während der ersten und zweiten Dentition. 
Daran schliesst sich ein gut illustrirter Abschnitt über Anomalien 
der Zähne, mit der nöthigen Anweisung, wie dieselben eventuell 
zu behandeln sind. 1 ) 

Der zweite specielle Theil des Buches behandelt die 
operative Zahnheilkunde, welche in zwei Gruppen getrennt be¬ 
schrieben wird, und zwar beginnt der Verfasser wieder mit einem 
kurz und bündig gehaltenen Kapitel über das Wesen und die 
Ursachen der Caries und geht dann direct zur Behandlung der¬ 
selben, zur Technik des Füllens über, beschreibt die dazu 


1) Das Werk ist mit 163 Holzschnitten geschmückt, unter denen 
sich neben einer Anzahl bereits bekannter aus Tomes, Mühlreiter, 
Wedl und Baume auch eine Reihe neuer, zum Theil vorzüglicher 
Schnitte befinden. Hervorzuheben davon sind hier besonders die Illu¬ 
strationen zu demTheile: „Anomalien der Stellung der Zähne“, 
welche eine Anzahl höchst werthvoller Abnormitäten bildlich darstelleu, 
und zwar in ganz neuer Auffassung, indem nämlich der Zeichner von 
dem darzustellenden Modelle diejenigen Stellen, welche besonders her¬ 
vorgehoben werden sollen, voll schattirt hat, während die übrigen Par¬ 
tien als einfache Umrisslinien auslaufen. Durch diese instructive Be¬ 
handlung der Zeichnung wird das Auge sofort auf den wichtigsten Theil 
derselben hingezogen. 


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Besprechung. 


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unbedingt nöthigen Instrumente, erwähnt ausführlich die heute 
gebräuchlichen Füllmaterialien unter Abwägung ihrer Vorzüge und 
Nachtheile und kommt dann zur Darstellung der Operation selbst. 
Dieses Kapitel, sowie auch das folgende: Die Erkrankung und 
Behandlung der Pulpa, sind etwas subjectiv gehalten, doch 
fleissig und sorgfältig bearbeitet und wenn dieselben auch vielleicht 
hier und da Widerspruch hervorrufen, so werden die darin nieder¬ 
gelegten und in der Praxis des Verfassers bewährten Operations¬ 
methoden doch ohne Zweifel zur weiteren sachlichen Erörterung 
dieses wichtigen Gegenstandes in unseren Fachjournalen will¬ 
kommene Anregung geben. Kurz und bündig gehalten, wie sie 
sind, können sie nicht alles Wissenswerthe bringen 5 was der Ver¬ 
fasser aber von seinen Erfahrungen darin niedergelegt hat, ver¬ 
dient auch unsere volle Beachtung und Anerkennung. 

In den folgenden Abschnitten finden wir das Nöthige über 
Neubildungen in der Pulpa, Bruch, Luxation, Be- und Implantation 
der Zähne, über deren chemische und mechanische Abnutzung, 
sowie Verfärbung und hieran angeschlossen wieder zwei längere 
Kapitel über Keinigen und Pflege der Zähne und Einfluss der¬ 
selben auf die Aussprache und Verdauung. Das letztere, für Viele 
hier vielleicht zu ausführlich behandelte Kapitel haben wir schon 
früher mit Interesse gelesen. Was der Verfasser über die Er¬ 
krankungen des Zahnfleisches, der Mundschleimhaut und die Neu¬ 
rosen sagt, sowie der von Dr. Paschkis bearbeitete Abschnitt 
über syphilitische Affection der Mundschleimhaut, machen das 
Buch für den Studirenden der Zahnheilkunde, der in dieser Be¬ 
ziehung nicht die ganze medicinische Literatur durcharbeiten kann, 
zu einem recht brauchbaren Hilfsmittel. Die Affectionen der 
Wurzelhaut und ihre Ausgänge, sowie die Behandlung der¬ 
selben ist, soweit die Stellung des praktischen Arztes dieser Krank¬ 
heit gegenüber in Betracht zu ziehen ist, gut beschrieben, aber 
auch für den Zahnarzt dürfte die von dem Autor angegebene 
radicale Behandlung resp. Heilung der Zahnfleisch¬ 
fisteln ohne Extraction der Zähne werthvoll sein, obgleich wir 
nach unseren Erfahrungen in allen Fällen, wo uns und auch dem 
Patienten an der Erhaltung eines solchen Zahnes viel liegt, die 
Behandlung der Zahnfleischfisteln mit Perforation, Peinigen 
und ausgiebiger Desinfection des Wurzelkanales einzuleiten 


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Besprechung. 


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pflegen, gleichviel ob die Affection an cariösen oder an Zähnen 
mit gesunden Kronen anftritt 

Wir übergehen hier die folgenden Kapitel: über Kiefererkran¬ 
kungen, Ostitis, Nekrose u. s. w. u. s. w. die wir bisher nur 
flüchtig durchsehen konnten und wenden uns direct wieder zu der 
Praxis der Zahnextraction. Die Indicationen und Contra- 
indicationen für die Extraction gesunder und erkrankter temporärer 
und permanenter Zähne sind ganz gut und präcis gegeben, die 
Operation selbst und die dazu nöthigen Instrumente (zu denen 
der Verfasser den antiken Schlüssel nicht mitrechnet) sind gut 
geschildert. Jeder Leser wird es auch hier sofort herausfühlen, 
dass diese Kapitel auf eigenen praktischen Beobachtungen ruhen, 
und die Ansichten des Verfassers über Narkose bei den Zahn¬ 
extractionen finden gewiss den ungetheilten Beifall derjenigen 
Collegen, die sich der Gefahr erinnern, welche jede Narkose, 
gleichviel ob Aether, Chloroform oder Stickstoffoxydul, 
gebraucht wird, für das Leben des Patienten mit sich bringt, und 
mit vollem Rechte zeiht der Verfasser Jene des Leichtsinns, die in 
unverantwortlicher Weise ärztliche Beihilfe verschmähen und sich 
bei der Narkose nur von einem Diener assistiren lassen. 

Im Schlusskapitel finden wir endlich über unser Stiefkind in 
der Literatur, die Zahntechnik, kurze Mittheilungen, deren 
Zweck, den Arzt und Studirenden mit der umfassenden, gar nicht 
zu unterschätzenden Thätigkeit unserer Techniker bekannt zu 
machen, vollkommen erreicht wird. 

Wir haben hier nur einzelne, uns am nächsten liegende Kapitel 
etwas näher besprechen können, denn es ist ganz unmöglich, in 
einem kurzen Referate einem Werke, wie dem vorliegenden, nach 
jeder Richtung hin gerecht zu werden; wir bitten die Collegen, 
von dem Inhalte des Buches, dass trotz seiner mehr allgemeinen 
Richtung auch dem Fachmanne eine relative Vollständigkeit bietet, 
selbst Kenntniss zu nehmen und sind überzeugt, dass viele der¬ 
selben den stattlichen, durch sauberen Druck ausgezeichneten Band 
gern ihrer Bibliothek einverleiben werden. 

Essen a. d. Ruhr, Ende Februar 1880. 

Adolph Witzei. 


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Joumalschau. 


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Journalschau. 

British Journal of Dental Science. Yol. XXI. 

No. 264. — Juni 1878. 

Gold als temporäre Plombe. 

Von C. M. Wright, Basel, Schweiz. 

Von einer permanenten Füllung verlangt Verfasser, dass sie 
keine Erneuerung, keine Ausbesserung und überhaupt keine Auf¬ 
merksamkeit während des Lebens des Betreffenden erfordert. 
Diesen Anforderungen entspreche eine Füllung ans Gold nicht. 
Gold werde wegen seiner Schönheit, Reinheit und Solidität von 
den Zahnärzten vor allen anderen Füllmaterialien bevorzugt, im 
Grunde genommen aber hätten alle Materialien nur temporären 
Werth. 

No. 265. — Juli 1878. 

Restauration, Präservation und Retention sehr zerstörter 
Zähne und mässig fester Wurzeln. 

Von James Merson, L. D. S. 

Verfasser ist der Meinung, dass noch immer zu viele Zähne 
extrahirt werden. Nachdem er seine Indicationen für die Extrac¬ 
tion angeführt hat, theilt er seine Behandlungsweise der Pulpa¬ 
polypen mit. Diese besteht darin, dass so viel als möglich von 
dem Polypen weggeschnitten, darauf der Stumpf mit Salpetersäure 
geätzt wird. Dann wird wiederholt mit Carbol verbunden und 
endlich die Wurzel mit Baumwolle und Zinkoxychlorid, die cariöse 
Höhle mit einem Metall gefüllt. Vor dem Einsetzen künstlicher 
Zähne lässt Verfasser alle Wurzeln, die noch einigermaassen fest¬ 
sitzen, stecken und füllt dieselben nach gehöriger antiseptischer 
Vorbehandlung mit Gold oder Zinkoxychlorid und Gold oder 
Amalgam. Verfasser hat auf diese Weise eine grosse Anzahl 
Wurzeln • behandelt, welche beim ersten Besuch Schalen voll 
Eiter darstellten und nun nach der Behandlung vorzüglichen 
Dienst leisten, indem sie die Zerkleinerung der Nahrung unter¬ 
stützen, und dadurch, dass sie die Resorption der Kiefer ver- 


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Journalschau. 


hindern, die normale Erscheinung der Lippen und Backen er¬ 
halten. 

Anmerkung des Referenten Jul. Parreidt. Die Nothwen- 
digkeit, die Wurzeln, auf welche eine künstliche Gebissplatte zu 
liegen kommen soll, zu füllen, ist noch lange nicht genügend be¬ 
tont worden. Nur zu oft muss man sehen, dass ein anfangs schön 
sitzendes Gebissstück nach sechs Monaten bis ein Jahr oder zwei 
Jahren äusserst schlecht passt, weil die Wurzeln unter demselben 
periostitisch geworden sind und die Caries in denselben fortge¬ 
schritten ist. In Folge der Periostitis treten die Wurzeln weiter 
aus den Alveolen heraus, und in Folge der fortschreitenden Caries 
brechen Theile der ursprünglich auf gleichem Niveau mit dem 
Zahnfleische glattgefeilten Wurzelfläche aus. Es entstehen scharfe 
Ränder unter dem Zahnfleische und ein Minusdruck unter der 
Gebissplatte an der Stelle, wo etwas von der Wurzel ausgebrochen 
ist. Gerade so, wie nun in eine sogenannte Saugkammer die 
Schleimhaut hineingesogen wird, so wird auch das Zahnfleisch 
über den scharfen Wurzelrand bis zur Ausfüllung des entstandenen 
Defectes hinweggezogen. Die schon vorher durch den Minusdruck 
hervorgerufene Stauungshyperämie wird durch die Spannung über 
den Wurzelrand vermehrt, es kommt zu Entzündung des Zahn¬ 
fleisches. Die Anschwellung des letzteren nimmt nun aber so zu, 
dass statt des früheren negativen Druckes jetzt positiver Druck 
entsteht. Die Platte wird abgedrängt, das geschwollene Zahnfleisch 
verhindert einen genauen Anschluss derselben an den übrigen 
Punkten. Auch vom Standpunkte der Reinlichkeit aus ist die 
Ausfüllung der Wurzeln dringend geboten. 

No. 266. — August 1878. 

Zur Behandlung der Wurzeln. 

Von Nemo. 

Verfasser wendet sich zunächst gegen die von Merson in 
der vorigen Nummer befürwortete Behandlung aller schlechten 
Wurzeln, die noch mässig festsitzen. Er will in den Fällen, wo 
künstliche Zähne eingesetzt werden sollen, nur die oberen -Schneide- 
und Eckzähne gefüllt wissen, besonders bei jugendlichen Personen. 
Als Material zum Wurzelfüllen befürwortet Verfasser die Gutta¬ 
percha. 


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Jouraalschau. 


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No. 267. — September 1878. 

Replantation der Zähne nach dem Plombiren. 

Von W. Hodgskin-Hope, Esq™ 

Verfasser glaubt, dass die Wohlthaten, welche aus der Re¬ 
plantation resultiren, etwas übertrieben und in Folge davon Viele 
verhindert worden sind, ihre Meinungen sowohl, als auch ihre 
Erfahrungen über den Gegenstand zu veröffentlichen. Nur über 
sehr wenige Fälle sei übrigens berichtet, in welchen replantirte 
Zähne viele Jahre gestanden haben. Dagegen hat die Operation 
erhebliche Schmerzen und Unbequemlichkeit im Gefolge, wodurch 
jedenfalls verhindert wird, dass dieselbe bei der Mehrzahl der 
Zahnärzte in Aufnahme kommt. Bisweilen folgen aber noch 
schlimmere Wirkungen. So sah Verfasser nach der Replantation 
Alveolarabscess, Nekrose des Kiefers und Abscess des Antrum 
Highmori entstehen. 

Referent beobachtete in einem Falle Ostitis. In schlimmeren 
Fällen, besonders wenn man hartnäckig den Zahn stecken lässt 
und der Eiter durch keine Fistel Abfluss findet, kann es zur 
Pyämie kommen! Auch über einen Fall von Tetanus nach der 
Replantation ist berichtet (Barker, Dental Cosmos 1877, p. 36). 
Diese Thatsachen fordern doch zur Vorsicht bei Replantirungs- 
versuchen auf. Wenn ungünstige Ausgänge auf eine Operation 
der Wahl, nicht der Nothwendigkeit — und eine solche 
ist die Replantation — folgen, so trifft uns die Verantwortung 
um so schwerer. 

No. 268. — October 1878. 

Gold und die neue Richtung. 

Von W. Hodgskin-Hope, Esq*® 

Verfasser sucht die Unhaltbarkeit der Grundsätze der so¬ 
genannten „Neuen Richtung“ darzuthun. 

No. 270. — December 1878. 

Bemerkungen über einen Fall von Nekrose des Oberkiefers. 

Von F. Lloyd Williams, Esqre L. D. S. 

Ein 60 Jahre alter Patient bekam eine Schwellung der linken 
Oberkiefergegend. Die Zähne derselben Seite wurden locker. Im 


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Joumalschau. 


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Zahnfleische bildeten sich Fisteln mit reichlichem, Eiterausflusse. 
Nachdem am 4. Juli der zweite Praemolaris und de? erste Molaris 
(der erste Praemolaris und der zweite Molaris fehlten bereits) 
extrahirt worden waren, trat Erleichterung ein. Zwei Tage später 
wurde ein Sequester entfernt, welcher vom Caninus bis zum Weis¬ 
heitszahne reichte und einen Theil des Bodens vom Antrum ent¬ 
hielt. Das Antrum wurde nun täglich ausgespritzt und die Oeff- 
nung mit Baumwolle verstopft. Am 9. Juli zeigte sich noch ein 
Sequester, welcher die Alveole des ersten Praemolaris darstellte. 
Am 31. Juli (also 4 Wochen nach der Extraction der Zähne) war 
gute Vernarbung erfolgt, und es wurde eine Sauggebissplatte mit 
drei Zähnen und einem Fortsatze zum Verschlüsse der Kieferhöhle 
angefertigt. Die Oeffnung des Antrum war darunter binnen zwei 
Monaten obliterirt. — Die Aetiologie des Falles ist nicht recht 
klar, da die Zähne nicht cariös gewesen zu sein scheinen, auch 
keine Syphilis nachzuweisen war und kein Trauma stattgefunden 
hatte. 


Yol. XXII. 

No. 271. — Januar 1879. 

Verletzungen und Krankheiten des Antrum. 

Von J. B. Mayor, Esqre 

Dieser Aufsatz wird in den folgenden Nummern fortgesetzt 
und bringt nichts wesentlich Neues. 

Einer der vielen Unfälle, welche beim Extrahiren der Zähne 

Vorkommen können. 

Von E. A. Huet, Esq™ 

Verfasser extrahirte einen sehr empfindlichen Zahn, welcher 

eine vor drei Jahren inserirte Amalgamfüllung enthielt, in der 

* 

Stickoxydulnarkose. Bei Untersuchung des Zahnes nach der Ex¬ 
traction war die Plombe verschwunden, und Verfasser glaubte, dass 
dieselbe auf den Fussboden gefallen sein müsste. Nachdem indess 
die Wirkungen des Stickoxyduls vorüber waren, zeigte der Patient 
erschwertes Athmen und fing an, krampfhaft zu husten. Verfasser 
bog den Kopf des Patienten über die Armlehne des Operations- 


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Journalschau. 


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Stuhles und hielt ihn nieder. Während nun Patient hustete, gab 
Verfasser ihm einen heftigen Schlag gegen den Rücken. In Folge 
dessen wurde die Plombe, welche man vermisst hatte, ausgeworfen. 
Verfasser legt seitdem, wenn er Zähne mit grossen Plomben in 
der Narkose zu extrahiren hat, zuvor ein Stückchen Muslin über 
den Zahn, um so das Ausfallen der Plombe zu verhüten. 


No. 272. — Februar 1879. 


Die neuesten Untersuchungen des ComitA’s für Anaesthetica 

in Glasgow. 

Mitgetheilt von J. Crooks Morison, Esqre 

Bei Versuchen an Kaninchen verursachte das Chloroform 
Verlangsamung der Herzaction und brachte das Herz in 1 Minute 
zum Stillstand (das 'Herz war zur Beobachtung durch Incision der 
Brustwand blossgelegt). Aether dagegen konnte eine unbegrenzte 
Zeit hindurch gegeben werden ohne Wirkung auf das Herz. — 
Von anderen zahlreichen Substanzen, welche untersucht wurden, sind 
wahrscheinlich nur das Isobutylchlorid (C 6 H 6 C1) und das Aethyliden- 
chlorid (C a H 4 Cl 2 ) von Werth. An Fröschen, Kaninchen und Hunden 
wurde höchst erfolgreich mit diesen Substanzen experimentirt. 
„Schneller als Aether wirkend und doch in Besitz von dessen Un¬ 
schädlichkeit für das Herz, beinahe so schnell wie das Chloroform 
wirkend und ohne dessen unangenehme Nachwirkungen, scheinen sie 
höchst werthvolle Anaesthetica werden zu sollen.“ Aethylidenchlorid 
wurde 40 Minuten lang gegeben, ohne dass die Herzaction oder die 
Respiration gestört war. Auch Menschen ist das Aethylidenchlorid 
mit aufmunternden Resultaten gegeben worden. Es besitzt die guten 
Eigenschaften des Chloroforms und des Aethers vereint, ohne die 
Gefährlichkeit des ersteren und die unangenehmen Wirkungen des 
letzteren. Der Sphygmograph zeigte beim Menschen unter dem 
Einflüsse des Aethylidenchlorids keine Verminderung des Blut¬ 
druckes an, und auch das Herz schien in keiner Weise beeinflusst. 
In der That wurden alle guten Resultate, welche bei den Experi¬ 
menten an niederen Thieren gefunden worden waren, durch die 
Beobachtungen am Menschen bestätigt. 


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Jouroalsch&u. 


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Ein Fall von Facialparalyse, von einem cariösen Zahne 

herriihrend. 

Von Wm. Lloyd Poundall, Esq*« L. D. S, 

Bei einem 16 Jahre alten Kaufmann war eine Facialparalyse 
14 Tage lang ohne Erfolg medicinisch behandelt worden. Darauf 
wurde der sehr zerstörte und empfindliche Mol. I inf. dext. 
extrahirt. Am nächsten Tage war wesentliche Besserung der 
Paralyse eingetreten. Innerhalb der folgenden vierzehn Tage 
wurden noch drei andere cariöse Zähne conservativ behandelt, 
während der Patient gleichzeitig nach der Verordnung seines 
Arztes Ta. Ferri perchlor, cum Glycer. innerlich nahm. Nach 
dieser Zeit war die Paralyse soweit verschwunden, dass Patient 
nur das rechte Auge noch nicht vollständig schliessen konnte. 

No. 274. — April 1879. 

Ein Fall von unvollkommener Dentition. 

Von John Fripp, Esq™ 

Ein junger Mann von 20 Jahren hatte in den Oberkiefern 
zwei konisch geformte Zähne an Stelle der centralen Incisoren 
und einen sehr kleinen missgestalteten Zahn etwa an der Stelle 
des zweiten Praemol. dexter. Im Unterkiefer standen gar keine 
Vorderzähne, sondern nur zwei schmale Zähne auf jeder Seite 
an Stelle der Praemolaren. Dies waren sämmtliche permanente 
Zähne, die der Patient je hatte. Von den Milchzähnen steht 
noch ein Molar unten links. Durch die Anamnese konnte keine 
Erklärung dieses defecten Gebisses gegeben werden, indem Patient 
ausser dem Scharlach, das er um das siebente Jahr überstanden 
hatte, sich keiner Krankheit erinnern konnte, die er je gehabt hätte. 


Yirchow’s Archiv für pathologische Anatomie u.s. w. 

Band 74, Heft 1. 

Neue Beobachtungen auf dem Gebiete der Mykosen des 

Menschen. 

Von Dr. James Israel, stellvertretender dirig. Arzt am jüdischen 
Krankenhause zu Berlin. 

Verfasser beobachtete einen Fall von chronischer Pyämie, 
in welchem er in dem Eiter der verschiedenen Abscesse einen 


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Journalschau. 


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neuen Pilz entdeckte. Der Eiter war höchst übelriechend, schleimig 
zähe, grün und wie besät mit gelblichen Körnchen von Hirsekorn¬ 
grösse und darüber, welche sich mit der Nadelspitze leicht heraus¬ 
heben liessen. Die Körnchen liessen bei Loupenvergrösserung 
einen centralen bräunlich-gelben Kern erkennen, welcher umgeben 
war von einer schmalen dunkelen Zone, die mittels stärkerer Ver- 
grösserung als aus stark verfetteten Eiterkörperchen bestehend 
erkannt wurde. Zwischen den Eiterkörperchen fanden sich feinste 
Fäden. Zerrieb man die Körnchen, so waren im dunkelen Kerne 
bei stärkerer Vergrösserung morphologisch dreierlei Bestandtheile 
zu erkennen. 1) Lange, blasse ungegliederte Mycelfäden, meist 
wellig, oft korkzieherartig gewunden, bisweilen dichotomisch ge- 
theilt. Die Aeste theilten sich wieder und verliefen ebenfalls 
korkzieherartig oder wellig. Die Pilzfäden setzten sich in die 
dunkle Randzone fort und bildeten Maschen, in denen die ver¬ 
fetteten Eiterkörperchen lagen. 2) Feinste Körnchen, kleinere 
von der Grösse des Mikrococcus und grössere, ihrer Grösse 
nach entsprechend dem Billroth’schen Meso- und Megacoccus. 
3) Körper von .birnenförmiger oder keulenförmiger Gestalt und 
intensivem Glanze. Bisweilen scheinen diese Körper in zwei 
oder mehrere Stücke wie zerfallen oder getheilt. An ihrem 
spitzen Ende verlängern sie sich nicht selten in einen feinen 
Faden. Der bimförmige Körper scheint in Wirklichkeit nur eine 
Anschwellung der Pilzfäden zu sein, die beim Zerreiben meist 
abreissen. Manchmal sind die Anschwellungen nicht so dick, 
aber so glänzend wie die Körper. Manche solcher Körper sind 
nicht so glänzend; an diesen kann man Inhalt und Membran 
unterscheiden. Aus Allem geht hervor, dass die glänzenden, birnen¬ 
förmigen Körper als Conidien aufzufassen sind, d. h. als end¬ 
ständig von Fäden producirte Zellen. Alle Bestandtheile eines 
Pilzkernes, Fäden, Körnchen und glänzende Körper färben sich 
durch Jodlösung braungelb, durch Fuchsin roth, durch Metbyl- 
violet blau. — Die Untersuchung des Blutes auf Pilzelemente in 
dem erwähnten Pyaemiefalle fiel negativ aus. Im unteren linken 
Lungenlappen fanden sich bei der Nekroskopie zwei grössere und 
viele kleinere Höhlen, welche dieselben Pilzelemente enthielten, 
wie die Abscesse. Von einer Höhle aus war der Durchbruch 
durch die Brustwand unter die Haut erfolgt. Diese Höhlen waren 


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Joumalschau. 


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der Aasgangspnnkt der pyämischen Erkrankung. Die Pilze in 
denselben leitet Verfasser aus Ulcerationen der Bronchien her, 
welche sich vorfanden. Vielleicht waren die Höhlen selbst ulce- 
rirte Bronchiektasien, entstanden durch Schrumpfung des unteren 
Lungenlappens in Folge von interstitieller Pneumonie und pleuri- 
tischen Verwachsungen nach einem Falle auf die Bettkante. 

Woher die Pilzkeime in die Bronchien gelangt sind, ob durch 
Einathmung aus der Atmosphäre oder durch Aspiration aus der 
Mund- und Rachenhöhle, der Bruststätte so vieler Parasiten, musste 
unentschieden bleiben. Aber einige andere Fälle, die Verfasser 
beobachtete, scheinen dafür zu sprechen, dass in der That aus 
cariösen Zähnen die Pilzkeime stammen mögen. 

Der 36jährige Hermann Ebenstein hatte wiederholt Al veolar- 
abscesse gehabt und bekam zuletzt einen Halsabscess. Bei der 
Incision des letzteren entleerte sich eine sero-purulente Flüssigkeit 
von schwach alkalischer Reaction, in welcher eine ungemein grosse 
Zahl theils weisslicher, theils gelb-bräunlicher Körper suspendirt 
war, von submiliarer bis Stecknadelkopfgrösse. Die Körner waren 
talgartig und adhärirten leicht an der Wand des Eiterbeckens. 
Makroskopisch und mikroskopisch verhielten sie sich genau 
so, wie die Körner im pyämischen Eiter des vorher¬ 
erwähnten Falles. Nur war in einem Präparate eine Gruppe 
von keulenförmigen Körpern und feinen Körnchen deutlich grün¬ 
gelb gefärbt, ein Vorkommen, das Verfasser beim ersten Falle nicht 
beobachtet hatte. 

Hatte nun auch Verfasser im zweiten Falle unterlassen, die 
cariösen Zähne, welche die Entstehung des Abscesses veranlasst 
hatten, zu untersuchen, so gab ihm der folgende Fall Gelegenheit, 
festzustellen, dass in den Zahnwurzeln dieselben Pilze vegetiren, 
wie in den Abscessen, die sich von jenen ableiten. 

Ein 3jähriges Mädchen, Alexandrine Meyer, hatte einen 
kleinen subperiostalen Abscess am Unterkieferrande, entsprechend 
dem dritten rechtsseitigen cariösen Backzahne. Durch Incision 
wird ein krümeliger, nicht riechender Eiter entleert, in welchem 
viele Körner suspendirt sind, von Mohnkorngrösse herab bis zu 
eben mit blossem Auge erkennbaren Exemplaren. Die grossen 
sind undurchsichtiger als die kleinen. Letztere bestehen aus einer 
variablen Zahl dicht nebeneinander liegender, sehr durchsichtiger, 


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kugeliger Bläschen mit körnigem Inhalte. Grössere Körnchen be¬ 
stehen aus mehreren Säckchen oder Schläuchen. Die grössten 
Körnchen aus demselben Abscess bestehen mikroskopisch aus einem 
Stroma, aus welchem feine Fäden hervorwachsen, die an ihrem 
Ursprünge häufig noch aus längsgereihten allerfeinsten Körnchen 
zusammengesetzt sind, an ihrem peripheren Ende aber birnenförmig 
oder kugelig anschwellen und glänzend werden. Das langgestreckte 
birnenförmige Ende zerfällt in 2 —10 Segmente. Im Wurz el¬ 
kanale des extrahirten Zahnes gelang es Verfasser, 
dieselben Elemente nachzuweisen, die er im Abscesse 
fand. Ueber die botanische Stellung der Säckchen weiss Ver¬ 
fasser nichts anzugeben, ausser dass einmal ähnliche, vielleicht 
dieselben Gebilde von Leber (v. Gräfe’s Archiv XV, 1. Abth., 
S. 328) in einer aus Leptothrix bestehenden Concretion des 
unteren Thränenkanälchens beobachtet worden sind. Verfasser 
hält es für möglich, dass die geschilderten Gebilde in den Ent¬ 
wickelungskreis des Leptothrix der Zahncaries fallen. — Ganz 
dieselben Säckchen und gekammerten Schläuche hat Verfasser bei 
einem anderen Patienten in einem häufig recidivirenden Abscesse 
gefunden, welcher von einem cariösen Zahne des Oberkiefers her¬ 
rührte. Weitaus aber in den meisten Zahnabscessen, die er im 
Laufe des letzten Jahres untersuchte, hat er dieselben Pilzelemente 
gefunden, wie sie in cariösen Zähnen gewöhnlich Vorkommen: 
Leptothrix buccalis, Mikrococcen, Bacterien und Conglomerate, die 
aus Stäbchen und Körnchen zusammengesetzt waren. Ein grosser 
Theil dieser Pilzanhäufungen ist schon mit unbewaffnetem Auge 
in Gestalt von feinsten Klümpchen bis zu solchen von Hirsekorn¬ 
grösse und darüber zu erkennen, die bald trüb weisslich, bald 
bräunlich (am intensivsten bei Leptothrix) aussehen. 

Endlich fand Verfasser in einem Oberkieferzahnabscesse neben 
miliaren Pilzhaufen ein hirsekorngrosses Conglomerat, welches 
zusammengesetzt war aus feinen Fäden, in deren Maschen ein 
feinkörniges Mikrococcenstroma lag. Diese Fäden waren 
identisch mit den in den vorerwähnten Fällen von 
Pyämie und Abscess am Halse gefundenen. Dass die 
glänzenden, birnenförmigen Körper fehlten, spricht nicht gegen die 
Identität, denn derselbe Mangel fand sich auch in einer Anzahl 
von Pilzkörnern der beiden genannten Fälle. 

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Aus diesen Untersuchungen glaubt Verfasser schliessen zu 
dürfen, dass die cariösen Zähne bisweilen die Brutstätten für Pilz- 
formen sind, auf deren perniciöse Propagation im gesammten 
Körper bei dem Pyämiefalle hingewiesen wurde. 

An diesen Auszug anschliessend, möchte Referent noch eine 
Untersuchung von Dr. Haussmann mittheilen. J ) Verf. entnahm 
- mittels der Pravaz’sehen Spritze aus einem Zahnabscesse von sich 
selbst einen Tropfen Eiter. Derselbe war von saurer Reaction. 
Das Mikroskop liess darin erkennen: unbewegliche Bacterienfäden 
von der Länge eines farbigen Blutkörperchens bis zur doppelten 
Länge desselben, Gliacoccus und Mikrococcen. Verfasser glaubt, 
dass die Parasiten durch eine früher offene, zuletzt geschlossene, 
Fistelöflfnung in den Abscess gelangt seien. 

Referent ist der Meinung, dass der gewöhnliche Weg für die 
Parasiten in Zahnabscessen durch die betreffenden Zähne führt. 
Ist doch der septische Inhalt der Wurzelkanäle, insofern er nach 
dem Absterben der Pulpa durch das Foramen alveolare der Wurzel 
an das alveolo-dentale Periost gelangen kann, die Ursache fast 
aller Zahnabscesse. 

Ref. Jul. Parreidt. 


Archiv für mikroskopische Anatomie. 

Band 15, Heft 3. Bonn 1878. 

Die Architectnr unvollkommen getheilter Zahnwurzeln. 

Von Prof. Dr. Chr. Aeby in Bern. 

Die unvollkommene Theilung umfasst drei hauptsächliche 
Entwickelungsstufen. Die niedrigste betrifft nur die Pulpahöhle; 
diese zerfällt in mehrere, von einheitlicher Dentinmasse umschlossene 
Unterabtheilungen oder Kanäle. Eine höhere Stufe zerlegt auch 
das Zahnbein in eine derjenigen der Hohlräume entsprechende 
Anzahl von selbständigen, nur äusserlich von einem gemeinsamen 


1) Aus der Berliner klin. Wochenschrift 1878, S. 191. Ueber 
das Vorkommen von Coccobacteria septica in einem Zahnabscesse. Von 
Dr. Haussmann in Berlin. 


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Cementmantel einheitlich zusammengehaltenen Inseln. Endlich 
reisst au c h dieser entzwei; jeder Dentinkern enthält seine be¬ 
sondere Cementrinde. Eine ganz ungewöhnliche Form der Theilung 
beobachtete Verfasser einmal an einem ersten oberen Backzahne 
des Menschen. Die Wurzel war äusserlich nur mässig abgeflacht. 
Sie enthielt indess zwei gesonderte Kanäle und zwischen diesen 
eine centrale, von einem nahe der Spitze nach aussen offenen 
Längskanale durchzogene Cementsäule. Diese reichte bis über die 
Mitte des Zahnkörpers. — Die Anordnung der Dentinkanälchen 
in unvollkommen getheilten Zahnwurzeln ist strahlenförmig von 
der Pulpa aus. Aber die Strahlen sind nur nach den Polenden 
eines Querschnittes der Wurzel hin geradlinig. Diejenigen 
Strahlen dagegen, welche von der Pulpa aus anfangs in der 
Richtung auf das andere System verlaufen, biegen ziemlich recht¬ 
winkelig um, so dass sie zuletzt ziemlich parallel nach den ein¬ 
gebogenen Seiten der Peripherie der Wurzel hin ihren Weg 
nehmen. So zerfällt der Zahn in eine äussere einheitliche Rinden¬ 
schicht mit gleichmässig radiärer Anordnung der Kanälchen und 
in einen inneren Kern von der Gestalt eines Doppelkegels. Das 
Centrum des Kernes birgt nicht selten einen kleinen, unregelmässig 
begrenzten Rest der Pulpa, an welchem die Dentinkanälchen aber 
einfach vorbeilaufen. — Zur Erklärung des Theilungsprocesses 
der Zahnwurzeln überhaupt stellt Verfasser die Thatsache in den 
Vordergrund, dass die Theilung des Zahnbeins auf einer Umord¬ 
nung der erzeugenden Elemente, der Odontoblasten beruht. Diese 
Umordnung soll durch Intervention der Gefässe zu Stande kommen. 
Diese sollen die einfache Reihe der Odontoblasten entzweireissen, 
indem sie jeweilen die ihr zunächst liegenden an sich heranziehen. 
Räthselhaft bleibt dann nur, dass sich überhaupt eine mehr- 
gefässige Pulpa und ein dementsprechender Zahn bilden kann. 

Jul. Parreidt. 


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Vereine. 


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Vereine. 


Zahnärztlicher Verein zu Frankfurt am Main. 

Hauptversammlung: Mittwoch den 14. Januar 1880, 
Abends 7 Uhr. 

Nach Begrüssung der Mitglieder durch den derz. Obmann, 
Herrn Dr. Zeitmann, wird zunächst der Sitzungsbericht vom 
3. December 1879 verlesen und genehmigt. 

Zunächst erhält der derz. Schriftführer, Herr Dr. Peter¬ 
mann, das Wort: 

„Hochverehrteste Herren Collegen! Bei dem Eintritt 
in den 18. Jahrgang unseres Zahnärztlichen Vereins betrachte ich 
es als eine Pflicht, an der Hand der Sitzungsberichte eine Ueber- 
sicht über unsere Vereinsthätigkeit während des verflossenen 
Jahres 1879 zu geben. In möglichster Kürze will ich an unserem 
Gedächtnisse die Verhandlungen unserer Sitzungen vorüberziehen 
lassen. 

Während des 17. Jahrganges hielten wir zwei Hauptver¬ 
sammlungen, eine ausserordentliche Festsitzung und neun ordent¬ 
liche Sitzungen; zusammen zwölf Zusammenkünfte. 

Die erste Hauptsitzung am 8. Januar galt haupt¬ 
sächlich der Neuwahl des Vorstandes und der Revision der Kasse 
und der Bücher. Ausserdem wurde die Abänderung der Satzungen 
im Princip beschlossen und zu diesem Zwecke bestimmt, dass die 
nächste Monatssitzung eine Hauptsitzung sein solle. 

In der zweiten Hauptsitzung am 5. Februar wurde 
von der zu diesem Zwecke ernannten Commission, bestehend aus 
den Herren Dr. Zeitmann und Dr. Petermann, ein aus¬ 
gearbeiteter Entwurf zu neuen Vereinssatzungen vorgelegt. Dieser 
Entwurf wurde nach einigen unwesentlichen Abänderungen ein¬ 
stimmig genehmigt Als Hauptunterschiede zwischen den ehemaligen 
und jetzigen Vereinssatzungen will ich hervorheben die Abänderung 
unseres seitherigen Vereinsnamens „Verein Deutscher Zahnärzte in 
Frankfurt am Main“ in den jetzigen Namen „Zahnärztlicher 
Verein zu Frankfurt am Main“, und dass nach Satz 5 


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Vereine. 


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unserer neuen Satzungen auch dem im Auslande geprüften Zahn¬ 
arzte der Eintritt in unseren Verein offen steht Unser Verein 
ist somit der erste in unserem Vaterlande, der allen ehrenhaften 
Collegen, einerlei welcher Nation sie sind, seine Pforten geöffnet 
hat. Die übrigen Abänderungen waren meist nur redactioneller 
Art. — In dieser Hauptsitzung wurde auch beschlossen, als 
Wappen den Frankfurter Adler mit der Vereinsumschrift zu führen. 

Nach Erledigung dieser rein geschäftlichen inneren An¬ 
gelegenheiten ging der Verein zur Discussion des von Collegen 
Herrn C. Sauer in Berlin im Aufträge .des Centralvereins deut¬ 
scher Zahnärzte erlassenen Bundschreibens „zum Zwecke der Er¬ 
mittelung der Zahl der im Deutschen Reiche selbständig prak- 
ticirenden Zahntechniker und wegen Führung von Beschwerden 
bei den gesetzgebenden Factoren“ über. Der Verein betraute 
seinen Schriftführer mit der Beantwortung, wodurch wir uns 
erneut den Zwecken des Centralvereins anschlossen. 

Hierauf giebt Herr Dr. Zeitmann über die Anfertigung 
eines Unterkieferersatzstückes eine längere Darlegung. 

In der ordentlichen Sitzung am 5. März gab der 
Obmann, Herr Dr. Zeitmann, zunächst noch einige Ergänzungen 
zu seinem in letzter Sitzung gehaltenen Vortrage und stellte aus¬ 
führlicheren Bericht, sowie Vorführung des Patienten in Aussicht. 

In dieser Sitzung wurde auch beschlossen, am 12. April eine 
Festsitzung zu halten und hierzu reichliche Einladungen ergehen 
zu lassen. Hieran schloss sich eine Besprechung über Regulirung 
schiefstehender Zähne an. Herr Dr. Zeitmann zeigte eine 
grosse Anzahl Modelle mit schiefstehenden Zähnen vor, gab eine 
Beschreibung der angewandten' Hilfsmittel zur Regulirung und 
brachte schliesslich die Modelle mit den erzielten Erfolgen zur 
Vorlage. 

Die ordentliche Sitzung am 2. April galt den Vor¬ 
bereitungen zur Festsitzung, wozu 143 Einladungen ergingen. 

Die Festsitzung am 12. April brauche ich hier nicht 
in den Details zu erwähnen. Das schön verlaufene Fest lebt 
noch allzu frisch in unserer Erinnerung. Auch hat ja das October- 
heffc 1879 der Deutschen Vierteljahrsschrift einen ausführlichen 
Festbericht gebracht. 


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Die ordentliche Sitzung am 5. Mai galt zunächst 
kleineren geschäftlichen Mittheilungen, die von der Festsitzung 
her ihrer Erledigung harrten. Es erfolgte die nachgesuchte Auf¬ 
nahme des Herrn Dr. Hermann Nicolai in Stuttgart zum 
ordentlichen Mitgliede unseres Vereins Dann wurde der Be¬ 
schluss gefasst, einen Bericht über die Festsitzung in der Deutschen 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde zu veröffentlichen. Zum 
Schlüsse gab der Obmann Herr Dr. Zeitmann noch eine aus¬ 
führliche Besprechung über Winderling’s Einspritzer, lobte 
sein Verfahren und die schön arbeitende Maschine. 

Die ordentliche Sitzung am 4. Juni war von kurzer 
Dauer. Zunächst wurde Herr Ludwig Linderer in Elberfeld 
anlässlich seines 50jährigen Jubiläums als approb. Zahnarzt zum 
correspondirenden Mitgliede des Vereins ernannt. Den Rest der 
Sitzung füllten rein geschäftliche Mittheilungen, kleinere Ab¬ 
rechnungen u. s. w. aus. 

In der ordentlichen Sitzung am 2. Juli zeigte Herr 
Dr. Degener der Versammlung Miller’s neuen und äusserst 
praktischen Feilträger vor. Herr Le Bailly gab einige Auf¬ 
klärungen über Schröder’s Patent für Federgebisse, wonach sich 
herausstellte, dass dieselben einfach Klammergebisse sind. Es 
wurde beschlossen, die Sitzung im August ausfallen zu lassen, da 
mehrere Vereinsmitglieder auf Erholungsreisen gehen. 

In der ordentlichen Sitzung am 3. September erstattete 
der Herr Obmann dem Vereine Bericht über das Ableben und die 
Beerdigung unseres Ehrenmitgliedes Christian Wehner. Ein 
ausführlicher Nekrolog über Wehner, aus der Feder unseres 
Obmanns, ist in der vorjährigen Deutschen Vierteljahrsschrift für 
Zahnheilkunde zum Drucke gebracht. Unser Verein betheiligte 
sich am Begräbnisse, spendete einen Doppel-Palmenzweig, und der 
derz. Obmann, Herr Dr. Zeitmann, sprach am offenen Grabe 
einige herzliche Worte ehrenden Andenkens an den Dahin¬ 
geschiedenen. 

Auch gedachte der Herr Obmann des am 13. August v. J. 
verstorbenen Herrn Hofrath Dr. Hermann Rottenstein dahier. 
Obgleich derselbe unserem Vereine nicht angehört habe, so haben 
wir in ihm doch einen höchst achtbaren und ehrenhaften Collegen 


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verloren. Zum ehrenden Gedächtnisse der beiden Verstorbenen 
erhob sich die Versammlung von ihren Sitzen. 

Hierauf erfolgte die nachgesuchte Aufnahme des Collegen 
Herrn G. Paulson dahier zum ordentlichen Mitgliede unseres 
Vereins. Hieran schloss sich ein Bericht des Herrn Dr. Degen er 
über die Jahresversammlungen des Centralvereins deutscher Zahn¬ 
ärzte und des Vereins Schleswig-Holsteinischer Zahnärzte. 

Zum Schlüsse folgte eine Besprechung über die verschiedensten 
Zahnkitte. Die Versammlung machte Versuche mit Poulson’s 
und Worff’s Zinkphosphaten, die gleich gut erhärteten, nur 
muss die Flüssigkeit stets so gut wie möglich aufgelöst und mit 
Pulver recht dick vermischt sein. Herr College Dr. Nicolai in 
Stuttgart hatte ein Glasplättchen mit Präparaten aller bekannten 
Kitte eingesandt. Alle zeigten eine ungemeine Härte, insbesondere 
die Präparate von Nicolai und die von Poulson. 

In der ordentlichen Sitzung am 1. October zeigte 
Herr Le Bailly einige Gebissstücke in Celluloid vor, die schon 
bis zu drei Monaten im Munde (theilweise auf Wurzeln), ohne 
Veränderung in Substanz und Farbe, getragen worden. Das ver¬ 
wandte Celluloid war aus der Mannheimer Fabrik bezogen und 
war mittelst Apparates mit trockener Hitze, bearbeitet worden. 

Hieran schloss sich ein Vortrag des Herrn Dr. Degen er 
über die verschiedensten Arten, Mundabdrücke zu nehmen. Herr 
Dr. Degen er hält Gyps für alle Fälle verwendbar, auch da, wo 
alle oder viele Zähne im Munde' vorhanden. Der Herr Demon¬ 
strator gab den besten Beweis seiner Behauptung dadurch, indem 
er den Oberkiefer eines der Anwesenden in Gyps abnahm. Bei 
Verwendung des Gypses als Abdruckmasse im Munde präparirt 
Herr Dr. Degener den Gyps mit warmem Wasser und etwas 
Salz, bestreicht die Gaumenhöhe selbst erst mit Gypsbrei, um 
Blasen zu vermeiden, und drückt dann den bereits vorher¬ 
genommenen und an der Stelle der Zahneindrücke ausgeschnittenen 
Stentsabdruck vorsichtig ein. Redner lässt den Gyps nie so lange 
im Munde, bis derselbe ganz hart geworden; ihm dient als sicherstes 
Zeichen, den Abdruck aus dem Munde zu nehmen, die erste 
Bruchstelle bei dem im Topfe zurückgebliebenen Gypsbrei. Zer¬ 
bricht beim Herausnehmen des Abdruckes aus dem Munde der 
Gyps in Stücke, so ist es leicht, eine richtige Zusammenfügung 


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der Gypsstücke zu bewerkstelligen. Da, wo die Zähne so diver- 
girend stehen, dass der Gyps sieb fangen, und der Abdruck bei 
Herausnahme aus dem Munde sicherlich stark brechen würde, 
empfiehlt der Redner, diese Stellen vorher mit weicher Stents¬ 
masse zu bedecken, die dann in dem Munde stecken bleiben und 
später an die richtige Stelle im Abdruck gebracht werden können. 

In der ordentlichen Sitzung am 5. November giebt 
der Herr Obmann ein Circular der mechanischen Werkstätte von 
H. Lieh in Rendsburg bekannt, die einen patentirten elektrischen 
Wecker für Zahnärzte empfiehlt, um beim Vulkanisiren ein Ver¬ 
gessen der Dauer unmöglich zu machen. — Es folgte eine Be¬ 
sprechung über Wolrab’s Goldfolie. Herr Dr. Degener referirt, 
dass dieselbe in drei Nummern vorhanden, die ungefähr den 
Nummern 6, 8 und 16 der bekannten Folien entsprechen. Wo lr ab’s 
Goldfolie ist rein und stopft sich gut, ist überhaupt lobenswerth 
und dabei billiger als die englischen und amerikanischen Fabrikate. 
Herr Dr. Petermann schloss sich dem Lobe des Vorredners 
an. Nächstdem zeigte Herr Paulson einige Zahnabnormitäten 
vor mit verwachsenen, gekrümmten und absorbirten Zahnwurzeln. 

In der ordentlichen Sitzung am 3. December wurde 
zunächst beschlossen, die Abonnements auf die Fachschriften zu 
erneuern. Der Herr Obmann erwähnte das neu erschienene Werk 
„Arzneimittellehre für Zahnärzte von Dr. Oscar Thamhayn in 
Halle a/S.“, worüber in einer späteren Sitzung eine Besprechung 
stattfinden soll. Dann folgte eine Discussion über Unregelmässig¬ 
keiten der Zahnglasur. Die Versammlung geht zuerst durch, was 
Carabelli in seinem Buche „Anatomie des Mundes“ darüber 
sagt. Nach allgemeiner Discussion verspricht Referent, Herr 
Le Bail ly, detail. Mittheilungen folgen zu lassen, sobald er 
seine Erfahrungen geordnet und zusammengestellt habe. 

Damit schliesst mein Bericht über unsere Thätigkeit während 
des Jahres 1879, die demnach keine geringe war. 

Unsere Bücherei hat sich ausser um die Fachschriften für 
1879, Deutsche Vierteljahrsschrift, Correspondenzblatt und Zahn¬ 
ärztlicher Bote, noch durch nachfolgende Gaben vermehrt: 

Zahnärztlicher Almanach 1879. Gesch. d. Herrn 
Herausgebers. 


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Blumm, Dr. med. V. Stickstoffoxydul als Anaestheticum. 
Gesch. d. Herrn Verfassers. 

Blumm, Dr. med. V. Ueber die Pflege der Zähne, ihre 
Erhaltung und ihren Ersatz. Gesch. d. Herrn Verfassers. 

Preussischer Medicinal-Kalender, H. Theil. Jahr¬ 
gänge 1875, 1876 und 1877. Gesch. d. Herrn Dr. C. Degener. 
Die Mitgliederliste unseres Vereins stellt sich wie folgt: 

a) Ehren-Mitglieder. 

Herr Adam Christ in Frankfurt a. M. 

„ Dr. Anton Joseph Frey in Frankfurt a. M. 


b) Correspondirende Mitglieder. 

Herr S. C. Bensow in Stockholm. 

„ Georg Bock in Nürnberg. 

„ Dr. Julius Bopp in Stuttgart. 

„ Ludwig Linderer in Elbeffeld. 

„ Mathias Meyer in Baden-Baden. 

„ Dr. Julius Mogk in Offenbach a. M. 

„ Ludwig Schmidt in Hannover. 

„ J. J. N. Schrott in Mülhausen im Eisass. 

„ Geh. Rath Dr. W. Süersen in Berlin. 

c) Ordentliche Mitglieder. 

Herr G. Le Bailly in Frankfurt a. M. 

„ Dr. C. Degener in Frankfurt a. M. 

„ Fr. Gravelius in Frankfurt a. M. 

„ Dr. Hermann Nicolai in Stuttgart. 

„ Gerhard Paulson in Frankfurt a. M. 

„ Dr. Adolf Petermann in Frankfurt a. M. 

„ Dr. R. Zeitmann in Frankfurt a. M. 

Zusammen 2 Ehrenmitglieder, 9 correspondirende Mitglieder 
und 7 ordentliche Mitglieder. Totalziffer 18 Mitglieder. 

Es folgt zunächst durch die dazu erwählten Herren Dr. De¬ 
gener und Gravelius die Revision der Bücher und Kasse des 
derz. Rechners Herrn Le Bailly. Alles wird in Ordnung be¬ 
funden. Die Einnahmen* betrugen 221 JL 94 die Ausgaben 


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180 M. 44 <$., so dass ein Ucberschuss von 41 M. 50 der 
Kasse verbleibt. 

Der seitherige Vorstand wurde hierauf für das Jahr 1880 
wieder gewählt, bestehend ans den Herren: 

Dr. R. Zeitmann, Obmann. 

Dr. Adolf Petermann, Schriftführer. 

G. Le Bailly, Rechner. 

Dr. R. Zeitmann, Bücherwart. 

Schluss der Sitzung 10 Uhr. 


Achtzehnter Jahresbericht des Vereines öster¬ 
reichischer Zahnärzte 

1Ö78—1879. 

Freitag den 14. November 1879 hielt der Verein öster¬ 
reichischer Zahnärzte die statutenmässige Jahresversammlung ab. 

Anwesend waren die Herren: Dr. Bardach, Dr. Bernhart, 
R. F. Günther, Dr. F. J. Herrmann, Dr. Hofer, Dr. Jarisch 
senior, Dr. Carl Jarisch, Dr. Martin, Dr. Pichler, Dr. Stein¬ 
berger. 

Der Vorsitzende Dr. Steinberger eröffnet die Sitzung mit 
folgender Ansprache: 

Hochgeehrte Collegen! 

Werfen wir einen kritischen Blick auf den Verlauf der ver¬ 
gangenen achtzehn Jahre seit dem Bestehen des Vereins, und 
Keinem von uns wird die Beobachtung entgehen, dass auch in 
der Zahnheilkunde das allgemeine kosmische Gesetz der steten 
Bewegung und Veränderung waltet. 

Zu dieser Reflexion führte mich die heftige Discussion in 
den amerikanischen Fachblättern und Vereinen unter den Ver¬ 
tretern der ausschliesslichen adhäsiven Goldfüllung und denen, 
welche den neuen plastischen Füllungen das Wort reden. 


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Wie bekannt, wurde von vielen Zahnärzten der Grundsatz 
aufgestellt, dass jeder Zahn, der werth ist, gefüllt zu werden, auch 
einer Goldfüllung werth ist 

Dass dieser Ausspruch bei den jüngeren strebsamen Collegen 
Anklang fand, ist einleuchtend, weil ihnen damit die Möglichkeit 
geboten wurde, die höhere persönliche Kunstfertigkeit, welche eine 
solche Goldfüllung sehr oft erfordert, besser zu verwerthen. Es 
wurde auch seit Jahren in den zahnärztlichen Schulen Amerikas 
fast ausschliesslich nur die Goldfüllung, und zwar mit adhäsivem 
Gold geübt. Die strenge Durchführung des aufgestellten Principes 
erfordert ausserordentliche Geschicklichkeit des Zahnarztes, welche 
nur durch anstrengenden Fleiss, Ausdauer und Geduld zu erreichen 
ist. Sie hat den Vortheil, dass die grosse Kunstfertigkeit, sowie 
die Verwendung des werth vollen Materials nicht nur das Ansehen 
des operirenden Arztes hebt, sondern auch das des ganzen Standes, 
indem dadurch dem Unbefugten und dem Charlatan die Aussicht 
auf erfolgreiche Praxis erschwert wird. So wie jedes Licht seinen 
Schatten wirft, so hat auch diese Operationsmethode ihre dunklen 
Seiten. Wenn ich selbst die adhäsive Goldfüllung für das absolut 
sicherste Mittel, einen cariösen Zahn zu erhalten, ansehe, was bei 
grösseren Füllungen doch bisweilen zweifelhaft erscheint, so möchte 
ich nur auf die Opfer aufmerksam machen, welche von Seiten des 
Operateurs und des Patienten gebracht werden müssen, um eine 
grössere, d. h. schwierigere Füllung, mit Aussicht auf Erfolg zu, 
Stande zu bringen. Selbst wenn der Arzt so glücklich ist, unter 
seinem Clientei nur geduldsame Individuen zu besitzen, welche ihn 
auch für die soeben geleistete Arbeit entsprechend hoch bonoriren, 
so fragt es sich, ob nach zehn oder fünfzehn Jahren seine Gesund¬ 
heit bei so anstrengender Arbeit nicht zu leiden beginnt. Niemandem 
von uns sind die Klagen über Ermattung fremd, und mancher 
College zarterer Constitution ist solcher Anstrengung frühzeitig 
erlegen. Berücksichtigt man neben den angeführten Schattenseiten 
der ausschliesslichen adhäsiven Goldfüllung noch das hohe Honorar, 
welches der Zahnarzt fordern muss, wenn er für seine arbeits¬ 
unfähigen Jahre bedacht sein will, so ist erklärlich, dass man seit 
Jahren allseitig bemüht war, ein Füllungsmittel zu finden, welches 
dem Arzte die Arbeit erleichtert und den nicht sehr bemittelten 
Leuten die Möglichkeit schafft, ihre Zähne zu erhalten. Um aber 


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Vereine. 


die Arbeit zu erleichtern und sie billiger zu machen, war man 
immer wieder genöthigt, zu den plastischen Füllungsmitteln zu 
greifen. Mit Uebergehung der vielbesprochenen Amalgame und 
des Chlorzink-Cementes, fragt es sich nur, ob das Phosphat-Cement, 
das wir seit mehreren Jahren in Verwendung haben, eine wirkliche 
Errungenschaft als Füllmittel ist oder nicht. Wir verlangen von 
einem Füllmittel, dass es sich gegen die Zahnsubstanz so wie gegen 
die Pulpa indifferent verhält, chemischen und mechanischen Ein¬ 
flüssen Widerstand leistet, ein schlechter Wärmeleiter ist und wo¬ 
möglich die Farbe des Zahnes besitzt. Das Phosphat-Cement 
(guter Qualität) hat die angeführten Eigenschaften in ziemlich hohem 
Grade; es hat sogar noch eine sehr wichtige Eigenschaft mehr, 
die leider dem Golde fehlt, es adhäsirt an den Wandungen der 
gefüllten Höhle. Soweit unsere Erfahrungen gehen, ist zwar 
in den meisten Fällen eine geringere Löslichkeit an der Ober¬ 
fläche auch beim Phosphat-Cement nach längerer Zeit bemerkbar, 
bei Weitem aber ist sie geringer als bei Chlorzink-Cement. Es ist 
zu erwarten, dass die Fabrikanten durch Studium und Versuche 
uns bald ein gleichartiges, noch zweckentsprechenderes Fabrikat 
liefern werden. 

Ich bin daher überzeugt, dass die Gold- wie Amalgam¬ 
füllungen noch fortbesteh en und die ersteren immer noch den 
ersten Rang einnehmen werden, dass aber auch das Phosphat- 
• Cement in vielen Fällen dem Zahnarzte unentbehrlich sein wird. 
Nicht unberechtigt ist die Befürchtung, welche besonders in Amerika 
ausgesprochen wird, dass wegen der leichteren Application der 
Cementfüllung der unbefugten Charlatanerie leichter Thür und 
Thor in der Praxis eröffnet wird. Es bleibt dann als treuer 
Wächter gegen eine unkundige Hand nur noch die Pulpa mit 
ihren physiologischen Eigenschaften und pathologischen Conse- 
quenzen. 

Als wichtige Erscheinung in der Praxis in diesem Jahre 
möchte ich das Witzel’sche Verfahren anführen. Jetzt, wo wir 
uns durch vielseitige Anwendung desselben von seiner eminent 
praktischen Wirkung überzeugt haben, kann man es getrost 
allgemein empfehlen. Wenn man das Princip der antiseptischen 
Methode nicht ausser Augen verliert, so wird man selbst in solchen 


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Fällen, wo man nicht ganz streng nach seinen detaillirten Angaben 
vorgeht, gute Erfolge erzielen. 

Machen wir einen Rückblick auf die Technik, so haben wir 
kaum den Sieg des vulcanisirten Kautschuks über das Gold erlebt, 
und schon sucht seit Jahren das Celluloid den Kautschuk zu ver¬ 
drängen. Wenn auch die Anwendung des Celluloids seit Jahren 
bekannt ist und vielfach geübt wurde, so kann man das Verfahren 
von Winderling als einen wesentlichen Fortschritt ansehen. 
Insbesondere sind wir dem Collegen Dr. Fischer dankbar, dass 
er seine reiche Erfahrung in der Anfertigung von Celluloid-Piecen 
uns mittheilte und die Licht- sowie die Schattenseiten, welche 
demselben beim Tragen zukommen, nicht vorenthielt. 

Nach den Statuten des Vereines haben wir heute den Vor¬ 
stand und die Functionäre des Vereines neu zu wählen. Bevor 
ich das ehrenvolle Amt des Vorstandes, mit dem sie mich durch 
so viele Jahre betrauten, in würdigere Hände lege, gestatten Sie 
mir, meinen wärmsten Dank allen Collegen, welche mit freund¬ 
schaftlicher Bereitwilligkeit mich in der Führung der Geschäfte 
unterstützten, auszusprechen mit der Bitte, dem Gedeihen und der 
Fortentwickelung des Vereines auch fernerhin Ihre Thätigkeit 
nicht entziehen zu wollen. 

Von Jahr zu Jahr habe ich und mit mir die meisten der 
Collegen mehr die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit der 
Existenz des Vereines gewonnen. Sehen wir von der Verallge¬ 
meinerung des Wissens und Könnens in unserem Fache ab, die im 
Vereine gepflegt wird, so ist insbesondere die Vertretung der 
Standesinteressen nur durch das Vereinsleben möglich. Auch im 
laufenden Jahre suchten wir unsere verbrieften Rechte gegen das 
anmassende Auftreten sogenannter Zahnkünstler durch eine Ein¬ 
gabe an die Regierung zu wahren, deren Erledigung wir dem¬ 
nächst erwarten. 

Mit besonderer Befriedigung können wir auf die wirtschaft¬ 
liche Lage des Vereines sehen, was wir vor Allem unserem vor¬ 
züglichen Säckelwart Dr. Herrmann zu danken haben. 

Auch liegt mir die traurige Pflicht ob, das plötzliche Hin¬ 
scheiden des noch jungen Dr. C. Hei der, des Neffen des ein¬ 
stigen Professors Hei der zu erwähnen. Er hätte, von glücklichen 
äusseren Verhältnissen getragen, einer schönen Zukunft entgegen- 


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Vereine. 


sehen können, wenn nicht Kränklichkeit in seiner Jugend seine 
kräftige Entwickelung geschädigt hätte. Bewahren wir ihm ein 
freundliches Andenken. 

Der Vereins-Secretär Herr Dr. Hofer, dem ich für seine 
aufopfernde Thätigkeit zu besonderem Danke verpflichtet bin, wird 
die Gefälligkeit haben, den Jahresbericht zu erstatten. 

Hierauf erstattet der Vereins-Secretär Dr. Hofer folgenden 
Jahresbericht: 

Hochverehrte Herren! 

Wenn ich meiner Pflicht gehorchend am Schlüsse des acht¬ 
zehnten Vereinsjahres einen Rückblick auf dies abgelaufene Jahr 
werfe, so zeigt er uns, dass der Verein sowohl die Erscheinungen 
auf wissenschaftlichem und praktischem Gebiete der Zahnheilkunde 
stets mit regem Eifer verfolgte, als auch den inneren Vereins- 
Angelegenheiten immer seine stete Aufmerksamkeit schenkte. 

Der Verein hielt sieben Monatsversammlungen und schliesst 
mit der heutigen Hauptversammlung seine achtzehnjährige Thätig¬ 
keit. In möglichst gedrängter Kürze führe ich Ihnen das wichtigste 
aus diesen Monatsversammlungen vor. 

1. Monatsversammlung am 8. Januar 1879. 

Der Vereinspräsident zeigt Witz el’s neu erschienenes Werk: 
„Die antiseptische Behandlung der Pulpa-Krankheiten des Zahnes.“ 
Der Vorsitzende bespricht das Werk im Allgemeinen nach den 
einzelnen Abschnitten und hebt dann besonders Witz el’s Be¬ 
handlungsweise der Pulpa mit Arsen hervor, sowie dessen Be¬ 
handlungsmethoden der Pulpa behufs Füllung des Zahnes. 

Danach unterscheidet Witzei: 

1. Die einfach blossliegende Pulpa. 

2. Die partiell erkrankte Pulpa. 

3. Die total entzündete Pulpa. 

Ad 1. Bei der Füllung des Zahnes mit blossgelegter, nicht 
erkrankter Pulpa macht Witzei vor Allem aufmerksam, dass es 
eine wesentliche Bedingung des Erfolges einer solchen Füllung sei, 
dass die freigelegte Stelle nicht mit Zersetzungs-Producten in Be¬ 
rührung kommt; weiteres, dass man zur Ueberkappung nur solche 
Mittel wähle, dass möglichst der Zustand vor der Blosslegung her- 


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gestellt werde, und endlich, dass die Decke mit dem freiliegenden 
Theile der Pulpa in innigste Berührung gebracht werde. 

Witzei giebt auf die freiliegende Pulpa sofort nach ge¬ 
schehener Freilegung seine Phenollösung, die er eventuell einige 
Zeit liegen lässt. Nach deren Wegnahme betupft er die Pulpa 
mit dem sogenannten Pulpalack, dessen Aether mit dem Duftbläser 
zum Verdunsten gebracht wurde. Auf diese gefirnisste Pulpa legt 
er. vorsichtig eine dünne Schichte von Phenolcement und auf diese 
eine dünne Schichte von schnellhärtendem Chlorzinkcement. Diese 
dünne, vorsichtig hergestellte antiseptische Kappe wird dann am 
besten mit Amalgam gefüllt, nachdem in den meisten Fällen noch 
vorher auf die Kappe ein Stück Guttapercha gegeben wurde. 

Witzel’s Ansicht zur Erreichung eines guten Resultates hei 
Ueberkappung exponirter Pulpen gipfelt in dem Grundsätze, dass 
Zersetzungsproducte und starke Aetzmittel, wie Chlorzinkcement, 
Creosot und concentrirte Lösungen von Phenolsäure, absolut fern¬ 
gehalten werden müssen, und dass eine schwache Desinfection der 
Wunde und die Adjustirung einer Kappe, welche, ohne zu irritiren, 
die Pulpa überdeckt und schützt, genügt, und welche Kappe somit 
ein künstliches Ersatz-Dentin darstellt 

Ad 2. Partiell entzündete Pulpa. Bei dieser legt Witzei 
durch 24—48 Stunden Arsenikpaste ein, decapitirt die Pulpa, bis 
er auf gesunde Theile kommt, was er mittelst eigener löffelartiger 
Instrumente vollführt, und verfährt dann in der unter 1 angege¬ 
benen Weise weiter. 

Ad 3. Total entzündete Pulpa. Bei der Total-Entzündung 
der Pulpa sieht Witzei von der Erhaltung der Pulpa oder eines 
Theiles derselben ganz ab; er zerstört sie ganz, entfernt dieselbe 
soweit es geht, spritzt die Pulpahöhle und die Wurzelkanäle mit 
Phenolalkohol aus, füllt diese letzteren mit Phenolcement und den 
übrigen Theil des Zahnes in der ebenfalls schon beschriebenen Weise. 

Besonderes Interesse bietet das Kapitel über Dentin-Neu¬ 
bildungen. 

Die 2. Sitzung am 5. Februar 

war theils Vereinsangelegenheiten gewidmet, theils wurde die Sitzung 
durch eine Discussion über Amalgame und über Fletcher’s 
neues sogenanntes Translucent-Cement ausgefüllt. 


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Vereine. 


Die Versuche mit letzterem Cement haben leider dargethan, 
dass es nicht haltbar und darum für permanente Füllungen absolut 
unverwendbar ist. 

Dr. Bar dach bespricht „Stickstoffoxydul als Anaestheticum“ 
von Med. Dr. V. Blum. Dr. Bar dach findet, dass die Broschüre 
sich durch zahlreiche und mühsame Experimente, mit vielem 
Fleisse ausgeführt, auszeichnet. Durch die Erfahrungen in der prak¬ 
tischen Anwendung dieses Anaestheticums bei Zahnoperationen ge¬ 
langt der Verfasser zu dem berechtigten Ausspruche, dass Stick- 
oxydülgas für Operationen, die wenig Zeit beanspruchen, wegen der 
kurzen Dauer seiner Wirkung und des Mangels unangenehmer 
Nachwirkungen, sowie wegen seiner relativen Gefahrlosigkeit das 
empfehlenswertheste der jetzt bekannten Anaesthetica sei. 

Im Weiteren hebt Dr. Bardach in dieser Arbeit besonders 
als würdigenswerth hervor die Belehrungen über den Gebrauch der 
Gasformen und der hierzu geeigneten Apparate, sowie die prak¬ 
tischen Winke in der Anwendung bei Operationen. 

3. Monatsversammlung am 5. März. 

Der Vorsitzende, Dr. Steinherger, bringt die von den 
Herren Winderling & Söhne aus Mailand eingelangte Zuschrift, 
betreffend den von ihnen erfundenen Injector für Celluloidpiecen, 
zur Kenntniss des Vereines. 

Sitzung am 2. April. 

Eine Zuschrift des Vereines der Zahnärzte in Budapest vom 
17. März d. J., betreffend dessen Constituirung, wird zur Kenntniss 
genommen. 

Den weiteren Theil der Sitzung nahm die Eingabe an die 
k. k. Statthalterei um Schutz gegen das Ueberhandnehmen der 
Zahntechniker und zahnärztlichen Curpfuscher ein; der von Dr. 
Fischer verfasste Entwurf der Eingabe wird einstimmig genehmigt 
und das Präsidium ermächtigt, dieselbe bei der k. k. Statthalterei 
zu überreichen. 

^ Sitzung am 7. Mai. 

Das Vereinsmitglied Herr Dr. Alexius Marcovits über- 
giebt dem Verein im Namen des gewesenen Mitgliedes Herrn 


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Vereine. 


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Zahnarztes Demeter Marcovits in Temesvar Berichte über 
einige interessante Fälle aus dessen zahnärztlicher Praxis, von 
denen ich das Wichtigste in Kürze hier mittheile. 

Der erste Fall: „Unterkieferbruch in Folge Anwendung 
des Schlüssels bei der Extraction des ersten unteren Mahlzahnes“ 
betrifft einen 35jährigen Mann, früher stets vollkommen gesund. 
Die Anamnese ergab, dass Patient vor mehreren Wochen sich 
einen Zahn extrahiren lassen wollte, und der mit dem Schlüssel 
operirende Arzt stand nach vergeblichen Versuchen von der 
Extraction ab. Ein zweiter herbeigerufener Arzt extrahirte den 
Zahn mit grosser Leichtigkeit. 

Wenige Stunden nach vollbrachter Extraction stellten sich 
die heftigsten Schmerzen mit bedeutend zunehmender Anschwellung 
des Unterkiefers ein. Am achten Tage öffnete sich der Abscess 
nach aussen, und es entleerten sich aus demselben durch mehrere 
kleine Oeffnungen beträchtliche Mengen sehr übelriechenden Eiters. 
Schmerzen und Geschwulst Hessen nach, und die jetzt erst mög- 
Uche genaue Untersuchung ergab, dass der Unterkiefer an der 
Operationsstelle gebrochen und ein Stück desselben nekrotisch ge¬ 
worden sei. Die Eiterung dauerte fort, und ich fand folgenden 
Status praesens: Durch die Eiter entleerenden Hohlgänge am Halse 
führte ich eine dünne Sonde bis zur Bruchstelle des Kiefers in 
der Gegend des zweiten Mahlzahnes; das Gelenkstück war an der 
Bruchstelle sehr rauh und nekrotisch, das Gelenk selbst unbeweg¬ 
lich, aber nicht beschädigt Bis zum Eckzahn war Eiter nach¬ 
weisbar. Die Resection des Kiefers Hess Patient nicht vornehmen, 
und als ich denselben nach zwei Jahren wiedersah, fand ich die 
beiden Bruchenden durch neugebildeten Callus in Form einer 
schmalen Brücke vereinigt. Die Bewegung des Kiefers war sehr 
beschränkt, aber noch brauchbar, um mässig harte Nahrung kauen 
zu können. Sonst befand sich Patient wohl und gesund. 

Ein zweiter Fall betrifft eine Knochenhypertrophie an der 
Zahnwurzel des ersten unteren linken Backenzahnes. 

Die Extraction dieses Zahnes ging unter den heftigsten 
Schmerzen von Seite des Patienten vor sich, und war unmögUch, 
mit der Zange und Schlüssel ihn aus der Alveole zu bringen. 
Herr Marcovits drückte den halb gehobenen Zahn in die Zelle 
zurück, nahm eine chirurgische Spatel, umwickelte dieselbe mit 
xx. 12 


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Vereine. 


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Leinwand und legte das andere Ende auf die Krone des zweiten 
unteren Mahlzahnes. Mit der anderen Hand führte er die Backen¬ 
zahnzange so ein, dass sie über die horizontal gelegte Spatel zu 
stehen kam und die Spatel somit als Hypomochlion für die Zange 
diente. Er fasste den Zahn so tief als möglich, drückte die 
Schenkel der Zange gewaltig nach abwärts, und dieser mächtigen 
Hebelwirkung gelang die Extraction. 

Herr Marcovits erwähnt weiter einen Fall von hoch¬ 
gradigem Mundscorbut bei einem .fünfjährigen Mädchen. 

Ausser den Scorbut-Erscheinungen an der Aussenseite des 
Körpers und grosser Blässe und Magerkeit der Patientin zeigte 
sich das ganze Zahnfleisch aufgelockert, von den Zähnen losgelöst, 
empfindlich und leicht blutend. Aus dem Munde floss jauchige, 
sehr stinkende Flüssigkeit Der linke mittlere und seitliche 
Schneidezahn fehlten, Augenzahn und erster Backenzahn waren noch 
in ihren Zellen aber sammt dem sie einschliessenden Alveolus 
gelockert und nekrosirt. 

Therapie: Er entfernte den nekrotischen Alveolus sammt 
den darin steckenden zwei Zähnen und gab ein Mundwasser: 

Ep. Tannini puri 1,0 

Spirit cochleariae 20,0 
Tinct. myrrhae 20,0 
Aq. destill. 

Aq. herb, melissae aa 100,0 

Anfangs concentrirt, später mit gleichen Theilen Wassers ge¬ 
mengt, mehrere Male des Tages zum Ausspülen des Mundes. 

Innerlich : 

Ep. Decoct chin. fusc. 

Calam. aromat. aa 10,0 
stündlich 1—2 Kaffeelöffel z. n. 

Nebstbei kräftig nährende Kost und etwas Wein. — Nach 
vier Wochen war vollkommene Heilung eingetreten. 

Schliesslich noch einen Fall von einem Osteo¬ 
sarkom am linken Unterkiefer bei einer 36 jährigen Dame. 
Herr Marcovits giebt folgenden Status praesens: 

In der Gegend zwischen dem ersten Backen- und Eckzahn 
an der linken Unterkieferhälfte eine 1" lange, 2'" breite und 
1"' dicke, sehr harte, etwas rauhe, an der Oberfläche roth ge- 


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Vereine. 


179 


färbte unbewegliche Geschwulst, die in Form einer kleinen Zunge 
im Munde lag, und zwar so, dass der breitere Theil derselben 
nach vorn gegen den linken Mundwinkel und an der Aussenseite 
des Unterkiefers lag und etwas aus dem Munde hervorragte; der 
spitze Theil dagegen war gegen die Zugenwurzel gekehrt Die 
Zunge war etwas durch die Geschwulst nach rechts gedrängt; der 
mittlere linke untere Schneidezahn, Eck- und erste Backenzahn 
waren aus ihrer Lage gedrängt und nach innen gegen die Zunge 
gedrückt; deren Zahnzellen fast ganz resorbirt. Die Zähne vom 
rechten mittleren unteren Schneidezahn bis zum zweiten Mahl¬ 
zahn sehr gelockert. Herr Marcovits exstirpirte unter Narkose 
die Neubildung, und es zeigten sich nach einem Jahre die früheren 
krankhaften Kieferpartien vollkommen vernarbt, so dass die bei 
der Operation verloren gegangenen Zähne durch künstliche er&etzt 
werden konnten. 

ln der Sitzung am 8. October 

demonstrirt Herr Dr. Fischer-Colbrie Winderling’s Injector 
und sprach über Celluloid und über daraus verfertigte Piecen. 

Sitzung am 5. November. 

Der Vorsitzende Dr. Steinberger theilt mit, dass Herr 
Dr. J. Iszlai in Pest sich zur Aufnahme in den Verein gemeldet 
habe. Dr. Bardach schlägt zur Aufnahme vor: Dr. E. Alexo- 
vits, Dr. Sal. Robicsek und Dr. Jul. Scheff in Wien. 

Dr. Fischer theilt hierauf mit, dass sich in Wien ein Ver¬ 
treter der ersten österreichischen Zähnefabrik etablirt habe. 

Dr. Pichler berichtet nun über seine Erfahrungen mit dem 
Witzel’schen Verfahren, welches er in folgender Weise prak- 
ticiret: 

Nachdem das Mittel eingelegt, schneidet er am nächsten Tage 
viel vom Zahne weg, um sich bequemen Zugang zu verschaffen, 
präparirt die Höhle, ohne die Pulpa zu eröffnen, und legt Phenol- 
Alkohol ein, eröffnet hierauf mit einem reinen, in Phenol-Alkohol 
getauchten Rosenbohrer die Pulpakammer und entfernt von der 
Pulpa was nur immer möglich ist. Bleiben Reste zurück, so findet 
eine Blutung statt, die für den Operateur unter Umständen höchst 
unangenehm ist. Mit Entfernung der Reste hört die Blutung auf. 

12 * 


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Vereine. 


Nach neuerlicher Anwendung von Phenol-Alkohol wird Phenol- 
Cement in die Höhle eingeführt und mittelst Schwamm die über¬ 
flüssige Flüssigkeit ausgepresst Bei schwerer Zugänglichkeit füllt 
Dr. Pichler in zwei Abtheilungen: vorerst mit ganz dünnem 
Cement und nach dessen Erstarrung mit Amalgam oder Rostaing’s 
Cement. 

Die Erfolge waren so überraschend, dass Dr. Pichler von 
den so gefüllten Zähnen noch keinen einzigen Zahn extrahiren 
musste. 

Dr. Pichler hat auch Zähne mit abgestorbener Pulpa gefüllt, 
doch stets Entzündungen erzielt. 

Noch erübrigt mir, über einige interne Angelegenheiten des 
Vereines zu berichten. 

' Für die auswärtigen Mitglieder wurde über Antrag des 
Vereinssecretärs in der Sitzung vom 8. Januar 1879 je ein 
Exemplar von WitzePs neu erschienenem Werke über „Die 
antiseptische Behandlung der Pulpa-Krankheiten des Zahnes“ auf 
Vereinskosten angekauft und übersendet. 

Der Verein verlor durch den Tod ein Mitglied, Herrn Dr. 
Carl Heider in Wien. 

Aus dem Vereine ausgetreten ist Herr Director Dr. Böhm. 

Die Vereins-Bibliothek erhielt im Laufe dieses Jahres folgenden 
Zuwachs: 

1. Dental Cosmos 1878. 

2. British Journal of dental Science 1878. 

3. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnärzte 1878. 

4. Witzel’s: „Die antiseptische Behandlung der Pulpa- 
Krankheiten des Zahnes.“ 

Vorstehende Journale und Werke wurden vom Vereine an¬ 
gekauft. 

5. Stickoxydul als Anaestheticum von Dr. Blum in München 
(vom Verfasser der Bibliothek gespendet). 

Ich eile zum Schlüsse und möchte mir noch erlauben, an 
jene Herren, welche etwa gesonnen sein sollten, bei der bevor¬ 
stehenden Neuwahl mich abermals mit ihrem Vertrauen zu ehren, 
die Bitte zu richten, diese mich gewiss ehrende Auszeichnung an 
eine andere, frischere Kraft zu übertragen, da es mir nicht ge¬ 
gönnt ist, eine Wiederwahl anzunehmen. 


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Vereine. 


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Bei der hierauf erfolgten Abstimmung werden gewählt: Zum 
Vorsitzenden: Herr Dr. Steinberger, zum Vorsitzenden-Stell¬ 
vertreter: Herr Dr. Fischer-Colbrie, zum Schriftführer: Herr 
Dr. Emil Martin, zum Cassirer: Herr Dr. F. J. Herr mann. 

Hierauf wird die Wahl der zur Aufnahme vorgeschlagenen 
Mitglieder vorgenommen und es erscheinen als gewählt: 

Herr Dr. Ernst Alexovits in Wien, 

„ „ Sal. Robicsek in Wien, 

„ „ Julius Sch eff in Wien, 

„ „ J. Iszlai in Pest. 

Dr. C. Hofer, 

d. Z. Secretär. 


Rechnungsbericht 

vom 14. November 1878 bis 14. November 1879. 


Einnahmen: 

1. Cassastand vom 14. November 1878. BaarÖ. W. 244 fl. 80 kr. 

2. Oesterr. Papier-Rente mit Februar und August- 

Coupons imNominalwerthe von ö. W. fl. 1600.— 

3. An Jahresbeiträgen von 25 Mitgliedern ä 5 fl. ö. W. 125 „ — „ 

4. An ganzjährigen Zinsen von obiger Rente „ 67 „ 20 „ 

Summa ö. W. 437 fl. — kr. 

und ö. W. fl. 1600. —. Papier-Rente. 

Ausgaben: 

1. Druck und Adjustirung des Jahresberichtes pro 

1878 .ö. W. 60 fl. — kr. 

2. Dr. Witzel’s Werk sammt Porto (als Geschenk 

an die auswärtigen Mitglieder) . . ö. W. 114 „ 91 „ 

3. Buchbinder für Einbände d. Vereinsbibliothek „ 11 „ 40 „ 

4. Für dentistische Journale: „Dental Cosmos“, 

„British journal“ u. „Vierteljahrsschrift“ ö. W. 24 „ 24 „ 

5. Für ein Vereins-Diplom. 4 „ — „ 

6. Für Stempel, Porto u. s. w.„ 13 „ 23 „ 

7. Dem Vereinsdiener pro 1879 .... „ 10 „ — „ 

Summa ö. W. 237 fl. 78 kr. 


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Vereine. 




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Bilanz: 

Gesammt-Einnahmen und Cassa . . . . ö. W. 437 fl. — kr. 

Gesammt-Ausgaben.„ 237 „ 78 „ 

bleibt daher pro 1879 und 1880 ö. W. 199 fl. 22 kr. 
nebst der österr. Papier-Rente von ö. W. 1600 fl. 

Wien, 14. November 1879. 

Dr. Fr. J. Herrmann, 

d. Z. Cassirer. 


V er zeichniss 

der 

Mitglieder des „Yereines österreichischer Zahnärzte“. 


aj Ehrenmitglieder. 

Herr Dr. Eduard Al brecht, Universitäts-Docent in Berlin. 
„ Dr. Fr icke in Lüneburg. 

„ Dr. Carl Wedl, k. k. Universitäts-Professor in Wien. 
b) Ordentliche Mitglieder. 

Herr Dr. E. St. Alexovits in Wien, Graben 29. 

„ H. Alfons in Graz. 

„ Dr. Max Bardach in Wien, Rothethurmstrasse 5. 

„ Dr. Bar na in Pest 
„ Jacob Bauer in Brünn. 

„ Dr. Ferdinand Bernhard in Wien, Singerstrasse 8. 

„ Michael Burger in Wien, Am Hof 3. 

„ Dr. Carl Fischer-Colbrie in Wien, Herrengasse 1. 
„ J. Gregl in Graz. 

„ R. F. Günther in Wien, Freisingergasse 1. 

„ Dr. F. J. Herrmann in Wien, Stock im Eisen 2. 

„ Dr. Carl Hofer in Wien, Seilerstätte 7. 

„ Dr. Th. Holler in Klagenfurt. 

„ Janut in Innsbruck. 

t „ Dr. Fil. Jarisch sen. in Wien, Bognergasse 15. 

„ Dr. Carl Jarisch jun. in Wien, Schottenhof. 


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Vereine. 


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Herr 

55 

55 

55 

59 

55 

55 

55 

55 

55 

55 

55 

55 

55 

55 

55 


Herr 

55 


Herr 

55 

55 

55 

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59 

95 

55 

55 

95 

55 

55 

59 

55 

55 


Dr. Ferdinand Ja risch jun. in Wien, Boguergasse 15. 
Dr. J. Iszlai in Pest. 

Emil Kurz in Mährisch-Weisskirchen. 

Dr. Langmann in Triest. 

Dr. Alex. Marcovits in Temesvar. 

Dr. Emil Martin in Wien, Am Hof 13. 

Eduard Mühlreiter in Salzburg. 

Dr. Nedelko in Pest. 

Dr. Johann Pichler in Wien, Stefansplatz 6. 

Dr. L. Rabatz in Wien, Goldschmiedgasse 1. 

Dr. Sal. Robicsek in Wien, Augustinerstrassc 6. 

Dr. Jul. Scheff in Wien, Tuchlauben 4. 

Dr. Jos. Seng in Wien, Tuchlauben 5. 

Dr. Fil. Steinberger in Wien, Am Hof 13. 

Dr. Tänzer in Graz. 

Dr. Adolf Zsigmondy in Wien, Allgem. Krankenhaus. 

c) Correvpondtrende Mitglieder. 

1. Im Inlande. 

Dr. Carl Langer, k. k. Universitäts - Professor in Wien. 
Dr. Uhl rieh, k. k. Medicinalrath in Wien. 

2. Im Auslande. 

Le Baily in Frankfurt a. M. 

F. W. Berth in Hamburg. 

Bertling in Frankfurt a. M. 

F. Baden in Altona. 

Dr. J. Bopp in Stuttgart. 

G. Blume in Bern. 

Brunnsmann in Oldenburg. 

Christ in Frankfurt a. M. 

M. Elias in Hamburg. 

Frei in Frankfurt a. M. 

Dr. Haas in Frankfurt a. M. 

Haun in Erfurt. 

Dr. Hering jun. in Leipzig. 

W. Hengstmann in Hamburg. 

H. Humm in Altona. 


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Vereine. 


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Herr Dr. Eduard Jantzen in Schwerin. 

„ Dr. Klare in Leipzig. 

„ L. Kn eisei in Halle a. d. Saale. 

„ Dr. G. Koch in München. 

„ E. Locher in St. Gallen. 

„ Mattenklodt in Magdeburg. 

„ Dr. Niemeyer in Braunschweig. 

„ L. Schmidt jun. in Hannover. 

„ Schrott in Mühlhausen im Eisass. 

„ J. E. D. Schulz in Hamburg. 

„ Dr. W. Süersen in Berlin. 

„ Dr. J. A. Tofohr sen. in Hamburg. 
„ Dr. E. Tofohr jun. in Hamburg. 

„ Heinrich Weber in Paris. 

„ W eh ne r in Frankfurt a. M. 

„ Dr. Winecke jun. in Dresden. 

„ H. Wunder in Dresden. 

„ Dr. Zeitmann in Frankfurt a. M. 


V erzeichniss 

der 

im Vereinsjahre 1879—1880 abzuhaltenden Versammlungen. 


Mittwoch 

den 

3. 

December 1879 


7 ? 

55 

7. 

Januar 

1880 


95 

55 

4. 

Februar 

55 


55 

95 

3. 

März 

55 


V 

55 

7. 

April 

*9 

Abends 6 Uhr. 

55 

95 

5. 

Mai 

55 


55 

55 

2 . 

Juni 

55 


55 

59 

6 . 

October 

99 


59 

55 

3. 

November 

55 



Dienstag den 16. November 1880 findet die Hauptversammlung staH. 

Ort der Versammlung: 

die Wohnung des Präsidenten Dr. Steinberger, 

Stadt, Am Hof Nr. 13. 


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American Dental Association 1879, New-York. 

Bericht der vierten Section: Operative Dentistrie. 

Dr. J. Wetherbee, Verfasser des Berichtes, giebt zuerst 
kurz die verschiedenen Methoden der Praxis an und behauptet 
dann, dass in diesem Zweige unserer Wissenschaft ein Nothstand 
eingetreten sei in Bezug auf die dazu nöthige Geschicklichkeit. Er 
ging sodann auf die brennende Frage des „New Departure“ über, 
welches als Princip die Lehre aufstelle, dass der Mangel an 
Kenntniss die Ursache der so häufig auftretenden Misserfolge sei, 
anstatt den Mangel an Fingerfertigkeit zuzugestehen. Weil die 
mit Gold gefüllten Zähne den Hauptfeind in seinem Wiederauf¬ 
treten nicht abhalten könnten, soll unser Wissen mangelhaft sein? 
Sind wir Alle nicht mehr oder weniger Eklektiker in unserer 
Praxis? Wenden wir nicht auch Amalgam, Zinkcblorid und Zinn¬ 
folie an, wenn wir glauben, dass damit der Zahn besser erhalten 
werden kann? Es ist allgemein bekannt, dass Guttapercha eineu 
Zahn so lange erhält, als das Material intact bleibt; aber die 
häufig wiederkehrende Reparatur, die nach „New Departure“ 
nothwendig sei, verursache dem Patienten, mehr Kosten, als wenn 
der Zahn gleich im Anfänge mit Gold gefüllt worden wäre. — 
Der Autor giebt dann zu, dass es allerdings vorkomme, dass viele 
Zähne, trotz sorgfältiger Ausfüllung, nicht vor weiterem Schaden 
geschützt werden können, aber trotzdem seien, so viel er wisse, 
nur Wenige zu „New Departure“ übergegangen. — Es werden dann 
die Verfahrungsweisen bei den „Contour-Füllern“ beschrieben, die 
in solche getheilt werden, welche die ganze Form der Zähne 
hersteilen, und solche, die nur annähernd die Form herstellen. 
Ebenso werden diejenigen, welche eine Durchfeilung und Sepa- 
rirung der Zähne vorschlagen, in zwei Klassen getheilt: nämlich 
in radicale und mässige Separatisten. Die ersteren gingen oft 
ganz unbarmherzig mit einem Zahne um und rauben demselben 
oft sehr viel von seinen gesunden Theilen. Bei schwachen Zähnen 
sei eine solche Praxis übrigens gerechtfertigt; denn dadurch allein 
könnten schwache Zähne erhalten werden. Der mässige und be¬ 
scheidene Separatist trage nur krankhafte Theile des Zahnes ah, 
und zwar mehr an der lingualen Fläche, weil dadurch eine 


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Vereine. 


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leichtere Selbstreinigung durch den Speichel erzielt werde. Diese 
Praxis sei eine sehr empfehlenswerthe. 

Was das Bleichen der Zähne betrifft, so ist der früher so 
beliebte Chlorkalk in Misscredit gekommen, weil dem anfänglich 
erwünschten Erfolge ein zu rascher Zerfall des betreffenden Zahnes 
gefolgt sei. Ebenso habe sich Chlornatrium in der Folge als ver¬ 
derblich für das Zahnbein erwiesen. Dagegen sei Kampherspiritus 
ein ausgezeichnetes Bleichmittel, es löse in kurzer Zeit das Pig¬ 
ment in den Zellen auf und durchdringe auch das harte Gewebe. 
Vom Dentin müsse so viel als möglich entfernt werden. Sodann 
fülle man in allen Fällen die Wurzeln sorgfältig mit Gold aus, 
und der Erfolg wird ein stets befriedigender sein. 

Bezüglich der Extraction der Zähne könne nichts Neues 
gesagt werden, auch nicht bezüglich einer wirkungsvolleren Be¬ 
handlung zur Verhütung des Zahnsteines, und gleichfalls nichts 
bezüglich der Behandlung, der Alveolar-Abscesse. Die vorgeschlagene 
Praxis, Zähne zu extrahiren -und dann wieder zu replantiren, hat 
sich nicht bewährt. 

Der Bericht enthält ferner ein Gutachten, von der Majorität 
des Comit6’s dieser Section unterschrieben, entgegen der An¬ 
sicht des Berichterstatters: „dass alle Wurzeln der Vorderzähne 
mit Gold gefüllt werden sollten“. Die Majorität ist der An¬ 
sicht, dass man mit den anderen Materialien gleichen Erfolg 
erzielen könne. Ebenso spricht sich eine Majorität für die 
Replantation aus bei gewissen extremen Fällen von Alveolar- 
Abscessen. 

Dr. Georg B. Mc. Donald aus Conneautville in Pennsyl- 
vanien las sodann eine Abhandlung über „Die beste Art, 
seitliche Cavitäten zu füllen,“ vor. 

Er behauptete, dass 9 / 10 aller Misserfolge der unvollkommenen 
Manipulation zugeschrieben werden müssten. Bei sorgfältigerem 
und gewissenhafterem Arbeiten könnten wir diese Misserfolge auf 
das Verhältniss von 1 zu 10, anstatt von 10 zu 1 bringen. 
Der Vorleser giebt dann eine genaue Beschreibung eines oberen 
rechten Centralzahnes und eines rechten oberen ersten Bicuspis, 
an denen die Schneidefläche des ersten und die Kaufläche des 
letzteren in Mitleidenschaft gezogen war. Bei näherer Unter¬ 
suchung des Schneidezahnes wird man finden: 1) dass nicht Platz 


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genug vorhanden war für die Vornahme der Füllung; 2) dass im 
Untertheile, im Zahnhalse und in der Gaumen- und Labialfläche 
Haftstellen für das Gold angebracht werden mussten; 3) die Ränder 
des Goldes sind nicht gehörig an den Rändern des Zahnes an¬ 
geschmiegt, besonders nicht am Zahnhalsrande; 4) die Schneide¬ 
kante des Zahnes zeigt eine grosse Schwäche und eine Unvoll¬ 
kommenheit, so dass sie bei der Gewalt des Beissens harter Gegen¬ 
stände Schaden leiden musste; 5) es wurden zu grosse Stücke 
Gold angewendet, die nicht gehörig gedichtet werden konnten; 
6) das Gold ist nicht gleichmässig glatt gefeilt, besonders nicht 
am Cervicalrande. Dann wird beschrieben, wie dieser Zahn be¬ 
handelt werden sollte, dass er durch Keile wenigstens ] /ie bis 
1 / 8 Zoll (?) von einander getrieben werden und eine Woche lang (!) 
so erhalten werden müsse, bis der Schmerz gänzlich gewichen sei. 
Nachdem der Rubber-dam angelegt, müsse man mit dem Corundum- 
Rädchen sowohl an der Mesial- als der Distalfläche so viel als 
nöthig wegfeilen. Dann müssten Haltpunkte und Haltgruben an 
der Cervical-, Labial- und Gaumenwandung angebracht werden. 
Nach Reinigung der Cavität müssten die äusserem Zahnränder 
polirt werden; nach Entfernung jedes verdächtigen Partikelchens aus 
der Höhle falte man Nr. 4 cohäsiver Goldfolie vierfach zu¬ 
sammen und schneide es in Stückchen von Vl6 - l i ' 8 Zoll. Eines 

dieser vierfach gefalteten Bänder drücke man mit einem Stopfer 
in den Haftpunkt im Cervicaltheil und condensire dann mit einem 
elektromagnetischen Hammer, mit dem man langsam und gleichmässig 
die zugeschnittenen Stückchen des gefalteten Goldbandes gegen die 
Wandungen zu condensiren suche, bis die Form des Zahnes seine 
frühere natürliche Gestalt erhalten. Man achte aber stets darauf, 
dass die Densität der Füllung gleichmässig sei. Die schliessliche 
Finirung wird dann durch Separirfeilen, feinen Bimsstein u. s. w. 
bewerkstelligt. 

Bei näherer Betrachtung des Bicuspis wird beschrieben, dass 
man finden wird, dass der Zahn so cariös ist, dass eine eingelegte 
Goldfüllung nur durch das Vorhandensein des Nebenzahnes 1 ) ge¬ 
halten werden könnte. Auch dieser Fall wird in seiner Behand¬ 
lung genau beschrieben und dann als Hauptveranlassung von Miss- 


1) Anm. d. Red. ?? 


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erfolgen der etwa eingedrongene Speichel beschuldigt; ferner, dass 
das Gold in zu grossen Stückchen, in Cylinderfopn und in Pellets 
und Schnüren angewendet wurde, die mit den Fingern zusammen¬ 
gedreht worden; ferner, dass die Füllungen nicht gehörig con- 
densirt worden seien. Am Cervicaltheile müsse stets ein Anker¬ 
punkt für den Beginn der Arbeit angebracht werden. Die 
Contourfüllungen müssten so aufgebaut sein, dass das Gold dicht 
am Nachharzahne anliege. Die Methode der Herstellung bauchiger 
Füllungen wird von Dr. Mc Donald sehr gelobt. Diese könnten 
aber nur durch den automatischen Hammer und durch Handdruck 
hergestellt werden. Gründlichkeit und Ausdauer in der Zeit¬ 
anwendung sei die einzige Basis für Erfolg. Schnelle Arbeiten 
taugen alle nichts. 

Dr. T. H. St eil wagen in Philadelphia las eine kurze Ab¬ 
handlung über „Natürliches Dentin zur Ueberkappung 
der Zahnpulpa“ vor. Bezugnehmend auf bekannte chirurgische 
Operationen, wie u. a. die Transplantation von Epidermistheilen, 
um eine gesunde Hautdecke zu erzeugen, oder kleinen Knochen¬ 
stückchen oder Periosttheilen, Hessen es dem Autor zulässig 
erscheinen, Aehnliches nachzuahmen und das natürUche Material 
des Dentins als Deckung für die Pulpa zu versuchen. Warum 
auch nicht? 1 ) 

Diese adoptirte Methode soll seit 18 Monaten von Erfolg ge¬ 
krönt gewesen sein. (?) Wenn die Pulpa exponirt ist, so soll man 
warten, bis auf der Wunde sich eine glasige Oberfläche gebildet 
hat Mit einem scharfen Excavator wird dann hinreichend vom 
gesunden Dentin abgekratzt, womit die Pulpa bedeckt werden soll. 
Dieses abgekratzte Dentin wird in der Höhle gelassen, um auf 
der Pulpa als Decke zu dienen. 

Der Autor bezweifelt, ob das Dentin, eines todten Zahnes 
gleiche Wirkung äussert, weil das von dem noch im Kiefer 
steckenden Zahne abgeschabte Dentin noch lebende Materie ent- 


1) Weil das physiologische Gesetz der Ässimilationsfähigkeit sich 
nicht mechanisch erzwingen lässt, sondern auf einem vitalen Vor¬ 
gänge basirt werden muss. Die Ablagerung der Zahnbeinsubstanz (Kalk¬ 
phosphate) muss von innen heraus geschehen und kann nicht von aussen 
nach innen erfolgen. (G. v. L.) 


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hält; denn Gewebe, welches so niedrig organisirt ist, wie das Dentin, 
stirbt nicht so rasch ah, dass es, sofort angewendet, nicht nützlich 
sein könnte. (!) 

. Dr. G. J. Friedrichs in New-Orleans las hierauf eine 
Schrift über „Erosion der Zähne und deren locale Be¬ 
handlung“. Es sei eine Krankheit, auf die, im Verhältniss zu 
ihrer Wichtigkeit, noch zu wenig Aufmerksamkeit verwandt worden 
sei. Er habe gefunden, dass 10 Proc. seiner Patienten an dieser 
Erosion litten. Dr. F. erklärt diese Krankheit für eine Art Caries, 
wodurch .der Schmelz allein angegriffen werde, und wodurch meist 
mehrere Zähne zu gleicher Zeit angegriffen würden. Er beschrieb 
die Erscheinung dieser Krankheit an den Zähnen und stellte die 
davon mehr oder weniger ergriffenen Zähne übersichtlich zu¬ 
sammen. Seine Behandlung basirte er auf die Thatsache, dass die 
vitale Kraft local zu lebhaft sei und nur einer Aufhaltung be¬ 
dürfe, um eine Heilung zu erzielen. Das Agens hierzu biete das 
Silbernitrat. Seine Theorie der dadurch zu Stande gebrachten 
heilenden Kraft ist, dass, wenn das Nitrat in Berührung mit dem 
Speichel komme, sich Silberoxyd als Niederschlag bilde, welches 
dem Gewebe als Schutz diene gegen die zersetzende Wirkung des 
Speichels. Ein Stückchen oder einige Krystalle des salpeter¬ 
sauren Silbers zum Touchiren genügen. Wenn nach Ablauf einer 
Woche die Empfindlichkeit nicht ganz nachgelassen hat, dann muss 
die Applicirung nochmals wiederholt werden. Gefahr sei dabei 
nicht vorhanden, weil die Wirkung eine gänzlich oberflächliche 
sei. Nach einigen Applicationen bilde sich eine dünne Haut, die 
man ruhig liegen lassen müsse, denn darunter verdichte sich die 
Structur der Oberfläche, die später, wenn sich die Haut abgestossen 
hat, polirt werden müsse. Man könne übrigens auch constitu- 
tionelle Mittel dabei anwenden. (Darunter ist gewiss eine Nahrung 
verstanden, die viel Kalkphosphate enthält. G. v. L.) 

Dr. R. Finley Hunt in Washington hat sich viel mit 
Untersuchung der Mundsecrete beschäftigt. Er glaube, dass Erosion 
durch Alkalien hervorgebracht werde und nicht durch saure Mund¬ 
secrete. Er müsse es in Frage stellen, ob die normalen Secrete 
des Mundes die neutralen Bedingungen nicht zu Stande bringen 
könnten. Im Munde mancher Leute, wo der allgemeine Charakter 
der Mundsecrete ein saurer gewesen sei, habe er gefunden, dass 


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auf der einen Seite des Mundes Lacmus-Papier mit grosser Inten¬ 
sität eine alkalische Reaction gezeigt habe. Zähne, die solchen 
Bedingungen ausgesetzt seien, erodiren periodenweise sehr rasch, 
und dann lässt der Zerfall des Gewebes auf einmal nach. Dieser 
plötzliche Nachlass ist ohne Zweifel der Veränderung der Mund- 
secrete zuzuschreiben. Wir sollten solche Fälle stets einer 
genaueren Untersuchung unterwerfen und zu erforschen suchen, 
welche Umstände vorliegen. 

Dr. E. T. Darby in Philadelphia kann in Dr. Friedrich’s 
Vortrag nichts Neues finden. Er habe Jahre lang dieae Krank¬ 
heit mit Silbernitrat behandelt, die Behandlung aber aufgegeben, 
weil dadurch Entfärbung des Zahnes aufgetreten sei. Die Erosion 
sei immer wiedergekehrt und habe immer von Neuem wieder 
geätzt werden müssen. Er möchte hier aber die Aufmerksamkeit 
auf die galvanokaustische Behandlung lenken, die von Dr. Sal- 
mon bei empfindlichen Zähnen vorgeschlagen worden sei. Wo 
diese Methode angewendet werden kann, ist sie von Erfolg. 
Leider könne sie aber bei schwierigen Cavitäten nicht benutzt 
werden. 

Der Sprecher wendet sich dann gegen Dr. Stellwagen be¬ 
treffs dessen Behandlung bei der Ueberkappung der Pulpa mit frisch 
abgekratztem Dentin. Er (Dr. Darby) erkenne die Neuheit dieses 
Vorschlages an, könne aber den grossen Werth dieses Vorschlages 
nicht anerkennen. Auch sehe er nicht ein, warum das Dentin 
eines bereits extrahirten Zahnes nicht gleiche Dienste thun sollte. 
Ferner glaube er, dass die Pulpa durch eine solche directe Ein¬ 
wirkung des Dentins gereizt werden müsse. Jedenfalls müsse man 
vorsichtig sein, wo und wieviel von dem Dentin anzuwenden sei. 
Dann fragt es sich, ob Dr. Stellwagen’s Erfolge nicht eher 
der Guttapercha zuzuschreiben sei, die er als Decke bei solchen 
exponirten Pulpen anwende. Er (Darby) habe die besten Erfolge 
(90 Proc.) bei Behandlung frisch exponirter Pulpen mit Zinkoxyd, 
worüber Zinkchlorid-Paste gelegt wird. 

Dr. E. Osmond aus Cincinnati mnss bei Erosion das 
Silbernitrat empfehlen, wie er es schon vor einigen Jahren 
gethan; aber er liebe es nicht, die Krystallstängelchen in An¬ 
wendung zu bringen; Seine Methode sei, ein Tropfen der Lösung 
in eine Paraffin-Aushöhlung zu fixiren und dann die Lösung mittelst 


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eines mit Baumwolle umwickelten Stückchen Holzes in die kranke 
Zahnstelle einzureiben. Er glaube nicht, dass die Heilwirkung 
der ätzenden Wirkung des Mittels zuzuschreiben sei, sondern der 
Vereinigung des Mittels mit dem Eiweissgehalt im Dentin. Hierbei 
ist es nur nöthig, so viel anzuwenden, dass eben diese Vereinigung 
zu Stande kommt und nicht das Gewebe zerstört werde. Ebenso 
wende er diese Nitrat-Lösung bei Pyorrhoea alveolaris mit gutem 
Erfolge an. Zuerst reinige er die Zähne und wende dann die 
Solution auf das weiche Gewebe an. 

Bezüglich des Stellwagen’schen Vorschlages könne er keine 
Analogie mit dem Processe der Hautübertragung bei chirurgischen 
Fällen finden. Seine Erfolge sind jedenfalls abhängig von dem 
Füllungsmaterial, das er anwende. 


Transactions of the odontological Society of Great- 
Britain. Vol. XI. 

November 1878. 

Anlässlich eines Todesfalles durch Chloroform bei einer Zahn¬ 
extraction hat der Herausgeber des Brit. Med. Journ. die Frage 
aufgestellt, ob es je statthaft wäre, Chloroform bei zahn¬ 
ärztlichen Operationen zu verwenden, und die odontol. 
Gesellschaft aufgefordert, eine autoritative Meinung darüber abzu¬ 
geben. Der Präsident stellt daher diese Frage zur Discussion. 

Clover hat brieflich seine Meinung dahin abgegeben, dass 
das Chloroform gerechtfertigter Weise gegeben werden möchte 
bei Zahnoperationen, die vollständige Ruhe des Patienten länger 
als zwei Minuten erheischten. Aether sei etwas weniger gefährlich, 
aber die Blutung sei in der Aethernarkose erheblicher. 

Woodhouse-Brains stimmt Clover bei. Er constatirt, 
dass der quaest Todesfall ganz plötzlich und in Folge eines 
Herzfehlers eingetreten sei. 

Bailey ist ebenfalls für den Gebrauch des Chloroforms bei 
längeren Operationen. Für gewöhnlich sei Stickoxydul am besten. 

Hutchinson meint, die Superiorität des Stickoxyduls über 
die anderen Anaesthetica sei entschieden. Chloroform schiene bei 


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älteren Personen weniger gefährlich zu sein, als Aether, hei 
jüngeren Personen hingegen sei Aether nicht so gefährlich wie 
Chloroform. 

Ch. Tom es rathet nie einem Patienten, Chloroform zu nehmen, 
und giebt oder lässt es nie in seinem Hause geben. Wenn ein 
Patient Chloroform nehmen möchte, und er glaubt, dass der Fall 
es erfordert — solche Fälle seien aber sehr selten —, so lasse 
er es ihn im Bett in der Wohnung des Patienten nehmen und 
beobachte alle Vorsichtsmassregeln, welche die Ausführung anderer 
chirurgischen Operationen erheischen. 

Bird glaubt, dass der Gebrauch jeder Art von Anaesthetica 
bei Zahnextractionen im Allgemeinen mehr als Luxus, denn 
als Nothwendigkeit betrachtet werden könne. 

Sewill giebt stets Stickoxydul und hat noch keinen . Fall 
gehabt, wo seiner Ansicht nach der Gebrauch des Chloroforms 
gerechtfertigt gewesen wäre. 

Schliesslich lässt man es bei den verschiedenen Meinungen 
bewenden. Eine Resolution wird nicht gefasst. Die durchgehende 
Meinung bestand darin, dass Chloroform bei Zahnoperation selbst¬ 
redend ebensogut statthaft sei, wie bei anderen Operationen, dass 
es aber nur für ausnahmsweise Fälle zu reserviren sei und niemals 
angewendet werden sollte in Fällen, wo das Stickoxydul ausreicht 


December 1878. 

Zwei Fälle von Hypertrophie des Zahnfleisches und der Alveolen 

operativ behandelt. 

Von Christopher Heath, F. R. C. S. etc. 

Der erste Fall betrifft ein 4 1 / 2 Jahre altes Mädchen. Die 
Schwellung des Zahnfleisches hatte bereits zwei Jahre vorher, 
gerade als die Milchbackenzähne im Durchbruch begriffen waren, an 
der Seite dieser Zähne begonnen. Von da aus hat sich dieselbe 
auf das ganze Zahnfleisch des Unter- und Oberkiefers verbreitet. 
Zu jener Zeit hatte das Kind ungefähr jede Woche einmal einen 
Krampfanfall gehabt. Diese Anfälle haben sich seitdem mehr¬ 
mals, jedoch in grösseren Intervallen wiederholt und scheinen 
epileptischer Natur gewesen zu sein. 


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Bei der Aufnahme des Kindes in das Hospital (am 6. Mai 
1878) war das Zahnfleisch hochgradig hypertrophirt. Die Zähne 
waren vollständig, bis auf die Spitzen der Kauflächen, in dem 
hypertrophischen Zahnfleische verborgen, die Backen durch die 
Schwellung des Zahnfleisches nach den Seiten ausgebuchtet und 
die Mundhöhle fast ganz ausgefüllt. Dabei bedeutender Foetor 
ex ore. 

Am 9. Mai removirte Heath das hypertrophische Zahnfleisch 
und den Alveolarrand des Unterkiefers mit einer Knochenzange. 
Auf einer Seite kam der erste permanente Mahlzahn mit weg, 
auf der anderen Seite blieb er zurück. Die bedeutende Haemor- 
rhagie wurde durch das Cauterium actuale gestillt. 

Am 23. Mai wurde der Oberkiefer in gleicher Weise be¬ 
handelt. Die Wurzeln (? Ref.) der permanenten Zähne wurden 
zurückgelassen. 

Am 29. Mai war die Wunde fast geheilt. 

Im zweiten Falle hatte ein 26 Jahre alter Herr eine 
Hypertrophie des Zahnfleisches und der Alveolen der rechten 
Seite des Unterkiefers, die sich vom rechten Weisheitszahne bis 
zum linken Caninus erstreckte. Die Affection war von früher 
Kindheit an bemerkt worden und verursacht keine Schmerzen, 
sondern nur eine geringe Deformität. 

Auch in diesem Falle wurde der Alveolarfortsatz resecirt, 
wobei natürlich auch die Zähne (vom zweiten Mahlzahne rechts 
bis zum Caninus links) geopfert werden mussten. 

Die mikroskopische Untersuchung des geschwollenen Zahn¬ 
fleisches liess erkennen, dass es sich um eine einfache Hypertrophie 
handelte. 

Nachdem die Wunde geheilt war, bekam Patient ein künst¬ 
liches Gebiss, wobei er sich viel besser befand, als vor der 
Operation. 

In der Discussion machte Ch. Tom es darauf aufmerksam, 
dass derartige Leiden gewöhnlich ihren Ursprung im alveolo- 
dentalen Periost hätten und deshalb nicht anders, als durch 
Remotion des Alveolarfortsatzes zu beseitigen wären. 

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lieber die Befestigung der Zähne. — 3. Theil: 

Ueber bewegliehe Zähne. 

Von Charles S. Tomes, M. A. F. R. S. 

Dieser Vortrag ist bereits im DI. Hefte des vorigen Bandes 
dieser Vierteljahrsschrift in extenso mitgetheilt worden. 

Januar 1879. 

Henry zeigte die Modelle vom Oberkiefer und Unterkiefer 
eines 17jährigen jungen Mannes, welche folgende Eigenthümlich- 
keiten zeigten: Im Unterkiefer waren noch alle Milchzähne und 
kein einziger permanenter Zahn vorhanden. Im Oberkiefer waren 
die einzigen permanenten Zähne, welche durchgebrochen waren, 
die centralen Incisoren und die Bicuspidaten. 

Februar. 

M oon zeigte die Modelle eines Ober- und Unterkiefers von 
einem 18 Jahre alten Manne. Die oberen seitlichen Schneide¬ 
zähne und die ersten Bicuspidaten fehlten,* während die Weisheits¬ 
zähne vorhanden waren. Das Fehlen einiger Zähne war in diesem 
Falle erblich, denn der Mutter des jungen Mannes fehlten 
dieselben Zähne im Oberkiefer, zugleich aber auch die Weis¬ 
heitszähne. (Später, bei der Involution des Kiefers, kommen dann 
meist die nur retiilirt gewesenen Zähne noch durch und geben 
Beispiele für die sogenannte dritte Dentition ab. — Ref. Jul. 
Parreidt.) 

Charles S. Tomes berichtet über einen Regulationsfall bei 
einem 10 Jahre alten Kinde, in welchem eine Kautschukplatte 
den Zähnen, welche sie überkappte, sehr geschadet hatte, indem 
dieselben empfindlich und in die Alveole hineingetrieben worden 
waren. 

Moon meint, dass man rückstehende obere Zähne schon am 
Milchgebiss corrigiren könne und sollte. 

Walker hat durch eine Platte, welche die unteren Zähne 
überkappte, die oberen Schneidezähne eines 4jährigen Kindes vor¬ 
wärts geschoben. 

Hutchinson will sogar den Biss bei einem 27s Jahre alten 
Kinde durch eine Platte und bei einem 15 Monate alten dadurch 


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regulirt haben, dass er das Kind am Daumen saugen liess! Im 
Allgemeinen sei es aber am besten, mit der Regulation zu warten 
bis zum 12. Jahre, d. i. bis alle Biscuspidaten vollständig 
durchgebrochen sind. 

Coleman spricht sich gleichfalls gegen zu frühe Regulations¬ 
versuche aus. Man könnte übrigens den vorstehenden Unterkiefer 
durch einen Gummigurt, mit dem man das Kinn gegen den Kopf 
bindet, zurückbringen. 

Für diesen Plan spricht sich auch Coles aus. 

März 1879. 

Hutchinson macht Mittheilung über seine Methode, „Gutta¬ 
perchafüllungen mit Gold zu überkappen“. Diese Methode ist 
ganz analog der Her bst’sehen, Emaillefüllungen zu überkappen 
(s. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 1879, S. 373). 

Rogers hat Wurzeln mit Guttapercha gefüllt und eine 
Goldkappe aufgesetzt, die nach einem, mit Rücksicht auf die 
Articulation genommenen Abdruck von dem betreffenden Zahne 
gestampft worden war. Das Ganze erhielt eine Stütze durch in 
die Wurzeln eigeschraubte Goldstifte. 

Tod macht Mittheilung über einen Fall von Gesichtsneuralgie, 
welche durch Extraction eines ersten unteren Mahlzahnes beseitigt 
wurde. Der Zahn hatte nur die Erscheinungen einer leichten 
Periostitis dargeboten. Beim Zerspalten desselben zeigte sich die 
ganze Pulpahöhle bis auf einen geringen Theil in den Wurzel¬ 
kanälen mit secundärem Dentin gefüllt. Das normale Dentin war 
trotz des geringen Volumens der Pulpa theil weise rosaroth gefärbt. 

Einen ähnlichen Fall aus Ewbank’s Praxis theilte Coleman 
mit. In diesem Falle war aber keine Periostitis, sondern nur 
vermehrte Empfindlichkeit gegen Warmes und Kaltes (also Pulpa¬ 
reizung) vorhanden. 

Camp eil berichtet über zwei Fälle von „Fractur des Unter¬ 
kiefers“. Das eine Mal (bei einem 55 Jahre alten Manne) war 
die Fractur in der Symphyse, das zweite Mal (bei einem 30 Jahre 
alten Manne neben dem linken Eckzahne. In beiden Fällen wurde 
eine Zahnschiene angelegt. Da jedoch in dem einen Falle im Ober¬ 
kiefer gar keine Zähne mehr vorhanden waren, in dem anderen 
Falle aber die Zähne des linken Oberkiefers bei dem Unfall 

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zugleich mit ausgeschlagen worden waren, so konnte in keinem 
Falle die Articulation bei der Anpassung der beiden Hälften des, 
entsprechend den Fracturstücken getheilten Modelles des Unter¬ 
kiefers als Führerin dienen. Campeil überwand die Schwierig¬ 
keiten auf folgende Weise: Er nahm zuerst einen Abdruck von 
dem gebrochenen Kiefer und machte nach dem Abdruck ein Modell. 
Dieses wurde entsprechend der Fracturstelle durchgeschnitten. 
Für jede Hälfte wurde eine Metallplatte angefertigt. Die beiden 
Platten wurden an ihren gehörigen Platz im Munde und die beiden 
Theile des Kiefers in ihre gehörige Stellung zu einander gebracht 
und so lange festgehalten, bis etwas plastische Stents-Masse, die 
ein Assistent an die Vereinigungsstelle der Platten hielt, gehärtet 
war. Die beiden Platten bildeten nun ein Stück, nach welchem 
die beiden Hälften des Modelles genau in richtiger Weise anein¬ 
ander gestellt werden konnten. 


Ein Auszug aus Dr. Magitöt’s Abhandlung Uber Beplantation 

der Zähne. 

(Bat. et Mem. de la Soc. de Chirurgie, Fevrier 1879 ) 
Mitgetheilt von Charles S. Tomes, M. A., F. R. S. 

Magitöt begann seine Experimente 1875. Unter 63 Fällen 
waren nur fünf Misserfolge. Der Bericht umfasst jedoch nur die 
älteren 50 Fälle. Für indicirt hält Magitöt die Operation bei 
chronischer Periostitis der Wurzelspitze, bei deren Entblössung 
und Arrosion, was er für eine Art partieller Mortification der 
Wurzel hielt. Das Wesentliche bei der Operation soll die 
Resection der die Reizung verursachenden Wurzelspitze sein. 

Die Replacirung des betreffenden Zahnes wurde immer 
möglichst bald, nachdem die Blutung gestillt, die Wurzelspitze 
resecirt und der Zahn gefüllt war, ausgeführt. Selten war ein 
Retentionsverband nöthig. Die einzige Nachbehandlung bestand 
gewöhnlich darin, dass man Lintstreifen, welche in eine Lösung 
von Kali chloricum getaucht waren, zwischen Lippe und Zahnfleisch 
einlegte. Grossen Werth legt Magitöt auf das Bestehen einer 
Fistel, so dass er oft eine solche künstlich hergestellt und unter¬ 
halten hat. Der Erfolg der Operation soll von dem Vorhanden¬ 
sein eines ununterbrochenen Ringes von gesundem Periost am 


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replantirten Zahne ab hängen. Die Heilung dauerte 10—12 Tage. 
Das Alter der Patienten betrug 18—55 Jahre. In 15 Fällen soll 
Periostitis ohne Caries bestanden haben. 

Auch complicirtere Fälle wurden durch die Replantation ge¬ 
heilt, so z. B. Fisteln unter dem Kinn und am Zahnfleische; selbst 
bei partieller Nekrose des Alveolarfortsatzes wurde die Operation 
mit Erfolg ausgeführt. In einem Falle bestand incomplete An¬ 
ästhesie der Unterlippe und der vorderen Zähne, während die Gegend 
des zweiten unteren Molaris geschwollen war. Ein 4 Mm. langes 
Stück wurde von der Wurzel entfernt und der Zahn erfolgreich 
replantirt. Die Anästhesie war nach 14 Tagen, wo Patient zum 
letzten Male gesehen wurde, geringer. 

Tomes hat weniger Erfahrung in der Replantation. Er hat 
einen Weisheitszahn, der von einem anderen Praktiker replantirt 
worden war, wegen vollständiger Absorption der Wurzeln entfernt. 
Die nekrotische Wurzelspitze hat Tomes häufiger, ohne den Zahn 
vorher extrahirt zu haben, resecirt. Diese meist erfolgreiche 
Operation ist bei bestehender Zahnfleischfistel, die noch durch 
Einlegen eines Lintstreifens oder etwas Wiener Aetzpaste erweitert 
werden kann, mit Hilfe der Bohrmaschine und eines scharfen 
Bohrers leicht auszuführen. 

Coleman hat schon seit 1870 die Replantation ausgeführt, 
kann sich aber nicht eines so grossen Erfolges rühmen, wie 
Magitöt. 

Field meint, dass er nicht nöthig habe, zu replantiren. 
Alveolarabscesse seien mit einem geringen Procentsatze von Miss¬ 
erfolgen auf andere Weise zu behandeln. 

Torpey will unter 23 Replantationen keine Misserfolge 
gesehen haben, und 

Lyon meint, dass die 40 von ihm ausgeführten Replan¬ 
tationen solche Fälle gewesen seien, in denen die betreffenden 
Zähne sicher auf keine andere Weise zu erhalten gewesen wären. 


April 1879. 

Ranger zeigte ein oberes Gebissstück, an welchem ein 
Fortsatz zur Stütze der ihres Septums beraubten Nase angebracht 
war. Das Septum und ein Theil des harten Gaumens war in 
Folge einer syphilitischen Ulceration verloren gegangen. Der 


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Fortsatz bestand aus steifem Golddraht und trug am Ende einen 
Conus aus Guttapercha. Das Aussehen des Patienten war dadurch 
wesentlich gebessert. 

Oakley Coles verlas eine Mittheilung über einen von der 
Wurzelhaut ausgehenden Tumor. Bei der Extraction eines unteren 
zweiten Mahlzahnes b$i einer 49 Jahre alten Dame kam ein Stück 
fleischige Masse, die fest an einer Wurzel hing, mit heraus. Die 
Masse war 12 Mm. lang und hatte 3 Mm. Durchmesser, war von 
fester Consistenz nnd mit der Wurzelhaut verbunden. Mikro¬ 
skopisch erwies sich der Tumor als ein Rundzellensarcom. Coles 
meint, dass derartige Tumoren jedenfalls öfter der Anfang von 
grösseren und ernsteren Kiefergeschwülsten seien. Wahrscheinlich 
kommen auch solche kleine Neubildungen öfter an den Wurzeln 
vor und werden fälschlich für Abscesssäcke gehalten. 


Ueber Goldfüllungen mit cohäsivem nnd niehtcohilsivem Golde. 

Von Dr. Field. 

Defecte in den Kauflächen der Mahlzähne werden oft nur 
theilweise gefüllt. Viele Praktiker lassen die vom Centrum des 
Defectes ausstrahlenden Fissuren unberührt und füllen jenes allein. 
Die Fissuren sollten mit einem feinen Bohrer ausgebohrt und ihre 
Schmelzwände sollten polirt werden. Solche Defecte werden sehr 
gut mit nichtadhäsiven Cylindern gefüllt. Zum Condensiren benutzt 
Field Kirby’s pneumatischen Hammer. Er beginnt mit der 
hinteren Fissur, füllt dann die linguale Furche, dann das Centrum 
und zuletzt die vordere Fissur. 

Distale Cavitäten in Mahlzähnen werden gewöhnlich erst 
spät entdeckt, zu einer Zeit, da bereits der Schmelz der Kaufläche 
interminirt ist. Deshalb schneidet Field dieses Schmelzstück weg 
und bereitet sich so einen freien Zugang zur Höhle. Die Präpa¬ 
ration dieser muss mit aller Genauigkeit geschehen, besonders am 
Halstheile des Zahnes. Ankerpunkte werden in die labiale und 
linguale Ecke der Halswand eingebohrt, ein Streifen an die ver- 
ticalen Wände. Der Cofferdam muss über wenigstens vier Zähne 
gezogen werden. Zum Füllen wird in diesen Fällen cohäsive Folie 
genommen. Man beginnt an der Hals wand, wo man mit Webb’s 
elektrischem Stopfer fest dichtet. Dieses Instrument dient auch 


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dazu, das Gold iu gleicher Ebene mit dem Rande glatt abzu- 
schneiden. Das Weitere ist nur eine Frage der Zeit und Geduld. 

Verfasser fasst das Wesentlichste seines Vortrages in den 
folgenden drei Sätzen zusammen: 1) Cavitäten mit starken Wänden 
werden schnell und sehr gut gefüllt mit Cylindern. 2) Cohäsives 
Gold ist das beste Material in dem Verhältniss, wie die Wände 
schwach sind und Stützen brauchen. 3) Dasselbe Gold ist am 
zweckmässigsten, wo die Cavität sich unter den Zahnfleischrand 
erstreckt. 


Mai 1879. 

% 

lieber Nicotin und seine Wirkung auf die Zähne. 

Von David Hepborn. 

Die directe Wirkung des Nicotins auf die Zähne ist jeden¬ 
falls eine wohlthätige. Die alkalische Beschaffenheit des Rauches 
neutralisirt die sauren Secrete, die etwa im Munde Vorkommen, 
und die antiseptische Eigenschaft des Nicotins verhindert bis zu 
einem gewissen Grade Fäulnissprocesse. Auch die Kohle, welche 
sich aus dem Rauche auf die Zähne niederschlägt, muss von 
guter Wirkung sein, um so mehr, als sie sich besonders an den 
Stellen ansammelt, wo die Caries leicht beginnt: in den Zwischen¬ 
räumen und an den Schmelzdefecten. 


Juni 1879. 

Hutchinson hat dem Hospital einige Platten übergeben, 
unter denen sich eine solche aus Aluminium befindet, welche 
15 Jahre getragen worden ist und kein Zeichen von Zersetzung 
zeigt. 


lieber die Functionen der Geehmacksnerven. 

Von Arthur Underwood. , 

Verf. berichtet, dass der Geschmack vom N. glossopharyngeus 
und der Chorda tympani nicht, wie man früher glaubte, vom 
Lingualis abhängt. 


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Verschiedenes. 


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Verschiedenes. 

Anatomische Untersuchungen über die Zungen¬ 
drüsen des Menschen und der Säugethiere. 

Inaug.-Diss. von Podwisotzky-Dorpat. 

In dieser kleinen Schrift werden mit Recht die Untersuchungen 
E. H. Weber’s über den Bau der conglomerirten und einfachen 
Drüsen, die im Jahre 1827 in Meckel’s Archiv erschienen, als 
epochemachend bezeichnet. An der Zunge unterschied Weber 
oberflächlich liegende einfache Drüsen (Bälge oder Schleimbälge) 
und zusammengesetzte Drüsen, die sich tiefer in die Masse der 
Zunge hinein erstrecken. Ausserdem haben sich die mikroskopi¬ 
schen Untersuchungen über verschiedene Verhältnisse der Zunge, 
welche von Ebner 1873 veröffentlichte, in Betreff der Zungen¬ 
drüsen als recht bedeutsame erwiesen. Derselbe Unterschied beim 
Menschen wie bei den Säugethieren im hintern Theile der Zunge: 
zweierlei durch verschiedene Färbung sich charakterisirende Drüsen¬ 
arten. Die eine Art erscheint bei auffallendem Lichte fast weiss 
gefärbt — von Ebner bezeichnet sie als Schleimdrüsen; die 
andere Art erscheint mehr dunkel, röthlichgelb gefärbt, — diese 
bezeichnet er als seröse Drüsen. 

Podwisotzky stellte seine Untersuchungen an 21 verschie¬ 
denen Säugethierarten an, indem durch frontale und sagittale 
Schnitte der hinteren drüsenhaltigen Zungenpartie mikroskopische 
Präparate geschaffen wurden. Die sogen. Balgdrüsen, als zum 
Lymphsystem gehörig, sind dabei unberücksichtigt geblieben. Es 
finden sich aber im hintern Theile der Zunge überall zwei ganz 
verschiedene Drüsenarten, deren Benennung als Web er’sehe 
Drüsen und als Ebner’sehe Drüsen durch die vorausgeschickte 
historische Darstellung des Gegenstandes gerechtfertigt sein soll. 

a) Die Weber'sehen Drüsen an der Zungenwurzel Öffnen 
sich durch ihre Ausführungsgänge an der Oberfläche der Zunge 
und stehen in keiner Beziehung zu den Papillen; sie besitzen 
eine verhältnissmässig dicke Membrana propria, ihre hellen durch¬ 
sichtigen Epithelzellen besitzen ein feinkörniges Protoplasma und 
einen wandständigen Kern. An den Durchschnitten der Drüsen- 


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scliläuche zeigt sich ein deutliches Lumen. Es sind wesentlich 
verästelte tubulöse Drüsen, und die Beschaffenheit ihres Secretes 
charakterisirt sie als Schleimdrüsen. 

b) Die Ebner'sehen Drüsen, die sich alsbald durch eine 
dunklere Färbung zu erkennen geben, liegen an den Papillae 
vallatae und an der wesentlich dem Seitenrande der Zunge ent¬ 
sprechenden Papilla foliata, sie öffnen sich in diese Papillen, sie 
besitzen nur eine äüsserst zarte Membrana propria; ihre weniger 
durchsichtigen Epithelzellen haben ein grosskörniges Protoplasma 
und einen centralen Kern. Das Epithel füllt ihre Acini oft voll¬ 
ständig aus, so dass keine Lumina der Drüsenröhren zu erkennen 
sind. Nach ihrem Baue gehören sie zu den acinösen Drüsen, und 
Podwisotzky will sogar zwei Unterarten dieser Drüsen unter¬ 
scheiden, je nachdem ihr Ausführungsgang durch eine gewisse 
Länge oder durch auffallende Kürze sich hervorthut. Die Be¬ 
schaffenheit ihres Secretes charakterisirt die Ebner'sehen Drüsen 
als Speicheldrüsen, und Henle hat die Drüsen der Zungenwurzel 
bereits als kleine Speicheldrüsen bezeichnet. 

Die Anilinfarben, in zweckentsprechender Weise angewandt, 
sind ein empfindliches Reagens zur Unterscheidung der Schleim¬ 
und Speicheldrüsen: Die Zellen der Schleimdrüsen nehmen genau 
die Farbe des angewandten Anilinstoffes an, an den Zellen der 
Speicheldrüsen hingegen wird der Farbestoff verändert, so dass 
z. B. statt Blau ein Grau, statt Grün ein Gelb erscheint. Auch 
die Eisenoxydulsalze sind in diesem Sinne benutzbar: Die Zellen 
der Schleimdrüsen werden dadurch intensiv schwarz, die Zellen 
der Speicheldrüsen dagegen werden bleich und wie mit einem 
grauen Schleier überzogen. 

Die quantitative Entwicklung der beiden Drüsenarten variirt 
bei den verschieden untersuchten Säugethieren. Die Ebner'sehen 
Drüsen überwiegen beim Schafe, beim Iltis, bei der Ziege in sehr be¬ 
deutendem Maasse, beim Schweine, Pferde, Kaninchen, Meerschwein¬ 
chen, Eichhörnchen, Fuchse, Hunde, Igel in weniger auffallendem 
Maasse. Die Web er’sehen Drüsen überwiegen bedeutend bei 
der Fledermaus, in nicht so hohem Maasse bei Dasypus sexcinctus, 
beim Maulwurfe, bei der. Katze. Eine gleichmässige Entwickelung 
beider Drüsenarten fand sich bei Maus und Ratte, bei Simia 
cebus, beim Menschen. 


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Verschiedenes. 


Die nach N u h n benannte Drüse in der Zungenspitze konnte 
Nuhn selbst nur beim Menschen und beim Orang-Utang finden; 
nach Podwisotzky kommt jedoch an der Zungenspitze des 
Schafes auf der Unterfläche ebenfalls eine Drüse vor. Die 
Nuhn’sehe Zungendrüse des Menschen ist eine gemischte Schleim- 
Speicheldrüse, wenigstens konnte Podwisotzky bei Anilinbehand¬ 
lung Schleimdrüsenläppchen darin unterscheiden; dagegen verhält 
sich die Drüse in der Zungenspitze des Schafes durchaus als 
Schleimdrüse. 

N. 


Ein eigentümlicher Fall von Irritation des Nerven¬ 
systems bei einem zahnenden Kinde. 

Am 8. August v. J. wurde ich zu Katie R, einem zehn 
Monate alten Kinde gerufen, welches vor zwei Tagen von einer 
choleraartigen Diarrhöe befallen worden, die in Zwischenräumen 
wiederkehrte. Das Kind fand ich sehr unruhig und aufgeregt, 
Puls klein und schnell, aber ohne Fieber. Die Untersuchung des 
Zahnfleisches zeigte am rechten Oberkiefer Köthe, Geschwulst und 
Schmerz bei der Berührung. Ich verschrieb Magnesia sulph. mit 
Tinct. rhei, alle drei Stunden einen Theelöffel voll. An demselben 
Abend (zehn Uhr) wurde ich in grösster Eile gerufen, da das Kind, 
welches sich den Tag über besser zu befinden schien, plötzlich am 
ganzen Körper kalt geworden sei und nun bewusstlos daliege. 
Bei meinem Erscheinen (was bei der Entfernung */ 2 Stunde Zeit 
nahm, seit der Anfall kam) fand ich das Kind anscheinend be¬ 
wusstlos; Körper kalt — besonders der Kopf, Gesicht und Ohren — 
und ziemlich feucht; Temperatur in der Achselhöhle normal; Puls 
voll und regelmässig (nahezu 70). Beim Anrufen gab sie kein 
Zeichen und schien wie im tiefen Schlafe. Ich gab Patientin 
heissen Thee mit Branntwein, welchen sie zwar schluckte, aber 
dabei im tiefen Schlaf verblieb bis elf Uhr. Sie fing nun an, 
langsam aufzuwachen, die Kälte der Haut nahm ab und kehrte 
nach und nach zur normalen Temperatur zurück, worauf das Kind 
nach Nahrung verlangte, aber sehr hinfällig erschien. 

9. August. Eingetretene Besserung; Brechen und Diarrhoe 
sehr vermindert; Temperatur 101° F. Die Medicin wurde fort- 


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Verschiedenes. 


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gegeben. Abends trat derselbe Anfall mit derselben Heftigkeit und 
Dauer ein. 

10. Aug. Temperatur 101,2° F. Stuhlgänge weniger häufig 
und von festerer Consistenz. Ich verordnete Chinin sulphuric. 
zwei Gran alle zwei Stunden. (Für ein zehn Monate altes Mädchen 
starke Dosis. G. v. L.) Um halb neun Uhr Abends trat der - 
Anfall wieder ein und dauerte bis zehn Uhr. 

11. Aug. Keine Oeffnung während der Nacht; Temperatur 
101° F. Dann verordnete ich, um halb acht Uhr vier Gran Chinin (?) 
zu geben; dennoch trat der Anfall ein und dauerte bis Mitternacht. 

12. Aug. Keine Ausleerungen, deshalb ein Klystier von lauem 
Wasser mit Castoröl. Chinin wurde ausgesetzt und dafür Zinkoxyd 
alle drei Stunden 1 / 2 Gran verschrieben. Um halb acht Uhr 
Abends kam der Anfall wieder und dauerte bis elf Uhr. 

13. Aug. Das Kind lachte wieder und spielte; immer noch 
keine Ausleerungen. Medicin wurde fortgegeben und ebenso ein 
Theelöffel voll Castoröl. Anfall trat um sieben Uhr ein, während das 
Kind in den Armen der Mutter spielte, und dauerte bis neun Uhr. 
Diese Anfälle kehrten ebenso am 14. und 15. August wieder, aber 
nicht so heftig und nicht so lange andauernd. 

16. Aug. Kind anscheinend wohl; einmal Stuhlgang; Tem¬ 
peratur 98°. Die Mutter, die auf mein Geheiss das Zahnfleisch 
des Kindes fleissig untersuchte, entdeckte nun mit grosser Freude 
diesen Morgen das „erste Erscheinen des dritten obern Molar¬ 
zahnes.“ (?) Die Anfälle kehrten seitdem nicht wieder, wohl aber 
vollständiges Wohlbefinden. 

Die Frage ist nun, welchen Störungen diese Anfälle zuzu¬ 
schreiben sind? Dass der periodische Charakter mit der Dentition 
in Verbindung stand, ist sicher anzunehmen 1) durch die Fieber¬ 
bewegungen vom 9. bis 16. August; 2) durch die Störung im 
Darmkanale, die meist beim Zahnen auftritt, und 3) durch das 
Auf hören aller dieser Symptome am 16. Morgens, d. i. nachdem 
der Molarzahn durchgebrochen war. Wenn wir alle diese Er¬ 
scheinungen in Betracht ziehen, so werden wir gezwungen sein, 
die Ursache in Störung des Nervensystems zu suchen, und zwar 
veranlasst durch directe Störung der Nervencentren oder durch 
Keflexirritation einiger anderer Organe. Die Frage ist, welchen 
District des Nervensystems müssen wir für die Ursache solcher 


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Verschiedenes. 


Störungen ansehen? Aus der Physiologie wissen wir, dass die 
Blutgefässe in steter Spannung durch den Einfluss des Nerven¬ 
systems gehalten werden. Nach den Experimenten von Schiff 
geschieht dies durch die Functionen des N. sympathicus. Schiff 
hat nämlich gefunden, dass, wenn man bei Kaninchen den sym¬ 
pathischen Nerven am Halse durchschneidet, die correspondirende 
Seite des Kopfes, Gesichtes und besonders des Ohres aufgedunsen 
und heiss wird. Die Arterien werden demzufolge dilatirt. Durch 
Faradische Irritation desselben Nerven wird die correspondirende 
Seite von Kopf, Gesicht und hauptsächlich des Ohres kalt und 
die Arterien contrahiren sich. — Ich glaube deshalb, dass in 
diesem Falle der Katie R. die remittirenden Anfälle verursacht 
waren durch irgend eine Reizung des sympathischen Nerven, ver¬ 
anlasst entweder durch den reizbaren Zustand des Gehirns während 
der Zahnperiode oder durch Reflexreizung einiger anderer, zur 
selben Zeit gestörter Organe. Da mir ein ähnlicher Fall nicht 
bekannt ist, so glaubte ich, diese Erscheinungen zur allgemeinen 
Kenntniss bringen zu müssen. 

(Medic. & Surg. Reporter.) 

An merk, des Uebers. G. v. L. Ein praktischer Zahn¬ 
arzt würde diesen Fall ganz anders und rationeller behandelt und 
auch anders beschrieben und erklärt haben. Erstens: wenn bei 
einem zehn Monate alten Kinde das Zahnfleisch geschwollen und 
bei der Berührung schmerzend gefunden wird, dann wird der 
praktische Zahnarzt nicht bei der Materia medica Hilfe suchen, 
sondern die Natur in ihrem Bestreben, den Zahnsack zu sprengen, 
dadurch unterstützen, dass er zur Lancette greift und durch einen 
kräftigen einfachen oder kreuzweisen Schnitt die gespannte Mem¬ 
bran durschneidet. 

Zweitens ist die Beschreibung, dass bei einem zehn Monate 
alten Kinde der „dritte Molarzahn“ am Durchbrechen war, 
zum Mindesten sehr unklar. Jedenfalls ist der erste Milchmahl¬ 
zahn gemeint. 

Drittens muss das Kind einen sehr guten Magen und 
eine sehr kräftige Constitution gehabt haben, dass es so heterogene 
Medicamente und gar vier Gran Chinin in einer Dosis vertragen 
konnte. 


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Verschiedenes. 


205 


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Viertens ist gar nicht zu begreifen, warum der Autor alle 
Krankheitserscheinungen dem N. sympathicus zumuthet, da er 
doch eingesteht, dass unzweifelhaft der Zahn die Ursache der 
Krankheit war. Ist es nicht viel einfacher, sich zu erklären, dass 
die Reizung des N. dentalis sich rückwärts zum Ganglion Gasseri 
und selbst bis zu den Nervencentren erstreckt hat, und dass von 
hier aus der N. Sympathie, mit den ihm zukommenden Krank¬ 
heitserscheinungen gereizt wurde? 

Fünftens glaubt der Autor, diesen Fall zur Kenntniss bringen 
zu müssen, weil er von einem ähnlichen Falle weder gehört noch 
gelesen habe. Aber jeder praktische Zahnarzt, der Gelegenheit 
hat, zu zahnenden Kindern gerufen zu werden, kann mit ähn¬ 
lichen, oft noch viel auffallenderen Krankheitserscheinungen in 
Folge der Reizung eines Zahnnerven aufwarten. 


Praktische Gjrps-Näpfe. Durch Durchschneidung 
eines hohlen Gummiballes, der 4 — 5 Zoll im Durchmesser hat, 
erhält mau zwei sehr handliche Näpfe oder Becher zum Gyps- 
anrühren. Solche Näpfe haben den grossen Vorth eil, dass sie 
sehr leicht gereinigt werden können. Ist der Gyps im Becher 
hart geworden, so braucht man nur die innere Seite nach Aussen 
zu kehren. Wenn Mr. White oder irgend ein anderer Fabrikant 
solche Näpfe für zahnärztlichen Gebrauch hersteilen würde, dürften 
dieselben reichen Absatz finden. 

(Will. E. in Missouri Dent. Joum.) 


Sauerstoff nach einer neuen Methode dargestellt. 

Nach einem belgischen Photographen-Journal hat ein Herr 
Zinno eine neue Methode gefunden, Sauerstoff in grossen Quanti¬ 
täten darzustellen. Barytperoxyd und Kalihypermanganicum werden 
mit Wasser übergossen. Das Resultat ist, dass 200 Cubikcenti- 
meter Sauerstoff aus jedem Gramm der zusammen gemischten Sub¬ 
stanzen entwickelt werden. (Johnston’s Dent. Miscell.) 


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206 


Verschiedenes. 


Eine neue Behandlung der Gypsformen. 

Bei Bewerbung um einen von Preussen festgesetzten Preis 
für eine Methode, Gypsformen so darzustellen, dass dieselben ge¬ 
waschen werden können und die Poren im Gyps zugleich so ge¬ 
schlossen werden, dass sich kein Staub hineinsetzen kann, giebt 
Dr. Ressig zwei verschiedene Verfahrungsweisen an, wodurch 
der Gyps in eine Masse umgewandelt wird, die nicht nur in 
Wasser, sondern auch in Seifenwasser unlöslich ist. — Die erste 
Methode ist auf die Thatsache basirt, dass schwefelsaurer Kalk 
durch Barytwasser in schwefelsauren Baryt umgewandelt wird, 
ein ätzender Kalk, der durch die Wirkung der atmosphärischen 
Luft in kohlensauren Kalk umgewandelt wird, was wir aus der 
ähnlichen Wirkung auf Gyps und Mörtel ersehen. Barytwasser 
wird bereitet durch einen Theil krystallisirten Barythydrat mit 
20 Theilen Regenwasser in einer Flasche geschüttelt, bis es eine 
gesättigte Lösung abgiebt. Nachdem sich die Flüssigkeit geklärt hat, 
übergiesst man damit vermittelst eines Schwammes die Gypsform 
so lange, als der Gyps von dieser Flüssigkeit aufnimmt. Die 
Form wird dann mässig getrocknet und dann nochmals mit Baryt- 
w'asser übergossen, im Falle vielleicht noch mehr von der Flüssig¬ 
keit aufgenommen wird. Durch eine solche Behandlung wird der 
Gyps nicht nur hart, sondern erhält eine schöne, weisse, klare 
Farbe. — Die zweite Methode besteht in Anwendung von kiesel¬ 
saurem Kali. Dieses erhält man dadurch, dass man ungefähr 
zehn Procent kaustisches Kali enthaltendes Wasser bis 212° F. 
erhitzt und dann so viel Kieselsäure beigefügt, als die Kali-Lösung 
auflöst. Etwas Kieselerde und kieselsaures Kali wird beim Er¬ 
kalten niedergeschlagen. Diese Flüssigkeit bewahre man in dicht 
verschlossenen Flaschen, bis keine Trübung mehr sichtbar ist. 
Will man davon gebrauchen, so werfe man kleine Stücke Kali 
(1—2 Procent) hinein. Diese Solution wird so angewendet, dass 
man die Gypsform in die Flüssigkeit eintaucht oder damit über¬ 
braust oder auch, wie im vorigen Falle, mit dem Schwamme 
überschwemmt. Es tritt eine fast unmittelbare Veränderung ein, 
wenn der Ueberschuss der Lösung vorsichtig mit Seifenwasser 
abgewaschen wird. Es bedarf nur einiger Uebung, um die Zeit 
zu bestimmen, wann diese letzte Abwaschung stattfinden soll. 


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Verschiedenes. 


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Gypsformen, die auf obige Art behandelt worden, sind, sofern 
es ihre Oberfläche betrifft, keine Gypsformen mehr, sondern 
hart und dauerhaft, aber etwas porös, weshalb sich der Staub 
festsetzt. Um diese Poren zu schliessen, löse man einen Theil 
castilianische Seife in zehn Theilen Alkohol und wasche damit 
die Form. Die Poren werden sich dadurch alle schliessen. 

(Americ. Journal of Dental Sc.) 


Fracturirte Zähne. Zu Dr. C. W. Spalding kommt 
eine Dame, 15 Jahre alt. Allgemeines Aussehen gesund. Zähne 
gross und stark, von guter Textur und Form. Sie kam wegen 
eines Zahnes, in welchem sie eine grosse cariöse Höhle vermuthete, 
da sich stets viele Speisen ansammelten und sie überhaupt Schmer¬ 
zen fühle. Bei näherer Untersuchung ergab sich, dass der Zahn 
(der erste obere rechte Bicuspis mit sehr starken Höckern und 
entsprechender tiefer Fissur) ganz gesund war, aber eine Fractur 
zeigte, die längs durch die Krone ging, und zwar von der mesialen 
zur distalen Seite hin, so dass der Zahn wie gespalten erschien. 
Da Patientin sich keiner Extraction unterziehen wollte, so wurde 
sie entlassen und liess nichts mehr von sich hören. Noch wird 
bemerkt, dass in der Articulation eine Anomalie stattfand, indem 
der äussere Höcker des obern Bicuspis mit dem innern Höcker des 
unteren Bicuspis antagonisirte. Es war somit bgim Articuliren 
keine Gewalt ausgeübt, wodurch die Splitterung hätte entstehen 
können. Die Ursache der Fractur ist somit eine dunkle. 

Dr. Judd hat mehrere Fälle von fracturirten Zähnen ge¬ 
sehen, deren Ursache ihm dunkel war. Eine 40jährige Dame 
mit guten Zähnen und vollkommener Articulation hatte den ersten 
oberen Bicuspis gesplittert, so dass der linguale Höcker nach 
innen gedrückt stand. Der Zahn sah sonst gesund aus, und es 
konnte keine Ursache für Entstehung der Fractur angegeben 
werden. Der Nerv wurde geätzt und exstirpirt, Wurzelkanäle 
und Pulpahöhle in abgerundeter Form aufgebaut. 

Zweiter Fall: Eine Dame, 30 Jahre alt, hatte den ersten 
oberen Molarzahn fracturirt. Fractur erstreckte sich von vorn 
nach hinten durch die Krone, so dass der innere Höcker mit der 
Gaumenwurzel und die beiden äusseren Höcker mit den buccalen 


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208 


Verschiedenes. 


Wurzeln vereinigt waren. Die Fragmente wurden entfernt und 
an jeder Wurzelspitze ein Abscess gefunden. Patientin wusste 
Nichts von der Existenz der Fractur und hatte keine Erinnerung, 
wie und wann die Fractur entstanden war. 

Dr. Füller. Eine Dame, 60 Jahre alt, von guter Gesundheit 
und mit starken, gut entwickelten Zähnen versehen, hatte bei 
näherer Untersuchung den zweiten obern Bicuspis in zwei Theile 
gesplittert. Ich zerstörte und entfernte die Pulpa, füllte die 
Wurzelkanäle aus, führte einen Stift durch die Krone, wodurch 
dieselbe zusammengehalten wurde, und füllte dann die leeren 
Bäume aus. Das Resultat war ein sehr günstiges. Patientin 
konnte wieder auf dem Zahne kauen; sie konnte sich aber nicht 
erinnern, wann die Splitterung entstanden war. 

(Auszug aus den Verhandlungen der St. Louis Dent. Society in 
Missouri Dent. Journal.) 


Das Füllen der Zähne. Vieles ist hierüber gesagt und 
geschrieben worden. Das sehnliche Verlangen der Zahnärzte wie 
der Patienten nach guten Füllungen macht diesen Gegenstand zu 
einem sehr wichtigen. Viele glauben es zu können und machen 
doch Fehler. 

Um eine gute Füllung zu erzielen, ist es nöthig, die Zahn¬ 
höhle erst zu untersuchen, um zu bestimmen, wie vorgegangen 
werden muss. Die Höhle muss natürlich von Caries gesäubert 
werden, dann aber auch so hergerichtet werden, dass die Füllung 
nicht herausfallen kann. Sodann richte man die Folie oder das 
Material, mit dem man füllen will, vor und lege hierauf den Rubber- 
dam oder die Speichelläppchen an. Die Folie lege jnan nicht 
zu schnell ein. Man presse sie gegen die Wandung und con- 
densire das Aufgebaute. Die Höhle fülle man ganz aus, besonders 
wenn man beabsichtigt, die Form des Zahnes herzustellen. Einige 
behaupten, dass ohne Bohrmaschine, Rubber-dam und Hammer 
keine gute Füllung eingelegt werden könne. Also wären demnach 
alle Füllungen, die nicht modernen Datums sind, fehlerhaft. Ich 
habe aber mehrere ganz ausgezeichnete Füllungen gesehen, die 
nur durch Handdruck hergestellt wurden, und bei denen keine 
Bohrmaschine und nur die Serviette als Speichelabhalter gebraucht 


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Notizen. 


209 


wurde. Thatsächlich sind eine grosse Anzahl von Füllungen und 
Zähnen zu Tode gehämmert worden. Die Ränder der Cavität 
werden hauptsächlich durch den Hammer leicht abgebröckelt, und 
die Füllung erweist sich dadurch in der Folge als eine miss¬ 
glückte. Amalgam wird von vielen Collegen verworfen, von An¬ 
deren wieder für die Masse der Höhlen angewendet und sogar für 
Erhaltung gewisser Zähne vorgezogen. Ich habe Gold, Amalgam 
und Zinnfolie als permanente Füllungen eingelegt und habe mit 
allen Erfolge erzielt und mit allen einige Misserfolge gehabt. 
Die Höhe der Vollkommenheit, stets gute Erfolge zu haben, konnte 
ich noch nicht erreichen. Hin und wieder kommen mir Misserfolge 
vor, selbst wenn ich noch so sorgfältig die Cavität herrichte, 
noch so sorgfältig das Material einbringe und noch so sorgfältig 
condensire und mit einer feinen Politur ende. Auch habe ich 
gefunden, dass diejenigen, die nur mit einem Material füllen, 
gerade so viele Misserfolge haben, als diejenigen, die mehr einer 
eklektischen Methode huldigen. Die letztere Methode halte ich 
aber entschieden für die bessere. . 

(J. B. Tullis, D. D. S. in Dent Register.) 


Notizen. 

„Ein Textbach für die Chirurgie der Mundhöhle.“ 

Von Dr. Rob. Baume, Zahnarzt in Berlin und Redacteur der 
Deutschen Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde. *) 

Dieses Werk, welches dem Central-Verein deutscher Zahnärzte 
gewidmet ist, wurde durch eine Preisaufgabe dieses Vereines ver¬ 
anlasst, welche lautete: „Welchen Einfluss haben Krank¬ 
heiten der Zähne auf den Gesammtorganismus.“ 

Der Autor geht von dem Grundsätze aus, dass die Specialität, 
mit der Mutter-Wissenschaft der allgemeinen Medicin identisch ist, 
und hat unter solcher Voraussetzung ein Buch geschrieben, welches 
die grosse Genauigkeit seines Forschens bekundet. 


1) Mit Freuden bringen wir unseren Lesern diese transatlantische 
Kritik zur Kenntniss, die nicht nur eine Anerkennung des Verfassers, 
sondern auch des deutschen zahnärztlichen Strebens ist. G. v. L. 
xx. 14 


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210 


Notizen. 


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Das Werk behandelt mehr die Krankheiten, als die Behand¬ 
lung derselben. Die mechanische Dentistrie ist nicht besprochen — 
wenigstens nicht im amerikanischen Sinne —, auch ist die Therapie 
nicht überladen. Als ein Buch, das nur die Pathologie des Mundes 
behandelt, verdient es die höchste Empfehlung. Die Seitenzahl, 
die der Caries gewidmet ist, hat ein ganz besonderes Interesse. 
Die Zahncaries wird in 16 Seiten besprochen, und höchst passend 
wird daran „Die Krankheiten der Zahnpulpa“ mit 17 Seiten 
angefügt. Im zweiten Theile des Werkes illustrirt der Autor eine 
Anzahl sehr interessanter Zahn-Anomalien, die den Lesern diesseits 
des Oceans nicht neu, aber immerhin sehr lehrreich erscheinen 
werden. 

Die fünfte Abtheilung behandelt die Krankheiten des alveolo- 
dentalen Periosts und die Beziehung dieser Krankheit zu Caries, 
Nekrosis und verwandten Affectionen. Es bildet ein sehr voll¬ 
kommenes Resum6 dessen, was hierüber bekannt ist 

Eine höchst interessante Abhandlung bildet das sechste Kapitel, 
welches über Krankheiten handelt, die mit dem Kiefer in Ver¬ 
bindung stehen. Dieses Kapitel nimmt 28 Seiten ein und ist 
hauptsächlich den Tumoren gewidmet. 

Das Kapitel über „Neurosen“ erreicht nicht die Fülle prak¬ 
tischer Fälle, die bei uns zu Lande zur Behandlung kommen. 
Nichtsdestoweniger ist dieses Kapitel, so weit es geht, gut und 
wohlbedacht beschrieben, nur füllt es das Kapitel eines Textbuches 
nicht vollständig aus. 

Als ein Werk, das eine höhere Bildung bekundet, die in 
der Zahnwissenschaft an Stelle des Alten tritt, und die das Ihrige 
thun muss bezüglich Anerkennung der Fähigkeiten eines speciellen 
Wissens, müssen wir das Buch aufs Wärmste willkommen heissen. 
Mit einigen weiteren Autoren derselben Richtung wird die Noth- 
wendigkeit der Beziehung der Zahnheilkunde zur Chirurgie und 
consequenter Weise zum allgemeinen ärztlichen Stande sich klar 
darstellen. Dr. Baume gehört zu jener Klasse von Praktikern, 
welche die zahnärztliche Specialität mit Ehre betreiben. Wir 
empfehlen sein Buch Allen, die deutsch lesen können und sich 
für Pathologie interessiren. 

A. B. C. im Dental Cosmos. 


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Notizen. 


211 


Samuel Stockton White D. D. S. f- 

Am 30. December 1879 starb in Paris S. S. White im 
58. Jahre seines Lebens. Er kränkelte schon längere Zeit und 
hatte bereits im November einen Schlaganfall. 

S. S. White wurde am 19. Juni 1822 geboren. Er verlor 
früh seinen Vater und kam im 14. Jahre zu seinem Onkel, um 
Zahnheilkunde und Zahnfabrikation zu lernen. Schon im Jahre 
1844 sehen wir ihn selbständig. Vom Jahre 1846 an widmete er 
sich ausschliesslich der Fabrikation der Zähne, in welcher er so 
vorzügliche Leistungen aufzuweisen hat, wie das die colossale 
Ausdehnung seines Geschäftes beweist Viele erste Preise von 
allen grossen Ausstellungen geben ein Zeugniss für die Leistungen 
des sehr verdienstvollen Mannes. 


Dem Patentblatt entnehmen wir folgende Mittheilungen: 

Seite 53, Jahrgang 1880, unter der Uebersicht der Patent¬ 
anmeldungen vom 17. December bis 2. Februar Nr. 36980: Her¬ 
stellung künstlicher Gebisse ohne Abdruck. — In Nr. 12. vom 
24. März: 1) unter Nr. 5677 Erlöschung des Patents für den pneu¬ 
matischen Winkelhammer; 2) unter Nr. 8907 eine Anmeldung von 
L. Fleischhauer in Halle a/S. für einen Apparat zur Regulirung 
unnormal stehender Zähne. 

Aus einem Strafprocess ersehen wir, dass das Mannhardt’- 
sche Patent im Jahre 1878 erloschen ist. 


Von Herrn Collegen Mattenclodt erfahren wir, dass er am 
1. April d. J. mit dem 25. Jahre seiner zahnärztlichen Thätigkeit 
die Praxis aufgiebt, und seinem Schwager Herrn Zahnarzt Dr. 
med. Kühne, welcher ihm bereits seit fünf Jahren assistirte, 
übergiebt. 


14* 


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212 


Notizen. 


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Schriftliche Arbeiten, Aufsätze , Correspondenzen etc. für die 
„Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ wollen von nun an 
gefälligst unter der Adresse: Dr. Robert Baume, prakt. Zahnarzt 
in Berlin, Friedrichstrasse 111, I franco eingesendet werden. 

Inserate sind direct an die Verlags-Buchhandlung von Arthur 
Felix, Leipzig, Königsstrasse 18 b, einzuschicken. 


Alle verehrlichen Redactionen und gelehrten Gesellschaften 
welche ihre Journale oder Vereinsschriften gegen die „Deutsche 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ tauschen, werden 
hierdurch ersucht, ihre Zusendungen von jetzt an nur noch zu 
richten an Arthur Felix, Verlags-Buchhandlung in Leipzig. 

Namentlich wird es erwünscht sein, alle amerikanischen 
und englischen Tausch-Exemplare von zahnärztlichen Zeit¬ 
schriften stets sofort pr. Post zu erhalten, wogegen man sich 
einer gleichen Zusendung gewärtigen wolle. 

Leipzig. Arthur Felix. 


Druck von A. Th. Engelhardt in Leipzig. 


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XX. Jahrgang. III. Heft. 


Juli 1880. 


Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

Zahnheilkunde. 

Programm 

für die am 2 3. und 4. August d. J. in Berlin statt- 

findende 19. JahresYersammlung des Central-Vereins 
deutscher Zahnärzte. 

I. Vorträge. 

Schneider —Plauen: Ueber die Anwendung des Arsen in 
der zahnärztlichen Praxis. 

Kahnd —Glauchau: Demonstration der Herstellungs¬ 
weise von Emailblöcken zum Ersätze von 
Defecten an den labialen Flächen der Al¬ 
veolarwände. 

Schlenker — St. Gallen: Ueber Pulpenamputation nach 
Witzei. 

Sauer — Berlin: Ueber die praktische Ausbildung der 
Studirenden der Zahnheilkunde. 

Witzei — Essen: Praktische Demonstrationen in einem zu diesem 
Zwecke im Hötel de Rome eingerichteten Operations¬ 
zimmer : 

I. Die antiseptische Behandlung der Pulpa¬ 
krankheiten. 

II. Der Gebrauch der Diamant- und Corun- 
dumscheibeh beim Separiren und Füllen 
der Zähne. 

HI. Die Extraction tief cariöser Zähne mit 
neuen Resectionszangen. 

H. Zur gemeinschaftlichen Besprechung. 

Erfahrungen und Untersuchungen über Zink- 

phosphatfüllungen. 

xx. 15 


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214 Programm f. d. 19. Jahresversammlung d. Centralvereins. 

Das Slayton’sche Amalgam. 

Die Amalgame. 

Ueber Herstellung von Contourfüllungen. 

Arthur’s permanente Trennung der Zähne als 
Prophylacticum gegen Caries der Seitenflächen. 

Dr. Jack’s Schrauben zum Reguliren schiefstehen¬ 
der Zähne. 

Behandlung der Alveolar-Pyorrhoe. 

Behandlung der Zahnfleischfisteln. 

Weitere Erfahrungen über die Verwendung des 
Celluloids. 

Herr College Losse hat sich erboten, in seinem Laborato¬ 
rium, Friedrichsstrasse 34, Hof links, am 2. August von 1 bis 
3 Uhr die Darstellung und Comprimirung des Stickstoffoxyduls 
zu demonstriren. 

Die Herren Collegen werden hierdurch dringend gebeten, 
Themata, die ihnen der Besprechung im Verein werth erscheinen, 
oder über welche sie einen Vortrag zu halten, resp. ein Referat 
zu geben wünschen, baldigst dem Unterzeichneten mitzutheilen, 
damit vom Vorstande rechtzeitig zur Aufstellung des endgiltigen 
Programms geschritten werden kann. Recht vielseitige Betheiligung 
ist stets erwünscht. 

Als empfehlenswerthe Hötels sind zu bezeichnen: Hötel de 
Rome selbst, sodann Hötel de Petersburg, Meinhardt’s Hötel 
in unmittelbarer Nähe des Sitzungslocales, Linden-Hötel (Holt- 
feuer); als einfachere Hötels Zernikow’s Hötel, Charlotten¬ 
strasse No. 43, Janson’s Hötel, Mittelstrasse No. 53/54, auch 
in der .Nähe des Sitzungslocales. Näheres unter den Notizen. 

Zur Aufnahme in den Verein haben sich bis jetzt gemeldet: 

1) Herr Alfred Overmann, Zahnarzt in Cöln. 

2) „ A. J. Schmidt, Zahnarzt in Strassburg (Eisass). 

3) „ F. Montigel, Zahnarzt in Chur (Schweiz). 

4) „ Dr. v. Guörard, Hofzahnarzt in Berlin. 

5) „ Dr. Zimmermann, Hofzahnarzt in Berlin. 

Leipzig, den 22. Februar 1880. 

Dr. Klare. 


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Local-Progamm f. d. 19. Jahresversammlung d. Centralvereins. 215 


LocaL-Programm 

für die am 2., 3. und 4. August 1880 in Berlin abzu¬ 
haltende 19. Jahresversammlung des Central -Tereins 
deutscher Zahnärzte. 


Sonntag den 1. August. 

Abends 8 Uhr: Zusammenkunft im Grand Hotel de Rome, 
Unter den Linden 39, zur Begrtissung und Bewillkommnung der 
Gäste. 


Montag den 2. August. 

Vormittags von 9 — 1 Uhr: Oeffentliche Sitzung im Fest¬ 
saale des Grand Hötel de Rome, Unter den Linden 39, I. 

Nachmittags von 3 — 5 Uhr: Vereins-Sitzung nur für die 
Mitglieder des Central-Vereins deutscher Zahnärzte. 

Abends 7 Uhr: Besuch des zoologischen Gartens. 

Dienstag den 3. August. 

Vormittags von 9—1 Uhr: Oeffentliche Sitzung. 

Nachmittags von 3 — 5 Uhr: Vereins-Sitzung. 

Um 6 Uhr: Festessen im Grand Hötel de Rome. 

Mittwoch den 4. August. 

Vormittags von 9 — 1 Uhr: Oeffentliche Sitzung. 

Nachmittags 2 Uhr: Abfahrt Vom Potsdamer Bahnhof 
nach Wannsee; daselbst von 2 V 2 —4 Uhr Dejeuner dinatoire; 
Dampfschifffahrt über die Havel-Seen, Pfauen-Insel nach Glienicke 
und Babelsberg (nach deren Besichtigung) bis zur langen Brücke 
in Potsdam. Wagenfahrt durch Sanssouci u. s. w., u. s. w. nach 
dem Bahnhof in Potsdam. Abendessen ä la carte in dem oberen 
Saale des Bahnhof-Restaurant. 

Rückfahrt nach Berlin mit beliebigen Eisenbahnzügen. 

Die Theilnahme der Damen an den gemeinschaftlichen Ver¬ 
gnügungen ist sehr erwünscht. 


15* 


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216 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


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Ueber die Gefahr, künstliche Zähne zu 
verschlucken. 

Von 

Jul. Parreidt, Zahnarzt an der chirurgischen Universitäts¬ 
poliklinik zu Leipzig. 


Hin und wieder finden wir in medicinischen und zahn¬ 
ärztlichen Zeitschriften Fälle von verschluckten Zahnersatzstücken 
angeführt. Dieselben haben vom ärztlichen Standpunkte aus in 
der Regel weiter kein Interesse, als jeder andere Fall von 
„Fremdkörpern im Pharynx oder im Oesophagus“. Für den 
Zahnarzt hingegen bieten solche Fälle in mehreren Beziehungen 
das höchste Interesse dar. Nicht nur die Behandlung interessirt 
uns beim Lesen von Berichten über verschluckte Zahnersatz¬ 
stücke, sondern auch besonders die Verhütung von dergleichen 
Unglücksfällen. 

Um einer Gefahr auszuweichen, müssen wir die näheren 
Umstände kennen, unter welchen sie entsteht. Dieselben sind 
jedoch an einzelnen Fällen nicht deutlich zu erkennen; dagegen 
wird eine Zusammenstellung einer grösseren Anzahl von Fällen 
die Ursache der Gefahr und somit in gewissem Grade die Mittel 
zur Verhütung dieser erkennen lassen. Auch bezüglich der Be¬ 
handlung muss eine derartige casuistische Zusammenstellung lehr¬ 
reich sein. 

Die vorhandenen, hierher gehörigen Zusammenstellungen, 
welche meist von Aerzten herrühren, betreffen gewöhnlich „Fremd¬ 
körper im Oesophagus“, worunter auch einige Gebisse mit Vor¬ 
kommen. Eine Zusammenstellung, welche ausschliesslich die 
Dislocation von Gebissstücken in den Pharynx, Oesophagus, 
Magen und in den Kehlkopf betrifft, hat zuerst Felix Weiss 1 ) 
in London mitgetheilt. Ich habe seiner Zeit in der „Deutschen 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ 2 ) kurz darüber berichtet. 

1) Trans, odont. Soc. Great Brit., Vol. IX, März 1877. 

2) Band XVIII, 1878, S. 281. 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


217 


Der Weiss’sche Bericht umfasst 25 Fälle. In der nachfolgen¬ 
den Zusammenstellung sind dieselben mit aufgenommen-, 37 Fälle 
konnte ich noch hinzufügen, so dass ich im Ganzen über 62 Fälle 
berichten kann. 

Um diejenigen Punkte, welche uns am meisten interessiren, 
am sichersten hervorzuheben, um überhaupt den reichlichen Stoff 
übersichtlich darzubieten, dürfen wir keine .langen Kranken¬ 
geschichten mittheilen, sondern müssen uns auf das Allernoth- 
wendigste beschränken. Wer sich für einzelne Fälle specieller 
interessirt, mag darüber nachlesen, wo Ausführlicheres berichtet 
ist. Wir geben deshalb für jeden einzelnen Fall die Quelle, aus 
der wir schöpften, genau an. 

Bisweilen ist ein Fall in verschiedenen Journalen er¬ 
wähnt worden. Dadurch erhält der oberflächliche Leser den 
Eindruck, als existirten überhaupt viel mehr Berichte, als es in 
der That der Fall ist. -Man erkennt die Identität der Fälle 
nicht immer leicht. Deshalb haben wir, wo uns mehrere Berichte 
über ein und denselben Fall begegneten, auch darüber den nöthigen 
Nachweis gegeben. 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

1 . 

Hering 

Dame, ca. 

Heftige 

Schmale Gold- 

Kein Schmerz, nur ge- 


jun., Vier- 

30 Jahre 

Krämpfe 

platte mit 6 

linder Druck beim 


teljahrs- 

alt. 

mit Be- 

Zähnen. Befesti- 

Trinken. Das Ersatz- 


schrift f. 


wusst- 

gung: 2 Stifte 

stück lag jedenfalls 


Zahnhlk. 


losigkeit 

in Wurzeln. Die 

im Magen. — Ther.: 


1861, 


während 

Piece hatte in 

Abführmittel, Eiweiss 


S. 97. 


der 

der letztenZeit 

in grossen Mengen. 




Nacht. 

sehr locker ge¬ 

12 Tage nach dem 





sessen; aber Pat. 

Unglücksfalle: Ent¬ 


| 



hat die Kosten der 

leerung der Piöce 





Wiederbefesti¬ 

mit dem Stuhle, 





gung gescheut und 

in harte Faeces ein¬ 





durch Um Wicke¬ 
lung der Stifte mit 
Garn u. s. w. sich 
selbst hingeholfen. 

gebettet. 


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218 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

2. 

Swin- 

? 

? 

Goldplätte mit 

Expectoration vielen 


bum, 



2 Zähnen, l 1 /* 

Schleimes. Die Pi&ce 


Dental 



Zoll lang, ‘/«Zoll 

steckte imOesopha- 


Register 



breit Eine Kl am- 

gus zwischen Os 


of the 



mer war abge- 

hyoideum und Ster- 


West, 



brochen. 

num. Extraction 


Jan. 1864; 




mit einer Schlund- 


Yiertelj. f. 
Zahnhlk. 




zange. 


1865, S. 






129. 





3. 

Ibid. 

P. B., ein 

Im Streite 

4Zähne an einer 

Anfangs Schmerz un- 



junger, 

Schlag 

Goldplatte mit 

terhalb des Larynx, 



kräftiger 

auf den 

Klammern. Die 

am Sternum; Husten 



Mann. 

Mund, 

Platte war l’/ a 

und Würgen. Extrac- 




wobei die 

Zoll lang, */ 4 Zoll 

tionsversuch mit der 




Klammern 

breit. Die Ränder 

Schlundsonde (?). Er- 




zer¬ 

der Platte waren 

brechen und starker 




brachen. 

sehr scharf. 

Bluterguss während 
einer ganzen Nacht; 
Anschwellung an der 
rechten Seite des 
Halses von 10 Zoll 


« 


• 


Durchmesser. Disp- 
noe, nach vielen Lei¬ 
den Tod. — Die 
Section ergab eine 
Verletzung der Lunge 
durch den Extrac¬ 
tionsversuch. Die Ge¬ 
schwulst enthielt Ei¬ 
ter. Die Platte steckte 
hinter dem obern 
Rande des Ster¬ 
num, mit dem einen 
Ende in der Lunge. 
DerOesophagusan 
2 Seiten durchlöchert. 




m 


Pleuropneumonische 

Zeichen. 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


219 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

4. 

Süersen, 

V 

? 

1 Zahn mit Kaut- 

Mit dem Schlundstosser 


Viertelj. f. 



schukplatte. 

hinuntergestos- 


Zahnhlk. 




sen. Ausgang un- 


1865, 

S. 275. 




bekannt. 

5. 

Hering 

48 Jahre 

Während 

Untergebiss, ur- 

Das Gebiss war mit 


jun., 

alter kräf- 

des 

sprünglich durch 

dem einen Stifte in 


ibid. 

tiger 

Schla- 

2 Klammem und 

der Schlundwand 


S. 2*6. 

Mann. 

fes. 

2 Stifte befe- 

fixirt. — Exträctions- 





stigt. Aber alle 1 

versuch mit Haken 





Befestigungs - 

und dem Münzen- 





punkte waren 

fänger jedoch ohne 





mit der Zeit 

Erfolg. Mit Erfolg 





verlöret» ge- 

mittels der Guat- 





gangen, so 

tan i’schen Zange.— 





dass das Ge- 

2 Tage nach der Ope- 





biss locker 

ration F ieber, Husten, 





sass und oft, 

Entleerung eiteriger 





besonders 

Sputa. Der Hals 





Nachts, her- 

schwoll an, d. Schlin¬ 





ausfiel. 

gen wurde fast un¬ 
möglich, die Sprache 
näselnd und zitternd. 
— Am 6. Tage nach 
dem Unglücksfalle 
Tod unter den Er¬ 
scheinungen der Suf- 
focation (wahrschein¬ 
lich durch Perforation 
der hinteren Kehl¬ 
kopfswand). 

6. 

Schmidt 

Dame aus 

? 

? 

Tod. 


ibid. 

Hildes¬ 





S. 277. 

heim. 




7. 

Derselbe, 

? 

? 

2 Zähne. 

Keine grossen Be¬ 


ibid. 



• 

schwerden. — Spon¬ 
tane Entleerung. 


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220 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis- 

Beschaffenheit des 
Ersatzstackes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 



location 

Ausgang 

8. 

Baden, 

? 

? 

3 Zähne, mit 

In den Oesophagus 


Yiertelj. f 



Klammern und 

gelangt. Extrac- 


Zahnhlk. 



Stiften befestigt. 

tion. 


1865, 

S. 277. 





9. 

Leopold 

Junge 

V 

Pi6cemit2 Zähnen 

Nach 7 Jahren von der 


ibid. 

Dame aus 


und einem langen 

phthisisch geworde- 



Braun- 


Drahte. 

nen Dame ausge- 



schweig. 



hustet. 

10. 

Jung und 

Dame in 

Beim 

V 

Tod nach 3 Tagen. 


Haun, 

Wernige- 

Essen v. 




ibid. 

rode. 

Kartoffel- 






brei. 



11. 

Geog- 

60 Jahre 

Im 

Kautschukpi&ce mit 

Schlingbeschwerden, 


hegan, 

alter 

Schlafe. 

5 Zähnen. 

Salivation. Das Er- 


Dubl.med. 

Herr. 



satzstück lag 5 Mo- 


Press and 

1 



nate lang hinter 


Circ. 1866, 




der Zungenwur¬ 


März; 




zel, ohne dass Pat. 


Viertelj. f. 




eine Ahnung davon 


Zahnhlk. 




hatte. Extraction 


1867, S.65; 
Tr. od. 
Soc. Gr. 
Br. 1877, 




mit der Polypenzange. 


S. 145. 





12. 

J. Paget, 

60 Jahre 

Im 

Oberes Gebiss mit 

Schwerathmigkeit, Er- 


Med. Tim. 

alter 

S chlafe. 

9 Zähnen an 

stickungsnöth, 


and Gaz. 

Mann. 


einer mässig brei¬ 

Schlingbeschwerden, 


1862; 



ten Platte mit 2 

etwas Husten, manch- 


Dental 



Klammern. (S. 

, mal Erbrechen. Das 


Rev. 1862; 



Fig. 1 , S. 239.) 

Gebiss lag zwi¬ 


Viertelj. f. 




schen der Zungen¬ 


Zahnhlk. 




basis und der 


1862, 




Epiglottis. Ex¬ 


S. 185; 




traction nach 3 Mo¬ 


Tr. od. 




naten mit den 


Soc. Gr. 
Br. 1877, 


• 


Fingern. 


S. 138. 






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künstliche Zähne zu verschlucken. 


221 


Nr. 


Literatur¬ 

nachweis 


Patient 


Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 


Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 


Symptome, 

Verlauf, Behandlung. 
Ausgang 


13. 


G. Blume 
Viertelj. f. 
Zahnhlk. 


Julie 
Huber, 
30 Jahre 


1863, 
S. 21. 


alt. 


Unbe¬ 
kannt. 
Pat. hatte 
keine 
Ahnung 
von der 
Dis¬ 
location 
des 

Gebisses. 


3 Zähne mit Ad¬ 
häsionsplatte. 
Kautschukplatte 
42 mm breit, 23 mm 
lang und 13 mm 
hoch. Vom vier 
halbmondförmige 
Ausschnitte mit 
scharfen Spitzen 
zur Aufnahme der 
Schneidezähne. 
Auf der rechten 
Seite 1 derartiger 
Ausschnitt, auf 
der linken 2. Von 
einem vorderen 
Ausschnitte aus 
zieht sich ein Riss 
durch die Platte. 
(Vgl. die Fig. a. 
a. 0 ) 


Heftige Halsschmerzen, 
die Pat. auf eine Er¬ 
kältung zurückführt. 
Diphtheritische An¬ 
gina. Einmal Erstik- 
kungsanfall. Schling¬ 
beschwerden, in der 
Gegend des Kehl¬ 
kopfes, Schmerz auf 
Druck. — Blutegel, 
feuchtwarme Um¬ 
schläge gegen die 
diphtheritischen Er¬ 
scheinungen. Bei der 
laryngoskopischen 
Untersuchung wurde 
die Piöce im Pha¬ 
rynx unter der Epi¬ 
glottis, hinter den 
Cart. arytaen. sicht¬ 
bar. 5 Wochen nach 
dem Unfälle Ex¬ 
traction des Fremd¬ 
körpers unter Lei¬ 
tung des Kehlkopf¬ 
spiegels mit einer 
sich nach vom und 
hinten öffnend. Zange. 


14. 


Fergus- 
son, Syst, 
of pract. 
Surgery, 
S. 409; 
Prager 
Viertelj. 
1867; D. 
Viertelj. f. 
Zahnklk. 


Mann. 


5 Zähne in Gold. 


Der Fremdkörper ver¬ 
blieb mehre Jahre 
im unteren Theile 
des Oesophagus. 
Vermuthlich hatte 
sich ein Divertikel 
gebildet. 


1868, 
S. 325. 


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222 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Yerlauf, Behandlung, 
Ausgang 

16. 

Duncan, 

Junger 

? 

2 künstl. Zähne. 

Die Piöce konnte wegen 


Lond. 

Zahnarzt. 



tiefer Lage iip Oe- 


med. Gaz. 




sophagus nicht mit 


1844 




der Zange gefasst 


Viertelj. f. 




werden. — Tod nach 


Zahnhlk. 




14 Tagen durch Ver- 


1868, 




blutung. (Bei der Sec- 


S. 325. 




tion zeigte sich eine 
Perforation des Oeso¬ 
phagus und der Aorta: 
10 Pfund Blut im 






Magen, Oesophagus 
und Duodenum.) 

16. 

Meekren, 

Frau. 

? 

Gaumenobturator. 

Tod durchErstickung. 


Mem. de 




Die Epiglottis war 


l’Acad. 
chir., T.II, 
p. 372; 
Yiertelj. f. 
Zahnhlk. 




niedergedrückt. 


1868, 

S. 326. 





17. 

Buist, 

40 Jahre 

? 

2 Zähne mit Gold¬ 

Das Gebiss steckte i m 


New-Orl. 

alter 


platte. 

Oesophagus. Delir. 


med. 

Mann. 


. 

tremens. — Tod nach 


News and 




3 Tagen. (Perforation 


Hospit. 




des Oesoph. und der 


Gaz. 1858, 




hinteren Seite des 


S. 790; 

y. f. z. 




Pericar dium.) 


1868, 

S. 375. 





18. 

Lancet 

24 Jahre 

? 

Metallplatte mit 3 

Das Ersatzstück steckte 


1862, 

alter 


Zähnen. 

im Pharynx an der 


p. 591; 

Mann. 



Epiglottis. Plötzlicher 


V. f. Z. 




Tod. 


1868, 

S. 375. 






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künstliche Zähne zu verschlucken. 


223 


==== 



Gelegen- 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

heit der 
Dis¬ 
location 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

19. 

Varges, 

48 Jahre 

? 

Gebiss. 

Im Oesophagus. 30 


Zeitschr. 

alter 



Stunden nach dem 


f. Chir.; 

Mann. 



UnfalleExtraction. 


Viertelj. f. 




Nach 6 Tagen unter 


Zahnhlk. 




Suffocation Tod. — 


1868, 




(Section verweigert: 


p. 375. 




vermuthlieh Perfor. 
der Trachea.) 

20. 

C. Cock, 

22 Jahre 

Im 

Schneidezahn an 

Schlucken sehr er- 


Med. Tim. 

alter 

Schlafe. 

einer Goldplatte. 

schwert. Schmerz 


and Gaz. 

Mann. 



unterhalb des Kehl- 


1856; 




kopfes. Die Sonde 


Guys Hos. 




traf auch an dieser 


Reports 




Stelle im Oesopha- 


1858; 




gus auf ein Hinder- 


Prager 




niss. Extractionsver- 


Viertelj. 




suche, Brechmittel. 


1867; 




Am 6. Tage Oeso- 


Viertelj. f. 




phageotomie. 


Zahnhlk. 




Schliessung d. Wunde 


1868, 

S. 375; 
Tr. od. 
Soc. Gr. 




j nach 4 Wochen. 


Br. 1877, 
p. 138. 




i 

21. 

Robin¬ 

Frau. 

Im 

6 Zähne an einer 

Anfangs im oberen 


son, 


Schlafe. 

Goldplatte, die 

Theile des Oeso¬ 


Boston 



mittels zweier 

phagus sitzend, war 


med. and 



Haken an den 

das Gebiss durch eine 


surg. 



hinteren Zähnen 

heftige Schluckbewe¬ 


Journal; 



befestigt gewesen 

gung in den Magen 


Zahnarzt 



waren. 

gelangt. Nach 3 Tagen 


1870, 




Entleerung mit den 


S. 256. 


- 


Faeces. 


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224 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung. 
Ausgang 

22. 

Pollock, 

Fr. T., 

Beim Ein- 

2 Zähne an einer 

19Tage imOesopha- 


Br. Journ. 

33 Jahre 

nehmen 

Goldplatte mit 

gus unter heftigen 


of Dent. 
Sc. 1869, 
Apr.; 

V. f. Z. 

1871, 

S. 167; 
Tr. od. 
Soc. Gr. 
Br. 1877, 
S. 165. 

alt. 

einer 

PiUe. 

scharfen Spitzen 
(halbe Klammem). 

Beschwerden; in den 
Magen gestossen. 97 
Tage im Magen, 
und schliesslich er¬ 
brochen. 

23. 

Pollock, 

W. M., 

Bei 

3 Zähne an einer 

Sofortiger Tod. (Bei 


Br. Journ. 

24jähr. 

einem 

Platte mit zwei 

der Section wurde 


Dt. Surg. 
1869, 
Apr.; 
Lancet 
1869, 
Apr.; 

Y. f. Z. 
1871, 

S. 157. 

Mann. 

Falle 
auf das 
Gesicht. 

scharfen vorsprin¬ 
genden Haken. 

das Gebiss auf der 
Epiglottis fixirt ge¬ 
funden.) 

24. 

Dear- 
den, 
Lancet; 
Viertelj. f. 
Zahnhlk. 

1871, 

S. 160. 

V 

Beim 

Trinken. 

1 Zahn an einer 
Goldplatte mit 
einem Stifte. 

Beim Schlucken starke 
Schmerzen in der 
Begio epigastrica. Der 
Fremdkörper wird m. 
der Schlundsonde im 
Oesophagus ge¬ 
fühlt. Der Versuch, 
ihn in den Magen zu 
stossen, gelang nicht. 
Extraction mit 
einer am Schlund- 
stosser befestigten 
Stahldrahtschlinge. 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


225 


Literatur¬ 

nachweis 

Gelegen- 

Patient ^ett der Beschaffenheit des 
Dis- Ersatzstückes 

location 

Symptome, 
Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

25. Pichler, 

Mann. Im 4 Zähne an einer 

Anfangs keinerlei Be- 

Deutsche 

Schlafe. schmalen (*/ 4 Zoll 

schwerden. Bei der 

Viertelj. f. 

breiten und l’/ 4 

laryngoskopischen 

Zahnhlk. 

Zoll langen) Gold- 

Untersuchung wurde 

1872, 

platte mit einer 

der Fremdkörper 

S. 145; 

Klammer. Die 

unterhalb der Stimm- 

Tr. od. 

andere Klammer 

bänder im Laryirx 

Soc. Gr. 

j war abgebro- 

gefunden. Plötzlich 

Br. 1877, 

chen. 

Athemnoth, Cyanose. 

S. 157. 


Dr. Schrötter und 



Czerny in Wien 



machten die Lary n - 



gotom ie u. schoben 


- 

das Gebiss durch die 



Glottis wieder nach 



oben, von wo sie es 



durch den Mund her- 



ausbrachten. 

26. Smith, 

Fleischer. ? 2 Zähne an einer 

Versuche, mit den 

Lancet, 

Goldplatte mit 3 

Fingern das Stück 

Apr. 1871; 

Klammern und 

aus dem Pharynx 

Zahnarzt 

i 1 Stifte (von einem 

zu entfernen, führten 

1872, 

Röhrenzahne). 

nur* dazu, dass es 

S. 29; 

1 

j 

weiter hinabglitt. 

Tr. od. 


Da auch Versuche 

Soc. Gr. 


mit der langen, ge¬ 

Br. 1877, 


krümmten Oesopha- 

S. 169. 


guszange nicht zum 


1 | 

Ziele führten, wurde 



das Gebiss schliess¬ 


I 

lich in den Magen 



hinuntergestossen. 



Bei ruhigem Verhal¬ 



ten des Patienten 


i 1 

passirte der Fremd¬ 


1 1 

1 

körper den ganzen 


| 

Darmtractus u. wurde 


i 

, i ' 

nach 9 Tagen per 


■ ! 1 

anum entleert. 


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Original frnm 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



226 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

. 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit' des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

27. 

King, 

Mann. 

? 

Zähne an einer 

Da der Versuch, den 


Lancet, 



Platte mit 

Fremdkörper zu re- 


Apr. 1871; 



Haken. 

moviren, nicht ge- 


Zahnarzt 




lang, so wurde er in 


1872, 




den Magen ge- 


S. 29; 




stossen Nach eini- 

• 

Tr. od. 




gen Tagen erfolgte 


Soc. Gr. 




der Tod. (Der eine 


Br. 1877, 




Haken hatte den Oe - 


S. 170. 




sophagus aufge- 






schlitzt und die Aorta 






perforirt.) 

28. 

Mat- 

Frau, 

Im 

6 Zähne an einer 

Athemnoth, Patientin 


thews, 

die an 

Krampf- 

ziemlich grossen 

konnte weder schluck. 


Lancet, 

Epilepsie 

anfalle 

Metallplatte mit 

noch sprechen. Die 


Mai 1871; 

litt. 

Während 

einer Klammer. 

Piöce konnte mit den 


Y. f. Z. 


der 

(Vgl. Fig. 2.) 

Fingern nicht erreicht 


1873, 


Nacht. 


werden. Sie war 1 


S. 103; 




Zoll unterhalb der 


Tr. od. 




Epiglottis im Pha¬ 


Soc. Gr. 




rynx eingeklemmt. 


Br. 1877, 




Extraction mit 


S. 142. 




einer langen Polypen¬ 






zange. 

29. 

Bat¬ 

Mann 

In einer 

7 Zähne in Gold. 

Schlingbeschwerden, 


cheider, 

von 

Ohn¬ 

Pat. trug das Er¬ 

schmerzhaft. Husten. 


Dent. Cos. 

66 Jahren. 

macht. 

satzstück nur beim 

Nach 15 Monaten 


1872, 



Lesen u. Sprechen, 

plötzlich Athemnoth. 


Septbr.; 



da er es zum 

2 Stunden darauf 


Y. f. Z. 



Kauen nicht 

wurde der Fremd¬ 


1873, . 



gebrauchen 

körper ausgehustet. 


S. 223. 



konnte. 


30. 

Faulk- 

Dame. 

Im 

1 Zahn mit einer 

Dyspnoe. Ein Emeti- 


ner, 


Schlafe. 

plump gearbeite¬ 

cum gegeben. Das 


Lancet; 



ten Platte aus 

Ersatzstuck mit er¬ 


Dent. Cos. 



Kautschuk mit 

brochen. 


1876, 



mehreren scharfen 



S. 331. 



Spitzen. 



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Original from 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



künstliche Zähne zu verschlucken. 


227 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis- 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 
Verlauf,. Behandlung, 



location 

Ausgang 

31. 

Dolan, 

Frl. L. H. 

Im 

2 Zähne an einer 

Schmerzen. Das Er- 


Lancet; 


Schlafe. 

Platinplatte mit 

satzstück an der 


Dent. Cos. 



scharfen Spitzen. 

Zungenbasis ge- 


1876, 




funden. Extrac- 


S. 386. 




tion. 

32. 

Brit. med. 

V 

Im 

2 Zähne an einer 

Die Platte steckte im 


Journ.; 


Schlafe. 

ziemlich grossen 

Oesophagus hinter 


Dent. Cos. 



Goldplatte mit 

dem Sternum. Da ein 


1876, 



einem Haken an 

Emeticum nicht das 


S. 386. 


| 

i 

1 

jeder Seite. 

Erbrechen d. Fremd¬ 
körpers bewirkte, so 
wurde dieser in den 
Magen gestossen. V er- 
stopfende Nahrung 
empfohlen. Das Ge¬ 
biss passirte den 


- 




Darm. 

33. 

Med. Tim. 

Junge 

Im 

2 Ersatzstücke, 

Das eine Ersatzstück 


and Gaz.; 

Dame. 

Krampf¬ 

jedes mit 2 Zähnen 

gelangte in den Oe¬ 


Dent. Cos. 


anfalle 

an einer Gold¬ 

sophagus, das an¬ 


1876, 


während 

platte. Beide 

dere indenLarynx. 


S. 443. 


der 

waren nicht 

Schmerz u. Dyspnoe. 




Nacht. 

gut im Munde 

Jenes wurde in den 





fixirt. 

Magen gestossen 
u. ging später mit 
dem Stuhle ab; 
dieses wurde durch 
Tracheotomie ent¬ 
fernt. 

34. 

Corresp. 

Junge 

Im 

Zähne mit Gaumen¬ 

Patientin konnte selbst 


f. Zahn¬ 

Frau, 

Krampf¬ 

platte. 

nichts Flüssiges ge¬ 


ärzte 

die an 

anfalle. 


messen. Das Gebiss 


1877, 

Krämpfen 



steckte im Oeso¬ 


S. 55. 

litt. 



phagus. Entfernung 
durch Oesopbageo- 
tomie. 


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228 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 
Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

35. 

Lancet, 

Frau. 

Im 

5 Schneidezähne an 

Das Ersatzstück konnte 


Fbr. 1870; 


epilep- 

einer Goldplatte 

mit der Schlundsonde 


Tr. od. 


tischen 

von l 3 / 4 Zoll Länge 

im Magen gefühlt 


Soc. Gr. 


Anfalle. 

u. 1 % Zoll Breite. 

werden und wurde 


Br. 1877, 




mit dem Münzen- 


S. 143. 




fänger extrahirt. 

36. 

Med. Tim. 

Frau. 

Nachts. 

8 Zähne an einer 

Extraction aus dem 


and Gaz., 



Goldplatte mit 

Oesophagus mit einer 


Dec. 1857; 



einem Stift. Schon 

langen Polypenzange. 


Tr. od. 



früher hatte Pat. 



Soc. Gr. 



einmal das Gebiss 



Br. 1877, 



lose im Munde 



März. 



gefunden. 


37. 

Felix 

Herr T. D. 

Im 

10 obere Zähne 

Pat. erwachte in höch- 


Weiss, 


Schlafe. 

mit einer breiten 

ster Athemnoth um 


Tr. od. 



Goldplatte ohne 

12 Uhr Nachts. Früh 


Soc. Gr. 



Klammern. Das 

9 Uhr untersuchte 


Br. 1876, 



Gebiss war seit 9 

Bell und konnte 


Dec. 



Jahren im Ge¬ 

den Fremdkörper mit 





brauche und ad- 

den Fingern gerade 





härirtesogut, dass 

noch erreichen, ihn 





es ohne Mitwir¬ 

aber nicht fassen. 





kung der Zunge 

Extraction mit 





nicht gelockert 

einer sich nach hinten 





werden konnte. 

und vom öflhenden 





(Vgl. Fig. 3.) 

Oesophaguszange. 

38. 

Wood, 

Miss C., 

Im 

7 Zähne an einer 

Die Piöce steckte im 


Tr. od. 

epilep¬ 

Krampf¬ 

Goldplatte, mit 

Pharynx und wurde 


Soc. Gr. 

tisch. 

anfalle. 

3 Klammern be¬ 

mit einer Zange ex¬ 


Br. 1877, 



festigt. 

trahirt. 


März. 



(Vgl. Fig. 4.) 


39. 

Smith, 

Elisa B., 

Im 

5 Zähne an einer 

Patientin wurde durch 


ibid. 

22 Jahre 

Schlafe. 

Saugeplatte aus 

heftigen Schmerz im 



alt. 


Kautschuk. 

Rachen geweckt. 



1 



Extraction. 


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UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



künstliche Zähne zu verschlucken. 


229 


Nr. Literatur- p atient 
nachweis 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

40. Smith, 20 Jahre 

Im 

Einige Zähne an 

Das Gebiss steckte 

Tr. od. alter 

Schlafe. 

einer Kautschuk- 

hinter dem Ring- 

Soc. Gr. Mann. 


platte mit 2 Gold- 

knorpel im Pha- 

Br. 1877, 


klammern. 

rynx. Extraction 

März. 



mit einer Zange. 

41. Cock, Mann. 

Im 

Silberplatte, anwel- 

Die Platte gelangte in 

Guys 

Schlafe. 

eher früher sieben 

den Pharynx. Pat. 

Hospit. 


Röhrenzähne 

konnte keine Nah- 

Rep., 


befestigt gewesen 

rang zu sich nehmen. 

Bd. XHI; 


waren. Letztere 

Die Ernährung wurde 

Tr. od. 


waren aber mit der 

künstlich bewerk- 

Soc. 1877, 


Zeit abgegangen, 

stelligt durch einen 

März. 


so dass die Platte 

biegsamen Katheter, 



nur noch 7 Stifte 

welcher an der Platte 



trug. 

vorbeigeschoben wer- 




den konnte. 4 Tage 




nach dem Unfälle 




Oesophageotomie 




und Entfernung des 




Fremdkörpers. Ge¬ 




nesung. 

42. Windor, Fr. D., 

Im 

3 Zähne an einer 

Schmerz hinter dem 

Med. Tim. 30 Jahre 

Schlafe. 

Metallplatte, 

Sternum. Das Ge¬ 

and Gaz. alt. 


schlecht be¬ 

biss konnte mit den 

1856, 


festigt. 

Fingern nicht erreicht 

Febr.; 



werden. Es wurde 

Tr. od. 



mit der Schlundsonde 

Soc. 



in den Magen hin¬ 

1877, 



abgeschoben. Nach 

März. 



einigen Tagen Ent¬ 




leerung mit dem 




Stuhle. 

43. Taylor, Frau. 

Beim 

6 Zähne an einer 

Schlucken nicht erschw. 

Lancet, 

Essen 

Goldplatte. Ohne 

Brennendes Gefühl in 

Apr. 1869; 

von 

vorspringende 

der Regio epiga- 

Tr. od. 

Suppe. 

Klammern. Die 

s tri ca. Gastoröl und 

Soc. 


ganze Oberfläche 

Mehlnahrung verord¬ 

1877, 


glatt. 

net. 3 Tage nach d. 

März. 

1 


Unfall ging d. Fremd¬ 




körper per anum ab. 

XX. 



16 


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Original frnm 

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230 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

44. 

Julius, 
Lancet, 
Apr. 1860; 
Tr. od. 
Soc. Gr. 
Br. 1877, 
März. 

Frau. 

? 

4 Schneidezähne an 
einer Goldplatte 
durch je eine 
Klammer an den 
beiden Enden der 
Platte an den 
Mahlzähnen be¬ 
festigt. Eine der 
Klammern war 
verbogen wor¬ 
den und liess 
eine scharfe Spitze 
vorstehen. 

Einige Stunden nach 
dem Unfälle Schmerz 
im Magen, der nach 
einigen weiteren Stun¬ 
den plötzlich wieder 
nachliess. Nach 24 
Stunden Schmerz im 
Colon, der abermals 
nach einigen Stunden 
verschwand. Am an¬ 
dern Morgen heftige 
Schmerzen im Unter¬ 
leibe. Mit ein. Kathe¬ 
ter wurde ein harter 
Gegenstand i m R e c - 
tum gefühlt, 2 Zoll 
über dem Sphincter. 
Extraction mit 
einer Zange unter 
Leitung des Mast¬ 
darmspiegels. 

45. 

Bell- 
Weiss, 
Tr. od. 
Soc. Gr. 
Br. 1877, 
März. 

Junge 

Frau. 

? 

1 

2 Zähne an einer 
Platte. 

| 

1 

j 

Suffocationserscheinun- 
gen, die jedoch bald 
nachliessen, während 
die Platte in den 
Magen gelangte. Un¬ 
verdauliche Nahrung 
und ruhige Lage an¬ 
geordnet. In Folge 
dessen passirte der 
Fremdkörper den 

Verdauungskanal u. 
wurde, in harte 
Faeces eingehüllt, 
per anum ent¬ 
leert. 


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UNIVERSITY OF CALIFORNIA 




künstliche Zähne zu verschlucken. 


231 


Literatur¬ 

nachweis' 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 

Ausgang 

46. Dick- 

Frau. 

Im 

Einige Zähne an 

Das Gebiss wurde mit 

son u. 


Schlafe. 

einer Goldplatte, 

der Schlundsonde 

Weiss, 



l*/ 4 Zoll breit u. 

etwa in der Höhe der 

Tr. od. 



2 l / a Zoll lang, mit 

Mitte des Ster- 

Soc. Gr. 



Haken an jeder 

num gefühlt und in 

. Br. 1877, 



Seite. 

den Magen ge- 

März. 




stossen. — Mehlbrei 
u. fingerlange Zwirns¬ 
fäden zu essen ver¬ 
ordnet, ferner Feigen 
u. s w. — Ungefähr 

8 Tage nach dem 

Unfälle wurde der 
Fremdkörper mit 

hartem Stuhle 

entleert. 

47. Wood u. 

? 

Patient 

2 Zähne an einer 

Der Fremdkörper pas- 

W eiss, 


hatte 

Goldplatte, l’/a 

sirte den Verdauungs- 

ibid. 


keine 

Zoll lang und */• 

kanal, ohne jeden 



Ahnung 

Zoll breit mit 2 

Schmerz, innerhalb 



davon, 

scharfen Klam¬ 

22 Tagen. 



dass das 
Gebiss 
überhaupt 

mern. 




ver¬ 





schluckt 



I 

[ 


war. 



48. Daily 

Marie 

Im 

Künstliche Zähne 

Die Zähne waren in 

News, 

Schuker, 

Schlafe. 

an einer zer¬ 

den Oesophagus 

19. März 

Dienst¬ 


brochenen 

gelangt, wurden durch 

1877; 

mädchen 


Platte. 

Oesophageotomie 

Tr. od. 

aus 



entfernt; doch bil¬ 

Soc. 

Wrex- 



dete sich später ein 

1877, 

ham. 



Abscess an der Ope¬ 

März. 




rationsstelle , woran 

Patientin starb. 





16* 

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Original from 

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232 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 

Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

4 öT 

Turner, 
Tr. od. 
Soc. Gr. 
Br. 1877, 
S. 176. 

Hand¬ 

lungs¬ 

reisender. 

i 

? 

Untere Platte ohne 
Zähne. 

Die Platte lag 12 Mo¬ 
nate unter der 
Zunge. Foetor ex 
ore, fast vollständige 
Sprachlosigkeit. Ul- 
ceration des M. 
genioglossus und 
des M. hyoglossus. 
Die Platte war in 
dem entzündeten ge¬ 
schwollenen Gewebe 
eingebettet. Man hielt 
die Ulceration für 
carcinomatös. Tur¬ 
ner fand die Platte, 
nach deren Extrac¬ 
tion der Patient bald 
genas. 

50. 

Ch. 

Tomes, 

ibid. 

? 


Platte, 2 Zoll lang, 
l V» Zoll breit. 

Ohne jeden Schmerz in 
2—3 Wochen den 
V erdauungskanal 
passirt. Verstopf. 
Diät. 

51. 

Dem- 

nant, 

ibid. 

? 

? 

2 Zähne an einer 
schmalen Platte. 

Fest im Oesopha¬ 
gus eingeklemmt, 
Removirt. 

52. 

Wood- 

Ein sehr 

Pat. trank 

3 Zähne an einer 

Den Darm in 3 Tagen 


house, 

leicht 

hastig ein 

Goldplatte mit 

ohne erhebliche Be¬ 


ibid. 

erreg¬ 

barer 

Mann. 

Glas 
Wasser, 
worin das 
Gebiss 
lag, aus. 

einer breiten 
Klammer. 

schwerden passirt. 

53. 

Derselbe. 

Mädchen. 

? 

Grössere Platte. 

i 

Bei verstopfender Diät 
passirte der Fremd¬ 
körper den Verdau¬ 
ungskanal ohne nen- 
nensw. Beschwerden. 

54. 

Walker, 

ibid. 

Amme. 

V 

4 Zähne an einer 
Platte. 

Passirte den Darm ohne 
jede Beschwerde in 
4 Tagen. 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


233 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis- 

Beschaffenheit des 
ErsatzstückeB 

Symptome, 
Verlauf, Behandlung, 




location 

Ausgang 

65. 

Weiss, 

Digby, 

Beim 

Künstl. Zähne an 

Die Versuche, den 


Tr. od. 

76 Jahre 

Mittag- 

einer Platinplatte, 

Fremdkörper aus dem 


Soc. Gr. 

alt 

essen. 

welche 2 Monate 

Oesophagus zu ex- 


Br. 1877, 



v. d. Unfälle zer- 

trahiren missglück- 


Dec.; 



brochen worden 

ten. Der Pat. starb 


Times, 



war, mit einem 

einige Tage nach dem 


6. Nov. 



Haken. „Ein ge- 

Unfälle und zwar, wie 





fährlicheres Ge- 

gerichtlich constatirt 





bissstück als 

wurde, „durch Shock 





dieses war nicht 

und infolge der Ver- 





denkbar.“ 

letzung des Schlun¬ 
des“. (Bei der Sec- 
tion zeigte sich, dass 




Im 


der Haken sich in die 




Schlafe. 


Oesophaguswand ein¬ 
gebohrt hatte.) 

56. 

Solt- 

Soldat, 


Obere Kautschuk- 

Schmerzen im Halse. 


sien, 

23 Jahre 


pi&ce von 13 cm 

Athemnoth, Schluck- 


Berliner 

alt. 


Umfang und 3,2 cm 

beschwerden. Das 


klinische 



Länge mit 3 Zäh¬ 

Stück steckte so im 


Wochen¬ 



nen. Seit dem 13. 

Pharynx, dass die 


schrift 



Jahre, wo die na¬ 

Zähne die Stimmritze 


1878, 



türlichen Zähne 

von hinten her über¬ 


S. 255. 



ausgeschlagen 

ragten. — Extrac¬ 





worden waren, ge¬ 

tion mit einer 





tragen. Die Platte 
konnte also unter 
kein. Umständ. 

Zange. 





mehr passen. 
Ausserdem war sie 




■ 


zerbrochen u. die 
Stücke von einem 
Zahnkünstler mit 
Seide zusammen- 
gebunden worden. 
Auf einer Seite 
waren 4, auf d. and. 
5 Einschnitte in d. 
Platte zur Aufnah. 
der noch vorhand. 
natürl. Zähne. 



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234 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 
Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

57* 

. 

0. 

Witzei, 
Corre- 
spondenz- 
blatt für 
Zahnärzte 
1879, 

S. 42. 

Kräftiger 

junger 

Mann. 

V 

Kautschukgebiss m. 
3 Zähnen, des¬ 
sen Klammern 
abgebrochen 
waren. 

Die Piäce wurde mit 
der Schlundsonde 
unterhalb des Kehl¬ 
kopfes im Oeso¬ 
phagus gefühlt. Oe- 
sophageotomie 
(v. Langenbeck). 
Remotion. Ernährung 
durch die Schlund¬ 
sonde. Am 9. Tage 
nach der Operation 
Fieber und Schmer¬ 
zen im Halse. Tod. 
(Bei der Section fand 
sich eine grosse 
Menge jauchiger 

Flüssigkeit im hinte¬ 
ren Mittelfellraume 
angesammelt.) 

58. 

Sonnen¬ 

berg, 

Berliner 

klinische 

Wochen¬ 

schrift 

1879. 

Frau. 

Nachts. 

i 

Kautschukplatte m 
3 Zähnen. Durch¬ 
messer 3 und 6 cm. 

Im Oesophagus, 

etwa hinter dem 4. 
oder 5. Trachealringe. 
Weder mit dem 
Schlundhaken, noch 
mit dem Münzen¬ 
fänger, noch mit dem 
Collin’schen Instru¬ 
mente zu fassen. Oe- 
sophageotomie. 
Dabei machte der 
Fremdkörper eine 
Drehung, glitt nach 
abwärts und gelangte 
in den Magen. Am 
5. Tage nach der 
Operation mit dem 
Stuhle entleert. 

(Wundverlauf gün¬ 
stig.) 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


235 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 
Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

59. 

Corre- 

34 Jahre 

Beim 

Gebiss mit 3 Zäh- 

Nach mehr als sieben- 


spondenz- 

alter 

Essen. 

nen, das schon 

wöchentlichem (!) 


blatt für 

Arbeiter. 


viele Jahre ge- 

Fasten Tod durch 


Zahnärzte 



tragen worden 

Inanition. Die Platte 


1879, 



war. In der letz- 

war l 1 /» Zoll ober- 


S. 194; 



ten Zeit war es 

halb der Gardia 


Local 



dem Patienten 

liegen geblieben. 


Philad. 



mehrere Male 



paper. 



spontan aus 

dem Munde ge¬ 
fallen. 


60. 

Evans, 

Junges 

Beim 

Goldplatte mit 4 

Ueber 2 Jahre (26. 


Lancet, 

Mädchen. 

Ein- 

Schneidezähnen. 

April 1877 bis 5. Mai 


Juli 1879. 


nehmen 


1879) im Oesopha- 




einer 


gus. — Extraction 




Pille. 


war nicht gelungen. 
Ernährung nothdürf- 
tig mit flüssigen Spei¬ 
sen und in den ersten 
Wochen durch er¬ 






nährende Klystiere. 
Tod. 

61. 

Geh. R. B. 

Geistes¬ 

Beim 

Kautschukplatte m. 

Das Gebiss blieb im 


Schmidt 

kranker 

Essen. 

2 Zähnen und 2 

Pharynx stecken. 


mündliche 

Mann. 

Patient 

Goldklammem, 

Prof. B. Schmidt 


Mit¬ 


hatte 

von denen die 

konnte es mit den 


theilung, 


geglaubt, 

eine abgebro¬ 

Fingern hinter den 


Mai 


einen 

chen war. 

Cart arytaen. fühlen 


1880. 


Bissen zu 


aber nicht fassen. Die 




ver¬ 


Extraction gelang mit 


1 


schlucken. 


ein. langen gekrümm¬ 
ten Zange. Die eine 
Klammer hatte sich in 
die Schleimhaut ein¬ 
gebohrt, weshalb die 
Extraction erschwert 




' 


war und geringe Ver¬ 
letzung der Schleim¬ 
haut verursachte. 


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236 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Nr. 

Literatur¬ 

nachweis 

Patient 

Gelegen¬ 
heit der 
Dis¬ 
location 

Beschaffenheit des 
Ersatzstückes 

Symptome, 
Verlauf, Behandlung, 
Ausgang 

62. 

Eigene 

Beob¬ 

achtung. 

Frau 

Sch. 

aus 

Schöne¬ 

feld. 

Nachts. 

Kautschukplatte m. 
einem Zahne und 
zwei spitzen Gold- 
klammem. Ein 
Stützzahn war 
abgebrochen. 

i 

■ 

Patientin suchte im 
Febr. 1880 Hilfe in 
der Chirurg. Poli¬ 
klinik, weil sie Druck 
und Schmerz in der 
Regio epigastrica und 
im Rücken hätte. 
Will das Gebissstück 
schon vor 6 Wochen 
verschluckt haben. 
Beim Schlucken etwas 
Druckgefühl. Dr. 

Moldenhauer 
konnte indess ohne 
jedes Hinderniss eine 
zieml. dicke Schlund- 
sonde durch den 
Oesophagus in den 
Magen einführen. 

Vielleicht rührte das 
Druck- und Schmerz¬ 
gefühl nur noch von 
einer geringen Ulce- 
ration an der Stelle 
her, wo das Gebiss 
wirklich eine Zeit 
lang gesteckt haben 
mag. Wahrscheinlich 
(Patientin ist nicht 
wiedergekommen) hat 
der Fremdkörper den 
Darm passirt. 


Betrachten wir nun die einzelnen Rubriken der vorstehenden 
Tabelle etwas näher. 

Die erste Rubrik giebt nichts JJeberraschendes. Da mehr 
Frauen als Männer künstliche Gebisse benutzen, so ist es auch 
selbstverständlich, dass künstliche Gebisse häufiger von Frauen 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 237 

als von Männern verschluckt sind. Doch ist die Differenz nicht 
erheblich: auf 28 Frauen kommen 25 Männer. 

Auffallend ist, was die zweite Rubrik ergiebt. Man sollte 
a priori annehmen, dass die günstigste Gelegenheit, ein Gebiss zu 
verschlucken, beim Essen gegeben wäre; klagen doch manche 
Personen, dass ihr sonst gut passendes Gebiss sich heim Essen 
leicht loshebt Die Tabelle weist indessen nach, dass nicht 
beim Essen, sondern im Schlafe am häufigsten ein Gebiss ver¬ 
schluckt wird. 

In den mitgetheilten Fällen wurde das Zahnersatzstück dis- 
locirt: 


Im Schlafe 

20 

Mal 

— 

53 Proc. 

In einem Krampfanfalle 

6 

99 

_ 

16 

99 

(davon 3 Mal Nachts). 
Beim Essen 

5 

99 


13 

J9 

Beim Trinken 

2 

99 

= 

5 

99 

Beim Einnehmen einer Pille 

2 

99 


5 

99 

Durch ein Trauma 

2 

99 

— 

5 

99 

In einer Ohnmacht 

1 

99 


3 

99 


In den übrigen Fällen ist die Gelegenheit der Dislocation 
nicht mitgetheilt. 

Die Thatsache, dass die meisten Fälle von verschluckten Gebissen 
im Schlafe passirt sind, muss uns veranlassen, den Patienten den 
Rath zu gehen, ihr Ersatzstück nur am Tage zu tragen. Allerdings 
vergeht früh, wenn die Schleimhaut über Nacht ihre Hyperämie ver¬ 
loren hat, eine kurze Zeit, ehe die Platte wieder gut adhärirt; aber 
diese kleine Unbequemlichkeit kann nicht in Betracht kommen gegen 
die grosse Gefahr, das Gebiss in den Oesophagus zu bekommen. Ueber- 
dies hat die Gewohnheit, das Gebiss Nachts nicht zu tragen, noch 
den grossen Yortheil, dass allemal während der Nacht die Rei¬ 
zung 1 ) der Schleimhaut nachlässt und damit auch die Secretion, 
welche durch die Gegenwart des Gebisses gesteigert wird und den 
noch vorhandenen natürlichen Zähnen nachtheilig ist. 

Sechs Mal finden wir einen Krampfanfall als Gelegenheit 
der Dislocation des Gebisses angegeben. Das ist begreiflich. 


1) Näheres über die Reizung der Schleimhaut durch Gebissplatten 
s. in meinem Handbuch der Zahnersatzkunde, Leipzig 1880, S. 143—150. 


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238 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


~N 

□ igitized by 


Sechzehn Procent aller Fälle scheinen sogar noch etwas niedrig. 
Indessen wenn wir berücksichtigen, dass die Zahl der an Krämpfen 
leidenden Personen, welche Gebisse tragen, sehr klein ist, so sind 
16 Procent sehr viel. Daraus ergiebt sich die Nothwendigkeit, 
Epileptikern das Gebiss besonders gut zu befestigen, ihnen streng 
zu verbieten, das Gebiss Nachts zu tragen, und ihnen endlich noch 
dringend zu empfehlen, letzteres sofort zu entfernen, wenn sie das 
Herannahen (Aura) des Krampfanfalles merken. 

Beim Essen kann ein nicht festsitzendes Gebiss immerhin 
noch leicht genug verschluckt werden. Dagegen ist Nichts zu 
thun, als für genügende Befestigung des Gebisses im Munde zu 
sorgen. Die meisten Menschen, welche Zahnersatzstücke benutzen, 
haben eine besondere Fertigkeit erlangt, das Gebiss mit der Zunge 
anzudrücken, wenn es sich beim Essen etwas loshebt. 

Die Dislocation eines Gebisses beim Trinken sollte man 
nicht so leicht für möglich halten. Eigentlich gehört hierher auch 
nur ein Fall (Nr. 24); der zweite (Nr. 52) betrifft eigentlich keine 
Dislocation des Gebisses, da letzteres nicht am richtigen Platze 
(sondern im Wasser, welches getrunken wurde) war. 

Das Einnehmen einer Pille ist für viele Menschen eine 
recht unbequeme Sache; es ist uns wohl begreiflich, dass man sich 
dabei so aufregen kann, dass man ein locker sitzendes Gebiss mit 
verschluckt. Dass dies in zwei von 62 Fällen passirt ist, möchte 
daher wohl mehr als Zufall sein. 

Wichtiges lehrt die dritte Rubrik: „Beschaffenheit des 
Gebisses“. Leider finden wir in sehr vielen Berichten gar 
Nichts darüber mitgetheilt. In anderen Fällen ist einfach nur 
angegeben, wieviel Zähne an der Platte waren, ohne dass etwas 
über die Befestigung des Gebisses gesagt würde. Dies ist aber 
gerade das Wichtigste. Es genügt nicht einmal, zu constatiren, 
dass z. B. ein Gebiss Klammern hatte, man muss auch angeben, 
ob die Zähne, für welche die Klammern bestimmt waren, sich 
noch vorfanden, und ob das Gebiss im Munde durch dieselben 
wirklich Halt hatte. Bei Adhäsionsgebissen interessirt uns nicht 
blos die Grösse der Platte, sondern auch besonders die An¬ 
gabe des Patienten, ob dieselbe vor dem Unfall immer, gut ge¬ 
sessen hat. 

In den angeführten 62 Berichten enthalten nur 16 eine Angabe 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


239 


über die genügende oder ungenügende Befestigung des Gebisses. 
Unter diesen 16 Fällen ist nur einer (Nr. 37), bei welchem es 
ausdrücklich heisst, dass das Gebiss (vgl. Fig. 3) so gut adhärirte, 
dass es ohne Mitwirkung der Zunge gar nicht gelöst werden 

Fig. 1 (zu Nr. 12 gehörig). 



konnte. In den übrigen 15 Fällen waren die Klammern abge¬ 
brochen (in einem Falle verbogen) oder die Stützzähne verloren 
gegangen, oder die Platte war zerbrochen oder passte nicht. Man 
darf annehmen, dass auch in den meisten übrigen Fällen das 

Fig. 2 (zu Nr. 28 gehörig). 



Gebiss ungenügend befestigt war. Aber nicht zu erwarten war, 
was doch durch den Fall Nr. 37 unwiderleglich bewiesen ist, dass 
im Schlafe (und jedenfalls auch in Krampfanfällen) selbst ein gut 
passendes Adhäsionsgebiss von ansehnlicher Grösse (Fig. 3) in 
den Pharynx gelangen kann. 


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240 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


Die ursprünglichen Befestigungsmittel, durch welche die ver¬ 
schluckten Gebisse vor dem Unfälle im Munde retinirt wurden, 
waren Stifte, Klammern und Adhäsionsplatten gewesen. Ueber 

Fig. 3 (zu Nr. 37 gehörig). 



verschluckte Stift zähne schlechthin ist kein Fall notirt, jeden¬ 
falls weil dieselben ohne jede Beschwerden in der Regel den 
Darmkanal passiren und daher solche Fälle den Aerzten nicht 
zur Beobachtung kommen. Mir selbst ist ein Fall vorgekommen, 


Fig. 4 (zu Nr. 38 gehörig). 



in welchem ein Stiftzahn, der nicht mehr fest in der .Wurzel hielt 
und schon öfter ausgefallen war, von der betreffenden Patientin 
schliesslich verschluckt wurde. 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


241 


Vou den drei Fällen, in welchen Stifte zur Befestigung 
mehrerer an eine Platte gelötheter Zähne gedient hatten, war 
die Befestigung mangelhaft geworden. Zwei Fälle davon verliefen 
glücklich, der dritte aber (Nr. 5) führte zum Tode. Ein Gebiss 
mit spitzen Stiften ist überhaupt das denkbar gefährlichste, wenn 
es nicht mehr ganz fest sitzt. 

Die Klammern sind, wenn sie geeignete Zähne gut um- 
schliessen und sonst gut gemacht sind, unzweifelhaft ein zuver¬ 
lässiges Befestigungsmittel. Trotzdem finden wir, dass in der 
Mehrzahl der notirten Fälle von dislocirten Gebissen letztere 
Klammern hatten. In mehreren Fällen wird jedoch darauf auf¬ 
merksam gemacht, dass eine oder beide Klammem abgebrochen 
waren. Bisweilen ist auch angegeben, dass die Stützzähne in der 
Zwischenzeit verloren gegangen waren. Wo dies nicht ausdrück¬ 
lich angegeben ist, wird man es doch meist annehmen dürfen. 

Ist ein Klammergebiss in den Oesophagus gelangt, so kann 
es sich hier leicht festhaken und unbeweglich sitzen bleiben. 
Durch hervorragende Spitzen an den Klammern wird dieser Ver¬ 
lauf begünstigt. Sind die Klammem aber breit, stark, gut umge¬ 
bogen und am Ende abgerundet, so können sie sich nicht leicht 
einhaken, und in der grossen Mehrzahl der Fälle sind auch 
Klammergebisse glücklich wieder aus dem Körper herausgekommen, 
entweder durch Extraction oder auf natürlichem Wege mit dem 
Stuhle. Am gefährlichsten sind a priori die halben Klammem, 
welche ein spitzes Ende haben. 

Adhäsionsgebisse sitzen, wenn sie gut passen, fest genug 
im Munde, so dass sie sich nicht von selbst loslösen und unver¬ 
sehens in den Pharynx oder in den Oesophagus gelangen können. 
Doch hängt ihre Stabilität von sehr genauem Anschlüsse der 
Platte, besonders an den Bändern, ab. Die Schleimhautfläche, 
welcher die Platte angepasst ist, unterliegt aber mit der Zeit 
Veränderungen. Die Schleimhaut wird oft hyperämisch und hyper¬ 
trophisch. Sind Wurzeln oder Zähne an der Stelle, wo die Platte 
hingekommen ist, vor dem Anpassen der letzteren extrahirt wor¬ 
den, so atrophirt der Alveolarrand fort und fort. Infolge dessen 
muss das Gebiss mit der Zeit geneigt werden, sich beim Kauen 
loszulösen. In den ersten Wochen und Monaten nach der Ex¬ 
traction ist die Atrophie am bedeutendsten. Wenn man nun vor 


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242 


J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 


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Ablauf dieser Zeit ein temporäres Gebiss gemacht hat, so kommt 
es nicht selten vor, dass dasselbe noch jahrelang, nachdem es 
nicht mehr stabil sitzen kann, getragen wird. In solchen Fällen 
ist es nur zu leicht möglich, dass sich das Ersatzstück beim Essen, 
Trinken, Schlafen, in Krampfanfällen u. s. w. loslöst und eventuell 
in den Pharynx gelangt. Sind andererseits die Wurzeln stehen ge¬ 
blieben, so kann die Platte deshalb an Stabilität verlieren, weil 
die Wurzeln mit der Zeit weiter aus den Alveolen heraustreten. 
Am schnellsten wird ein auf Wurzeln gesetztes Adhäsionsgebiss 
unbrauchbar, wenn man die Wurzeln vor dem Einsetzen des Ge¬ 
bisses nicht durch Plombiren vor weiterem Zerfalle schützt, der 
hintere Rand derselben wegbricht und Zahnfleisch über den scharfen 
Rand hinwegwuchert und hochgradig bypertrophirt. 

Dass übrigens doch weit weniger Adhäsionsgebisse verschluckt 
worden sind, als Klammergebisse, dürfte wohl nur daran liegen, 
dass sie grösser sind, und deshalb vom Patienten selbst im Moment 
der Gefahr leichter noch gefasst werden, als diese. Dass aber die 
Grösse der Platte keinen absoluten Schutz gegen die Gefahr, das 
Gebiss zu verschlucken, bildet, geht aus mehreren Fällen (siehe die 
Abbildungen) hervor. 

Kein einziger Fall ist bekannt geworden, in welchem ein 
Federgebiss in den Oesophagus gelangt wäre. Dies ist leicht 
zu erklären. Erstens werden Federgebisse in der Regel nicht 
Nachts getragen. Zweitens bieten dieselben eine günstige Hand¬ 
habe in dem anderen Stücke dar, wenn etwa das eine in den 
Pharynx oder an die Zungenwurzel gelangt, so dass der Patient 
oder irgend ein Laie den ganzen Apparat leicht removiren kann, 
dass also ärztliche Hülfe nicht nöthig wird und somit auch etwa 
hierher gehörige Fälle nicht bekannt gegeben werden. 

Was das Material betrifft, aus welchem die Platte der dislo- 
cirten Gebisse meist bestanden hat, so finden wir weit häufiger 
Metallgebisse, als solche aus Kautschuk im Oesophagus. Dies 
möchte wohl einigermassen auffallen und von vornherein die Mei¬ 
nung erwecken, als ob die Metallgebisse im Allgemeinen nicht so 
stabil im Munde sässen, als die Kautschukpiöcen, da ja in den 
letzten 20 Jahren sicher zehn Mal mehr Gebisse in Kautschuk 
als in Gold gemacht worden sind. Die Ursache dafür, dass trotz¬ 
dem in dieser Zeit häufiger Metallgebisse in den Pharynx, Oeso- 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


243 


pliagus oder Magen gelangt sind, liegt jedenfalls darin, dass die¬ 
selben sehr theuer sind und die Patienten die hohe Ausgabe, 
welche eine neue Befestigung, die meist zugleich ein neues Gebiss 
nothwendig macht, verursacht, so lange als möglich hinausschieben. 
So kommt es, dass man sich jahrelang mit einem defecten Gold¬ 
gebisse hinhilft und schliesslich noch Gefahr läuft, dasselbe zu 
verschlucken. Ausserdem kommt wohl noch in Betracht, dass 
Kautschukgebisse in der Regel eine breitere Platte haben, als 
Goldgebisse, und deshalb leichter von der Zunge verhindert werden 
können, in den Pharynx zu rutschen, als diese. 

Betrachten wir noch die letzte Rubrik, so interessirt uns zu¬ 
nächst der Ort, wo die Zahnersatzstücke, nachdem sie rückwärts 
dislocirt sind, zuerst angehalten werden. Drei Organe sind es be¬ 
sonders, in welchen die Fremdkörper liegen bleiben: der Pharynx, 
der Oesophagus und der Magen. 

, Ausnahmsweise (in zwei Fällen, Nr. 25 und 33) war das 
Gebissstück aspirirt worden und blieb im Kehlkopfe, von 
wo es durch Laryngotomie bez. Tracheotomie entfernt wurde. 

Ziemlich unklar ist der Fall (Nr. 49), wo das Gebiss zwölf 
Monate unter der Zunge gesteckt haben soll. Nur durch 
grosse Indolenz von Seite des Patienten kann so etwas erklärt 
werden. 

In 18 Fällen fand sich der Fremdkörper im Pharynx. 

Die Diagnose war nicht in jedem Falle leicht zu stellen, 
da die Patienten bisweilen gar nicht wussten, wo sie ihr Gebiss 
hatten, und gar nicht daran dachten, dass sie es verschluckt haben 
könnten (vgl. Nr. 11, 13, 47). Sie klagten über Halsschmerzen, 
Schlingbeschwerden u. s. w., und der Arzt fand eine die subjec- 
tiven Beschwerden erklärende Angina. Erst wenn letztere hart¬ 
näckig nicht heilen wollte, wurde gründlicher untersucht und der 
Fremdkörper gefunden. 

Bei der Behandlung hat man selbstverständlich in diesen 
Fällen vor Allem sein Augenmerk auf die Entfernung des Fremd¬ 
körpers zu richten. Wenn nicht durch das Gebissstück die Epi¬ 
glottis niedergedrückt wird und dadurch augenblicklich der Tod 
erfolgt, so ist mit der Extraction des Fremdkörpers genug gethan. 
Die Extraction gelingt bisweilen mit den Fingern, häufiger jedoch 


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244 J. Parreidt: Ueber die Gefahr, 

hat man eine Zange dazu nöthig. Wenn das Gebiss hinter dem 
Kehlkopfe eingeklemmt ist, muss die Zange ziemlich lang und 
womöglich gekrümmt sein. Gut dürfte es in den meisten Fällen 
sein, die Extraction unter Leitung des Kehlkopfspiegels vorzu¬ 
nehmen, damit nicht durch unzweckmässige Manipulationen der 
Fremdkörper in den Oesophagus geschoben wird. 

Die Extraction gelang in den oben angeführten 
Fällen 

der Fremdkörper glitt weiter hinunter bei den 
Extractionsversuchen 

das Gebissstück war festgeklemmt und musste 
durch Pharyngotomie entfernt werden 
durch ein Brechmittel wurde das Gebissstück 
removirt 

durch eine Schluckbewegung gelangte das Stück 
von selbst in den Magen 
der Tod erfolgte infolge des Verschlusses der 
Glottis durch das Gebiss 

Die Gebissstücke, welche in den Oesophagus gelangten 
(26 Fälle), waren durchschnittlich von etwas geringerem Umfange, 
als jene, welche im Pharynx stecken blieben. Während man im 
Pharynx Gebisse mit breiten Adhäsionsplatten und 5, 6, 7, 9 und 
10 Zähnen (die abgebildeten Gebisse wurden sämmtlich aus dem 
Pharynx extrahirt), selbst einen Gaumenobturator fand, kamen im 
Oesophagus meist kleinere Klammerpiäcen mit 1, 2, 3, 4 Zähnen 
vor; nur in einem Falle (Nr. 36) hatte das Gebissstück 8 Zähne. 
Doch glaube ich, dass hier in Wirklichkeit der Fremdkörper 
nicht im Oesophagus, sondern noch im Pharynx, vielleicht am 
Eingänge des Oesophagus, gelegen hat; denn die Extraction eines 
Gebisses aus dem Oesophagus mit einer langen Polypenzange ist 
so leicht nicht möglich. Im Durchschnitte kamen auf ein Gebiss 
im Pharynx 4,2, auf eines im Oesophagus 2,7 Zähne. Dabei muss 
noch beachtet werden, dass die Platten der Gebisse im Oesophagus 
fast durchweg, auch bei mehreren Zähnen, klein waren, während 
es sich im Pharynx meist, auch bei wenigen Zähnen, um breite 
Platten handelte. Da nun, wie wir bald sehen werden, die Prog¬ 
nose bei Gebissen im Oesophagus viel ungünstiger ist, als bei 


12 mal; 
1 „ 

1 „ 

1 „ 

1 „ 

2 „ 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


245 


solchen im Pharynx, so sind mit Rücksicht darauf im Allgemeinen 
breite Gebissplatten schmalen vorzuziehen. 

Die Diagnose ist aus den subjectiven Beschwerden des 
Patienten nicht sicher zu stellen; stets muss man mit der Schlund¬ 
sonde untersuchen. Dies muss jedoch mit der äussersten Behut¬ 
samkeit geschehen, weil manche Gebisse scharfe Spitzen und Kanten 
haben und deshalb die Qesophaguswand leicht perforiren. 

Was Behandlung, Verlauf und Ausgang in den Fällen 
betrifft, wo das Gebiss im Oesophagus steckte, so weist die Tabelle 
Folgendes nach. 

ln fünf Fällen gelang angeblich die Extraction. Es ist mir 
aber wahrscheinlich, dass drei hierher gerechnete Fälle eigentlich 
nicht hierher gehören (Nr. 8, 36 und 51), da die Berichterstattung 
über dieselben etwas oberflächlich ist. Absolut sicher kann das 
Gelingen der Extraction nur für zwei Fälle (Nr. 2 und 24) an¬ 
gegeben werden. *) 

In sechs Fällen führte der Extractionsversuch 
den Tod herbei, infolge einer Verletzung der Aorta (Nr. 15 
und 27), der Lunge (Nr. 3), der Trachea (Nr. 5 und 19) oder 
nur der Oesophaguswand (Nr. 55). Man kann sich vorstellen, 
dass die Remotion eines Gebissstückes mit scharfen Spitzen aus 
dem Oesophagus nur sehr schwer gelingen kann, da die unwill¬ 
kürlichen Ringmuskelni des Oesophagus sich bei jedem Versuche, 
den Fremdkörper nach oben zu ziehen, tetanisch contrahiren und 
somit ausserordentlich günstige Gelegenheit zur Verletzung der 
Oesophaguswand und der angrenzenden Organe geboten wird. Nur 
wenn man weiss, dass das Gebissstück keine scharfen Spitzen und 
Kanten hat, darf man daher denVersuch, dasselbe zu extrahiren, 
mit aller Vorsicht wagen. 

Die Gebisse sollten so gemacht werden, dass keine so 
scharfen Kanten und Spitzen daran sind, welche eine erheb¬ 
liche Verletzung bewirken können. 


1) Ich erinnere mich noch eines Falles, den Prof. Thiersch in 
seinen Vorlesungen über Chirurgie 1874 mittheilte, der aber oben in 
der Tabelle nicht mit angeführt ist. Ein Mädchen verschluckte ein 
Kautschuckgebiss mit einem Zahne. Thiersch removirte den 
Fremdkörper, welcher nahe der Cardia lag, mit dem Münzenfänger, 
xx. 17 


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246 J. Parreidt: Ueber die Gefahr. 

In einem Falle (Nr. 17) hatte das Gebiss den Oesophagus 
spontan aufgeschlitzt, was den Tod zur Folge hatte. 

Durchweg glücklich verliefen die Fälle Nr. 4, 22, 32, 33, 
42, 46, in welchen es gelang, das Gebiss in den Magen zu 
stossen. Es wird immer gelingen, wenn keine Spitzen am 
Ersatzstück sind. 

In einem Falle (Nr. 2) war das Gebiss durch eine heftige 
Schluckbewegung von selbst aus dem Oesophagus in den 
Magen gelangt (wahrscheinlich war es ebenso in dem unter Nr. 62 
angeführten Falle), und in einem anderen (Nr. 58) machte das 
Gebissstück bei der Oesophageotomie eine solche Wendung, dass 
es in den Magen hinabrutschte. 

Die Oesophageotomie wurde fünf Mal ausgeführt; drei 
Mal (Nr. 20, 34, 58) war der Verlauf gut, zwei Mal (Nr. 48 und 
57) erfolgte der Tod. 

In einem Falle (Nr. 14) war das Gebiss mehrere Jahre im 
Oesophagus stecken geblieben und hatte sich wahrscheinlich ein 
Divertikel gebildet. In zwei anderen Fällen (Nr. 59 und 60) 
erfolgte der Tod durch Inanition. 

Die Prognose für die Fälle, in welchen ein Gebiss in den 
Oesophagus gelangt ist, stellt sich nach diesen Nachweisen quoad 
vitara schlecht. Auf 26 Fälle kommen 11, die zum exitus lethalis 
führten. Das sind 42 Proc. Die Prognose ist besser, wenn das 
Gebissstück keine scharfen Spitzen oder Kanten hat. 

In zehn Fällen gelangte das Gebiss durch Verschlucken 
direct in den Magen. Von hier aus passirte es dann in der 
Regel ohne erhebliche Beschwerden den Darm innerhalb zwei 
Tagen bis drei Wochen. In einem Falle (Nr. 43) verursachte 
der Fremdkörper im Rectum Schmerz und wurde mit einer Zange 
unter Leitung des Mastdarmspiegels extrahirt. Einmal glückte es 
(Nr. 35), mit der Magensonde den Fremdkörper im Magen zu 
finden und mit dem Münzenfänger ihn durch den Oesophagus 
heraufzuziehen. In dem vorhin erwähnten Falle (Nr. 22), wo 
das Gebiss 19 Tage im Oesophagus gesteckt Hatte und dann in 
den Magen gestossen worden war, blieb dasselbe 97 Tage im Magen 
liegen, nach welcher Zeit es durch einen künstlich erzeugten 
Brechact heraufbefördert wurde. 


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künstliche Zähne zu verschlucken. 


247 


Fassen wir nun zusammen, was die vorgeführten Thatsachen 
lehren, so ergeben sich uns folgende Regeln: 

1) Man soll das Ersatzstück im Munde stets so befestigen, 
dass es dem Patienten weder beim Essen noch im Schlafe heraus¬ 
fallen kann. 

2) Man hat den Patienten einzuschärfen, dass sie die Be¬ 
festigung erneuern lassen, sobald dieselbe defect werden sollte. 

3) Man rathe den Patienten, Nachts das Gebiss nicht im 
Munde zu behalten. 

4) Epileptiker dürfen unter keinen Umständen das Ersatz¬ 
stück Nachts im Munde behalten. Am Tage sollen sie, sobald 
die Vorboten des Anfalles kommen, zu allererst das Gebiss ent¬ 
fernen. 

5) Damit der Patient nicht zu lange ein unpassend gewor¬ 
denes provisorisches Gebiss benutze, empfiehlt es sich, das perma¬ 
nente unentgeltlich zu machen. Bemittelte Personen mögen für 
das provisorische Gebiss dementsprechend hönoriren. 

6) Man benutze zur Gebissbasis womöglich ein Material, 
welches ohne erhebliche Kosten reparirt werden kann, wenn die 
Befestigung des Gebisses im Munde mangelhaft werden sollte. 

7) Man mache die Gebissplatten nicht zu klein, da die 
kleineren Platten, wenn sie einmal nach hinten zu dislocirt wer¬ 
den, leicht in den Oesophagus gelangen, aus welchem sie schwer 
zu entfernen sind. 

8) Das Gebiss soll keine scharfen vorstehenden Spitzen oder 
Kanten haben. Ein vollkommen glattes Gebissstück wird, falls es 
einmal unglücklicher Weise in den Oesophagus gelangen sollte, 
wenn nicht nach oben extrahirt, so doch in den Magen hinab ge- 
stossen werden können, von wo aus es den Darm ohne nennens- 
werthe Beschwerden passirt. Gebisse mit scharfen Spitzen und 
Rändern hingegen lassen schon eine Extraction aus dem Pharynx 
ohne Verletzung oft nicht zu; im Oesophagus sind sie sehr 
lebensgefährlich. 

9) Die Behandlung bestehe bei der Dislocation von Ge¬ 
bissen in den Pharynx in Extraction mit den Fingern oder einer 
langen Zange. Den Kehlkopfspiegel dabei zu verwenden, empfiehlt 
sich in vielen Fällen. 

17* 


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248 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem. Zustande 


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10) Ist ein Gebissstück im Oesophagus festgeklemmt, so sind 
Extractionsversuche immer gefährlich, wenn das Gebiss scharfe 
Spitzen hat Sie sind .nur statthaft, wenn das Gebiss glatt ist. 
Anstatt zu extrahiren, kann man auch versuchen, das Gebiss in 
den Magen zu schieben. Dies gelingt meist, ist jedoch ebenfalls 
gefährlich, wenn das Gebiss scharfe vorragende Spitzen hat. Ge¬ 
lingt der erste Versuch nicht, so probire man nach einigen Tagen 
wieder; manchmal wird der Fremdkörper mit der Zeit durch 
Eiterung gelockert. Bisweilen macht derselbe auch infolge der 
Manipulationen eine günstige Drehung, so dass er hinabgleiten 
kann. — Nur wenn durch das Gebiss der Oesophagus so obstruirt 
ist, dass die Ernährung des Patienten unmöglich wird, möchte die 
Oesophageotomie indicirt sein. 

11) Befindet sich ein Gebiss im Magen, so warte man ruhig 
ab. Es passirt bei ruhigem Verhalten des Patienten gewöhnlich 
ohne erhebliche Beschwerden den Darm. Wenn es aber zu lange 
im Magen bleibt und Schmerzen verursacht, so mag man Brech¬ 
mittel versuchen. 

Wenn diese Regeln befolgt werden, so wird ein Gebissstück 
nur unter ganz besonderen, äusserst selten zusammentreffenden 
Umständen verschluckt werden können, und die Prognose wird in 
diesen wenigen Fällen eine gute sein. 


Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem 
Zustande mit Stickstoffoxydulgas zu nar- 

kotisiren? 

Von 

Dr. Blumm, prakt. Zahnarzt in Bamberg. 


Von dem in Coburg tagenden Centralvereine deutscher Zahn¬ 
ärzte mit dem Referate über obige Frage betraut, war ich leider 
verhindert, bei der verflossenen August in Bremen stattgehabten 
Central Vereins-Versammlung anwesend zu sein, weshalb ich nun 


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mit Stickstoffoxydälgas zu narkotiairen. 249 

in Nachstehendem mich des mir gewordenen ehrenvollen Auftrages 
entledigen will. 

Bevor ich jedoch an die Lösung der mir durch obige Frage 
gestellten Aufgabe gehe, halte ich es ftlr zweckmässig, hier noch¬ 
mals auf das Resultat zurückzukommen, das sowohl die von 
Goldstein in dem unter Leitung des Herrn Prof. Zunz in Bonn 
stehenden tbierphysiologischen Laboratorium Poppelsdorf ange- 
stellten und in Pflüger’s Archiv f. d. ges. Physiologie Bd. XVH 
mitgetheilten Untersuchungen ergaben, als auch meine eigenen, die 
ich in dem von Herrn Prof. Rosenthal geleiteten physiologischen 
Institut in Erlangen vorgenommen und sowohl im „Aerztl. Intelli¬ 
genzblatte 1878“, als auch im Auszuge in der „Vierteljahrsschrfft 
für Zahnheilkunde 1878“ veröffentlicht habe. 

Ich glaube um so mehr berechtigt und sogar verpflichtet zu 
sein, auf genanntes Resultat zurückzukommen, als ich dasselbe 
meinen Erörterungen über die oben gestellte Frage zu Grunde 
legen will. 

Beide, zufällig gleichzeitig, aber von einander vollständig un¬ 
abhängig und in verschiedener Weise angestellten Untersuchungen 
lieferten das gleiche Resultat: 

„Stickstoffoxydul ist das gefahrloseste der bis jetzt 
bekannten Anaesthetica; die durch dasselbe hervor¬ 
gerufene Anaesthesie ist eine Combination der Wir¬ 
kung des Sauerstoffmangels mit der anaesthetischen 
Eigenschaft des Gases. 

Dass nicht der Sauerstoffmangel allein, oder, wie Andere be¬ 
haupten, die Kohlensäure-Intoxication des Blutes den bei Stick- 
stoffoxydulathmung eintretenden charakteristischen Zustand hervor¬ 
ruft, dafür ist neben den in obigen Arbeiten angeführten Beweisen 
ein- sich durch die Praxis ergebender, recht deutlicher noch der 
Umstand, dass bei reiner Stickstoffoxydulathmung die Anaesthesie 
immer rasch, bei Athmung von Gas aber, das durch Kohlensäure 
verunreinigt ist, sehr spät oder gar nicht eintritt; wäre nun Sauer¬ 
stoffmangel allein oder Kohlensäureanhäufung die Ursache der 
Anaesthesie, dann müsste dieselbe bei kohlensäurehaltigem Gase 
gleichfalls und sogar noch leichter eintreten, was durchaus nicht 
der Fall ist. Diese Thatsache veranlasst mich, auch noch über 


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250 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem Zustande 

die Art und Weise der Einathmung einige Worte meinem eigent¬ 
lichen Thema voranzuschicken. 

Früher liess ich das Gas aus einem sog. Barth’sehen Spar¬ 
gasometer ein- und wieder in denselben zurückathmen; durch eine 
im Innern des Gasometers angebrachte Kali caust.- Lösung, in die 
ein Netz eintauchte, durch welches das Gas beim Ein- und Aus- 
athmen streichen musste, sollte die in dem Ausathmungsproducte 
enthaltene Kohlensäure gebunden und das Gas dadurch wieder 
gereinigt werden. Bei dieser Methode waren, trotzdem die atmo¬ 
sphärische Luft sorgfältig abgeschlossen war, unvollständige Nar¬ 
kosen leider nicht selten, und dies meist dann, wenn die Sol. 
Kali caust. schon mehrmals gebraucht war; es musste also der Miss¬ 
erfolg in der ungenügenden Reinigung des N 2 0 von der ausgeathmeten 
C0 2 begründet sein. 

Ich construirte deshalb einen Apparat nach Art der Woulf’- 
schen Flaschen und schaltete denselben, nachdem er mit Sol. 
Kali caust. 1:100 halb angefüllt war, zwischen Gasometer und 
Athmungsrohr ein; es musste nun sowohl das aus dem Gasometer 
eingeathmete, als auch das in denselben zurückgeathmete Gas 
durch die Kalilösung hindurchstreichen und ebenso gründlich von 
Kohlensäure gereinigt werden, wie es bei der Herstellung auf 
seinem Wege durch die in den Woulf’schen Flaschen enthaltenen 
Lösungen gereinigt wird. 

Bei dieser Athmungsmethode nun hatte ich, sobald der Zu¬ 
tritt der atmosphärischen Luft durch Mund und Nase unmöglich 
gemacht‘war, bei äusserst geringem Gasverbrauch (zwei Mal be¬ 
trug derselbe nur 1—2 Liter) sehr rasche und vollständige Nar¬ 
kose, und wäre diese Methode bei ihrer Sicherheit und äussersten 
Billigkeit die weitaus empfehlenswertheste, wenn nicht das Geräusch 
sowohl, welches das durch die Kalilösung streichende Gas verur¬ 
sacht, als auch die sich auf die Backenrauskeln übertragende 
zitternde Bewegung des Waschwassers für viele Patienten sehr 
unangenehm wäre und denselben, allerdings ganz ohne Grund, ge¬ 
fährlich erschiene. 

Gegenwärtig lasse ich das Gas in folgender Weise ein- 
atbmen: 

Als Einathmungsapparat verwende ich noch immer den 
Barth’schen mit drei Gegengewichten; am Athmungsrohre, welches 


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mit Stickstoffoxydulgas zu narkotisiren. 251 

nicht mehr an dem Deckel der Glocke, sondern am Fasse des 
äusseren Cylinders befestigt ist, befindet sich Telscho w’s Drei¬ 
lochhahn mit Supplementsack *), und zwischen diesem und dem 
von mir verwendeten Bock’sehen oder Barth'sehen 1 2 ) Mundstücke 
habe ich noch ein Schieberventil 3 ) eingeschaltet, das mir gestattet, 
bei seinem Verschlüsse einerseits ausser dem Gasometer auch gleich 
den Supplementsack mit Gas zu füllen, andererseits ängstliche Pa¬ 
tienten erst noch einige Zeit atmosphärische Luft athmen zu lassen, 
sie auf diese Weise allmälig an das Athmen durch ^das Mundstück 
bei geschlossener Nase zu gewöhnen und sie so zu beruhigen. 
Beim Oeffnen des Schieberventils athinet der zu Narkotisirende das 
Gas aus dem Supplementsacke ein, die Exspirationsproducte aber 
entweichen in die Luft. So wird die Lunge rasch von der vor¬ 
handenen sogenannten Reserveluft' und ausgeschiedenen Kohlen¬ 
säure entleert und ihr nur reines Gas zugeführt. Ist der Supple¬ 
mentsack leer, so wird nach Drehung eines zweiten Schieberventils 4 ) 
das Gas aus dem Gasometer eingeathmet 5 ), das ausgeathmete aber 
sammelt sich im Supplementsacke. Bis dieser sich wieder gefüllt, 
ist in den meisten Fällen schon Narkose eingetreten, so dass ich 
selten nöthig habe, das nun den Supplementsack füllende und nur 
wenig mit Kohlensäure verunreinigte Gas nochmals einathmen zu 
lassen. Ist aber die Narkose noch nicht genügend, dann lasse ich, 
wie bei Beginn, erst den Supplemeutsack leer athmen und fülle 
unterdessen den Gasometer wieder auf. 

Da es mir bei dieser Methode einerseits ermöglicht ist, wäh¬ 
rend der Athmung aus dem Supplementsacke, den Gasometer nach 
Bedarf wieder aufzufüllen und also bei Beginn nicht zu viel Gas 
einströmen zu lassen brauche, andererseits aber das nicht ver- 

1) Cf. Ash, deutscher Catalog, S. 256. 

2) Ibid., S. 255, Nr. 6. 

3) Ibid., S. 255, Nr. 5, C. E. 

4) In diesem Momente tritt die von Telschow im Correspondenz- 
blatte 1877, S. 193—198 beschriebene Athmungsmechanik ein, deren dort 
angegebene Vorzüge ich nach allen Richtungen nur bestätigen kann. 

5) Sobald die Glocke gefüllt ist, beschwere ich sie mit einem den 
Gegengewichten entsprechenden Gegenstände, den ich beim Auffüllen 
wieder entferne; so wird das Gas auch unter dem Drucke der Glocken¬ 
schwere zugeführt und ist doch das Wiederauffüllen leichter, als wenn 
die Gegengewichte fehlen. 


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252 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem Zustande 

brauchte, im Gasometer zurückbleibende in keiner Weise verun¬ 
reinigt und daher bei der nächsten Narkose noch zu verwenden 
ist, wenn bis dahin kein zu langer Zeitraum verstreicht, so ist 
auch der Gasverbrauch 1 2 ) und damit der Kostenpunkt*) kein zu 
hoher, und glaube ich berechtigt zu sein, diese Methode der Ein- 
athmung als die zweckentsprechendste empfehlen zu dürfen. 

Bei der oben aufgestellten Frage nun dürfte auseinander zu 
halten sein die Wirkung des Gases auf die Mutter und auf den 
Embryo. Was erstere anlangt, so wird wohl Niemand, der die 
Anwendung von Stickstoffoxydul als Anaestheticum überhaupt be¬ 
fürwortet, einen Grund angeben können, weshalb es bei schwan¬ 
geren Frauen contraindicirt wäre, um so weniger, als gerade die 
nach Anwendung anderer Anaesthetica, wie z. B. Chloroform, auf¬ 
tretenden unangenehmen Nachwirkungen, wie Erbrechen u. s. w., 
nach der Gasnarkose vollständig fehlen. 

In den wenigen (18) Fällen, in denen ich Gelegenheit hatte, 
bei Schwangeren Gas anzuwenden, konnte ich nicht die geringste 
Abweichung von gewöhnlichen Narkosen wahrnehmen in Bezug 
auf die Wirkung des Gases, Eintritt und Verlauf der Anaesthesie, 
und bestätigten mir das Gleiche alle Collegen, die ich über diesen 
Gegenstand befragte. 

Anders und schwieriger ist die Entscheidung über die Art 
der Wirkung auf den Embryo. 

Gleich hier will ich anführen, dass bei allen von mir selbst 
an Frauen in verschiedenen Schwangerschaftsperioden vorgenom¬ 
menen Gasnarkosen, als auch bei den von Collegen mir mit- 
getheilten hierher gehörigen Fällen weder sofort nach der Narkose, 
noch auch nach der Geburt irgend eine nachtheilige, dem N 2 0 
zuzuschreibende Wirkung zu constatiren war*, doch gebe ich 
gern zu, dass bei der geringen Zahl diesem negativen Beweise 
keine besondere Bedeutung beizulegen ist. 

Es ergiebt sich nun vor Allem die Frage, ob Stickstoff¬ 
oxydul überhaupt aus dem mütterlichen Blute in das fötale 

1) Oft genügt schon der Inhalt des Supplementsackes zur Hervor- 
rufung vollständiger Anaesthesie. 

2) An dieser Stelle will ich rühmend anerkennen, dass das vom 
Collegen Losse in Berlin gelieferte comprimirte Gas vorzüglich und 
dabei um die Hälfte billiger ist, als das englische. 


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mit Stickstoffoxydulgas zu narkotisiren. 


253 


übergehen kann, und wenn dies zu bejahen, welcher Art dessen 
Wirkung ist. 

Zur Beantwortung der ersten Frage ist es nothwendig, den 
embryonalen Stoffwechsel ins Auge zu fassen und daraus dann 
die für unser Thema bezüglichen Schlüsse abzuleiten, worauf ich 
dann die zweite Frage durch Versuche mit trächtigen Thieren zu 
lösen suchen werde. 

Die Ernährung des Fötus findet nur durch die Placenta 1 ) 
und nicht durch das Fruchtwasser statt, und lässt das unmittel¬ 
bare Eintauchen der Chorionzotten in mütterliche Bluträume einen 
so starken Anstausch der Blutgase und Blutflüssigkeiten zu, dass 
Athmung und Ernährung des Fötus dadurch ermöglicht werden. 

Welcher Art dieser Austausch ist, ist allerdings nicht genau 
bekannt; es lässt sich jedoch nicht bezweifeln, dasß die rothen 
Blutkörperchen des Fötus Kohlensäure abgeben und Sauerstoff 
aufnehmen, und dass das Plasma des fötalen Blutes seine Bestand¬ 
teile mit dem des mütterlichen so austauscht, dass Endproducte 
des Stoffwechsels in das Blut der Mutter und die aus dem Chylus 
der Mutter in. das Blut derselben übergegangenen hochorganisirten 
Verbindungen in das fötale Blut übergehen. Ein unmittelbarer 
directer Zusammenfluss der beiden Blutarten findet nirgends 
statt; überall sind dieselben durch das Epithel der Chorionzotten 
geschieden. 

Was die fötale Athmung anlangt, so macht Pflüger darauf 
aufmerksam, wie Alles dafür spricht, dass der Fötus weit weniger 
Bewegung (Wärme und Arbeitsleistung) producirt und also auch 
weniger Sauerstoff verbraucht, als der extrauterin lebende Mensch. 
Dass aber überhaupt eine Respiration, d. h. ein Verbrauch von 
Sauerstoff dem Embrya wirklich zukommt, lässt sich schon daraus 
schliessen, dass eine Unterbrechung des fötalen Kreislaufes, wenn 
nicht die Placenta durch die Lunge ersetzt wird, jedes Mal zum 
Tode führt, und zwar in einer Zeit, in der der Mangel an Nahrung 
unmöglich lethal werden kann, und dass man in den Leichen der 
infolge hiervon Gestorbenen die deutlichsten Merkmale des Er- 
stickungs- resp. Ertrinkungstodes findet. Bewiesen wird es dadurch, 
dass der Fötus Inspirationsbewegungen macht, sobald seine Com- 

1) Schröder, Lehrbuch der Geburtshilfe, S. 49. 


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254 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem Zustande 


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munication mit der Placenta abgeschnitten wird (Yesal), und um¬ 
gekehrt der Geborene auf hört, zu inspiriren, sobald ihm auf 
künstlichem Wege Sauerstoff zugeführt wird (Mayow). Hieraus 
lässt sich schliessen, dass der Fötus inspirirt, sobald er Mangel 
au Sauerstoff hat, und dass ihm im intrauterinen Leben durch die 
Placenta Sauerstoff zugeführt wird; wenn nun dem Fötus sauer¬ 
stoffärmeres Blut zugeführt wird, kann er dies wohl eine Zeit lang 
ertragen 1 ), vollständiger Sauerstoffmangel aber müsste dessen Tod 
herbeiführen. Da nun der Sauerstoffmangel bei der Narkose, 
wenigstens wie wir sie in der Zahnheilkunde anwenden, nur von 
ganz kurzer Dauer ist, so ist der Schluss gestattet, dass der 
eine Factor, der die Gasnarkose erzeugen hilft, der Sauer¬ 
stoffmangel, dem Fötus durchaus nicht gefährlich 
werden kann, eine Behauptung, die auch in der Praxis be¬ 
stätigt wird. 

Mit wenigen Worten will ich nun die Untersuchungen be¬ 
rühren, die verschiedene Autoren bezüglich des Ueberganges fester, 
flüssiger und gasförmiger Stoffe von der Mutter per placentam 
auf den Fötus angestellt haben. Nach deren Resultaten ist die Frage, 
ob auch N 2 0 auf den Fötus übergehe, unbedingt zu bejahen. 

Fehling 2 ) glaubt durch verschiedene Versuche an Thieren zu 
dem Schlüsse berechtigt zu sein, dass feste Körper nicht auf den 
Fötus übergehen, im Gegensätze zu anderen Autoren, wie Reiz, 
der einen solchen Uebergang behauptet. Dass dagegen flüssige, 
im Blute lösliche Substanzen auf den Fötus übergehen, zeigt auch 
Fehling durch Thierversuche, sowie durch Verabreichung von 
Natr. salicyl. und Blutlaugensalz an Kreissende, wobei dann im 
Harn des Fötus die betreffenden Reactionen nachgewiesen werden 
konnten. 

Dass gasförmige Stoffe am leichtesten auf den Fötus über¬ 
gehen, hat zuerst Zweifel durch seine Untersuchungen über das 
Verhalten des Chloroforms im Blute Kreissender 3 ) sowohl durch 

1) Pflüger (cf. Centralblatt für Gynäkologie 1877, S. 148) fand, 
dass der Fötus nach Absperrung der Nabelgefässe den Mangel der 
Sauerstoffzufuhr vielmal länger erträgt, als der Erwachsene. 

2) Beiträge zur Physiologie des placentaren Stoffverkehrs. Archiv 
f. Gynäk, 1877, S. 523. 

3) Berliner klin. Wochenschrift 1874, S. 523. 


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mit Stickstoffoxydulgas zu narkotisiren. 255 

Thierversuche, als auch durch Beobachtungen an Gebärenden 
festgestellt. Fehling trat erst dieser Ansicht entgegen 1 ), be¬ 
stätigte sie aber später selbst 2 ) und führt zum Beweise Thier¬ 
versuche an, bei denen er trächtige Kaninchen Leuchtgas athmen 
liess, worauf sich bei den Jungen Kohlenoxydreaction ergiebt. 
Dabei legt ihm ein anderer Thierversuch 3 ) die Yermuthung nahe, 
dass Kohlenoxydgas bei seinem Durchtritte durch thierische Mem¬ 
branen nicht an die Gegenwart von Blutscheiben gebunden ist, 
sondern einfach diffundiren kann. 

Hiernach dürfte es wohl kaum zweifelhaft sein, dass auch 
Stickstoffoxydulgas leicht auf den Fötus übergeht; dass hierbei der 
mit der Gasathmung verbundene Sauerstoffmangel nicht nachtheilig 
auf den Fötus wirkt, habe ich schon oben berührt; dass ferner 
die anaesthetische Eigenschaft des Gases ebenfalls nicht von Nach¬ 
theil ist, dürfte gleichfalls sicher sein, da es ja einerseits durch 
die Praxis bestätigt wird, andererseits Kreissende oft ungeheuer 
lange in Chloroformnarkose liegen ohne übele Folgen für die 
Frucht. , 

Es erübrigt mir nun nur noch, diese aus der Praxis sich 
ergebende Theorie auch zu beweisen; da aber leider die Wirkung 
des Gases auf Schwangere öfter zu beobachten nur dem Gynäko¬ 
logen von Fach möglich wäre, so müssen wir uns schon mit Ver¬ 
suchen an Thieren begnügen, um dann die gewonnenen Resultate 
für unser Thema zu verwerthen. Bei diesen Versuchen 4 ) schien 
mir am wichtigsten, zu beobachten, ob die Gasathmung vielleicht 
Contractionen des Uterus und in der Folge Abortus oder starke 
Bewegungen des Fötus mit seinen Folgen hervorrufe, oder in vor¬ 
geschrittenen Stadien den Fötus zu Inspirationsbeweguugen veran¬ 
lasse, und ob derselbe nach kürzerer oder längerer, infolge von 
reiner Gasathmung sowohl wie Trachealverschluss hervorgerufener 


1) Archiv f. Gynäk. 1877, S. 235: „Der Uebergang von Chloroform 
und Salicylsäure in die Placenta.“ 

2) Ibid., Bd. IX, S. 313—318. 

3) Ibid., Bd. XI, S. 553 

4) Auch diese Versuche stellte ich mit Erlaubniss des Herrn Pro¬ 
fessor Rosenthal, dem ich hierfür sowohl, wie auch für die freund- 
lichst ertheilten Rathschläge bestens danke, im physiologischen Institute 
der Universität Erlangen an. 


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256 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Fraaen in schwangerem Zustande 

Asphyxie des Mutterthieres noch am Leben ist. Selbstverständlich 
würde es zu weit führen and zwecklos ermüden, wenn ich alle 
nach den verschiedenen Gesichtspunkten und mit verschiedenen 
Gasmischungen angestellten Versuche hier aufführen wollte, unter 
denen sich auch einzelne misslungene befanden, während die ge¬ 
lungenen alle annähernd das gleiche Resultat ergaben, weshalb ich 
jeweils nur die am gelungensten sich präsentirende Versuchsreihe 
mittheilen will. Als Versuchstiere wurden möglichst kräftige 
französische und deutsche Kaninchen verwendet. 

Nachdem die Thiere in bekannter Weise auf ein Spannbrett 
aufgespannt und tracheotomirt waren, wurde in die Trachea eine 
ihrer Weite entsprechende Glascanüle eingebunden, welche unter 
Einschaltung sogenannter „Müll er'scher Ventile“, die die Aus- 
athmungsproducte entweichen lassen, rasch mit einem Spirometer 
verbunden werden konnte, der, 5500 Cubikcentiraeter haltend, 
ganz nach Art unserer Stickstoffoxyduleinathmungsapparate con- 
struirt war. 

Näheres über die Vorbereitungen zu diesen Versuchen und 
ihre Ausführung habe ich schon seiner Zeit im „Münchener 
ärztlichen Intelligenzblatte 1878, Nr. 32, S. 331 und 332“ mit- 
getheilt. 

Es wurden nun auch noch die Bauchdecken in der Linea alba 
ohne Blutverlust durchschnitten und so der Uterus blossgelegt; bei 
hochgradig trächtigen Thieren konnte durch die gespannte Uterus¬ 
wand der oder die Fötus ganz genau beobachtet werden. Hierauf 
wurde das Spannbrett mit dem Thiere rasch in einen durchwärmten 
Kasten gebracht, der durch Blechwände und Glasdeckel vollständig 
abgeschlossen werden konnte; die ersteren waren an mehreren 
Stellen mit Glasfenstern versehen, um auch eine Beobachtung von 
der Seite zu ermöglichen. Das Spannbrett hatte unten kurze und 
oben längere Füsse, so dass die Genitalien des Thieres tiefer als 
der Kopf lagen; am Kopftheile des Kastens war die Tracheal- 
canüle hindurchgeleitet, am Fusstheile ein Thermometer; schon 
vor Einbringung des Thieres in den Kasten war letzterer einen 
Zoll hoch mit Wasser von ca. 45° C. gefüllt und unter dem Boden 
eine Gasflamme so regulirt worden, dass die Temperatur der Luft 
im Innern des Kastens constant auf -f- 30° C. blieb. Beim Bloss- 


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mit Stickstoffoxydulgas zu narkotisiren. 257 

legen des Uterus waren durch dessen Berührung in allen Perioden 
der Trächtigkeit Contractionen eingetreten, welche indess, nachdem 
das Thier ruhig im Kasten lag, wieder aufhörten. Nachdem ich 
mich im Verlaufe einer halben Stunde überzeugt hatte, dass in 
dieser Zeit keine Contractionen mehr aufgetreten, die sehr schön 
sichtbare Peristaltik der Gedärme sowohl, als auch die Injection 
der Darm- und Uteringefässe genau die gleiche, wie im ersten 
Momente der Trennung der Bauchdecken, also normal geblieben 
war, glaubte ich daraus den Schluss ziehen zu dürfen, dass das 
Thier trotz seiner Verletzungen in diesem feuchtwarmen Kasten 
sich in einem den normalen Verhältnissen möglichst gleichkom¬ 
menden Zustande befinde, was auch die regelmässige Athmung 
bestätigte; und so begann ich die nachstehend angeführte erste 
Reihe mit einem in der letzten Woche trächtigen, sehi* grossen 
französischen Kaninchen, und zwar den ersten Versuch mit einem 
Gemische von gleichen Theilen atmosphärischer Luft und Stick¬ 
stoffoxydulgas. Dieses Mischungsverhältniss wählte ich aus dem 
Grunde, weil mir frühere Versuche 1 ) gezeigt hatten, dass Kanin¬ 
chen bei Einathmung dieses Gasgemisches in einen mit der von 
uns bei Menschen durch reines Gas erzeugten Anaesthesie iden¬ 
tischen Zustand versetzt werden, der ohne Gefahr längere Zeit 
unterhalten werden kann, was mir auch diesmal sämmtliche Ver¬ 
suche bestätigten. 

Erste Versuchsreihe. 

Erster Versuch. 

11 Uhr 19 Min.: Verbindung der Trachealcanüle mit dem Spiro¬ 
meter, Respiration normal; keine Dyspnoe; keine 
Uteruscontractionen; 

11 „ 26 „ ist der Spirometer leer geathmet. 

Da das Verhalten des Thieres in Bezug auf Respiration, In¬ 
jection der Gefässe und beim Fehlen jeglicher Dyspnoö ein voll¬ 
ständig unverändertes geblieben war, wurde der zweite Versuch 
schon nach einer Viertelstunde begonnen. 

1) Vierteljahrsschrift f. Zahnheilk. 1878, S. 461 und Münchener 
Aerztl. Intelligenzblatt 1878, Nr. 32, S. 334, V. Reihe, 4. Versuch. 


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258 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem Zustande 

Zweiter Versuch (Mischungsverhältniss: Stickstoffoxydul 3 / 4 , 
atmosphärische Luft '/ 4 ). 

11 Uhr 42 Min.: Beginn der Gasathmung; 


11 „ 

43'/, „ 

beschleunigte Respiration; 

11 » 

44 „ 

Contractionen des Uterus; 

11 „ 

47 „ 

Spirometer leer geathmet; Wiederbeginn der 
Luftathmung; 

12 „ 


letzte Uteruscontraction. 


Auch in diesem Versuche fehlten dyspnoetische Krämpfe voll¬ 
ständig. 

Dritter Versuch (mit reinem Gase). 

12 Uhr 19 Min.: Beginn der Gasathmung; 


12 

V) 

*19'/*'» 

beschleunigte Respiration; 

12 


20 „ 

leichte Contractionen des Uterus; heftige dys¬ 
pnoetische Krämpfe; 

12 


20 »/* „ 

verlangsamte Respiration; 

12 


21 „ 

aufhörende Respiration; 

12 

n 

22 „ 

künstliche Respiration; 

12 

n 

22 V* v 

erster spontaner Athemzug. 


Des Vergleiches wegen stellte ich nun noch einen Versuch 
mit reiner Gasathmung an, um demselben etwas später einen Er¬ 
stickungsversuch durch Trachealverschluss gegenüber zu stellen. 


Vierter Versuch (mit reinem Gase). 

1 Uhr 31 Min.: Beginn der Gasathmung; 

1 „ 31 3 / 4 „ beschleunigte Respiration; 

1 „ 32 „ leichte Uteruscontractionen, heftige dispnoetische 

Krämpfe; 

1 „ 32 1 / 4 „ verlangsamte Respiration; 

1 „ 32 */ 2 „ Auf hören der Respiration; 

1 „ 33 „ Auf hören der Uteruscontractionen; 

1 „ 34 „ spontaner Wiederbeginn der Respiration. 

Fünfter Versuch (Erstickung durch Trachealverschluss). 

1 Uhr 46 Min.: Verschluss der Trachea; 

1 „ 48V 2 ,, Dyspnoe, Krämpfe, starke Uteruscontractionen; 

1 „ 49 „ Auf hören der Respiration; 


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mit Stickstoffoxydulgas zu narkotisiren. 


259 


1 Uhr 49Min.: noch ein Athemzug, Uternscontractionen; 

1 „ 51 „ Einleitung der künstlichen Athmung ohne Re¬ 

sultat ; Tod. 

Wie schon in früheren Versuchen') dargethan wurde, ergiebt 
auch ein Vergleich des vierten und fünften Versuches das Resultat, 
dass reine Gasathmung viel rascher eintretende, aber auch rascher 
wieder verschwindende, also leichtere und ungefährlichere Asphyxie 
hervorruft, als Trachealverschluss. 

Ein Ueberblick über die sämmtlichen bisher angeführten Ver¬ 
suche aber zeigt, dass wohl bei Gasathmung Uteruscontractionen 
auftreten können; dass diese aber heftiger sind, wo der Sauer¬ 
stoffmangel prävalirt; dass dagegen da, wo es sich um reine Gas¬ 
athmung handelt, die Uteruscontractionen nur leicht sind oder ganz 
fehlen; das wichtigste Ergebniss scheint mir das zif sein, dass 
bei allen, auch den nicht angeführten, Versuchen die Ath¬ 
mung von Gasgemischen, die wohl beim Kaninchen An- 
aesthesie, aber keine Asphyxie erzeugte, niemals Contraction 
des Uterus hervorrief. Stärkere Injection der Gefässe wurde 
gleichfalls nicht beobachtet. 

Niemals kam es zu einem Abortus. 

Während ich in den bisherigen Versuchen die Wirkung des 
Gases in Beziehung auf Uteruscontractionen beobachtete, richtete 
ich in der nächsten Versuchsreihe mein Augenmerk auf das Ver¬ 
halten des Fötus selbst, auf dessen raschere und langsamere Be¬ 
wegungen, Inspirationsversuche u. s. w.; ich verwendete deshalb 
möglichst hochträchtige Thiere, bei denen es bis zur spontanen 
Ausstossung der Früchte sich nur noch um ein bis zwei Tage 
handeln konnte. Theilweise beobachtete ich den Fötus durch die 
Uteruswand hindurch, zum Theil auch, nachdem ich letztere rasch, 
aber vorsichtig ohne Verletzung der Placenta getrennt, blos durch 
die Eihaut hindurch; es kamen natürlich gleichfalls verschiedene 
Gasmischungen zur Verwendung, und will ich, um nicht zu er¬ 
müden, die einzelnen Versuche nicht aufzählen, sondern blos deren 
Resultate mittheilen. 

Beim Athmen solcher Gasmischungen, die Anaesthesie ohne 
Asphyxie hervorriefen, war absolut keine Veränderung im Ver- 

1) Münchener ärztl. Intelligenzblatt 1878, Nr. 32, S. 333. 


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260 Blumm: Ist es gerechtfertigt, Frauen in schwangerem Zustande 

halten des Fötus wahrzunehmen, trotzdem ich den Spirometer 
immer vollständig leer athmen liess. Bei reiner Gasathmnng aber 
konnten beschleunigtere Bewegungen des Fötus und in zwei Fällen 
auch Inspirationsbewegungen wahrgenommen werden. 

In der dritten Versuchsreihe, von der ich wieder einzelne 
Versuche anfOhren will, war es mir hauptsächlich um das Ver¬ 
halten des Fötus quoad vitam nach hochprocentiger oder reiner 
Gasathmung zu thun. 


Dritte Versuchsreihe. 

Erster Versuch ( 3 / 4 Gas, */ 4 atmosphärische Luft). 
7 Uhr 15 Min.: Beginn der Gasathmung; 


7 „ 

15 7* » 

Contractionen; 

7 „ 

157-2 „ 

rascheres Athmen; 

7 „ 

16 „ 

langsameres Athmen; 

7 „ 

17 „ 

Spirometer leer; Verhalten der Jungen ganz 
normal. 


Zweiter Versuch (reines Gas). 
7 Uhr 34 Min.: Beginn; 


7 „ 

34 7 2 „ 

Contractionen, Dyspnoe; 

7 „ 

35 „ 

Aufhören der Respiration; 

7 „ 

35*/a ff 

Luftzutritt zur Trachea; 

7 „ 

35 3 / 4 „ 

spontanes Athmen; Fötus lebendig. 


Dritter Versuch (Asphyxie durch Trachealverschluss). 

7 Uhr 47 Min.: Verschloss der Trachea, Verlauf wie gewöhnlich; 

7 „ 50*/a n letzter Athemzug, schnappende Inspirationsbe¬ 

wegungen des Fötus; 

7 „ 52 „ künstliche Athmung bis 

7 „ 54 „ Tod des Mutterthieres; Jnnge gleichfalls todt. 

Vierter Versuch (reines Gas; Spirometer blos halb gefüllt). 

8 Uhr 58 Min.: Beginn der Gasathmung; 

8 „ 58 l / 2 „ rascheres Athmen u. s. w., Convulsionen; 

8 „ 60 „ Spirometer leer geathmet; das Mutterthier hat 

nachher beschleunigte Athmung, die Jungen sind 
lebend. 


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mit Stickstoffoxydulgas zu narkotisiren. 


261 


Fünfter Versuch (reines Gas). 


10 Uhr 24 Min.: Beginn; 

10 

11 

24 V. 

„ beschleunigte Athmung; 

10 

11 

25 

„ verlangsamte Athmung, dyspnoetische Krämpfe, 
Contractionen des Uterus; 

10 

11 

25 Va 

„ Aussetzen der Respiration; 

10 

11 

26 >/* 

„ künstliche Athmung bis 

10 

11 

27 

„ Mutterthier todt; Junge lebend. 


Diese letztere Versuchsreihe zeigt, dass die durch Gasathmung 
hervorgerufene Asphyxie in keinem Falle sofortiges Absterben des 
Fötus bedingt, wie sie auch keinen Abortus erzeugt; befanden sich 
ja die im letzten Versuche erst nach dem Tode des Mutterthieres 
rasch aus dem Uterus entfernten Jungen noch lebend, und konnten 
die anfangs seltenen Inspirationsbewegungen durch kurze Zeit 
unterhaltene künstliche Athmung in eine regelmässige Respiration 
übergeleitet werden. 

Nachdem bei keinem einzigen Versuchsthiere Abortus ein¬ 
trat, die wiederholt entstandene bez. absichtlich hervorgerufqne 
Asphyxie des Mutterthieres auch relativ günstig für die Frucht 
verlief, einfache Narkose ohne Asphyxie aber in allen 
Fällen ohne die geringste schlimme Einwirkung auf 
den Fötus blieb, glaube ich als gewonnenes Resultat aus den 
angestellten Thierversuchen in Uebereinstimmung mit den aus 
Theorie und Praxis sich ergebenden Thatsachen die Behauptung 
aufstellen zu dürfen: 

Stickstoffoxydulgas kann bei Schwangeren zur 
Hervorbringung kurz dauernder Narkose, wie wir sie 
in der Zahnheilkunde nothwendig haben, jederzeit 
ohne Bedenken angewendet werden. 


xx. 


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262 


Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Amalgame and das Füllen mit denselben. 

Nach einer Vorlesung des Herrn Prof. Dr. Ho 11 send er 
mitgetheilt von 

A. Henrich, Stad. d. Zahnheilk., Halle a/S. 


Mit dem Namen „Amalgam für zahnärztliche Zwecke“ be¬ 
zeichnet man verschiedene metallische Mischungen (Legirangen), 
die in feinen Feilangen mit Quecksilber verrieben zur Ausfüllung 
cariöser Zähne benutzt werden. Durch die Beimischung des Queck¬ 
silbers entsteht aus den Metallfeilungen eine plastische Masse, die 
man unter bestimmten Verhältnissen mehr oder weniger leicht in 
den Zahn bringen kann, und welche je nach der Zusammensetzung 
bald langsam, bald schnell erhärtet und einen solchen Härtegrad 
erlangt, dass, falls die Füllung auf einer Kaufläche liegt, dieselbe 
während des Kauens sich nicht abnutzt. 

Zu den Legirungen nimmt man jetzt vorzugsweise Zinn, 
Silber, Gold und Platina in verschiedenen Gewichtsver¬ 
hältnissen, doch werden von den Zahnärzten selber diese Mischungen 
heutzutage nur in den seltensten Fällen bereitet, sondern sie werden 
fertig gekauft und kurz vor der Anwendung mit dem Quecksilber 
gemischt 

Besonders in Nordamerika, England und Deutschland giebt 
es eine Menge solcher Präparate, von denen jedes einzelne einen 
gewissen Vorzug vor allen anderen beansprucht. 

In Deutschland wird von den unzähligen amerikanischen 
Präparaten wohl nur das von Townsend und vorzugsweise das 
von Arrington verwendet, von englischen benutzt man die 
Amalgame von Ash (metallic paste l a Gold), Fl et eher und 
Davis (Goldamalgam), und von den deutschen in erster Reihe 
besonders die sehr brauchbaren Fabrikate von Lorenz, dann die 
von Worff, Oehlecker, Ebermann, Lippold und Anderen. 
Von Lippold werden alle drei Amalgame, Gold-, Silber- und 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 263 

t 

Kupferamalgam, gleichmässig gekauft. Ausserdem werden noch 
zuweilen folgende amerikanische Präparate verwendet, doch fehlt 
uns über dieselben bis jetzt noch jegliche Erfahrung. Sie heissen: 
Walcker’s Excelsior Amalgam, 

Lawrence Amalgam, 

Johnson & Lund’s extra Amalgam, 

Stannous Gold-Amalgam, 

Standard Alloy, 

Holmes’ Star Amalgam u. s. w. 

Fast jede neue Nummer einer zahnärztlichen Zeitschrift 
bringt die Ankündigung eines neuen Präparates. 

Nach der Vorschrift der Fabrikanten muss jedes einzelne 
Präparat in besonderer Weise behandelt werden — der Eine will 
das fertige Amalgam in Wasser oder in Spiritus waschen — 
der Andere will das Quecksilber sorgfältig ausdrücken, nach 
Fletcher dagegen darf das Amalgam weder ausgedrückt, noch 
soll das überschüssige Quecksilber überhaupt entfernt werden, 
sondern es muss, falls zu viel von letzterem in der Masse vor¬ 
handen ist, so viel Metall hinzugesetzt werden, bis sich kein 
Quecksilber, mehr ausscheidet. 

Amalgame, die sich zum Füllen der Zähne eignen, müssen 
verschiedene Eigenschaften besitzen. 

Sie dürfen erstens: keine Metalle beigemengt haben, welche 
lösliche Salze bilden, die im Munde oder von da in den Magen 
eingeführt, schädlich wirken; sie müssen zweitens: in die Höhle 
eingeftthrt, nach kürzer Zeit einen bestimmten Härtegrad erreichen, 
und dürfen drittens: sich nicht verfärben, obgleich Mischungen 
verschiedener Metalle kaum ganz von Verfärbung im Munde frei 
bleiben können, wo verschiedenartige Säuren und andere chemische 
Stoffe, wie der so überaus schädliche Schwefelwasserstoff, auf sie 
fortwährend einwirken. 

Viel wichtiger aber ist es, dass viertens: Amalgame, wenn 
sie erät in die Höhle eingebracht sind, ihre Form nicht mehr ver¬ 
ändern, d. h. sie dürfen sich weder zusammenziehen oder zu¬ 
sammenballen und porös werden, so dass sie sich contrahiren und 
infolge dessen von den Wänden abstehen, noch sollen sie sich 
ausdehnen, wodurch auf die Wände der Höhle ein bedeutender 
Druck ausgeübt wird. 

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264 


Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Nach Fletcher und Kirby dehnt sich ein Amalgam, das 
nur aus Silber und Quecksilber besteht, so stark aus, dass ein 
Zahn mit nicht allzu dicken Wänden dadurch zerspringen kann. 

Bei Amalgamen hingegen, die sich contrahiren, sieht man 
sehr häufig ältere Füllungen über den Rand der Höhle hinaus¬ 
treten, als ob sie von innen herausgedrängt würden. Dies soll 
nach Fletcher dadurch zu Stande kommen, dass infolge der 
Contraction des Amalgams sich die Zahnsubstanz von Neuem an 
der Peripherie zersetzt und durch Bildung von Gasen u. s. w. die 
Füllung herausgedrängt wird. 

Wie dem auch sei, ob das Heraustreten der Füllung dadurch, 
oder durch die Evaporation des in zu grosser Menge beigemischten 
Quecksilbers entsteht — wie andere Autoren behaupten —, jeden¬ 
falls ist das Heraustreten des Amalgams eine Folge seiner Con¬ 
traction. 

Das Dunkelwerden resp. die Verfärbung der Amalgame kommt 
zu Stande durch die Einwirkung verschiedener mineralischer oder 
vegetabilischer Säuren, wie Essigsäure, Milchsäure, Weinsteinsäure, 
die theils fertig gebildet mit den Speisen oder als Medicamente 
in den Mund gelangen, theils sich in demselben bilden, sei es 
durch abnorme Verhältnisse der Mundflüssigkeiten, wie bei manchen 
Allgemeinerkrankungen, bei localen Erkrankungen der Mund¬ 
schleimhaut, während der Schwangerschaft u. s. w., grösstentheils 
aber durch Entwickelung von Schwefelwasserstoff. Dieser bildet 
sich sofort da, wo der Mund nicht aufs Sorgfältigste gereinigt 
wird, durch Zersetzung der zwischen den Zähnen zurückbleibenden 
Speisereste, und die Affinität des Schwefels für Silber und Queck¬ 
silber ist eine so bedeutende, dass man nicht allein die Verfärbung 
des Amalgams, sondern zuweilen auch das Lockerwerden der 
ganzen Füllung derselben zuschreiben muss. 

Selbst da, wo man zum Silber Gold und Platina beigemengt 
hat, sind diese Metalle nicht im Stande, die Affinität des ersteren 
und des Quecksilbers zum Schwefelwasserstoff aufzuheben oder 
auch nur zu verringern. Ja, sehr häufig findet das Gegentheil 
statt, indem durch die Beimengung des Silbers und Quecksilbers 
Gold und Platina eine Affinität zum Schwefelwasserstoff erlangen, 
die sie früher allein nie besessen haben. 

Ebenso wie verschiedene Metalle, die in gewissen Menstruen 


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Amalgame und das Fullen mit denselben. 


265 


unlöslich sind, sich sehr leicht darin lösen, sobald sie mit einem 
anderen löslichen Metalle gemengt sind, ebenso wird Platina, wenn 
es mit Silber legirt ist, sofort von Salpetersäure angegriffen, ob¬ 
gleich es im reinen Zustande darin unlöslich ist. 

Auf der anderen Seite aber kann eine Amalgamfüllung auf 
der Oberfläche ihren natürlichen Glanz und ihre vollständige 
Integrität behalten, während eine Verfärbung der Zahnsubstanz 
selber eintritt. Diese entsteht hier dadurch, dass das Amalgam 
nicht mehr dicht anliegt, so dass eine chemische Veränderung an 
der Peripherie desselben vor sich geht und nebenbei die Zahn¬ 
substanz neuer Zerstörung anheim fällt, in deren erweichtes Ge¬ 
webe die Gase und die Zersetzungsproducte mit ihren Farbstoffen 
leichter eindringen. Wird die Oberfläche einer Amalgamfüllung 
beim Kauen regelmässig benutzt oder fortwährend sorgfältig mit 
der Zahnbürste gereinigt, so behält sie meist ihre ursprüngliche 
Farbe, verliert sie aber, sobald dies nicht der Fall ist. 

Wie verhalten sich nun die einzelnen Metalle, 
wenn sie mit Quecksilber amalgamirt werden, und 
welche Eigenschaften entwickeln sich bei der Le- 
girung verschiedener Metalle? 

Reibt man Zinn mit Quecksilber, so amalgamirt es sich sehr 
leicht mit demselben, aber das dadurch entstandene Amalgam 
erhärtet nur sehr langsam und sehr unvollkommen. Ferner con- 
trahirt sich dasselbe sehr bedeutend, es wird leicht porös und 
zeigt grosse Neigung, sich zusaramenzuballen. 

Mengt man das Zinn jedoch mit anderen Metallen, so be¬ 
schleunigt es die Amalgamirung, wobei die neu entstandene Le- 
girung, mit Quecksilber verrieben, bedeutend plastischer wird. 

. So vereinigt sich Silber scheinbar sehr leicht mit Queck¬ 
silber, aber eine vollständige Amalgamirung findet erst nach einigen 
Wochen statt Fügt man aber Zinn hinzu, so geht die Amal¬ 
gamirung sehr schnell von Statten. 

Nur wenn man das Quecksilber vorher stark erhitzt, geht 
seine Amalgamirung mit Silber allein schnell vor sich. 

Einfaches Silberämalgam soll sich, wie schon oben angedeutet, 
sehr stark ausdehnen. Eine Legirung von Silber und Zinn giebt 
eine sehr weisse Farbe, aber mit Quecksilber amalgamirt, oxydirt 
die Mischung schneller als jedes der beiden Metalle allein. 


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266 


Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Mengt man eine Legirung von Silber und Zinn mit Queck¬ 
silber, so entsteht ein sehr plastisches Amalgam, das sich fettig 
oder seifig anfühlt und sehr langsam erhärtet. Doch sind die 
einzelnen Autoren noch gar nicht darüber einig, ob sich ein 
solches Amalgam contrahirt oder ausdehnt. Jedenfalls rührt die 
Meinungsverschiedenheit von den verschiedenen Quecksilbermengen 
her, mit welcher die einzelnen Experimentatoren gearbeitet haben. 

Bei diesem, wie bei allen anderen Amalgamen gilt es als 
Regel: je weniger Quecksilber es enthält, um so besser 
wird es sich bewähren. 

Da Amalgame aus Silber und Zinn allein nur sehr langsam 
härten, und es nicht möglich ist, die Mundflüssigkeit so lange Zeit, 
als sie zur Erhärtung bedürfen, von ihnen fern zu halten, so dringt 
diese leicht zwischen Füllung und Höhle ein und ruinirt auf diese 
Weise den Erfolg der Operation. 

Nichtsdestoweniger behaupten Flagg und Tees 1 ), dass 
Amalgame, die aus fünf Theilen Silber und vier Theilen Zinn be¬ 
stehen, immer noch die besten und haltbarsten Präparate abgeben. 
Diese Autoren gehen, abgesehen von ihrer langen Erfahrung, von 
der Thatsache aus, dass Silber die Neigung des Zinnes, sich zu¬ 
sammenzuballen und porös zu werden, hemme und das Hartwerden 
beschleunige. 

Gold mengt sich mit Quecksilber bei jeder Temperatur, aber 
zur schnellen Amalgamirung bedarf man eines' höheren Wärme¬ 
grades, und muss das Metall sehr fein gefeilt sein. 

Doch erhärtet es nicht gar zu schnell. Setzt man jedoch 
Zinn hinzu, so geht die Erhärtung zwar schneller vor sich, ab.er 
immerhin wird es nicht so hart, um für Höhlen in den. Kauflächen 
brauchbar zu sein. 

Dagegen verhindert Gold die Contraction, und aüs diesem 
Grunde bildet es mit Zinn und Silber ein sehr nützliches Amalgam. 

Essig bediente sich sehr lange folgender Legirung, die er 
für ausgezeichnet hält: 

Gold . . 500 Milligramm 

Silber . . 2000 „ 

Zinn . . 2500 „ 


1) Dental Cosmos 1879, S. 345. 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Zu 500 Milligramm dieser Feilung setzt er 250 Milligramm 
Quecksilber. 

Platina mengt sich nur mit Quecksilber, wenn es sehr fein 
präcipitirt wird, aber das Amalgam erreicht keinen bedeutenden 
Härtegrad; jedoch mit Zinn und Silber legirt, verbessert es 
die Mischung, obgleich es, mit Zinn allein legirt, zu Amalgam voll¬ 
ständig unbrauchbar ist. 

Legirt man hingegen die drei obengenannten Metalle Zinn, 
Silber und Gold, so entsteht ein ausserordentlich werthvolles 
Präparat, das sich fast gar nicht contrahirt, sich nur sehr wenig 
verfärbt, sehr schnell erhärtet und einen sehr hohen Härtegrad 
erreicht. 

Es erlangt also ein solches Amalgam annähernd diejenigen 
wesentlichen Eigenschaften, welche alle fUr Zahnfüllungen brauch¬ 
baren Amalgame besitzen sollen. 

Mischungen, welche Platina enthalten, amalgamiren zwar 
langsamer, wie solche, denen es nicht beigemengt ist, sobald aber 
einmal die Amalgamirung vor sich geht, scheinen sie eine grössere 
Menge Quecksilber als alle anderen Legirungen in sich aufzunehmen- 

Nach Essig soll folgendes Gemenge am wenigsten Queck¬ 
silber gebrauchen: 

Platina . 500 Milligramm 

Gold . . 500 „ 

Silber . . 2000 „ 

Zinn . . 2500 „ 

5000 Milligramm dieser Legirung erfordern gerade 300 Milli¬ 
gramm Quecksilber zur Amalgamirung. 

Ebenso lobt Essig folgende Mischung: 

Silber . . 40 Gramm 

Zinn . . 60 „ 

Gold . . 3 ,, 

Platina. . 3 ,, 

Grössere Mengen von Gold und Platina machen die Legirung 
brüchig, vermindern die Affinität zum Quecksilber und verbrauchen 
endlich mehr von letzterem bis zur vollendeten Amalgamirung. 

Die Anfertigung der für zahnärztliche Zwecke benutzten 
Legirungen ist ziemlich leicht, und gehören dazu nicht gerade be¬ 
deutende metallurgische Kenntnisse. Es ist ein nicht zu hoher 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Hitzegrad zum Schmelzen erforderlich, und kann man denselben 
in einem einfachen Schmelztiegel hervorbringen. 

Die einzige Schwierigkeit besteht darin, dass das Zinn sehr 
leicht oxydirt, und dass sich beim Schmelzen mit anderen Metallen 
Massen bilden, die sich von der Gesammtmenge gern abscheiden. 

Die Oxydation des Zinnes tritt aber nur dann auf, wenn sich 
eine zu starke Hitze entwickelt, die dadurch leicht entsteht, dass 
Zinn und Platina eine sehr starke Affinität zu einander haben. 
Man muss daher die Hitze nicht über 600° F. bringen und über 
das Metall, ehe man es erhitzt, etwas Holzkohle legen. Ehe die 
Metalle schmelzen, muss man ausserdem etwas Borax in den 
Schmelztiegel werfen. Dies verhindert, dass die Legirung sich an 
den Wänden festsetzt, erleichtert das Ausgiessen und löst jegliches 
Oxyd, das sich bilden könnte. 

Früher benutzte man noch andere Metalle, wie Palladium, 
Wismuth, Antimon, Zink, Cadmium und Kupfer zu zahn¬ 
ärztlichen Legirungen. 

Das Palladium bildet nach Tom es das beste Amalgam, 
da es sich gar nicht contrahirt und verfärbt und eine sehr 
plastische, gefügige Masse giebt, die sich eng an die Zahn¬ 
wände anschliesst. Andere behaupten, dass es vor dem Platina 
keine Vorzüge entwickele, dass es jedoch bedeutend theurer als 
dieses und schwer zu erlangen sei. 

Die anderen genannten Metalle sind mit Ausnahme des Kupfers 
nicht nur vollständig werthlos, sondern einige von ihnen bilden 
Salze sehr gefährlichen Charakters; dies gilt besonders vom An¬ 
timon. Das Cadmiumamalgam besitzt eine schöne weisse, 
zinnähnliche Farbe und einen gleichen Härtegrad, aber es stellte 
sich bald heraus, dass es sehr schnell oxydirt, dass es brüchig 
wurde, und dass die Theile, welche der Zahnwand anlagen, sich 
zu einem gelben Oxyd umbildeten, welches der Zahnwand eine 
hellgelbe oder orangene Farbe mittheilte. 

Kupfer wurde früher vielfach zu Amalgamen verwendet, die 
aber allmälig von den meisten Zahnärzten verworfen wurden, weil 
sie sowohl selber schwarz werden, als auch meistentheils den Zahn 
ebenfalls ganz verfärben. 

Aber solche Kupferamalgame haben den Vortheil, dass sie 
sich fast gar picht contrahiren, wovon wir uns selbst bei Amalgam- 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


269 


füllungen, die bereits über 30 Jahre im Zahn sassen — die also 
zu einer Zeit eingelegt wurden, in der zu der Abhaltung der 
Mundflüssigkeiten während des Einlegens die heutigen Hilfsmittel 
nicht zu Gebote standen —, aus eigenem Augenschein überzeugt 
haben. 

Ebenso wenig war auch nicht die geringste Abnutzung vor¬ 
handen, wenn auch die Zähne vollkommen schwarz aussahen. 

Die meisten im Handel vorkommenden Kupferamalgame halten 
das Quecksilber bereits gebunden und haben die Form kleiner, 
flacher, silbergrauer Rhomboide. 

Vor der Benutzung erhitzt man ein oder mehrere solcher 
Plättchen in einem kleinen Löffel, wodurch sie sich erweichen 
und plastisch werden, indem sich gleichzeitig Quecksilber aus¬ 
scheidet. Nachdem man das letztere noch mehr durch Ausdrücken 
in Leinwand oder Leder entfernt hat, wird es wie jedes andere 
Amalgam in den Zahn eingeftthrt. 

Selbstverständlich würde man es höchstens nur für Molar¬ 
zähne anwenden können, und auch nur da, wo selbst der geringe 
Preisunterschied eine Rolle spielte. Früher wurde fast aus¬ 
schliesslich das sogenannte S u 11 i v a n ’ sehe Kupferamalgam benutzt, 
später kam das Kupferamalgam von Lippold.uud Oehlecker 
in Deutschland mehr zur Geltung und Verwendung. 

Nach Dr. Wilson Hogue (Monthly Review of Dental Sur- 
gery 1878, S. 4) soll das Goldamalgam von Davis, das wir 
für eines der besten, wenn nicht für das beste halten, mit ziem¬ 
lichen Mengen von Kupfer gemengt sein. Nach dessen Analyse 
ist es in dieser Weise zusammengesetzt: 


Zinn . . 

. . 49,oo 

Silber . . 

. . 41,30 

Gold . . 

. . 3,46 

Kupfer . 

. . 5,60 

Eisen . . 

. . 0,42 

Nickel. . 

. . 0,04 

Verlust 

. . 0,18 


100 

Freilich bestreiten die Verfertiger die Richtigkeit dieser 
Analyse. 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Besonders die Kupferamalgame, sowie solche, welche den 
Zahn stark verfärben, üben einen eigenthümlichen Einfluss auf das 
Dentin aus, wenn sie längere Zeit mit demselben in Berührung 
gewesen. Es' wird nämlich das dunkel oder bräunlich ver¬ 
färbte Dentin bedeutend härter als das gesunde Dentin oder das, 
welches dicht hinter dem verfärbten Gewebe liegt, und es hält 
dann oft sehr schwer, die dunklen und härteren Massen wegzu¬ 
schneiden. 

Obgleich das Amalgam für zahnärztliche Zwecke wohl seit 
den ältesten Zeiten gebraucht wurde, so gerieth es doch allmälig 
in Misscredit, und vorzugsweise von Amerika aus. Ja, man ging 
sogar einmal vor 15 Jahren so weit, jeden Zahnarzt für einen 
Pfuscher zu erklären, der Amalgam zu Füllungen verwendete, 
und ihn als Mitglied von zahnärztlichen Gesellschaften auszu- 
schliessen. 

Nichtsdestoweniger wurden doch ungeheure Mengen Amalgam 
in Amerika verbraucht, und zwar verbraucht nicht blos von 
Pfuschern, sondern von den besten Zahnärzten, bis in neuester^ 
Zeit die Amalgamfrage von Neuem aufs Tapet kam und jetzt 
daselbst von einzelnen, in der Wissenschaft sehr hoch stehenden 
Autoren behauptet wird, dass das Amalgam ein viel besseres 
Material als Gold sei, eine Behauptung, die ebenfalls nicht stich¬ 
haltig ist, wie alle derartigen allgemeinen extremen Ansichten. 

Der Widerwille, das Amalgam anzuwenden, und die schlechten 
Erfolge, die man früher gesehen hat und auch noch heute sieht, 
rühren nicht vom Amalgam selber her, sondern von der sorglosen 
Weise, mit der einerseits die cariöse Höhle behandelt, andererseits 
aber das Material eingelegt wird. 

Während man gewöhnt ist, für Goldfiillungen die Höhle aufs 
Sauberste'zu reinigen und sie so zurecht zu machen, dass das 
Gold ordentlich darin festsitzen kann, glaubt man für das Amalgam 
dieser so wichtigen Vorarbeit nicht zu bedürfen. 

Gerade aber für Amalgamfüllungen muss man auf eine sorg¬ 
fältige Reinigung und Zurechtrichtung der Höhle Bedacht nehmen, 
und während man für gewisse Goldfüllungen, wie an den Kau¬ 
flächen der Bicuspidaten und Molarzähne, einen oder zwei Winkel 
stehen lassen kann, die sogar einen guten Haltepunkt für die 
ersten Cylinder oder Falten der Folie abgeben, darf man für 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 271 

Amalgamfüllungen solche Winkel durchaus nicht stehen lassen, 
sondern man muss dieselben abrunden. Ebenso muss man auch 
die Seitenflächen so glatt als möglich hersteilen, damit das Amalgam, 
wenn man es an die Wand drückt, dieselbe Form annimmt und 
so wenig Rauhigkeiten als möglich zeigt. Selbstredend darf nicht 
die geringste Verfärbung, kein erkranktes Schmelzpartikelchen 
oder gar erweichtes Dentin zurückgelassen werden. 

Bei tiefen Höhlen, besonders an den Kauflächen der Molar¬ 
zähne oder Bicuspidaten, bedarf man für Amalgam keiner Haft¬ 
stellen, wohl aber wird man sich bei flachen Höhlen an den Be¬ 
rührungsflächen der Bicuspidaten und Molarzähne an verschiedenen 
Stellen, da, wo es, ohne die Pulpa zu verletzen, angeht, ziemlich 
breite Furchen einschneiden müssen. Will man Haftlöcher bohren, 
so werden diese viel grösser ausfallen müssen als Haftlöcher für 
Goldfüllungen. 

Vor Einführung des Amalgams muss man die Höhle gerade 
so wie für Goldfüllungen vollständig austrocknen und durch An¬ 
legen des Rubber-dam trocken halten. 

Hat man es mit dem dritten Molarzahne oben zu thun, wo 
es schwierig ist, den Rubber-dam anzulegen, so muss man wenig¬ 
stens durch Tücher jede Feuchtigkeit fernzuhalten suchen. 

Am besten trocknet man die Höhle erst mit Schwamm*) oder 
Baumwolle aus, dann bringt man etwas absoluten Alkohol hinein 
und trocknet mit dem mässig erwärmten Luftbläser. 

Wo die mesiale oder distale Wand an einem Bicuspis oder 
Molarzahne weggebrochen ist und die Höhle sich bis zur Kau¬ 
fläche erstreckt oder absichtlich bis zu derselben erweitert worden 
ist, zwänge man, nachdem der Rubber-dam angelegt ist, ein 
Stückchen Metall oder Holz zwischen die Zähne oder wende 
Pinney’s Stahlbügel an (cf. Pappenheim’s Catalog, S. 89). 

Hat man auf diese Weise den Zahn zurecht gemacht oder 
getrocknet, dann erst mische man das Amalgam. 

Das Wichtigste ist hierbei die Menge des Quecksilbers. Wir 
können es nicht oft genug wiederholen, je weniger von dem¬ 
selben darin ist, desto besser hält sich die Füllung, 


1) Wir haben stets kleine, würfelförmig zugeschnittene Stücke Blut- 
schwamm von verschiedener Grösse vorräthig. 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


desto schneller härtet sie, und desto leichter lässt sie 
sich poliren. 

Man nehme nur soviel Quecksilber, dass ein bleifarbenes, 
sandartiges Pulver entsteht. Dieses drücke man dann mit passenden 
Instrumenten gegen den Boden und die Seitenwände der 
Höhle an, bis es silberfarben aussieht. Darauf lege man ein 
kleines Stückchen nach dem anderen ein, bis die Höhle über¬ 
voll ist, so dass man beim Poliren den Ueberschuss entfernen 
kann. 

In manchen Abhandlungen und bei verschiedenen Versamm¬ 
lungen zahnärztlicher Gesellschaften wurde in den letzten Jahren, 
ebenso wie das Einhämmern des Goldes, auch das Einhämmern 
der Amalgame empfohlen, weil auf diese Weise die Füllung dichter 
werde und sich besser an die Wände der Höhle anschmiegen 
solle. Doch ist das Einhämmern bei solch’ einer plastischen 
Masse wie das Amalgam vollständig unnöthig — andererseits aber 
auch vollständig unmöglich. 

Es sollte etwas ganz besonders Neues sein, und wurde, wie 
in der Kegel alles Neue, in der Zahnheilkunde ganz kritiklos ge¬ 
glaubt und angenommen, bis es jener Vergessenheit anheim fiel, 
die solche Vorschläge in vollem Masse verdienen. 

Um die ersten Theile des Amalgams' ordentlich gegen den 
Boden und die Seitenwände anzudrücken, bedient man sich am 
besten zuerst eines Instrumentes, welches mit einem runden Knopfe 
versehen ist. Für die späteren Stücke kann man irgendwelches 
alte, abgenutzte, an der Spitze glatt gemachte Plombirinstrument 
gebrauchen. Da, wo sehr wenig Quecksilber im Amalgam, dasselbe 
also ganz pulverförmig geworden ist, so dass man es in manche 
Höhle schwer einbringen kann, drücke man das Pulver mit einem 
erwärmten Instrumente zusammen. Dann kann man es mit einer 
Pincette fassen und in die Höhle einführen. 

Fletcher hat für diese Fälle eine Cylinderform empfohlen. 
In diese bringt man das Pulver hinein, und durch ein Piston wird 
es zu Scheiben gepresst, die man in die Höhle einführt und mit 
warm gemachten Instrumenten comprimirt. 

Befindet sich im Amalgam zu viel Quecksilber^ so gelangt 
dasselbe beim Eindrücken in Form kleiner Kügelchen an die 
Oberfläche. Diese Kügelchen muss man mit kleinen Stückchen 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Blutschwamm wegtupfen und den Rest des Amalgams noch einmal 
ordentlich ausdrücken, bis es fast sandartig wird, und dann mit 
dem Füllen fortschreiten. Da wir stets auch für Amalgam¬ 
füllungen empfehlen, den Rubber-dam anzulegen, so hat man voll¬ 
ständig Zeit und Müsse, mit der Arbeit fortzufahren. 

Einzelne Händler empfehlen, ihr Amalgam zu waschen, während 
andere, wie Fletcher, geradezu vor dem Waschen des Amalgams 
warnen. Das Waschen soll den Zweck haben, etwaigen Schmutz, 
der sich in der Legirung befindet, aus dem Amalgame heraus¬ 
zunehmen. Aber jedenfalls wird durch das Waschen, sei es mit 
Wasser, sei es mit Alkohol, die Zusammensetzung des Amalgams 
so geschädigt, dass es kaum jene Erfolge bieten kann, welche die 
Händler in grosssprecherischer Weise für ihre Fabrikate in An¬ 
spruch nehmen. 

In neuester Zeit wird zum Amalgamiren Quecksilber empfohlen, 
welches durch Elektricität gereinigt ist. Soviel man bis jetzt 
weiss, werden durch Elektricität gewisse, das Quecksilber ver¬ 
unreinigende Metalle, wie Blei, Antimon u. s. w., entfernt, und 
wahrscheinlich bilden diese den Hauptbestandteil jenes Schmutzes, 
der theils beim Verreiben des Quecksilbers mit den Legirungen 
zurückbleibt, theils das Amalgam selber im Munde dunkel färbt. 
Benutzt man aber solch durch Elektricität gereinigtes Queck¬ 
silber, so setzt sich fast gar kein Schmutz ab, und die Amalgame 
behalten im Munde ihre ursprünglich fast platinaweisse Farbe. 

Einige empfehlen zur Mischung des Amalgams einen kleinen 
Porzellanmörser mit Porzellanpistill, aber am leichtesten mischt 
man das Quecksilber mit der Legirung in der Hand und drückt 
etwaiges überschüssige Quecksilber durch Rehleder aus. Solche 
Operateure jedoch, die fast nur Amalgam verwenden, werden 
immerhin besser thun, hiermit etwas vorsichtig zu sein, und lieber 
die Hand sowohl, auf der das Amalgam zu liegen kommt, wie 
auch den Finger, mit dem sie das Amalgam verreiben, mit etwas 
dünnem Rubber-dam zu bedecken. 

Fletcher verlangt, dass aus seinem Amalgam d^s über¬ 
schüssige Quecksilber nicht ausgepresst werden soll, sondern, dass 
man dann von Neuem soviel von der Feilung hinzuthun müsse, 
bis das Amalgam etwa pulverförmig werde. Eine Vorsicht, die 


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Amalgame and das Füllen mit denselben. 


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wohl für Fl et eher’s Amalgame von Vortheil sein kann, bei 
den anderen jedoch, wie bei denen von Davis und Ash, über¬ 
flüssig ist. 

Hat man die Amalgamfüllong in der eben beschriebenen 
Weise eingelegt, die Masse an den Zahn ordentlich angedrückt 
and besonders die Ränder sorgfältig behandelt, so polirt man sofort 
die ganze Füllung. 

Nach einigen Tagen oder Tags darauf muss man aber noch 
einmal dieselbe nachsehen, etwaige vorstehende Theile mit schmalen 
Streifen Sandpapier und feinen Feilen wegschaffen und dann von 
Neuem glätten und poliren, was jetzt mit den hölzernen und 
stählernen Einsätzen der Bohrmaschine in der That eine leichte 
Arbeit ist. 

Besonders sehe man darauf, dass, während man den letzten 
Theil der Füllung einlegt, nicht etwa noch Feuchtigkeit hinein- 
geräth, denn auf diese Weise wird der äussere Verschluss stets 
undicht. 

Amalgame verwendet man am besten für grosse Cavitäten 
mit sehr dünnen Wänden, ebenso für solche in den oberen 
und unteren Molarzähnen, wie nicht minder für ebensolche 
Cavitäten an den Berührungsflächen der Bicuspidaten und Molar¬ 
zähne, besonders aber an den distalen Flächen dieser letztgenannten 
Zähne. Infolge der bedeutenden Geschmeidigkeit und der rela¬ 
tiven Schnelligkeit, mit der man grosse Höhlen bearbeiten 
kann, gegenüber der langen Zeit, deren man bedarf, um dieselben 
mit Gold auszufüllen, ist das Amalgam von vorzüglichstem Nutzen. 
Ja es ist noeji fraglich, ob gut eingelegte Amalgamfüllungen für 
grosse Höhlen in Molarzähnen nicht zweckdienlicher sind, als die 
besten Goldfüllungen, da die lange Zeit, welche letztere Füllung 
hier erforderte, oft die Gesundheit des Operirten mehr schädigen, 
als das etwaige schöne Aussehen des Zahnes werth ist 

Trotz aller Vorsicht beim Einlegen und trotz der besten 
Materialien, die man benutzt, werden, wie wir dies bereits oben 
angedeutet haben, immerhin bei manchen Personen und unter 
manchen Verhältnissen einzelne Amalgamfüllungen sich oxydiren. 
Aber dies ist von geringerer Wichtigkeit als jene Idiosynkrasie, 
die manche Constitutionen für die Einwirkung des Quecksilbers 
zeigen. 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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Bei diesen wird der ganze Organismus leicht selbst durch 
ganz geringe Quantitäten dieses Metalles afficirt und der allge¬ 
meine Gesundheitszustand auf das Erheblichste gestört. Es ent¬ 
wickeln sich dann jene Symptome in mehr oder weniger erheb¬ 
licher Stärke, welche als Quecksilbervergiftungen bekannt sind. 
Obgleich derartige Idiosynkrasien sehr selten sind, so sollte doch 
vor der Einführung einer Amalgamfüllung gerade darauf Kücksicht 
genommen werden. 

Zuweilen macht es grosse Schwierigkeiten, das Amalgam, zu¬ 
mal wenn es in Folge von zu geringem Quecksilbergehalte sehr 
pulverförmig ist, in die Höhle einzuführen, und vorzugsweise leiden 
Anfänger an solchen Schwierigkeiten. 

Da, wo ein Operationsstuhl zu Gebote steht, wird man bei 
Füllungen an den oberen Molarzähnen den Patienten mit dem 
Stuhle weit nach hinten überlegen müssen, und bei Füllungen an 
den unteren Molarzähnen wird man die Rückenlehne so stellen, 
dass Patient möglichst gerade und mit vorn übergeneigtem Kopfe 
dasitzt. 

Hat man Patienten in die richtige Lage gebracht, so kann 
man jenen Amalgamträger, welcher in Papph. Catalog, S. 95 abge¬ 
bildet ist, benutzen. 

Diese Instrumente haben am Ende eine Hülse zur Aufnahme 
des Amalgams, welches durch einen Stift in die Cavität gedrängt 
wird, doch ist die Anwendung dieser Instrumente sehr umständ¬ 
lich. Viel besser ist schon der Amalgam-Director von Mullet 
(Ash, Correspondenzblatt, Januar 1880). Wir hatten denselben 
einige Zeit im Gebrauch, sind mit demselben zufrieden, kommen 
aber jetzt bereits ohne beide beschriebene Werkzeuge aus. 

Im Jahre 1872 hat Zsigmondy in Wien Amalgamfüllungen 
auch für vordere Zähne empfohlen, und zwar vorzugsweise dann, 
wenn bei sehr gebrechlichen Zähnen mit sehr dünnen Wänden 
Goldfüllungen sich nicht mehr anbringen lassen. Damit das Amal¬ 
gam hierbei den Zahn nicht verfärbt, so kleidet Zsigmondy 
zuerst die ganze Höhle mit weicher Goldfolie (meist Nr. 8) der¬ 
artig aus, dass Theile der Folie über den Rand rings herum her¬ 
ausstehen. Darauf bringt er kleine Amalgamkügelchen, die er 
vorher ebenfalls in Goldfolie gewickelt hat, in die Höhle und 
drückt dieselben mit grosser Vorsicht ein, so dass die erste Gold- 


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Amalgame und das Füllen mit denselben. 


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unterläge nicht verschoben werden kann. Darauf legt er allmälig 
Amalgam weiter ein nach den gewöhnlichen Regeln, und wenn 
die Höhle voll ist, legt er die über den Rand vorstehende Folie 
auf die Oberfläche des vorher geglätteten Amalgams. 

Nach neuen, uns persönlich gemachten Mittheilungen wendet 
Zsigmondy auch heute noch diese Art der Füllungen an. Er 
behauptet, dass die Goldauskleidung sicher die Verfärbung ver¬ 
hindere und nur dort, wo keine Goldunterlage unter dem Amalgam 
sei, eine locale Verfärbung eintrete. Er hat nur jetzt insofern 
eine kleine Aenderung seines Verfahrens eintreten lassen, als er 
nicht mehr das Amalgam von Neuem in Gold einwickelt, sondern 
dass er die einzelnen Amalgamtheile direct in die mit Goldfolie 
ausgekleidete Höhle einbringt. Zsigmondy wendet vorzugsweise 
sein eigenes Amalgam an, welches aus: 

1 Theil Feingold, 

3 Theilen Feinsilber, 

2 „ reinem Zinn 

besteht. Obgleich er mit allen anderen Amalgamen experi- 
mentirt hat, ist er doch stets zu seinem eigenen Präparate 
zurückgekehrt. 

Slayton’s Felt-foil heisst ein Präparat, das vor etwa 
drei Jahren unter dem Namen Slayton’s Sponge- oder 
Spunkamalgam in den Handel kam, und das jetzt in Form 
von kleinen, dünnen, viereckigen Platten unter dem obigen Namen 
verkauft wird. Es sehen diese Platten bläulichgrau aus, und wenn 
man sie zerzupft, verhalten sie sich etwa wie Krystallgold, nur 
dass dabei eine Menge nadelförmiger Krystalle abfallen, welche 
aus reinem Zinn bestehen. Es ist nach William Förster eine 
Composition aus: 

Zinn 85 

Quecksilber 10 
Silber 5 

100 . 

Der Verfertiger behauptet, dass dieses Felt-foil das beste 
Amalgam für zahnärztliche Zwecke sei, dass es sich selbst bei 
Feuchtigkeit sehr gut in der Cavität anbringen lasse, und dass es 
weder sich selbst noch den Zahn verfärbe. 


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Schlenker: Das Füllen der Wurzelkanäle mit Portland-Cement. 277 

Es besitzt ungefähr die schwammartige Consistenz von 
Krystallgold und ist, da es das Quecksilber gebunden enthält, 
bereits zur Bearbeitung fertig. 

Um es in den Zahn einlegen zu. können, muss man es ebenso 
wie Krystallgold in kleine Theilchen zerzupfen; doch kann man 
es ebenso gut mit der Scheere in kleine viereckige Blättchen 
schneiden, was man aber bekanntlich mit Krystallgold nicht thun 
darf. Es wird aber ebenso wie Krystallgold in die Höhle ein¬ 
gebracht und ganz in derselben Weise vom Rande aus nach der 
Peripherie hin gedichtet. Es nimmt eine sehr schöne Politur an, 
aber unter Feuchtigkeit lässt es sich nicht verarbeiten, und es 
erfordert mindestens ebenso viel Zeit, als man zur Füllung mit 
Gold bedarf. 

Aus diesem Grunde, und da für das Präparat, welches fast 
nur aus reinem Zinn besteht, ein relativ sehr hoher Preis ge¬ 
fordert wird, hat es bisher in Deutschland kaum irgend welche 
Verbreitung gefunden. 

Einige Zahnärzte sollen es nach dem Vorschläge des Fabri¬ 
kanten bei grossen Höhlen in den Kauflächen der Molarzähne 
derartig verwenden, dass sie den unteren Theil mit Felt-foil voll¬ 
stopfen und zuletzt Gold, das ganz gut daran haftet, darüber 
legen. Wir würden aber derartige Mischungen in keiner Weise 
empfehlen. 


Das Füllen der Wurzelkanäle mit Portland- 
Cement nach Dr. Witte. 

Von 

M. Schlenker. 

Bekanntlich machte uns der College Dr. Witte in Hannover 
im Aprilhefte 1878 auf seine oben angeführte Operationsmethode 
aufmerksam, indem er dieselbe als ausgezeichnet schildert und zur 
Nachahmung empfiehlt. Dr. Witte lässt sich diesen Portland- 
xx. 19 


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Schlenker: Das Füllen der Wurzelkanäle 


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oder Buxtehuder Cement fein reiben und hebt ihn, gut verkorkt, 
in einem Fläschchen zum Gebrauche auf. 

Die Anwendungsweise ist einfach folgende: Man nimmt ein 
Wenig auf eine Glasplatte, tupft etwas Creosot oder Carbolsäure 
und etwas Wasser auf die Platte und rührt Alles zusammen. 
Dieser Brei wird nun auf eine Serviette gelegt, um das über¬ 
flüssige Wasser auszudrücken; Zahn und Wurzel werden gut 
getrocknet, Cement in den Wurzelkanal eingestopft, etwas Zunder 
darauf gelegt, und nachdem dieser letztere einige Minuten trocken 
aufgelegen hat, wird derselbe entfernt, und die Goldfüllung u. s. w. 
kann, nachdem man noch den überflüssigen Cement weggenommen 
hat, sofort auf den schon ziemlich hart gewordenen Cement ein- 
geftthrt und vollendet werden. 

Dr. Witte ist der Ansicht, dass diese Cementmasse prak¬ 
tischer und leichter anwendbar ist, als irgend eine andere. Gegen 
Zinkchlorid hat sie den Vortheil, dass sie nicht ätzt; gegen Gold, 
dass sie mit Sicherheit die Wurzel vollkommen füllt, ohne ein 
Wärmeleiter zu sein; gegen Baumwolle u. s. w., dass sie keine 
fauligen Massen zulässt 

Da ich die Witz el'sehe und Sauer’sehe Methode kennen 
gelernt und die Resultate meiner Erfahrungen veröffentlicht habe, 
so lag mir daran, auch die Witte’sehe Methode kennen zu 
lernen, und ich erlaube mir nun, auch hierüber meine Erfahrungen 
zu veröffentlichen. 

Der Portland-Cement ist ein zart gestossenes oder zer¬ 
riebenes aschgraues Pulver, das mit Carbolsäure resp. Creosot 
und Wasser einen dunkelbraunen Brei giebt. 

Anfangs verfuhr ich ganz nach der von Witte angegebenen 
Vorschrift, nämlich den angerührten Brei in einer Serviette aus¬ 
zudrücken, fand aber sofort zwei Nachtheile: 1) dass der Brei 
bröckelig wird, wodurch die Einführung erschwert wird, und 
2) dass er sich so nicht gut und vollkommen in die Wurzel¬ 
spitze hineintreiben lässt. 

Zuerst giesse ich einen oder mehrere Tropfen Carbolsäure 
auf eine saubere Glasplatte (Objectträger) und giesse, was abfliesst, 
in die Flasche zurück; es bleibt dann so viel Carbol auf dem Ob¬ 
jectträger, dass ein Tropfen Wasser gerade genügt , um für eine 
oder mehrere Zahnwurzelfüllungen auszureichen. 

(Fortsetzung S. 282.) 


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Wurzelfüllungen mit Portland-Cement nach Witte. 


mit Portland-Cement nach Dr. Witte. 279 



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Schlenker: Das Füllen der Wurzelkanäle 



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mit Portland-Cement nach Dr. Witte. 281 



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282 Schlenker: Das Fällen der Wurzelkanile mit Portland-Cement. 

Nachdem ich diese beiden Flüssigkeiten mit einander ver¬ 
mengt, setze ich so viel Cement hinzu, dass der Brei nicht bröckelt, 
aber auch nicht schwitzt, so dass er auf einem Excavator oder 
Bohrer in den Zahn eingeftthrt werden kann. Diese erste Portion, 
welche etwa den halben Kanal ausfUllen soll, wird mit dem den 
Brei einführenden Instrumente so gut als möglich gestopft und 
nachträglich mit einer kleinen Baumwollpille hineingetrieben. 
Diese letztere saugt alle unnütze Flüssigkeit auf, dennoch aber 
lasse ich immer noch eine zweite folgen und verfahre mit der 
zuletzt eingebrachten Portion Brei ganz in derselbe Weise. 

Zähne, welche ausserhalb des Mundes gefüllt wurden, ergaben 
mir nur nach dieser angegebenen Weise vollkommene Schliessung 
des Kanales. 

Soll der Zahn ohne Amalgam oder irgend einen Cement 
u. s. w. gefüllt werden, so geschieht dies sofort, sobald die 
Cavität von dem überflüssigen Portland-Cement gereinigt worden 
ist. Bei Goldfüllungen hingegen überkappe ich stets die Wurzel¬ 
füllung mit Zinkphosphat und spritze vor der Einführung des 
Goldes die Cavität mit Wasser aus, damit alle Bestehen des 
Portland-Cementes sowohl als auch diejenigen des Zinkphosphat- 
Cementes hinweggespült werden. Bei den Frontzähnen ist dieses 
Verfahren, wenn solche mit Cementplomben versehen werden, 
ebenfalls stets zu empfehlen, da kleine zurückgebliebene Reste 
des Portland-Cementes dunkel durchschimmern. 

In dem Kanäle wird der Portland-Cement ganz trocken, 
wird aber nicht hart, er lässt sich im Gegentheile ganz leicht 
mit einem beliebigen Instrumente herauskratzen; er hat also die¬ 
selbe Eigenschaft wie der Phenol-Cement von Witzei, er bildet 
wie dieser einen porösen Verschluss und verbindet sich ebenfalls 
mit den Cementplomben ganz gut. Dieser Porosität schreibe ich 
auch die günstige Wirkung zu, denn dadurch, dass ein hermetischer 
Verschluss nicht stattfindet, wird die Saftcirculation, welche sich 
oft ganz bedeutende Kanäle bildet, in dem todten Zahne von dem 
Periosteum aus eher begünstigt, und der Zahn selbst ist quasi 
als ein lebender zu betrachten. 

Den Portland-Cement nun benutzte ich seit letztem Herbst 
fast ausschliesslich, und hat derselbe mir bis zur Stunde (20. Mai) 


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Dunzelt: Aus der Praxis. 


283 


noch nicht einen einzigen verunglückten Fall gegeben, wenigstens 
ist mir kein solcher Ai Gesicht gekommen. Er hat aber einen 
Nachtheil, nämlich den, dass er seiner dunklen Farbe wegen nicht 
gut zu Wurzelfüllungen der Frontzähne verwendbar ist. Infolge 
dessen gebe ich in solchen Fällen dem Witzei’sehen Phenol- 
Cemente oder dem Catgut von Sauer den Vorzug. 

Die vorstehende Tabelle von 25 Fällen, welche vom 9. bis 
26. März ausgeführt wurden, zeigt, dass man mit dem Portland- 
Cemente ebenso wie mit' der Witzel’schen und Sauer * sehen 
Methode selbst in Periostitis übergetretene Zähne glücklich 
curiren kann. 

Ich habe den Monat März speciell deshalb gewählt, weil 
dieser Monat ein verhältnissmässig sehr warmer war, wenigstens 
wärmer als alle übrigen Monate seit letztem Herbst bis jetzt; 
denn bekanntlich treten Periostitiden am häufigsten bei warmer 
Witterung und namentlich beim öfteren Temperaturwechsel auf. 


Aus der Praxis. 

Von 

J. Dunzelt, Dresden. 


Im Februar dieses Jahres kam zu mir eine Dame, welche 
ein künstliches Gebiss (Obertheil) aus Kautschuk trug, um sich, 
da auch ein Ersatzstück für den Unterkiefer nunmehr noth- 
wendig war, ein ganzes Gebiss anfertigen zu lassen. Da die bis¬ 
herige Saugeplatte, welche auf der dem Gaumen zugekehrten 
Fläche sehr glatt und sauber polirt war, ursprünglich fest sass, 
Patientin aber infolge von unerträglicher Wärme am Gaumen 
das Gebiss so nicht tragen konnte, so hatte sie das Gebiss ver¬ 
kleinern lassen, um dadurch weniger Berührungsfläche zu haben. 
Da aber die Saugekraft dadurch aufgehoben oder doch wenigstens 
sehr reducirt wurde, so wurde das Gebiss sehr lose und hielt 
nur noch durch die Unterstützung der Zunge. 


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Dunzelt: Aus der Praxis. 


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Ich fertigte der Patientin, welche nur einen schmalen künst¬ 
lichen Gaumen wünschte, infolge dessen ein Federgebiss aus Gold 
an, und zwar im Oberkiefer ans Goldgaze mit Kautschuküberzug, 
und im Unterkiefer aus Goldblech, ebenfalls mit Kautschuküberzug. 
Die der Schleimhaut zugewendete Fläche bestand also sowohl im 
Ober- wie im Unterkiefer aus Gold. 

Schon beim Einsetzen des Gebisses hatte die Patientin ein 
ganz anderes Gefühl; sie meinte, dass dasselbe viel mehr kühlte, 
als. das bisherige, und glaubte auch, dass, wenn jetzt die Platte 
grösser wäre, sie dieselbe ganz gut tragen könnte. Nachdem sie 
nun das Gebiss mehrere Tage getragen, die Federn ihr aber 
gerade nicht sehr angenehm waren, entfernte ich auf ihren Wunsch 
dieselben und fertigte nunmehr eine Saugeplatte aus gleichem 
Materiale an. Patientin trug jetzt das Gebiss ohne jede Be¬ 
schwerde; Symptome wie Trockenheit und Brennen fehlen. 

Da ich anfangs selbst glaubte, dass eine Saugeplatte infolge 
Reizbarkeit des Gaumens nicht getragen werden könnte, machte 
ich ein Federgebiss, habe mich nun aber überzeugt, dass nicht 
die Grösse der Platte, sondern das Material desselben den Reiz 
verursachte. 

Ich will nun durchaus keine Theorie aufstellen oder eine 
aufgestellte Theorie durch die Praxis beweisen. Mag aber die 
Ursache davon, dass Kautschukgebisse zuweilen wegen solcher 
üblen Zufälle nicht getragen werden können, in der chemischen 
Wirkung des Kautschuks liegen, oder mag die schlechte Wärme¬ 
leitung des Kautschuks dieselben zur Folge haben, so wird jeden¬ 
falls durch vorliegenden Fall die Annahme widerlegt, dass, wenn 
die dem Gaumen anliegende Seite sauber polirt ist, Kautschuk¬ 
gebisse solche Uebelstände nicht verursachen, denn, wie oben 
erwähnt, war die palatinale Fläche des Kautschukgebisses schön 
glatt und sauber. 1 ) 

1) Anm. d. Red. Wir glauben aber nicht, dass die Goldgaze, 
welche doch nicht mehr mit der Schleimhaut in Berührung kommt, als 
der sie durchdringende Kautschuk, schuld an der Verbesserung war. 
Dass ein Goldgazegebiss, welches doch seine Kautschukseite der Mund¬ 
höhe zuwendet, die Wärme besser leite, kann man doch auch nicht be¬ 
haupten. Dagegen ist in vielen Fällen, wenn auch nicht immer, die 
imsaubere Bearbeitung der Gaumenfläche in ganz evidenter Weise schuld. 


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Journalschau. 


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Journalschau. 


Montbly Review of Dental Surgery. 

^ (Ref. Jul. Parreidt.) 

Yol. TU. 

October 1878. 

Die Erscheinungen des Lebens. (Vorlesung.) 

Von Thomas Gaddes, L. D. S., Eng. 

Verfasser bespricht den Unterschied zwischen organischem 
und anorganischem Stoffe und handelt ferner über Geburt, Wachs¬ 
thum, Entwickelung und Tod. Sodann werden speciell die Zellen 
und ihre Vermehrung besprochen. — Die Vorlesungen werden 
durch mehrere Hefte fortgesetzt, brauchen aber hier nicht weiter 
erwähnt zu werden, da sie nicht speciell von zahnärztlichem 
Interesse sind. 

December 1878. 

Die Anwendung von Hartkautschuk bei congenitaler 
Gaumenplatte. 

Von Thomas Brian Gunning, M. D , Newyork. 

Verfasser scheint von dem Süersen’sehen Obturator noch 
nie etwas gehört oder gelesen zu haben. Sein Obturator ist eine 
einfache Kautschukplatte, die nach hinten bis nahe an das Tuber¬ 
culum anterior atlantis reicht und am Ende abgerundet ist, 
damit die Seiten des Pharynx sich beim Schlingen genau an- 
schliessen können. Der hintere Theil der Platte überdacht die 
Weichtheile so, dass die in der Mitte unvereinigten Muskeln bei 
ihrer Contraction die Nasenhöhle abschliessen. (Dass diese ein¬ 
fache Platte ihrem Zwecke entspricht, möchten wir bezweifeln. — 
D. Ref.) 


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Jouraalschau. 


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Yol. VIII. 

Februar 1879. 

Replantation. 

Von Georg Torpey. 

Verfasser theilt seine Erfahrungen über die Replantation mit. 
Im ersten Falle (vor acht Jahren) zog er in der %tickoxydul- 
narkose einem 30 Jahre alten Patienten einen gesunden ersten 
Molaris anstatt des erkrankten zweiten aus. Jener wurde mit 
warmem Wasser abgewaschen und sofort wieder eingesetzt. Einige 
Zeit danach war der Zahn angewachsen. Der zweite Fall betraf 
ein 13jähriges Mädchen, welchem der zweite Praemolar bei der 
Extraction des ersten Mahlzahnes mit luxirt wurde. Der wieder 
eingedrückte Zahn ist angewachsen und hat allem Anscheine nach 
seine Vitalität behalten. 

Hieran reiheu sich 18 Fälle, in welchen cariöse Zähue ab¬ 
sichtlich ausgezogen wurden, um sie zu replantiren. Die be¬ 
treffenden Zähne waren entweder an der Pulpa oder am Periost 
erkrankt. Beim Füllen ausserhalb des Mundes wurde der Zahn 
sorgfältig mit einem Tuche gehalten, um das Periost nicht zu 
zerstören. Das Blutgerinnsel wurde dann aus der Alveole entfernt • 
und der Zahn wieder eingesetzt. In einigen Fällen, wo das 
Periost sehr verdickt war, wurde vor der Wiedereinpflanzung die 
verdickte Masse entfernt; in anderen wurde die Wurzelspitze 
abgeschnitten. Das Einsetzen verursachte nur in einzelnen Fällen 
erheblicheren Schmerz. Einen Verband hielt Verfasser nur aus¬ 
nahmsweise für nöthig (für einen oberen Schneidezahn beim 
Mangel an Backzähnen); sonst wurden selbst einzeln stehende 
replantirte Zähne nicht durch Schienen u. s. w. besonders fixirt. 

Der Schmerz nach der Operation ist nur in einzelnen Fällen 
erheblich gewesen. Der schliessliche Erfolg soll in allen 18 Fällen 
befriedigend gewesen sein. 


Juni 1879. 

Pflockfüllnngen in 6old. 

Von Oakley Coles. 

Grosse Füllungen aus nichtadhäsivem Golde in Mahlzähnen 
sinken bisweilen nach einigen Jahren ein, wahrscheinlich infolge 


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der Condensirung dnrch den Gegenzahn. Die Füllung braucht 
dadurch noch nicht unbrauchbar zu werden; aber unvollkommen 
wird sie, und sie veranlasst auch den Gegenzahn, aus seiner 
Alveole weiter herauszutreten. 

Durch die Benutzung adhäsiven Goldes kann die Conden- 
sation auf ein Minimum reducirt werden; doch erfordert eine 
grosse Füllung aus diesem Materiale erheblichen Druck, welcher 
auf die Wandungen der Cavität sich fortsetzt, und von Seiten 
des Operateurs grossen Aufwand an Zeit und Kraft. Die Ope¬ 
ration kann nun vollkommener gemacht und leichter ausgeführt 
werden, wenn man den grösseren Theil der Höhle mit einem 
soliden Goldpflocke ausfüllt und die Füllung mit adhäsiver Folie 
vollendet. 

Man schneidet einen Pflock von einem Drahte aus Feingold 
ab, etwa 1 mm länger, als die Tiefe der Cavität beträgt. Die 
Dicke des Drahtes richtet sich selbstverständlich nach dem Durch¬ 
messer der Höhle. Der Draht wird so ausgefeilt, dass er einen 
doppelten Conus bildet, dessen beide Basen die Enden des Drahtes 
bilden und dessen beide Spitzen in der Mitte des Drahtes Zu¬ 
sammentreffen. Nach dem Feilen, wobei er gehärtet ist, muss 
der Pflock geglüht werden, damit das Gold wieder geschmeidig 
werde. 

Der Pflock soll auf dem Boden der Cavität ruhen und mag 
mit etwas Zinkoxychlorid, Guttapercha oder Schwammgold in 
seiner Stellung fixirt werden, damit er beim Füllen des übrigen 
(peripheren) Theiles der Cavität aufrecht stehen bleibt. Die 
Füllung wird vollendet mit adhäsivem Golde, das in Bandforra 
um den centralen Doppelconus gepackt wird. Wenn die Cavität 
gefüllt ist, werden die Ränder des soliden Pflockes niederge¬ 
hämmert, worauf man die ganze Oberfläche glatt schleift und in 
gewöhnlicher Weise finirt. 

Die Verkeilung von lebender Materie im menschlichen 
Zahnbeine, Cement und Schmelz. 

Yon Thomas Gaddes. 

Ueber diesen Gegenstand wurde in der letzten Jahresver¬ 
sammlung der American Dental Association von Boedecker 


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Journalschau. 


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eia Vortrag gehalten. Die Zahnschliffe, welche Boedecker zu 
seinen Untersuchungen benutzte, waren in einhalb- bis ein- 
procentiger Chromsäure einen oder zwei Tage lang behandelt 
worden, um sie zu entkalken und zu härten. Zum Untersuchen 
wurde 2000 (! — Ref.) -fache Vergrösserung angewendet. 

Die Ergebnisse, zu welchen Boedecker auf Grund seiner 
Untersuchungen gekommen ist, differiren in manchen Beziehungen 
von den bisher, allgemein geltenden Theorien. Im Zahnbeine 
wird an der Existenz der, von Tom es zuerst beschriebenen 
Zahnbeinfasern, welche direct mit den Odontoblasten im Zusammen¬ 
hänge stehen, festgehalten. Im Ce mente ist nach Boedecker 
Protoplasma in den Lacunen und Canaliculis enthalten; die ganze 
Cementgrundsubstanz ist von einem zarten Netzwerke durchsetzt, 
welches wahrscheinlich ebenfalls lebende Materie enthält. Auch 
der Schmelz soll von Fibrillen lebenden Gewebes, welche mit 
den Zahnbeinfasern in directer Verbindung stehen, durchsetzt 
sein. Die Schmelzprismen sollen Räume zwischen sich lassen, 
welche von jenen eingenommen werden. 

Juli 1879. 

Ein neuer Dampfapparat znm Stampfen. 

Von Harry Rose, L. D. S., Eng. 

Verfasser beschreibt einen von Humby und ihm selbst er¬ 
fundenen Apparat, Metallplatten durch Dampfdruck in jede ge¬ 
wünschte Form zu pressen. Mit Hilfe des Apparates sollen 
Platten aus „Metermetall“ *) von Foliendicke bis zu derjenigen 
von Nr. 9 oder 10 der Ash - Blechlehre an ein Gypsmodell ohne 
Verletzung desselben gepresst werden können. 

Ein* solcher Apparat wird zu verwenden sein zum Prägen 
von Metallplatten, zwischen welchen Celluloid- oder Kautschuk- 
platten gepresst werden mögen, damit diese wie polirt aus der 
Cuvette kommen. Ausserdem kann man Platten damit formen, 
die als provisorische Basis beim Aufstellen der Zähne auf dem 
Modelle und beim Anprobiren im Munde dienen können. 

1) Dem Referenten ist diese, jedenfalls sehr schmiegsame, weiche 
Composition ganz unbekannt. 


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Journalschau. 


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Der Apparat selbst ist aus Kanonenmetall hergestellt und 
6 Zoll hoch. Er ist in eine untere oder Dämpfkammer und in 
einen oberen Raum, welcher die Form enthält, nach welcher das 
Metall geprägt werden soll, getheilt. An der Seite der unteren 
Kammer ist ein Thermometer angebracht, auf dessen Kugel der 
Dampf einwirkt. Die obere Kammer hat in der oberen Wandung 
eine kleine Oeffnung, welche mit der äusseren Luft communicirt 
und die Entweichung des Dampfes, im Falle die Zwischenwand 
aus „Metermetall“ springt, ermöglicht. In den oberen Raum wird 
das Modell oder überhaupt die Form, nach der die Metallplatte 
geprägt werden soll, gebracht und so mittels Gyps darin be¬ 
festigt, dass die Seite des Modelles, welcher die Metallplatte an¬ 
zupassen ist, im geschlossenen Apparate nach unten sieht. Dann 
wird ein Kanal durch das Modell hindurch geführt bis an die 
Oeffnung an der oberen Wand des Apparates, damit auf der dem 
Modelle zugekehrten Fläche der Metallplatte nur der Atmosphären¬ 
druck wirkt. 

Der obere Theil des Apparates passt in eine Furche im 
unteren Theile, die beiden Flächen sind auf. einander geschliffen. 
In die Furche wird der Rand der runden Scheibe aus „Meter¬ 
metall“ placirt. Wenn nun der Dampf sich entwickelt, so wird 
der Druck auf die untere Fläche des Metalles vermehrt, während 
er auf der anderen Seite stationär 15 Pfund auf den Quadratzoll 
beträgt. Infolge dessen wird die Metallscheibe zwischen der 
oberen und unteren Kammer nach oben gegen die Modellfläche 
gepresst und zwar so vollkommen, dass diese völlig auf der 
Metallfläche copirt wird. Die Biegung des Metalles beginnt bei 
230° F. (110° C.) und die Modellfläche ist vollständig darin 
abgedrückt bei 260° F. (127° C.). 

October 1879. 

Stickoxydul. 

Von Walter George Gordon Jones. 

Verfasser räth, in jedem Falle das zu verwendende Gas erst 
auf seine Reinheit zu prüfen. Zu dem Zwecke leitet man es 
durch eine Flasche, worin sich eine Lösung von schwefelsaurem 
Eisenoxydul befindet. Ist das Gas unrein, so wird die Lösung 
durch entstehendes schwarzes Eisenoxyd entfärbt. 


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Journ&lschau. 


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Die Bearbeitung des Celluloids. 

Von J. A. Gartrell. 

Der grosse Druck, welcher nöthig ist, das Celluloid zu 
formen, und die Contraction, welche dieses heim Erkalten er¬ 
leidet, haben den Verfasser die Vortheile, welche Metallformen 
vor gewöhnlichen Gypsformen haben, erkennen lassen. Anfangs 
stellte er sich die Metallformen in ähnlicher Weise her, wie wir 
gewöhnlich Zinkstampfen in eine Sandform nach dem Gypsmodelle 
giessen. Diesen Plan hat er jedoch seit einiger Zeit verlassen, 
indem er in jedem Falle einen Abdruck in mit Bimsstein 
gemischtem Gyps nimmt und in diesen direct das Metall giesst. 

Die Abdruckhalter zu diesem Zwecke sind mit vielen Löchern 
versehen, welche bestimmt sind, die Gypsmässe in der Cuvette 
festzuhalten und das Entweichen von Feuchtigkeit aus dem 
Gypse zu erleichtern. Der Gaumentheil des Ahdruckhalters 
fehlt und wird durch Wachs ersetzt. An der Stelle, wo der 
Gaumen am höchsten ist, wird der Gypsabdruck durchbohrt. 
Das Loch wird, nachdem der Gyps getrocknet ist, mit Formsand 
verstopft, welcher vermöge seiner Porosität jeden Dampf, welcher 
sich etwa beim Eingiessen des Metalles entwickelt, entweichen 
lässt. Das Metall, welches Gartrell zur Herstellung der Formen 
benutzt, ist eine Legirung aus Zinn und Antimon, welche 
beim Erstarren ihr Volumen nur wenig oder gar nicht ändert. 

Als Mittel zum Plastischmachen des Celluloids gebraucht 
Gartrell Dampf, da Oel, welches leicht eindickt, und trockene 
Luft keine gleichmässige Erhitzung ermöglichen. Der Apparat, 
welcher zur Erzeugung des Dampfes verwendet wird, ist mit 
einem Manometer versehen, und die Temperatur, bis zu welcher 
erhitzt wird, soll 250° F. (121° C.) betragen, wobei der Druck 
auf die Kesselwand gleich 24 (? — Ref.) Pfund auf den Quadrat¬ 
zoll ist. 

Operative Zahnheilkunde. 

(Vorlesungen im National Dental College.) 

Von W. Finley Thompson, M. D., D. D. S. 

Nach einigen einleitenden Bemerkungen wird die Unter¬ 
suchung des Mundes besprochen. Wir erfahren dabei nicht viel 


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Neues. Zur Separation der Zähne vor dem Füllen von Höhlen 
an den Berührungsseiten empfiehlt Verfasser einen Keil aus Orange¬ 
holz. Wahrscheinlich aber die beste Methode bestehe darin, dass 
man die Zähne mit Baumwolle auseinanderdrängt. Dies gelingt 
am besten, indem man so viel Baumwolle als möglich in ein 
Knäulchen zusammenrollt, welches mit einem dünnen Instrumente 
eingezwängt wird. Vorher jedoch soll man einen Seidenfaden 
zwischen die Zähne bis an das Zahnfleisch einschieben, welcher 
nun über das Baumwollenknäulchen geschlungen wird, um dieses 
mit einem chirurgischen Knoten festzubinden. Gummi zum 
Separiren zu gebrauchen, ist nicht ratfysam, denn Verfasser hat 
nicht nur schmerzhafte, sondern auch gefährliche Resultate davon 
gesehen. 

Zur Abhaltung des Speichels sollte in den meisten 
Fällen vor dem Plombiren Cofferdam angelegt werden. Leider 
ist dies oft mit Schmerzen für den Patienten verbunden. Befindet 
sich die cariöse Höhle an einer Berührungsfläche der unteren 
Mahlzähne, und reicht dieselbe bis unter den Zahnfleischrand, so 
ist die Anlegung des Gummi zwar noch möglich, aber nur mit 
vieler Mühe von Seiten des Operateurs und unter Schmerzen auf 
Seiten des Patienten. Die Versuchung, ein plastisches Material 
zum Füllen zu gebrauchen, wird in diesen Fällen sehr gross. 
Wir müssen uns bisweilen eine besonders passend gebogene 
Klammer selbst machen, die mit einer gewöhnlichen, käuflichen 
verbunden wird, damit wir das Zahnfleisch niederdrücken können. 
Mit Recht wird hervorgehoben, dass die Anlegung des Gummi 
vor der Präparation der Cavität geschehen sollte. 

(Wir vermissen in der Abhandlung die Erwähnung der 
Elliott’schen Klammer und Zange, ohne welche doch die An¬ 
legung des Gummi für denjenigen, welcher keine Assistenz hat, 
in sehr vielen Fällen gar nicht möglich ist — Ref.) 

December 1879. 

Operative Zahnheilkunde: Replantation der Zähne nach einer 

neuen Methode. 

Von W. Finley Thompson, M. D, D. D. S. 

In Rücksicht auf die Thatsache, dass in manchen Fällen der 
replantirte Zahn eine vollständige Resorption seiner Wurzeln 


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Journalschau. 


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erfährt, und mit der Absicht, diesen Ausgang zu vermeiden, hat 
Verfasser die Methode eingeffihrt, ein Stück der Wurzeln zu 
reseciren und den entfernten Theil durch eine Goldkappe zu 
ersetzen. Sein erster Fall datirt jedoch erst 8 Monate zurück, 
und es ist wohl möglich, dass immer noch eine Resorption er¬ 
folgt Um in der Alveole sich entwickelndem Eiter Abfluss zu 
verschaffen, empfahl Magi tot, eine Fistel durch die äussere 
Alveolarwand hindurch gleich bei der Replantation anzulegen. 
Anstatt durch eine solche Fistel verschafft Thompson dem Eiter 
Abfluss durch eine Goldröhre, welche den Zahn von der Kau¬ 
fläche bis zur Wurzelspitze (durch die Goldkappe mit) durch¬ 
setzt. Diese Röhre soll, nachdem die Eiterung nachgelassen 
hat, durch einen vorher eingepassten Goldstift verschlossen 
werden. 


Tol. IX. 

Januar 1880. 

Structnr und Entwickelung der Zähne. 

Von Thomas Gaddes. 

In einem jüngst erschienenen Atlas der Histologie von 
E. Klein und E. Noble Smith sind in Beziehung auf die 
Structur der Zähne einige Ansichten aufgestellt, welche mit den 
allgemein angenommenen nicht übereinstimmen. Klein betrachtet, 
in Uebereinstimmung mit Waldeyer und Tom es die Quer¬ 
streifung der Schmelzprismen als durch Decussationen entstanden 
— die Fasern sind in Bündeln angeordnet und kreuzen sich 
gegenseitig. Diese Ansicht steht aber in Widerspruch mit der 
an einer anderen Stelle des Atlas ausgesprochenen Meinung, dass 
das Wachsthum der Schmelzzellen und die Umwandlung in Schmelz 
wahrscheinlich successive stattfinde, und dass dadurch die er¬ 
wähnten transversalen Marken der Schmelzprismen genügende 
Erklärung finden. 

Bezüglich der Frage, ob zwischen den Schmelzprismen eine 
Zwischensubstanz existire, meint Klein, dass die Cylinderzellen 
des Schmelzorganes wie alle Epithelzellen durch eine homogene 
Zwischensubstanz getrennt seien, und dass es daher klar sei, dass 


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Ueberreste dieser Substanz auch zwischen den Schmelzprismen 
Vorkommen müssen. In dem Schmelze eines in Entwickelung 
begriffenen Zahnes ist die Zwischensubstanz von grösserer Masse, 
als in völlig entwickeltem Schmelze. Entgegengesetzt der Be¬ 
hauptung Boedecker’s, dass der Schmelz von Fasern lebender 
Materie, die in den Interstitien der Schmelzfasern verlaufen, 
durchsetzt sei, meint Klein, dass es unwahrscheinlich sei, dass 
kernhaltige (nucleated l ) protoplasmatische Massen in den Interstitien 
der Schmelzsubstanz eines vollständig entwickelten Zahnes ent¬ 
halten seien. 

Nasmyth’s Membran soll aus einer Lage kernloser, hor¬ 
niger Schuppen bestehen, welche von dem Epithel des Schmelz¬ 
organes herzuleiten seien. Diese Ansicht steht den gewichtigen 
Beweisen dafür entgegen, dass die Cuticula dentis eine Lage 
rudimentären Cementes sei. 

Die Existenz einer scharf begrenzten Membrana pro- 
pria zwischen Schmelz und Dentin in den früheren Stadien der 
Entwickelung hält Klein aufrecht, während er zugiebt, dass diese 
Membran später ganz verschwindet. 

Dass die Zahnbeinkanälchen von Fortsätzen der Odonto- 
blasten durchzogen sind, wird fast allgemein angenommen. Klein 
ist indess anderer Meinung; nach ihm sollen die Zahnheinfasern 
von einer Zellenlage abstammen, welche zwischen die Odonto- 
blasten und die Zahnbeinsubstanz eingekeilt ist. Jede dieser Zellen 
soll zwei oder mehrere fadenförmige Fortsätze gegen das Dentin 
entsenden, dessen Kanäle sie durchziehen. 

Ueber operative Zalmheilknnde. 

Von W. Finley Thompson, M. D., D. D. S. 

Verfasser bespricht zuerst den Gebrauch der Bohrmaschine 
und dann die Anwendung des Hammers. Man hat Hand-, 
elektrische, automatische und pneumatische Hammer. Mit jeder 
Art kann gute Arbeit zu Stande gebracht werden. Es kommt 
mehr auf die Anwendungsweise als auf das Instrument selbst an. 
Der Handhammer ist aus Holz, Kautschuk, Stahl, Zinn oder Blei. 

1) Sollte wohl eigentlich granulated = körnige heissen. — Ref. 
xx. 


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Joumalschau. 


Der Holz- and der Kautsehukhammer scheinen wegen ungenügen¬ 
der Schwere das Gold nicht gehörig zu condensiren. Der Stahl¬ 
hammer giebt einen elastischen, aber geräuschvollen Schlag, so 
dass der Patient sich einbildet, mehr zu empfinden, als er in 
Wirklichkeit empfindet. Der Bleihammer erzeugt weniger Geräusch, 
ist aber auch nicht so elastisch; er ist weniger verwerflich, als 
der Holz- und der Stahlhammer. Viel kommt beim Gebrauche 
des Handhammers auf die Handhabung an. Man muss den Griff 
lose zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger halten; bei 
jedem Schlage soll derselbe in Berührung mit der Hohlhand 
kommen, unmittelbar bevor der Hammer das Instrument trifft, um 
dadurch theilweise den Schlag zu hemmen. 

Die übrigen Hammer bieten den .Vortheil, dass der Operateur 
sie ohne Assistenz leicht selbst appliciren kann. Der elektrische 
Hammer ist übrigens in seiner Wirkung etwas unsicher. 

Von Stopferspitzen bildet Verfasser nur 7 Formen ab; er 
meint, man sollte nur wenig Instrumente gebrauchen und sich auf 
diese ganz einüben. 

Bezüglich der Materialien, mit welchen die Zähne zu füllen 
sind, will Verfasser die Structur der Zähne besonders berücksichtigt 
wissen. Wenn der betreffende Zahn genügend fest ist, so ist Gold 
jedem anderen Materiale vorzuziehen, weil es von den Mund¬ 
flüssigkeiten nicht chemisch angegriffen wird. Das Zinn wirkt 
sehr günstig in weichen Zähnen, indem es durch Oxydation ge- 
wissermassen einen Härtungsprocess in den Wandungen der ge¬ 
füllten Cavität erzeugt. Besonders Kinderzähne, die man durch 
Gold nicht gut conserviren kann, sind zweckmässig mit Zinn 
zu füllen. 

Treffend schildert Verfasser die zahnärztliche Behandlung der 
Kinder. Nicht nur haben wir mit der dem jugendlichen Alter 
besonders eigenen Ungeduld gegen Schmerz, sondern auch mit 
der natürlichen Ruhelosigkeit des Kindes zu kämpfen. Die jugend¬ 
lichen Zähne mit ihren grossen Pulpen und ihrem unvollkommen 
verkalkten Zahnbeine vermehren die Unbequemlichkeit. Es ist 
nutzlos, Täuschungen zu versuchen; das Instrument mag verborgen, 
schöne Gegenstände mögen gezeigt, oder eine Menge ablenkender 
Worte mag aufgewendet werden; die Täuschung hält nur einen 
Augenblick vor, das Kind wird dadurch nur erbittert gegen uns; 


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Journalschau. 


295 


es zeigt sich argwöhnisch und rebellisch bei jeder künftigen Ge¬ 
legenheit, wenn es gezwungen ist, unsere Hilfe in Anspruch zu 
nehmen. Der dem leichtempfänglichen Gemüthe des Kindes ein¬ 
geprägte Eindruck beeinflusst den Menschen im späteren Leben 
und veranlasst ihn, die nöthigsten Zahnoperationen bis zum letzten 
Augenblick zu verschieben. Die goldene Regel ist: nie zu 
täuschen. Die Autorität der Eltern muss im Verein mit 
gütigen, erklärenden Worten von Seiten des Operateurs zur An¬ 
wendung gebracht werden u. s. f. 

Endlich weist Thompson noch auf die nöthige Sorgfalt 
hin, welche schon den Milchzähnen zugewendet werden sollte, aber 
nur zu oft mangelt. 


Celluloid. 

Von Harry Rose, L. D. S., Eng. 

Verfasser ist sehr eingenommen von dem Celluloid. Er will 
noch keinen Fehler daran entdeckt haben, ausgenommen die 
grössere Sorgfalt, welche seine Bearbeitung erheischt. Es sei 
aber wünschenswerth, dass bei Anwendung von Celluloidplatten 
alle Wurzeln vorher entfernt würden, indem die Secrete derselben 
dem Gebisse einen sehr üblen Geruch verleihen und die Farbe 
des Celluloides zerstören. 

Die Arbeitsmethode Rose’s ist etwas flmständlich, aber 
offenbar rationell. Zuerst wird eine Wachsschablone ohne die 
Zähne auf ein Metallmodell gelegt und mit diesem in eine Cuvette 
eingegypst. Nachdem das Wachs entfernt ist, wird eine Celluloid¬ 
platte an seine Stelle gethan und auf das Metallmodell gepresst. 
Die Celluloidplatte erhält auf diese Weise die ihr zukommende 
Form. *) Es sind nun noch die Zähne daran zu befestigen. Zu 
diesem Zwecke wird die provisorische Wachsplatte mit den 
Zähnen so eingegypst, dass sie nach dem Abheben des oberen 
Theiles der Cuvette in diesem stecken bleibt, während in dem 
unteren Theile das Originalgypsmodell erscheint. Nach Entfernung 

1) Ein ähnliches Verfahren verfolgt auch Kleinmann, nur ge¬ 
braucht derselbe statt eines Metallmodelles ein gewöhnliches Gyps- 
modell. Vgl. „Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ 1879, 
S. 382. — D. Ref. 


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des Wachses wird au dessen Stelle die vorgepresste Celluloid¬ 
platte gethan und bei 240 bis 260'* F. an die Zähne angepresst. 
Damit aber die Articulation nicht gestört werde, muss vorher für 
genügende Entweichung des überflüssigen Celluloides gesorgt 
werden. Dies geschieht auf folgende Weise. Man markirt einen 
6 mm breiten Rand rings um die Gebissform. Nach aussen von 
diesem Rande schneidet man den Gyps frei aus, um für mehr 
Ueberfluss, als nöthig ist, Raum zu schaffen. Der Rand wird 
dann um l 1 /* mm in seiner Höhe reducirt. Wenn man nun 
presst, so wird zunächst das Celluloid alle Lücken in der Gebiss¬ 
form und besonders an den Zähnen ausfüllen, der Ueberfluss aber 
über einen 6 mm breiten Rand hinweg in einen grossen Raum 
gelangen, wo er keinen Widerstand mehr findet Die Gebiss¬ 
platte, welche man nach genügender Abkühlung aus dem Gypse 
schneidet, hat einen Rand ringsum, eine förmliche Halskrause von 
1 1 / 2 mm Dicke und 6 mm Breite; an die Peripherie der Krause 
schliesst sich ein unregelmässig (etwa 6 bis 12 mm) dicker Rand 
an, welcher gewöhnlich porös ist, weil er unter keinem Drucke 
gestanden hat. Die 6 mm breite Krause besteht aber aus Cellu¬ 
loid von derselben Qualität, wie die Gebissplatte. 


Entfernung der Wurzel eines Bicuspidaten durch eine 
"Fistelöffnung in der Backe. 

Von A. B. Verrier, Weymouth, L. D. S., J. 

Beim Versuche, den zweiten unteren Bicuspis zu extrahiren, 
war vor zwei Jahren der Zahn abgebrochen worden. Seit jener 
Zeit hatte Patient heftigen Schmerz, eine grosse Schwellung des 
Gesichtes und erheblichen Speichelfluss gehabt. Bei der Unter¬ 
suchung fand sich der Sulcus zwischen Zahnfleisch und Backe 
mit schwammigem, von Eiter durchsetzten Gewebe ausgefüllt. 
Beim Sondiren durch die Fistelöffnung in der Backe konnte man 
die Wurzel fühlen, welche Verfasser mit einer langen geraden 
Zange auf demselben Wege herausbrachte. 


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März 1880 . 

Reflectirte Neuralgie. 

Von J. S. Hutchinson, L. D. S., M. R. C. S., Eng. 

Hutchinson füllte im Juli vorigen Jahres einer Dame 
einen Bicuspidatus mit Zinkoxychlorid. Der Zahn war beim Ex- 
caviren nicht schmerzhaft, Verfasser vermuthete, dass die Pulpa 
durch secundäres Dentin geschützt wäre. Auch unmittelbar nach 
dem Füllen erfolgte kein beachtenswerther Schmerz. 

Am 1. Februar wurde die Patientin von ihrem Arzte ge¬ 
schickt, um untersuchen zu lassen, ob irgend ein Zahn die Ur¬ 
sache ihres heftigen Kopfschmerzes wäre. Der Schmerz bestand 
in der Regio temporalis und parietalis, an der Seite der Nase, 
im Auge, besonders aber in der Gegend des Unterkiefergelenkes. 
Patientin giebt an, dass der Schmerz erst seit drei Wochen acut 
gewesen sei, schlaflose Nächte verursacht habe und spontan, am 
häufigsten aber bei Temperaturwechsel eintrete. 

Bei der objectiven Untersuchung des Mundes wurde kein 
neu erkrankter Zahn, keine freiliegende Pulpa und kein durch¬ 
brechender Weisheitszahn gefunden. Der gefüllte Bicuspis war 
ein Wenig locker, aber gegen Druck nicht empfindlich. (Auch 
nicht gegen kaltes Wasser? — Ist dies gar nicht versucht 
worden? — Gesichtsneuralgien liegt doch viel häufiger 
chronische Reizung der Pulpa als Periostitis zu Grunde! 
— Ref.) Ebenso gab ein lateraler Incisivus, in welchem eine 
grosse Füllung war, kein Zeichen, welches die Ursache des 
Schmerzes erklärte. Patientin berichtete aber, dass im Juli der 
Bicuspis zwei oder drei Tage geschmerzt, dass sie später aber 
keinerlei Schmerz mehr in dem Zahne gehabt hätte. Daher 
entschied sich Hutchinson, die Füllung zu entfernen. Als 
das letzte Fragment derselben hinwegkam, schrie die Patientin 
vor Schmerz laut auf, und Hutchinson fand einen höchst ent¬ 
zündeten entblössten Punkt der Pulpa mit sichtbarer Pulsation. 
Infolge der deshalb vorgenommenen Extraction des Zahnes ver¬ 
schwand die Neuralgie vollständig. 


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Journalschau. 


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Ueber syphilitische Zähne. 

Von Charles S. Tomes, M. A., F. R. S. 

Dr. Quinet (Bullet, de l’Acad. royale de Med. de Belg., 
T. XIII, 3. s6r., No. 1, 1879) zweifelt an dem Zusammen¬ 
hang zwischen einer besonderen Deformität der Zähne und der 
congenitalen Syphilis, auf welchen Jonathan Hutchinson 
vor etwa 20 Jahren die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Quinet 
prüft Hutchinson’s Abhandlung etwas genau, und es glückt 
ihm, Punkte darin zu entdecket, deren Richtigkeit nicht ausser 
Frage steht. 

Die Einwendungen, welche Quinet macht, sind haupt¬ 
sächlich : 

1) dass die Milchzähne nicht afficirt sind, während sie doch 
mit ergriffen sein müssten, wenn der Einfluss hereditärer Natur 
wäre; 

2) dass die Incisoren und Canini allein afficirt sind, während 
die ersten Molaren doch mit betheiligt sein sollten; 

3) dass die beschriebenen Affectionen nicht mit den Ent¬ 
wickelungsstadien, in welchen die verschiedenen Zähne in einer 
bestimmten Periode sich befinden, zusammenfallen; 

4) dass sie keinen speciellen Charakter haben und nicht von 
anderen zufälligen Bildungshemmungen differiren; 

5) dass im Museum zu Alfort sich ein Rindsschädel befindet, 
dessen Zähne seiner Meinung nach von Hutchinson als syphi¬ 
litische bezeichnet werden möchten; 

6) theilt er Fälle von deformirten Zähnen mit, in welchen 
keine Syphilis nachzuweisen war. 

Die erste Einwendung ist hypothetisch. Es ist wahr, dass 
das syphilitische Gift früh ein wirkt und oft zu Abortus führt; 
aber es ist sehr wohl möglich, dass es in einer früheren Periode 
weniger Kraft hat, in einzelnen bestimmten Geweben die normale 
Entwickelung zu stören, als zu einer späteren Zeit. 

Die zweite Einwendung ist, dass Hutchinson nur die In¬ 
cisoren und Canini als afficirt beschrieben hat, während die ersten 
permanenten Mahlzähne in der That gleichzeitig mit denselben 
verkalken und daher keine Ausnahme machen sollten. — Dagegen 


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ist zu erwidern, dass zu der Zeit, als Hutchinson’s Beobach¬ 
tungen veröffentlicht wurden, verhältnissmässig wenig über die 
Entwickelung der Zähne bekannt war, und dass aus diesem Grunde 
mancher Fehler in der Abhandlung selbst gefunden wird, unter 
anderen die circumferentiale Furche am Caninus. Aber neuere 
Autoren haben Hutchinson’s Beschreibung corrigirt und ver¬ 
vollständigt. Moon (Trans, odont. Soc. May 1877 J ) hat aus¬ 
drücklich hervorgehoben, dass der erste Mahlzahn deformirt ist, 
und zwar ganz in analoger Weise, wie die Schneide- und Eck¬ 
zähne. 

Die dritte Einwendung ist aus demselben Grunde hinfällig, 
wie die zweite. Hutchinson war noch nicht mit den beson¬ 
deren Stadien der Verkalkung der einzelnen Zähne bekannt. 
Spätere Beobachter haben mit Bücksicht auf diese entwickelungs¬ 
geschichtlichen Daten gefunden, dass die Läsionen mit dem, was 
man a priori erwarten konnte, übereinstimmen. 

Viertens wird gegen Hutchinson geltend gemacht, dass 
andere Cachexien ebenso wie Syphilis geneigt sind, die Zähne zu 
deformiren. Zugegeben, dass Cachexien die Zähne verunstalten 
können, so ist doch Syphilis der einzige bekannte constante Factor 
bei Kindern mit diesen eigentümlichen Zähnen gewesen. Hut¬ 
chinson hat seine Gegner schon lange aufgefordert, einen einzigen 
Fall von „syphilitischen Zähnen“ anzuführen, in welchem nur eine 
Spur des Beweises, dass keine Syphilis vorausgegangen ist, beige¬ 
bracht würde, und nicht ein Fall ist bisher vorgeführt worden. 
Q ui net citirt einige Fälle, aber seine Abbildungen und ein sorg¬ 
fältiges Durchlesen seiner Beschreibungen führen zu dem Schlüsse, 
dass die Zähne nicht solche waren, welche wir überhaupt als 
syphilitische classificiren würden. Und diese Bemerkung ist mit 
allem Nachdruck auf den Fall von einem Rindszahne anzuwenden, 
welchen Quinet siegreich als einen vernichtenden Schlag gegen 
Hutchinson citirt; die vordere Fläche des centralen Incisivus 
trägt „une raix transversale profonde tout ä fait horizontale“ in 
der Mitte der Krone, sagt Quinet. Es würde sehr schlimm sein, 
wenn Jeder, dessen Kinder eine dieser bekannten Bildungshemmungen 
in ihren Incisoren zeigten, der syphilitischen Ansteckung überführt 


1) Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnh. 1878, S. 288. — Ref. 


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wäre; aber glücklicherweise ist die Idee, eine solche Läsion als 
syphilitisch za bezeichnen, Niemandem in den Sinn gekommen. 

Hutchinson hat die wesentliche Beschaffenheit der syphi¬ 
litischen Zähne ebenso gut beschrieben, wie Moon in der vorhin 
erwähnten Abhandlung, wo er sagt, „dass ihre besondere Form 
entsteht durch die gehemmte Entwickelung des zuerst gebildeten 
Theiles des Dentins — mit anderen IWorten, durch eine Verhin¬ 
derung des Wachsthums der Spitzen; und dass der einfache cen¬ 
trale Ausschnitt an ihrer (der Incisoreu) Schneide die Folge einer 
erheblicheren Verminderung in der Grösse des centralen Theiles 
ist, als in derjenigen der seitlichen Theile.“ 

Es scheint Qu in et unbekannt zu sein, dass Hutchinson 
die Ansicht fallen gelassen hat, dass die Affection durch Inter¬ 
vention einer Stomatitis entstände, und er scheint auch nicht be¬ 
kannt zu sein mit der jetzt von Vielen angenommenen Ansicht 
(wir halten sie für falsch, weil Zähne mit defectem Schmelze sehr 
häufig bei Kindern gefunden werden, die nie Quecksilber bekommen 
haben. Uns scheint die Rhachitis, aber auch diese nicht allein, 
ein wesentliches Moment der rauhen Schmelzentwickelung zu sein. 
— Ref.), dass das Quecksilber grossen Antheil an der Verunstaltung 
des Schmelzes und an der Bildung von rauhen, honigwabenartigen 
Zähnen habe. 


April 1880. 

Histologie der Zähne. 

Von C. S. T. 

Von Legros und Magitöt ist in Robin’s „Journal de 
Fanatomie et de la Physiologie 1879“ eine interessante 
Arbeit erschienen, in welcher die Zahngewebe und deren Ent¬ 
wickelung sehr ausführlich beschrieben und Ansichten aufgestellt 
sind, welche von denjenigen anderer Beobachter in manchen Be¬ 
ziehungen wesentlich verschieden sind. 

Als Theile des Zahnfollikels führen die Verfasser folgende an: 

1) die Follikelwandung; 

2) ein besonderes Cementorgan (jedoch nur bei Zähnen 
mit dickem Kronencement); 


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3) das Schmelzorgan; 

4) den Dentinbulbus oder die Pulpa. 

Man wird bemerken, dass die Autoren in der Erwähnung 
eines besonderen Cementorganes vereinzelt stehen. 

1) Die Follikelwand wird ausführlich als eine zarte, durch¬ 
scheinende Membran beschrieben, welche besteht aus embryonalen 
Elementen, spindelförmigen Körpern u. s. w., die in eine amorphe 
Masse eingebettet sind und in späteren Entwickelungsstadien zäher 
und fibrös werden. Sie ist reichlich vascularisirt; ihre Gefässe 
entspringen aus den Arterien, welche in die Zahnpulpa eintreten; 
Anastomosen finden sich an den oberflächlichen Theilen (Gegend 
des Guhernaculum) mit den Zahnfleischcapillaren. Die Gefässe 
senden reichliche Zweige einwärts, welche einen regelmässigen 
Plexus an der Aussenseite des Schmelzorganes bilden. 

2) Das Cementorgan ist nur den Zähnen mit dickem 
Kronencement eigen. Es kommt also vor bei den Herbivoren und 
fehlt beim Menschen und den Carnivoren, wo das Cement rudi¬ 
mentär ist. Unter der Follikelwandung und ausserhalb des 
Schmelzorganes findet sich im Stadium der ersten Bildung eines 
Kronenrudimentes vom Kalbszahn eine weiche graufarbige Schicht, 
welche sich bis an die Basis des Zahnbeinbulbus, welchen sie wie 
eine Kappe überzieht, erstreckt. Sie ist halbdurchscheinend, von 
festerer Consistenz als das Schmelzorgan und reich vascularisirt-, 
ihre Dicke beträgt einige Zehntel eines Millimeters, sie ist dem¬ 
nach mit blossem Auge zu erkennen. Da der Bildung des Kronen- 
cementes die Entwickelung des Schmelzes und des Zahnbeines 
vorausgeht, so verharrt das Cementorgan lange in diesem Stadium, 
in welchem es ein embryonales Organ ist, bestehend aus Spindel¬ 
zellen, die eine Art fibrösen Lagers bilden. Später wird das 
Cementorgan cartilaginös; neue Elemente werden darin erkennbar, 
nämlich Hohlräume, welche eine oder mehrere Knorpelzellen 
(Chondroplasten) enthalten. Diese Zellen enthalten runde, scharf 
begrenzte Kerne. 

Demnach möchte es scheinen, als ob die Modi der Calci- 
fication des Kronen- und des Wurzelcementes scharf von einander 
verschieden wären, indem die erstere eine Verkalkung im Knorpel 
ist, während die letztere auf dieselbe Weise stattfindet, wie andere 
Membranverkalkungen, ohne dass dabei vorher Knorpel gebildet 


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wird. Die Details der Calcification sind iudess einer späteren 
Mittbeilung Vorbehalten. 

3) Das Schmelzorgan ist eine Kappe, welche genau auf 
die Zahnheinpulpa passt, aber zwischen beiden besteht keine Ad¬ 
härenz. Es hat keine Gefässe und keine Nerven und ist durch¬ 
aus epithelialer Natur. Sein centraler Theil verwandelt sich in 
ein sternförmiges Netz, und seine Consistenz wird gelatinös; sodann 
schwindet dieser centrale Theil und der äussere und innere Theil 
kommen zusammen. Dies geschieht, sobald der Schmelz anfängt 
zu verkalken. Die äussere Lage (das äussere Epithel) des Schmelz¬ 
organes wird mit den Gefässen der Follikelwandung durch Ver¬ 
längerungen dieser in innige Beziehung gebracht. 

Nachdem die Schmelzzellen (das innere Epithel) genau be¬ 
schrieben sind, handeln die Autoren über die Schmelzgestaltung. 
Sie heben hervor, dass dasjenige Ende der Zellen, an welchem 
die Anbildung stattfindet, durch eine dichte Platte scharf begrenzt 
sei. Sie meinen, dass durch diese Platten hindurch Exosmose 
stattfinde, und dass die Bestandteile des Schmelzes dieselben 
durchsetzen müssen, um an das Dentin zu gelangen, wo sie ab¬ 
zusetzen sind. Diese Platten werden nicht zerstört durch Rea- 
gentien, welche die übrige Masse der Zellen zerstören, und hängen 
oft mit ihren Rändern aneinander, wobei sie die sogenannte 
„Membrana praeformativa“ l ) bilden. 

4) Der Dentinbulbus oder die Pulpa besteht zuerst aus 
embryonalen Elementen, welche in eine amorphe, sehr zähe Grund¬ 
substanz eingelagert sind; diese Zwischensubstanz . erhält durch 
Reagentien, sogar schon durch Wasser, leicht ein körnigeg Aus¬ 
sehen. Ein hyaliner Rand, den man an frischen Pulpen wahr¬ 
nimmt, rührt von der Grundsubstanz her, welche sozusagen über 
die Zellenelemente vorragt, und derselbe mag so gezogen und 
gefaltet werden, dass das täuschende Ansehen einer Membran 
entsteht. Die Odontoblasten liegen in dieser Schicht und senden 
je eine Faser gegen das zu bildende Dentin hin, mehrere Fasern 
aber entspringen an ihrem nach innen gekehrten Ende. Sie haben 
keine differenzirtp Hülle, sondern sind homogene Massen, und ihre 
Fortsätze haben dieselbe Zusammensetzung wie die Zellen. Sie 


1) Vgl. auch S. 293. — Ref. 


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verändern sich nach dem Tode sehr schnell und werden durch alle 
Reagentien leicht afficirt. 

Unter den Odontoblasten ist eine Schicht Sternzellen, welche 
mit dem einen Ende jener anastomosiren. Bezüglich der Ver- 
theilung der Nerven in der Pulpa stellen die Verfasser eine neue 
Ansicht auf. Die Nerven sollen in zwei oder drei Bündeln ein- 
treten u. s. w. und zuletzt zusammenhängend werden 
mit den Sternzellen, welche unter den Odonto¬ 
blasten liegen. Dieses Sternzellenstratura betrachten die 
Autoren als Nervenzellen, als eine Ausdehnung der in die 
Pulpa eintretenden Nerven, als Elemente, die zwischen die 
Nerven und die Odontoblasten eingeschaltet sind. 

[Man bemerke wohl: Einerseits sollen die Odontoblasten in 
Zusammenhang mit den Sternzellen stehen, und andererseits sollen 
die Sternzellen sich an die Nerven anschliessen. Der Zusammen¬ 
hang der Odontoblasten mit den Nerven würde demnach ein 
directer sein und die Empfindlichkeit des von Ausläufern der 
Odontoblasten durchzogenen Zahnbeines vielleicht erklären. — Ref.] 

Diese Resultate haben die Verfasser erhalten durch Unter¬ 
suchung von Pulpen, die mit Osmiumsäure (nicht Ueb er osmium¬ 
säure? — Ref.) behandelt und mit Chlorgold gefärbt waren. Sie 
erklären, nicht im Stande zu sein, Boll’s Beobachtungen über 
die Endung der Pulpanerven, welche bisher unwiderlegt blieben, 
zu bestätigen. 

Die Autoren notiren ferner noch das Vorkommen amorpher 
Kalkkörner in der Pulpa während der frühen Verkalkungsstadien 
und gelegentlicher Ablagerungen von Haematoidin. 

Fassen wir kurz zusammen, welches die hauptsächlichsten 
neuen Pointen der Arbeit Legros’ und Magitöt’s sind, so haben 
wir: 1) die Existenz eines besonderen Cementorganes 
zur Anbildung des Kronencementes; 2) die Existenz 
von dichten Platten an den Bildungsenden der Schmelz¬ 
zellen, welche zur Annahme einer Transsudations¬ 
theorie bei der Schmelzverkalkung zwingen; 3) die 
directe Verbindung der Pulpanerven mit dem Stratum 
intermedium der Dentinpulpa und durch dieses mit 
den Odontoblasten. 


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Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 

Band X, Heft 1 und 2. 

Die Kieferklemme infolge von entzündlichen Processen im 
Kiefergelenk und deren Heilung durch Gelenkresection. 

Von Prof. König. 

Verfasser führt zunächst zwei Krankengeschichten an. Die 
erste betrifft ein 11 jähriges Mädchen, welches etwa vier Jahre 
vor der Entstehung der Ankylose Ohrenfluss gehabt hatte, der 
aber in einigen Wochen wieder geheilt war. Die Kieferklemme 
erfolgte seit s / 4 Jahren allmälig und ohne jede vorherige Schwel¬ 
lung. Auf der gesunden Seite können die Zahnreihen noch 1 / 2 Cm- 
auseinandergebracht werden. Die Weichtheile scheinen gesund, 
insbesondere sind keine Muskelverkürzungen und keine narbigen 
Verwachsungen nachzuweisen. Die Resection, welche zur Besei¬ 
tigung des Leidens gemacht wurde, war von geringer Eiterung 
und Ausstossung einiger Knochenstückchen gefolgt-, aber die Hei¬ 
lung trat bald ein, und es wurde eine der normalen gleichende 
Kaubewegung möglich. 

Der zweite Fall betrifft eine 27 Jahre alte Patientin, die ihr 
Leiden infolge eines schweren Typhus acquirirt hatte. Auf der 
gesunden Seite konnten die Zahnreihen um 1 Cm. von einander 
entfernt werden. Die Heilung nach der Operation erfolgte ohne 
Eiterung uud schnell. Schon in der ersten Woche konnte Patientin 
harte Speisen kauen. 

Im Anschluss hieran macht Verfasser noch einige Bemerkungen 
über die Pathologie und Therapie der Kieferklemme. Entzündliche 
Processe in den Kiefergelenken mit Ausgang in Ankylose treten 
besonders nach acuten Infectionskrankheiten, am häufigsten nach 
Scharlach auf. Fälle, die infolge von Typhus vorgekommen sind, 
wie der zweite vom Verfasser beobachtete, erwähnt die Lite¬ 
ratur nicht. 

Bezüglich der Therapie ist die Unterscheidung der Ankylosis 
vera von der Ankylosis spuria sehr wichtig. Verfasser hatte in 
zwei Fällen gesehen, wie vortrefflich Menschen ihre Kiefer ge¬ 
brauchen können, denen der Processus condyloideus nach einer 


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Osteomyelitis verloren gegangen war, und war deshalb sofort mit 
sich einig, dass die Resectiön des Gelenkes die geeignete Operation 
bei Ankylosis vera sei. Diese Operation ist bisher so gut wie 
gar nicht geübt worden. Man suchte das Leiden zu beseitigen 
durch Bildung einer Pseudarthrose nach Abtrennung des Proc. 
condyl. oder des aufsteigenden Astes oder durch Keilosteotomie 
am Kieferwinkel. Bei diesem Verfahren kommt aber der Dreh¬ 
punkt des Gelenkes nicht an die richtige Stelle. Die Resectiön 
ist weder schwierig noch gefährlich. 

Unter antiseptischen Cautelen wird ein Schnitt am unteren 
Rande des Jochbogens bis auf den Knochen geführt. Die Art. 
temporalis wird unterdessen nach hinten gezogen. Von der Mitte 
des Schnittes wird ein zweiter Schnitt senkrecht nach unten ge¬ 
führt, der nur die Haut durchtrennt. Die Parotis mit dem Facialis 
wird nach unten gehalten. Die Ablösung der Weichtheile vom 
Gelenk wird durch das Messer und feine Elevatorien bewerk¬ 
stelligt. Letztere werden um das Collum herumgeführt, bis sie 
sich berühren. Auf diese Weise ist eine Verletzung der Art. max. 
int. unmöglich. Die Trennung der Knochentheile geschieht mit 
dem Meissei, die Remotion des gelockerten Stückes mit einer Zahn¬ 
zange. Dann führt man einen Roser’schen oder Heister’schen 
Dilatator in den Mund ein und öffnet diesen weit. Endlich wird 
der List er’sehe Verband mit einem Drainrohre angelegt. 

Ref. Jul. Parreidt. 


Virchow’s Archiv für pathologische Anatomie u.s. w. 

Bd. 77, Heft 3, September 1879. 

Ueber die Intoxication durch chlorsaure Salze. 

Von Dr. Felix Marchand. 

Das chlorsaure Kali, welches gegen verschiedene Affec- 
tionen der Mund- und Rachenschleimhaut angewendet wird, stand 
bisher im Rufe einer unschädlichen Substanz. Verfasser ist aber 
in der Lage gewesen, in mehreren Fällen nachträglich die ge¬ 
fährliche, selbst tödtliche Wirkung der Kalichloricum-Intoxitation 
zu constatiren. Dadurch wurde er veranlasst, die Wirkungsweise 
der chlorsauren Salze experimentell zu prüfen. Dabei hat sich 


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herausgestellt, dass das chlorsaure Kali in grösserer 
Dosis als ein heftig wirkendes Gift zu betrachten ist. 

Die Zeichen der Vergiftung in der Leiche betreffen in erster 
Linie das Blut, welches eine chocoladenbraune Farbe annimmt, 
die sich bei längerem Stehen an der Luft nicht ändert. Dass die 
Farbe durch Gehalt an chlorsaurem Kali bedingt war, ging daraus 
hervor, dass frisches Blut, welches mit einer geringen Menge des 
Salzes versetzt wurde, sehr bald eine ähnliche Farbe annahm, die 
durch eine spektroskopisch nachgewiesene Zersetzung des Haemo- 
globins bedingt war. Auch erhielt das Blut bei Versuchen an 
Thieren durch grosse Gaben von chlorsaurem Kali dieselbe Farbe. 
Die Ursache der Färbung besteht in einer Umwandlung des 
Oxyhaemoglobins in Methaemoglobin. Durch innerlichen Gebrauch 
des Kali chloricum wird demnach stets eine gewisse Menge von 
Blutkörperchen zerstört Auch gewisse Veränderungen in den 
Nieren, Haemorrhagien ins Parenchym und braune Cylinder in den 
Harnkanälchen, kamen regelmässig vor. 

Die klinischen Erscheinungen eines Vergiftungsfalles 
mit dem Ausgange in Genesung sind durch Mittheilung eines Falles 
illustrirt. Ein Knabe von 3—4 Jahren erhielt am 18. Juli 1877 
wegen einer heftigen Stomatitis 15,0 Kali chloricum in Lösung-, 
davon wurden bis zum nächsten Tage wenigstens zwei Drittel ver¬ 
braucht. Es stellten sich darauf in den folgenden Tagen Sopor, lange 
anhaltende Delirien und einmal Nasenbluten ein; der Urin war 
einmal blutig und zeigte einige Tage danach ein bräunliches 
Sediment. Die Temperatur war dabei normal. Der Knabe 
wurde schliesslich sehr blass und mager. Genesung erfolgte nach 
14 Tagen. 

In einem anderen Falle hatte ein 3jähriges, sonst gesundes 
Kind wegen Halsschmerzen in 36 Stunden ungefähr 12,0 Kali 
chloricum genommen. Auch hier stellte sich dunkelbrauner, stark 
blutiger Urin ein, zugleich mit Hirnsymptomen und Erbrechen; 
später trat Sopor, sowie ein acutes, masernähnliches Exanthem 
hinzu. Am elften Tage Krampfanfälle, die sich häufig wieder¬ 
holten, bis am zwölften Tage der Tod erfolgte. 

Verfasser führt noch mehrere Fälle und auf die Wirkung 
des Kali chlor, bezügliche Angaben aus der Literatur an und 
theilt dann die Resultate seiner Experimente an Thieren mit. 


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Aus letzteren geht hervor, dass die Vergiftungserscheinungen bei 
Thieren im Leben und an der Leiche mit denen beim Menschen 
übereinstimmen. 

Verfasser kommt zu dem Schlüsse, dass es rathsam sei, die 
innerliche Anwendung des Kali chloricum bei Kindern ganz zu 
verbannen. R e f. Jul _ Parre idt. 


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Zweite vierteljährige Versammlung der IL District- 
versammluxig der Zahnärzte. 

(In Newburgh, N. Y. Juli 1879.) 

Zufälle aus der Praxis. 

Dr. C. D. Cook. Vor einigen Wochen kam ein Herr zu 
mir, welcher über Schmerzen im obern rechten zweiten Bicuspis 
klagte. Er gab an, dass er vor drei Tagen, während er Hummer¬ 
salat ass, plötzlich etwas Hartes zwischen den Zähnen fühlte, worauf 
er einen heftigen Schmerz verspürte, der aber wieder verschwand. 
Seitdem bemerke er aber, dass jede Nahrung, selbst der weichsten 
Art, Schmerzen auf der rechten Seite erzeuge. Der betreffende 
Zahn zeigte beim ersten Anblick nichts Auffallendes, eine genaue 
Untersuchung liess mich aber einen Riss im Zahn erkennen, durch 
den die beiden Höcker wie durch eine centrale Spalte getrennt waren; 
jeder Th eil stand aber fest im Kiefer. Patient war zwischen 55 und 
60 Jahre alt und die Zähne alle stark und nicht besonders abgenutzt, 
die Articulation der unteren und oberen Zähne aber sehr genau. 
Durch diese Fractur war das Leben der Pulpa nicht zerstört. 
Die Behandlung bestand darin, den Zahn durch ein Platinaband 
zusammenzuhalten. 1 ) Die erste Operation war nicht erfolgreich 


1) Anmerkung v. G. v. L. Diese Behandlung erscheint mir sehr 
irrationell, weil im Laufe von 3 Tagen offenbar mit Speisepartikelchen 
vermischter Speichel sich zwischen den Zahn einnistete und zu späterer 


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(warum nicht?); wohl aber die zweite, wenigstens war Patient 
nicht mehr erschienen. (!) 

Dr. W. Jarvie jr. Vor einigen Jahren sah ich einen 
zweiten Molarzahn mit einer Höhle, die vor 30 Jahren gefüllt 
war. Der Zahn sah ganz stark und noch gut aus, allein 
bei näherer Untersuchung war er der Länge nach gesprungen; 
die Pulpa war abgestorben. Patient konnte keinen Grund angeben, 
wie das gekommen war. Ich behandelte den Zahn in derselben 
Weise, wie Dr. Cook. Im vorigen Monate hatte ich einen 
ähnlichen Fall, den ich auf dieselbe Art behandelte, nur dass ich 
als Metallband Platina und Irridium verwandte. Da diese Legirung 
viel stärker ist, als Plaana allein, so kann man bei dünnerem 
Bande eine stärkere Kraft erzielen. 

Dr. J. H. Race hatte im Beisein Dr. Cook’s vor 18 Mo- 

* 

naten einem Knaben einen ausgefallenen Zahn replacirt. Dieser 
Knabe kam vor einigen Tagen wieder mit lose hängendem Zahne. 
Der ganze Alveolus war absorbirt und liess die vollständig exponirte 
Wurzel sehen. 

Dr. W. Jarvie jr. Wenn wir einen solchen ausgeschlagenen 
oder ausgefallenen Zahn replantirt haben und derselbe eine 
ziemliche Anzahl von Jahren wieder fest steht, dann aber anfängt, 
locker zu werden, ist es dann besser, einen solchen Zahn zu ex- 
trahiren, zu behandeln und dann wieder zu implantiren? Ein 
College hat mich versichert, dass er innerhalb eines Jahres eine 
Anzahl solcher Operationen ausgeführt habe. Die Pulpa wurde 
extrahirt und gefüllt, das Ende der Wurzel abgeschnitten, 
polirt und der Zahn wieder eingesetzt. Jeder Fall sei mit Erfolg 
gekrönt gewesen, und mehrere seien wieder so fest im Kiefer 
geworden, dass weder senkrechter noch seitlicher Druck eine 
Bewegung des Zahnes zu Stande gebracht habe. Einige hervor¬ 
ragende Collegen aus dem Westen sind der Ansicht, dass in vielen 
Fällen eine Ankylosis entstehe. Das kann natürlich nur durch 


Zersetzung des Zahnes Veranlassung geben musste. Ferner fehlt die 
Beschreibung, auf welche Weise das Platinaband festgehalten wurde. 
Und drittens ist Platina ein so dehnbares Metall, das beim Kauen nach¬ 
geben muss. Der Patient hat wahrscheinlich einige Tage darauf wieder 
Schmerzen bekommen und hat sich dann bei einem anderen Zahnarzte 
Rath geholt, der schliesslich nur in der Extraction gefunden wurde. 


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eine Extraction erkannt werden. Bezüglich der Transplantation 
erklärte derselbe College, dass er dreimal diese Operation aus¬ 
geführt, aber mit so schlechtem Erfolge, dass er dieselbe nie mehr 
unternehmen würde. 

Dr. C. D. Cook. Bezüglich der von Dr. Jarvies vor¬ 
gebrachten Bemerkung seines Zweifelns an der Richtigkeit, wird 
von einem Knaben erzählt, dem der rechte obere Schneidezahn 
ausgeschlagen und wieder eingesetzt wurde. Der Zahn sah wohl 
entfärbt aus, war aber so fest, wie irgend einer im Munde, und 
es war kein Grund vorhanden, daran zu zweifeln, dass dieser Zahn 
noch 10 Jahre länger von Nutzen sein würde. 

Dr. C. F. Allan spricht über die Länge der Zeit, die 
replantirte Zähne mit Nutzen aushalten, und erzählt von einem 
Falle, wo bei einem Herrn der falsche Zahn extrahirt, aber so¬ 
gleich wieder replantirt wurde. Nach 20 Jahren sah er den Herrn 
wieder und fand den Zahn fest und durchaus nicht entfärbt. 

Dr. T. W. Du Bois kennt einen Mann, der vor 12 oder 
13 Jahren von einem Wagen fiel und dabei einige Zähne verlor. 
Zwei derselben wurden von der Strasse aufgelesen und replantirt; 
aber nur einer dieser Zähne ist festgewachsen und sieht so gesund 
aus wie ein normaler Zahn. 

Dr. J. J. Pitts. In voriger Woche wurde ich zu einem 
12jährigen Mädchen gerufen, um ihm drei Zähne zu extrahiren.* 
Ich machte dabei eine mir ganz neue Erfahrung, da es zu diesem 
Zwecke hypnotisirt wurde. Die Operation war* eine gänzlich 
schmerzlose, obgleich das Mädchen bei Bewusstsein blieb. Eine 
meiner Zangen fiel zur Erde, worauf Patientin sich bückte, um 
sie aufzuheben. Ich wollte einige Nachbaren herbeiholen, um bei 
der Operation gegenwärtig zu sein, allein der sie mesmerirende 
Arzt wendete ein, dass dadurch die Einwirkung des Magnetismus 
beeinträchtigt werden könnte. (Richtig. G. v. L.) 

Dr. S. B. Straw. Ich glaube, dass ein College anwesend 
ist, der hierin einige Erfahrung besitzt. Ich meine Dr. L. Straw. 

Dr. L. Straw. Ich erinnere mich, dass, als ich noch ziemlich 
in den Knabenjahren war, in einem öffentlichen Saale eine Vor¬ 
stellung gegeben wurde, wobei eine Abtheilung diepsychologische 
hiess. Der agirende Psychologe wollte unter Anderem auch eine 

chirurgische Operation ausführen lassen und forderte mich auf, 
xx. 


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Vereine. 


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einer Dame einige schadhafte Zähne zu extrahiren. Die Dame 
war vollständig unter dem Einflüsse des Psychologen. Ich bestieg 
hierauf das Empodium und zog der Dame vermittelst des altmodi¬ 
schen Schlüssels zwei Zähne. Ich wusste, dass die Operation eine 
höchst schmerzhafte sein musste; allein es wurde während des ganzen 
operativen Vorganges von der Patientin nicht ein Muskel verzogen. 

Dr. A. H. Brockway. Dieser Fall erinnert mich an eine 
ähnliche Erfahrung, wo ich nicht ganz so glücklich war, wodurch 
aber die Thatsache beglaubigt ist, dass Personen in einen Zustand 
versetzt werden können, in dem sie gegen jeden Schmerz un¬ 
empfindlich sind. Es war ganz im Anfänge meiner Praxis, und 
ich glaube nicht, dass ich damals mehr als ein halbes Dutzend 
Zähne vorher gezogen hatte, kurz ich war noch ein grosser 
Stümper. Ich sollte einem jungen Manne einen linken Molarzahn 
ziehen. Mit furchtbarem Zittern legte ich angesichts eines ver¬ 
sammelten Auditoriums das Instrument an und versuchte auf alle 
nur erdenkliche Art, den Zahn zum Weichen zu bringen, allein 
umsonst. Ich weiss, dass ich dem Patienten schreckliche Schmerzen 
verursacht haben musste, allein er zuckte keine Wimper. Wie 
lange ich am Patienten herumgearbeitet habe, weiss ich nicht, es 
kam mir aber wie eine halbe Ewigkeit vor, und ich machte da¬ 
mals die Erfahrung, dass der Mensch unter Umständen in einen 
Zustand gebracht werden kann, wo der Körper absolut keinen 
Schmerz fühlt. — (Man vergleiche hiermit den Aufsatz von Dr. 
Rühlmann in der Gartenlaube [1880]; Professor Weinhold’s 
„Hypnotische Versuche“; desgleichen vom Professor Huber im 
Juliheft 1879 von „Nord und Süd“. Der Engländer Braid hatte 
den „Hypnotismus“ schon 1841 entdeckt. G. v. L.) 

Hierauf kam „das Bleichen der Zähne“ zur Discussion. 

Dr. L. S. Straw. Bezüglich des Bleichens der Zähne bin 
ich Zeit meines Lebens im Finstern gewandelt und war nie so 
glücklich, einen nennenswerthen Erfolg erzielen zu können; ich 
habe aber das Vertrauen, dass ich von der Gesellschaft hier etwas 
werde lernen können. 

Dr. W. Jarvie jun. Soviel ich mich erinnere, war es in 
der letzen in Brooklyn abgehaltenen zahnärztlichen Versammlung, 
wo Dr. Atkinson sagte, dass, wenn die Entfärbung eines Zahnes 


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Vereine. 


an 


nach dem Bleichungsprocesse zurückkehrt, dies der mangelhaften 
Manipulation zuzuschreiben sei, und ich bin sehr geneigt, diesem 
beizustimmen. — Einigen von Ihnen wird vielleicht ein Fall er¬ 
innerlich sein, den ich in einer unserer früheren Versammlungen 
erwähnte, wo eine junge Dame einen Bleistift in einem Zahne ab¬ 
gebrochen hatte und dadurch den Zahn entfärbte. Ich bleichte 
und füllte diesen Zahn mit anscheinend gutem Erfolg. Aber nach 
einigen Monaten kehrte Patientin wieder, weil die frühere Ent¬ 
färbung wieder eingetreten war. Ich nahm als Erklärung hierfür 
die Theorie an, dass die Füllung am Zahnhalse nicht vollständig 
fest schloss, und dass dadurch Gelegenheit gegeben war, dass Speise¬ 
reste zwischen Füllung und Zahn eingedrungen seien. Vor einiger 
Zeit kam Patientin mit einem Theile der Krone abgebrochen, so 
dass ich vorzog, die ganze Krone abzutragen und einen Pivot- 
Zahn einzusetzen. Dadurch hatte ich nun Gelegenheit, näher zu 
untersuchen, woher die Entfärbung gekommen. Soviel ich mit 
dem Vergrösserungsglase sehen konnte, war die Füllung vollkommen. 
Wäre die Füllung von Metall gewesen, dann hätte man ein Ein¬ 
sickern der Mundflüssigkeit annehmen können. An dem Zahnhalse 
war die Entfärbung grösser, als an irgend einem anderen Platze. 
Es gelang mir, den Zahn so schön durchzufeilen, dass man genau 
die Stelle sehen konnte, wo die dunkelste Färbung war, welche 
von dieser Stelle an abwärts zu wirken schien. Die Frage war 
aber, wie kam diese Färbung an diese Stelle? — Ich habe einen 
Zahn in meiner Behandlung, und ich gebe viel dafür, wenn mir 
Jemand sagen könnte, wie er zu bleichen sei. Es ist ein Central- 
Schneidezahn, den ich seit drei Jahren immer wieder sehe. Er 
sitzt in dem Munde einer Dame, welche an dem betreffenden 
Zahne grosse Schmerzen hatte. Ihr früherer Zahnarzt entschloss 
sich endlich dazu, die Pulpa anzubohren, welche abgestorben war, 
und füllte dann den Zahn. Nach der Operation sah der Zahn 
wieder ganz weiss aus, und die Dame ging vergnügt nach Hause. 
Kurze Zeit darauf war der Zahn wieder schwärzer denn je, und 
sieht nun so grau aus, dass ich nicht die geringste Hoffnung habe, 
den Zahn einigermassen zu bleichen. Der andere Schneidezahn 
hat ebenfalls keine Pulpa mehr und war dem ersten ziemlich 
ähnlich, nur dass er eine- ganz kleine seitliche Höhle hatte. Auch 
dieser Zahn hatte Schmerz verursacht, der aber plötzlich aufhörte, 

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Vereine. 


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worauf nach 2—3 Tagen die Entfärbung eintrat. Diesen be¬ 
handelte ich, und er sieht nun ganz normal aus. Ich weiss selbst 
nicht, was damals meine Behandlung war. Es geschah vor 10 
Jahren; ich glaube, dass ich alles entfärbte Dentin abtrug und die 
Wandung mit der weissesten Paste aus Zinkchloridpulver begrenzte. 

Dr. R. C. Brewster. Ich möchte mehr bezüglich der 
chemischen Wirkung des Zinchlorids wissen, ob nämlich die Zähne 
nach Anwendung desselben mehr Neigung erhalten, schwarz zu 
werden, als wenn vorher eine andere weisse Füllung angewendet 
war. In drei Fällen hatte ich einen Erfolg mit Natron bicarbo- 
nicum, welches ich als permanente Decke auf dem Dentin liegen liess 
und darauf eine Zinkchlorid-Paste setzte und dann mit Gold füllte. 

Dr. 0. E. Hill. Die Zähne lassen sich wohl bleichen, aber 
die gebleichte Farbe zu erhalten, das ist die Schwierigkeit. 
Jch habe mich deshalb oft gefragt: Woher kommt die Entfärbung, 
und warum färbt sich ein Zahn schon nach wenigen Stunden, den 
wir vorher als völlig gebleicht ansehen mussten? Die Krone des 
Zahnes lässt sich wohl bleichen, aber warum die Wurzel nicht? 
Wir Alle wissen, dass die Entfärbung nicht von aussen her in dem 
Zahne entstehen kann, sondern immer aus der Wurzel. Ein Zahn 
entfärbt sich nicht vom Rande des Zahnfleisches aus und auch 
nicht von der Krone abwärts zur Wurzel, sondern immer von der 
Wurzel aus aufwärts zur Krone. Hier entsteht nun die Frage, 
ob es nicht besser wäre, den Zahn zu extrahiren, ihn ausserhalb 
des Mundes vollständig zu bleichen und nach der Füllung wieder 
einzusetzen. (!) Ich glaube, dass er dann seine Farbe vollständig 
behalten würde. Wir verfahren ganz falsch, indem wir nur den 
Theil der Zahnkrone entfärben; wir müssen auch die Wurzel zu 
entfärben suchen, denn die entfärbende Materie kommt eben aus 
der Wurzel, deren Endspitze schwer zu erreichen ist. 

Dr. C. D. Cook. Ich möchte Dr. Hill bitten, mir zu sagen, 
ob die Entfärbung den Dentinalkanälchen folgt, und wenn das 
seine Ansicht auch ist, wie gelangt die Farbe in diese Kanälchen ? 

Dr. 0. E. Hill. Das ist es eben, was ich auch wissen 
möchte. Die Entfärbung kommt nicht von aussen her, sondern 
von innen, und wie ist das anders möglich, als dass diese nur 
von der Wurzel aus entstehen kann? 


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Besprechungen. 


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Besprechungen. 

Handbuch der Zahnersatzkunde. Mit Benutzung der 
zweiten Auflage von Richardson’s Mechanical Denti- 
stry bearbeitet von Jul. Parreidt, Zahnarzt der Chirurg. 
Universitätspoliklinik, prakt. Zahnarzt in Leipzig. Mit 127 Holz¬ 
schnitten. Leipzig, Verlag von Arthur Felix. 1880. Preis 12Mark; 
gebunden 13,60 Mark. 

Das vorliegende Buch, schon längst ein tiefgefühltes Bedürfniss 
für den Praktiker, wie auch für den Anfänger, geht uns eben noch 
vor Schluss dieses Heftes zu. Zu einer ausführlichen Besprechung 
können wir erst im nächsten Heft kommen. Eine oberflächliche 
Uebersicht dürfen wir aber den Lesern nicht vorenthalten. In 
streng logischer, übersichtlicher und gut geordneter Weise finden 
wir folgende 12 Abschnitte: 1) Vorbehandlung des Mundes, 2) 
Abdruck, 3) Modelle, 4) die künstlichen Zähne, 5) Befestigung der 
künstlichen Zähne, 6) Stiftzähne, 7) Zahnersatzstücke mit Kautschuk¬ 
basis, 8) Celluloidbasis, 9) Goldbasis, 10) emaillirte Platinbasis, 
11) cheoplastische und Aluminiumbasis, 12) Kiefer- und Gaumen¬ 
ersatz. Der Verf., unser geschätzter Mitarbeiter Herr Jul. Parreidt, 
lehnt sich nur insofern an Richardson an, als er das wirklich 
Werthvollste ausgesucht, das Ganze aber durchweg selbständig 
mit grösstentheils eigener Erfahrung gearbeitet hat. Es ist nicht 
eine von den Bearbeitungen, welche man durchaus als freie Ueber- 
setzung bezeichnen müsste, sondern eine wirkliche Bearbeitung im 
richtigen Sinne des Wortes, d. h. eine Anlehnung an ein Original von 
Meisterhand, Entlehnung des Besten und wesentliche Zugabe geistigen 
Eigenthums von Seiten des Autors. 

Die Ausstattung ist, wie bei allen Werken, die bei Arthur 
Felix erscheinen, eine sehr gute. 

Wir empfehlen dieses vortreffliche Buch Allen, welche sich 
für das Fach interessiren, und behalten uns vor, in einer ausführ¬ 
lichen Besprechung darauf zurückzukommen. 


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Verschiedenes. 


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Wie erhält man seine Zähne? 

So betitelt sich ein populäres Schriftchen, welches unser Mit¬ 
arbeiter Herr Detzner für seinen Wirkungskreis abgefasst hat. 
Es enthält im engsten Rahmen alles für das Publicum Wissenswerthe. 


Verschiedenes. 

Znm Doctorschwindel in Amerika. 

Die berüchtigten Sch windel-Anstalten inPhiladelphia, 
welche Doctor-Diplome sogar an Abwesende verkaufen, 
die niemals studirt haben, „arbeiten“ noch immer fort trotz aller 
„Gegenmassregeln“ dortiger Behörden. Eine Menge solcher Diplome 
wird fortwährend nach Europa verkauft, und dortige Quacksalber 
suchen dann mit Hilfe derselben die ärztliche Praxis zu betreiben. 

DerGesandte derVer. Staaten in Berlin, Herr White, 
stellt in einem Berichte diesen niederträchtigen Handel als eine 
schwere Schande für Amerika hin. Er schreibt: „Der Unfug ist 
so arg, dass er jetzt auf der deutschen Bühne und im deutschen 
Roman gegeisselt wird. In einem in Berlin mit grossem Erfolge 
gegebenen Theaterstücke thut eine Person des Stückes, welche einer 
andern Person desselben, die den Doctortitel führt, Eins anhängen 
will, die Aeusserung, dass der „Doctor“ seinen „Doctor“-Grad einfach 
in Amerika gekauft habe. In einem kürzlich erschienenen Roman 
eines beliebten deutschen Schriftstellers begiebt sich der Schurke 
der Erzählung, nachdem er der Justiz in Deutschland entflohen 
ist, nach Amerika, und nach den letzten Nachrichten von dort 
hatte er eine recht einträgliche ärztliche Praxis auf Grund eines 
von ihm erkauften falschen Doctor-Diploms.“ 

Herr White führt verschiedene direct zu seiner Kenntniss 
gelangte Fälle von derartigen in Deutschland selbst spukenden 
amerikanischen Doctor-Diplomen an und hebt besonders hervor, 
dass die Aechtheit eines dieser falschen Diplome die Bescheinigung 
eines Philadelphiaer Notars Namens Creger, früheren Vorstandes 
eines Lehrerinnen-Seminars, trägt, welcher bezeugt, dass „The 
American University of Philadelphia“ eine geachtete 
medicinische Schule sei. 


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Verschiedenes. 


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Der Vorsteher des Erziehungs-Bureaus in Washington, Herr 
Eaton, hat soeben ein. Schreiben an den Philadelphiaer Bürger¬ 
meister Stokeley gerichtet, worin er diesen ebenfalls darauf auf¬ 
merksam macht, dass Philadelphiaer Schwindel - Doctor - Fabriken 
noch immer ihr Unwesen treiben, und worin er eine Untersuchung 
gegen folgende „Anstalten“ verlangt: „The AmericanUniversity 
of Philadelphia and Eclectic Medical College ofPenn- 
sylvania, No. 514 Pinestr., John Buchanan, Medicinä 
Doctor, Präsident der Anstalt,“ Ferner: „The Phila¬ 
delphia University of Medicine and Surgery No. 203 
N. 10 Str., T, B. Miller, MedicinäDoctor, Dean.“ Ferner: 
„The Pennsylvania Medical University or College, 
Brownstr., östl. von 12 Str. 

Bürgermeister Stokeley und der Polizeichef in Philadelphia 
haben versprochen, Alles, was in ihrer Macht stehe, zur Unterdrückung 
des Schwindels zu thun. Aber diese Bedensart hört man schon 
seit zwölf Jahren, und doch dauert der Schwindel stets fort. Ist 
er unter dem einen Namen unterdrückt, so fängt er unter einem 
andern Namen von vorn an. Und die Namen der alten Haupt¬ 
schwindler, besonders des „Medicinä Doctor“ und „Präsidenten“ 
Buchanan kehren immer wieder. Einem derartigen Schurken, 
der von Hause aus Methodistenprediger war, aber zugleich den 
„Decan“ einer „medicinischen Facultät“ in Philadelphia spielte, 
und an Leute, die auch nicht eine Stunde in ihrem Leben Heil¬ 
kunde studirt haben, Doctordiplome verkaufte, hat kürzlich die 
Conferenz der Methodisten den Laufpass gegeben. Aber nur um 
so eifriger wird er sich wohl seither auf den medicinischen Schwindel 
verlegt haben. 

Es ist schon schlimm genug, dass es in Amerika neben aus¬ 
gezeichneten medicinischen Lehranstalten so manche andere 
gesetzliche Anstalten giebt, deren Schüler nach dem alleroberfläch¬ 
lichsten Unterricht mit gesetzlichen Doctor-Diplomen als „Aerzte“ 
auf die Menschheit losgelassen werden. Aber geradezu eine 
nationale Schmach sind die oben besprochenen Philadelphiaer 
Schwindel-Fabriken von Doctoren „in absentia“. Man kann es 
Bühnendichtern und Romanschreibern in Deutschland nicht verübeln, 
wenn sie diese Schmach Amerika ganz gehörig eintränken. Leider 
aber sind solche Schwindeleien zugleich ein „gefundenes Fressen“ 


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Verschiedenes 


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für diejenigen Schriftsteller in Deutschland, deren Lebensaufgabe 
es ist, Amerika schlecht zu machen. Sie stellen diesen Doctor- 
schwindel, der doch immerhin eine Ausnahme ist, als die amerikanische 
Regel dar, und stellen den gesammten Stand der amerikanischen 
Aerzte, unter denen es so viele tüchtige Männer giebt, als eine 
Bande der verzweifeltsten Quacksalber hin, die sich ihr Doctor- 
Diplom „in absentia“ gekauft haben. (J. St.-Z.) 

An einer andern Stelle lesen wir Folgendes: Der „Times“ 
wird aus Philadelphia gemeldet: „Durch die Bemühungen des 
„Public Record“, eines hiesigen Journals, ist wahrscheinlich den 
hiesigen Umtrieben in Verkauf von falschen Doctor-Diplomen ein 
Ende bereitet worden. Der Eigenthümer des „Record“ hat seit 
mehreren Wochen Beweisstücke gesammelt, indem sein City-Redacteur 
unter angenommenem Namen sich acht Doctordiplome von der 
amerikanischen Universität in Philadelphia, dem Eclectic-Medicinal- 
Collegium von Pennsylvanien und der Livingstone- Universität er¬ 
wirkte. Dies wurde mit Wissen der Regierungsbehörden gethan. 
Als Alles bereit war, wurden am Mittwoch Dr. John Buchanan, 
der Haupthändler in falschen Diplomen , und drei andere seines 
Gelichters verhaftet und des Missbrauchs der Post für ungesetzliche 
Zwecke, sowie des Betruges angeklagt. Die in Buchanan’s Comptoir 
mit Beschlag belegten Papiere erweisen einen Verkauf von 3000 
falschen Diplomen, während sich noch ein grosser Vorrath auf 
Lager befand. Buchanan’s Hauptgeschäft war mit Deutschland; 
aber einige Diplome haben auch nach England ihren Weg gefunden. 
Seine Preise variirten von 55 bis 110 Dollars pro Diplom. Fast 
alle ausgegebenen Diplome waren antedatirt. Die Collogien 
Buchanan’s erhielten von der Legislatur Pennsylvaniens Corpörations- 
rechte, aber infolge dieser Biosstellung werden ihm dieselben 
wohl entzogen werden. Buchanan wurde gegen eine Caution von 
10,000 Dollars auf freiem Fusse belassen.“ 


Ein Urtheil des Reichsgerichts. 

Die Führung des Titels „Zahnoperateur“, „Zahntechniker 
Dr.“ berechtigt die Anwendung des § 147, Nr. 3 der Reichs¬ 
gewerbeordnung (Bestrafung). Erkenntniss des HI. Strafsenats vom 


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Verschiedenes. 


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10. December 1879 wider den Heilgehilfen Jul. Sachse zu 
Halle a. S. „Angeklagter rügt Verletzung des § 147, Nr. 3 der 
Reichsgewerbeordnung und § 59 der Str.-Proz.-Ordn., indem er eine 
zureichende Feststellung der Absicht vermisst, dass er durch Bei¬ 
legung der Bezeichnung „Zahnoperateur“ den Glauben habe er¬ 
wecken wollen, er sei ein geprüfter Zahnarzt. Diese Beschwerde 
hat indessen für begründet nicht erachtet werden können. Der 
Appellationsrichter hat aus dem Inhalte der vom Angeklagten unter 
der Bezeichnung „Zahnoperateur“ erlassenen, zahnärztliche Leistungen 
anbietenden Annonce in Verbindung mit den eigenen Erklärungen 
des Angeklagten in der Appellationsrechtfertigung über die Ver¬ 
anlassung seiner Vorbestrafungen aus § 147, Nr. 3 der Gewerbe¬ 
ordnung für zweifellos erachtet, dass Angeklagter, wenn 
er sich in der Annonce qu. den Titel: „Zahnoperateur“ 
beilege, damit nicht blos auf die Vornahme von Opera¬ 
tionen an Zähnen habe hinweisen wollen, dass er viel¬ 
mehr hierbei die Absicht gehabt habe, im Publicum den 
Glauben zu erwecken, dass er eine höhereQualification 
als die anderen Barbiere und Heilgehilfen habe, dass 
er eine geprüfte Medicinalperson sei. Hiermit ist die in 
dem Straffalle des § 147, Nr. 3 der Gewerbeordnung als selbst¬ 
verständlich vorausgesetzte Willensrichtung des Titelinhabers auf 
Erweckung des Glaubens, als sei der Inhaber eine ge¬ 
prüfte Medicinalperson, ausreichend thatsächlich fest¬ 
gestellt.“ Wider denselben Delinquenten hat das R.-G. ni. Straf¬ 
senat den § 147, 3 der R.-Gew.-Ordn. auch deshalb für anwendbar 
erachtet, weil derselbe sich auch die Titel „Zahntechniker Dr.“ 
beigelegt. Dabei wird ausgeführt: „Angeklagter rügt, dass zu 
Unrecht § 147, Nr. 3 der R.-Gew.-Ordn. auf die vorliegende Sache 
angewendet worden sei. Die Vorderrichter stellen fest, dass An¬ 
geklagter bei öffentlicher Ankündigung seiner Wohnungsänderung 
sich den dem Titel „Arzt“ ähnlichen Titel „Zahntechniker Dr.“ 
beigelegt hat, durch welchen der Glaube erweckt wird, 
der Inhaber sei eine geprüfte Medicinal-Person, dass Angeklagter 
auch auf Erweckung solchen Glaubens bei seiner Ankündigung 
ab ge zielt bezw. dass er wegen der Tragweite seiner Ankündigung 
in Betreff der Erregung solcher Annahme sich nicht in gutem 
Glauben befunden hat. Hiermit ist der Thatbestand des § 147, 


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Verschiedenes. 


Nr. 3 in seiner zweiten Alternative erfüllt Während die erste 
Alternative die unbefugte Bezeichnung als Arzt (Wundarzt, Augen¬ 
arzt, Geburtshelfer, Zahnarzt, Thierarzt) unter Strafe stellt, somit 
die Beilegung einer solchen Bezeichnung, welche unmittelbar die 
Annahme einer Approbation begründen muss, wendet sich die zweite 
Alternative gegen Diejenigen, welche zur Umgehung der ersteren 
Bestimmung sich einen ähnlichen Titel, das ist nach dem Zu¬ 
sammenhänge eine ähnliche Bezeichnung beilegen und hierdurch 
den Glauben erwecken, dass sie approbirt worden seien. 
Angeklagter bestreitet nun zwar in seiner Nichtigkeitsbeschwerde, 
dass er sich einen „ähnlichen Titel“ beigelegt habe; nach seiner 
Auffassung soll die Benennung „Zahntechniker“ sogar unmittelbar 
auf das Fehlen der Approbation hinweisen, der gleichzeitig ge¬ 
brauchte Titel „Doctor“ aber nur bedeuten, dass er sich zur 
Führung desselben berechtigt halte. Dieser Auffassung kann jedoch 
nicht beigetreten werden. Die Vorderrichter sehen gerade in der 
Verbindung der Bezeichnungen „Zahntechniker“ und „Doctor“ einen 
dem „Arzte“ ähnlichen Titel, und ist dieser Gesichtspunkt insbesondere 
vom zweiten Richter hervorgehoben worden. Ein Rechtsirrthum 
bei dieser Aufstellung ist nicht erfindlich. Die vor dem Namen 
des Angeklagten aneinandergereihten Benennungen „Zahntechniker“ 
und „Doctor“ geben allerdings dem Namensträger eine Bezeichnung, 
welche nach ihrem Inhalte einen der Bezeichnung „Arzt“ ähnlichen 
Titel darstellt. Dass aber die Führung dieser Bezeichnung den 
betreffenden Glauben erwecken kann, ist eine von den Instanz¬ 
gerichten aus thatsächlichen Unterlagen, insbesondere der öffent¬ 
lichen Ankündigung und der provinziell mit dem Doctortitel ver¬ 
bundenen Anschauung, entwickelte Feststellung, welche gleich der 
weiteren vorgerichtlichen Annahme, dass die Erweckungjenes 
Glaubens n icht ausser halb der Absicht des Angeklagten 
gelegen habe oder doch von ihm als möglich erkannt sei, der 
Nachprüfung in gegenwärtiger Nichtigkeitsinstanz entzogen ist.“ 


Zu welchen Mitteln eine Reclame von äusserst fragwürdiger 
Qualität greift, möge folgende Notiz in irgend einem Winkel¬ 
blättchen zeigen: 

Schädlichkeit der Kautschuk-Gebisse. Ein amerik. 
Arzt macht darüber folgende Bemerkungen: Diese Gebisse bestehen 


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aus Kautschuk, Schwefel zum Vulcanisiren uud Zinnober (schwefel¬ 
saurem (?) Quecksilber). Bei der nach und nach eintretenden Ab¬ 
nutzung der Gebisse, während sie im Munde getragen werden, wird 
ein Quecksilber - Salz aufgelöst, dessen giftige Wirkungen wohl 
bekannt sind. Sie wirken noch ausserdem durch den Reiz, den 
sie auf die Schleimhaut der Mundhöhle ausüben, nachtheilig auf 
die Gesundheit. Entzündliche Zustände und vermehrte Speichel¬ 
absonderung, wodurch wieder die Auflösung des Quecksilberoxyds 
beschleunigt wird, sind die Folgen davon. Ohrenkrankheiten sind 
nicht selten als Wirkung dieser Gebisse beobachtet worden. 

Fundar. 


Nekrolog. 

Am 20. Mai d. J. entschlief unser theurer Freund und College 
Herr Alfred Overman, geboren den 25. Mai 1828 zu Naum¬ 
burg a/S., im Alter von 51 Jahren infolge einer Lungenlähmung 
nach nur viertägigem Krankenlager. 

Zuerst Unterarzt beim Königin-Augusta-, dann beim 16. In¬ 
fanterie-Regiment in Düsseldorf, verliess er 1859 diese Carriere, 
um auf der Berliner Universität die Zahnheilkunde zu studiren, 
auf welcher er 1862 seine Staatsprüfung absolvirte und dann sein 
Heim in Cöln begründete, ebensowohl durch seine Fachtüchtigkeit, 
in der er sich bis zum letzten Lebenstage zu vervollkommnen 
strebte, als auch durch seine Leutseligkeit, edle Denkungsweise 
und seinen streng rechtlichen Sinn, wodurch er seinen Namen zu 
einem geschätzten der Bürgerschaft machte. 

Unser Verein verliert in dem Dahingeschiedenen einen auf¬ 
richtigen Freund und Collegen, einen umsichtigen Führer und 
energischen Vertreter unseres Standes und seiner Interessen. 

Ehre seinem Andenken! 

Friede seiner Asche! 

Ribnitzky, 

z. Z. Vorsitzender des Vereins der Zahnärzte 
in Rheinland und Westphalen. 


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Verschiedenes. 


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Nekrolog. 

Am 13. März d. J. starb 87 Jahre alt Dr. Thomas Bell, 
eine der grössten Zierden unserer Specialität, ein Mann, hoch¬ 
geachtet in der kleinen Welt, der nnsere Specialität angehört, 
nicht minder wie in der grossen Welt der allgemeinen Natur¬ 
wissenschaften. Er war geboren zu Poole in Dorsetsbire in Eng¬ 
land am 11. October 1792 und stammte aus einer alten ärztlichen 
Familie; so wie sein Grossvater war auch sein Vater ein bedeu¬ 
tender Arzt. 

Nachdem er unter Anleitung seines Vaters die ersten An¬ 
fangsgründe der Chirurgie erlernt hatte, wie es damals in England 
Sitte war, trat er in London in die damals noch vereinigte ärzt¬ 
liche Schule von Guy’s und St. Thomas-Hospital ein und hörte 
Vorlesungen bei dem berühmten Sir Astley Cooper, Cline, Travlos 
u. s. w., und schon im Jahre 1815 beendete er seine ärztlichen 
Prüfungen. Es ist nicht ganz klar, um welche Zeit er sich specicll 
der Zahnheilkunde widmete, aber bereits im Jahre 1817 wurde 
er zum Doccnten der Zahnheilkunde in Guy’s Hospital ernannt, 
in welchem ihm gleichzeitig alle zahnärztlichen Fälle überwiesen 
wurden. An derselben Schule hielt er bis zum Jahre 1836 Vor¬ 
lesungen über vergleichende Anatomie, in welchem Jahre 
er zum Professor der Zoologie am Kingscollege ernannt wurde. 
Obgleich er als zahnärztlicher Operateur niemals bedeutend war, 
ja obgleich er nicht gern den Fortschritten der neuesten Zeit 
huldigte, war er dennoch ein sehr gesuchter Zahnarzt, hochgeehrt 
von seinen Patienten, und hochgeachtet von allen Denen, welche 
seinen wissenschaftlichen Leistungen folgen konnten. Obgleich er 
bis an sein Ende für den Schlüssel eintrat, so verdankt ihm 
die zahnärztliche Welt die Einführung des Hebels, des sogenannten 
Elevators, dessen Anwendung er zuerst in der vollendetsten Weise 
lehrte und beschrieb. 

Als wissenschaftlicher Zahnarzt stand er zweifellos in seiner 
Blüthezeit an der Spitze der zahnärztlichen Welt, und sein Werk, 
betitelt: „Die Anatomie und die Krankheiten der 
Zähne“, war die wissenschaftlichste und brauchbarste Abhand¬ 
lung, die bis dahin erschienen war. Vorzugsweise machte er darin 


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Verschiedenes. 


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Propaganda für die vitale Theorie der Caries. Er definirte die 
Krankheit als Mortification irgend eines Zahntheiles, welche all- 
mälig eine Zersetzung der Zahnsubstanzen hervorruft. Er wollte 
durchaus die Bezeichnung „Caries“ aus der zahnärztlichen Lite¬ 
ratur ausgemerzt wissen, da die Zahncaries mit der Knochen- 
caries keine Verwandschaft hat, und schlug dafür die Bezeichnung 
„Zahngangrän“ vor, da die erste Ursache derselben eine Entzün¬ 
dung sei, eine Theorie, die in der That gegenüber den neueren, 
rein chemischen Anschauungen durch die Untersuchungen von 
Heitzmann und Bödicker in den Vordergrund zu treten den 
Anschein hat. 

Unabhängig von seinen schriftstellerischen Arbeiten in un¬ 
serer eigenen Specialität veröffentlichte Bell noch eine Menge 
andere aus den verschiedensten Gebieten der Naturwissenschaften. 
So existirt von ihm eine „Monographie der fossilen Malacostratus- 
Cctaceen von Grossbritannien“, eine „Naturgeschichte der britischen 
Reptilien“, eine „Geschichte der britischen Crustaceen“, eine 
„Monographie der Testudinaten“, und ausserdem rühren von ihm 
her zahlreiche Beiträge zu den Abhandlungen der Royal Society, 
der Linneischen, geologischen und zoologischen Gesellschaften. Im 
Jahre 1870 veröffentlichte er in 2 Bänden: „Gilbert White’s 
. Naturgeschichte und Antiquitäten von Selborn“. Infolgedessen 
wurde er zum Ehrenmitgliede der berühmtesten englischen, wie 
nicht minder ausländischen Gesellschaften ernannt — Ehren, die 
er gleichzeitig mit Faraday, Herschel, Macaulay, Watts 
und anderen berühmten Männern theilte. 

Wahrlich, auf einen solchen Mann kann unsere Specialität 
stolz sein! Er ist ein blendendes Vorbild für jeden wissen¬ 
schaftlichen Forscher, und indem wir das Andenken dieses Mannes 
ehren und hochhalten, ehren wir uns selbst am meisten! 

(Nach Monthly Review of Dental Surgery, April 1880.) 


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322 


Correspondenz. 


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Correspondenz. 

An den Gentralverein deutscher Zahnärzte. 

Ein freundliches Mahnwort an die Besucher der XIX. Jahres¬ 
versammlung ! 

Nach § 2 unserer Statuten ist Zweck unseres Vereines die 
Hebung des zahnärztlichen Standes! — Ein Verein, der sich die 
Hebung unseres Standes zur vornehmsten Aufgabe gesetzt, muss 
vor Allem darauf bedacht sein, recht viele ehrenhafte Collegen in 
seinen Kreis heranzuziehen. Nicht immer und auch nicht in der 
gewünschten Anzahl erreicht man dies Heranziehen durch Aufrufe, 
die zum Beitritt in den Verein einladen. Mehr wie zwei Drittel der 
heutigen Mitglieder sind erst dann in den Centralverein eingetreten, 
nachdem sie sich einmal „in Person“ an den wissenschaftlichen 
Verhandlungen und geselligen Unterhaltungen hetheiligt haben. 

Es ist also richtig, wenn § 3 sagt, die Mittel zur Erreichung 
dieses Zweckes (nämlich der Hebung des Standes) sind Jahres¬ 
versammlungen. Dass diese Jahresversammlungen nicht immer in 
ein und derselben Stadt abgehalten werden sollen, versteht sich 
wohl ganz von selbst. Die Gerechtigkeit und auch die Klugheit 
erfordern, dass sie gleichmässig über das ganze Land vertheilt 
werden, um jedem Collegen — auch dem weniger bemittelten und 
etwas schwerfälligen — durch Leichtigkeit heranzuziehen. Gelegen¬ 
heit macht-Besucher! 

Waren seither diese Versammlungsorte möglichst gleichmässig 
vertheilt? — Nein! — 

Zugestanden, eine triftige Ausnahme bei Bestimmung unserer 
Versammlungsorte sei gestattet, so könnte es doch wohl nur die 
sein, das Centrum des Landes mehr zu berücksichtigen, wie die 
Peripherie. 

War dieses seither der Fall? — Nein! — 

Hier ist der Beweis: 


1 . 

Versammlung 

tagte in 

Berlin 

1859, 

2. 

» 

55 

55 

Hamburg 

1860, 

3. 

55 

55 

55 

Dresden 

1861, 

4. 

55 

55 

5 ? 

Wien 

1862, 


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Correspondenz. 


323 


5. Versammlung tagte 

in 

Frankfurt a/M. 

1863, 

6. 

99 

99 

99 

München 

1864, 

7. 

99 

99 

99 

Leipzig 

1865, 

8. 

99 

99 

99 

Hamburg 

1867, 

9. 

99 

99 

99 

Dresden 

1868, 

10. 

99 

99 

91 

Frankfurt a/M. 

1869, 

11. 

99 

99 

91 

Berlin 

1870, 

12. 

99 

91 

99 

Wien 

1872, 

13. 

99 

99 

19 

Cassel 

1874, 

14. 

99 

99 

19 

Freiburg 

1875, 

15. 

99 

99 

19 

Hannover 

1876, 

16. 

99 

99 

19 

Leipzig 

1877, 

17. 

99 

11 

>9 

Coburg 

1878, 

18. 

99 

99 

19 

Bremen 

1879, 

19. 

19 

tagt 

91 

Berlin 

1880. 

Also unter 

19 

Jahresversammlungen fallen 

13 auf Nord- 


deutschland, 4 auf Süddeutschlaud und nur 2 auf Mitteldeutsch¬ 
land. Also gerade das Centrura, das allen Collegen leicht 
erreichbar wäre, wurde am meisten vernachlässigt. Als ob Wies¬ 
baden, Mainz, Darmstadt, Frankfurt a/M., Würzburg gar nicht 
da wären! 

Und gar der Süden! Ist das Billigkeit zu nennen beim Be¬ 
stimmen der Versammlungsorte? — Nein! — Glaubt man, die 
Collegen in Süd- und Mitteldeutschland damit an den Central¬ 
verein zu knüpfen, wenn man sie besonders vernachlässigt? — 
Gewiss nicht! — Carlsruhe, Baden-Baden, Stuttgart, Constanz, 
Ulm, Augsburg, München, Regensburg, Nürnberg, lauter schöne 
Städte mit vielen netten Collegen! 

Und was auf der andern Seite bringt es denn dem Central¬ 
verein für einen Extra-Vortheil, immer im Norden zu tagen? — 
Gar keinen! — Dagegen einen grossen Nachtheil, nämlich den, 
dass die grosse Mehrheit der süd- und mitteldeutschen Collegen 
noch nicht als ordentliche Mitglieder eingetreten sind. Gehe man 
ihnen doch leicht Gelegenheit, sich die Versammlungen anzusehen. 
Unsere liehen norddeutschen Brüder ziehen ja sonst ganz gern 
den Süden an, warum also in diesem Falle eine Ausnahme machen! 
Nur Muth, nur Muth! 


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324 


Correspondenz. 


Ideale Theoretiker werden sagen, dass wem immer es ernstlich 
darum zu thun ist, unsere Jahresversammlungen zu besuchen, der 
wird kommen, einerlei, wo dieselben stattfinden. Bei Wenigen mag 
dies gelten, bei der Mehrheit gilt es nicht! Andere werden sagen: 
vor Jahren haben wir, als es sich darum handelte, eine süddeutsche 
Residenzstadt als Versammlungsort zu wählen, bei einem Collegen 
dorten angefragt, sind aber abschläglich beschieden worden. Giebt 
es denn dorten nur einen Collegen, der Mitglied unseres Central¬ 
vereins ist? — Nein! — Und doch ist schlimmsten Falles nur 
einer nöthig. College Kipp in Coburg hat dies auf das Beste 
bewiesen. 

Und bedarf es denn eigentlich so colossaler Vorbereitungen? — 
Nein! — Ein geräumiger Sitzungssaal ist das einzig Nothwendige! 
Die Festlichkeiten sind ja auch sehr schön und auch nöthig, aber 
sie kommen doch erst in zweiter Linie in Betracht. Erst die 
Pflichten (und eine Pflicht ist es, auch im Süden öfters zu tagen) 
und dann, aber auch erst dann, womöglich recht reichhaltige Ver¬ 
gnügungen ! 

Hoffend, dass ein ernstes Mahnwort in freundlichstem Kleide, 
bei den Besuchern der 19. Jahresversammlung unseres Central¬ 
vereins deutscher Zahnärzte auf guten Boden fällt, so findet die 
Versammlung im Jahre 1881 im Süden statt. Glaubt man aber, 
dass es nicht gut sei, vom hohen Norden direct in den tiefen 
Süden zu geben, nun wohlan, dann auf Wiedersehen im Centrum! 

x. y. z. 


Programm 

für die am 15. and 16. August d. J. in Altona zu hal¬ 
tende VI. Jahresversammlung des Vereins schleswig¬ 
holsteinischer Zahnärzte. 


I. Fragen. 

1) Welches ist die rationellste Behandlung der Epuliden? 

2) Welches sind die Ursachen, und wie ist die Behandlung 

der Kiefercysten? 


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Original fro-m 

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Notizen. 


325 


3) Bewährt sieh die Trepanation der Zähne bei Pulpitis und 
Periostitis dentalis, und wie verhält sich die Dauer der 
Erhaltung solcher Zähne? 

4) Hat die Manipulation des Pressens oder die des Spritzens 
bei Anfertigung der Celluloidgebisse den Vorzug? 

5) Welches kindliche Alter wird für Anlegung eines Obtu¬ 
rators bei Gaumendefecten die beste Prognose bieten? 

6) Ist es rationell, bei geringem Vorstehen des Unterkiefers 
vor dem Oberkiefer (also bei anomaler Articulation der 
Zähne) orthopädisch einzugreifen? 

7) Welche Erfahrungen sind inzwischen gesammelt über 
Witzel’s antiseptische Behandlung der Pulpakrank¬ 
heiten etc.? 

n. Vorträge. 

Dr. Arendt: Das Feilen der Zähne zur Verhütung und bei 
schon vorhandener Caries; sowie über Separiren der 
Zähne behufs Plombirens. 

Herbst: Praktische Mittheilungen aus der zahnärztlichen 
Technik. 

Der Vorstand: 

Fr. Kleinmann, Dr. med. Fricke, 

Flensburg. Kiel. 


Notizen. 

An der Universität zu Halle a/S. sind im Sommersemester 
1880 immatriculirt 9 Studirende der Zahnheilkunde. 

An einem Cursus der Zahnheilkunde für ältere Studenten 
der Medicin während der Osterferien 1880 nahmen Theil 14 Stu¬ 
denten der Medicin. 

Für die zahnärztliche Klinik in diesem Sommersemester sind 
inscribirt 12 Zuhörer. 

Diese Zahlen scheinen für den ersten Augenblick zwar be¬ 
deutend, werden aber erklärlich, wenn man die speciell für Zahn¬ 
heilkunde in Halle angekündigten Vorlesungen genau durchliest, 
xx. 22 


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Original frum 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



326 


Notizen. 


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Herr E. Kollmar hat sein Examen als Zahnarzt an der 
Universität Frei bürg i/Br. bestanden. 


Anmeldungen von Patenten. 

Künstliche Nasen Nr. 5544 

Schnell härtendes Silber- und Gold-Amalgam „ 7834 

Operationsstahl mit Instrumententischchen „ 4042 

Dr. Robert Telschow: Verfahren and Apparat 
zur Herstellung metallplatirter künstlicher 
Gebisse ans Kautschuk and Celluloid „ 13900 

Erloschen Nr. 396. Goldgazegebiss. CbCsse 30. 


Sehrißliche Arbeiten, Aufsätze , Correspondenzen etc. für die 
„Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ wollen von nun an 
gefälligst unter der Adresse: Dr. Robert Baume, prakt. Zahnarzt 
in Berlin, Friedrichstrasse 111, I., franco eingesendet werden. 

Inserate sind direct an die Verlags-Buchhandlung von Arthur 
Felix, Leipzig, Königsstrasse 18b, einzuschicken. 


Alle verehrlichen Redactionen und gelehrten Gesellschaften, 
welche ihre Journale oder Vereinsschriften gegen die „Deutsche 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ tauschen, werden 
hierdurch ersucht, ihre Zusendungen von jetzt an nur noch zu 
richten an Arthur Felix, Verlags-Buchhandlung in Leipzig. 

Namentlich wird es erwünscht sein, alle amerikanischen 
and englischen Tausch-Exemplare von zahnärztlichen Zeit¬ 
schriften stets sofort pr. Post zu erhalten, wogegen mim sich 
einer gleichen Zusendung gewärtigen wolle. 

Leipzig. Arthur Felix. 


Druck von A. Th. Engelhardt in Leipzig. 


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XX. Jahrgang. IV. Heft. 


Odober 1880 . 


Deutsche Vierteljahrsschrift 

für 

Zahnheilkunde. 

Vorträge, 

gehalten 

auf der 19. Jahres-Versammlung des Central- 
Vereins deutscher Zahnärzte zu Berlin. 

I. Die praktische Ausbildung der Studenten der 

Zahnheilkunde. 

Von 

C. Sauer. 


Die praktische Ausbildung der Studenten der 
Zahnheilkunde in einem zahnärztlichen Vereine zu 
besprechen, kann nur den Zweck haben, den Unterricht der 
Studenten zu beeinflussen und nach Aussen zu zeigen, in welcher 
Weise die Zahnärzte gebildet sind, und wie sie die Ausbildung 
ihres Nachwuchses zu regeln suchen, soweit sie dabei mitwirken 
können. 

Wir sind, glaube ich, augenblicklich in der Lage, sowohl 
das eine wie das andere thun zu sollen. Bei dem praktischen 
Unterrichte der Studenten ist eine möglichst gleichmässige Rich¬ 
tung in den verschiedenen Universitäten zu wünschen, und den 
Aussenstehenden müssen wir zeigen, wie sehr die Zahnheilkunde 
bemüht ist und bemüht war, ihre Angehörigen so zu stellen, dass 
sie als würdige Vertreter ihres Faches die Lehrer ihrer Arbeiter sind. 

Die im Folgenden ausgesprochenen Anschauungen sind von 
mir in einem Zeiträume von 19 Jahren beim praktischen Unter- 
xx. 


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328 


Sauer: Die praktische Ausbildung der Studenten 


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richte angehender Zahnärzte gewonnen worden. Die Zahl der 
Unterrichteten beträgt dabei, etwa 88. Selbstverständlich kann ich 
den Gang des praktischen Unterrichtes, wie ich ihn bisher ge- 
handhabt habe, nur in Umrissen wiedergeben. Diese werden aber 
dem Praktiker zu einem Bilde von demselben genügen. 

Die Grundlage für den praktischen Unterricht 
ist wohl unstreitig die Technik. Sie übt die Hand und 
schärft den Blick. Vor allen Dingen können wir gerade sie aber 
auch nicht in der Praxis entbehren. Um sie den Studenten mög¬ 
lichst angenehm zu machen, habe ich beim Unterrichte derselben 
sowohl ihre Geschichte, wie auch ihre Nutzanwendung in der 
Praxis im Auge. Zuerst lasse ich von dem Studenten Zahnformen 
aus Wallross mit der Feile nach Modellen hersteilen. Dabei be¬ 
spreche ich mit ihm sowohl die Zahn formen, welche er bilden 
soll, wie die Instrumente, mit denen dies geschieht Also in 
diesem Falle spreche ich über die äussere Form der betreffenden 
Zahnkrone in Bezug auf das Verhältnis der Länge zur Breite, 
der Wölbung der labialen und lingualen Seite, der Wölbung der 
mesialen und distalen Seite und endlich über die Schneidefläche 
und den Zahnhals. Weiter spreche ich dann über die Feile in 
Bezug auf den Hieb und in Bezug auf ihre Ableitung von der 
Säge, zeige dem Studenten die sich hieraus ergebenden Schlüsse 
für den Gebrauch dieser beiden Werkzeuge und bespreche gleich¬ 
zeitig nebenher den späteren Gebrauch im Munde. Zeigt der 
Student im Herstellen von Zahnformen ein Verständniss, so lasse 
ich von ihm aus Wallross Bäckstücke feilen und graviren. Letz¬ 
teres giebt ihm Gelegenheit, den Stichel kennen zu lernen. Beim 
Gebrauche desselben wird er auf die Aehnlichkeit der Anwendung 
zwischen Stichel, Schmelzmesser, Excavator und endlich auch dem 
Geisfuss aufmerksam gemacht. In Wallross stellen die jungen 
Leute zuerst Stücke her, welche nur gegen einen Zahn und auf 
dem Kiefer ruhen, dann fertigen sie solche, die zwischen zwei 
Zähnen und auf dem Kiefer liegen. Hiernach lasse ich ein Stück 
machen, welches gegen zwei Zähne und dazwischen um einen 
Zahn liegt. Endlich lasse ich eine Saugeplatte mit 4 bis 6 neben¬ 
einander stehenden Zähnen graviren. Beim Feilen und Graviren 
der Zähne in diese Wallrossstücke lässt sich nach meiner Mei¬ 
nung der Zahnbogen und die Lage der Zähne zu einander sehr 


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der Zahnheilkunde. 


329 


leicht erklären. — „Hier führe ich Ihnen einige von Studenten 
in letzter Zeit bei mir hergestellte derartige Arbeiten vor.“ 

Sind die Wallrossarbeiten und mit ihnen der Gebrauch von 
Säge, Feile und Stichel überwunden, so gehe ich zu Metall* 
arbeiten, und zwar von Messing, über, damit der Student auch 
noch Zange und Löthrohr kennen lernt. Zuerst lasse ich hier 
Verbindungen von ganz dünnem, runden, dann stärkerem und end¬ 
lich von ganz starkem halbrunden Drahte hinter die Zähne und 
theilweise um die Zähne biegen. Um dem Studenten die Arbeit 
zunächst zu erleichtern, zeichne ich die Lage solcher Verbindungen 
mit Blei auf dem Modelle vor. Ist endlich eine Verbindung gelungen, 
so lasse ich daran ein ein- oder zweizähniges Stück in der Weise 
herstellen, dass an den Verbindungsdraht Platten für die fehlen¬ 
den Zähne gefeilt, gebunden und gelöthet werden. Hiernach 
werden Stanzen vom Studenten gegossen, die Arbeit gestanzt und 
nun mehrere Klammern dazu gebogen, gefeilt, angegipst und an- 
gelöthet. Als Klammern lasse ich breite Klammern aus starkem 
Bleche für grosse Backenzähne herstellen, dann ebensolche für 
kleine Backenzähne, welche vorn, dem Zahnfleischrande, der 
Lippe entsprechend, zu einem schön federnden dünnem Drahte 
ausgefeilt sein sollen, und endlich lasse ich für die Vorder¬ 
zähne Drahtklammern herstellen, wenn der. Zahnkörper zu nie¬ 
drig zu breiten Klammern ist. Wenn möglich lasse ich von allen 
drei Arten zu einem Stücke verwenden. Hat der Student erst 
den Anfang der Metallarbeiten überwunden, so lasse ich zu¬ 
nächst die verschiedensten Variationen in Drahtverbindungen aus¬ 
führen. Dies giebt bei den verschiedenen derartigen Arbeiten Ge¬ 
legenheit, über zweckmässige Befestigung durch Klammern zu spre¬ 
chen und allgemeine Hegeln, sowohl in Bezug auf Vertheilung 
der drei festen Punkte, wie in Bezug auf die Güte der als Stütz¬ 
punkte dienenden Zähne aufzustellen. 

Glaube ich aus dem betreffenden Studenten so viel Geschick 
im Drahtbiegen herausgefördert zu haben, als vermöge seiner An¬ 
lage möglich war, so lasse ich von ihm Metallplatten stanzen. 
Diese lasse ich zunächst mit Klammern verbinden, lasse dann so¬ 
genannte Flügelplatten herstellen, welche den Halt an Vorsprüngen 
des Kiefers finden, und endlich lasse ich Saugeplatten arbeiten. 
Selbstverständlich wird die Zahl der dicht nebeneinander stehenden 

23* 


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330 


Sauer: Die praktische Ausbildung der Studenten 


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Zähne eine immer grössere, bis der Betreffende ein vollständiges 
Oberstück ausgeführt bat, and ebenso ist es selbstverständlich, 
dass der Student nie ohne Biss arbeitet. Als Zähne werden so¬ 
wohl halbe, als Röhren-, als Zahnfleisch-Zähne verarbeitet. Später 
müssen Unterstücke, und zuletzt muss ein ganzes Gebiss mit Fe¬ 
dern und Trägern gemacht werden. Vor den Arbeiten im Munde 
stellen sich die jungen Leute auch ihre Abdruckscüvetten her. 

Hier gebe ich Ihnen von Studenten hergestellte Metallarbeiten 
herum. 

An diesen Arbeiten sind manche Klammern und andere Dinge 
überflüssig und nur zur Uebung. Die jungen Leute, welche die 
Arbeiten herstellten, wissen dies sehr wohl. 

Endlich muss der Student auch seine Legirungen in zwölf- 
löthigem Silber herstellen, sie schmelzen und zu Blech und 
Draht und dann zu zahntechnischen Zwecken verarbeiten. Sil- 
berloth lasse ich sofort von den Studenten selbst herstellen, sowie 
sie mit Metallarbeiten anfangen. Hat der Student Uebung in 
Metallarbeiten, so lasse ich zwischen denselben ab und zu eine 
Kautschukarbeit resp. eine Celluloid-Arbeit von ihm ausführen. 
Ich lasse dies absichtlich nicht eher thun, weil ich aus Erfahrung 
weiss, die jungen Leute bilden sich sonst ein, mit der Herstellung 
einiger Stücke mit künstlichen Zähnen sei ihre technische Aus¬ 
bildung hinreichend, während sie noch durchaus ungenügend ist. 
Die jungen Leute dagegen, die erst in Metall gearbeitet haben, 
sind hierin sehr viel besser daran, sie führen sehr leicht die 
schwierigsten Kautschukarbeiten schön aus. Ich befinde mich 
hierin im Gegensätze zu dem Dr. Bau me’sehen Lehrbuche. 
Endlich lasse ich noch bei Gebissen Metall mit Kautschuk ver¬ 
binden und dann in Metall Röhren, Schrauben und Muttern her¬ 
stellen. — Wie in Messing und Silber und zuletzt in Gold, muss 
der junge Mann auch in Stahl arbeiten lernen. Er muss einen ge¬ 
wöhnlichen Bohrer, einen Gewindbohrer, einen Excavator und eine 
Fraise u. s. w. sowohl herzustellen, als auch zu härten verstehen. 

Hat der junge Mann die verschiedensten Metallarbeiten her¬ 
gestellt, so sorge ich, dass er Gelegenheit findet, für einen erst 
weniger, dann mehr zahnlosen Mund eine technische Arbeit aus¬ 
zuführen. Von Gypsmodellen hat er schon Abdrücke genommen, 
es kommt also jetzt darauf an, dies vom Munde zu thun, nach- 


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der Zahnheilkunde. 


331 


dem ich für ihn oder mit ihm die Präparation desselben vor¬ 
genommen habe. Dabei bespreche ich mit ihm die in dem be¬ 
treffenden Falle zweckmässigste Anlage der technischen Arbeit, 
ob sie in Gold oder Kautschuk, ob sie in Gold mit Kautschuk, 
oder ob sie mit oder ohne Klammern am besten hergestellt wird, 
und wie weit der Biss zu berücksichtigen ist. 

Hat der Student einige Uebung im Arbeiten im Munde mit 
dem Herstellen künstlicher Zähne erlangt, so lasse ich von ihm 
Zähne füllen, erst im Schraubstock, dann am Phantom und end¬ 
lich im Munde. Hier werden zunächst einige Amalgam-, Cement- 
und HilPs Stopping-Füllungen gemacht und dabei die Cautelefi 
dafür besprochen. Dann werden möglichst nur Füllungen aus 
Zinnfolie und endlich aus Goldfolie hergestellt und dem Studenten 
dabei unter meiner Leitung die Aufgabe zugewiesen, nicht nur 
die eine oder die zwei gewünschten Füllungen zu machen, son¬ 
dern den Mund, an dem gearbeitet wird, in einen für den 
Patienten durchaus vortheilhaften umzustalten. Beim Arbeiten im 
Munde, namentlich beim Goldfüllen, ist wiederum derjenige mit 
grösserer Geschicklichkeit begabt, der vorher im Atelier viel in 
Metall gearbeitet hat. Hat der Student in dieser Zeit schon in einer 
chirurgischen Klinik Zähne gezogen, so muss er für die Entfer¬ 
nung schlechter Wurzeln und solcher Zähne sorgen, die unmög¬ 
lich zu füllen sind, soweit dies die Patienten gestatten. Zähne 
mit erkrankten Pulpen werden behandelt und interimistisch mit 
Cement oder Amalgam gefüllt, andere empfindliche Zähne werden 
nur mittelst Cementfüllung behandelt, je nachdem es erforderlich 
scheint. Die nur von. Caries ergriffenen Zähne dagegen werden 
mit Folie gefüllt, wenn die Caries sich schon zu einer Höhle aus¬ 
arbeiten lässt. Ist dies noch nicht der Fall, und lässt sich die 
Caries mit dem Schmelzmesser, der Feile und Schleif- und Polir- 
mitteln beseitigen, so geschieht auch dies. Alle diese Arbeiten 
werden nur mit der Hand, ohne Maschine zunächst, ausgeführt. 
Selbstverständlich wird auch auf Krankheiten der Mundschleim¬ 
haut hingewiesen. Weiter wird der Student angewiesen, den Er¬ 
satz mittelst Obturatoren u. s. w. herzustellen, sowie Richtemaschi¬ 
nen, neuerdings auch nach Farrar, auszuführen und Verbände 
bei Kieferbrüchen zu machen, soweit dies in einer Privatpraxis 
möglich ist. Als eine eigenthümliche Errungenschaft präsentire 


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332 Sauer: Die praktische Ausbildung der Studenten u. s. w. 


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ich Ihnen hier einen vom Studiosus Walkhoff hergestellten 
Gipsabguss von dem Gesichte eines Menschen, der ein anermit¬ 
teltes Leiden des Trigeminus hat und dessen Knochen- und Muskel¬ 
bildung einseitig (links) zurückgeblieben ist. Die Empfindlichkeit 
ist in den mangelhaft ausgebildeten Partieen vorhanden. Beim 
Unterrichte im Plombiren lasse ich von den Studenten Kupfer-, 
Gold-Amalgam und Cement selbst herstell en, um auch hierzu 
Anregung zu geben. 

Die Art, wie ich die praktische Ausbildung der jungen Zahn¬ 
ärzte leite, habe ich deshalb eingerichtet, um den jungen Leuten 
die Möglichkeit zu geben, sich in den zahnärztlichen Kliniken, 
resp. selbst als Assistenten bei Collegen sofort zurecht zu finden, 
und ich glaube, es ist mir bei denen gelungen, die sich lange 
genug meiner Führung anvertraut haben. Selbstverständlich ist 
solche Ausbildung nicht in einem halben Jahre erreicht, wie das 
Gesetz dies jetzt für die Technik nur beansprucht. Mir ist es 
bis jetzt noch nicht gelungen, einen jungen Mann in einem 
Jahre vollkommen technisch auszubilden. Der Lehrgang, wie 
ich ihn eben geschildert habe, erfordert mindestens 

erstens: ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Studium, und 
zweitens: ein fleissiges, unausgesetztes Benutzen jeder freien 
Zeit zu praktischen Zwecken während der ganzen zwei 
Jahre des Studiums. 

Hat der junge Zahnarzt sein Examen bestanden, so rathe 
ich ihm, zunächst auf mindestens ein Jahr eine Stellung als Tech¬ 
niker, besonders für Metallarbeiten, anzunehmen, und dann ein 
oder zwei Jahre als Assistent zu prakticiren, ehe er in die eigene 
Praxis geht. 

Ihnen, sehr verehrte Collegen, habe ich dieses Bild vor¬ 
geführt, um von Ihnen zu hören, ob und was in diesem Rahmen 
noch zu ändern, resp. zu bessern wäre. 


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Schneider: Die Anwendung des Arsen in der Praxis. 333 


II. Die Anwendung des Arsen in der zahn¬ 
ärztlichen Praxis. 

Yon 

Fr. Schneider. 


Das von mir selbst gewählte Thema zu einem Yortrage ist 
schon verschiedene Male öffentlichen Besprechungen unterworfen 
worden. Wenn ich es dennoch wage, dasselbe eingehender an 
dieser Stelle zu behandeln, so seien Sie überzeugt, dass ich nicht 
versuchen werde, Sie mit einem literarischen Ueberblicke und mit 
Wiederholungen aus Journalen zu belästigen, sondern dass ich 
versuchen werde, Ihnen in gedrängter Kürze meine Ansichten mit- 
zutheilen. Wenn ich im weiteren Verlaufe gegen diese und jene 
Einführungen einige Worte anzuführen habe, so halten Sie diese 
nur für das, als was ich sie biete, als persönliche Anschauungen. 
Wenn ich ferner, gestützt auf vielfache Versuche, diese und jene 
Modification zu empfehlen wage, so sei gleich hier erwähnt, 
dass die zu machenden Vorschläge nicht in das Reich der apo¬ 
diktischen Gewissheit gehören sollen, wohl aber, dass sie unter 
Umständen vielleicht beachtenswert und oft nützlich für unsere 
Patienten sind. 

Nach dieser kurzen Abschweifung übergehend zum speciellen 
Theile, werde ich, um den gerechten Wünschen des geehrten Vor¬ 
standes zu entsprechen und möglichste Kürze beobachten zu können, 
das Ganze in Form bestimmt aufgestellter Fragen zu bearbeiten 
suchen. 

Die nächste und natürlichste Frage wäre wohl die: 

Ist die Anwendung der arsenigen Säure wirklich 
nothwendig in der zahnärztlichen Praxis? 

Meine Herren! Wenn wir hier auch Alle mit einem im¬ 
bedingten Ja sofort antworten können, so wird jeder schon länger 
beschäftigte College vielleicht mit mir darin übereinstimmen, dass 
dieses Ja nur bedingungsweise gelten kann. 


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334 


Schneider: Die Anwendung des Arsen 


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Nicht leicht werden wir in unserm Arzneischatze ein Medi- 
cament finden, welches so vielfach angewandt, und welches bei 
richtiger Anwendung eine derartig erfolgreiche Wirkung aufzu¬ 
weisen hat, dass wir es in Wirklichkeit als Specificum betrachten 
können, und doch ist gerade die allzu vielfache Anwendung, die 
sich wohl schon Mancher von uns hat zü Schulden kommen lassen, 
der Punkt, der mich zum obigen bedingungsweisen Ja bestimmt 
hat. Dieses näher zu erläutern, geschieht wohl am besten durch 
einen Rückblick in die Praxis des jungen Anfängers, und natür¬ 
lich spreche ich dann am besten von meiner eigenen Sturm- und 
Drangperiode. 

Das alte gute Sprüchwort, Uebung erst macht den Meister, 
illustrirt am besten der Zahnarzt. Nicht jeden Zahn getraut sich 
der junge Praktiker mit gleicher Geschicklichkeit, cito, tuto et 
jucunde, herauszuziehen, den, seiner inneren Ueberzeugung nach, 
da an eine erfolgreiche Erhaltung nicht mehr zu denken ist, zu 
entfernen nothwendig ist. In dem einen Falle ist es vielleicht 
ein seiner Krone beraubter und schwer zu fassender Zahn, oder 
es ist ein furchtsamer Patient, der durch andauernde Klagen die 
Geduld des Arztes erschöpft, oder noch mehr, es ist ein Kund¬ 
schaftspatient, bei dem ein Misslingen doppelt unangenehm sein 
würde, und ruhig greift er zur Aetzpasta, um die blossliegende 
Pulpa, zuweilen freilich erst nach sehr heftigen Schmerzen, zu 
tödten und so seinen Patienten auf unblutige Weise von seinen 
Schmerzen zu befreien. Diese Anwendung und Wirkung der Pasta 
ist allmälig so zur Kenntniss des Publicums gekommen, dass nicht 
gerade sehr selten furchtsame Patienten gleich bei ihrem Eintritt 
erklären, von heftigen Zahnschmerzen gepeinigt, wünschten sie 
den Nerv getödtet zu haben; oder mehr noch, dass solche Kranke 
Mittelspersonen senden und solch ein Medicament zum Nervtödten 
käuflich erwerben wollen. Und wie viele Mühe macht es oft, 
den erst genannten Patienten, bei dem die Extraction aus diesen 
und jenen Gründen dringend geboten ist, zu derselben zu be¬ 
wegen oder letzteren zu einer Mundinspection zu bestimmen. 

Was gewinnen wir aber durch häufiges Gewähren solcher 
Bitten. Persönlich zunächst anscheinend sehr viel, denn der Kranke 
ist nach überstandenen Schmerzen ganz erfreut, ohne Opfer seines 
Zahnes, d. h. vorwiegend ohne die gefürchtete Extraction von 


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in der zahnärztlichen Praxis. 


335 


seinen Schmerzen befreit zu sein, und lobsingend und empfehlend 
wirkt er für seinen Erlöser. Warum aber, meine Herren, könnte 
man fragen, bei solch günstigem Ausgange obigen Zweifel, und 
da möchte ich anknüpfen an einen alten Ausspruch, der da heisst: 
nemo ante obitum beatus dici potest, absehend von der immerhin 
geringen Menge der mit Erfolg damit zu behandelnden Zähne, 
was geschieht mit denen, die wir zu den unheilbaren zählen, oder 
im anderen Falle, wenn der Patient nicht weitere Mittel besitzt 
oder anwenden will, eine fernere Behandlung vornehmen zu lassen? 
Ruhig trägt derselbe also seinen lege artis devitalisirten Zahn im 
Munde, ohne zu ahnen oder ohne es zu glauben, dass dieser nun 
der Träger der Stoffe ist, die auf die Nachbarn übergehend, die¬ 
selben in Mitleidenschaft ziehen, bis auch sie, mehr oder weniger 
zerstört, durch periodisch auftretende Schmerzen unliebsam an ihre 
Existenz erinnern. Wie mancher Patient wieder fällt aus der Scylla 
in die Charybdis, der, den wiederholten, vielleicht auch zu weiten 
Weg zum Zahnarzt fürchtend, seinen Verband und ungeöffnete 
Pulpahöhle weiter trägt. Früher oder später wird er durch 
wiederholt auftretende Schmerzen an den unangenehmen Gast 
auf’s Neue erinnert. Jetzt ist es nicht die Kälte oder Wärme, die 
solche erzeugen, sondern nur letztere, während anfänglich die 
erstere sogar Linderung verschafft. Höher und höher steigt der 
Zahn aus seiner Alveole, heftiger, und heftiger wird jetzt der 
Schmerz, und nun endlich erreicht ihn das Schicksal, das ihm be- 
schieden. Jetzt wird das gethan, was schon vorher nothwendig, 
jetzt wird er entfernt. Der pathologische Vorgang in diesem Falle 
ist wohl allgemein bekannt, nicht die längere Anwesenheit der 
Säure in der cariösen Höhle, nicht das Ueberquellen derselben 
beim Einlegen und Einlagerung zwischen Zahnfleisch und Alveole 
bedingen diese Erscheinungen, sondern die Zersetzung der devita¬ 
lisirten Pulpa, zunächst wohl Blutansammlung an der Wurzelspitze 
und dadurch erzeugter Druck auf das Periost, spätere Gasbil¬ 
dung u. s. w. 

Aus dem Gesagten geht also für Frage 1) die Antwort her¬ 
vor, die Anwendung des Arsen ist zulässig, sogar geboten, wenn 
der erkrankte Zahn überhaupt noch Aussicht auf Erhaltung durch 
geeignete Behandlung hat, sonst aber schliesse ich mich der von 
College Schreiter im engeren Vereine schon ausgesprochenen 


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Schneider: Die Anwendung des Arsen 


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Ansicht an, stets da, wo es irgend möglich, die Extraction vorzu¬ 
schlagen und auszufahren. 

Hieran anknüpfend komme ich zu Frage 2): 

Ist die genannte Paste in ihrer Zusammensetzung 
stets unschädlich u. s. w.? 

Bevor ich zu der Beantwortung dieser Frage, zu der wir ja 
wieder ein Stück Praxis benutzen müssen, übergehe, muss ich 
doch auf einige Augenblicke abschweifen, um auf eine Unsitte, 
einen Missbrauch aufmerksam zu machen, der schon längst auf 
das Ernsteste hätte gerügt werden sollen. 

Wir Alle wissen, dass, wie schon der Todtenkopf auf unserer 
Pastenbüchse beweist, dieselbe ein sehr stark wirkendes Gift ist, 
das dem Handverkauf entzogen ist, also nur gegen Recept oder 
Giftschein zu erlangen. Ich habe nun absichtlich oben gesagt: in 
ihrer Zusammensetzung, um daran anzuschliessen an den Verkauf 
dieser Paste durch unsere Geschäftshäuser. Wir können nicht ver¬ 
kennen, dass wir denselben oft vielen Dank schulden. Unverdrossen 
beladen die Reisenden ihre Koffer mit allem Möglichen und Un¬ 
möglichen und erleichtern uns durch directe Abgabe den Kauf 
unserer gebrauchten Artikel. Aber wie Alles eine Grenze hat, so 
sollte auch hier die richtige gefunden werden; an und für sich 
schon ist der Verkauf von Medicamenten — und was ist Carbol- 
säure, Thymol, Arsenpaste u. s. w. anderes — gesetzlich verboten, 
mehr aber noch Medicamente wie diese, von giftiger Natur. 

Mich lediglich auf den Verkauf dieser Paste an Zahnärzte 
beschränkend, finde ich denselben, abgesehen von der Gesetz¬ 
widrigkeit, nicht nur für überflüssig, sondern sogar gefährlich, 
denn diese Paste wird ja möglicher Weise zunächst von einem 
Collegen angefertigt und, selbstredend ohne Angabe ihrer Zusam¬ 
mensetzung, an uns zu verkaufen versucht. Wir sollen und dürfen 
aber Giftstoffe in solcher Weise nicht verwenden. Bei denjenigen 
Pasten, die wir selbst fertigen oder nach Recept anfertigen 
lassen, wissen wir genau, wie viel Ars., Creos. und wie viel Binde¬ 
mittel wir haben, um den Arsengehalt der einzelnen Paste 
wenigstens beurtheilen zu können; wir sind dann, selbst bei einem 
zufällig eintretenden unglücklichen Ereignisse im Stande, auch vor 
Gericht bestehen zu können. Sollte unsere Rechtfertigung nicht 
viel schwieriger werden bei Anwendung solcher Pasten, deren 


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in der zahnärztlichen Praxis. 


337 


genaue Zusammensetzung wir nicht kennen. Dadurch komme ich 
direct zu Frage 2): 

Kann denn diese Paste schädlichen Einfluss auf 
den Organismus haben? Nur wenige Fälle von Erkrankungen 
sind uns durch die Literatur bekannt, einmal war es wohl in 
Berlin, dass durch Einlegen von fünf Pasten zugleich eine Into- 
xication eintrat. Die beste Antwort finden wir durch uns selbst, 
wenn wir in unsere Praxis zurückblicken und uns unparteiisch 
der einzelnen vorhandenen Symptome hier und da erinnern. Oder 
sollte es Keinem von Ihnen passirt sein, dass einzelne Patienten 
nach Anwendung der Paste über Leibschmerzen, Durchfall, event. 
Brechreiz geklagt hätten? Ich, meine Herren, habe solche Fälle 
zu verzeichnen, ja ich bin sogar in der Lage, Ihnen einen Fall 
mitzutheilen, der mir einige Stunden grosse Sorge gemacht, der mir 
aber in dieser drastischen Art bis heute noch unerklärlich ist. 

Es sind ungefähr zwei Jahre, als eines Nachmittags in 
der Stunde von 4 — 5 der Herr Regierungsrath v. Blöd au (ich 
nenne offen den Namen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, sich 
näher zu informiren) zu mir kam, über die unerträglichsten 
Zahnschmerzen klagend und natürlich Hilfe verlangend. Die 
Untersuchung ergab eine blossliegende, entzündliche, schon mehr¬ 
mals verletzte Pulpa im zweiten oberen Molar. Leider liess 
ich mich, durch unliebsame Erfahrungen, die ich an demselben 
Patienten bei einer früher versuchten Extraction gemacht, be¬ 
stimmen, eine solche abzulehnen und die Aetzpaste vorzuschlagen; 
dieselbe wurde gemacht, die cariöse Höhle mit Sandaraclösung 
geschlossen, und vergnügt ging Patient, da die Schmerzen sofort 
nachliessen, in sein gewohntes Erholungslocal. Doch wie gross war 
mein Schrecken am andern Morgen, als ich gegen 6 Uhr zu ge¬ 
nanntem Herrn eiligst gerufen wurde und denselben bleich, mit 
abwechselnden Ohnmächten und wiederholtem Erbrechen vorfand. 
Hier war eine Diagnose nicht schwierig, da nur zwei Möglichkeiten 
Vorlagen: Idiosynkrasien gegen Creosot oder Arsenvergiftung. 
Erstere war kaum anzunehmen, da durch sie solche drastische 
Erscheinungen nicht leicht eintreten konnten; ausserdem lehrte 
auch der Erfolg, dass die Behandlung als Vergiftung durch 
Arsensäure die richtige war. Da in unseren Fachbüchern bis 
jetzt wenig über Arsenantidot zu finden, so benutze ich gleich 


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Schneider: Die Anwendung des Arsen 


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hier die Gelegenheit, um diesen Gegenstand etwas eingehender zu 
behandeln. Yon meinem Patienten eilte ich in die naheliegende 
Apotheke und liess sofort nachstehende Medicin anfertigen. 

Rp. Liq. ferr. sulf. oxyd. 60,o. — Aq. com. frig. 120,0. 

Rp. Magn. ust. 7. — Aq. com. frig. 60,o. 

Beide wurden erst in der Krankenstube mit 3—4 maligen 
Pausen zusammengeschüttet und dann zunächst alle zehn Minuten, 
später in grösseren Intervallen ein Esslöffel gegeben, und so merk¬ 
würdig rasch war der Einfluss dieser Medicamente, dass am Nach¬ 
mittage schon jede weitere Behandlung eingestellt werden konnte. 
Nach der Ursache dieser Erkrankung forschend, fand ich zu 
meinem Erstaunen den Verband noch dicht im Zahne, statt dass 
er, wie ich zuerst gefürchtet, mit der Säure verschluckt war. Die 
Erklärung für diese Intoxication, und eine solche war es, ist kaum 
zu finden, wenn wir nicht annehmen wollen, dass eine Resorption 
durch die Pulpa stattgefunden oder durch schlechten Verschluss 
die Paste in den Digestionsapparat gekommen. 

Wie schon vorhin gesagt, führt mich dieser Fall zu meiner 
dritten Frage: 

Welche Antidota haben wir bei Arsenvergiftungeu, 
und wie wirken dieselben? 

Wie die Erfahrung die beste Lehrmeisterin ist, und wie die¬ 
selbe in den meisten Fällen uns zu weiteren Forschungen anspornt, 
so hat auch hier die Wissenschaft uns erst mit der Zeit befrie¬ 
digende Resultate geschaffen. Vor circa 200 Jahren wurde von den 
Aerzten als Arsenantidot Eisendinte empfohlen, und erst etwa vor 
40 Jahren waren es Berthold und Bunsen, die sich das 
grosse Verdienst erwarben, die antidotarische Wirkung des frisch¬ 
gefällten Eisenoxydhydrates bei solchen Vergiftungen zu erkennen 
und zu constatiren. Daraufhin musste das mittelst Aetzammoniak 
frisch gefällte Eisenoxydhydrat unter Wasser in den Apotheken 
vorräthig gehalten werden, jedoch stellte sich nach einiger Zeit 
der Aufbewahrung eine physikalische Veränderung des Präparates 
und damit ein Verlust von antidotarischer Wirkung heraus, des¬ 
halb wurde später die Fällung durch Mischung von 30 Theilen 
Eisenchloridflüssigkeiten, verdünnt mit 130 Theilen Wasser und 
7 Theilen Magnesia usta mit 133 Theilen Wasser angemengt, 
vor der Dispensation oder ex tempore vorgenommen. 


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in der zahnärztlichen Praxis. 


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Von den Eisenoxydhydraten giebt es, abgesehen von den 
Zwischenstufen, drei, welche sich physikalisch, zum Theil aber 
auch chemisch von einander unterscheiden. Yon ihnen zeichnet sich 
das braune oder amorphe Oxydhydrat Fe 2 0 3 3H0 dadurch aus, 
dass es schnell und leicht mit verdünnten oder schwachen Säuren 
Verbindungen eingeht; zugleich hat es auch die Eigenschaft, leicht 
in das braunrothe oder metamorphe Fe 2 0 3 2HO, welches sich 
schon schwieriger mit den Säuren verbindet, überzugehen. Dieser 
Uebergang in den metamorphen Zustand wird theils durch längeres 
Auf bewahren, theils durch Wärme, welche selbst nicht weit über 
die mittlere Temperatur hinausgeht, sehr befördert, und endlich 
ist das durch Wärme in den krystallinischen Zustand übergegangene 
Eisenoxyd Fe 2 0 3 H0 der Verwandschaft zu Säuren fast bar. Bei 
der Darstellung des Arsenantidots, das nothwendig die Eigenschaft 
haben muss, schnell die Säuren des Arsen zu binden, liegt die 
Erreichung des amorphen Eisenoxydhydrates in erster Linie, und 
dies geschieht dadurch, dass man die kalte verdünnte Eisensalz¬ 
lösung mit der kalten dünnen Magnesiaflüssigkeit mischt, und ist 
bei der Darstellung vorzüglich darauf zu achten, dass kalte, noch 
unter 15° stehende Flüssigkeiten anzuwenden sind, und dann 
darf, wie schon oben bemerkt, das Zusammenschütten beider 
Medicamente nicht auf einmal, sondern mit 3—4maligen Unter¬ 
brechungen geschehen, das Ganze selbst ist wiederum sofort in 
kaltes Wasser zu stellen, um einer Erwärmung über 25° vor¬ 
zubeugen. 

Mischt man das Ganze mit der von der Pharmakopöe vor¬ 
geschriebenen Temperaturflüssigkeit, 17,5°, so entwickelt sich eine 
Verbindungswärme von circa 10°, die Arznei erreicht also die 
Temperatur von nahezu 28°, hinreichend hoch genug, um den 
Uebergang des Fe 2 0 3 3H0 in Fe. 2 0 3 2H0 zu unterstützen, wo¬ 
durch wir nun eine Mischung von amorphem und metamorphem 
Eisenoxydhydrat erhalten, die zwar immer noch im Stande ist, 
Säuren zu binden, jedoch in viel geringem Grade. 

Neben dieser schon längst erwähnten unangenehmen Eigen¬ 
schaft unserer Paste, begegnen wir freilich noch sehr häufig einer 
zweiten, die wir oft bei der grössten Sorgfalt, bei der zartesten 
Behandlung nicht vermeiden können. Ich meine den oft auftretenden 
unerträglichen Schmerz, der nicht selten den Patienten zum Zahn- 


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Schneider: Die Anwendung des Arsen 


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arzte zurücktreibt, tun sich jetzt durch Extraction rasch von seinem 
Uebel erlösen zu lassen. 

Um nun diesen beiden Uebeln zu begegnen, müssen wir zu¬ 
nächst unsere Pasta näher betrachten. Dieselbe also, bestehend 
aus arseniger Säure, Creosot und Morphium zu gleichen Theilen, 
verdankt ihre devitalisirende Eigenschaft hauptsächlich der ar- 
senigen Säure. Sie ist es, welche zunächst Entzündung und An¬ 
ätzung durch ihre rasche Verbindung mit den Eiweissstoffen der 
Gewebe (darauf basirt ja auch die Anwendung derselben oder der 
Arsenite zum Conserviren von Thiertheilen, um sie gegen Fäulniss 
zu schützen), verursacht. 100 Gr. Eiweiss verbindet sich circa mit 
1,25 arseniger Säure. Eine derartig gebundene Eiweisssubstanz hat 
den Charakter der Unverweslichkeit oder Unfähigkeit zu faulen, 
erhalten, und darauf beruht die Anwendung in unserer Praxis. Die 
erhaltene Verbindung ist des Stoffwechsels unfähig, also leblos ge¬ 
worden. 

Wir wissen aber auch, dass obige Erscheinungen der Intoxi- 
cation durch die Anwesenheit der Säure bedingt werden, und es 
wäre die nächste Aufgabe, ein Präparat zu finden, das diesen 
Uebelstand vermeiden lässt. Schon früher wurde deshalb der Vor¬ 
schlag gemacht, eine Arsenverbindung zu verwenden. In der Natur 
finden wir zwei derartige Verbindungen, und zwar dreifach Schwefel¬ 
arsen oder Auripigment, Opperment und fünffach Schwefelarsen oder 
Realgar, und gerade auf erstere Verbindung wurde früher schon 
wiederholt aufmerksam gemacht und ihre Anwendung empfohlen. 
Dieses Auripigment, das wir in der Natur in glänzenden, blättrigen 
leicht spaltbaren Massen von sehr schöner gelber Farbe finden, 
wird künstlich hergestellt durch Einwirkung von Schwefelwasser¬ 
stoff auf eine angesäuerte Lösung der arsenigen Säure u. s. w. 
In Wasser, Weingeist und oßicineller Salzsäure unlöslich, ist es 
in reinem Zustande wenig giftig und nur, wenn es ganz fein ver¬ 
theilt in grösserer Menge dem Organismus einverleibt wird. Leider 
wird diese wenig giftige Wirkung bedeutend vermehrt durch An¬ 
wesenheit von mehr oder minder arseniger Säure. So finden wir 
in dem in der Natur gefundenen Arsentrisulfid dasselbe durch¬ 
zogen von weissen Streifen, welche eben durch die anwesende 
Säure gebildet werden. 

Um nun diesem Uebelstande vollkommen zu begegnen, liess 


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in der zahnärztlichen Praxis. 


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ich mir vor einigen Jahren auf. künstlichem Wege vom Apotheker 
Schwefelarsen, vollständig rein von arseniger Säure, hersteilen und 
bereitete durch Zusatz von Creosot mir eine Aetzpasta. Merkwür¬ 
diger Weise fielen meine ersten Versuche derart aus, dass ich 
freudenreich, mich beeilte, diese Pasta einigen Collegen zu über¬ 
senden; nicht nur, dass bei ihrer Anwendung ein Absterben der 
Pulpa erfolgte, sondern in allen Fällen ein solches ohne irgend 
ein Schmerzgefühl. Ein späterer Besuch bei College Schreiter 
in Chemnitz veranlasste mich, auch dort weitere Versuche machen 
zu lassen, und auch hier fielen die ersten sehr günstig aus. Leider 
musste aber in einigen anderen Fällen die Pasta wiederholt werden, 
um eine vollständige Devitalisirung zu erreichen. Meine damalige 
Ortsveränderung gestattete für die nächste Zeit nicht, weitere Ver¬ 
suche anzustellen, und so habe ich mich vorläufig damit begnügt, 
diese Pasta dort in der Kinderpraxis, wo eine Aetzung verlangt wurde, 
anzuwenden. Ich hoffe auch noch mit der Zeit dahin zu kommen, 
einen ausgedehnteren Gebrauch von ihr machen zu können. 

Zurückkehrend nun zu der ersten Pasta, begegnete ich sehr 
häufig wieder dem schon so oft erwähnten Uebelstande: Absterben 
der Pulpa oft unter den heftigsten Schmerzen. Schon seit langer 
Zeit wurde unserer Pasta deshalb das Morphium zugesetzt. Die 
meisten unserer Collegen sind aber zu der Einsicht gekommen, 
dass dieser Zusatz die Pasta eigentlich nutzlos vertheuert. Das 
Morphium selbst ist dasjenige Princip des Opiums, welches die 
Sensibilität deprimirt, also eine locale Wirkung ist in unserem 
Falle nicht zu erwarten, noch weniger aber eine Depression auf 
die Sensibilität, da an eine Aufnahme desselben in das Blut kaum 
zu denken ist. 

Um nun ein geeignetes Ersatzmedicament für das Morphium 
zu finden, war es nothwendig, die Wirkung der arsenigen Säure 
noch specieller ins Auge zu fassen. Ich sagte schon vorher, die¬ 
selbe verbindet sich mit dem Eiweiss der Gewebe (100 Gramm mit 
IV 2 Gramm) und macht dieselbe leblos u. s. w. Ein Arsenalbu- 
minat aber existirt in Wirklichkeit nicht, und was die Unverwes- 
barkeit von Leichen angeht, wenn der Tod durch Arsen herbei¬ 
geführt worden war, so existirt dieselbe als Regel nur in der 
Tradition der Lehrbücher. Wo grössere Quantitäten Arsenik, 
z. B. im Darmkanale, liegen, wird die Fäulniss hintangehalten, 


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Schneider: Die Anwendung des Arsen 


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aber Leichen mit mässigen Gaben von Giften faulen wie die 
anderen. Die in der Literatur verzeichneten Fälle von Mumifi- 
cation solcher Leichen haben nach Prof. Bing und Schulz des¬ 
halb wenig Beweiskraft, weil die Bodenbeschaffenheit, der Zustand 
der Leichen in den Nachbargräbern u. s. w. ungenügend berück¬ 
sichtigt worden. 

Nach der Theorie genannter Autoren über Arsenwirkung be¬ 
ruht dieselbe auf der bekannten Thatsache, dass arsenige Säure 
ein kräftiges Reductionsmittel, die Arsensäure ein noch kräftigeres 
Oxydationsmittel ist. Die arsenige Säure entzieht demnach den 
Geweben Sauerstoff und wird zur Arsensäure. Die letztere wieder 
giebt Sauerstoff an das Gewebe ab und wird zur arsenigen Säure, 
und es würde demnach die Wirkung der Säure in folgenden 
Sätzen zusammenzufassen sein: 

1) Im Organismus entsteht aus arseniger Säure die Arsen¬ 

säure und aus letzterer wieder die erste. 

2) Die Umwandlung beider Säuren in einander bedingt inner¬ 

halb der sie vollziehenden Eiweissmolecüle heftiges Hin- 
und Herschwingen von Sauerstoffatomen; kaum ist das 
Sauerstoffatom fixirt, so wird es auch schon wieder los¬ 
gerissen. Dieses, je nach der vorhandenen Menge der 
Atome, ist die Ursache der giftigen oder der therapeu¬ 
tischen Wirkung des Arsen. 

Fassen wir diese Theorie näher ins Auge, so finden wir 
möglicherweise zunächst schon einen Schlüssel zu der differirenden 
Wirkung unserer bisher gebrauchten Pasta, welche bald ein Ab- 
tödten der Pulpa ohne, bald unter den heftigsten Schmerzen be¬ 
wirkt. Zu erklären wären diese Erscheinungen durch die grössere 
oder geringere Quantität der arsenigen Säure, welche bei einer 
schwachen, doch immerhin genügenden Menge derselben schmerz¬ 
los wirkt, während durch grössere Quantität eine rapide Molecular- 
bewegung eintritt, die nun eben Ursache der auftretenden Schmerzen 
sein würde. Da es nun aber unter allen Umständen schwer sein 
würde, stets die richtige Menge zu finden, so ist es nothwendig, 
dass wir statt des früher gebräuchlichen Morphiums ein Mittel 
zusetzen, welches rasch und andauernd local anästhetisch wirkt. 
Auch hier sind schon vielfache Versuche gemacht worden, und 
wenn ich Sie, meine Herren, jetzt auf ein Mittel aufmerksam 


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in der zahnärztlichen Praxis. 


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mache, welches mir in sehr vielen Fällen ein günstiges Resultat 
ergab, und nur selten, aber doch einige Male zweifelhaften Erfolg 
hatte, so glaube ich schon jetzt behaupten zn können, dass es in 
kurzer Zeit auch Ihre Zufriedenheit sich erwerben wird. Ich meine 
nämlich das in letzterer Zeit schon vielfach in der Medicin be¬ 
sprochene Jodoformium. Zum ersten Male eingehender hat Dr. 
Naumann in Leipzig (in den Schmidt’schen Jahrbüchern, 
September 1879) berichtet, und durch Herrn Professor Winter 
dem ich an dieser Stelle öffentlich meinen Dank aussprechen will, 
wurde ich in den Besitz dieser Relation gesetzt. Fs würde zu 
weit führen, wollte ich näher darauf eingehen, nur soviel will ich 
bemerken, dass aus der Relation hervorgeht, dass dem Jodoform 
in der Medicin und Chirurgie eine dauernde Stätte gebaut ist, 
und, meine Herren, ich glaube und hoffe, auch in der Zahnheil¬ 
kunde ! Aus dem Referate geht hervor, dass dem Jodoform neben 
anderen physiologischen Eigenschaften speciell die narkotische 
und anaesthetische zukommen, und zwar letztere in ziemlich hohem 
Maasse. Diese Eigenschaft, die locale Anaesthesie war es, die mich 
näher auf das Jodoform aufmerksam machten und mich bestimmten, 
unsere gewöhnliche Aetzpasta statt des gebräuchlichen Morphiums 
mit Jodoform anreiben zu lassen. An dieser Stelle sei gleich ge¬ 
sagt, dass der ziemlich unangenehme Geruch des Jodoforms durch 
Zusatz von einigen Tropfen Ol. menth. oder Bals. peruv. zu be¬ 
seitigen ist. Die mit solcher Pasta angestellten Versuche fielen in¬ 
sofern befriedigend aus, als der Schmerz sich jetzt nur noch in 
einzelnen Fällen einstellte, freilich, wo dieses dann geschah, dann 
ebenso heftig wie früher. Um nun auch dieses noch zu vermeiden, 
legte ich vor der Anwendung der Pasta ein Schwammbäuschchen, 
getränkt mit einer Lösung von Jodoform in Collodium 1:10 (in 
Chloroform soll es noch leichter löslich sein), einige Minuten in 
die cariöse Höhle u. s. w. Das Resultat, welches ich hierbei er¬ 
zielte, ist zunächst ein sehr befriedigendes für mich, und möchte 
ich Sie dringend auffordern, selbst Versuche damit anzustellen, 
dabei Sie aber bitten, zu berücksichtigen, dass Jodoform sich 
leicht zersetzt und Jod abscheidet, deshalb darf die Pasta nur in 
kleinen Mengen angesetzt oder vor dem Gebrauche erst wiederum 
mit Jodoform-Collodium angemengt werden. 

Die in der Chirurgie verwendete Lösung von Jodoform 1, 
xx. 24 


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Schneider: Die Anwendung des Arsen in der Praxis. 


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Collodium 10, 01. menth. pip. gtt. 10 wird auch in unserer Praxis 
ihren weiteren Weg als Anaestheticum finden, indem dieselbe in 
die Wunde eines extrahirten Zahnes oder bei schmerzhaftem Dentin 
angewandt, ungeheuer rasch schmerzstillend wirkt. 

Meine werthen Herren Collegen, hiermit wäre mein heutiges 
Thema erschöpft. Wenn ich Ihnen zunächst meinen Dank für Ihre 
Geduld und Aufmerksamkeit ausspreche, so möchte ich dieselben 
gleichzeitig noch für eine kurze Zeit zu dem üblichen Resumö in 
Anspruch nehmen. 

Neben der etwas längeren Abhandlung über Arsenantidot 
sind es wohl fünf Punkte, die ich Ihnen einer weiteren Be¬ 
sprechung empfehle. 

Zunächst ist es der Gebrauch, zuweilen auch Missbrauch 
unserer Pasta; ich glaube sicher, dass wir eine Beschränkung der¬ 
selben anstreben sollen, denn ebenso gut als sich Patienten beim 
Zahnersatz der Wurzelextraction und Zahnextraction mehr und 
mehr unterwerfen, ebenso leicht habe ich gefunden, ist mit der 
Zeit der Kranke zu überreden, den unheilbaren Zahn, den Träger 
fauler Stoffe, den Erreger übler Gerüche, beseitigen zu lassen. 
Auch auf Punkt 2, Ankauf der fertigen unbekannten Pasta, möchte 
ich näher aufmerksam machen, nicht dass der Handel derselben 
überhaupt gesetzlich verboten ist, das ist Sache der Verkäufer, 
wohl aber der Thatbestand, dass wir bei eventuell eintretendem 
Unglücksfall viel strafbarer sind bei Anwendung von Giften, die 
wir in ihrer Zusammensetzung nur ungenügend kennen. 

Bezüglich der Anwendung des Schwefelarsens betrachte ich 
das Thema noch nicht für abgeschlossen, seine Anwendung aber 
in der Kinderpraxis, da wo sie verlangt wird, möchte ich Ihnen 
dringend empfehlen; bei gleicher, wenn wirklich auch langsamer 
Wirkung haben wir nicht den drastischen Einfluss zu fürchten. 

Endlich Punkt 4 und 5. Anwendung des Jodoforms als 
Anaestheticum in der Aetzpasta und bei schmerzenden Wunden 
empfehle Ihrer nähern Beachtung, und soll es mich freuen, wenn 
Sie ähnliche Resultate erzielen, wie ich sie gefunden, freilich 
lassen Sie sich durch einen oder zwei Misserfolge nicht beirren, und 
halten Sie daran fest, dass ein günstiges Resultat durch vorheriges 
Einlegen von Jodoform-Collodium erzielt wird. 


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Schlenker: lieber Pulpenamputation nach Witzei. 


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III. Ueber Pulpenampntation nach Witzei. 

Von 

M. Schlenker, St, Gallen. 


In seinem Yortrage hat uns Witzei auf der Casseler Ver¬ 
sammlung 1874 wohl exponirte, cauterisirte Pulpen vorgelegt, 
welche zeigten, dass die vorsichtige, ohne tiefe Verletzung der 
Pulpa ausgeführte Aetzung mit Arsenik die Pulpa durchaus nicht 
gänzlich devitalisirt hatte, und Witzei hatte darin directe Be¬ 
weise, dass die Anwendung der Arsenpasta nicht, wie die meisten 
Zahnärzte annehmen, unbedingt den Zerfall der ganzen Pulpa zur 
Folge hat, sondern dass die Wirkung kleiner Dosen, die mit Vor¬ 
sicht auf die exponirten, nicht durch herzloses Sondiren tief ver¬ 
wundeten Pulpen aufgelegt werden, nur eine oberflächliche ist, 
besonders dann, wenn die Pulpa vor der Application des Arse¬ 
niks 5 bis 10 Minuten lang mit einer Creosottanninlösung behan¬ 
delt wird. Die Wirkung des Tannins verhindert die tiefe Ein¬ 
wirkung des Arseniks, so dass nur das Centralorgan, nicht aber 
die Wurzelstränge devitalisirt werden. 

Diese Thatsache liess in Witzel den Gedanken aufkpmmen, 
die Abstossung des nekrotischen Pulpentheiles nicht der zweifel¬ 
haften Thätigkeit der Pulpa zu überlassen, sondern dieselbe am 
darauffolgenden Tage zu amputiren, d. h. unter der entzündeten 
Stelle abzuschneiden und den gesunden Pulpastumpf wie eine 
frisch exponirte, leicht afficirte Pulpa mit Carbolcementbrei zu 
behandeln, resp. die Pulpahöhle damit auszufüllen. 

Bis dahin hatte Witzei 183 entzündete Pulpen amputirt 
und nicht einen Zahn wegen Periostitis zu extrahiren nöthig ge¬ 
habt. Witzei glaubt, auf seine klinischen Beobachtungen basi- 
rend, die consecutive Verkalkung der Pulpenwurzeln annehmen 
zu können. 

Da uns aber über' die Ausgänge einer solchen Wurzelver¬ 
heilung, d. h. über die Lebensthätigkeit der amputirten Wurzel- 
stürapfe keine directen, auf mikroskopischen Untersuchungen ge¬ 
stützten Mittheilungen gemacht wurden, so war der Redner 

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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


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folgender Ansicht: die Wnrzelstümpfe entleeren zufolge der Am¬ 
putation ihr Plasma, weshalb sie sich zurückziehen, in sich selbst 
zerfallen und infolge Application der antiseptischen Kappe mumi- 
ficiren, wie dies bei exponirten, mit Carboiverband überkappten 
Pulpen constatirt wurde. 

Zufolge dieser Annahme wurde der schon lange geübten Me¬ 
thode, die Pulpa gänzlich zu zerstören und vor dem Füllen die 
Kanäle zu desinficiren, der Vorzug gegeben. 

Doch dem Sprichwort huldigend: „Prüfe Alles und be¬ 
halte das Gute!“ wurden vom Sommer 1878 an die Pulpen¬ 
amputationen fleissig geübt und manche amputirten Pulpenstümpfe 
über kurz oder lang nach der Amputation in Bezug auf ihre 
Lebensthätigkeit untersucht. Die Resultate dieser Untersuchungen 
sollen Ihnen nun heute mitgetheilt werden-, da aber viele Col- 
legen nicht im Besitze des Witzel’schen Werkes sind, so 
dürfte es am Platze sein, der „Indication und Technik 
der Pulpenamputationen“, wie sie uns Witzei vorschreibt, 
zuerst zu gedenken und dann die „praktischen Erfahrungen“ 
in Bezug auf die Lebensthätigkeit der amputirten Wurzelstümpfe 
folgen zu lassen. 

Indication der Pulpenampntation. 

In der Praxis führt Witzei die Amputation der Pulpakronen 
bei Mahlzähnen und in seltenen Fällen, wo es die Form der 
Pulpahöhle gestattet, auch bei Bicuspidaten aus, wenn der Patient 
bei nicht eröffneter Pulpahöhle wiederholt leichte, ziehende Schmerzen 
im Zahne verspürt, die spontan eintreten, stundenlang anhalten 
und dann wieder verschwinden, oder wenn die Schmerzen bei 
nicht eröffneter Pulpahöhle, vielleicht nach einer Erkältung, zum 
ersten Male heftig auftreten, länger als 12 Stunden mit Inter¬ 
vallen mehr oder weniger stark bestanden haben, und wenn die 
partiell entzündete Pulpa nach Entfernung der erweichten Zahn¬ 
beinschicht als geschwellter, kirschrother Punkt in dem geöffneten 
Zahncavum sichtbar ist. Pulpen, welche nur irritirt, also nicht 
entzündet sind, werden überkappt-, Pulpen hingegen, welche par¬ 
tiell entzündet sind, nach vorausgegangener Phenoltanninisirung 
cauterisirt und Tags darauf amputirt und die antiseptische Kappe 
applicirt. 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 347 

In zweifelhaften Fällen, d. h. in Fällen, wo man nicht sicher 
ist, ob man es mit einer irritirten oder entzündeten Pulpa 
zu thun hat, empfiehlt Witzei folgendes Verfahren: 

„Zuerst wird die desinficirte cariöse Höhle oberflächlich von 
der erwähnten Dentinmasse befreit und die Empfindlichkeit der 
Schmelzdentingrenze mit dem Excavator geprüft. Finden wir das 
feste Zahnbein in grösseren Höhlen auch an dieser Stelle noch 
empfindlich, so kann man annehmen, dass die Pulpa noch nicht 
entzündet, sondern blos irritirt ist. Für die Prognose ist in diesem 
Falle ferner das Verhalten des Zahnes gegen Kälte von grosser 
Bedeutung. Lässt man in die Höhle einen Tropfen kaltes Wasser 
fallen, zuckt der Patient dabei schnell zusammen und klagt er 
über einen stechenden, aber schnell wieder nachlassenden Schmelz, 
der unter der Phenoleinwirkung bald ganz wieder verschwindet,*so 
kann die Erhaltung der Pulpa versucht werden. 

Tritt jedoch nach dem Einspritzen des kalten Wassers ein 
heftiger, anhaltender Schmerz ein, der selbst unter dem 
Einflüsse des Phenolverbandes nach einer halben Stunde noch nicht 
verschwunden ist, so kann man mit Sicherheit auf eine partielle 
Entzündung der Pulpa schliessen. Die Zahnbeingrenze ist in 
solchen Zähnen, da wo der entzündete Theil der Pulpa liegt, beim 
Excaviren nicht empfindlich, während in dem übrigen Theile die 
Dentinfibrillen den Reiz noch zur Pulpa fortpflanzen. 

Fühlt endlich der Patient die Kälte im Zahne gar nicht oder 
erst nach wiederholten Einspritzungen nur in geringem Maasse, 
fehlt die Empfindlichkeit an der Zahnbeingrenze ganz, so ist es 
entweder in der Nähe des cariösen Defectes zu Dentinneubildungen 
gekommen, oder man hat es mit einer zerfallenen oder verkrei- 
deten Pulpakrone zu thun, und die Endzündung sitzt tief in den 
Pulpawurzeln. 

In den beiden letzteren Fällen thut man am besten, die 
Pulpahöhle sofort durch Wegnahme der deckenden Dentinschicht 
zu eröffnen und die Pulpa selbst mit der Sonde zu untersuchen. 

Da, wo wir die Erhaltung einer stark irritirten 
Pulpa versuchen wollen, ist es nach meinen Erfah¬ 
rungen wichtig, sagt Witzei, dass die Pulpa nicht 
direct blossliegt, sondern durch die deckende Den¬ 
tinschicht hindurch mit Phenollösung behandelt und 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


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die Höhle auf* zwei Tage mit Phenolmastix geschlossen 
wird. 

Hat der Patient nach dieser Behandlung am folgenden Tage 
keine Schmerzen im Zahne mehr verspürt, so entfernen wir den 
Rest des erweichten Dentins vollständig (Witzel), desinficiren die 
blossgelegte Pulpa und überkappen sie so, wie bereits angegeben. 
Hat hingegen die Pulpa unter dem Verbände am folgenden Tage 
auch nur wenig geschmerzt, so ist es zur partiellen Pulpitis ge¬ 
kommen, und die Pulpakrone muss cauterisirt werden.“ 

Diese Indicationen sind wohl zu beherzigen, und es ist auch 
unsere erste Aufgabe, dem Zahne sein Haupternährungsorgan, wo 
immer thunlich, ganz zu erhalten. Wenn immer möglich suchen 
wir also die Pulpa zu überkappen, und erst in zweiter Linie, wenn 
die Ueberkappung gar keine Hoffnung mehr gewährt, amputiren 
wir. Ich sehe mich deshalb auch veranlasst, nochmals auf meine 
Arbeit (Historische Betrachtungen über Pulpenüber- 
kappungen von Christi Geburt bis zur gegenwärtigen 
Zeit. Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde 
1880, Seite 21 bis 24), zurückzukommen, indem ich das dort 
Gesagte nur wiederholen muss. 

In seinem Werke verbietet uns nämlich Witzei, etwas von 
dem kranken erweichten Dentin auf der Pulpa sitzen zu lassen; 
während ich dagegen protestire uDd lieber etwas erweichtes Dentin 
sitzen lasse als riskire, die Pulpa zu exponiren. Witzei stellt die 
Behauptung auf, dass die Inflammation der Pulpa durch Infection 
des putriden Dentins erzeugt werde und deshalb soll dasselbe auch 
ganz entfernt werden. Die Behauptung Witzel’s ist ganz richtig, 
allein man kann diese Putrescenz, die die Krankheit erzeugende 
Ursache, die Infusorien, mit der Witzel’schen Phenoltannin¬ 
lösung total zerstören'), was ja bei Heilung aller Krankheiten 


1) Man kann sich leicht überzeugen, wenn man eine in die Phenol¬ 
lösung getauchte Baumwollpille in die Cavität ausdrückt. Eine vorher 
ausgeschnittene Partie kranken Dentins zeigt bei 700 maliger Ver- 
grösserung das bunte Umhertreiben der „Welt im Kleinen“, während 
nach kaum einer Minute langer Einwirkung der Phenollösung unter dem 
Mikroskop Alles ruhig geworden ist, und ist dies nicht nur der Fall bei 
excavirter Cavität, sondern die Wirkung geht selbst durch eine 2—4 Mm. 
dicke Schicht erweichten Dentins. 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 349 

stets als Hauptregel gilt. Ist diese erfüllt, so heilt in den meisten 
Fällen die Krankheit so zu sagen von selbst, wovon Pulpitis 
gewiss keine Ausnahme macht. Wie oft treten nicht Pulpenent¬ 
zündungen auf, welche sich wieder zertheilen ohne irgend welche 
Behandlung, bei stets geöffneter Cavität und Zufluss von Fäulniss- 
erregem; desgleichen haben wir nicht gar selten Gelegenheit, unter 
denselben Bedingungen zu beobachten, wo nach längerer oder 
kürzerer Zeit nach Cauterisation der Pulpa dieselbe noch lebens¬ 
kräftig ist und freiliegende Pulpen oft Jahre lang trotz aller mög¬ 
lichen Insulte reagiren. Ich mache es mir stets zur Regel, nicht 
exponirte Pulpen, gleichviel ob dieselben längere oder kürzere 
Zeit schmerzten, nach vorangegangenem Auswaschen der Cavität 
mit Phenoltanninlösung sofort zu überkappen, in keinem Falle wird 
nachher das etwa sitzengelassene erweichte Dentin entfernt. Bei 
nicht entzündeten Pulpen treten in der Regel die Schmerzen nicht 
mehr auf; bei entzündeten Pulpen verlieren sie sich successive, 
und nach wenigen Tagen hören sie ganz auf; werden sie aber 
nach der Ueberkappung stärker, so ist dies ein Zeichen gesteigerter 
Inflammation, und die Amputation ist, je eher desto besser, indicirt. 


Technik der Pnlpenampntation. 

Haben wir die Ueberzeugung gewonnen, dass eine Pulpa am- 
putirt werden soll, so wird ein in Morphium-Phenol-Tannintinctur 
getränktes Schwämmchen einige Minuten in die Cavität gelegt, 
um die Schmerzhaftigkeit der Pulpa und die tiefe Einwirkung der 
Arsenpasta auf dieselbe abzustumpfen. 

Diese Tinctur besteht, wie schon ihr Name sagt, aus Phenol, 
Gerbsäure, Morphium, Weingeist, Glycerin und ätherischen Stoffen. 
Nachdem man zuvor die Pulpa mit breiten oder löffelförmigen 
Excavatoren frei gelegt hat, legt man eine in diese Flüssigkeit ge¬ 
tauchte kleine Baumwollpille auf die exponirte Pulpa und wartet so 
lange, bis die Schmerzen nachgelassen haben, was wenige Minuten 
bis eine Viertelstunde dauert. Ist die Pulpa nur partiell ent¬ 
zündet, so erscheint sie jetzt weiss und nicht zurückgezogen, wäh¬ 
rend sich eine total entzündete Pulpa ganz bedeutend contrahirt. 
In ersterem Falle wird die Phenolarsenpasta applicirt und die 
Höhle mit einem in Phenollack getauchten Wundschwamme ver- 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


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stopft. Dieser Verband bleibt 12, höchstens 24 Stunden liegen, 
während in letzterem Falle, wo die Pulpa exstirpirt wird, die 
Pasta 48 Stunden liegen bleibt. Die Morphium -Phenol-Tannin- 
tinctur bewirkt oft allein, dass die Pulpa sofort amputirt werden 
kann. Ich habe sogar schon manche Amputationen ohne jedwelche 
Vorhereitungscur gemacht; freilich muss man es in solchen Fällen 
nicht mit nervösen Patienten zu thun haben. Bei Letzteren ist 
sogar oft eine mehrmalige Application der Arsenpasta nöthig, was 
allerdings zur Folge hat, dass in den meisten Fällen die Pulpa 
exstirpirt werden muss. Bei solchen Patienten mache ich es mir 
zur Hegel, von den Amputationen ganz zu abstrahiren. Die Pulpen 
sind überhaupt sehr verschieden in ihrer Widerstandsfähigkeit 
und Reizbarkeit. 

Was die Application der Arsenpasta, welche aus Acidum 
arsenicosum 3 p., Morphium und Phenol 2 p. und Aromaticis 9,5, 
letzteres um den Phenolgeruch zu decken, besteht, anbetrifft, so 
schneidet man sich ein der exponirten Stelle der Pulpa ent¬ 
sprechend grosses Stück (besser ein Wenig grösser) Schwamm 
zurecht, versieht dasselbe mit einer kleinen Portion von der Arsen¬ 
pasta, bringt es auf einer Sonde und wenn nöthig mit Hilfe 
eines Spiegels in die Cavität und legt es ganz genau auf die ex- 
ponirte Stelle der Pulpa. Die Cavität wird sodann mit Mastixkitt 
verschlossen, wobei man aber Sorge trägt, dass die Arsenpasta 
auf der Pulpa liegen bleibt, insofern durch die Verschiebung un¬ 
sichere Wirkung und Schmerzen entstehen. Ist das letztere der 
Fall, so kann man sicher darauf rechnen, dass eine Verschiebung 
stattgefunden, oder dass die Pulpa mit freien Dentinoiden behaftet 
ist, und man ist genöthigt, den Verband zu entfernen und, nach¬ 
dem man die Morphium-Phenol-Tannintinctur auf eine halbe Stunde 
hat einwirken lassen, die Arsenpasta von Neuem zu appliciren. 
Soll nun die Pulpa amputirt werden, so reinigt und desinficirt 
Witzei den Zahnfleischrand zuerst, bevor er den Verband aus 
dem Zahne entfernt. Ist dies geschehen, so stopft Witzei sofort 
ein in Phenolmastix getauchtes Stückchen Schwamm in den Pulpa- 
höhlendefect und stellt die Cavität zur Aufnahme der Füllung her. 

Der Mastixpropf wird jetzt entfernt, die Dentindecke durch¬ 
brochen und die Pulpa an der Basis der Höhle, d. h. da, wo die 
Kronenpulpa in die Wurzelpulpa übergeht, abgeschnitten und sofort 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


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mit der Morphium-Phenol-Tanninlösung überschwemmt. Bei sehr 
empfindlichen Patienten applicirt Witzei in die gereinigte Cavität 
Jod-Phenollösung, wodurch nach 15 Minuten alle Empfindlichkeit 
aufgehoben wird. Zur Trockenhaltung bedient sich Witzei des 
Zungenhalters und Fliesspapiers. Zur Excavation der Cavität vor 
der Amputation pflege ich keine besondere Sorgfalt anzuwenden; 
wenn ich hingegen zur Amputation schreite, wird der Zahn mit 
Cofferdam umhüllt, um alle Zuflüsse zur Cavität total abzuhalten. 
Ist die Kronenpulpa abgeschnitten, so werden von derselben alle 
Reste entfernt und die Cavität so lange mit Morphium-Phenol- 
Tanninlösung ausgewaschen, bis die Blutung vollständig gestillt ist. 
Bevor die Blutung nicht vollkommen gestillt ist, darf die Kappe 
durchaus nicht applicirt werden. Die Pulpa geht infolge der 
Blutinfiltration in Gangrän über. Eine solche sehr stark blu¬ 
tende amputirte Pulpa sahen wir durch Witzei auf der Ver¬ 
sammlung verbinden. Ich bin überzeugt, dass dieselbe zu Grunde 
geht. Es war der erste obere rechte Molaris, und ist es bezeich¬ 
nend, dass man bei dieser Pulpa die Pulsschläge mit unbewaff¬ 
netem Auge sah. (— Schade, dass sich die amerikanischen Col- 
legen nicht davon überzeugen konnten, sie wären zur Einsicht 
gekommen, dass die Pulpen Blutgefässe besitzen. —) Ist die 
Cavität gereinigt und das noch etwa vorhandene erweichte Dentin 
ausgeschält, so wird die Cavität getrocknet, und die Wurzel¬ 
stümpfe werden mit dem sogenannten Pulpalack (eine Lösung 
von Schiessbaumwolle, Guttapercha und Colophonium mit etwas 
Phenol) betupft, dessen Aether mit dem Luftbläser vollständig 
verdunstet wird. 

Auf diese so gefirnisste Pulpa kommt dann eine dünne Schicht 
Phenolcement. Man kann den Phenolcement auf einem hierzu 
geeigneten Instrumente oder auf einer Baumwollpille einführen, 
jedenfalls wird die überschüssige Feuchtigkeit des Cementes durch 
die trockene Baumwolle oder ein Stückchen Schwamm aufgesaugt. 
Auf den Phenolcement, welcher sich nicht härtet, wird dann 
eine ebensolche Lage Chlorzinkcement von Poulson gebracht. 
Beide Lagen dürfen zusammen kaum die Stärke eines dicken 
Kartenblattes erreichen. Das wäre die sogenannte „antisep¬ 
tische Kappe“. Ist die Chlorzinklage erhärtet, so applicirt 
Witzei noch eine Guttaperchaschicht, um die Pulpenstümpfe 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzel. 




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vor thermischen Insulten zu schützen. Die Gnttaperchalage schadet 
nichts, hat aber auch nach meiner Ansicht and Erfahrung keinen 
Nutzen, insofern die antiseptische Eappe die amputirten Stümpfe 
vollkommen schützt Ich habe sie in vielen Fällen weggelassen, 
dagegen die Chlorzinkcementlage um so dicker aufgetragen und 
womöglich die Wände der Cavität damit überkleidet. Bei nahe¬ 
wohnenden Patienten fülle ich gegentheils die ganze Cavität damit 
aus, um nach Wochen, Monaten u. s. w. solche zu entfernen und 
die permanente Füllung zu appliciren. Man hat so Gelegenheit, 
sich nach der Lebensthätigkeit der Pulpastümpfe zu erkundigen. 
Desgleichen halte ich auch den Phosphatcement, welchen uns 
Witzel unter allen Umständen verbietet, für verwendbar und 
werde solches am Schlüsse folgenden Kapitels (9. Fall) beweisen. 
Ich habe ihn allerdings nur in diesem Falle angewandt, aber 
gerade in diesem einzigen Falle fand ich die amputirte Pulpe 
sechs Wochen nach der Amputation vollkommen intact. Im Uebrigen 
bin ich den Witzel’sehen Vorschriften, mit Ausnahme der Gutta¬ 
perchalage, treu geblieben; des Experimentes wegen aber werde 
ich für die Zukunft bei allen Pulpenamputationen die Phenol- 
cementlage mit der Phosphatplomhe bedecken und die Resultate 
seiner Zeit veröffentlichen. Die Arbeit selbst wird bedeutend ab¬ 
gekürzt, ein Punkt der wohl beachtet werden darf. 

Praktische Erfahrungen über Pulpenamputation. 

1 . Fall. Bei einer jungen Frau wurden der obere linke 
Eckzahn und der obere linke Centralschneidezahn 24 Stunden 
nach der Cauterisation amputirt, sofort mit der antiseptischen 
Kappe versehen und interimistisch gefüllt. Ein Jahr nachher 
wurde die permanente Füllung gemacht und die Pulpenstümpfe 
intact gefunden. 

2. Fall. Eine ebenfalls junge Frau kam erst 48 Stunden 
nach der Cauterisation. Patientin war auf Besuch hier, wes¬ 
halb die interimistische Füllung 8 Tage lang hätte liegen bleiben 
sollen. Schon am fünften Tage kam Patientin mit einer hochgradigen 
Periostitis. Nach Wegnahme des Verbandes konnte die nekro- 
tisirte obere rechte Eckzahnpulpa ohne eine Spur Blutung leicht 
mit der Extractionsnadel entfernt werden. Nach zwei Tagen 


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Schlenker: Ueber Palpenamputation nach Witzei. 353 

waren alle Entzündnngserscheinungeh verschwunden. Therapie: 
Füllung des Canalis dentalis mit Catgut und Amalgam. Erfolg 
vollkommen gut. 

3. Fall. Einer corpulenten Frau von 40 Jahren wurde die 
Pulpe des zweiten oberen linken Molaris einen Tag nach der 
Cauterisation amputirt und schliesslich mit Guttapercha provisorisch 
gefüllt. Nach vier Wochen waren die Pulpenstümpfe verschwunden. 
Einige Tage nach der Operation schmerzte der amputirte und die 
angrenzenden Zähne auf Temperatureinflüsse, welches Schmerz¬ 
gefühl nach wenigen Tagen verschwand. 

4. Fall. Einer '45 Jahre alten Frau wurden 15 Stunden 
nach der Cauterisation der untere rechte Eckzahn und der an¬ 
grenzende Bicuspidatus amputirt. Bei der Abnahme der Kappe 
nach zwölf Tagen zeigten sich beide Pulpen ausserordentlich 
empfindlich nicht nur durch Berührung eines stumpfen Instrumentes, 
sondern auch auf kaltes Wasser. Beide Pulpen wurden wieder 
sorgfältig verbunden und permanent mit Poulson’s Neu-Mineral- 
plombe gefüllt. 

5. Fall. Einem Kaufmanne von 29 Jahren wurde der einen 
Tag nach der Cauterisation amputirte obere linke erste Molaris 
drei Monate nach der Operation untersucht und die Pulpenstümpfe 
mumificirt gefunden. 

6 . Fall. Einem Fräulein von 25 Jahren, zu Rheumatis¬ 
mus acutus geneigt, wurde die oberflächlich entzündete Pulpa 
des unteren zweiten linken Bicuspidaten zwei Millimeter unter 
dem Collum amputirt und nach Stillung der Blutung sofort über¬ 
kappt und permanent mit Poulson’s Neu-Mineralplombe gefüllt. 
Während der Operation sowohl, als auch eine halbe Stunde nach¬ 
her , traten starke, sich in die Schläfengegend erstreckende 
Schmerzen der betreffenden Seite auf, welche nachher ganz ver¬ 
schwanden. Diese Patientin wurde mir behufs Application einer 
künstlichen Piöce von meinem Freunde, Wundarzt Liebermann in 
Rottweil, zugeschickt, welcher mit der operativen Zahnheilkunde 
vertraut ist und dem ich diesen Fall zur Beobachtung anempfahl. 
Bis zur Stunde bin ich ohne Bericht, was beweist, dass eine 
schmerzempfindende Reaction nicht aufgetreten. 

7. Fall. Einem 35 Jahre alten Fräulein wurde die antisep¬ 
tische Kappe und provisorische Füllung, welche einen Tag nach 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


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der Cauterisation applicirt wurde, vier Wochen nachher sorgfältig 
entfernt. Der amputirte Wurzelstumpf in dem zweiten oberen 
linken alleinstehenden Molaris hat sich um zwei Drittel zurück¬ 
gezogen, zeigt sich aber ebenso empfindlich wie eine exponirte 
Pulpa. Desgleichen hat sich derjenige des zu gleicher Zeit am- 
putirten und untersuchten oberen linken Seitenschneidezahnes bis 
in die Mitte des Wurzelkanales zurückgezogen und zeigt dieselbe 
Reaction wie der Molaris. Beide Zähne wurden von Neuem ver¬ 
bunden und mit vollkommenem Erfolge permanent mit Gold ge¬ 
füllt. Drei Wochen nach der ersten Application der antiseptischen 
Kappe traten auf Temperatureinflüsse intermittirende Schmerzen 
auf, welche aber nach vier Tagen wieder gänzlich verschwanden. 
Die zweite Application der antiseptischen Kappe hatte keine 
schmerzempfindende Reaction zur Folge. 

8 . Fall. Einer jungen Dame von 18 Jahren, mit nervösem 
Temperament, wurden der erste obere linke und der erste obere 
rechte Molaris einen Tag nach der Cauterisation amputirt. Vier 
Wochen nachher wurde durch theilweise Entfernung der provi¬ 
sorischen Füllung und Kappe zunächst der Lingualstumpf des 
rechten Molaris exponirt. Bei Berührung blutete sie ausserordent¬ 
lich stark, und die beabsichtigte Herausnahme zur mikroskopischen 
Untersuchung war der grossen Schmerzhaftigkeit wegen unmöglich. 
Eine abermalige Application der Aetzpasta zerstörte sie gänzlich, 
so dass sie Tags darauf exstirpirt und nachher der Wurzelkanal 
antiseptisch und der Zahn selbst permanent gefüllt werden konnte. 
Um die beiden Buccalwurzelstümpfe bekümmerte ich mich nicht; 
desgleichen nicht um dieselben des rechten Molaris, indem ich von 
der Lebensfähigkeit derselben überzeugt war, und füllte auf die 
erste Kappe mit vollkommenem Erfolge permanent. Die in Stücke 
zu Tage geförderte Wurzelpulpe zeigte keine Spur von Ersatz¬ 
dentin. 

Die Fälle 1—5 sind 1879, die anderen 6—8 im letzten 
Frühjahre behandelt worden. Es bleibt mir schliesslich noch 
übrig, Ihnen meine vor neun Vierteljahren unternommene erste 
und verunglückte Pulpenamputation zu demonstriren. 

9. Fall. Es betrifft den rechten, oberen, linken, allein¬ 
stehenden zweiten Molaris, seit Jahren mesialwärts mit Gold 
gefüllt. Derselbe wurde über der Füllung am Zahnfleisch 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 355 

cariös, welche Caries zur Folge hatte, dass das Zahnbein auf 
Temperatur und mechanische Einflüsse ganz besonders sensibel 
war. Nach Entfernung der defect gewordenen Füllung wurde eine 
Pasta applicirt, welche am zweiten und dritten Tage wiederholt 
werden musste, um der Pulpa mit Bohrer und Excavator auf den 
Leib rücken zu können. Die Kronenpulpa lag so tief infolge 
Ersatzdentin-Neubildung, dass beinahe die ganze Kronenpulpe 
ossificirt war. 

Am dritten Tage nun wurde die Amputation ausgeführt und 
die antiseptische Kappe ganz nach Witzel’s Vorschrift, mit Aus¬ 
nahme, dass statt Chlorzinkcement Pyrophosphatcement verwendet 
wurde, ausgeführt. Diese Pyrophosphatlage wurde nicht nur auf 
die Carbolcementlage allein aufgetragen, sondern die Wände der 
ganzen Cavität damit ausgekleidet, um die Pulpen vor eindringen¬ 
den schädlichen Säften durch das Dentin zu schützen. Erst nach 
vollen sechs Wochen fing der Zahn hei Temperatureinwirkungen 
zu schmerzen an, und bei der ohnehin grossen Neigung zu Absce- 
dirungen wurde mit der Extraction nicht mehr gesäumt. 

Die Section dieses Zahnes wurde mit der grössten Sorgfalt 
sofort unternommen, wobei sich herausstellte, dass bei der Ex- 
cavirung die neugebildete Dentinschicht nicht ganz entfernt und 
dass infolge dessen das vordere Pulpenhorn, welches mit der 
Lingualwurzel communiciren sollte, zurückblieb. Dieser Theil 
sowohl als auch die amputirte Lingualwurzelpulpa gingen in 
Gangrän über, während die Buccalgaumenwurzelpulpa, wo alle 
Reste der Kronenpulpa entfernt werden konnten, total intact ge¬ 
blieben war. Man sieht hieraus, wie nothwendig es ist, alle Reste 
der Kronenpulpa zu entfernen; denn der Misserfolg hat nur darin 
seine Ursache, weil dies nicht statthaben konnte. Man könnte 
aber auch noch geneigt sein anzunehmen, es wäre die Ursache 
in der Weglassung der Guttapercha und in der Pyrophosphatlage 
(statt Chlorzink) zu suchen. Wenn dies der Fall wäre, so hätte 
auch die Buccalwurzelpulpa sich entzünden, resp. zu Grunde gehen 
müssen. 

Fig. 1. «ist die amputirte gangränöse Wurzelpulpa, b die 
intacte Buccalwurzelpulpa. In der letzteren sieht man mehrere 
Knochenkörner, welche unzweifelhaft schon vor der Amputation 
zugegen waren. Die amputirte Pulpa selbst hat sich bedeutend 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


zurückgezogen, und man findet in dem an der Amputations¬ 
fläche zurückgezogenen Bindegewebewulst auch nicht die geringste 
Spur von irgend welcher Neubildung, resp. Ossification; ebenso 
keine Blutinfiltration und keine Thrombose. (Man könnte diesen 
Wulst in dieser photographischen Abbildung leicht als beginnende 



Fig. 1. 

Neubildung ansehen, allein es ist derselbe für das Licht undurch¬ 
dringlich; infolge dessen werden die in dem Collodium enthaltenen 
Sätze nicht in Jod- und Bromsilber umgewandelt, und weil solche 
nicht in Jod- und Bromsilber umgewandelten Stellen im Fixirbad 
aufgelöst werden, also im Negativ hell erscheinen, so müssen die¬ 
selben im positiven Bilde dunkel sich zeichnen.) 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 


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Was wird aus den amputirten und überkappten Pulpa¬ 
wurzeln? 

In seinem Werke fragt Witzei: „Was wird aus den 
amputirten und überkappten Pulpawurzeln?“ undschliesst 
diesen Passus mit folgenden Worten: „Es existirt bis jetzt 
noch keine mikroskopische Zeichnung, welche uns 
über diesen wichtigen Vorgang auch nur einigen Auf¬ 
schluss brächte. Das ist noch ein völlig dunkler Punkt 
in der Zahnheilkunde.“ 

Nach meinen Erfahrungen verhält sich diese Sache einfach so : 
Bei der amputirten und exstirpirten Kronenpulpa zieht sich die 
Wurzelpulpa nach der Ueberkappung zurück; die antiseptische Kappe' 
verhindert in den meisten Fällen jede weitere Entzündung und 
Fäulniss, wenn die entzündete Kronenpulpa richtig amputirt und 
vollständig entfernt wird. 

Dadurch, dass die Wurzelpulpa mit der antiseptischen Kappe 
gar nicht in Contact kommt, findet keine Reizung derselben mehr 
statt, und es kommt infolge dessen auch zu keiner Ossification, 
vielmehr zu einer natürlichen Wucherung von Bindegewebe. Wird 
die Blutung nach der Amputation, resp. vor der Application der 
antiseptischen Kappe nicht vollständig gestillt, so kommt es zu 
einer Blutinfiltration; und erfüllt der Phenolcement nicht seine 
genügende antiseptische Wirkung, so tritt Inflammation, Nekrose 
der Pulpa mit Ausgang in Parulis auf, oder die Wurzelpulpa 
mumificirt im günstigsten Falle, welch’ letzteres übrigens auch bei 
allen Berücksichtigungen und Vorsichtsmaassregeln, allerdings selten, 
passiren wird. Wir haben dann ähnliche Verhältnisse geschaffen, 
wie wenn der Canalis nach Exstirpation des Stumpfes antiseptisch 
gefüllt wurde. 

Empfindet der Patient während des Verbandes oder gleich 
nachher Schmerzen, so ist dies gewöhnlich von keiner Bedeu¬ 
tung. Treten dieselben jedoch nach Wochen, Monaten bei Tem¬ 
peratureinflüssen auf, so ist dies ein sicheres Zeichen, dass die 
Pulpa sich entzündet hat und gewöhnlich in Gangrän übergeht 
oder aber im günstigsten Falle dann, wie gesagt, mumificirt. 

Fragen wir schliesslich: ist es für die dauernde 
Erhaltung des Zahnes unbedingt nothwendig, dass die 


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Schlenker: Ueber Palpenamputation nach Witzei. 


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Pulpa erhalten werden soll? Wir Alle wissen, dass ein 
Zahn, seiner Pulpa beraubt, lange, ja sogar unter günstigen Ver¬ 
hältnissen zeitlebens erhalten werden kann. 

So viel ist aber sicher, dass ein Zahn mit vitaler Pulpa 
länger erhalten werden kann, als ein solcher mit devitalisirter 
Pulpa. Mit Recht sagt Taft: „Die Zahnpulpa hat ihren 
grossen Werth in der Oekonomie, sonst würde die 
Natur sich ihrer entledigen.“ Und Mühlreiter: „Diese 
Quelle verstopfen, heisst den Zahn der Gnade des Zu¬ 
falles überantworten.“ 

Die Zahnpulpa unterhält die Nahrungszufuhr, die Saftcir- 
culation, ohne welche der Zahn gleich einem todten, ausserhalb 
des Mundes oder gleich einem senilen oder mit Neubildung ver¬ 
wachsenen spröde wird. Schädliche, namentlich mechanische 
Einflüsse sind für solche Zähne gefahrvoller als für intacte. 
Solche todte Zähne sind gerne zu Periostitis geneigt, namentlich 
aber zu Sprüngen, und man ist auch selten im Stande, aus einem 
Zahne mit jahrelanger devitalisirter Pulpa zarte, transparente 
Schliffe für das Mikroskop herzustellen, ohne dass sie in Stücke 
zerbrechen. Dasselbe gilt für Zähne, deren Pulpen ganz ver¬ 
knöchert sind; sie brechen gewöhnlich in Stücke, ein Beweis, 
dass es unbedingt nothwendig ist, den Zahn seiner Saftcirculation 
nicht zu berauben. Deshalb sind auch gerade die Pulpenamputa¬ 
tionen, weil die Stümpfe nicht ossificiren, indicirt und 
von grosser Bedeutung. 

Glücklicherweise lebt jedoch der Zahn nicht allein von der 
Pulpa. Der Zahn hat noch ein 

„Vice -Ernährungsorgan 

das Periosteum. Mehr oder weniger wird das Cement, das Dentin und 
der Schmelz stets von dem durch das Periosteum gelieferte Plasma 
durchtränkt, und es hat den Anschein, als trete dieses Organ 
namentlich dann in Activität, wenn der Zahn seiner Pulpa be¬ 
raubt worden ist. 

Fig. 2 zeigt diese Thatsache auf’s Frappanteste. Es ist ein 
Längsschnitt von der Wurzelspitze eines unteren Schneidezahnes, 
dessen Krone schon Jahre lang durch Caries zerstört und die 
Pulpa abgestorben war. Das Präparat ist von einer 40 Jahre 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 359 

alten Dame, welcher alle Stümpfe u. s. w. extrahirt wurden. Mehr 
oder weniger zeigten alle Wurzeln mit schon lange abgestorbenen 
Pulpen Neubildung von Cement und diese Saftkanäle durch das¬ 
selbe in das Dentin verlaufend. Der zweite obere Molaris war 
so stark mit Alveole und Weisheitszahn verschmolzen, dass 



Fig. 2. 


eine Fractura alveolaris unvermeidlich war. Die Wurzeln selbst 
sind, mit Ausnahme der Lingualwurzel, verschlossen, und beweist 
diese Ossification die in meinem Yortrage in Freiburg 1875 ge- 
thane Behauptung, dass nämlich Bruch der Alveole ein gewöhn¬ 
liches Zeichen von erhöhter Thätigkeit des Periostes sei, resp. 
auf Dentin-Neubildung schliessen lasse. Es konnten mehrere Quer- 
xx. 25 


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300 Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 

schliffe durch die Wurzeln sammt Alveole hergestellt werden, ohne 
dass die Wurzeln oder Alveolen aus ihrem Zusammenhänge gingen. 
Solche Schliffe, Fig. 3, zu machen, gelingt selten. Die Kronen¬ 
pulpen dieser beiden Zähne waren noch nicht ganz dem Ersatz¬ 
dentin geopfert, weshalb auch die Saftkanäle fehlen. Ebenfalls 



Fig. 3. 


fehlten solche in den übrigen Wurzeln, wo die Cement-Neubildung 
nicht zugegen war, und beweist dies, dass es sich hier durchaus 
nicht um ein Vitium primae formationis handelt, sondern wirklich 
um Neubildung, wie man dieses Vasodentin in Dentin-Neubildungen 
so oft antrifft. Dass diese vicariirende Ernährungen sehr oft Vor¬ 
kommen, ersieht man aus den Abbildungen vieler Autoren, und 
sprechen dieselben von Hävers'sehen Kanälen, Vasodentin etc. 


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Schlenker: Ueber Pulpenamputation nach Witzei. 361 

Kölliker giebt uns eine schöne Zeichnung in seinem-Werke 1 ) 
von sogenannten Havers’schen Kanälen. Das Präparat ist eine 
alte Wurzelspitze mit hochgradiger Cementhypertrophie. 

„Diese Havers’schen Kanäle, sagt Kölliker, kommen in 
jungen Zähnen bei regelrechter Dicke des Cementes nicht vor, 
sind dagegen in alten Zähnen, namentlich Backenzähnen, und bei 
Hyperostosen eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Sie dringen 
zu 1—3 und mehr von aussen in das Cement, verästeln sich 
2 —3 Mal und enden dann blind. Ihre Weite ist zu gering 
(9—12 fi), als dass dieselben ausser Blutgefässen noch Mark ent¬ 
halten könnten, und sind diese Kanäle gewöhnlich von einigen 
ringförmigen Schichten umgeben, wie in Knochen. In seltenen 
Fällen dringen solche Kanäle auch in das Zahnbein und öffnen 
sich in die Zahnhöhle (Salter).“ 

Fig. 2 zeigt, dass diese Saftkanäle ähnlich wie die Dentin¬ 
röhrchen beschaffen sind, a a sind zwei unregelmässig schief in 
den Schnitt gefallene Kanäle, welche in ihrem Inneren eine so¬ 
genannte Saftfaser haben. Sie sind nicht so klein, wie Kölliker 
meint, sondern im Gegentheil auffallend voluminös, so gross, dass 
man sie mit unbewaffnetem Auge in dem Schliffe zu unterscheiden 
vermag. Untersucht man bei stärkerer, 500—700 maliger Ver- 
grösserung diese Kanäle im Längsschnitte, so findet man ihre 
äussere Hülle als eine lockere bindegewebige Schicht, mit welcher 
die Dentinröhrchen direct, theils offen, theils mit Zellen in Verbin¬ 
dung stehen. Die Kanäle enden theils stumpf in Form eines 
Resorptionswulstes, oder aber offen in das Zahnbein. In letzterem 
Falle ragen die Dentinröhrchen nicht als offene Röhren, sondern 
mit Zellen in den Saftkanal; man hat das Bild einer Granular- 
layer. Im Kanäle selbst sieht man Blutgefässe, Bindegewebe, freie 
Bindegewebeszellen, Zahnbeinzellen und unregelmässige Knochen¬ 
körper, Fettkugeln und amorphe Kalksalze. Diese Einzelnheiten 
sind an einigen Stellen durchzogen von Dentinröhrchen. 

Derartige Saftkanäle fand ich nie in normalen Zähnen. Ich 
fand sie nur bei Cementhypertrophie und auch hier nur selten in 
so ausgesprochenem Stadium. Wo sie existiren, erfüllen sie 


1 ) Kölliker, Gewebelehre des Menschen. 
S. 372, Fig. 256. 


5. Auflage. 
25* 


1867 


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Telschow: Ueber Stickstoffoxydul. 


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vollkommen die Pflichten der vergangenen Pulpa, und weil sie 
nur selten Vorkommen, so ist es gerade deshalb nm so nothwen- 
diger, dieselbe möglichst zu schonen. 

Nachdem ich Ihnen, liebe Collegen, gezeigt und durch Demon¬ 
strationen bewiesen habe, dass die amputirten Wurzelpulpenstümpfe, 
wenn die Operation mit Sorgfalt ausgeführt wird, lebensfähig 
bleiben, hoffe ich, dass die Pulpaamputation zum Nutzen unserer 
Patienten und zur Ehre unserer blühenden Specialwissenschaft 
allgemein ausgeübt werden möge, und schliesse mit der Ver¬ 
bindlichkeit und von der Ueberzeugung beseelt, dass Sie Alle mit 
mir einverstanden sind, dem Collegen Witzei für seine Verdienste, 
welche er sich um diesen Punkt der zahnärztlichen Wissenschaft 
erworben hat, den wohlverdienten Dank abzustatten. 


IY. Ueber Stickstoffoxydul. 

Von 

Dr. Robert Telschow. 


Als im Jahre 1868 die ersten Gasapparate von Amerika kamen, 
strebte man dasselbe System an, welches jetzt wieder als das rich¬ 
tige in Aufnahme gekommen ist. 

Der Grund, aus welchem die Narkosen zu damaliger Zeit 
nicht befriedigend ausfielen, lag in der Unvollkommenheit einzelner 
Theile der Gasapparate, sowie in den noch mangelhaften Mund¬ 
stücken. Die Glocke der Gasometer hatte eine schlechte und 
schwere Führung, und die Oeffnungen der Hähne waren zu klein, 
wodurch“ den Patienten nicht genügend Gas zugeführt wurde. Es 
traten daher in unangenehmer, ja beängstigender Weise die Ge¬ 
fühle der Athemnoth ein. Diesen Uebelstand zu beseitigen, sowie 
die eintretende Cyanose zu verhindern, brachte damals Zahnarzt 
C. Sauer eine Klappe am Mundstücke an, durch welche er bei 
derartigen Beschwerden atmosphärische Luft athmen liess. Diese 
vermeintliche Verbesserung bewies sich sehr bald als nicht richtig, 


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Telschow: Ueber Stickstoffoxydul. 


363 


da in dieser Weise Mittel und Gegenmittel zu gleicher Zeit geathmet 
wurden. Ich habe im Jahre 1869, nachdem ich das Gas ein 
Jahr lang angewandt hatte, über meine gesammelten Erfahrungen 
eine kleine Broschüre geschrieben. In derselben empfahl ich den 
Herren Collegen an, die atmosphärische Luft während des Ein- 
athmens sorgfältig abzuschliessen, und bemerkte, dass ohne einen 
gewissen Grad von Cyanose keine Narkose zu erzielen sei. Ueber 
die physiologische Einwirkung des Gases ist viel gestritten worden. 
Einige behaupten, das Gas wirke nur durch Desoxydation des 
Blutes, Andere schrieben die Wirkung der Aufnahme des Gases 
ins Blut und seiner specifischen Einwirkung zu. 

Im Grunde genommen sind das Hypothesen, und wir wollen 
es den Gelehrten überlassen, sich darüber zu einigen. 

Ich richte mich nach den Symptomen und meinen Erfah¬ 
rungen, welche ich im Laufe von zwölf Jahren gesammelt habe. 

Während dieser Zeit machte ich über 15,000 Betäubungen. 
Es soll mich freuen, geehrte Collegen, wenn ich Ihnen mit einer 
kurzen Schilderung meiner Erlebnisse und einigen Rathschlägen 
nützlich werden kann. 

Bevor ich von der Einleitung der Narkose, der Einwirkung 
des Gases und der unter Umständen vorkommenden kurzen Nach¬ 
wirkung desselben spreche, möchte ich kurz die bisher dagewesenen 
Apparate erwähnen und deren Mängel und Verbesserungen klar 
legen. Wie ich schon zu Anfang sagte, benutzte man von vorn¬ 
herein das System der Ausathmung des Gases durch Ventile. 

Die Glocke der alten Gasometer bewegte sich schwer, und 
man erhielt durch Aufsaugen des Gases bei den schlecht an¬ 
schliessenden Mundstücken jener Zeit das Gas mit Luft gemischt. 
Man brauchte daher zur Erlangung einer nur mangelhaften Nar¬ 
kose eine grosse Menge Gas. 

Viele Collegen Hessen deshalb das Narkotisiren mit Gas fallen. 

Einige Jahre später kam der Barth*sehe Apparat auf. 

Mit diesem Apparate wird wohl eine bedeutende Ersparniss 
des Gases erreicht, aber durchaus keine Verbesserung der Nar¬ 
kosen. Die Einrichtung dieses Apparates ist den Herren Collegen 
zur Genüge- bekannt, so dass es keiner weiteren Beschreibung 
desselben bedarf. Bei seiner Anwendung wird fortwährend das 
eingeathmete Gas, mit verdorbener Luft (Kohlensäure u. s. w.) 


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364 Telschow* Ueber Stickstoffoxydul. 

vermischt, iu die Glocke des Gasometers zuräckgeathmet. Treten, 
wie dies häufig vorkommt, nicht bald die Symptome der Betäubung 
ein, so macht sich in beängstigender Weise die Athemnoth geltend. 
Auch zeigt sich bei den Patienten durch die dauernd eingeathmete 
Kohlensäure eine weit grössere Cyanose, als sie beim Einathmen 
des reinen Gases ein tritt, welches durch Ventile nur ein- oder 
zweimal die Lungen passirt hat. Wie unangenehm die Athem- 
noth ist, wird jeder, der dies durchgemacht hat, wissen. Ausser¬ 
dem halte ich es für unappetitlich, wenn nicht gar der Ge¬ 
sundheit nachtheilig, einem Patienten die ausgeathmete Luft 
seines Vergängers in die Lungen zu bringen. Dies ist beim 
Barth’sehen Apparate nicht zu vermeiden, da die Glocke nicht 
direct auf die Wasserzone zurückfällt. Es giebt sparsame Collegen, 
die den übrig gebliebenen Rest von Gas sorgfältig aufbewahren 
und zu einer darauffolgenden Narkose benutzen. Sie verlassen 
sich darauf, dass das Gas im Apparate durch die angebrachte 
Vorrichtung gereinigt wird. Diese Reinigung, welche durch das 
mit Kali caust.-Lösung imprägnirte Netz herbeigeführt werden soll, 
ist theoretisch richtig, in der Praxis aber schwer durchführbar, 
da der Gasometer, um die Lösung zu erneuern (was streng ge¬ 
nommen täglich geschehen sollte), jedesmal auseinander genommen 
werden muss. Aus Bequemlichkeit wird dies meistens unterlassen, 
und es ist dann die innere Einrichtung zwecklos. 

Hieran knüpfend wollte ich bemerken, dass College Sauer 
seiner Zeit empfahl, das Gas im Barth’schen Apparate mit 
Chloroform zu mischen. Ich hatte vor seiner Veröffentlichung 
schon Versuche hiermit angestellt, wie mir College Grunert be¬ 
zeugen kann, wagte jedoch kaum halb so grosse Dosen Chloro¬ 
form zum Mischen zu verwenden, wie College Sauer vorschrieb. 
Auch mit Aether gemischtes Gas habe ich versucht, anzuwenden, 
bin aber bald von beiden Mischungen zurückgekommen, weil ich 
unangenehme Nachwirkungen wahrnahm. Eine Mischung von 
Aether mit Gas ist jetzt noch in England in den dortigen zahn¬ 
ärztlichen Kliniken gebräuchlich. Ich hatte bei meiner letzten 
Anwesenheit in London im August dieses Jahres durch Empfehlungen 
an Herrn Dr. Coleman am Dental-Hospital, Leicester-Square, 
Gelegenheit, das Gas in dieser Weise gemischt in Anwendung zu 
sehen. Das comprimirte Gas musste, aus einer eisernen Flasche 


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365 


kommend, durch Aether streichen und wurde in einem Gummi¬ 
beutel aufgefangen, aus welchem es geathmet wurde. 

Von diesem gemischten Gas waren zur Erlangung einer Nar¬ 
kose nur wenige Liter Gas nöthig. Ich versuchte von diesem 
mit Aether geschwängerten Gase zu athmen, war jedoch kaum im 
Stande, zwei Athemzüge zu thun. Die Einwirkung dieser Gas¬ 
mischung war eine schnelle, die Narkose tief, aber mit unange¬ 
nehmer Nachwirkung verknüpft. Diese Mischung ist aus letzterem 
Grunde und der nicht ausgeschlossenen Gefahr wegen ent¬ 
schieden für Privatpraxis nicht anzurathen. 

♦ Als ich Herrn Dr. Coleman fragte, weshalb man nicht 

reines Gas anwende, erwiderte er mir, dass es sich, da das 
Ausziehen der Zähne im Dental-Hospital fast nur mit Nar¬ 
kose geschähe, für den allgemeinen Gebrauch zu theuer stelle. 
Die Patienten der Kliniken, welche zum grössten Theile den 
ärmeren Klassen angehören, Männer wie Frauen, sind in London 
vielfach Trinker und würden zur Erlangung einer Narkose durch 
Gas zu viel davon verbrauchen. Man müsse schon zu einem 
energischen Mittel schreiten, das übrigens bei den abgestumpften 
Nerven und abgehärteten Schleimhäuten dieser Individuen meistens 
gut vertragen würde. 

Als der Apparat von Johnston Brothers durch Herrn 
Pappenheim hier eingeführt wurde, habe ich sofort den Barth’- 
schen Apparat verworfen. Bei dem Johns ton’sehen Apparate 
bewegt sich die Glocke äusserst leicht, das Gas wird durch einen 
Wasserverschluss zurückgehalten und muss vom Patienten eingesogen 
werden. 

Das Mundstück hat ein Einathmungs- und ein Ausathmungs- 
ventil. Dieser Apparat, so gut er ist, hat den Fehler, dass der 
Inhalt der Glocke nicht für alle Fälle ausreicht und der Gas¬ 
verbrauch ein bedeutender ist. Diesen Uebelstand zu beseitigen, 
habe ich vor mehreren Jahren ein Mundstück construirt, an wel¬ 
chem sich vier Ventile und ein herabhängender Gummibeutel be¬ 
finden. Ich lasse beim Einathmen den Wasserverschluss fort. 
Das Gas kommt dem Patienten mit Druck entgegen und wird 
in den Gummibeutel ausgeathmet. Hierbei passirt das Gas eine 
metallene Kapsel, in welcher sich ein in Kali caust.-Lösung ge¬ 
tränkter Schwamm befindet, der natürlich stets frisch imprägnirt 


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Telschow: Ueber Stickstoffoxydul. 


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werden muss. Der Schwamm muss sehr porös sein, damit die. 
Luft bequem hindnrchstreichen kann: ans demselben Grunde darf 
er nicht fest in die Kapsel eingezwängt werden. 

Beim Tränken des Schwammes ziehe man Handschuhe an, 
um sich gegen die ätzende Wirkung der Kalilauge zu schützen. 
Ferner presse man den Schwamm gut aus, damit Nichts von der 
ätzenden Flüssigkeit in den Gummibeutel gelangt. 

Diese nene Verbesserung an meinem Mundstücke hat den 
Zweck, die Kohlensäure zu absorbiren, die nach Dr. Blumm 
2 —3 Proc. betragen soll. Durch Schliessen eines Dreiwegehahnes, 
durch welchen das zufliessende Gas abgesperrt wird, kommt das 
Gas aus dem Gummibeutel, welches beim Einathmen wieder die 
Reinigungsvorrichtung passiren muss, noch einmal zur Wirkung, 
ohne dass eine Beimischung von Kohlensäure empfunden wird. 
Man spart auf diese Weise ein nicht unbedeutendes Quantum Gas. 

Auf der Versammlung wurde mir dies bestritten, und habe 
ich deshalb auf’s Neue Versuche darüber angestellt, welche eine 
Ersparnis von 20—30 Proc. an Gas ergaben. 

Der Johnston-Brothers’sche Apparat ist von den Zahn¬ 
händlern mehr oder weniger gut nachgemacht worden und wird 
vielfach mit meinem Mundstücke verkauft. 

Ich habe im Laufe der Zeit gefunden, dass auch dieser 
Apparat noch Mängel hat, und bin daher bemüht gewesen, einen 
verbesserten Apparat zu schaffen, welchen ich Ihnen durch bei¬ 
folgende Zeichnung und Beschreibung veranschaulichen möchte. 
Wie bereits erwähnt, ist die atmosphärische Luft der grösste Feind 
des Stickoxydulgases, weshalb man dafür Sorge tragen muss, beim 
Füllen des Gasometers keine Luft eindringen zu lassen. Und nun, 
meine Herren, betrachten Sie sämmtliche vorhandenen Gasometer: 
bei keinem ist die Vorsicht beachtet worden, dass die Glocke bis 
auf die Wasserzone hinabgesenkt werden kann. Es bleibt beim 
tiefsten Stande der Glocke ein mit Luft gefüllter Raum über dem 
Wasser und man erzielt ein gemischtes Gas, welches in den ersten 
Narkosen durch den Antheil an atmosphärischer Luft unvoll¬ 
kommen wirkt. 

Dieser Fehler ist bei meinem Apparate durch einen in der 
Glocke eingelötheten Boden beseitigt, welcher bis auf die Wasser¬ 
fläche hinabreicht. Dieser Boden besitzt eine Einstülpung, in 


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Telschow: Ueber Stickstoffoxydul. 


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welche das Einathmungsrohr hineinragt. Es kann daher niemals 
Wasser in dasselbe gelangen, was bei den früher gebräuchlichen 
Gasometern nicht selten vorkam. Ausserdem ist eine Yorrichtung 



Fig. 1. 

an der Traverse angebracht, durch welche die Lenkstange fest¬ 
geklemmt werden kann. Hierdurch ist das Entweichen von Gas 
aus der Glocke unmöglich gemacht. Ferner ist durch eingebohrte 
Löcher in den angelötheten Rand darauf Rücksicht genommen, 


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Telschow: Ueber Stickstoffoxydul. 


dass bei plötzlichem Fallen der Glocke kein Wasser überlaufen 
kann. Das Wasser wird sich in dem wasserdichten Rande ver¬ 
theilen and nie über diesen hinaus steigen. Alsdann ist es eine 
nicht zu unterschätzende Annehmlichkeit, dass mein neuer Gaso¬ 
meter Gas für zwei bis drei Narkosen fasst. Es fällt dadurch 
das umständliche Füllen bei jeder Narkose fort, was immer durch 
Aufschrauben der Gasflasche mit Zeit und Umständen verknüpft 
ist. Mein Gasometer hat kein Stativ, sondern nur einen niedrigen, 
aus Metall gepressten Untersatz, in welchen der Hut bis auf den 
Holzboden hinuntergesenkt ist. Der obere gepresste Theil der 
Glocke, der über den Rand des Wasserbehälters passt, ist an zwei 
Stellen durchbohrt. In diese Oeffnungen sind genau den Stangen 
angepasste Rohre eingelöthet, welche die Traverse tragen und der 
Glocke die Führung geben. Die Gasflasche wird nicht wie sonst 
am Apparate befestigt, sondern praktischer placirt, indem man sie 
in ein einfaches gusseisernes Stativ festschraubt, das mit den 
Füssen gehalten wird, wie Figur 1 zeigt. 

Die Flasche ist so leichter und fester schliessbar, als es früher 
bei dem auf Rollen laufenden Gasapparate möglich war. Ausser¬ 
dem passte nicht immer die Verschraubung des metallenen Lei¬ 
tungsrohres zur Flasche (Losse spricht von dreierlei Gewinden), 
wodurch den Collegen beim Einlassen gewiss viel Gas verloren 
gegangen ist. Ein Gummischlauch passt auf jede Flasche und 
giebt jedenfalls die einfachste und beste Leitung ab. Die mit 
diesem neuen Apparate und mit meinem Mundstücke gemachten 
Narkosen sind tiefer und angenehmer als die durch den Barth’- 
schen Apparat erzeugten. Die Anfertigung meiner neuen Apparate 
hat die Firma Warmbrunn, Quilitz & Co. in Berlin, Rosen- 
thalerstrasse Nr. 40, übernommen, welche dieselben in zwei Grössen 
zu 15 und 50 Gallonen anfertigen lässt, letztere für Zahnärzte, 
welche sich das Gas selbst bereiten. 

Der kleine Apparat, Einathmungsgasometer, wird je nach 
Wunsch mit oder ohne Wasserverschluss angefertigt. Für die¬ 
jenigen Herren Collegen, welche das Sparsystem nicht wollen, ist 
der Wasserverschluss nöthig, ebenso wird zu einem solchen Ap¬ 
parate ein anderes Mundstück geliefert. Wem es nicht auf 
Gasersparniss ankommt, dem ist dieser Apparat sehr anzu¬ 
empfehlen. 


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Beim Einathmungsgasometer fasst der Helm 15 Gallonen, es 
können aber nnr 12 Gallonen Gas herausgelassen werden, da durch 
die Schwere der Glocke eine Hand breit vom Rande stets ins 
Wasser hineinreicht 

Ich habe Herrn Dr. Schäfer, welcher in dem Geschäfte 
obengenannter Firma die Anfertigung der physikalischen und 
mathematischen Apparate zu leiten hat, damit betraut, und glaube 
ich, für richtige Herstellung, sowie solide Ausstattung Garantie 
übernehmen zu können. 

Die Bereitung des Gases wird jedem Zahnarzte genügend 
bekannt sein. 

Ich rathe den Collegen, welche nicht von vornherein einen 
guten Absatz für das Gas haben, comprimirtes zu gebrauchen. 
Das Gas ist mühsam herzustellen und verdirbt leicht. College 
Losse liefert das Gas billig, und brauchen die Herren Collegen 
mit meinem verbesserten Mundstücke ein nur geringes Quantum 
(2 bis 3 Gallonen). Auch ist die Einwirkung des comprimirten 
Gases eine stets sichere, was bei Selbstbereitung durch leicht vor¬ 
kommende Undichtigkeit des Aufbewahrungsgasometers nicht der 
Fall ist. 

Das Gas des Herrn Collegen Losse kann ich sehr empfehlen. 
Wir sind demselben zu Danke verpflichtet, weil wir durch ihn 
billiges comprimirtes Gas bekommen haben. Früher kostete die 
Gallone Gas aus England bezogen 40 Pfennige, jetzt haben sich die 
* Engländer herabgelassen (weil sie mussten), uns auch das Gas mit 
25 Pfennigen zu liefern. Seien wir Patrioten, und unterstützen 
wir das Bestreben des Collegen Losse. 1 ) 

Was nun das Wichtigste, das Narkotisiren selbst betrifft, so 
stellen Sie sich, geehrte Collegen, dasselbe nicht als eine ange¬ 
nehme Beschäftigung vor. 

Jeder College, der das Gas eine Weile gebraucht und schon 
Erfahrungen gesammelt hat, wird mir bestätigen, dass nicht immer 
Alles glatt geht. Wer nicht beherzt ist, lasse seine Hand davon; 
wer sich aber beherrschen kann und zum Wohle der Menschheit 


1) Anm erkung der Redaction. Wir schliessen uns den Worten des 
Herrn Collegen Telschow an und empfehlen das Fabrikat des überaus 
gewissenhaften Collegen Losse einem Jeden. 


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Telschow: Ueber Stickstoffoxydul. 


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wirken will, dem rathe ich zu seinem und seiner Patienten Besten, 
das Gas einzuführen. 

Contraindicirt habe ich das Gas gefunden: nach nicht lang 
überstandenem Typhus, Nervenfieber und Gelenkrheumatismus. 
Sonst aber wende ich es überall an, in jedem Alter, in jedem 
Stadium der Schwangerschaft 1 ), bei Schwindsüchtigen, bei Leuten, 
die an Krämpfen leiden, hei Hysterischen und selbst bei Patienten, 
die ein organisches Herzleiden haben. Ich habe früher davon 
Abstand genommen, Herzkranke zu narkotisiren, und da meine 
Patienten wussten, dass ich sie in dem Falle nicht betäuben würde, 
haben sie mir ihr Leiden verschwiegen. Die Betäubung verlief 
ganz normal, das Gas übt demnach keine Einwirkung auf die 
Herzthätigkeit aus, wohl aber ist ein Einfluss auf die Lungen- 
thätigkeit vorhanden. Bei Chloroform ist das umgekehrt; es hört 
nicht selten der Puls auf zu schlagen, während die Lungen noch 
ruhig eine Zeit lang weiter arbeiten. 

Es ist demnach bei der Stickoxydulnarkose weniger Gefahr 
vorhanden, als bei Chloroformnarkosen. Eine unterbrochene Ath- 
mung ist nicht schwer wieder herzustellen; hört der Puls aber 
auf, dann dürfte es schwer halten, diesen wieder in Thätigkeit zu 
bringen. 

Die Narkose ist folgendermaassen einzuleiten. 

Der Zahnarzt lasse den Patienten etwas nach vom geneigt 
sitzen (enggeschnürte Damen mögen das Schnürleib lockern, 
Militairpersonen, oder Herren, welche enge Kragen tragen, den 
Hals frei machen), sehe sich den zu ziehenden Zahn genau an und 
lege die nöthigen Instramente zur Hand. Alsdann klemme er an 
der Seite, an welcher nicht operirt werden soll, einen Gummi¬ 
knebel fest zwischen die Zähne, halte dem Patienten die Nase 
zu und lasse ihn einige Male athmen. Man drücke ihm dann 
das vom Assistenten überreichte Mundstück an den Mund und 
öffne dessen Hahn. 

Das 0offnen des Hahnes am Gasometer muss vorher ge¬ 
schehen sein, am Mundstücke geschieht dies durch Zurückziehen 


1) College Dr. Blumm hat durch angestellte Versuche an Thieren * 
nachgewiesen, dass das Gas auf das Fötalleben keinen schädlichen Ein¬ 
fluss ausübt. 


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des Schneppers an der Trommel. Man lasse zuerst den Gasbeutel 
nur halb voll athmen und stelle dann den Schnepper rechtwinklig 
zum Einathmungsrohre, so dass das Gas einige Male in den Beutel 
aus- und eingeathmet wird. Alsdann schiebe man den Schnepper vor 
und lasse das Gas durch das Ausathmungsventil in die Luft blasen. 
Dies wiederhole man, jedoch mit immer weniger Gas, damit nicht 
zuletzt ein grosses Quantum Gas im Beutel zurückbleibt und ver¬ 
loren geht. 

Der Assistent sorgt nun durch Andrücken des Gummikissens 
dafür, dass dem Patienten keine atmosphärische Luft zugeführt 
wird. Hierdurch wird Letzterem, dem das Gas durch Druck ent¬ 
gegenströmt, das Einathmen erleichtert. 

Nach einigen Athemzügen werden die Pulsschläge schneller, 
und die berauschende Wirkung macht sich bei den meisten Patienten 
durch ein taktmässiges Hämmern in den Ohren fühlbar. Es tritt 
für einen Augenblick ein Gefühl von Beklemmung ein, das von 
den meisten Patienten durch einige kräftige Athemzüge über¬ 
wunden wird. Bei Einigen tritt jedoch die Beängstigung in so 
starkem Maasse auf, dass sie krampfhaft das Mundstück von sich 
stossen. Man gewähre ihnen und dränge diesen Halbbewussten 
das Gas nicht mit Gewalt auf. Ich habe im Unterlassungsfälle 
bedenkliche Zufälle bei solchen Patienten erlebt; diesen bekommt 
das Gas nicht. 

Ist das Angstfühl überwunden, so athmet der Patient noch 
einmal so leicht, er empfindet ein behagliches, gegen Alles gleich- 
giltiges Gefühl. Der Puls ist wieder normal geworden, die Pu¬ 
pille erweitert sich und bei dem Zurufe: „bitte, mich anzusehen!“ 
tritt Schielen ein. Vorher habe ich schon verschiedene Male den 
Arm hochheben lassen und zur Vorsicht mit dem rechten und 
linken gewechselt, da manche Patienten während der ganzen 
Narkose den Arm taktmässig in die Höhe heben. Tritt Schnar¬ 
chen ein, verbunden mit convulsivischem Athmen, so höre man 
sofort mit der Einathmung auf; die Narkose ist alsdann unter 
asphyktischen Erscheinungen eingetreten und der Moment ge¬ 
kommen, um schnell die Operation auszuführen. Das Einathmen 
währt für gewöhnlich eine Minute und die Narkose selbst auch 
selten länger. Man beeile sich daher und fasse den Zahn sicher. 
Bricht er dennoch ab, und sitzen die Wurzeln fest, so glückt das 


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schmerzlose Ausziehen selten, weil die Operation länger als die 
Narkose währt Die Patienten beklagen sich dann, den Schmerz 
gefühlt zn haben und widerrathen das Ausziehen mit Gas. Die 
Zahl der Zähne und Wurzeln, welche ich in einer Narkose ge¬ 
zogen habe, richtet sich nach der individuellen Einwirkung des 
Gases, sowie nach der mehr oder minder grossen Schwierigkeit 
der Extraction. Ich habe schon zehn Wurzeln in einer Narkose 
gezogen, hatte aber in manchen Fällen Mühe, nur einen Zahn zu 
ziehen. Früher habe ich die Narkosen in kurzen Intervallen nach 
Stillung der Blutung wiederholt, doch war dann die Einwirkung eine 
schwächere. Ich zog es daher vor, bei einer grösseren Anzahl 
zu extrahirender Wurzeln oder Zähne (wie dies bei Präparation 
des Mundes zum Einsetzen künstlicher Zähne nöthig wird) die 
Patienten auf einen folgenden Tag zu bestellen, und erzielte 
dann bessere Besultate. Buhe, eine sichere, geübte Hand und 
ein gutes Instrumentarium sind Hauptbedingungen. Ist der Zahn 
glücklich gezogen, dann sorge man durch Yorneigen des Kopfes 
dafür, dass kein Blut verschluckt werde. Ist die Athmung sehr 
schwach und das Gesicht noch immer von cyanotischem Aussehen, 
so stecke man dem Patienten den Finger tief in den Schlund 
hinein, um Brechreiz zu erzeugen. Zugleich lasse man vom 
Assistenten den Leib des Patienten drücken, und der Athem wird 
sich wieder einstellen. In den meisten Fällen verlaufen die Nar¬ 
kosen zur beiderseitigen Zufriedenheit. Die Patienten fühlen sich 
nach der Narkose durchaus wohl, und ist gewöhnlich keine Spur 
von Nachwirkung vorhanden. 

Es kommen indessen Fälle vor, in welchen die Patienten eine 
vollständige Muskelstarre bekommen, sich zurückbiegen und nach 
der Operation schreien, so dass es häuserweit zu hören ist. 

Sie sind durch Nichts zu besänftigen. Solche Patienten be¬ 
haupten, Alles gesehen und gefühlt zu haben; sie hätten sich nur 
nicht bewegen können. Ich habe jedoch auch nach anderer Dich¬ 
tung hin genug Fälle beobachtet, in welchen die Patienten durch 
die Einwirkung des Gases in Gefühllosigkeit bei vollständigem Be¬ 
wusstsein versetzt wurden. Ausserdem trifft man Trinker an, 
die delirienartige Anfälle bekommen. Diese schlagen um sich, 
und ich habe grosse Noth gehabt, sie zu bändigen. Andere 
Nachwirkungen, wie Ohnmächten u. s. w., habe ich nur selten 


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373 


und nur in geringem Maasse zu beobachten Gelegenheit gehabt. 
Ich wende in diesen Fällen Salmiakgeist oder Essigäther an; eine 
elektrische Batterie habe ich ausserdem für alle Fälle bei der 
Hand, jedoch bis jetzt noch nicht gebraucht. 

Dass hysterische Damen und eingebildete Kranke gern eine 
Ursache suchen, auf welche sie ihr vermeintliches Leiden zurück¬ 
führen möchten, ist erklärlich, und hat man auf deren Behaup¬ 
tungen, sie seien durch das Einathmen von Gas erkrankt, nicht 
immer etwas zu geben. 

Fälle von Schlafsucht nach der Narkose sind mir nicht vor¬ 
gekommen, wohl aber haben mir einige Patienten erklärt, sie 
würden niemals wieder Gas bei sich an wenden lassen, da ihnen 
die Einwirkung desselben eine unerträgliche sei. . 

Das Gefühl von Eingeschlafensein der Extremitäten ist keine 
seltene Erscheinung. Ich reibe hierbei dem Patienten tüchtig die 
Hände mit Eau de Cologne und lasse ihn kräftig auftreten oder 
schnelle Bewegungen im Zimmer machen. Uebelkeit nach der 
Narkose kommt äusserst selten vor, ebenso während des Einath- 
mens. Im letzten Falle wird diese mehr durch den eingelegten 
Gummipfropfen erzeugt, der eine Reizung hervorruft. Man inhibire 
sofort die Athmung und lasse den Patienten mit einer Tannin¬ 
oder Alaunlösung gurgeln. Auch aromatische Zahntinctur genügt 
schon. 

Wenn auch manches in meiner wahrheitsgetreuen Schilderung 
die geehrten Herren Collegen von der Benutzung des Gases zurück¬ 
halten möchte, so bin ich dennoch aus vollster Ueberzeugung für 
die Einführung desselben. Sie werden dadurch sicher Ihre Praxis 
heben und sich nebenbei den Dank Ihrer Patienten erwerben. 
Es ist vom ärztlichen Standpunkte aus unsere Pflicht, die Leiden 
der Menschen zu lindern. Wir müssen daher jedes Mittel ver¬ 
suchen, welches uns ein Fortschritt auf dieser Bahn zu sein ver¬ 
spricht. Die Anwendung des Stickoxydulgases ist für unseren 
Beruf nicht allein ein Fortschritt, es ist ein Segen von unschätz¬ 
barem Werthe für uns und für die zahnleidende Menschheit. 

Möge denn die Anwendung des Gases eine allgemeine wer¬ 
den. Das ist mein aufrichtiger Wunsch. 


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374 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Bericht über die Yerhandlungen der Jahres- 
yersammlung des Centralvereins deutscher 

Zahnärzte, 

abgehalten am 2., 3. und 4. August 1880 in 
Berlin (Hotel de Rome). 


In die Präsenzliste trugen sich folgende Herren ein: 

A. Mitglieder. 

1) Dr. Sigm. Adelheim, Trier. 2) Prof. Dr. Ed. Al- 
brecht, Berlin. 3) Dr. Robert Baume, Berlin. 4) Dr. Blnmm, 
Bamberg. 5) Rob. Börngen, Altenburg. 6) E. Breit¬ 
haupt, Goslar. 7) Dr. Brunsmann jr., Oldenburg. 8) Ban¬ 
nenberg, Hannover. 9) Dappen, Crefeld. 10) Dr. Conr. 
Döbbelin jr., Breslau. 11) S. Fenchel, Bremen. 12) Dr. 
Dr. med. Fleischer, Komotau. 13) E. Flöhrke, Bremen. 
14) Dr. med. Wilh. Fricke, Kiel. 15) van Geldern, Am¬ 
sterdam. 16) F. G. Goltz, Leer. 17) Dr. 0. Grnnert, Berlin. 
18) Gundlach, Cassel. 19) Dr. Hartung, Rudolstadt. 20) 
Haun, Erfurt. 21) Herrmann, Halle. 22) v. Herzberg, 
Danzig. 23) Hube, Leipzig. 24) Dr. med. Iszlei, Budapest. 
25) C. Jung, Braunschweig. 26) Kahnd, Glauchau. 27) Rob. 
Kempfe, Magdeburg. 28) Hofzahnarzt Joh. Fr. Kipp, Coburg. 
29) H. Klages, Bremen. 30) Dr. med. Klare, Leipzig. 31) 
Kneisel, Leipzig. 32) C. W. Koch, Giessen. 33) Kllhns, 
Hannover. 34) W. Lippold, Güstrow. 35) Matthes, Zwickau. 
36) Mayer, Augsburg. 37) Mosebach, Bückeburg. 38) Dr. 
Niemeyer, Braunschweig. 39) Jul. Parreidt, Leipzig. 
40) Carl Sauer, Berlin. 41) M. Schlenker, St. Gallen. 
42) Hofzahnarzt Schmidt, Hannover. 43) Schmidt, Lübeck. 
44) Hofzahnarzt F. Schneider, Planen. 45) R. Schreiter, 
Chemnitz. 46) Spanke, Barmen. 47) Staudacher, Bielefeld. 
48) Hofzahnarzt R. Telschow, Berlin. 49) Dr. Tyrol, Gleiwitz. 
50) Werner, Heidelberg. 51) Wiegels, Schwerin. 52) Dr. 
Witzei, Essen. 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 


375 


B. Gäste. 

1) £. Ackermann, Mühlhausen, Thür. 2) N. Th. Ander¬ 
sen, Aalborg. 3) Auerbach, Berlin. 4) P. Barbe, Berlin. 
5) Bardey, Brandenburg. 6) Beschorner, Posen. 7) Rud. 
Bickel, Berlin. 8) A. Blume, Berlin. 9) L. Brandenburg, 
stud. med., Berlin. 10) Dr. Dentz, Utrecht. 11) Zahnarzt W. En¬ 
terlein, Neubrandenburg. 12) Gr. Grimm, Budapest. 13) Leop. 
Grünbaum, Berlin. 14) Hofzahnarzt Dr. v. Gu6rard, Berlin. 
15) Gutmann, Elbing. 16) Dr. Job. Haeseler, Brandenburg. 
17) Hagelberg, Berlin. 18) Heinrich, Dessau. 19) Prof. 
Dr. L. Hollaender, Halle a/S. 20) Dr. Kasprowicz, 
Posen. 21) Zahnarzt Klingelhöfer, Berlin. 22) E. Koll¬ 
mar, Karlsruhe. 23) Zahnarzt Dr. med. Kühne, Magde¬ 
burg. 24) Stud. Lewy, Berlin. 25) Hugo Lippold, Rostock. 
26) Löher, Stendal. 27) G. Losse, Berlin. 28) Zahnarzt 
Lüdecke, Berlin. 29) Dr. Dluzynski, Krakau. 30) Zahn¬ 
arzt Mayr, Bayreuth. 31) R. Mehl, Lodz. 32) Dr. Meitler, 
prakt. Arzt, Würzburg. 33) Michael Morgenstern, Berlin. 
34) Zahnarzt Petsch, Berlin. 35) Dr. E. Richter, Breslau. 
36) H. Richter, Stettin. 37) Dr. Rob. Richter, Berlin. 
38) Zahnarzt Schmidt, Chemnitz. 39) Zahnarzt W. Stärke, 
Berlin. 40) Stud. phil. 0. Wal kh off,' Berlin. 41) Stud. phil. 
H. Weber, Berlin. 42) G. F. Widmann, Ulm. 43) Karl 
W i t z e 1, Stud. d. Zahnheilkde., Essen a / Ruhr. 44) Dr. 0. W i t z e 1, 
pr. Arzt, Berlin. 45) Zahnarzt Dr. Zielinski, Warschau. 
46) Hofzahnarzt Dr. Zimmermann, Berlin. 

Erster Sitznngstag. 

Die Sitzung eröffnete am 2. August, Morgens 9 Uhr, der 
Präsident Herr Dr. Klare (Leipzig) mit folgender Ansprache: 

Meine Herren! 

Es sind nun 21 Jahre verflossen seit dem Tage, an welchem 
eine kleinere Anzahl strebsamer Zahnärzte aus Deutschland und 
Oesterreich hier in Berlin den Grund zu unserem Vereine legte. 
Unseres alten lieben Fr icke Verdienst ist es, zuerst den Gedanken 
xx. 26 


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376 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

ausgesprochen zu haben, dass es bei den damals wenig geordneten 
Zuständen der Zahnheilkunde und ihrer Jünger erspriesslich sein 
möchte, wenn durch eine alljährliche Begegnung sonst zerstreut 
wohnender und nur auf sich angewiesener Collegen ein Austausch 
von Erfahrungen und Gedanken stattfände und sich ein Bild 
machen liesse von dem, was die Zahnheilkunde leistet, und was ihr 
noth thue, und wie die Stellung des Zahnarztes überhaupt in den 
damals noch getrennten Staaten unseres Vaterlandes beschaffen 
sei. Damit war ein weites Feld der Thätigkeit eröffnet. 

Hei der in Wien fasste den Gedanken freudig auf und setzte 
seine ganze Kraft daran, den Verein zu allgemeinem Ansehen zu 
bringen, bestens unterstützt von dem seligen Hering sen. Den 
zahnärztlichen Stand in wissenschaftlicher und socialer Beziehung 
zu heben, war das Ziel ihres Strebens, und obwohl diese Männer 
längst von dieser Welt abberufen sind, hat der Verein sich be¬ 
strebt, in ihrem Geiste weiter zu wirken. 

Wie nahe wir dem vorgesteckten Ziele in den verflossenen 
Jahren gekommen sind, wird wohl einer verschiedenen Beurtheilung 
unterliegen, je nach dem Standpunkte des einzelnen Beurtheilers. 
Mögen nun darüber beifällige oder anders lautende Meinungen 
herrschen; ein Vergleich der Zustände von damals mit den jetzigen 
spricht doch entschieden zu Gunsten der letzteren, und der Verein 
darf ohne Ueberhebung sich wenigstens einen kleinen Theil dieser 
Besserung zuschreiben, insofern als von ihm mindestens die ersten 
Anregungen zu Reformen betreffs der Berechtigung zur Ausübung 
der Zahnheilkunde und der Ausbildung der Zahnärzte ausgegangen 
sind. — Was Neues in unserem Fache auftauchte von diesseits 
und jenseits des Oceans, wurde in den Kreis der Betrachtung ge¬ 
zogen, wirklich Werthvolles von scheinbar Gutem geschieden und 
durch Veröffentlichung der Verhandlungen zum Gemeingute Aller 
gemacht. 

Und nicht nur dies war eine gemeinnützige Leistung des 
Vereins — ich möchte hierbei noch auf etwas aufmerksam machen, 
was für den Fortschritt im zahnärztlichen Leben und Streben nicht 
ohne Bedeutung ist, und was gerade durch den Centralverein an¬ 
geregt und wach erhalten wird — ich meine das Gefühl der Zu¬ 
sammengehörigkeit der deutschen Zahnärzte, ein Gefühl, welches 
unendlich woblthuend ist gegenüber der früheren Zersplitterung, 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 


377 


und nicht blos das, ein Gefühl, welches die Kraft stählt und in 
seinem Gefolge den Blick über den engbegrenzten Wirkungskreis 
des Einzelnen erweitert, auf die Gesammtheit richtet und fähig 
macht, auch weiter gesteckten Zielen nachzustreben, selbst wenn 
die Erreichung dieses Zieles dem Einzelnen nicht einen fassbaren 
Gewinn verspricht. ■— Und sollte das nicht schon als ein Gewinn 
zu betrachten sein, wenn der Verein im Stande ist, in seinen 
Mitgliedern und Freunden einen Zug nach dem Idealen wach zu 
erhalten? Je mehr wir überzeugt sind, dass gemeinsames Streben 
uns vorwärts bringt, um so höher müssen die Aufgaben sein, an 
die wir uns wagen, und das, was wir Alle sehnlichst wünschen, 
und wozu wir nach Kräften beizutragen bereit sind, — unser 
Ideal ist die Errichtung einer zahnärztlichen Schule. 

Sie werden mir einwerfen, dass davon schon oft und viel, 
aber leider vergeblich gesprochen und geschrieben worden sei; 
es ist das nicht zu leugnen, aber es soll uns nicht entmuthigen. 
Wenn wir es bei unsem Lebzeiten nicht erreichen, so werden es 
sicher unsere Nachkommen erlangen, und wir haben als Lohn 
wenigstens das Bewusstsein, wie ein treuer Vater für seine Kinder, 
selbstlos für eine bessere Zukunft gesorgt zu haben. 

So wie die Sachen augenblicklich liegen, ist keine Hoffnung, 
das Ziel im Sturme zu erreichen; es muss die Gründung einer 
Schule sich als nothwendige Consequenz ergehen aus der Ent¬ 
wickelung der Zahnheilkunde, wie sie sich jetzt in Deutschland 
vollzieht; und an dieser Entwickelung nehmen wir durch unser 
Vereinslehen ganz entschieden und hervorragend Antheil. Ich 
erinnere daran, dass ohne Zweifel der Verein Anstoss gegeben 
hat zur Entstehung der besten literarischen Erzeugnisse, die in 
Deutschland über Zahnheilkunde erschienen. Wedl’s vortreff¬ 
liches Werk verdankt seine Entstehung hauptsächlich der An¬ 
regung Heider’s; Witzel’s schöne Arbeit wurde angeregt durch 
die Wiener Versammlung; Baume hätte sein Lehrbuch gewiss 
nicht geschrieben, wenn ihm die Bedaction unserer Zeitschrift nicht 
übertragen gewesen wäre, und letzthin Par r ei dt nicht die Zahn¬ 
ersatzkunde mit einer Anleitung bereichert, wenn er nicht leb¬ 
haftes Interesse an der Fortentwickelung der Zahnheilkunde auch 
nach dieser Richtung hin hätte, wie er sie in unserem Vereine 
kennen lernte. 

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378 Bericht Ober die Verhandlungen der Jahresversammlung 

Hat also der Verein somit den Beweis geliefert, dass er für 
das Grosse und Ganze von Nutzen und Segen gewesen ist, so 
brauche ich gar nicht erst des Umstandes zu erwähnen, dass in 
den Versammlungen zugleich Gelegenheit gegeben wird, die ent¬ 
fernt wohnenden Collegen einander persönlich näher und in freund¬ 
schaftlichen Verkehr und Ideenaustausch zu bringen, um zu dem 
Schlosse zu kommen, dass für die fernere gedeihliche Entwickelung 
der Zahnheilkunde der Verein nicht nur nützlich, sondern un¬ 
beschadet der Verdienste der Localvereine geradezu noth- 
wendig ist. 

Und so heisse ich Sie denn Alle, die, von ihrer Aufgabe 
durchdrungen, hente hier erschienen sind, werthe Mitglieder und 
verehrte Gäste, aufs Herzlichste willkommen. — Arbeiten wir 
ruhig und besonnen, ohne Leidenschaft und Vorartheil weiter, 
unbeirrt darch missgünstige Urtheile, nur das eine Ziel im Auge, 
Hebung des zahnärztlichen Standes in wissenschaftlicher und so¬ 
cialer Beziehung. 

Noch haben wir eine heilige Pflicht zu erfüllen, ehe wir 
unsere Arbeit beginnen; ans unserem Kreise hat der Tod zwei 
bewährte Männer entführt, den Collegen Wehner in Frank¬ 
furt a/M. und Primararzt Dr. Zsigmondy in Wien. Durch 
reiches Wissen und lange Erfahrung ausgezeichnet, waren sie zu¬ 
gleich Beide liebenswürdige Collegen. Ehren wir ihr Andenken, 
indem wir uns von unseren Sitzen erheben. » 

Und nun an die Arbeit Die neunzehnte Jahresversammlung 
ist hiermit eröffnet. 

Beifall. 

Präsident Dr. Klare: Bevor wir in die weiteren Arbeiten 
eintreten, hat sich Herr College Sauer (Berlin) das Wort er¬ 
beten. 

Sauer (Berlin): Meine sehr verehrten lieben Freunde und 
Collegen! Im Namen der Berliner Collegen begrüsse ich Sie 
herzlichst. Wir freuen uns, Sie nach Jahren wieder hier bei uns 
zu sehen. — Wir sind in der glücklichen Lage, Ihnen endlich 
mittheilen zu können, dass der Segen der Vereinigung, den Sie 
schon anderweitig hervorgernfen haben, auch bei uns seit Ihrem 
letzten Hiersein eingezogen ist. Wir hoffen dadurch, Ihnen gegen 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 379 

früher in einem besseren, Ihnen mehr verwandten Sinne ent¬ 
gegenzukommen. Der Zahl nach sind wir Wenige und unsere 
Kraft ist nicht gross, dennoch hoffen wir in unserer Vereinigung, 
dem Centralvereine deutscher Zahnärzte ein Pfeiler mehr zu sein, 
indem wir uns bemühen, seine Tendenzen zu verbreiten. Wir 
sind der Ansicht, durch solches Auftreten uns und unseren Stand 
ZTi ehren und den ausserhalb unserer Vereinigungen stehenden 
ehrenwerthen Collegen zu zeigen, wie werthvoll für unseren Stand 
die Verbindung zu derartigen Gemeinschaften ist. 

Wir freuen uns über Ihren Entschluss, alle zwei Jahre zu 
uns kommen zu wollen, weil wir so egoistisch sind, zu hoffen, 
hierdurch fachlich und collegialisch bedeutend zu gewinnen und 
in unserer engeren Gemeinschaft mehr Berührungspunkte zu finden. 
Wir danken Ihnen für diesen Entschluss. 

Unsere Aufgabe, es Ihnen hier möglichst behaglich zu machen, 
haben wir derartig zu lösen gesucht, dass wir zunächst diesen 
Platz als Versammlungsort wählten. Da Sie wiederkommen, so 
würde es uns von Nutzen sein, wenn Sie die Güte hätten, uns 
nach Schluss der in diesem Hause stattfindenden diesjährigen 
Sitzungen und Festlichkeiten zu sagen, ob unsere Wahl in Bezug 
auf diesen Ort Ihre volle Zufriedenheit hat, oder ob Sie Grund 
haben, einen anderen Ort zu wünschen. Ebenso bitten wir, uns 
Ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit über unsere anderen 
Arrangements mitzutheilen. Sie müssen uns als Anfänger ansehen, 
und da Sie die grosse Güte haben wollen, uns durch Ihre Wieder¬ 
kehr Gelegenheit zur Ausbildung in solchen Arrangements zu 
geben, so dürfen Sie uns auch nicht hier zurücklassen, ohne un¬ 
sere Fehler zu rügen. 

Was wir versuchten, zu Ihrem Behagen einzurichten, bitten 
wir, wenn irgend möglich, zu nehmen, wie es gegeben ist: „Mit 
Vergnügen.“ 

Die Collegen Grün er t und Bickel werden die Freund¬ 
lichkeit haben, Ihnen das Geld für die Festkarten abzunehmen 
und Ihnen die Festkarten dagegen einzuhändigen. Wenn Sie sich 
dort am Eingänge an dieselben in recht grosser Anzahl wenden 
wollen, würden Sie uns sehr verbinden, weil Sie uns dadurch 
zeigen, dass Sie gewillt sind, es mit unseren Arrangements zu 
versuchen. In dem in der Vierteljahrsschrift abgedruckten und 


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380 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

in dem an die Collegen verschickten Programme finden sich ver¬ 
schiedene Widersprüche. Ich möchte Sie darauf aufmerksam 
machen, dass wir am Mittwoch nicht nach Wannsee, sondern 
nach Potsdam fahren und dort an der Langenbrücke die Dampfer 
besteigen. 

Präsident Dr. Klare: Wir danken den Berliner Collegen für 
Ihre Freundlichkeit, mit der sie uns hier aufgenommen, und zwei¬ 
feln auch keinen Augenblick, dass die übrigen Tage unseres Hier¬ 
seins uns den Ausspruch der vollständigen Zufriedenheit möglich 
machen werden. 

Und nun bitte ich College Schneider, uns seinen Vortrag 
über die Anwendung des Arsen in der zahnärztlichen Praxis halten 
zu wollen. 

Der Vortrag ist vorn abgedruckt. 

Daran schliesst sich folgende Discussion: 

Kühns (Hannover): Meine Herren Collegen! Die schätzens- 
werthen Mittheilungen des Herrn Schneider möchte ich insofern 
noch ergänzen, als ein Präparat von ihm bislang noch nicht er¬ 
wähnt ist, das schon einmal von mir einer Besprechung in der 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde theilhaftig wurde, — es ist 
das Arsenicum nativum. 

Wir haben gerade gehört, dass die arsenige Säure häufig zu 
stark wirkt, und ich glaube, Herr College, Sie haben nicht genug 
Rücksicht auf den Zustand der Pulpa genommen und nur ge¬ 
glaubt, dass das Medicament selbst zu kräftig wäre. 

Es ist klar, dass eine nicht mehr resorptionsfähige Pulpa 
mehr zu berücksichtigen ist, als eine mehr im gesunden Zustande 
sich befindliche, dass das Arsenik auf das Periost übertragen 
werden und dadurch Periostitis hervorgerufen werden kann. — 
Es ist nun schon mehrfach versucht worden, die Wirkung der 
arsenigen Säure abzustumpfen, und ich mache in dieser Beziehung 
auf die Versuche von Müller aufmerksam, die Pulpa zu gerben, 
d. h. mit Tannin behandeln. Dasselbe habe ich auch versucht, 
sei es, dass ich das Arsenicum nativum gewählt oder ein anderes 
Präparat Cobaltum crystallisatum genannt. Ich muss Sie daher 
auf einen grossen Fehler in zwei bekannten Lehrbüchern auf- 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 


381 


merksam machen, einmal in Thamhayn’s Materia medica, und 
wenn ich nicht irre auch in Hollaender’s Werk, wo einfacher 
Scherbenkobalt als Kobaltpräparat bezeichnet wird, während es 
in Wirklichkeit ein natürliches Arsen ist. Auf die Wirkung dieses 
Arsenicum nativum möchte ich ihre Aufmerksamkeit ebenfalls 
gerichtet wissen. Ich habe, seitdem ich es an wende, nie wieder 
periostitische Erscheinungen zu verzeichnen gehabt und kann es 
besonders für die Kinderpraxis empfehlen. 

Schneider (Plauen): Ich möchte dem Herrn Vorredner über 
die Anwendung des Cobaltum crystallisatum und bezüglich ihrer 
Nachwirkung auf das Periost antworten: Ich glaube, dass dieses 
Thema als abgeschlossen zu betrachten ist. Die arsenige Säure ist 
es nicht, die Periostitis hervorruft, sondern die Zersetzungsproducte 
der Pulpa. Ich glaube kaum, dass arsenige Säure in irgend einem 
Masse die Periostitis hervorzurufen im Stande ist. 

Fenchel (Bremen): Ich bin selbst ein starker Vertheidiger 
des Arsens, gebrauche es seit 29 Jahren mit bestem Erfolge. Nur 
kommt es darauf an, wie es gehandhabt wird. Alle Misserfolge, 
die durch Arsen entstanden sind, sind durch Missgriffe geschehen, 
indem entweder zu viel oder zu wenig Arsen genommen wurde 
oder sonst etwas in die entzündete Pulpa hinein kam. Ich be¬ 
reite mir meine Aetzpasta aus Acid. arsen. l,o, Morph, acet- 3,6 
g. s. ut f. Pasta Creosot. Nachdem sich dann der Arsenik zu 
Boden gesetzt, nehme ich ein Wattenbäuschchen von Stecknadel¬ 
kopfgrösse, tauche selbiges nur in die braune Flüssigkeit und lege 
es auf die freiliegende Pulpa; damit habe ich die besten Erfolge 
erzielt. Ich bin der Ansicht, dass, wo Misserfolge vorgekommen 
sind, diese meist darauf beruhen, dass die Pasta zu dick war und 
infolge dessen zu viel Arsenik auf die Pulpa gekommen ist. Auch 
möchte ich empfehlen, vor der Einlegung der Paste die Cavität 
des Zahnes mit lauwarmem Wasser auszuspritzen und gut auszu¬ 
trocknen. 

Schreitcr (Chemnitz): Ich glaube, dass es von grosser Wich¬ 
tigkeit ist, beim Anfertigen der Pasta genau bestimmen zu können, 
wie viel wir von einer solchen wohl verwenden können. Ich meines- 
theils glaube, dass 4 Milligramm genügend sind, und möchte bitten, 
uns über diesen Punkt noch weiteren Aufschluss zu geben. 


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382 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

Meyer (Augsburg) bemerkt, dass die Schmerzen, wenn sich 
solche einstellen, nicht auf der Arsenikpasta, sondern auf der 
Anwendung derselben beruhen; es kommt darauf an, oh die Pulpa 
ganz oder theilweise geöffnet ist, und ob sie mit einer schwachen 
oder starken amorphen Schicht bedeckt ist. Ich hin der Ansicht, 
dass es gerathen ist, die Pulpa immer, wenn man ätzen will, voll¬ 
ständig freizulegen. Auch habe ich in vielen Fällen durch eine 
rasche Durchschneidung der Pulpa mit einem scharfen Messer 
Patienten von ihren Schmerzen befreit. 

Schneider (Plauen): Ich will nur dem Herrn Collegen 
Schreiter erwidern, dass meine Pasta auch damals von den 
Händlern als neu und schmerzlos wirkend eingeführt war. Ich 
wollte auch einen Versuch damit machen und kannte sie in ihrer 
Zusammensetzung nicht. Ich habe so viel davon genommen wie ge¬ 
wöhnlich, und ich glaube auch nicht, dass die Zusammensetzung eine 
derartige war, dass sie die gedachte Wirkung hervorrufen konnte. 

Niemey er (Braunschweig): Wir arbeiten ja schon lange mit 
Arsenik; also was die Mischung und Quantität anbelangt, so wissen 
wir alle, dass die kleinste Quantität genügt, um eventuell eine 
Pulpa zu tödten bis auf eine gewisse Distanz hin. Aber College 
Meyer sagt, dass die Pulpa immer freigelegt werden müsse — 
ausser bei blutarmen Menschen —, wenn der Mensch nicht vor 
Schmerzen zur Verzweiflung gebracht werden soll. Die Blutfülle 
hat keinen Abzug, und es entstehen die grössten Schmerzen. Der 
Druck, der hier entsteht, darf aber nicht der Anwendung dieses 
Arzneimittels zugeschohen werden. Meine Herren! Es ist oft gar 
nicht leicht, eine von der Natur blossgelegte Pulpa zu verschliessen. 
Kommt der Patient zurück und Sie finden diese Druckerscheinungen, 
so werden Sie häufig schon durch das Abnehmen der äusseren 
Befestigungslage Erleichterung verschaffen. 

Hollaender (Halle): Da ich gehört habe, dass hier steno- 
graphirt wird, so möchte ich den Schriftsteller Hollaender in 
Schutz nehmen. Hollaender hat niemals in einem seiner Werke 
besonders über Kobalt 1 ) gesprochen. 

Kühns (Hannover): Ich muss meine diesbezügliche Be¬ 
hauptung vorläufig noch aufrecht erhalten. 

1) Vergleiche die bezügliche Erklärung am dritten Sitzungstage. 


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Sch reit er (Chemnitz): Ich möchte doch noch einmal darauf 
zurückkommen, wie viel es für sich hat, wenn man darauf achtet, 
in jedem Falle sicher zu sein und zu wissen, welche Mischung der 
Maximaldosis vorgeschrieben ist. Wenn ich eine neue Art Pasta 
habe, so muss ich abwägen können, was ich davon nehmen 
kann. Die einfache Bezeichnung „ Stecknadelkopfgrösse“ genügt 
nicht. Ich möchte daher empfehlen, ja darauf zu achten, wie viel 
wir von einer wirksamen Menge genau anwenden. 

Meyer (Augsburg): Was die Frage des Vorredners anbelangt 
über die anzuwendende Menge, so bin ich der Meinung, dass man 
sie kaum messen kann: ich glaube hier heisst es: je weniger, desto 
besser, wenn es nur auf die Pulpa gelegt wird. 

Präsident Dr. Klare: Meine Herren! Ich denke, dass die 
Discussion über diesen Gegenstand viel Licht gebracht hat, und 
ich möchte dahin resumiren, dass die arsenige Säure z. Z. noch 
als ein schätzbares und unentbehrliches Mittel für die Zahnheil¬ 
kunde anzusehen ist, welches bei richtiger Anwendung ganz vor¬ 
züglich wirkt, und dass die beobachteten Misserfolge hauptsächlich 
wohl auf eine unzweckmässige Anwendung zu schieben sind. Wir 
verlassen nun diesen Gegenstand, und möchte ich Herrn Collegen 
Herbst (Bremen) bitten, uns bekannt zu machen mit den neuen 
Instrumenten, die er hier vorgelegt hat. 

Dieser Aufforderung kommt Herr Herbst nach. 

1 ) Zunächst zeigte er ein kleines, von ihm construirtes Instru¬ 
ment vor, welches den Zweck hat, die kleinen Bohrer für das 
Winkelstück aufzunehmen, um dieselben auch für das gerade Hand¬ 
stück zu verwerthen. Der in der Hülse befestigte Theil des Stieles 
ist mit einem Ansätze versehen, welcher demjenigen am Winkel¬ 
instrumente entspricht und auf diese Art die Befestigung ver¬ 
mittelt. 

2 ) Ein anderes Instrument für die Bohrmaschine, „die Wurzel- 
fraise“, wird gebraucht statt der Feile. Ein Vorzug vor letzterer 
liegt hauptsächlich darin, dass man schneller und sicherer damit 
arbeitet, von dem billigen Preise gar nicht zu reden. Man lässt 
sich vom Feilenhauer Stahlstangen von ca. 1 / 2 m Länge nach 
Art der Feilen beschlagen und schneidet Stücke von 2—2Va cm 
Länge ab, welche, mit Bohrloch und Schraubengang versehen, auf 
dem für die Maschine passenden Stiele befestigt werden. Vor dem 


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384 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Festschrauben wird die Fraise gehärtet und ist dann zum Ge¬ 
brauch fertig. 

3) Als Ersatz für die leicht zerbrechlichen Corundumscheiben 
verfertigt der Vortragende dünne Scheiben aus Kautschuk nach 
seiner Idee. Er zeigte die Herstellung derselben praktisch vor. 

Recht frischer, schwarzer Kautschuk wird erhitzt und ziemlich 
feinkörniger Schmirgel vermittelst eines Stempels hineingepresst. 
Von diesem flachgedrückten, teigartigen Gemisch werden mit 
einem Aushauer die Scheiben ausgeschlagen und dann, in Gyps 
gehüllt, vulkanisirt. In ähnlicher Weise werden die elastischeren 
Celluloidscheiben hergestellt, und leisten dieselben zum Schleifen 
der Goldfüllungen wichtige Dienste. Die Herstellung ist sehr 
einfach. Möglichst dünne Scheiben aus Celluloid werden einige 
Minuten in Kampherspiritus gelegt, dann auf einem Bleche erwärmt 
und endlich soviel Schmirgel hineingepresst, als sie aufnehmen 
können. Die bekannten Scheibenträger für die Bohrmaschine sind 
auch für diese selbstgefertigten Präparate zu benutzen. 

4) Viel wichtiger jedoch als diese Scheiben scheinen dem 
Vortragenden die Diamantscheiben. Er selbst sei mit den ge¬ 
kauften Scheiben nicht zufrieden gewesen, habe daher die An¬ 
fertigung selber versucht, und theilt er die Herstellungsweise mit 
und erläutert sie durch praktische Demonstrationen. Aus dünnem 
Bleche (Neusilber, Kupfer, Silber oder Gold) werden Scheiben 
von der Grösse eines Zehnpfennigstückes ausgeschlagen und, nach¬ 
dem sie geglüht und vom Oxyd befreit (metallisch rein) sind, 
Diamantstaub hineingehämmert Zu diesem Zwecke hat man 
Diamantbord in einem besonderen Stahlmörser gestossen und nimmt 
mit dem Hämmerchen, dessen Fläche leicht mit Oel bestrichen ist, 
ein Wenig aus dem Mörser heraus, um es in die Scheibe mit 
kurzen Schlägen hineinzutreiben. Als Unterlage bedient man sich 
eines Klotzes aus hartem Holze. Die andere Seite wird ebenso 
mit Diamantstaub imprägnirt, nur mit dem Unterschiede, dass 
man die Scheibe jetzt auf einem Ambosse hämmert, also Metall¬ 
unterlage hat Zum Schlüsse legt man sie zwischen die Streck¬ 
maschine, wie sie in jeder Uhrenfourniturenhandlung käuflich 
ist, und hämmert die Scheibe damit schön flach. 

5) In derselben Weise werden nach Herrn Herbst’s Er¬ 
findung und Angabe schmale Streifen Neusilberblech, ca. V 2 cm 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 


385 


breit, mit Diamantstaub imprägnirt und znm Gebrauche in einem 
kleinen sägenförmigen Gestelle festgenietet. Sie dienen dem Zwecke, 
um sehr gedrängt stehende Zähne zu separiren, ehe die Diamant¬ 
scheibe in Anwendung kommt. H. empfiehlt dann die Fourni- 
turenhandlung von Marie ßuf, Berlin, El. Jägerstr. 3, als Be¬ 
zugsquelle für Diamantbord (4 Karat 8 J6). 

6 ) Alsdann demonstrirt Redner seine Methode, Reparaturen 
ohne Gebrauch des Vulkanisirofens herzustellen. Er bemerkt 
jedoch, es liessen sich nur Zähne an Kautschuk- oder Celluloid¬ 
platten ansetzen, zerbrochene Piecen liessen sich nicht so repariren. 
Will man an Stelle eines abgebissenen Zahnes einen neuen an¬ 
setzen, so bohrt man sich zwei Kanäle in divergirender Richtung 
in den Kautschuk, am liebsten bis zur Zungenseite der Platte 
durchgehend (man kann dies auch vermeiden und die Platte nicht 
ganz durchbohren). Schon jetzt passt man den neuen Zahn richtig 
an und biegt die am Ende leicht gekrümmten Crampons ein Wenig 
auseinander, so dass sie genau der Richtung der Bohrlöcher ent¬ 
sprechen. Nachdem nun zwei Stangen Celluloid von der Stärke 
eines starken Streichholzes in die ebenso dicken Kanäle kalt ein- 
geftthrt worden sind, werden sie, eben hervorragend, abgekniffen. 
Der Zahn wird mit einer besonderen Pincette gefasst und vorsichtig 
über einer kleinen Spiritusflamme erwärmt. Man hat jedoch 
Sorge zu tragen, dass man den nöthigen Hitzegrad nicht über¬ 
steigt, sonst würde das Celluloid bei der Berührung verbrennen. 
Presst man jetzt den Zahn fest gegen das Celluloid und lässt 
erkalten, so ist die Reparatur fertig. 

7) Hierauf erwähnt Redner, dass er in den letzten beiden 
Jahren die Zahnpflanzung häufig angewandt habe, und zwar mit 
stets gutem Erfolge. Besonders habe er seit December v. J. 
22 Fälle verzeichnet und dabei eine neue Bandage eigener Con- 
struction angelegt, und sei kein einziger Misserfolg verzeichnet 
gewesen. Wolle man z. B. den rechten Centralschneidezahn replan- 
tiren, so lasse man die Nachbarzähne, also den linken Central- 
und die beiden lateralen Schneidezähne, durch entsprechende Löcher 
eines passend zugeschnittenen Stückchens Cofferdam treten, indem 
man eineD Raum lässt für den zu replantirenden Zahn. Am 
besten liesse sich diese Bandage mit einer Hängematte vergleichen, 
in welcher der Zahn ruht. Der Gummi übe so einen gelinden 


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386 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

Druck aus auf den Zahn und verhindere sein Herausgleiten. 
Schon nach 24 Stunden könne die Bandage entfernt werden und 
wäre der Zahn in den meisten Fällen hinreichend in seiner Alveole 
festgehalten worden. Diese guten Erfolge schreibt Redner jedoch 
nicht allein diesem Verbände zu, sondern er hebt auch die richtige 
Behandlung des Zahnes vor dem Replantiren hervor. Mit kurzen 
Worten legt er der Versammlung seine hierauf bezügliche Methode 
dar. Von dem extrahirteu Zahne wird ca. 1 mm an der Wurzel¬ 
spitze abgefeilt. Der Kanal wird sodann nach gründlicher Aus¬ 
spritzung am Ende mit Feingolddraht fest verschlossen und der 
Zahn nötigenfalls plombirt. Das Periost wird möglichst schonend 
behandelt und der Zahn in 1 Proc. Carbol-Wasser abgespült, ehe 
er an seinen Platz gesetzt wird. Dies geschieht, nachdem die 
Bandage bereits angebracht ist. 

Pause. 

Präsident Dr. Klare: In der Zwischenzeit ist eine Karte 
eingelaufen von College Kleinmann, den wir hier ungern ver¬ 
missen. Nunmehr ersuche ich Herrn Collegen Schlenker (St 
Gallen), uns seinen Vortrag über Pulpenamputation zu halten. 

Nach dem vorn abgedruckten Vortrage von Schlenker er¬ 
greift das Wort 

Präsident Dr. Klare: College Schlenker hat uns in wirk¬ 
lich vortrefflicher Weise die Erfolge seiner Arbeit hier mitgetbeilt. 
Wir danken ihm herzlich dafür. Es wird wahrscheinlich ge¬ 
wünscht, dass über dieses Thema noch weiter discutirt wird. Nun 
bitte ich sich zum Worte zu melden. 

Dappen (Crefeld): Es hat mich gewundert, dass die Pulpen¬ 
amputation so viele Gegner hat; da ist mir aufgefallen, dass in 
dem neuen Werke Witzel’s so viel Neues gar nicht vorkommt. 
Witzei hat wohl einiges Neue geschaffen, aber das meiste war 
ja schon da, und er hat nur das Verdienst, dass er ein System 
in die Sache gebracht hat. Neu war nur die Bezeichnung: Ampu¬ 
tation der Pulpa. Was Witzei thut, haben wir schon lange 
widerwillig thun müssen. — Neue Forschungen habe ich nun nicht 
gemacht, aber ich habe schon eine Menge von günstig verlaufenen 


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Operationen gemacht. Ich möchte die Herren also veranlassen, es 
auch zu versuchen. 

Witzei (Essen): Ich danke Collegen Schlenker für seine 
Beobachtungen. Ich selbst habe meinen Versuchen nichts Neues 
hinzuzufügen, aber im Durchschnitte habe ich ganz gute Resultate 
erzielt. Meine Operation nutzt hauptsächlich in den Fällen, wo 
wir nicht im Stande sind, die Wurzelstränge der Pulpa zu ent¬ 
fernen. In zweiter Linie möchte ich empfehlen, bei einer par¬ 
tiellen Entzündung der Pulpa nur wenig Arsen aufzulegen, sie 
werden dann nur eine ganz oberflächliche Wirkung haben und 
können dann amputiren. 

Niemeyer (Braunschweig): Meine Herren! Sie wissen, 
aller Anfang ist schwer, und ich bin in der Pulpenamputation ein 
ganz abscheulicher Anfänger. Ich möchte nun einmal hören, ob 
es Ihnen auch so gegangen ist, wie mir. Meine sogenannten 
Amputationen sind alle daran gescheitert, dass es mir nicht ge¬ 
lungen ist, das Organ so unempfindlich zu machen, dass ich diese 
Operation ausführen konnte. Ich bin mit ganz wenigen Aus¬ 
nahmen nicht dahin gekommen, dass die Patienten wirklich still 
gehalten haben. Die paar Fälle, wo es mir gelang, haben so 
wenig Werth, dass sie zu einer Statistik gar kein Beitrag sein 
können. 

Wenn man WitzePs Werke unterschätzt, so sollte man es, 
meine ich, doch erst einmal versuchen, ich finde es unanständig, 
wenn amerikanische Collegen sagen, sie hätten dann und wann 
gehört von Collegen, es wäre nicht werth, sein Werk zu über¬ 
setzen. Ich denke, wir haben alle von ihm gelernt, und wenn wir 
nichts anderes gelernt hätten, als das antiseptische Verfahren, so 
wäre auch das schon etwas ganz Ordentliches. 

Meyer (Augsburg): Ich möchte den Collegen Witzei fragen, 
ob ihm nicht oft ein Abbrechen der Nervennadeln vorkommt. 
Ich habe schon in der Vierteljahrschrift f. Zahnheilkde. erwähnt, 
dass mir in drei Fällen die Spitzen abgebrochen sind; die Zähne 
sind später wieder in meine Behandlung gekommen; die Spitzen 
waren ganz schwarz geworden. 

Witzei (Essen): Nervenextractoren gehören ja gar nicht zur 
Pulpenamputation. 


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388 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

Schreiter (Chemnitz): Ich gehöre zu denen, welche die 
Amputation der Pulpa geübt haben, und möchte daher dem Collegen 
Niemeyer erwidern, dass es selten vorgekommen ist, dass nach 
24 ständigem Einlegen der Pasta die Pulpa noch empfindlich war; 
wenn es wirklich eine Empfindung giebt, so ist es ein kurzer 
stichartiger, Schmerz. Hauptsache war mir immer, die Pulpahöhle 
möglichst vollständig zu öffnen, sonst quält man den Patienten 
und kommt nie dahin, die kranken Pulpatheile vollständig zu 
entfernen. 

Witzei (Essen): College Niemeyer hat bereits von Collegen 
Schreiter Antwort erhalten. Die Pulpenamputation hat mit der 
Empfindlichkeit nichts zn thun. 

Schlenker (St. Gallen): Was das Werk Witzel’s anbe¬ 
langt, so will es mir scheinen, als untersuchten die Amerikaner 
die Pulpa nicht im frischen Zustande. Lässt man die Pulpen 
trocken oder legt sie nur in Glycerin, so wird man in einer 
Stunde nichts mehr sehen, daher hat Wi tz e 1 Recht, dass er alle 
seine Blutgefässe hat frisch zeichnen lassen. 

Witzei (Essen): Ich empfehle, die Pulpa in Glycerin zu legen, 
thun Sie das, so werden Sie bei 15 — 20maliger Vergrösserung 
die Blutgefässe meist so finden, wie sie mein Zeichner Dr. Ludwig 
Heitzmann in Wien gezeichnet hat, und ich glaube, der Name 
dieses Zeichners bürgt schon dafür, dass sie richtig gezeichnet sind. 

Präsident Dr. Klare: Nachdem sich weiter Niemand zum 
Worte gemeldet, schliesse ich die Discussion und gehe über zur 
gemeinschaftlichen Besprechung: Erfahrungen und Unter¬ 
suchungen über Zinkphosphatfüllungen. 

Schneider (Plauen): Bevor wir überhaupt übergehen zur 
weiteren Besprechung, möchte ich aufmerksam machen auf eine 
seit einem halben Jahre bekannt gewordene Füllung von dem 
Chemiker Dreizehner in Leipzig. 

Alle werden wohl bei unseren jetzigen Phosphatfüllungen die 
anangenehme Seite des Starrwerdens der dazu nöthigen Flüssigkeit 
kennen und diese als einen grossen Nachtheil empfunden haben. 
Auf Ersuchen des Herrn Collegen Klare hat nun Herr Drei¬ 
zehner in Leipzig sich bereit erklärt, ein Füllungsmaterial her¬ 
zustellen, das diesen Uebelstand nicht hat. College Klare zeigte 
dasselbe bereits auf der letzten osterländischen zahnärztlichen 


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Versammlung in Leipzig vor, und zwar eine mit rascher Er¬ 
härtungszeit und eine andere mit weniger rascher. Die Unter¬ 
suchung ergab, dass die rascher erhärtende Fällung immer noch 
mehr Zeit zur Erhärtung brauchte, als unsere bisher gebrauchten. 

Es handelte sich nun darum, wie sich dieselbe im Munde 
hält. Ich habe sie seit mehreren Wochen verwendet und immer 
mit gutem Erfolg. Dasselbe berichtet mir Herr Schreiter. Ich 
habe mir noch ein paar Tage vor meiner Abreise — die ersten 
dieser Plomben werden wohl vor zwei bis drei Monaten gelegt 
sein — die Leute wiederkommen lassen, und es ist an den Fül¬ 
lungen auch keine Spur von Abnutzung zu sehen. 

Blumm (Bamberg): Ich kann mich in jeder Beziehung den 
Auslassungen des Vorredners anschliessen. Ich benutze dieselben 
seit drei Monaten und ziehe sie allen anderen vor, und dieser 
Vorzug beruht hauptsächlich auf der nie krystallisirenden Flüssigkeit. 

Schreiter (Chemnitz): Auch mir scheint der Hauptvorzug 
dieser Füllung in ihrer Flüssigkeit zu liegen. Man kann ganz 
gemüthlich die Menge einreiben und diese Pasta so ruhig ein- 
bringen, dass es eine Lust ist. Ich erhärte dann die Oberfläche noch 
durch ein erwärmtes Instrument. Auch glaube ich, dass wir dieses 
Präparat immer in gleicher Qualität erhalten können, was bis jetzt 
nicht ganz der Fall war in Bezug auf die Zusammensetzung der 
Masse. 

Schneider (Plauen): Die Füllung, die hier empfohlen worden, 
hat das Eigenthümliche, dass die schneller erhärtende doch noch 
langsamer fest wird, als alle unsere bisher gebrauchten, während 
eine zweite Species immer noch langsamer erhärtet. Nach meinen 
Erfahrungen genügt es vollkommen, dass wir uns nur der schneller 
erhärtenden bedienen, da die andere wohl nicht allen Herren con- 
veniren möchte. 

Kühns (Hannover): In Bezug auf die Erwärmung der Ober¬ 
fläche der Füllung möchte ich bemerken, dass mir das gefährlich 
erscheint. Es könnte sich doch vielleicht Krystallwasser der Ober¬ 
fläche entziehen. Auch habe ich gesehen, dass solche erwärmte 
Flächen weich waren und sich nicht mehr poliren liessen. 

Schreiter (Chemnitz): Letzteres ist mir auch passirt. Eine 
solche Füllung betrachte ich als misslungen:' Wenn das Pulver 
gleichmässig ist, so wird man durch ein warmes Instrument eine 


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390 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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gute Oberfläche erzielen. Wo das nicht ist, nehme ich dieselbe 
wieder heraus und lege eine andere ein. 

van Geldern (Amsterdam): Ich mache das Phosphat auf 
folgende Weise flüssig: Man braucht nur in einen Becher etwas 
kaltes Wasser zu thun und die Flasche hineinbringen und das 
Ganze über einer Spritlampe zu erwärmen. 

Dr. Flörke (Bremen): Ich möchte die Frage aufwerfen: Lohnt 
es sich denn wirklich der Mühe, die Plombe in dem Masse an¬ 
zuwenden, wie es jetzt geschieht? Ich bin der Ansicht, dass es 
sich nicht lohnt Es giebt allerdings Fälle, wo dieselbe angewandt 
werden muss. 

Fragen wir noch, wie sich dieselbe bewährt, so werden wir 
merkwürdige Resultate finden. Meine Resultate waren staunenswerth: 
Bei manchen Plomben waren bedeutende Lösungen an der Ober¬ 
fläche zu beobachten, bei anderen wieder gar keine. Ich habe alle 
im Handel vorkommende Präparate versucht. Bis jetzt hat sich 
aber keins so bewährt, als wie heute die Rede ist. Am besten 
habe ich noch die von Rostaing gefunden. 

van Geldern (Amsterdam): Ich habe gefunden, dass die 
von Rostaing gefertigte Plombe in vielen Fällen einen Vorzug 
vor Gold hat, und würden Sie daher auch in den Fällen, wo wir 
Amalgam benutzen, dieselbe anwenden können. 

Schneider (Plauen): Lohnt es sich der Mühe, diese Plombe 
anzuwenden, war die Frage des Collegen Flörke. Wir haben wohl 
noch nie eine Plombe gehabt, die sich nach vierjährigem Gebrauch 
so allgemein eingeführt hat, wie diese. Wenn wir verschiedene 
Resultate erzielen — liegt es wirklich immer an der Plombe? 
Nicht jederzeit arbeitet man unter gleichen Verhältnissen. Es 
spielen da verschiedene Factoren eine Rolle, und ich glaube, dass 
wir aus dem Gesammtresultat der Erfolge mit dieser Plombe einen 
ganz günstigen Schluss ziehen können. 

Koch (Giessen): Ich habe eine Rostaing’sehe Plombe vier 
Jahre im Munde und beisse damit die härteste Nahrung. 

Schreiter (Chemnitz): Ich schliesse mich dem Collegen 
Flörke an. Ich mache diese Füllungen auch nicht überall; bei 
Kauflächen ziehe ich ein gutes Amalgam vor. Ich betrachte sie 
immer als eine provisorische Füllung. 


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Präsident Dr. Klare: Meines Erachtens handelt es sich 
darum, festzustellen, oh wir von den Zinkphosphatfüllungen — 
mögen sie nun aus dieser oder jener Quelle sein — eine haben, 
die die bisherige Chlorzinkfüllung übertrifft, und die die Gold¬ 
füllung unter Umständen ersetzt. Ob wir Goldfüllungen einsetzen 
können, hängt nicht immer von unserem Willen ab. Es giebt 
Patienten, die die Ausgabe für Goldfüllungen scheuen. Wenn wir 
also eine andere Füllung haben, die auf eine Reihe von Jahren 
intact bleibt, so haben wir eine grosse Hilfe gefunden. Die Zeit 
der Anwendung ist ja noch kurz — es sind vier bis fünf Jahre —, 
aber College Koch ist ja ein lebendes Beispiel für die Unanfecht¬ 
barkeit dieser Füllung. Also wenn Sie bis jetzt durch diese 
Füllung, wo Gold nicht angewendet werden kann, soll und darf 
— denn wir müssen auch auf die Patienten Rücksicht nehmen, 
die nicht mit 20 — 40 Mark um sich werfen können — einen 
Ersatz gefunden haben, so ist das immer ein sehr anerkennens- 
werther Vortheil für die zahnärztliche Praxis. 

Koch (Giessen): Sobald ich allerdings die Plombe bei seit¬ 
lichen Flächen mit Zahnfleisch in Berührung bringe, versagt die 
Füllung ihren Dienst. Bei anderen Flächen bringt man keine 
fester als die Phosphatplombe. 

Dr. Hartung (Rudolstadt): Es kommt in der Hauptsache 
darauf an, dass man sie in der gehörigen Plasticität in Anwendung 
bringt. Es lässt sich das nicht beschreiben, das muss man fühlen. 

Präsident Dr. Klare: Ich möchte bemerken, dass dieses 
schnelle Erhärten,‘Warmwerden und späteres Zerbröckeln seinen 
Grund darin hat, dass zu viel Orthophosphorsäure darin ist. Es 
ist nicht Pyrophosphorsäure, sondern ein Gemisch von Meta- und 
Orthophosphorsäure. 

Grün er t (Berlin) zeigt einen nach Schiltsky angefertigten 
Obturator vor. Herr Dr. Grunert theilt Folgendes über den Obtu¬ 
rator mit. 

Der enthusiastische Beifall, den der von Herrn Schiltsky 
(Berlin) construirte weiche Obturator auf dem Chirurgen-Congress 
zu Berlin am 9. April hervorrief, veranlasste mich, der Sache 
näher zu treten. 

Ich erkundigte mich bei Herrn Schiltsky, ob er, da sich 
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392 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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derselbe diese Erfindung nicht hat patentiren lassen, geneigt wäre, 
mir die näheren Details, sowie die Technik derselben mitzutheilen. 
Der genannte Herr machte mich auf alle Vorzüge aufmerksam 
and zeigte mir bereitwilligst die Anfertigung derselben. Da ich 
gerade in der glücklichen Lage war, einen Obturator anfertigen 
zu müssen, so machte ich diesen nach der Schiltsky’schen An¬ 
gabe. Das Resultat war ein glänzendes und veranlasste mich, 
einen solchen Obturator auf dem Congress deutscher Zahnärzte 
am 1. August vorzuzeigen. Für diejenigen Herren Collegen, die 
diesen Obturator noch nicht gesehen, will ich hier mit wenigen 
Worten eine Beschreibung desselben geben. 

Dem Aeusseren nach ist der Schiltsky’sche Obturator genau 
wie der Süersen’sche gestaltet, welchen letzteren ich als bekannt 
voraussetze. Nur besteht ein Unterschied bezüglich des Materiales, 
von dem der den Defect ausfüllende Pflock gearbeitet ist. 
Während beim Süersen’schen Obturator sowohl die Gaumen¬ 
platte als auch der Pflock aus gehärtetem Kautschuk besteht — 
analog den gewöhnlichen Gebissplatten —, besteht beim Schiltsky’¬ 
schen Obturator nur die Gaumenplatte aus diesem Materiale, der 
Pflock aber aus hierzu präparirtem, elastischen Weichgummi. 
Dieser Pflock ist hohl und seine Wände dünn, etwa von der 
Stärke einer dünnen Münze. Er stellt somit ein mit Luft ge¬ 
fülltes Bällchen dar, welches an allen Seiten leicht eindrückbär 
ist und beim Nachlassen des Druckes in seine alte Form zurück¬ 
springt. Die in dem Pflock enthaltene Luft ist von der äusseren 
Luft absolut abgesperrt, so dass beim Eindrücken einer Seite des 
Pflockes eine andere, vom äusseren Drucke freie Seite sich aus¬ 
dehnen muss. Dieses letztere ist wohl zu beachten, um die 
Wichtigkeit dieser Erfindung ganz zu erkennen. Die Beurtheilung 
dieser Erfindung wird am meisten erleichtert werden, wenn wir 
uns vergegenwärtigen, wie ein Obturator beschaffen sein müsste, 
um allen Anforderungen zu genügen. Vor allen Dingen verlangt 
man, dass der Obturator den Defect genau ausfüllt. Letzteres 
wird nie so gut durch einen harten wie durch einen weichen 
Pflock erzielt werden können, und muss dieser so weich sein, dass 
die Muskeln die Kraft haben, selbigen zusammenzudrücken; selbst¬ 
verständlich muss er auch in seine alte Form zurückspringen. 
Dass ein weicher Pflock besser abschliesst, als ein harter, steht 


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unstreitig fest, und namentlich wenn er die Bewegungen der 
fehlenden resp. unthätigen Muskeln übernimmt. Ja selbst in dem 
Falle, wo der M. constrict. pharyngis sup., dieser für die Sprache so 
wichtige Muskel, auf dessen Thätigkeit allein der Süersen’sche 
Obturator basirt, durch Narbencontraction oder irgend einen 
anderen Umstand unthätig ist, kann ein weicher Pflock, wie ihn 
Herr Schiltsky construirt hat, immer noch das Cavum pharyngis 
nasale vom Cav. pharyng. orale absperren, weil durch seitliches 
Eindrücken des Pflockes, durch die Reste der Muskeln des Palatum 
molle, die hintere freie Wand desselben sich ausdehnen und dabei, 
analog dem natürlichen Yelum, an den M. constrict. anlegen muss. 
Hierauf ist auch wohl hauptsächlich der glänzende Erfolg dieses 
neuen Obturators zurückzuführen, da bei normal functionirendem 
M. constrictor dieser gleichsam ein ihm entgegenkommendes Yelum 
vorflndet. Auch kann aus diesem Grunde der Raum zwischen 
dem M. constrictor und dem Pflocke etwas grösser sein, als bei 
Obturatoren mit hartem Verschlüsse. Die Luft hat dadurch bei der 
Aussprache der Consonanten M und N, sowie beim Athmen durch 
die Nase eine grössere Communicationsöffnung, was für die Sprache 
und die Bequemlichkeit des Patienten ein nicht hoch genug anzu¬ 
schlagender Vortheil ist. Die Sprache, die durch einen sicheren 
Abschluss erzielt wird, muss eine angenehmere, wohlklingendere 
sein. Man kann sich hiervon sehr gut überzeugen, wenn man 
einem Patienten zwei Obturatoren anfertigt, einen harten und 
einen weichen. Mit der Sprache geht eine so colossale Ver¬ 
änderung vor, dass derjenige, welcher den Patienten sprechen hört, 
ihn aber nicht sieht, glaubt, es wären zwei, da die Stimme bei 
dem Obturator mit weichem Pflocke viel heller, reiner und klang¬ 
voller wird, als bei dem mit hartem Pflocke. 

Von ausserordentlichem Vortheil ist das bedeutend geringere 
Gewicht, denn der Patient ist durch die Leichtigkeit des Obtu¬ 
rators gar nicht mehr genirt, als durch eine gewöhnliche Zahn¬ 
piece, da der Pflock so leicht gemacht werden kann, dass sein 
Gewicht nicht in Betracht kommt. Man bedenke das Ueber- 
gewicht bei nur einigermaassen grossen Obturatoren aus hartem 
Kautschuk, selbst wenn dieselben hohl und dünn gearbeitet sind. 
Häufig gelingt es dem erfahrensten Fachmann nicht, der Schwere 
wegen einen Obturator zu befestigen; es fehlt z. B. ein grösseres 

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394 Bericht aber die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Stack des Velum palatinam, welches ersetzt werden soll, aber es 
befindet sich im Oberkiefer kein Zahn, woran ein Ersatzstack be¬ 
festigt werden kann. Hier werden Viele erwidern, sie bringen 
Federn an. Wer aber jemals einen Obturator mit Federn gemacht hat, 
wird die hiermit verbundenen Um- und Uebelstände zu würdigen 
wissen; sehr häufig sogar wird es unmöglich sein. Die weichen 
Obturatoren können ihrer Leichtigkeit wegen wie jedes Sauge¬ 
gebiss getragen werden. Sollte das Palatum durum ebenfalls ge¬ 
spalten sein, so kann man den Pflock mit abergreifenden Rändern 
anfertigen, ohne dass dadurch die Ränder des Defectes irritirt 
oder verdrängt werden, denn der Pflock wird sich beim Einsetzen 
leicht zusammenpressen lassen und in richtiger Lage wieder seine 
ursprüngliche Gestalt annehmen. Von ebenso grosser Wichtig¬ 
keit ist, dass die Schleimhäute durch das zartere Material und 
die Weichheit nicht gereizt werden. So sehen wir bei den harten 
Ersatzstücken schon nach ganz kurzer Zeit mehr oder weniger 
ausgeprägte Anginen auftreten, was bei den weichen noch nicht 
beobachtet und wohl ausgeschlossen ist. Ferner ist von ausser¬ 
ordentlicher Tragweite, dass der Defect durch Druck nicht erweitert 
wird, was bei den harten Obturatoren immer geschieht. Ein 
jeder Obturator muss auch daun genau an die Reste des Gaumen¬ 
segels schliessen, wenn dieses erschlafft ist. Wenn sich nun beim 
Sprechen die Muskeln contrahiren, so werden sie mit einer ge¬ 
wissen Kraft auf den Pflock einen Druck ausüben. Der weiche 
Pflock wird keinen Widerstand leisten, sondern einer jeden Muskel¬ 
zugänderung sich accomodiren; der harte aber giebt nicht nach, 
und werden infolge dessen bald die Muskeln nachgeben müssen. 
Hierdurch aber verliert der Verschluss an Dichte und zieht die 
hieraus resultirenden bekannten Uebelstände nach sich, denn wenn 
ein solches genau schliessen soll, so muss es so gross sein, dass 
die Muskeln in der Contraction denselben mit einer gewissen Kraft 
umschliessen. Dieselben werden letzteres nicht lange thun, denn 
da der Pflock nicht nachgiebt, so geben sie nach. Dann dürfen 
wir auch den Reiz, welcher durch die Unnachgiebigkeit des harten 
Pflockes nothwendigerweise entstehen muss, und dessen Folgen 
nicht unterschätzen. Der grösste Vorzug von der chirurgischen 
Seite ist, dass die weichen Obturatoren auch da getragen werden 
können, wo die Stapbylorrhaphie ausgeführt ist, ohne das Velum 


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wieder zu trennen. Es ist doch recht grausam fiir den Patienten 
und deprimirend für den Operateur, wenn er das, was er mit 
vieler Mühe geschaffen hat, wieder vernichten muss, um einen 
Obturator einsetzen zu können, denn ein vollkommener Erfolg 
durch die Operation ist doch höchst selten. Die meisten Chirurgen 
hatten dieselbe sogar schon ganz aufgegeben. Anders verhält es 
sich jetzt. Der Patient kann nun operirt werden, was auf das 
Selbstgefühl des Patienten, einen normal gebildeten Gaumen zu 
besitzen, und auf seine psychische Entwickelung eine ausserordentlich 
günstige Wirkung ausübt. 

Harte Obturatoren könnten nur in den allerseltensten Fällen 
und dann auch nur ganz kurze Zeit getragen werden, wo die 
Staphylorrhaphie ausgeführt ist. Es ist mir sogar noch kein Fall 
in der ganzen Literatur bekannt, wo es geglückt wäre. Erstlich 
verursachten sie beim Einsetzen, wenn dieses überhaupt möglich ist, 
den heftigsten Thränenreiz, sodann erweitern und erschlaffen sie 
das neugebildete Gaumensegel in ganz kurzer Zeit, so dass man 
effectiv gar Nichts erreicht hat. Der weiche Obturator hingegen 
führt sich mit Leichtigkeit ein, indem der Pflock, wie schon einmal 
oben beschrieben, sich leicht zusammenpresst und in situ wieder 
in seine richtige Gestalt zurückspringt. 

Zu bewundern ist, dass diese für uns so wichtige Erfindung 
noch gar nicht bekannt und in keinem zahnärztlichen Blatte etwas 
hierüber zu finden war, trotzdem dieselbe schon 1879 in den chirur¬ 
gischen Kreisen (siehe die Inaugural-Dissertation von Dr. Ernst 
Ostermann vom 23. August 1879, sowie „Klinische und medi- 
cinische Wochenschrift“ vom Mai 1880) bekannt war. 

Die Herstellungsweise werde ich im Januarhefte 1881 ver¬ 
öffentlichen. 

Dr. Hartung (Rudolstadt): Ich habe in neuerer. Zeit zwei 
solcher Fälle behandelt. Beide betrafen Knaben, der letztere war 
12 Jahre alt. Den Obturator habe ich ganz nach unserer alten 
Methode, also mit harter hinterer Fläche angefertigt. Als der 
Junge ohne Obturator lesen sollte, verstanden wir in demselben 
Zimmer kaum ein Wort, als wir ihn aber mit dem Obturator in 
das andere Zimmer geschickt hatten, konnten wir jedes Wort 
verstehen. Ich weiss nicht, welchen Vortheil es haben soll, dass 


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396 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

der hintere Theil weich ist Wie lange es halten wird, wollen 
wir erst abwarten. 

Dr. Grünert (Berlin): Wir haben sehr oft gefunden, dass 
bei harten Obturatoren die Weichtheile sich erweitern. Bei diesen 
ist die Möglichkeit gegeben, dass der Spalt sich verengern kann. 

Dr. Hartung (Rudolstadt): Dann war er zu gross, wenn 
er sich erweitert hat. 

Dr. Grunert (Berlin): Sie bringen aber einen harten Obtu¬ 
rator nicht hinein ohne Thränenreiz und Schmerzen. 

(Widerspruch.) 

Dr. Hartung (Rudolstadt): Sie Alle kennen die Versuche, 
die wir gemacht. Wir haben weichen Kautschuk aufgelegt. Wer 
macht das noch? Niemand. 

Präsident Dr. Klare (Leipzig): Dieser Gegenstand scheint 
Interesse zu erregen, sollte noch etwas Zeit sein, so werde ich ihn 
noch einmal auf die Tagesordnung bringen. 

Für heute Schluss der ersten Sitzung. 


Zweiter Sitzungstag, am 3. August 1880. 

Vor der Tagesordnung demonstrirt Herbst (Bremen) eine 
neue Goldfüllungsmethode. Herr Goltz (Lehr) zeigte einen neuen 
Spritzapparat (konnte vom Schriftführer nicht genau notirt werden, 
weil Andrang zu gross war). 

In Ermangelung eines Patienten, den Herbst der Versamm¬ 
lung hätte vorführen können, nahm er die Demonstrationen an 
einem in Gips gestellten Molaris vor, dessen ausnehmend grosse 
Cavität (Centralhöhle) sich bis auf den Boden der Pulpa erstreckte. 
Vom Vortragenden wurde besonders darauf hingewiesen und her¬ 
vorgehoben, dass seiner festen Ueberzeugung nach die Güte einer 
Goldfüllung nicht nach der Massivheit des oft sehr sorgfältig ge¬ 
hämmerten Goldes geschätzt werden könne, hierauf lege er nicht 
so grosses Gewicht, sondern nach dem genauen Anschlüsse des 
Goldes an den Wandungen und nach dem luftdichten Verschlüsse 
der Höhle. Hierauf wurde der Zahn mit dem Wolrab’sehen 


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nicht adhäsiven Golde Nr. 3 (Bremer Fabrikat) zum Theil aus¬ 
gefüllt, und zwar ohne jede Anwendung des Hammers, lediglich 
mit der Pincette und Handstopfer. Die Dichtung des Goldes wurde 
mit den von Herrn Herbst construirten bimförmig - spitzen In¬ 
strumenten bewerkstelligt, welche mittelst der Bohrmaschine in 
Rotation versetzt werden. Der hiernach entstandene spitz zulau¬ 
fende Raum wurde alsdann ausgefüllt und abermals Gold darüber 
gelegt und mittelst der Instrumente gedichtet. So wurde fort¬ 
gefahren, bis die Schmelzschicht nahezu erreicht war. Der obere 
Theil der Höhle wurde mit adhäsivem (geglühtem) Golde aus¬ 
gefüllt Nach dem Finiren und Poliren des Goldes wurde der 
Gipsmantel entfernt und der Zahn dann gesprengt. Die Füllung 
zeigte sich den Anforderungen genau entsprechend, und waren 
alle Contouren der Wandungen sehr scharf abgeformt. — Noch 
wurde einer ähnlichen Art von Instrumenten Erwähnung gethan, 
welche namentlich bei seitlichen Cavitäten der Vorderzähne zur 
Anwendung kommen. Nachdem das Gold mit Handstopfer gehörig 
gedichtet und die Höhle überfüllt ist, wird' das rotirende, schlank¬ 
spindelförmige Instrument zwischen die betreffenden Zähne ein¬ 
geführt und langsam vorwärts bewegt. Nach dem Princip des 
seitlichen Druckes wird das Gold fest in die Cavität hineingedrängt. 
Eine solche nach Herbst’s Methode hergestellte Füllung erfor¬ 
dert nur wenig Zeit bei guter Ausführung, und ist dies allein 
schon ein grosser Vorth eil zu nennen. 

Um 9 V 4 Uhr eröffnet der Präsident Dr. Klare die zweite 
Sitzung und macht zunächst dem Vereine die erfreuliche Mitthei¬ 
lung, dass ein bedeutender Zuwachs dem Vereine geworden ist; auf¬ 
genommen wurden 

Schmidt (Strassburg), 

Montigel (Chur in der Schweiz), 

Dr. Zimmerman (Berlin), 

Lippold jun. (Rostock), 

Kolmarr (Karlsruhe), 

Barbe (Berlin), 

Gutmann (Elbing), 

Grünbaum (Berlin), 

Heinrich (Dessau), 

Stiekler (Würzburg), 


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398 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Häseler (Braunschweig), 

Richter (Stettin), 

König (Mainz), 

Bickel (Berlin). 

Präsident Dr. Klare: Wir können uns über diesen Zuwachs 

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freuen, der sich wahrscheinlich noch mehren wird, da mir heute 
Morgen schon wieder zwei Anmeldungen zugegangen sind. Als¬ 
dann ist unserem Vereine noch ein Geschenk gemacht worden 
von unserem Coli egen Weber in Nizza. Er hat uns für die 
Bibliothek eine Anzahl älterer Werke aus der französischen und 
englischen zahnärztlichen Literatur geschenkt. Wir haben gewiss 
alle Ursache, uns darüber zu freuen, dass er unserer in solcher 
Weise gedacht hat, und sie gestatten wohl, dass ich ihm im 
Namen des Vereines mit einigen Zeilen Dank sage. 

Nun bitte ich unseren Collegen Kahnd, uns die Her- 
stelluDgsweise von Emailleblöcken zum Ersätze von Defecten 
an den labialen Flächen der Alveolarränder zu demonstriren. 

Kahnd (Glauchau): Eine Hauptaufgabe der Zahnersatzkunde 
ist, dass alle zu ersetzenden, dem Auge sichtbaren Theile in Form 
und Farbe sich ihrer Umgebung genau anpassen. 

Die künstlichen Zähne werden nun jetzt in einer Vollkom¬ 
menheit hergestellt, dass hier wenig oder gar Nichts zu wünschen 
übrig bleibt. Wir haben aber auch ausser den Zähnen sehr oft 
das Zahnfleisch resp. die resorbirten Alveolarränder zu ersetzen, 
und auf diesen Gebieten — darin wird wohl Jeder mit mir über- 
einstimmeü — befinden wir uns noch recht in den Kinderschuhen. 
Hier ist ein Fortschritt dringend nothwendig, denn unsere rosa¬ 
farbenen Kautschuke haben doch auch nicht die geringste Aehn- 
lichkeit mit dem Zahnfleische. 

Man hat sich in der neueren Zeit viel Mühe gegeben, zahn¬ 
fleischähnliche Kautschuke zu machen. So hat Poulson in. der 
letzten Zeit einen in Handel gebracht, welcher zwar eine recht 
hübsche rosa, — schöner wie alle bis dahin bekannten —, aber 
doch nicht zahnfleischähnliche Farbe hat. 

Dasselbe ist auch mit dem Celluloid der Fall, welches in der 
neueren Zeit als Fassungsmittel für künstliche Zähne benutzt wird. 


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Im Anfänge durch seine Transparenz recht lebhaft aussehend, wird 
es nach kurzem Tragen im Munde schmutzig roth. 

Etwas besser, aber durchaus nicht genügend, ist der Ersatz 
durch sogenannte Zahnfleischzähne (richtiger Blockzähne); dieselben 
haben wenigstens eine dem Zahnfleische ähnliche Farbe und sehen 
lebendig aus, aber desto mehr hat man hier mit der Form zu 
kämpfen. Am besten'sind dieselben da zu gebrauchen, wo man 
bei vollständig resorbirtem Alveolarkamm sämmtliche Zähne zu 
ersetzen hat; wo dann aber ungleich vorgeschrittene Resorptions- 
processe vorliegen oder noch hie und da einige Zähne stecken, 
da bringe ich es wenig oder gar nicht in Anwendung. 

Und selbst da, wo man sie noch benutzen kann, werden 
immer an den Stellen, wo die Blöcke zusammenstossen, Fugen 
sich bemerkbar machen., sie mögen noch so scharf an einander 
geschliffen und alle Hilfsmittel (z. B. Goldfolieunterlagen u. s. w.), 
um dieselben zu vermeiden, herangezogen worden sein. 

Ein Gleiches war es auch mit der auf der Jahresversamm¬ 
lung des Centralvereines deutscher Zahnärzte in Berlin im Jahre 
1871 von College Hagelberg demonstrirten Methode: Kaut¬ 
schukgebisse mit Emaille zu überziehen. 

Er fertigte zu diesem Zwecke porzellanartige Platten, welche 
eine dem Zahnfleische ähnliche Emaille auf ihrer Oberfläche 
hatten. Diese Platten entsprachen ungefähr der Form des äus¬ 
seren Kieferrandes und waren für je einen Kiefer in vier Stücke 
getheilt, deren Theilungsstelle sich zwischen dem mittleren Schneide¬ 
zähnen und jederseitig zwischen den ersten und zweiten Bicuspis 
befand. Den verschiedenen Grössen der Kiefern entsprechend, 
mussten natürlich auch verschiedene Nummern dieser Platten vor- 
räthig gehalten werden, die seiner Zeit Pappenheim zum Ver¬ 
kaufe hatte. 

Die hinteren Flächen waren rauh, damit sie an dem Kaut¬ 
schuk, in welchen dieselben gleich mit einvulcanisirt wurden, fest 
haften konnten. 

Auch für den Zungeutheil wurden Platten von Hagelberg 
angefertigt. 

So sehr ich auch die Mühe anerkenne, die sich College 
Hagelberg gegeben hat, um etwas Besseres zu schaffen, so 
konnte sich seine Methode doch nicht allgemeinen Eingang in die 


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400 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Praxis verschaffen, gleich den Zahnfleischzähnen, weil eben auch 
hier wieder die verschiedenen Formen und Kiefer hindernd in den 
Weg traten. 

Eine weitere unangenehme Seite war, dass an den halbrunden 
Ausschnitten für die Zahnhälse doch sehr leicht der Kautschuk 
durchdringen konnte. 

Hauptsächlich aus letzterem Grunde musste die Anwendung 
noch eine beschränktere als bei den Zahnfleischzähnen sein. 

Und es lag nun eigentlich so ziemlich nahe, dass, wollten wir 
hier etwas Besseres erreichen, unser Streben dahin gerichtet sein 
musste, uns in den Stand zu setzen, die Blöcke dem vorliegenden 
Modelle genau entsprechend selbst anfertigen zu können. 

Es erwähnt nun zwar schon Allen (siehe Richardson’s Zahn¬ 
technik), auch Parreidt (in seinem trefflichen Werke über Zahn¬ 
ersatzkunde) etwas daraufhin, aber nach dem dort angegebenen 
Verfahren dürfte kaum viel zu erreichen sein. 

Ich begrüsste es daher mit Freuden, als uns Fletcher in 
Warrington den kleinen Muffelofen für Continuous gum work 
construirt hatte, und als ich mich mit demselben und den zur 
übrigen Arbeit nöthigen Utensilien versehen, ging ich an die Ar¬ 
beit, fertigte einige ganze emaillirte Platinagebisse (diese Ar¬ 
beit demonstrirte ich schon einmal auf einer Versammlung des 
osterländisch-zahnärztlichen Vereins im Juli 1879), richtete aber 
mein Hauptaugenmerk auf die Anfertigung von Emailleblöcken ohne 
Platinaunterlage. 

Ich habe nun seit ungefähr März 1879 darin gearbeitet, 
und habe jetzt zu meiner grossen Freude recht hübsche Resultate 
erzielt. Ebenso berichtet mir College Schreiter in Chemnitz, 
welcher auf meine Veranlassung hin in der letzten Zeit sich damit 
beschäftigt hat, dass auch er ganz hübsche Erfolge erzielt hat. 
Ein derartig angefertigtes Stück macht natürlich mehr Arbeit als 
ein gewöhnliches Kautschukgebiss, aber dasselbe genügt dann auch 
allen Anforderungen, die der Patient an ein Gebiss zu stellen 
berechtigt ist. Man wird nun zwar als Nachtheil die länger 
dauernde Arbeitszeit hervorheben, aber ich bin der Meinung, dass 
es ein grosser Fehler ist, wenn man immer die Kürze der Ar¬ 
beitszeit als bestimmenden Factor für die Wahl der Methode 
hinstellt. 


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Das Verfahren selbst ist folgendes: 

Nachdem wir gewöhnlich einen Abdruck genommen, fertige 
ich mir zwei Modelle an: eines aus Gips und ein anderes aus 
Gips-Sand, dem ich etwas Asbest zusetze. 

Hierauf modellire ich das Gebiss auf dem Gipsmodell, nur 
mit der Abweichung, dass ich das Wachs nicht bis an die Cram- 
pons gehen lasse, dieselben müssen vollständig rein und frei 
bleiben. 

Nachdem nun die richtige Assimilation erzielt und das Stück 
anprobirt ist, setze ich es auf das zweite, aus Gips und Sand 
bestehende Modell, befestige es an dasselbe, indem ich zuerst mit 
einem heissen Messer das an der labialen Seite aufgelegte Wachs an 
das Modell schmelze, sodann die zur Anprobe nöthige Gummiplatte 
abschneide und auch hier das Wachs anschmelze, damit die Zähne 
und deren Wachsbasis fest an dem Modelle sitzen. 

Ist dieses nun geschehen, so giesse ich zuerst an die Cram- 
pons und dann über den Gaumentheil des Gipsmodelles einen 
dünnen Brei, ebenfalls aus Gips, Sand und Wasser mit etwas 
Asbest. Die Crampons müssen aber gut umflossen sein von dem 
Brei, damit sie fest in demselben haften, lasse es nun gut trock¬ 
nen und giesse sodann das Wachs durch heisses Wasser aus, und 
nun beginnt die eigentliche Emaillirarbeit. 

Man rührt zunächst etwas Körpermasse mit Wasser an (ich 
nehme Wasser, dem ein ganz klein Wenig Stärke zugesetzt ist, 
damit eine bessere Bindung dieses Breies hergestellt wird, erstens 
lässt es sich besser modelliren, und zweitens bröckelt es auch nicht 
ab), und zwar etwas dünn, dann trägt man dieselbe durch einen 
Kameelhaarpinsel auf das Gipsmodell auf. Ich betone nochmals, 
der Brei muss anfangs dünn sein, damit er in alle Vertiefungen 
leicht eindringen kann; das etwa hervortretende Wasser trocknet 
man durch Auflegen von Fliesspapier ab, drückt dann mittelst 
eines reinen flachen Instrumentes die Masse fest an das Modell 
an, damit keine Luftblasen mehr da sind, und fährt dann mit Auf¬ 
trägen fort, bis der ganze Defect mit Körpermasse ausgefüllt ist. 

Die Zähne müssen vollständig rein gehalten werden; etwaige 
Auflagerungen sind durch Ueberstreichen mit einem trockenen 
Kameelhaarpinsel zu beseitigen. 

Hat man sich nun überzeugt, dass der Defect genau ersetzt, 


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402 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

die Zähne gereinigt und die aufgetragene Körpermasse trocken ist, 
setzt man das Modell in die kalte Muffel (wie schon bemerkt, be¬ 
diene ich mich des Fletcher’schen Muffelofens) und nicht, wie 
vielfach bemerkt wird, in die heisse Muffel, da sonst leicht die 
Körpermasse abspringt, und lässt es ungefähr eine Stunde bren¬ 
nen. Die Zeit wird natürlich von verschiedenen Sachen abhängig 
sein, ich erinnere nur an den verschiedenen Druck in der Gas¬ 
anstalt Ist es geschmolzen — und dies erkennt man im Ofen 
manchmal schwer, aber bei etwas Uebung wird man schon die 
glänzende Oberfläche desselben bemerken — lösche ich die Flamme 
aus und lasse den Ofen erkalten, ehe ich es heraus nehme. 

Sollten sich nun ein oder mehrere starke Risse zeigen, so müsste 
man dieselben mit Körpermasse ausfüllen und noch einmal brennen. 
Ich habe das in der neuern Zeit nie mehr nöthig gehabt, seit ich die 
Masse recht fest an das Modell gedrückt habe; je leichter sie auf¬ 
getragen, desto eher springt sie. 

Auch möchte ich auf einen mitunter vorkommenden Uebel- 
stand aufmerksam machen, es ist dies das Blauwerden der Körper¬ 
masse während des Brennens. 

Ich hatte eines Tages, während ich den Ofen heize, Thüre 
und Fenster geschlossen, und im Zimmer entwickelte sich eine 
ganz gewaltige Hitze und Gasdunst, und als ich in den Ofen 
sehe, ist das ganze Ding blau. Ich wechsele sofort die Muffel, 
fertige dasselbe wieder an, brenne es wieder unter denselben 
Verhältnissen bei geschlossener Thüre und Fenstern, Gasdunst 
und bekomme ebenfalls wieder blaue Körperraasse, bis ich hei 
dem dritten Male wohl den sich ansammelnden Gasdünsten die 
Schuld gebe, Fenster und Thüren öffne, und seitdem ich das 
mache, habe ich nie wieder diese Unannehmlichkeit gehabt. 

Ist nun die Körpermasse genügend gebrannt, so geht man an 
das Aufträgen der Emaille; dieses geschieht in ganz ähnlicher 
Weise, wie das Aufträgen der Körpermasse. Ich rühre diese 
auch mit Stärkewasser an, trage sie je nach der Tiefe des Ro¬ 
thes etwas stärker oder schwächer auf, lasse sie trocknen und 
brenne sie, wie oben beschrieben; die Brennzeit ist in der Regel 
eine etwas kürzere als bei der Körpermasse. 

Ist sie gebrannt, so lässt man sie wieder ahkühlen. Am besten 
thut man, wenn man gegen Abend brennt und über Nacht ah- 


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kühlen lässt. Dann schleift man etwaige Rauhigkeiten glatt und 
legt sie wieder auf das erste Gypsmodell und sieht, ob sie passt. Ist 
das der Fall, so fasst man sie in Kautschuk, und man bekommt 
ein Gebiss, welches Einem selbst Freude macht. 

Ich glaube, dass mit der Zeit das Verfahren noch ein ein¬ 
facheres werden kann, vorzüglich wenn wir noch eine Emaille be¬ 
kommen, welche leichter fliesst. (Fletcher hat uns bereits ver¬ 
sprochen, eine solche Emaille zu bereiten.) Aber am ersten ist 
das zu erzielen, wenn alle Coli egen, die dieses Verfahren bei sich 
eingeführt haben, ihre Erfahrungen, die sie damit gemacht haben, 
uns in der Vierteljahrsschrift mittheilen. 

Es folgt nun der bereits vorn abgedruckte Vortrag von 
C. Sauer: Ueber die praktische Ausbildung der Stu- 
direnden der Zahnheilkunde. 

Präsident Dr. Klare: College Flöhrke wollte die Güte haben, 
in Kürze uns einen kleinen Apparat vorzuführen. 

Flöhrke (Bremen) demonstrirt und zeigt vor: 

1 ) Einen Wassermotor, dazu bestimmt, an Stelle der White’- 
schen Bohrmaschine dieselben Functionen wie diese zu verrichten. 
Der Wassermotor erfordert einen Wasserdruck von nur 1 bis l 1 /* At¬ 
mosphären, welche man sich demnach entweder durch eine communale 
Wasserleitung verschaffen muss oder mittelst einer einfachen Vor¬ 
richtung durch Anbringen eines mit Wasser gefüllten und mit 
zuleitendem Gummischlauche versehenen Zinkkastens, etwa auf dem 
Hausboden angebracht, erreicht. Der Wassermotor ist eine ingeniöse 
Erfindung des Maschinen-Ingenieurs A. Schmidt in Zürich und 
hat den Vorth eil, dass man stundenlang ohne die geringste An¬ 
strengung mit ihm zu arbeiten vermag, was bei vielbeschäftigten, 
schwachen oder älteren Herren ein nicht zu unterschätzender Vor¬ 
theil ist, abgesehen davon, dass man beim Arbeiten nur die eine 
dirigirende Hand gebraucht und das Bohren u. s. w. nicht den 
jedesmaligen Tritt des Fusses, wie beim White’sehen Fussmotor, auf 
die Zahncavität überträgt, demnach bedeutend leiser arbeitet 
und weniger Reflexerscheinungen im Gefolge hat. Als Adnexe 
befindet sich am Schmidt’sehen Motor der obere Theil der 
White’schen Bohrmaschine mit Handstück. Der Motor kostet laut 
Preis-Courant ohne Adnexe ab Zürich 32 Mark. Der Motor ist nur 
da zu empfehlen, wo der Operationsstuhl des Zahnarztes in einer 


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404 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

bestimmten Entfernung von jenem fortwährend bleiben kann. Bei 
hinreichendem Wasserdruck lässt sich auch sehr gut eine Näh¬ 
maschine, Drehbank u. s. w. damit treiben. 

2 ) Eine Combination von pneumatischem Hammer mit Speichel¬ 
pumpe und Speichelreservoir, zu treiben mit Schmidt’schem 
Wasser- oder White’schem Fussmotor. Ein Excenter regiert 
zwei Luftpumpen, eine für den Hammer und eine für die Speichel¬ 
pumpe. Der Apparat arbeitet sehr zuverlässig und hat den Vorzug, 
dass der Schlag des Hammers höchst genau zu moderiren ist. Das 
Speichelreservoir kann behufs Entleerung leicht abgenommen und 
wieder eingeschaltet werden. Der Hammer hat den Vortheil des 
Kirby’sehen, dass man ihn immer erst auf einen Punkt des 
Goldes ruhig aufsetzen kann und nachher der Schlag erfolgt, 
wodurch man eher im Stande ist, an dünnen Seiten wänden zu 
arbeiten, ohne befürchten zu müssen, diese zu zerstören. Ueber 
Näheres steht auf gefällige Nachfrage der Demonstrator gern zu 
Diensten. 

Kühns (Hannover) zeigt einen in Göttingen hergestellten Zahn¬ 
spiegel vor und spricht dabei den Wunsch aus, dass die deutschen 
Instrumentenmacher möglichst unterstützt werden sollten. Ebenso 
hätten wir uns in unseren technischen Ausdrücken immer vom 
Auslande bestimmen lassen; lateinische und griechische Ausdrücke 
sind ja nicht zu verhindern, es giebt aber ein Wort, was wir Deutschen 
nicht gebrauchen sollten, nämlich das Wort Plombe, und er 
fordert daher auf, von hier aus zu beginnen, immer das richtigere 
deutsche Wort Füllung zu sagen. 

Präsident Dr. Klare: An diese Erklärung passt sehr gut 
der Vorschlag des Herrn Dentz, der eine einheitliche kurze 
Bezeichnung der Stellen und Krankheiten der Zähne bezweckt. 

Dr. Dentz (Utrecht): Meine Herren! Obgleich ich nicht die 
Ehre habe, Mitglied Ihres Vereins zu sein, so fühle ich mich doch 
veranlasst, Ihre Aufmerksamkeit zu erbitten für einen Gegenstand, 
der, wenn auch wissenschaftlich von keiner Bedeutung, doch Ihre 
Aufmerksamkeit, glaube ich, verdient. 

Seit längerer Zeit habe ich bei meinen Annotationen in der 
zahnärztlichen Praxis eine einfache, kurze Schreibweise eingeführt, 
von deren praktischem Werth ich mich täglich überzeugen kann. 
Vielleicht thut jeder meiner Collegen das Nämliche; doch wenn 


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wir Alle davon profitiren wollen, dann müssen wir uns gegenseitig 
verstehen können, wenn wir die Abkürzungen anwenden. Eine Ab¬ 
breviatur in zahnärztlichen Schriften soll allgemein eingeführt werden. 

Ich schreibe also 

I=Incisivus (im Plural I*) für einen Schneidezahn, 

C=Cuspidatus („ „ C 1 ) „ „ Eckzahn, 

B=Bicuspidatus („ „ B') „ „ Backenzahn, 

M=Molaris („ „ M 8 ) „ „ Mahlzahn. 

Zur weitern Andeutung folgt jetzt 1, 2 oder 3 (bei den Cus- 
pidaten natürlich keine Zahl). — 

Hierauf folgt: 

s=8uperior=oben (für einen Zahn des Oberkiefers), 
oder i—inferior = unten ( „ „ „ „ Unterkiefers). 

Dann: 

s=sinister=links (für einen Zahn der linken Gesichtshälfte), 
oder d=dexter=rechts ( „ „ „ „ rechten „ „ ). 

Gilt es Milchzähnen, dann folgt hierauf: 

T=temporarius. 

Wenn die Buchstaben allein stehen, bedeutet jetzt: 

(i die Mesial Fläche, 

8 „ Distal „ 
lb „ Labial „ 
lg „ Lingual „ 
m „ Mastical- oder Kaufläche. 

Für Grube gebrauche ich ein f=fovea, 

„Höcker „ „ „ t=tuberositas und setze diese 

Buchstaben nötigenfalls in Verbindung mit fi , 8, lb, oder lg in 
Parenthesi (), wobei also fi, 8, lb und lg nur mesial, distal, 
labial und lingual bedeuten. 

M. 2. s. d. T. m. (f. ft.) heisst also: Die Mesialgrube auf 
der Kaufläche des zweiten oberen rechten temporären Molaris. 

J. 2. i. s. lg. = die Lingualfläche des lateralen unterem linken 
Schneidezahnes. 

Wenn es Ihnen, meine Herren, geht wie mir, dann werden 
Sie, wenn in einem Aufsatze irgendwo die Rede ist von z. B. einem 
ersten oberen temporären Molar rechts, ersten oberen tempo¬ 
rären Molar rechts zweimal lesen müssen, um es sich recht 
deutlich zu machen, welchen Zahn der Schreiber meint, und zwar 


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406 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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deshalb, glaube ich, weil die Benennung eine zu lange ist. Wenn 
ich an das Wort „rechts“ gelangt bin, dann habe ich vergessen, 
ob es einem ersten oder zweiten Molar gilt, ob es ein oberer 
oder ein unterer war. Schreibe ich aber M 1. s. d. T., dann 
übersehe ich mit einem Blicke gleich, welchen Zahn es betrifft. — 
Ich brauche wohl nicht darauf näher einzugehen, dass es viel 
einfacher und bequemer ist, fünf Buchstaben niederzusetzen, wie 
die dreiunddreissig vom „ersten oberen temporären Molar 
rechts.“ — 

Die geehrten Herren Collegen werden es mit mir, setze ich 
voraus, richtig finden, die Anfangsbuchstaben der lateinischen 
Wörter (und ausnahmsweise zwei griechischen) zu verwenden; es 
gilt hier eine wissenschaftliche, anatomische Benennung, und gerade 
wie es in der Anatomie geht, soll auch hier, wenn wir einen ge¬ 
wissen Zahn u. s. w. andeuten wollen, ein Jeder uns gleich ver¬ 
stehen können, wenn wir die Abbreviatur gebrauchen. Die latei¬ 
nische Sprache ist die wissenschaftliche und neutral. 

Wir sollten daher darüber einig sein, ob es 

1 ) wünschenswerth ist, dass wir eine kurze, einfache, 
allgemein verständliche Schreibweise für die Bezeichnung 
der verschiedenen Zahngattungen, deren Flächen u. s. w. einführen; 

2) welche Buchstaben wir dazu verwenden; und 

3) in welcher Ordnung wir dieselben niederschreiben werden, 
um jeden Anlass zur Undeutlichkeit oder Verwechslung zu vermeiden. 

Sauer (Berlin): WirZahnärzte haben schon sehr lange Ab¬ 
kürzungen, welche sich, für den Privatgebrauch in der Praxis 
wenigstens, recht gut bewähren. Wer dieselben zuerst angegeben 
hat, kann ich augenblicklich nicht sagen. Sie beziehen sich darauf, 
deu Mund zu beiden Seiten der Mittellinie des Körpers sich durch 
einen senkrechten Strich in zwei Theile getrennt zu denken, und 
dann jeden dieser Theile in ein Oben und Unten durch eine wage¬ 
rechte Linie, also etwa so: +• Hierbei ist diese Figur |_ rechts 

oben, diese ~] links unten u. s. w. Die Zähne werden hierbei 
mit Zahlen bezeichnet, und zwar der der Mittellinie des Körpers 
zunächst gelegene Schneidezahn mit 1, der Weisheitszahn, welcher 
von der Mittellinie am entferntesten steht, mit 8. Es würde also 
1 1 heissen: grosser Schneidezahn links oben, oder |1T: zweiter 
kleiner Backenzahn rechts unten, oder |_3_: Augenzahn oben rechts, 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 40? 

oder T|: erster grosser Backenzahn unten links u. s. w. Es ist 
leicht cinzusehen, dass man dieser Bezeichnung auch leicht den 
Ort, wenigstens annähernd, beifügen kann, an dem man eine Ope¬ 
ration aasgeführt hat. 

Parreidt (Leipzig): Ich halte den Vorschlag Dentz’ für sehr 
wichtig, möchte aber zu bedenken geben, dass wir zum Gebrauche 
in der Literatur nicht zu kurze Zeichen vorschlagen dürfen, wenn 
wir hoffen wollten, dass unser Vorschlag allseitig angenommen 
wird. Ich bin der Meinung, dass wir streng unterscheiden müssen 
zwischen dem Gebrauche von Abbreviaturen in der Literatur und 
solcher in privaten Notizen. Jene müssen so beschaffen sein, dass 
ihr Sinn auch ohne dass sich jeder Einzelne in ein künstliches 
System vorher vertiefen muss, leicht verständlich ist; diese können 
nach einem künstlichen System ganz kurz abgefasst werden. Zum 
Gebrauche in der Literatur halte ich daher die Bezeichnung der 
Zähne mit blossen Buchstaben nicht für gerathen, Silben dagegen 
sind leicht verständlich und entbehren auch der nöthigen Kürze 
nicht. Wenn ich für „den rechten oberen centralen Schneidezahn“ 
inc. centr. sup. dext. setze, so wird Jeder sofort wissen, was 
ich meine, und diese Silben sind schnell geschrieben und leicht 
gelesen. — In analoger Weise sind folgende Abbreviaturen ver¬ 
ständlich: can. sup. sin.; mol. I inf. dext.; mol. n sup. sin. sap. 
sup. dext; hic. II inf. sin. u. s. w. (Statt Bicuspidatus möchte 
ich übrigens aus vergleichenden anatomischen Gründen lieber 
Praemolaris = praem. setzen.) Derartige Abbreviaturen kann Jeder 
verstehen, man kann sie daher auch in der Literatur gebrauchen. 

Kürzerer Zeichen kann man sich für den Privatbedarf be¬ 
dienen. Ich pflege jeden Fall meiner Praxis zu notiren, und zwar 
sehr specialisirt, bedarf dazu aber nur wenig Zeit, indem ich ein 
System solcher kurzen Zeichen mir entworfen habe und dasselbe 
befolge. Obgleich ich nicht hoffen kann, dass sich die geehrten 
Mitglieder in mein System ganz hineindenken werden, so will ich 
doch, um vielleicht dem Einen oder dem Andern Anregung zum 
sorgfältigen Notiren der Fälle zu geben, meine Privatabbreviaturen 
zum Theil mittheilen. 

Anstatt mit vier Buchstaben, wie College Dentz, bezeichne ich 
jeden Zahn mit nur drei. Dies ist leicht möglich, indem man 
grosse und kleine Buchstaben gebraucht. Für den Incisivus cen- 
xx. 


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408 Bericht tther die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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tralis setze ich ein I, für den lateralis i, für den ersten Praemo- 
laris P, für den zweiten p, für den ersten Molaris M, für den 
zweiten m. Zu diesen einfachen Buchstaben wird nur noch die 
Bezeichnung für inferior (i.) oder superior (s.) und dexter (d.) 
oder sinister (s.) gesetzt. M. s. d. heisst also Molaris primus 
superior dexter; m. s. s.: Molaris secundus superior sinister; P. 
i. d. heisst Praemolaris primus inferior dexter, p. i. s.: Praemolaris 
secundus inferior sinister. Analog sind leicht folgende Bezeich¬ 
nungen verständlich: I. s. d., i. s. s., c. i. d., s. i. s. Bei der 
Notirung prothetischer Fälle gebrauche ich dieses Schema: 

m. M. p. P. c. i. I. | I. i. c. P. p. M. m. 

m. M. p. P. c. i. I. | I. i. c. P. p. M. m. 

Habe ich z. B. fünf obere Zähne, etwa den ersten Mahlzahn und 

den seitlichen Schneidezahn rechts, links den centralen und late¬ 
ralen Schneidezahn und den ersten Praemolaris (oder Bicuspidatus) 
zu ersetzen, so wird einfach notirt: 

M. i. | I. i. P. 


In ähnlicher Weise, wie die einzelnen Zähne, bezeichne ich 
mir auch hei jedem Plombirungsfalle mit kurzen Zeichen die 
Lage am Zahne (I = Kaufläche, II = buccal oder lingual, III=mesial, 
IV = distal), die Ausdehnung der Höhle (1 = kleines rundes Loch, 
2 = grösseres Loch, das sich auf eine andere Fläche mit erstreckt, 
3=grössere Höhle, die nach oben hin sich unter das Zahnfleisch 
erstreckt, 4=alle vier Wandungen sind zerfallen) und die Tiefe 
der Cavität (a=Caries bis in die oberflächlichen Schichten des 
Dentins, ß— bis_etwa in die Mitte der Dentinschicht, (3=die 
Pulpa ist nahezu, aber nicht ganz exponirt. In diesem Stadium 
ist schon nichtleitender Schutz (Phosphat, Guttapercha, Carbol- 
gips u. s. w.) unter einer Metallfüllung nöthig; y=die Pulpa ist 
exponirt, aber nicht entzündet, die Ueberkappung indicirt; d=die 
Pulpa entzündet, Cauterisation indicirt; e=die Kanäle enthalten 
keine Pulpatheile mehr. 

Um ein Beispiel eines solchen Protokolls anzuführen, bezeichne 
ich mit folgender Formel p. s. d. III 2/3: „Praemolaris primus 
superior dexter, Caries auf der mesialen Seite, sich auf die Kau¬ 
fläche erstreckend und bis etwa in die Mitte der Dentinschicht 


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409 


reichend.“ Man wird an diesem einen Beispiel erkennen, wie viel 
Zeit durch solche Kürzungen erspart wird. 

Noch will ich bemerken, dass ich auch oft vorkommende 
Diagnosen und Füllungsmaterialien kurz bezeichne. Beispiele: 
n. =Periostitis, As.=Arsenik, 

G. = Gold, Cg. = Carbolgips, 

Am.=Amalgam, Cs.=Carboischwamm, 

Ox.=Zinkoxy Chlorid, Cat.=Catgut, 

Ph.=Phosphat, Rost. = Rostaing, 

Ga. = Guttapercha, Pouls.=Poulson, 

Lor. = Lorenz, 

Fl.=Fletcher, 

Eisf. = Eisfelder, 

Sl. = Slayton, 

Lip. = Lippold, 

Cu.=Kupferamalgam. 

Alle diese Zeichen sind mir ebenso nöthig, wie dem Chemiker 
seine chemischen Formeln. Allein ich darf wohl kaum hoffen, 
dass mein System allgemein und in der Literatur Anwendung 
finden wird. So leicht ich mich in dasselbe hineindenken kann, 
so schwer wird es wahrscheinlich jedem Anderen. Daher mag sich 
für den Privatgebrauch Jeder seine Kürzungen selbst erfinden; in 
der Literatur aber mögen solche Abbreviaturen gebraucht werden, 
die jeder Zahnarzt leicht versteht. 

Präsident Dr. Klare: Es handelt sich also darum, kurze 
Bezeichnungen für Gattung, Stellung und locale Beschaffenheit der 
Zähne zu finden, die in der Literatur zu verwenden sind. 

Wie jeder die Sache privatim anwenden will, ist seine Sache. 
Nöthig ist das Kreuz nicht, denn das würde immer den Text 
unterbrechen. Für den Text eignet sich entschieden besser die 
Verwendung der ersten Buchstaben oder der ersten Silben. Viel¬ 
leicht giebt einer, der sich dafür interessirt, einmal in der Viertel¬ 
jahrsschrift für Zahnheilkunde seine Meinung ah. Wir können ja 
dann dieses Thema das nächste Mal auf die Tagesordnung setzen. 
Eine Commission ad hoc niederzusetzen, ist meines Erachtens augen¬ 
blicklich nicht angezeigt. Wir müssen erst einmal Fühler aus¬ 
strecken, oh die Sache am Platze ist. 

20 Minuten Pause. 

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410 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

Präsident Dr. Klare: Meine Herren! Wir fahren mit den 
Verhandlungen fort. Ich ertheile das Wort Herrn Collegen Telschow. 

Dr. Telschow (Berlin): Ich danke Ihnen zunächst, dass Sie 
mir gestatten, diesen hydraulischen Apparat vorführen zu dürfen. 

Schon den alten Völkern ist der Ersatz verlorener Zähne 
durch künstliche bekannt gewesen. 

Dies beweist eine Aussage des Tacitus, der berichtet, dass 
es den Römern nur gestattet war, das Gold, welches sie im Munde 
hatten, mit ins Grab zu nehmen. Mit dem Golde, von welchem 
hier die Rede war, kann also nur das ihnen als Befestigung künst¬ 
licher Zähne dienende gemeint sein. 

Dass man zu jener Zeit schon Zähne mit Gold plombirte, 
darüber ist Nichts bekannt, wohl aber ist in Ueberlieferungen 
erwähnt worden, die koketten Römerinnen hätten falsche Zähne 
und falsche Haare getragen. 

Von dem Untergange des römischen Reiches an wurde die 
Zahnheilkunde Jahrhunderte hindurch nicht gepflegt; ihre Ent¬ 
wickelung ist deshalb eine sehr langsame gewesen. 

Die Franzosen waren das erste Volk, bei welchen Fort¬ 
schritte in unserer Kunst sichtbar wurden. Sie benutzten als Basis 
für künstliche Zähne Elfenbein, Hippopotamus (Nilpferdzahn) und 
Walross. Sie schnitzten sogar die künstlichen Zähne daraus. 
Dies Material entfärbte sich jedoch bald im Munde, deshalb be¬ 
festigte man auf der Knochenbasis Menschenzähne. In Deutschland 
stellte man in späterer Zeit, ebenfalls künstliche Gebisse auf diese 
Weise her (in vereinzelten Fällen trifft man sogar heutzutage noch 
solche an). 

Der scharfe Speichel zersetzte jedoch nach und nach auch die 
Knochenbasis, so dass man genöthigt war, seine Zuflucht wieder 
zum Golde zu nehmen, und befestigte nun Menschenzähne an 
goldenen Drähten, welche an die noch vorhandenen eigenen Zähne 
geklammert wurden. Da aber auch die Menschenzähne vom Spei¬ 
chel sehr zu leiden hatten, so suchte man auch dafür einen Er¬ 
satz und fand ihn in den Mineralzähnen, d. h. in den aus Erd¬ 
substanzen gefertigten. Man löthete sie an schmale Goldplatten 
und befestigte sie, wie vorhin beschrieben, an den vorhandenen 
Zähnen. Im Vergleiche zur heutigen Kunst boten die Gebisse der 
damaligen Zeit der zahnlosen Menschheit einen schlechten Ersatz. 


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411 


Der Grund lag theilweise an dem Mangel an Hilfsmitteln, 
die heutzutage dem Zahnarzte gestatten, einen correcten Abdruck 
des Gaumens zu nehmen. 

Das Tragen künstlicher Zähne verursachte den Patienten 
meistens grosse Unbequemlichkeiten, die nicht selten mit Schmerzen 
verbunden waren. 

Die schnelle Entwickelung unserer Kunst in den letzten Jahr¬ 
zehnten ist nicht blos der Vervollkommnung der Mineralzähne zu 
danken, sondern auch dem Material, welches uns die Herstellung 
künstlicher Gebisse erleichterte und uns gestattete, bessere Me¬ 
thoden in Aufnahme zu bringen. 

Dies Material ist der Kautschuk, der zuerst in Amerika von 
Putnam als Basis für künstliche Zähne benutzt wurde. 

Wir sahen durch die praktische Verwendung des Kautschuks 
zu Saugegebissen ein, dass es nicht nöthig sei, auf Kosten eigener 
Zähne künstliche zu tragen, und Hessen die schädlichen Klam¬ 
mern fort. Diesem Grunde verdankt der Kautschuk seine all¬ 
gemeine Anwendung. Sein billiger Preis, sowie die leichte Ver¬ 
arbeitung des Kautschuks bieten dem Zahnarzte viele Vortheile, 
in vielen Fällen jedoch ist sein Einfluss auf die Schleimhäute 
nachtheilig, sogar schädlich. Die Schuld daran trägt wohl weniger 
der Zinnobergehalt des Kautschuk, wie seine Eigenschaft als schlechter 
Wärmeleiter, wodurch er den Gaumen erhitzt. 

Auch wird der Kautschuk seiner Porösität wegen leicht übel¬ 
riechend und ist, wenn er dünn verarbeitet wird, wenig haltbar. 
Ehe uns nicht ein besseres Material geschaffen ist, gebieten, uns 
unsere Erfahrungen, nach der Verwendung der früher gebräuch¬ 
lichen Metalle zurückzugreifen. 

Für solche Zwecke sind Gold und Platina die einzig brauch¬ 
baren Metalle. (Die Versuche, welche mit Feinsilber und Alumi¬ 
nium aufgestellt wurden, sind sämmtlich an der Zersetzbarkeit dieser 
Metalle im Munde gescheitert.) Beide vertheuern jedoch die An¬ 
fertigung eines Gebisses nach der bisherigen Methode bedeutend. 
Die Anwendung solcher Gebisse macht ausserdem grosse Schwie¬ 
rigkeiten , da die Platten bisher auf Metallstampfen gepresst werden 
mussten. Zum Giessen der Stampfen war ein hartes, schwerflies- 
sendes Metall nöthig, welches sich beim Erkalten zusammenzog. 

Es konnten demnach die auf solchen Stampfen hergesteUten 


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412 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Platten niemals gut im Munde passen und sich an dem Gaumen 
so fest ansaugen, wie dies beim Kautschuk der Fall ist, der im 
weichen Zustande auf das Gipsmodell gepresst wird und auf 
diesem in der Dampfhitze erhärtet. 

Man hat seit langer Zeit Versuche angestellt, um die Vor¬ 
züge der Metallplatten mit denen des Kautschuks zu vereinigen, 
und hatte zu dem Zwecke Goldfolie, wie wir dieselbe zum Plom- 
biren benutzen, an den noch weichen Kautschuk angepresst. Diese 
Goldblättchen waren nicht lange am Kautschuk haftbar, sie lösten 
sich sehr bald vom Gebisse los und hatten keinen anderen Zweck, 
als dem Gebisse momentan ein schönes Ansehen zu geben. Ausser¬ 
dem hat man Versuche gemacht, den Kautschuk mit einer Metall¬ 
gaze zu überziehen. Hierdurch war das Metall wohl haftbarer, 
jedoch von keinem weiteren Nutzen. 

Die Gold- oder Platinagaze verhinderte ein correctes An¬ 
pressen des Kautschuks an das Modell, da sich der Kautschuk 
durch die engen Maschen des Drahtgewebes durchzwängen muss. 

Ein Belegen des Kautschuks mit Metall war überdies dadurch 
zum nur geringen Theile erzielt, und stellte sich beim Tragen 
der Uebelstand heraus, dass die Drahtmaschen durch Bürsten bei 
Abnutzung des Kautschuks hervortraten, was einen unangenehmen 
Reiz auf die Schleimhaut ausübte. 

Ein Durchbrechen der Kautschukgebisse wurde durch diese 
Drahtgewebe auch nicht verhindert, und liess man somit diese 
zwecklose Verbesserung bald fallen. Schon seit Jahren strebte ich 
danach, dem Kautschuk einen soliden Metallüberzug zu geben, und 
zwar suchte ich dies mit Hülfe der Galvanoplastik zu bewerkstelligen. 
Diese Versuche scheiterten zum Theil an der Sprödigkeit des 
niedergeschlagenen Metalles, das sich vom praktischen Standpunkte 
aus nur in dünner Schicht gebrauchen liess. Ich vermochte nur 
chemisch reines Gold zum Belegen des Kautschuks zu verwenden. 
Eine dünne Schicht bröckelte von diesem ab, eine starke Schicht 
wurde für den praktischen Gebrauch zu theuer. 

Alsdann versuchte ich dünne Goldplatten zu stampfen; jedoch 
auch das bot grosse Schwierigkeiten, denn entweder entstanden 
Falten in der Platte, oder sie zerriss. 

Glückte die Anfertigung einer solchen Platte, so erzielte ich 
immerhin nicht ein correctes Anschmiegen an das Gipsmodell. 


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Ich hatte schon meine Versuche aufgegeben, als ich durch 
den Haye’schen Stanz-Apparat zur Construction eines hydrau¬ 
lischen Pressapparates angeregt wurde. 

Per Haye’sehe Apparat hat den Zweck, Gipsmodelle mit 
dünnen Zinncompositionsplatten zu überziehen. Auf diese Weise 
sollen Kautschuk - Gebisse in fast fertigem Zustande aus dem Dampf¬ 
apparate hervorgehen. Man ersparte sich durch diesen Apparat 
wohl das Säubern des Gebisses, bedurfte aber zu dessen Anfer¬ 
tigung so vieler Vorbereitungen, dass keine Zeitersparniss erzielt 
wurde. 

Ich versuchte mit diesem Apparate, der einen Dampfdruck 
von zehn Atmosphären aushält, eine dünne Kupferplatte gegen 
ein Gipsmodell zu pressen, hatte jedoch grosse Mühe, den Apparat 
dampfdicht zu bekommen, da die Kupferplatte zwischen den Dich¬ 
tungsflächen eingespannt werden musste. Bei zehn Atmosphären 
Druck bemerkte ich nur eine ganz geringe Einwirkung auf die 
Kupferplatte. Letztere hatte noch nicht die oberflächlichsten 
Contouren des Modells angenommen. Dies lehrte mich, dass zum 
Anpressen selbst einer sehr dünnen Metallplatte ein hoher At¬ 
mosphärendruck nöthig sei, und dass derselbe aus bekannten 
Gründen durch Dampf nicht zu ermöglichen ist. Ich wendete 
daher beim Haye’schen Apparate den Wasserdruck an, vermisste 
jedoch bald eine leitende Membran, welche den Wasserdruck suc- 
cessive auf das Modell übertragen sollte. 

Als solche fiel mir Gummi ein, der als elastischer Körper 
dazu dienen könnte. 

Dies bildete die Grundidee zu meinem Apparate, der im 
Aeusseren dem Haye’schen Apparate nicht unähnlich, im Uebrigen 
aber von ihm sehr verschieden ist. Die Wirkung bei dem Haye’¬ 
schen Apparate wird durch Dampf erzeugt, bei dem meinigen 
durch Wasser. Letzterer hat eine den Druck leitende Membran, 
ersterer nicht. Haye spannt die zu pressende Metallplatte fest 
ein, während ich sie frei auf dem Gipsmodell liegen lasse. Der 
Hauptvortheil meines Apparates besteht darin, dass mit ihm ein 
zehnfach höherer Atmosphärendruck erreicht werden kann, als 
dies durch den Haye’schen möglich ist. 

Mit Hilfe meines hydraulischen Pressapparates ist es mir 
gelungen, combinirte Gebisse herzustellen, d. h. solche, die die 


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Annehmlichkeiten der Metallplatten mit den Vortheilen des pla¬ 
stischen Materiales (Celluloid oder Kautschuk) in sich vereinigen. 

Die Metallplatten werden hermetisch anschliessend auf das 
gehärtete Gypsmodell gepresst und saugen daher ebensogut als 
Kautschukgebisse an den Gaumen. Die so hergestellten Metall¬ 
platten erhalten durch angelöthete Drähte eine solide Fassung im 
Kautschuk. Die Drähte verleihen zugleich letzterem eine noch 
grössere Haltbarkeit. Eine schädliche Einwirkung auf die Schleim¬ 
häute des Gaumens kann nicht stattfinden. Die Platten brauchen 
nicht stark zu sein, vertheuern also die Anfertigung der Gebisse 
nicht wesentlich. 

Zum Plattiren der Gebisse verwende ich 18karätiges Gold 
oder Platina. Letzteres ist dem Golde vorzuziehen, da es nie¬ 
mals oxydirt, weicher und billiger ist. 

Auch Metallgebisse sind durph meinen hydraulischen Press¬ 
apparat herzustellen. 

Man presse zwei Platinaplatten von gleicher Stärke auf dem 
gehärteten Gipsmodell übereinander und löthe sie vom Rande 
der Cavität aus zusammen. (Zum Löthen verwende man 18karä- 
tiges Gold.) 

Hierdurch erhält die Platte eine grosse Festigkeit. Sie ver¬ 
ändert bei der weiteren Verarbeitung ihre Form nicht, was bei 
Platten von legirtem Metalle häufig vorkommt. 

Für Patienten, denen es auf den Preis nicht ankommt, 
empfehle ich den Herren Collegen die Anfertigung von Platina- 
Sauge - Gebissen besonders. 

In welcher Weise mein neuer Injector bei der Anfertigung 
dieser metallplattirten Gebisse Anwendung findet, wird die Ge¬ 
brauchsanweisung lehren. 

Für Celluloid, sowie zum Belegen des Kautschuks mit doppelter 
Platte ist er unentbehrlich. 

Es wird auch deshalb jedem hydraulischen Pressapparate ein 
Injector beigegeben. 

Ferner habe ich Ihnen einen Apparat zur Regulirung der 
Gasflamme unter dem Vulcanisator zu demonstriren. 

Ein jeder Zahnarzt hat wohl längst den Wunsch gehegt, einen 
Apparat zu besitzen, welcher ihm die Dampfhitze im Vulcanisator 
regulirt. 


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416 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Um dies zu ermöglichen, sind die verschiedenartigsten Vor¬ 
richtungen am Dampfapparat angebracht worden, und zwar vom 
Sicherheitsventile aus. Ich erinnere hierbei an den Apparat des 
Collegen Young in Stuttgart. 

Alle diese Vorrichtungen functionirten nur kurze Zeit Oxydirte 
durch die Dampfhitze das Metall, verdickte sich das Oel, oder 
kam Staub in die Vorrichtung hinein, was beim Arbeiten unver¬ 
meidlich ist, so versagte sehr bald der Mechanismus. 

Man sah daher wohl ein, dass auf diesem Wege keine sichere 
und dauernde Regulirung zu schaffen sei, und nahm seine Zuflucht 
zum Manometer selbst, um durch dessen Feder das der Heizung 
zuströmende Gas zu reguliren. 

Hierauf basirt der Regulator der Dental Manufacturing Com¬ 
pagnie, der Gartreil’sehe und der meinige. 

Bekanntlich verwendet man für Manometer zweierlei Arten 
von Federn; entweder flache oder röhrenförmige, fast kreisförmig 
gebogene. 

Die Dental Manufacturing Compagnie in London benutzt zu 
ihren Manometern eine flache Feder, im Uebrigen ist die Regu¬ 
lirung des Ventils fast genau so, wie die an den Gartr eil’sehen. 
Letzterer hat eine röhrenförmige, sogenannte Bourdon’sehe 
Feder, welche durch Zahnradübertragung den Zeiger, sowie den 
Mechanismus zur Stellung des Ventils treibt. 

Im Innern des Manometers, um die Achse des Zeigers ge¬ 
legen, befindet sich eine an die vordere und hintere Wand des 
Manometer-Gehäuses dicht anliegende Kapsel, in welche zwei Rohre, 
das eine von hinten, das andere von der Seite, einmünden. Durch 
das hintere Rohr strömt das Gas ein, durch das seitliche aus. 
Diese Kapsel tritt an der hinteren Wand des Manometers einen 
Zoll breit hervor, ist drehbar und führt einen rothen Zeiger mit 
sich. Der schwarze Zeiger setzt sich, sobald der Dampf auf die 
Feder wirkt, in Bewegung und führt an seiner Achse eine kleine 
Klappe mit sich, die nach der Stellung der Kapsel deren Aus¬ 
mündungsrohr früher oder später verschliesst. 

Man stellt durch Drehen der Kapsel und zugleich des rothen 
Zeigers die gewünschte Temparatur resp. den Dampfdruck ein. 
Der durch Dampfspannung getriebene schwarze Zeiger wird hei 
Annäherung des rothen Zeigers nur so viel Gas zum Brenner 


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durchlassen, als nöthig ist, um die durch die Luft entzogene 
Wärme zu ersetzen. 

Dieser Regulator wird, so lange er neu ist, jedoch nicht nach 
längerem Gebrauche allen Anforderungen genügen, da sich eine 
Bourdon’sche Feder bekanntlich bei 10 Atmosphären Druck 
nur 2 Millimeter ausdehnt. 

Die kurze Bewegung, welche von einer nur geringen Kraft 
begleitet ist, wird auf die Achse des Zeigers übertragen, welche 
einen gasdichten Abschluss haben muss. Der Zeiger hat den 
zwanzigfachen Weg der zwei Millimeter zurückzulegen und bildet 
dadurch einen bedeutenden Hebel, der durch die geringste Ur¬ 
sache, wie Staub u. s. w., im Stande ist, den Mechanismus in 
Unordnung zu bringen. Der Zeiger wird anfangen ruckweise zu 
gehen, wie dies dem Collegen Dr. Blumm bei seinem Gartrell’- 
schen Manometer geschah, und lediglich dadurch zu erklären ist, 
dass der Staub im Gase ein Hemmniss an der Achse des Zeigers 
bildete. 

Die Achse hat ausserdem die Klappe mit sich zu führen, 
was auch noch Kraft erfordert. Davidson, der uns in seinem 
Regulator einen vollkommenen Apparat geschaffen hat, wird dies 
gewiss erwogen haben, und belastete er deshalb die Feder seines 
Manometers nicht, sondern bediente sich zum Oeffnen und Schliessen 
des Ventils der Elektricität. Die von ihm benutzte, durch Wärme 
erzeugte Elektricität ist eine beständige und durchaus zuverlässige. 

Der Apparat ist, wie ich schon sagte, nach jeder Richtung 
hin vollkommen. 

Der Zahnarzt hat nur nöthig, die Gasflamme unter dem 
Dampfapparat anzuzünden und die Uhr einzustellen. Alles andere 
besorgt der Regulator. Dieser guten Eigenschaften wegen ist der 
Davidson’sche Regulator jungen Anfängern, welche noch Zahn¬ 
arzt und Techniker in einer Person sein müssen, anzuempfehlen. 

Sein einziger Fehler ist sein hoher Preis. Hieran wird auch 
seine allgemeine Verbreitung scheitern, denn viele der älteren 
Collegen, welche Techniker beschäftigen, werden sich scheuen, für 
das Atelier eine so grosse Ausgabe zu machen. Sie überlassen 
es den Technikern, auf den Dampfapparat zu achten. Dass dies 
aber nicht immer in der gewünschten Weise geschieht, ist anzu- 


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418 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


nehmen und zu verwundern, dass nicht schon mehr Unglück ge¬ 
schehen ist. 



Um ein haltbares Gebiss herzustellen, ist es nöthig, dass der 
Kautschuk nie einer übermässigen Dampfhitze ausgesetzt wird. 


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Ein billiger und dabei Sicherheit gewährender Apparat ist 
daher ein dringendes Bedürfniss, das ich hoffentlich durch Con- 
struction meines Gasregulators befriedigt habe. An demselben 
sind zwei Federn angebracht, auf welche der Dampf zu gleicher 
Zeit einwirkt. Die flache Feder, welche grössere Kraft erzeugt 
und sich weiter ausdehnt als die Bourdon’sehe, regulirt das 
Gasventil. 

Das durch die Bourdon’sehe Feder getriebene Manometer 
ist ein Apparat für sich und kann beliebig benutzt oder fort¬ 
gelassen werden. 

Mein Regulator ist mit Leichtigkeit an jeden Dampfapparat 
anschraubbar. Man bedarf daher an mehreren Dampfapparaten 
nur eines Regulators. 

Bei der ersten Anwendung des Regulators stelle man das 
Gasventil nach dem Manometer oder Thermometer ein. 

Der Apparat wird bei jedesmaligem Gebrauche genau die 
Flamme reguliren und, wenn die gewünschte Temperatur erreicht 
ist, den Glockenschlag abgeben. Der Zahnarzt oder Techniker 
hat dann nur nöthig, nach abgelaufener Zeit die Flamme auszu¬ 
löschen. 

Dieser Apparat leistet Genügendes; sollte er mehr verrichten, 
so würde er complicirt und theuer. 

Weiter habe ich gehört, dass einige Collegen mit meinem 
Celluloidapparat nicht zufrieden sind (ich meine den ersten). Ich 
habe an meinem verbesserten Apparate alle Uebelstände beseitigt 
und glaube ich, dass er jetzt allen Anforderungen genügt. Was 
man mit ihm leisten kann, zeigen diese Arbeiten. (Zeigt einige 
sehr hübsch gearbeitete Sachen.) 

Man kann eben mit einem Mal nicht Alles erreichen, um 
aber die Besitzer meines früheren Apparates zufrieden zu stellen, 
werde ich Ihnen die Köpfe (d. h. den Obertheil) desselben Um¬ 
tauschen. 

Ueber den Stickstoffoxydnl - Apparat spricht Sauer: 
Was die Einrichtung an meinem Mundstück betrifft, so ist das 
nicht der Beängstigung des Patienten wegen angebracht, sondern 
ich habe es deshalb gethan, um den Leuten Luft zuzuführen; 
denn ich habe angenommen, dass die cyanotischen Erscheinungen 
vielleicht zur Folge haben, dass die Patienten sich tagelang in 


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420 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

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einem erregten Zustande befinden. — Und was das Netz anbelangt, 
sei das nun ein Barth’scher oder T eischow’scher Apparat, so 
giebt das keine Garantie dafür, dass die ausgeathmete Kohlensäure 
vollständig gebunden wird. — Und dann die atmosphärische Luft, 
ich weiss nicht, wie die nachtheilig wirken soll, es könnte doch 
nur die Narkose nicht so lange anhalten. 

Bei dem vom Collegen Telschow gezeigten Celluloidapparate 
ist allerdings eine Verbesserung eingetreten. Ich möchte aber fest- 
steilen, dass hei jedem Celluloidapparate, sobald er Spritzapparat 
ist, Explosionen stattfinden können. — Was den Regulirungsapparat 
betrifft, so kann ich nur sagen, dass ich z. Z. mit einem Ingenieur 
gesprochen habe über die Mittel, die man anwenden könne, um 
sich auf die Regulirung der Zufliessung des Gases besser verlassen 
zu können; derselbe hat mir gesagt: „Wenn Sie keinen Mann am 
Kessel haben, hilft Ihnen Alles nichts.“ Das ist mir maassgebend. 

Telschow (Berlin): College Sauer hat Besorgnisse beim 
Eintreten der Cyanose. Ich behaupte, ohne eine solche ist eine 
Narkose nicht zu erzielen. In Paris wird das Gas mit atmosphä¬ 
rischer Luft gemischt gegeben; aber in einen geschlossenen Raum, 
in welchen ein bis zwei Atmosphären Luft eingepumpt werden. 
Dr. Rottenstein in Paris will sich diesen Apparat anschaffen. 
Nach meiner Meinung müssen wir das Gas ganz ohne Zuführung 
von atmosphärischer Luft geben. 

Kühns (Hannover): Dieser Apparat scheint ja allen An¬ 
forderungen zu genügen. Es giebt ja aber auch noch andere, 
z. B. der von Ash, und es werden viele mit ihm zufrieden sein; 
auch der Apparat, welcher draussen von Herrn Poulson auf¬ 
gestellt ist, ist sehr zu empfehlen. Ich habe viele Narkosen mit 
demselben gemacht, immer gute Wirkungen gehabt und nie 
zu viel Gas verbraucht, und dabei ist er sehr billig. 

Telschow (Berlin): Meine Herren, wenn Sie noch alte 
Apparate zur Selbstbereitung des Gases haben, brauchen Sie die 
Vorrichtung vom Collegen Herbst nicht. Sie lassen einfach einen 
Wasserverschluss unter dem Boden des Apparates anbringen und 
das Gas dahin leiten, wo sie es gebrauchen wollen. 

Kühns (Hannover): Was den Vorwurf des Herbst’schen 
oder Barth’sehen Wasserverschlusses betrifft, so kann man das 


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dadurch regulireu, dass mau Glocke und Gewicht etwas leichter 
nimmt. 

Schreiten Ich bin der Ansicht, dass es an der Zeit sei, 
das Sparsystem aufzugeben, ich kann mich des Eindruckes nicht 
erwehren, als ob wir unter dem Ersparungssystem manchen un¬ 
günstigen Verlauf der Narkose zu verzeichnen hätten. Ich wende 
Narkosen überhaupt nur da an, wo es dringend und wünschens- 
werth erscheint. 

Blumm (Bamberg): Ich verwerfe auch das Sparsystem. 

Telschow (Berlin): College Sauer hat das Verdienst, 
der erste gewesen zu sein, welcher das Gas in Berlin einführte. 
Er empfahl ein Mundstück mit Ein- und Ausathmungs-Ventilen. 
Ich, meine Herren, habe nach diesem System stets viel Gas ver¬ 
braucht. Mein Apparat wird je nach Bestellung mit und ohne 
Wasser Verschluss hergestellt und mit dem dazu gehörigen Mund¬ 
stücke. Den Collegen, welche an ihren alten Apparaten einen 
Wasserverschluss anbringen lassen, rathe ich, der Glocke des Ap¬ 
parates eine gute Führung zu geben. 

Fenchel (Bremen): Ich bin mit dem Herbst’schen 
Wasserverschluss auch zufrieden. Ich habe auch schon mit Col¬ 
lege Telschow darüber gesprochen und ihm gesagt, er möge 
seinen Apparat auch so einrichten, dann erst werde er voll¬ 
kommen sein. 

Blumm (Bamberg): Vorhin wurde erwähnt, dass durch den 
Wasserverschluss gespart würde, dabei hörte ich aber auch an¬ 
führen, dass vier Gallonen zu einer Narkose nöthig seien, das sind 
16—17 Liter. Ich brauche gerade solches Quantum, es wird wohl 
also gar kein Unterschied zwischen beiden Apparaten sein. 

Schreiter (Chemnitz): Ich beabsichtige nicht zu sparen, 
sondern ich will nur den Patienten ersparen, das ausgeathmete 
Gas noch einmal einathmen zu müssen. Man muss sehr beachten, 
wie das Gewichtsverhältniss zwischen Glocke und Gegengewicht 
ist, und man wird ganz leicht dahin kommen, durch den Ver¬ 
schluss athmen zu lassen. Das schnurrende Geräusch wird immer 
da sein, aber das ist doch nicht so schlimm, dass man deshalb 
den ganzen Apparat verwirft. 

Damit schliesst der Präsident Herr Dr. Klare die Sitzung. 


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422 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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Dritter Sitzungstag, am 4. August 1880. 

Vor der Versammlung demonstrirt Dr. Telschow seinen 
hydraulischen Pressapparat für Metallplatten und arbeitet gleich¬ 
zeitig mit demselben. 

Die Sitzung eröffnet der Präsident Dr. Klare ‘^lO Uhr 
und verkündet zunächst die in der letzten Sitzung der Mitglieder 
aufgenommenen Mitglieder. 

Die aufgenommenen Mitglieder sind folgende: 

Kühne (Magdeburg), 

Meitler (Würzburg), 

Blume (Berlin), 

Wittman (Ulm), 

Dentz (Utrecht), 

Ackerman (Mühlhausen). 

Herr Dr. Iszlei hält sodann seinen Vortrag: Ein Blick 
auf die Beziehung zwischen der naturgemässen, all¬ 
gemeinen Ernährungsweise und dem Gebisse des Men¬ 
schen, sowie der übrigen Säugethiere. 

Wegen Mangel an Raum wird dieser Vortrag erst im Januar¬ 
hefte abgedruckt. 

Nach dem Vortrage des Herrn Dr. Iszlai bespricht Herr 
Dr. Richter (Breslau) den Davidson’sehen Selbstregulator beim 
Vulkanisiren. In einer der nächsten Nummern folgt die genauere 
Beschreibung. 

Zur Richtigstellung einer Aeusserung erhält das Wort Herr 
Professor Hollaender (Halle): Ich habe nur das Wort er¬ 
beten, um einen Satz richtig zu stellen in Bezug auf die Aeusserung 
des Herrn Kühns am Montag Vormittag. Ich hatte denselben 
missverstanden, indem ich glaubte, dass er mir zuschrieb, ich 
hätte mich in einem Weiteren über Kobalt in meinem Buche aus¬ 
gesprochen, und ich sagte daher: ich hätte überhaupt darüber nichts 
BesQnderes geschrieben. Ich meinte aber damit, ich hätte Kobalt 
wohl erwähnt, aber über die Wirkung desselben habe ich mich 
nicht ausgesprochen. Ferner hat Herr Kühns Recht, indem er 
sagte: Scherbenkobalt; das „Scherben“ habe ich allerdings nicht 
hinzugefügt. — Damit ist der Gegenstand erledigt. 


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Präsident Dr. Klare: Wir können jetzt in der Tagesordnung 
fortfahren, und ich bitte uns mitzutheilen, ob Jemand über Ar- 
thur’s Methode einer permanenten Trennung der Zähne 
als Prophylakticum gegen Caries der Seitenflächen 
Untersuchungen vorgenommen hat. 

Dr. Dentz (Utrecht): Ich habe die Bekanntschaft eines tüch¬ 
tigen Operateurs in Paris gemacht, und dieser hat sich entschieden 
dafür ausgesprochen. Ich habe bei ihm Patienten gesehen, die 
er vor Jahren nach dieser Methode behandelt hat, und bei denen 
sich die Zähne prachtvoll gehalten haben. 

Professor Hollaender (Halle): Meine Herren, das System 
von Arthur besteht wesentlich darin, gesunde Zähne auseinander 
zu feilen, um für immer der Caries vorzubeugen, nicht etwa 
Zähne, welche bereits von Caries ergriffen sind; besonders 
solche Zähne, welche dicht aneinander stehen. Er hat die Sache 
eben in ein gewisses System gebracht und dabei ganz hübsche 
Beobachtungen gemacht. Er behauptet, dass solche Zähne, welche 
am Zahnhalse auseinandergehen und unten sich treffen, am meisten 
geneigt sind, der Caries zu verfallen. Er feilt also die Zähne 
auseinander, nicht etwa, weil sie dicht zusammen stehen, sondern 
um den dreieckigen Raum wegzuschaffen, welcher sonst am Zahn¬ 
halse besteht, und welcher immer den Herd abgiebt, wo sich Zer- 
setzungsproducte bilden. Dass dieses Verfahren vor Caries schützt, 
ist gar keine Frage, aber eine andere ist die: Lässt es sich 
Jemand in Deutschland gefallen, gesunde Zahnreihen auseinander 
zu feilen? 

Nun hat aber Arthur noch ein anderes Verfahren angegeben. 
Ich behaupte nun, Arthur meint solche Vorsprünge, die gerade 
schadhaft sind, und will daher ein Dreieck von hinten heraus¬ 
feilen, damit die vordere Contour erhalten bleibt. Erfahrungen 
darüber habe ich nicht gemacht. 

Meyer (Augsburg): Ich habe diese Methode schon zu An¬ 
fang meiner Praxis ausgeführt und auch an mir seihst gute Er¬ 
folge gesehen. Ich habe mir meine Zähne selbst vor 20 Jahren 
auseinandergefeilt, weil kleine cariöse Stellen sich zeigten; Haupt¬ 
sache ist aber, diese Flächen gut zu poliren. 

Schreit er (Chemnitz): Ich möchte Herrn Professor Hol- 

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424 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 


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laender gegenüber Arthur insofern in Schutz nehmen, als ich 
verstanden zu haben glaube, dass er durchaus nicht empfiehlt, 
schöne dichte Zahnreihen so zu behandeln, und dass er seine 
Methode nur da angewendet wissen will, wo ihn die Erfahrung 
lehrt, dass bestimmt Caries zu erwarten ist, also z. B. bei Familien, 
wo wir an anderen Mitgliedern die Beobachtung gemacht haben, 
und die Erfahrung lehrt uns ja, wie lange wohl ein Zahn noch 
gut bleiben wird, wenn wir die ganze Familie in Behandlung ge¬ 
habt haben; also nur da empfiehlt er das Arthur’sehe Verfahren. 
Ich erlaube mir aber, darauf aufmerksam zu machen, dass nach 
meiner Ueberzeugung die permanente Trennung unbedingt noth- 
wendig ist, wo wir mit Erfolg füllen wollen. 

Fenchel (Bremen): Wenn Sie Zähne separiren, so möchte 
ich Sie bitten, dafür Sorge zu tragen, dass die gefeilten Stellen 
sorgfältig polirt werden. 

Dr. Iszlei (Pest): Ich sehe keinen grossen Fortschritt in 
dem Arthur’schen Verfahren; ich kenne alte Herren, die seit 
zwanzig Jahren nach hinten gefeilte Zähne haben, und dieselben 
sind gut geblieben, ohne Arthur’s Verfahren. Wir finden, dass 
im Druckpunkte, mag derselbe oben oder unten sein, Caries ent¬ 
steht, und ich finde den Vortheil nur darin, dass man den Druck¬ 
punkt unter das Zahnfleisch verlegt Ich kann also das Arthur’- 
sche Verfahren nicht so hoch schätzen, wie von vielen geschieht. 

Schreiter (Chemnitz): Ich wollte den Herrn Vorredner 
fragen, ob er nur von Schneidezähnen oder von Zähnen im All¬ 
gemeinen gesprochen hat? 

Iszlei (Pest): Von Zähnen im Allgemeinen! 

Schreiter (Chemnitz): Ich möchte bei Backenzähnen doch 
nicht so absprechend sein, denn da hat diese Methode doch wohl 
Werth. Dass Arthur der Urheber derselben ist, behauptet er 
selber nicht. Er hat nur das Verfahren in ein gewisses System 
gebracht, und dieses Verdienst möchten wir ihm wohl lassen. 

Iszlei (Pest): Ich habe gefunden, dass, wenn oben die 
Druckpunkte ausgefeilt waren, die Chancen der Caries ebenso 
gross waren, wie sonst. 

Professor Hollaender (Halle): Arthur will uns ja nicht 
über die Caries in allen Punkten Aufschluss geben, sondern nur 
da, wo sie eben mit dem Zusammenstehen der Zähne Zusammentritt. 


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des Gentralvereins deutscher Zahnärzte. 


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van Geldern (Amsterdam): Ich bin von dieser Methode 
ganz zurückgekommen, weil viele Patienten sehr klagten, dass die 
Zähne darnach sehr empfindlich würden. Ich habe sie polirt, mit 
Bimsstein und mit Holz nachgearbeitet, auch waren sie sehr com¬ 
pact, aber immer blieben sie empfindlich. 

Mayer (Augsburg): Ich finde die Sache noch nicht klar; 
soll man die Zähne vorher auseinanderfeilen, damit sie nicht 
cariös werden, oder erst wenn schon ein kleiner Ansatz von Caries 
da ist. Für das letztere bin ich. 

Wenn man schon eine kleine Entfärbung an den nebenein¬ 
anderstehenden Zähnen sieht, so nehme ich die Feile und feile 
sie vollständig auseinander. Bleiben kleine Cavitäten zurück, so 
kann man ja dieselben füllen, und zwar am besten mit Gold. 
Freilich ist dieses sehr schwierig, aber die Zähne sind gerettet. 
Ich habe Familien, wo ich es schon vor 18 Jahren gemacht habe, 
und kann constatiren, dass diese Zähne gerettet sind. 

Witzei (Essen) zeigt ein Modell, welches von einem Zahn¬ 
arzte in Düsseldorf vor elf Jahren nach der von Dr. Iszlei vor¬ 
her erwähnten Methode ausgeführt worden ist, und bemerkt dazu: 
Die beiden mittleren Schneidezähne, welche sich dachziegelförmig 
deckten und an den Mesialflächen schwach cariös waren, wurden 
vom Collegen Heberman in Düsseldorf mit der Feile getrennt, 
und zwar so, dass von beiden Zahnhälften eine stark hervor¬ 
springende Kante stehen blieb. Diese gefeilten Zähne sind im 
Laufe dieser elf Jahre, trotzdem an einem derselben das Dentin 
frei lag, nicht von Caries ergriffen worden, während an den Appro- 
ximalflächen der Mahlzähne viele cariöse Stellen gefüllt werden 
mussten, so z. B. zwischen dem ersten und zweiten Mahlzahne 
links. Beide tragen antiseptische Wurzelfüllungen. 

Präsident Dr. Klare: Nach dem, was ich aus der Discussion 
entnehmen konnte, scheint die Indication für dieses Verfahren 
noch nicht festzustehen. Es scheint ein Prophylakticum zu sein, 
und so habe ich es aufgefasst, für Personen aus Familien, wo 
man auf Caries schliessen kann. Und wenn diese Indication fest¬ 
steht — ob nachher die Ausführung auch allen Wünschen ent¬ 
spricht, darüber liegen noch nicht hinreichende Erfahrungen vor. 

Witzei (Essen): Meine Herren! Bei dieser Frage kommt es 

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426 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung 

weniger daraaf an, ob in einer Familie einmal Caries aufgetreten 
ist, sondern welche Form die Zahnhälse haben, ob sich da 
keilförmige Räume bilden, oder ob dieselben mehr zusammen 
stehen. 

Wenn Sie erlauben, halte ich Ihnen im nächsten Jahre einen 
Vortrag darüber. 

Präsident Dr. Klare: Meine Herren! Wir sind mit der Zeit 
sehr vorgeschritten. Ich möchte daher vorschlagen, dass Sie sich 
nur noch aussprechen über die Erfahrungen, die Sie mit dem Cel¬ 
luloid gemacht haben. Im Anschlüsse daran wird Herr College 
Telschow nachher nochmals die Güte haben, seinen Druck¬ 
apparat zu demonstriren. Ich möchte aber bitten, dass mir vorher 
der officielle Schluss der Verhandlung gestattet sei, weil sich 
sonst die Versammlung schon vor dem Schlüsse so sehr verläuft, 
dass ich Nichts mehr thun könnte. 

In BetrefF des Celluloids darf ich wohl daran erinnern, dass die 
Erfahrungen uns eigentlich noch immer im Stiche lassen und es 
uns immer noch nicht möglich machten, ein endgiltiges Urtheil 
darüber abgeben zu können. 

Die Erfahrungen damit waren bei Einem günstig, bei dem 
Anderen weniger günstig, im Allgemeinen war wohl für die Zu¬ 
kunft noch wenig Erspriessliches dabei. 

Schreiter (Chemnitz): Ich wollte einmal anfragen, ob die 
Collegen auch die Erfahrung gemacht haben, dass die Verschieden¬ 
heit der Bearbeitung desselben von Einfluss auf die Haltbarkeit ist. 

Ich bediene mich des Spritzapparates und bin eigentlich 
weniger entzückt und habe daher die Anfertigung von Celluloid¬ 
platten ganz aufgegeben. Es ist uns in Bremen gesagt worden, das 
Celluloid zersetze sich, da wo es auf Wurzeln aufsitze; ich habe 
aber auch Fälle gesehen, wo es sich zersetzt hatte, ohne dass 
Wurzeln vorhanden waren. 

Brunsmann (Oldenburg): Ich habe ein Stück gehabt, wel¬ 
ches sich schon durch blosses Liegen in der Schublade verzogen 
hatte, und ein anderes, welches sich nach halbjährigem Tragen so 
verzog, dass es nicht mehr auf den Abdruck passte. Das mag 
seinen Grund darin haben, dass ich es mit dem Spritz- und nicht 


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des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 


427 


mit dem Druckapparat gemacht hatte. Auch löst es sich mit der 
Zeit auf. (Zeigt ein derartiges Stück vor.) 

Telschow: Ich bin auch der Ansicht, dass die gespritzten 
Celluloidplatten nicht so gut halten, wie die gepressten. Ich habe 
aber diesen Fehler abgeändert dadurch, dass ich erst Metallplatten 
fertige für die Gaumen- und Lingualseite, welche aus Gold, 
Silber und Platin bestehen, zwischen welche ich das Celluloid 
einspritze. Sie haben es ja heute Morgen gesehen, es dauert gar 
nicht lange, dann ist so eine Platte fertig. 

Klag es (Bremen): Ich habe schon im vorigen Jahre auf 
der Bremer Versammlung nachgewiesen, dass das Celluloid im 
Wasser sich löst. Ich habe gar keinen Vorzug vor dem Kautschuk 
finden können. Das Celluloid entfärbt sich auch, und ich komme 
zu der Ueberzeugung, dass es besser ist, beim Kautschuk zu 
bleiben. 

Schlenker (St. Gallen) ist auch ein Gegner des Celluloids. 
Er bemerkt, dass vorzüglich die inneren Absätze bei Backen¬ 
zähnen leicht abbrechen, da das Celluloid sich zurückziehe und sie 
infolge dessen hohl liegen; auch verbinde sich dasselbe schlecht, 
z. B. da, wo sich Falten bildeten u. s. w. 

Blumm (Bamberg) fertigt derartige Gebisse schon seit drei 
Jahren und ist ganz zufrieden damit; ein Verziehen hat derselbe 
nicht bemerkt. 

Telschow (Berlin): Ich habe trübe und gute Erfahrungen 
gemacht. Ich gebe ja zu, dass das Material jetzt noch sehr 
mangelhaft ist, und ziehe es daher vor mit Gold zu überziehen, 
Es ist mir dann lieber wie Kautschuk, weil es leichter ist und 
sich auch leicht mit Gold überziehen lässt. 

Ich bemühe mich jetzt noch, dasselbe an den Stellen, wo es 
sichtbar wird, mit einem Emaillepulver zu überziehen, welches 
dann geschliffen wird. 

(Glaube kaum an einen guten Erfolg mit dieser Emaillir- 
arbeit Der Berichterstatter Kahnd.) 

Was die Reparaturen betrifft, so habe ich auch erfahren, 
dass das Celluloid sich nicht verbindet. Ich verwende es nur 
bei ganzen Stücken. Alsdann sind mir auch wenig Reparaturen 
vorgekommen. Aber die Zähne haben sich gut gehalten. 


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428 Bericht über die Verhandlungen der Jahresversammlung etc. 

War ein Zahn zerbrochen, habe ich einen neuen Zahn in 
die Höhlung eingeschliffen, denselben erhitzt und in dieselbe ein¬ 
gebettet (? Ref.), und den hat es ganz gut gehalten. 

Schreiter (Chemnitz): Ich möchte gegen Collegen Blumm 
nur noch bemerken, dass ich erst seit der Bremer Versammlung 
in Celluloid gearbeitet, aber niemals Glück damit gehabt habe, 
dass mir mehrfach ganze Gebisse gesprungen sind, so dass ich 
nachher noch Kautschuk nehmen musste. Ich möchte wissen, 
ob vielleicht die Spritzmethode von Einfluss ist, und ob die anderen 
Herren auch ein Brüchigwerden beobachtet haben. 

Auerbach (Berlin): Ich habe auch bisher alle gepresst, 
und auch bei mir haben sich Risse gezeigt. Ich kann mich nur 
den Gegnern des Celluloids anschliessen. 

Bl umm (Bamberg): Das Werfen der Platten, was hier 
dem Celluloid zum Vorwurf gemacht wird, sowie auch das Aus¬ 
brechen der Zähne habe ich nicht beobachtet. Ich presse die 
Platten. Ich bin der Ansicht, dass in diesen Fällen das Celluloid 
nicht plastisch genug oder nicht langsam genug abgekühlt war. 
Auf das langsame Abkühlen kommt viel an; recht hübsch wird 
es, wenn man es in Glycerin abkühlen lässt. Wie es mit dem 
Spritzen ist, darüber habe ich keine Erfahrung. 

Präsident Dr. Klare: Wir dürften am Ende der Arbeiten 
angekommen sein. 

Ich habe herzlich zu danken allen Denjenigen, die das Ihrige 
dazu beitrugen, uns die Versammlungstage zu so schätzbaren zu 
machen, wie man es überhaupt von einer Öffentlichen Versammlung 
erwarten kann. Es haben sich so viele Collegen in wirklich auf¬ 
opfernder Weise wieder durch belehrende Demonstrationen und 
interessante Vorträge verdient gemacht, und wieder andere haben 
durch treues Aushalten in unseren Versammlungen ihr lebhaftes 
Interesse kund gegeben, so dass Ihnen Allen eigentlich ein herz¬ 
licher Dank von mir und überhaupt vom Vorstande aus gebracht 
werden muss. Ich kann nur mit dem Wunsche unsere Versamm¬ 
lung schliessen, dass, wenn auch der Gewinn klein ist, den wir 
mit nach Hause nehmen, doch ein solcher zu verzeichnen ist, 
und wenn es eben nur der wäre, dass wir uns gewöhnen, in den 
Versammlungen eine Stätte zu finden, wo wir unsere Meinungen 


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Vereine. 


429 


austauschen können über das, was wir in der Zwischenzeit erlebt 
und erfahren haben, und uns unterrichten können über die Fort¬ 
schritte, die in dem technischen Theil unserer Specialwissenschaft 
gemacht worden sind. 

Ich hoffe, dass wir uns das nächste Jahr in Heidelberg eben 
so zahlreich wieder einfinden werden, und zweifle keinen Augen¬ 
blick, dass auch dort das Interesse ein ebenso lebendiges sein 
wird, wie wir es hier an den Tag gelegt haben. 

Meine Herren! Ich schliesse hiermit die 19. Jahresversamm¬ 
lung des Centralvereins deutscher Zahnärzte. 

Auf Wiedersehen in Heidelberg! 

R. Eahnd, Glauchau. 

Schriftführer. 


Vereine. 


Bericht über die Vereins-Angelegenheiten 1880. 

Die erste Versammlung zur Erledigung von Vereins-Ange¬ 
legenheiten fand am 2. August, Nachmittags 3 Uhr statt und 
wurde vom Präsidenten Dr. Klare unter Anwesenheit von 37 Mit¬ 
gliedern eröffnet. 

Der erste Gegenstand der Verhandlung betraf die Wahl neu 
angemeldeter Mitglieder. Es hatten sich zur Aufnahme gemeldet 
und wurden aufgenommen die Herren: 

Schmidt — Strassburg. 

Montigel — Chur. 

Dr. Zimmermann — Berlin. 

Lippold — Rostock. 

Kol mar — Carlsruhe. 

Barbe — Berlin. 

Gutmann — Elbing. 

Grünbaum — Berlin. 

Heinrich — Dessau. 

Stickler — Würzburg. 


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430 


Vereine. 


Richter — Stettin. 

Haeseler — Braunschweig. 

Dr. König — Mainz. 

Bickel — Berlin. 

Der Vereinscassirer Tyrol berichtet nunmehr über den 
Stand der Vereinscasse. Zur Revision der letzteren und der 
Bücher wurden die Herren Koch und Grün ert ernannt. Nach 
einem vorjährigen Beschlüsse wurde alsdann zur Wahl von fünf 
Preisrichtern geschritten und gewählt die Herren: Niemeyer, 
Hartung, Sauer, Baume und Kleinmann. 

Die zweite Mitglieder-Versammlung fand am 3. August, 
Nachmittags 3 J / 2 Uhr statt. Anwesend waren 36 Mitglieder. Es 
hatten sich noch zur Aufnahme in den Verein gemeldet und 
wurden statutengemäss aufgenommen die Herren: 

Dr. Kühne — Magdeburg. 

Blume — Berlin. 

Ackermann — Mühlhausen. 

Dr. Müller — Würzburg. 

Widmann — Ulm. 

Dr. Dentz — Utrecht. 

Hierauf wurde zur Wahl des Vorstandes geschritten und 
sämmtliche bisherige Mitglieder desselben, und zwar die Vor¬ 
sitzenden durch Stimmzettel, der Cassirer und Secretair durch 
Acclamaüon wiedergewählt. Sämmtliche Gewählte nahmen die 
Wahl an. 

Zum nächstjährigen Versammlungsort wurde Heidelberg aus¬ 
ersehen. 

Die Cassenrevisoren berichten, dass Casse wie Bücher sich 
in musterhafter Ordnung befinden, und dass dem Cassirer Decharge 
ertheilt werden könne. 

Herr College Schlenker — St. Gallen dedicirt dem Verein 
die Photographien seiner mikroskopischen Präparate in Form 
eines Albums, welches dankend acceptirt wird. Bei dieser Ge¬ 
legenheit wurde auch von allen Seiten der Wunsch ausgesprochen 
und bestimmt, dass das grosse Vereinsalbum von jetzt an regel¬ 
mässig bei jeder Jahresversammlung den Mitgliedern zur Ansicht 
ausgelegt werde. 


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Vereine. 


431 


In Bezug auf die von Dr. med. Bruck jun. in Breslau im 
diesjährigen zweiten Hefte der Vierteljahrsschrift bekannt ge¬ 
machten Bedingungen zur Aufnahme in seine zahnärztliche Schule, 
dass der Betreffende auf der Universität als Student 
der Zahnheilkunde immatriculirt sein und mithin die 
Berechtigung haben muss, die zahnärztliche Prüfung 
abzulegen, wird von Dr. med. Hartung aus Rudolstadt der 
von vielen Collegen unterstützte Antrag gestellt, die gegen¬ 
wärtige Versammlung des Centralvereins deutscher 
Zahnärzte möchte für diese Bekanntmachung dem Herrn 
Dr. Bruck ihre Anerkennung ausdrücken. 

Der Antrag wird durch Beistimmung sämmtlicher anwesender 
Mitglieder zum Beschluss erhoben und die Ausführung desselben 
dadurch bewirkt, dass die Anerkennung in der Vierteljahrsschrift 
öffentlich, wie hiermit geschieht, ausgesprochen wird. 

Adel heim, Vereinssecretair. 

Mittheilung. 

Diejenigen Herren Collegen, denen aus Versehen in früheren 
Jahren ein Vereinsdiplom nicht sollte zugekommen sein, werden 
gebeten, mir unter Angabe des Jahres und Ortes ihrer Aufnahme 
Mittheilung zu machen, damit dieses nachträglich ausgeführt wer¬ 
den kann. 

Trier, den 1. October 1880. 

Adelheim, Vereinssecretair. 

Cassenbericht. 

Ende Juli 1879 betrug die Casse resp. Ver¬ 
mögensstand . J6. 9369. 94. 

Hierzu die Jahresbeiträge von 82 Mitgliedern, 

k 12 Jk „ 984. —. 

Zinsen von 9000 k 4 ’/ä %.„ 405. —. 

Summa JL 10758. 94. 

Hiervon wurde im Laufe des Jahres ausgegeben 

in Summa „ 1600. —. 

Mithin bleibt Bestand. Jk 9158. 94. 


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432 


Correspondenzen. 


Hierzu tritt die Schrott’sche Stiftung: 

Vermögensstand Ehde Juli 1879 . . . Jt>. 990. —. 

Jährlicher Zuschuss laut Vereinsbeschluss . „ 60. —. 

Ende Juli 1880 Vermögensstand der Schrott’- 
sehen Stiftung 

in Summa JL 1050. —. 

In Summa besteht daher das Vermögen: 

1. Vereinsvermögen. Ji 9158. 94. 

2. Schrott’sche Stiftung ... „ 1050. —. 

Jk 10208. 94. 

Dieses Vermögen ist folgender Art angelegt: 

9000 jH>. Preuss. 4*/* °/ 0 Staatsanleihe incl. 


Coupons 4 106—75 .„ 9741. 30. 

Handcasse des Cassirers.. 467. 64. 


Jk 10208. 94. 

Bitte um baldige Zusendung der restirenden Beiträge. 

Tyrol. 

Alle Vereinsmitglieder, deren Name noch im Album fehlt, 
bitte mir zur Vervollständigung ihre Photographien einsenden zu 
wollen. Ebenso bitte icli mir alle nothwendigen Correctnren 
im Verzeicliniss der Vereinsmitglieder anzngeben, damit das 
im Januarhefte zu veröffentlichende neueste Verzeichniss 
möglichst correct wird. Tyrol. 


Correspondenzen. 

I. 

Mit der Bitte um Veröffentlichung geht uns folgendes Cir¬ 
cular zu: 

Sehr verehrter Herr College! 

Am 19. September 1880 sind es 25 Jahre seit Gründung 
der ersten zahnärztlichen Klinik in Deutschland. 

Der Herr Professor Dr. med. Ed. Albrecht war es, der 
dies Unternehmen in einer Zeit wagte, in welcher er auf keinerlei 


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Correspondenzen. 


433 


Unterstützung rechnen durfte. Er unterhielt die Klinik jahrelang 
mit eigenen Mitteln. Für die Zahnheilkunde erwuchsen hieraus 
zunächst zwei seiner Zeit epochemachende Arbeiten des Herrn 
Professor Dr. med. Ed. Albrecht, „die Krankheiten der Zahn¬ 
pulpa“ und „die Krankheiten des Zahnwurzelperiostes“. Später 
erschienen noch „Berichte aus der Klinik für Mund- und Hals¬ 
krankheiten“ von Professor Dr. med. Ed. Albrecht. Sämmt- 
liche älteren Collegen begrüssten diese Arbeiten mit Freuden. 
Vor allen Dingen fühlten wir Zahnärzte uns aber durch die end¬ 
liche staatliche Anerkennung der Klinik für Mund- und Hals¬ 
krankheiten unter ihrem Leiter, auch in Deutschland in besserer 
Weise durch die Unterrichtsmittel berücksichtigt, als dies bis 
dahin der Fall war. Eine grosse Anzahl von Zahnärzten hat in 
dieser Klinik ihre Ausbildung genossen. 

Wir Unterzeichnete Berliner zahnärztliche Gesellschaft glau¬ 
ben den Tag der Feier des fünfundzwanzigjährigen Be¬ 
stehens der ersten zahnärztlichen Klinik in Deutsch¬ 
land unter ihrem bisherigen Leiter als einen für die Zahnheil¬ 
kunde durchaus wichtigen kennzeichnen zu müssen, und zwar in 
Verbindung mit den Schülern des Herrn Professor Dr. med. 
Ed. Albrecht, soweit diese der Zahnheilkunde resp. Medicin 
angehören. 

Wir bitten Sie, sich mit uns zu dem Ehrentage der Ent¬ 
stehung der Klinik zu verbinden. Wir glauben unseren Nach¬ 
kommen zeigen zu müssen, wie wir Verdienste anerkennen. Wir 
glauben hierzu nichts Besseres und den Herrn Professor Dr. med. 
Ed. Albrecht sowohl, wie unseren Stand Ehrenderes vorschlagen 
zu können, als die Gründung eines Albrecht-Stipendium 
für wirkliche Studirende der Zahnheilkunde, d. h. die¬ 
jenigen, welche mindestens das Zeugniss der Reife für Prima eines 
Gymnasium oder einer Realschule erster Ordnung haben. 

Wir Zahnärzte ehren durch solchen Fond den Namen des 
Gründers der ersten Klinik für Studirende der Zahnheilkunde in 
Deutschland für alle Zeiten und schaffen für die Zahnheilkunde 
ein weiteres Mittel, sie staatlich anzuerkennen. 

Wir haben als Fond die Summe von 3000 Mark in Aus¬ 
sicht genommen, woran sich die Schüler mit einer Zahl von 
hundert eventuell betheiligen würden. Sollten einige Schüler sich 


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434 


Correspondenzen. 


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nicht betheiligen, so blieben immer noch an Stelle dieses Ausfalles 
eine Summe von Freunden und Verehrern des Herrn Professor 
Dr. med. Ed. Albrecht, so dass ungefähr auf den Zahlenden 
der Betrag von 30 Mark käme. Mit der Bitte um Ihre Theil- 
nahme, auch vielleicht mit einem kleineren Beitrage, versprechen 
wir s. Z. die zu entwerfenden Statuten dieses Fonds sowohl, wie 
auch die eingegangenen Beiträge durch die Vierteljahrsschrift zu 
veröffentlichen. 

Den von Ihnen zu dem vorliegenden Zwecke bestimmten Bei¬ 
trag bitten wir gefälligst an unseren Vereinscassirer, den Herrn 
Hofzahnarzt Dr. Zimmermann hier, Friedrichsstrasse No. 183, 
gelangen zu lassen. 

Der Verein der Berliner zahnärztlichen Gesellschaft. 

Im Aufträge: 

C. Sauer, Zahnarzt, Hofzahnarzt Dr. Zimmermann, 
als Vorsitzender. 

Dr. Klingelhöfer. 

Wenn ich vorstehenden Aufruf noch mit einigen Worten 
aufs Wärmste der allgemeinsten Beachtung empfehle, so will ich 
damit nicht sagen, dass unsere Berliner Herren Collegen die 
Motive nicht klar genug dargelegt und die Wichtigkeit des Vor¬ 
habens betont hätten; nein, ich will nur, weil ich die Ehre habe, 
dem Central-Verein vorzustehen, ganz besonders die verehrten 
Mitglieder daran erinnern, dass hier eine Gelegenheit geboten ist, 
auch mit der That zu beweisen, dass es Ihnen Ernst um Unter¬ 
stützung der guten Sache ist; eine Sache, deren Verwirklichung 
dem zahnärztlichen Stande zur Ehre und, so hoffen wir, auch 
zum Nutzen für alle künftigen Zeiten gereichen wird, insofern 
als sie den Anstoss dazu gehen wird, dass die medicinische 
Facultät, in deren Verwaltung das Stipendium übergehen soll, sich 
fort und fort mit unseren Interessen befassen und endlich von 
Seiten des Staates ein Institut ins Leben gerufen werden muss, 
welches den Studirenden der Zahnheilkunde eine nach allen Be¬ 
ziehungen gleichmässige Ausbildung ermöglicht. 

Darum bitte ich, recht zahlreich Beiträge einzusenden; ich 
zweifele nicht, dass es nur dieser einzigen Mahnung bedarf, um 


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Correspondenzen. 


435 


im nächsten Hefte über eine rege, allgemeine Betheiligung be¬ 
richten zu können. 

Leipzig, den 31. August 1880. 

Dr. Klare. 


II. 

Die Berliner zahnärztliche Gesellschaft erlaubt sich folgende, 
in ihrer letzten Sitzung zur Sprache gekommenen Thatsachen der 
Redaction der Vierteljahrsschrift mit der Bitte um Veröffent¬ 
lichung einzusenden, weil sie glaubt, damit einer Allgemein-Ansicht 
Ausdruck zu geben. 

1. Folgender am Kopfe mit „Höchst interessant“ eingeführter 
Artikel stand in der zweiten Beilage zu No. 197 der Hallischen 
Zeitung vom Dienstag, den 24. August 1880 unter Vermischtes. 
Ein Artikel ganz ähnlichen Inhalts befand sich auch seiner Zeit 
im Dr. Strousherg’schen kleinen Journal. 

„Höchst interessant ist ein Experiment, das der Zahn¬ 
pflanzung, welches der Berliner (?) Hofzahnarzt, Herr Dr. v. Guerard, 
kürzlich an einem jungen Mädchen vorgenommen hat. Die cariö- 
sen Höhlungen des angestockten Zahnes wurden gefüllt, der Nerven- 
canal verschlossen und der Zahn in sein ursprüngliches Zahnfach 
wieder eingesetzt Der zurückgepflanzte Zahn haftete ohne jede 
künstliche Befestigung und hatte bereits nach ca. 30 Stunden 
seine Verbindungen mit der Kieferknochenhaut wieder hergestellt. 
Schonung des Zahnes und ein häufiges Ausspülen des Mundes mit 
einer ganz schwachen Thymollösung waren die einzigen in An¬ 
wendung gekommenen Verordnungen. Am 12. August fand sich 
der betreffende Zahn wieder einigermaassen zum Kauen benutzbar, 
und am 20. August konnte Patientin den replantirten Zahn wieder 
vollkommen ohne jede Beschwerde zum Kauen brauchen. Ausser 
beim Ausziehen hatte Patientin keinen Schmerz zu erleiden, vom 
Moment der Wiedereinpflanzung an hatte jede schmerzhafte 
Empfindung aufgehört, auch war keine Spur von Entzündung er¬ 
folgt. Es ist somit eine vollständige Anheilung per primam zu 
constatiren.“ 

Die Berliner zahnärztliche Gesellschaft hält es für ihre 
Pflicht, zwar nicht in einem dem Publicum zugänglichen, aber 


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436 


Correspondenzen. 


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doch in einem Fachjournale sich über derartige Veröffentlichungen 
auszusprechen. Dieselben sind leider geeignet, eine Verwirrung 
über die allgemeinen zahnärztlichen Leistungen im Publikum her¬ 
vorzurufen. Dem Publicum wird hier ein einzelner gelungener 
Fall vorgeführt von einer Behandlungsweise, die bei dem Alter 
ihrer Existenz unter Fachleuten nie viel Verehrer gefunden 
hat, ohne dass in dem Artikel von den vielfach misslungenen 
Fällen gesprochen wird. 

Diese Mittheilung muss das Publicum zu dem Glauben ver¬ 
anlassen, es wäre augenblicklich entweder richtig oder mindestens 
„höchst interessant“, sich einen schmerzenden Zahn ziehen, ausser¬ 
halb des Mundes füllen und dann wieder einsetzen zu lassen, 
während wir Zahnärzte wohl ohne Ausnahme dieses Verfahren für 
ein solches halten, dessen Erfolg Niemand garantiren kann. Wir 
werden wohl sämmtlich sogar darin übereinstimmen, dass selbst 
die obigem Verfahren unbedingt vorzuziehende antiseptische 
Methode uns nicht in allen Fällen eine Sicherheit für den Er¬ 
folg giebt. 

Die Berliner zahnärztliche Gesellschaft glaubt bei Gelegenheit 
dieser Betrachtung noch den Schluss ziehen zu dürfen: Die 
Replantation von Zähnen ist trotz ihres Alters bei schmerzhaften 
Zähnen immer nur interessant geblieben, während die antiseptische 
Behandlung sich trotz ihrer Jugend schon sehr viele Freunde er¬ 
worben hat. Sie bietet gegen die Replantation den günstigsten 
Gegensatz, sie ist schmerzloser und sicherer. Die Replantation 
sollte erst versucht werden, wenn die antiseptische Behandlung 
ein ungenügendes Resultat giebt. 

2. Die Berliner zahnärztliche Gesellschaft hält es in dieser 
Zeit der Freigebung des ärztlichen Gewerbes für angezeigt zu 
erklären: 

Ein Zahnarzt soll seine Praxis nicht einem so¬ 
genannten Techniker verkaufen. Ein Zahnarzt 
soll einen Techniker gegen Honorar nicht in 
kürzerer Zeit als in 2 —4 Jahren ausbilden und 
soll nicht helfen, ihn zum Halbwisser zu machen. 

Unter solchen Handlungsweisen leidet die zahnärztliche 
Standesehre. 


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Correspondenzen. 


437 


HI. 

In dem Vorgehen des Vereins der Zahnärzte in Eheinländ 
und Westphalen gegen die Pfuscher wird manche harte Be- 
urtheilung uns nicht erspart bleiben. Nichtsdestoweniger werden 
wir nicht aufhören, für unser gutes Recht zu kämpfen; und so 
kann ich Ihnen jetzt wieder eine Verurtheilung melden: 

„Dem Verein der Zahnärzte in Rheinland und Westphalen 
beehre ich mich unter Bezugnahme auf das gefällige Schreiben 
vom 30. Decefhber 1879 — C, 1114/80 — ergebenst mit- 
zutheilen, dass der David Cohn, 51 Jahre alt, Zahn- und 
Htthneraugen-Operateur hierselbst, Grosse Spitzengasse No. 30, 
durch Erkenntniss des hiesigen Königl. Schöffengerichts vom 
8. Juni d. J. wegen Vergehen gegen § 147 3 der Gewerbe-Ord¬ 
nung, sowie § 447 der Straf-Processordnung zu einer Geldstrafe 
von einhundert Mark eventuell einer Haftstrafe von zwanzig 
Tagen rechtskräftig verurtheilt worden ist. 

Cöln, den 9. Juli 1880. 

Der Erste Staats-Anwalt. 

Günter.“ 

Aachen, den 18. August 1880. 

Ribnitzky. 


IV. 

Auf der 19. Jahres-Versammlung deutscher Zahnärzte war 
es anerkennenswerth, dass Herr College Kühns aus Hannover 
die Aufmerksamkeit auf die geschickten deutschen Fabrikanten 
für zahnärztliche Instrumente lenkte und hervorhob, wie es 
Pflicht jedes deutschen Collegen sei, diese durch Einkäufe in 
ihrem Streben zu fördern. 

Indem wir dieses in voller Ueberzeugung unterschreiben, 
bringen wir in erster Reihe die Firma Albert Listemann, 
Berlin, Griebenowstrasse No. 1, in Erinnerung, welche Operations¬ 
stühle und -tische, Vulcanisir- und Celluloidapparate, Cüvetten, 
Schleifmaschinen, Articulatoren u. s. w., u. s. w. zu sehr soliden 
Preisen bei guter, sauberer Arbeit liefert; so z. B. den Schwung- 


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438 


Nekrolog. 


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stuhl für 300 J6., während andere Handlungen 450 M>. für ganz 
dasselbe Fabrikat sich zahlen lassen. 

Möge diese kleine Notiz genügen, um den Mann in seinem 
Streben zu ermuntern und den Collegen Vortheile zu gewähren. 

Ribnitzky. 


Nekrolog. 


Alfred Overman f. 

Zu Cöln am Rhein verstarb am 20. Mai d. J. in der 
fünften Nachmittagsstunde der prakt Zahnarzt Herr Alfred 
Overman! Eine plötzliche Erkrankung der Lungen brachte 
ihm im besten Mannesalter nach nur viertägigem Kranken¬ 
lager den unerwarteten Tod. 

Die Sache der zahnärztlichen Wissenschaft und der 
Bestrebungen gegen die Medicinalpfuscherei hat durch seinen 
Tod einen harten Verlust erlitten. Die Bildung des Vereins 
der Zahnärzte in Rheinland und Westphalen, deren Präsident 
er gewesen, ist wesentlich seiner Anregung und Mitwirkung 
zu verdanken. An seinem Grabe trauern mit der treuen 
Wittwe und zwei unmündigen Söhnen auch seine dankbaren 
Collegen, denn wie der Verstorbene seiner Familie durch 
aufopfernden Fleiss und angestrengteste Thätigkeit gedachte, 
so verpflichtete er durch seine Energie, mit welcher er 
gegen das öffentliche Aergerniss der Medicinalpfuscherei, 
vorging, seine Berufsgenossen. Overman war ein Mann 
von hervorragender Geistesbildung und hochherzigem Cha¬ 
rakter. ln der Brust des imposanten starken Mannes wohnte 
das empfängliche und lautere Gemüth eines Kindes. Seinem 
geraden biederen Sinn, dem jeder lichtscheue Trug und Lug 
widerstrebte, entsprang seine nie ermüdende Thätigkeit für 
Hebung unserer Standesinteressen. 

Alfred Overman war geboren am 25. Mai 1828 
zu Naumburg an der Saale als Sohn eines Kaufmanns und 


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Nekrolog. 


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hatte die erste Schulbildung in einer Privatanstalt seiner 
Vaterstadt und später in dem Erziehungsinstitute eines be¬ 
nachbarten Landpredigers erhalten. Vom Jahre 1840 bis 
zur Uebersiedelung seiner Eltern nach Halle besuchte er 
die königliche Landesschule zu Pforta und darauf die 
lateinische Schule in Halle an der Saale, welche er zu 
Ostern 1846 mit den vortrefflichsten Zeugnissen verliess, 
um sich auf der Universität in Jena dem Studium der Me- 
dicin und Thierheilkunde zu widmen. Leider zwang den 
strebsamen Studenten ein plötzlicher Umschwung in den 
Vermögensverhältnissen seiner Familie, die gewählte Univer¬ 
sität schon nach zwei Jahren zu verlassen. Behufs Absol- 
virung seiner Militairpflicht trat er freiwillig bei der Leib¬ 
compagnie der königlichen preuss. Garde du Corps ein und 
wurde bald zum Lazareth abcommandirt. Nachdem er bei¬ 
nahe drei Jahre bei vorbenanntem Regiment gestanden, wurde 
er auf besondere Empfehlung seines Oberstabsarztes, welcher 
ihm Gelegenheit zur Geltendmachung seiner Anlagen und 
Neigungen zu verschaffen suchte, behufs umfassender medi- 
cinisch - chirurgischen Studien der königlichen medicinisch- 
chirurgischer Akademie für das Militair attachirt. Nach 
bestandener Prüfung trat er 1852 als Unterarzt bei dem 
16. Infanterie-Regimente ein und wurde später zum Füsilir- 
Bataillon des 4. Grenadier-Regiments „Königin“ versetzt. 
Nach angelegentlichem Specialstudium der Zahnheilkunde 
während seiner Mussestunden quittirte er den Dienst und 
liess sich im Jahre 1862 nach zurückgelegter Prüfung in 
Cöln am Rhein als praktischer Zahnarzt nieder, wo er sich 
in Folge hervorragender Kenntnisse und ungewöhnlicher 
Geschicklichkeit in auffallend kurzer Zeit eine bedeutende 
Praxis und eine angesehene Stellung errang, in deren Mitte 
ihn der unerbittliche Tod ereilte. 

Zur Beerdigung der sterblichen Ueberreste des theuren 
Dahingeschiedenen waren unter den zahlreichen Leidtragen¬ 
den, ausser seinen Cölner Collegen, die Herren Dr. M. Brandt 
aus Düsseldorf C. L. Ribnitzki aus Aachen, Fr. Spanke 


xx. 30 


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440 


Eingesandt. 


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aas Bannen and Dr. A. Petermann aus Frankfurt a. M. 
herbeigeeilt. Herr C. Sauer in Berlin hatte einen pracht¬ 
vollen Lorbeerkranz übersandt. Nach der weihevollen Grab¬ 
rede des Geistlichen gedachte der stellvertretende Präsident 
des Vereins der Zahnärzte in Rheinland und Westphalen, 
Herr C. L. Ribnitzki, in äusserst schlichten und tief 
empfundenen Worten des Verstorbenen, der sich die Ach¬ 
tung seiner Collegen und die Liebe seiner Mitmenschen in 
so hohem Maasse erworben hatte und legte im Namen des 
Vereins einen Palmzweig, das Symbol des ewigen Friedens, 
auf den Sarg nieder. 

Alfred Overman ruhe sanft! 


Eingesandt. 

Cöln. 

Am Schöffengericht wurde gegen Friedrich Wilhelm 
Schmitz von hier verhandelt, welcher früher Commis war, und 
dann Functionen eines Zahnarztes ausübte, ohne im Besitze der 
Approbation zu sein. Er hatte sich in Annoncen als Dentist den 
Zahnleidenden empfohlen. Der Staatsanwalt und das Schöffen¬ 
gericht interpretirten diese Annonce dahin, der Beschuldigte habe 
sich nicht allein zu technischem, sondern auch zu zahnärztlichem 
Beistände angeboten und den Glauben erweckt, er sei eine ge¬ 
prüfte Medicinalperson, während er nicht einmal als Heilgehilfe 
qualificirt war. Es wurde gegen ihn auf eine Geldbusse von 
50 Jk eventuell 5 Tage Haft erkannt. 


Aachen, 23. Juni. 

Schöffengericht. Die liberalen Errungenschaften der Ge¬ 
werbegesetzgebung haben nirgend so viel Unheil hervorgerufen, 
als auf dem Gebiete der Heilkunde. Wenn es auch schon vor 
der Inauguration der Gewerbeordnung hier und da Kurpfuscher 
gab, so wurden dieselben doch schnell beseitigt; nach der Emana- 


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Eingesandt. 


441 


tion aber schossen diese wie Pilze aus der Erde und speculirten 
unter den verschiedensten Titeln auf die Leichtgläubigkeit und 
den Geldbeutel ihrer Mitmenschen. Zuweilen ging die Dreistigkeit 
in der Anmassung von Titeln so weit, dass dieselben zu der 
Annahme berechtigen musste, der Träger sei eine geprüfte Medi- 
cinalperson, wodurch dann der Behörde eine Handhabe zur Ein- 
schreitung gegeben wurde und eine Yerurtheilung solcher In¬ 
dividuen folgte. Auch heute hatten sich vor dem hiesigen 
Schöffengericht zwei Einwohner unserer Stadt wegen Vergehens 
gegen die Gewerbeordnung deswillen zu verantworten, weil sie 
sich den Titel „Lehrer der Zahntechnik“ beigelegt hatten. 
Das Schöffengericht erachtete diesen Titel als einen solchen, wel¬ 
cher geeignet sei, den Glauben hervorzurufen, dass dieselben ge¬ 
prüfte und vom Staat anerkannte Zahnärzte seien, und verurtheilte 
daher jeden zu einer Geldstrafe von 50 Ji. 

Die Doctoren-Fabrik in Philadelphia dürfte jetzt 
wohl gezwungen werden, ihren bisher so florirenden und lucrativen 
Betrieb einzustellen. Es fand nämlich in Philadelphia, wie uns 
von dort geschrieben wird, vor dem Bundescommissär Gibbons 
ein Verhör des „Doctor“ John Buchanan statt, welcher ange¬ 
klagt ist, die Ver. Staaten-Post zum Vertriebe der Schwindel- 
Doctor-Diplome der „American University of Philadelphia“, der 
„Livingstone University of America“ und anderer „Universitäten“ 
benutzt zu haben. Der Bundes-Distriets-Anwalt, welcher die Klage 
leitete, schilderte die Art und Weise, wie der genannte Herr 
„Doctor“, der in Nr. 514 Pine Str., Philadelphia, eine Universität 
hatte, bereits seit einer Reihe von Jahren sein Geschäft betrieben 
habe. Derselbe habe besonders Diplome der „American University 
of Philadelphia“ und der „Livingstone University of America“ 
verkauft, von denen letztere keinerlei Freibrief besitze. Der 
Localredacteur des „Record“, welcher es sich schon seit längerer 
Zeit angelegen sein liess, den Doctoren-Fabrikanten das Handwerk 
zu legen, bezeugte, dass er auf briefliche Application von beiden 
Instituten Diplome gegen Bezahlung erhalten und ihm diese per 
Post zugeschickt seien. Zeuge verlas dann verschiedene Briefe, 
welche er mit dem „Doctor“ Buchanan in der betreffenden 

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Notizen. 


Angelegenheit gewechselt, und die über die Art and Weise der 
gesammten Transactionen näheren Aufschluss geben. Nachdem das 
Verhör beendet, wurde der Angeklagte, John Buchanan, unter 
10,000 Dollar Bürgschaft gestellt und, da er dieselbe nicht bei¬ 
zubringen vermochte, in Untersuchungshaft geschickt. Der Schacher 
mit diesen Bogus-Doctor-Diplomen scheint übrigens, nach den in 
Buchanan*s Bureau Vorgefundenen Büchern, Quittungen und 
Notizen zu urtheilen, in letzter Zeit ausgezeichnet gegangen zu 
sein. Der „Philadelphia Democrat“ bringt ein Verzeichniss der¬ 
jenigen Personen, an welche in letzter Zeit Diplome von 
Buchanan verkauft worden. Als Agenten Buchanan’s fun- 
girten u. A.: P. F. A. Van der-Vyver, alias „Medicus“, Jersey, 
England; U. J. Sayer, London; E. Sturman, London; Dr. 
Bettmann, Deutschland; H. Howard, London; Prof. J. Dunbar 
Hylton; Prof. Terry. — Gegen Buchanan und die übrigen 
Mitglieder der „Facultät“ der Doctoren-Fabrik ist ausserdem die ' 
Anklage erhoben worden, dass sie gegen ein Gesetz Pennsylvaniens 
verstossen haben, welches bei 500 Dollar Geldstrafe und sechs 
Monaten Gefängniss. die Ertheilung eines Papiers, welches einen 
akademischen Grad verleihen soll, für Geld oder Geldver¬ 
sprechungen verbietet. Ein gewisser Charles G. Polk, M. D., 
wurde auf die Anklage verhaftet, die Diplome mit unterzeichnet 
zu haben, behauptet aber, dass sein Name auf acht vorliegenden 
Doctordiplomen gefälscht worden sei, und wurde Buchanan 
hierauf hin für jede Fälschung unter weitere 1000 Dollar Bürg¬ 
schaft gestellt. 1 ) 


1) Anmerkung der Red.: Buchanan hat inzwischen den Tod im 
Wasser gesucht und gefunden. 


Notizen. 

Anlässlich des 25jährigen Bestehens der Berliner zahnärzt¬ 
lichen Klinik wurde Herr Prof. Dr. med. Eduard Albrecht 
von dem zahnärztlichen Vereine zu Frankfurt am Main in die 
Ehrenmitgliedschaft aufgenommen. Die betreffende Urkunde 
hat folgenden Wortlaut: 


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Notizen. 


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Frankfurt a. M., den 17. September 1880. 

Hochgeehrtester Herr Professor! 

Der zahnärztliche Verein zu Frankfurt am Main beglück¬ 
wünscht Sie hiermit zu Ihrem am 19. September d. J. stattfin¬ 
denden Jubeltage des 25 jährigen Bestehens der von Ihnen in das 
Leben gerufenen „Zahnärztlichen Klinik in Berlin“, der ersten in 
unserem Vaterlande. 

Sie wagten dieses Unternehmen in einer Zeit, in der Sie auf 
keinerlei Unterstützung rechnen durften. Je grösser die nun über¬ 
wundenen Schwierigkeiten waren, um so grösser ist Ihr Verdienst. 
Heute zählt Ihre Schöpfung — nachdem sie längst staatlich an¬ 
erkannt ist — zu den besten Lehranstalten für Studirende der 
Zahnheilkunde, wie denn auch eine grosse Anzahl tüchtiger Zahn¬ 
ärzte Ihrem Institute ihre Ausbildung verdanken. 

Wir wollen den Tag der Jubelfeier nicht vorüber gehen 
lassen, ohne Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, ein Zeichen 
unserer Hochachtung und Dankbarkeit zu gehen. Der zahnärzt¬ 
liche Verein zu Frankfurt am Main ernannte Sie in seiner Sitzung 
am 8. September d. J., in Anerkennung Ihrer grossen Verdienste 
um die zahnärztliche Wissenschaft, zu seinem Ehrenmitgliede. 

Indem wir Sie bitten, hochverehrtester Herr Professor, diese 
Wahl genehmigen zu wollen, haben wir die Ehre zu zeichnen 

hochachtungsvollst 

Der Vorstand des zahnärztlichen Vereins zu Frankfurt am Main. 

(gez.) Dr. med. Zeitmann, 
d. Z. Obmann. 

(gez.) Dr. Adolf Petermann, 
d. Z. Schriftführer. 


Im Mai 1879 constituirte sich in Plauen i. V. der 

Oesterländisch-zahnärztliche Verein. 

Derselbe umfasst zur Zeit die Städte: Leipzig, Chemnitz, Glauchau, 
Zwickau, Plauen, Hof und Gera. 

Statutengemäss soll alle zwei Monate eine Versammlung statt¬ 
finden. Bis jetzt sind sechs abgehalten worden, und zwar: 


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Notizen. 


die erste in Glauchau, 

„ zweite in Flauen, 

„ dritte in Zwickau, 

„ vierte in Gera, 

„ fünfte in Leipzig, 

„ sechste in Hof. 

Die nächste findet im Octoher in Chemnitz statt. Alle sind 
recht gut besucht gewesen, und hat stets das regste Interesse und 
die grösste Harmonie dabei obgewaltet. 

Das Präsidium besteht z. Z. aus den Herren Schneider- 
Plauen, Parreidt-Leipzig und Kahnd-Glauchau. 


Herr E. Sch wartzkopff aus Langensalza hat bei der zahn¬ 
ärztlichen Prüfungscommission an der Universität Jena sein Examen 
mit dem Prädicat „sehr gut“ bestanden und die Approbation 
als Zahnarzt erhalten. 


Herr Dr. Hering, Arzt und Zahnarzt in Leipzig, ist zum 
Hofrath des Herzogs von Altenburg ernannt worden. 


Dr. Adolf Zsigmondy f. 

Am 23. Juni starb zu Wien im 64. Lebensjahre nach kurzem 
schmerzvollen Leiden 

Herr Dr. Adolf Zsigmondy, 

Primararzt im allgemeinen Krankenhause und Docent der Zahn¬ 
heilkunde zu Wien. 

Er hinterlässt eine Wittwe und 4 Söhne, von denen einer 
sich der Zahnheilkunde widmet Wir hoffen im nächsten Hefte 
im Stande zu sein, eine ausführlichere Lebensbeschreibung zu 
bringen. 


Am 15. August verstarb in Leipzig Herr Zahnarzt Ludwig 
Gerhardt, ein strebsames Mitglied des Centralvereins deutscher 
Zahnärzte. 


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Notizen. 


445 


Am 30. August starb Herr Siegmund Pappenheim, der 
Gründer der ersten Handlung für zahnärztliche Gebrauchsgegen¬ 
stände in Berlin, im 58. Lebensjahre. 


Schriftliche Arbeiten, Aufsätze, Correspondenzen etc. für die 
„Deutsche Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde “ wollen gefälligst 
unter der Adresse: Dr. Robert Baume, prakt. Zahnarzt in Berlin, 
Friedrichstrasse 111, L, franco eingesendet werden. 

Inserate sind direct an die Verlags-Buchhandlung von Arthur 
Felix, Leipzig, Königsstrasse 18 b, einzuschicken. 


Alle verehrlichen Redactionen und gelehrten Gesellschaften, 
welche ihre Journale oder Vereinsschriften gegen die „Deutsche 
Vierteljahrsschrift für Zahnheilkunde“ tauschen, werden 
hierdurch ersucht, ihre Zusendungen von jetzt an nur noch zu 
richten an Arthur Felix, Verlags-Buchhandlung in Leipzig. 

Namentlich wird es erwünscht sein, alle amerikanischen 
und englischen Tausch-Exemplare von zahnärztlichen Zeit¬ 
schriften stets sofort pr. Post zu erhalten, wogegen man sich 
einer gleichen Zusendung versichert halten möge. 

Leipzig. Arthur Felix. 


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Druck von A. Th. Engelhardt. 


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